⚓ In der Werft, nicht im Palast
Advent und Weihnachten in der Klinik
Es kommt ein Schiff
Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein‘ höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.
Ich höre das alte Adventslied in diesen Tagen öfter – im Radio, irgendwo zwischen den Fluren.
Ein Lied aus einer anderen Welt, von draußen, wo Advent stattfindet.
Hier drinnen ist Advent anders.
Weihnachten in der Klinik – das klingt nach Stillstand, nach Verzicht, nach einem Fest, das woanders stattfindet.
Aber das Lied bleibt hängen.
Besonders diese eine Zeile: „Es trägt ein‘ teure Last.“
Mein Schiff
Ich denke an mein eigenes Schiff.
Das Lebensschiff, das mich hierhergebracht hat.
Ramponiert, mit einem Riss im Rumpf, der jetzt sichtbar wird.
Jetzt liegt es hier.
In der Werft.
Aus dem Wasser gehoben.
Was trage ich eigentlich in meinem Schiff?
Die teure Last
Teure Last – das Wort ist altmodisch, aber treffend.
Es meint: kostbar. Wertvoll.
Die Erinnerungen.
Die guten.
Das Lachen, das ich liebe.
Der Morgen, der mir guttat.
Das Gespräch, das mich verstand.
Das alles ist noch da.
Die Menschen.
Die, die mir schreiben.
Die warten.
Die mein Schiff kennen und trotzdem nicht aufgeben.
Die Hoffnungen.
Auch die unerfüllten.
Die Träume von damals, als der Horizont noch weit war.
Sie sind nicht verloren, nur tief vergraben.
Aber sie können wieder ans Licht.
Und ja, auch das Schwere.
Die Narben, die Brüche.
Sie gehören zu mir.
Sie sind Teil der Geschichte. ‚
Und Geschichten können weitergehen.
Im Hafen
Advent in der Klinik.
Das Schiff liegt im Hafen.
Der Anker hält auf festem Grund.
Ich bin nicht mehr im Sturm, nicht mehr allein zwischen Himmel und Wasser.
Angekommen – hier, wo ich nicht sein wollte.
Aber vielleicht ist das der Punkt:
Ankommen heißt nicht, dass alles gut ist.
Es heißt, dass ich nicht mehr treiben muss.
Dass das Schiff gehalten wird.
Dass jemand hinschaut.
Und dass die Reparatur beginnen kann.
Häfen sind keine Endstationen.
Sie sind Durchgangsorte.
Orte, an denen man verschnauft, repariert, neu ausrichtet.
Und dann sticht man wieder in See.
Weihnachten in der Werft
Weihnachten in der Klinik ist anders.
Es ist das Fest, an dem Gott klein wird.
Verletzlich. Im Stroh, nicht im Palast.
Vielleicht ist das der Trost:
Dass Gott genau da geboren wird, wo es nicht perfekt ist.
In der Werft.
Im Provisorium.
Bei mir.
Dieses Weihnachten wird anders.
Aber nicht das letzte.
Es werden andere kommen.
Solche, an denen ich wieder zu Hause bin.
An denen mein Schiff wieder fährt.
An denen die Ladung, die ich hier sortiert habe, mich trägt.
Das Schiff wird fahren
Mein Schiff liegt in der Werft, aber das Wasser ist in Sichtweite.
Das Schiff wird wieder fahren.
Mit seiner teuren Last.
Mit allem, was ich bin – dem Schweren und dem Kostbaren.
Nicht als das alte, unversehrte Schiff.
Sondern als eines, das Stürme kennt.
Das Reparatur erfahren hat.
Und das mich trägt.
Auch an Weihnachten in der Klinik.
Für alle, deren Lebensschiff gerade in der Werft liegt – und für die Weihnachtstage, die noch kommen werden.