„Die goldenen Narben der Hoffnung“
Römer 5,3-5
Mehr noch: Wir sind sogar stolz auf unsere Bedrängnisse. Denn wir wissen: Bedrängnis führt zu Geduld, Geduld führt zu Bewährung und Bewährung führt zu Hoffnung. Aber diese Hoffnung wird nicht enttäuscht. Denn Gott hat uns den Heiligen Geist geschenkt und damit seine Liebe in unser Herz eingegossen.
I.
Stellen Sie sich eine Teeschale vor. Japanische Keramik, dünnwandig, kostbar. Jahrhunderte alt. Und dann fällt sie. Ein Moment der Unachtsamkeit. Ein Riss, ein Sprung, tausend Scherben.
Was macht man mit einer zerbrochenen Schale? Man wirft sie weg. Man entsorgt sie. Man ersetzt sie durch eine neue, heile, makellose.
So denken wir. So leben wir oft.
Und wenn der Körper bricht? Wenn die Seele Risse bekommt? Wenn wir nicht mehr funktionieren wie gewohnt? Dann schämen wir uns. Dann denken wir: Ich bin nicht mehr die, die ich war. Ich bin beschädigt. Ich bin weniger wert.
II.
Aber es gibt eine alte japanische Kunst, die etwas anderes lehrt. Sie heißt Kintsugi – „goldenes Flicken“. Wenn eine Schale zerbricht, wird sie nicht weggeworfen. Die Scherben werden gesammelt, sorgfältig, jede einzelne. Dann werden sie wieder zusammengefügt. Nicht mit unsichtbarem Klebstoff. Sondern mit einem Lack, in den Gold oder Silber gemischt wird.
Das Ergebnis? Eine Schale mit goldenen Narben. Die Bruchstellen sind nicht versteckt – sie leuchten. Die Risse sind nicht kaschiert – sie erzählen eine Geschichte. Und die Schale? Sie ist nicht weniger wert als vorher. Sie ist kostbarer. Einzigartig. Schön gerade durch ihre Narben.
III.
Der Apostel Paulus kannte diese Kunst nicht. Er lebte in einer anderen Welt, einem anderen Jahrhundert. Aber was er schreibt, trifft genau diese Idee.
„Bedrängnis führt zu Geduld, Geduld führt zu Bewährung und Bewährung führt zu Hoffnung.“
Paulus war kein Motivationstrainer. Er schrieb diese Zeilen nicht vom sicheren Schreibtisch aus. Er kannte das Zerbrechen. Geschlagen, verfolgt, ausgegrenzt. Und er kannte chronisches Leiden. Er sprach von einem „Stachel im Fleisch“, einer körperlichen Qual, die nicht wegging.
Dieser Mann hätte allen Grund gehabt zu sagen: „Ich bin zerbrochen. Ich bin erledigt.“ Aber er sagt etwas anderes. Er beschreibt eine Bewegung. Einen Weg. Nicht um das Leid herum. Sondern hindurch.
Das Wort für Bedrängnis, das er nutzt, heißt thlipsis. Druck. Enge. Zusammengepresst werden. Wenn die Luft knapp wird. Wenn die Wände näher kommen. Wenn der Körper zum Gefängnis wird.
Viele von Ihnen kennen diesen Druck. Den Schmerz, der bleibt. Die Erschöpfung, die nicht weicht. Die Angst, die sich festsetzt
Und genau da, sagt Paulus, beginnt etwas.
IV.
„Bedrängnis führt zu Geduld.“
Das deutsche Wort „Geduld“ klingt so passiv. Nach Warten. Nach Ausharren. Nach Resignation. Aber im Griechischen steht hypomoné. Wörtlich: „Darunter-bleiben“. Standhaftigkeit.
Es ist das erste, was der Kintsugi-Meister tut: Er sammelt die Scherben. Jede einzelne. Er rennt nicht weg. Er leugnet nicht, dass die Schale zerbrochen ist. Er bleibt. Er schaut hin. Er nimmt auf, was ist.
Das ist Geduld im tiefsten Sinne. Nicht: „Es ist alles okay.“ Sondern: „Ich halte es aus, hinzuschauen.“
Viele von uns haben gelernt zu fliehen. Vor dem Schmerz, vor der Angst, vor den schwierigen Gefühlen. Ablenkung. Betäubung. Vermeidung. Das ist menschlich. Das ist verständlich.
Aber Geduld bedeutet: Ich bleibe stehen. Ich atme. Ich spüre, was ist. Ich sammle die Scherben meiner Geschichte. Auch die, die wehtun.
Das ist keine Schwäche. Das ist der Anfang von etwas Neuem.
V.
„Geduld führt zu Bewährung.“
Das Wort für Bewährung ist dokimé. Geprüftes Metall. Echte Münze. Das, was durchs Feuer ging und für echt befunden wurde.
Der Kintsugi-Meister fügt die Scherben zusammen. Mit goldlackiertem Harz. Die Bruchstellen werden nicht versteckt. Sie werden markiert. Sie leuchten.
Das ist Bewährung. Es ist die Erfahrung: Ich war dort. Ich habe das durchgestanden. Ich kenne jetzt den Weg.
