Eine Weihnachtspredigt zu Matthäus 2,11
„Sie öffneten ihre Schätze.“
(Aus der Geschichte mit den Weisen aus dem Morgenland)
I.
Stellen Sie sich vor: Weise aus dem Morgenland machen sich auf den Weg.
Die Tradition spricht von drei Weisen – aber im Bibeltext steht keine Zahl. Es könnten auch mehr gewesen sein. Oder weniger.
Aber sie waren Fremde.
Sie kannten sich nicht.
Sie hatten unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Geschichten.
Aber da war dieser Stern. Und der zog sie.
Und dieser Stern führte sie an einen Ort, an dem sie nicht erwartet hätten zu landen.
Kein Palast. Kein Thronsaal.
Sondern: ein einfaches Haus. Und dort: ein Kind.
Und jetzt stehen sie da, diese Fremden, und schauen sich an –
und dann erst mal verstohlen zu dem Kind –
und denken vielleicht: „Na gut. Dann sind wir wohl jetzt zusammen hier.“
II.
Heiligabend in der Klinik ist auch so eine unerwartete Tischgemeinschaft.
Beim Frühstück, in den Therapiegruppen.
Aber auch heute hier beim Gottesdienst.
Sie sitzen heute Morgen mit Menschen zusammen, die Sie vor ein paar Wochen nicht kannten.
Vielleicht hätten Sie sich nie getroffen, wenn nicht dieser eine Stern –nennen wir ihn mal: das Leben – Sie hierher geführt hätte.
Und wenn man das erste Mal an so einem Tisch sitzt, schaut man ja auch.
Ein bisschen verstohlen. Links, rechts. Wer sitzt da eigentlich?
Was haben die für Geschichten? Warum sind die hier?
Und während man noch schaut, merkt man: Die anderen schauen auch.
Manche von Ihnen sind froh, heute hier zu sein.
Froh, nicht an einem Tisch zu sitzen, wo alte Fragen lauern.
Andere vermissen etwas.
Einen Geruch, eine Stimme, eine Gewohnheit.
Aber Sie sind hier.
Und Sie sind nicht allein.
III.
Und jetzt kommt der Moment, der in der Weihnachtsgeschichte so leicht überlesen wird:
„Sie öffneten ihre Schätze.“
Die Weisen packen aus.
Gold, Weihrauch, Myrrhe.
Sie legen hin, was sie haben.
Und jetzt wird’s interessant: Was haben Sie eigentlich dabei?
Was liegt in Ihrer Truhe, wenn Sie heute an diesen Tisch kommen?
Gold.
Das Glänzende, das Wertvolle.
Vielleicht die Fähigkeit, andere zum Lachen zu bringen.
Vielleicht die Erinnerung an einen Moment, in dem man mutig war.
Vielleicht das Talent, zuzuhören.
Vielleicht einfach: die Tatsache, dass man heute hier sitzt.
Das ist Gold.
Weihrauch.
Das, was aufsteigt, was leicht macht.
Ein Seufzer, der Erleichterung bringt.
Die Hoffnung, dass es weitergeht – auch wenn man nicht weiß, wie.
Das Gebet, das man nicht aussprechen kann, aber das trotzdem da ist.
Das ist Weihrauch.
Und ja, auch die Myrrhe.
Das Bittere, das Leben, wie es ist.
Die Narben, die Brüche.
Die Frage, warum man ausgerechnet hier ist und nicht dort.
Aber Myrrhe war damals nicht nur bitter.
Sie war auch ein Heilmittel.
Ein Harz, das Wunden reinigte.
Das Entzündungen linderte.
Das half, wenn der Körper schmerzte.
Auch das Bittere kann heilen.
Nicht sofort. Nicht immer. Aber manchmal.
Auch das liegt auf dem Tisch.
Und siehe da: Es passt.
Heute, an Heiligabend, darf das Gold glänzen.
Und der Weihrauch aufsteigen.
Und die Myrrhe?
Die darf auch da sein.
Aber sie muss heute nicht das letzte Wort haben.
IV.
Heiligabend in der Klinik ist kein perfekter Tisch.
Kein Hochglanz-Fest mit Kerzen und Tannenzweigen.
Es ist ein Tisch, an dem Menschen sitzen,
die Gold, Weihrauch und Myrrhe dabei haben.
Und die nicht gefragt werden: „Warum bist du hier?“
Sondern: „Was hast du dabei?“
Und das ist das Geschenk dieser Tischgemeinschaft:
Keiner muss sich rechtfertigen.
Keiner muss erklären, warum er nicht woanders ist.
Es reicht, da zu sein.
Und hinzulegen, was man hat.
V.
Und das Kind in der Krippe?
Es nimmt alles an.
Es sagt nicht: „Gold ist mir zu schwer.“
Es sagt nicht: „Myrrhe ist mir zu bitter.“
Und – so sagt es ein altes Gebet – es lächelt, wenn es dich sieht.
Du musst nicht perfekt sein, um willkommen zu sein.
Du darfst kommen, wie du bist. Mit dem, was du hast.
Und das Kind?
Es liegt da – nicht, um etwas von dir zu fordern.
Es liegt da – um dir etwas zu geben: Sich selbst.
Du bist nicht allein an diesem Tisch.
Nicht nur, weil andere da sind.
Sondern weil einer da ist, der sagt:
„Ich bin für dich gekommen. Ich bleibe bei dir.“
Christus selbst. Er ist auch zu Gast an unseren Tischen.
VI.
Die Weisen gingen später auf einem anderen Weg zurück.
Sie waren nicht mehr dieselben.
Nicht, weil alles plötzlich gut war.
Sondern weil sie geteilt hatten, was sie hatten.
Und weil sie etwas bekommen hatten: Dieses Kind. Für sich.
Heute Morgen sitzen Sie hier.
Heute Abend sitzen Sie wieder zusammen.
Vielleicht nehmen Sie das mit:
Sie sitzen an einem unerwarteten Tisch.
Aber Sie sitzen nicht allein.
Und was Sie mitgebracht haben – Gold, Weihrauch, Myrrhe – es passt.
Und damit beschenken Sie sich gegenseitig.
Mit dem, was Sie sind.
Aber das größte Geschenk sitzt mit am Tisch:
Christus selbst.
Nicht nur heute.
Frohe Weihnachten.
Fragen zum Nachdenken
Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch.
Welches „Gold“ haben Sie heute dabei?
Was in Ihnen glänzt – auch wenn es klein ist?
Wo haben Sie heute „Weihrauch“ gerochen?
Einen Moment, der leicht war. Ein Lächeln. Eine Hoffnung.
An welchem „unerwarteten Tisch“ sitzen Sie gerade?
Und wer sitzt mit Ihnen dort?
Was würde sich ändern,
wenn Sie glauben könnten,
dass Gott lächelt, wenn er Sie sieht?