Wenn Sie eine Panikattacke durchstehen, ohne den Notarzt zu rufen. Wenn Sie trotz des Schmerzes diesen kleinen Spaziergang machen. Wenn Sie in der Angst bleiben, ohne zu fliehen. Dann sammeln Sie Beweise. An sich selbst
„Ich dachte, ich sterbe vor Angst – aber ich lebe noch.“ „Ich dachte, ich bin zu schwach – aber ich habe Kraft gefunden, die ich nicht kannte.“ „Ich dachte, ich bin allein – aber es gab Menschen, die mich gehalten haben.“
Das ist dokimé. Das ist die goldene Linie, die durch Ihr Leben läuft. Nicht unsichtbar. Sondern leuchtend. Sie erzählt Ihre Geschichte.
Und plötzlich merken Sie: Diese Narben sind keine Schande. Sie sind Ihre Landkarte. Sie zeigen, wo Sie gewesen sind. Sie zeigen, dass Sie überlebt haben.
VI.
„Bewährung führt zu Hoffnung.“
Das Wort für Hoffnung ist elpis. Aber Vorsicht: Es ist nicht Optimismus. Nicht: „Es wird schon irgendwie gut gehen.“ Nicht: „Denk positiv, dann klappt’s.“
Hoffnung ist etwas Tieferes. Der Dichter Václav Havel hat es gesagt:
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
Die Kintsugi-Schale ist nicht „wie neu“. Die Risse sind da. Die Brüche sind sichtbar. Aber sie ist schön. Kostbar. Einzigartig.
Das ist Hoffnung. Nicht: „Ich werde wieder wie früher.“ Sondern: „Ich bin heil, auch wenn ich nicht geheilt bin.“
Vielleicht bleiben die Narben. Vielleicht bleibt eine Empfindlichkeit. Vielleicht werden Sie nie wieder „funktionieren“ wie vor der Krise.
Aber Sie sind mehr als eine Funktion. Sie sind ein Mensch mit einer Geschichte. Und diese Geschichte hat Würde.
Albert Camus hat geschrieben: „Mitten im Winter habe ich in mir einen unbesiegbaren Sommer entdeckt.“
Das ist die Hoffnung, die Paulus meint. Nicht die Abwesenheit von Winter. Sondern die Entdeckung des Sommers – mitten im Frost. Eine innere Kraft, die kein Schmerz auslöschen kann.
VII.
Und dann kommt der Satz, der alles trägt:
„Diese Hoffnung wird nicht enttäuscht.“
Wörtlich steht da: Sie lässt nicht zuschanden werden. Sie blamiert nicht. Sie beschämt nicht.
So viele Menschen mit chronischen Beschwerden tragen Scham. „Ich bilde mir das nur ein.“ „Ich bin schwach.“ „Ich falle anderen zur Last.“
Dieser Text sagt Ihnen heute: Nein. Ihr Weg durch das Leid ist keine Schande. Ihre goldenen Narben sind keine Schwäche. Sie sind Zeichen Ihrer Würde.
Amen.
Fragen
zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch
- Die goldenen Linien entdecken
Wo erkennen Sie bereits „goldene Linien“ in Ihrer Biografie – Momente, in denen aus Bruch etwas Neues, vielleicht sogar Kostbares gewachsen ist? Was haben diese Erfahrungen Sie über sich selbst gelehrt? - Gottes goldener Lack
Wo haben Sie in Ihrem Leben Gottes Gegenwart gespürt – nicht als Antwort auf alle Fragen, sondern als stille Kraft, die Sie gehalten hat? Wie würden Sie anderen Menschen von dieser Erfahrung erzählen?
Meditativer Nachklang
Ich halte die Schale in meinen Händen.
Die goldenen Linien leuchten im Licht.
Vor Monaten noch lag sie in Scherben.
Ich dachte: Das wird nie wieder ganz.
Aber jetzt – jetzt ist sie schöner als vorher.
Nicht trotz der Risse.
Sondern durch sie.
Ich fahre mit dem Finger über die Narben.
Sanft. Ehrfürchtig. Sie erzählen eine Geschichte.
Meine Geschichte.
Und ich spüre: Ich bin nicht weniger geworden.
Ich bin anders.
Tiefer.
Kostbarer.
Die goldenen Linien leuchten.
Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben
beim Vorbereiten
Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.
Gedankensplitter:
Warum passt die japanische Kunst des Kintsugi zu diesem Bibeltext?
Kintsugi bedeutet „goldenes Flicken“. Wenn in Japan eine wertvolle Teeschale zerbricht, wird sie nicht weggeworfen. Die Scherben werden mit einem speziellen Lack zusammengefügt, dem Gold- oder Silberpulver beigemischt wird. Das Ergebnis: Die Bruchstellen werden nicht versteckt – sie leuchten. Die Schale wird dadurch einzigartig und oft wertvoller als vorher.
Paulus kannte diese Kunst nicht. Aber was er in Römer 5,3-5 beschreibt, trifft genau diese Philosophie: Unser Leid hinterlässt Spuren. Aber diese Spuren können zu etwas Kostbarem werden. Nicht weil Leid an sich gut ist, sondern weil Gott wie ein Meister arbeitet, der aus Zerbrochenem etwas Neues schafft. Die „goldenen Narben“ der Hoffnung entstehen nicht trotz des Leids, sondern auf dem Weg durch das Leid hindurch.