Songpredigt: Imagine. Zwei Träumer an der Schwelle zum neuen Jahr
Altjahrsabend/Neujahr 2025/2026
Text: Offenbarung 21,5
Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu“
Wir stehen auf einer Schwelle.
Hinter uns ein Jahr.
Vor uns eine Zukunft.\
\
Auf dieser Schwelle begleiten uns zwei Menschen.
Beide heißen John.
Beide sind Träumer.\
Und beide träumen am Ende dasselbe:
Eine friedvolle, versöhnte Welt ohne Tränen.\
I. Himmel oder Erde?
Der eine ist John Lennon. Liverpool. Der Beatle mit der runden Brille.
Er schrieb 1971 (vor genau 55 Jahren)ein Lied: „Imagine.“
Stell dir eine Welt ohne Himmel vor, träumte er.
Ohne Besitz. Ohne Gier. Ohne Grenzen.
Ohne Religion, die Menschen trennt.
1980 wurde er erschossen. Mitten in New York.
Der andere ist Johannes von Patmos. Der Verbannte.
Er saß auf einer Felseninsel im Exil.
Seine Freunde waren ermordet worden.
Die Welt war voller Gewalt.
Und dort, im Staub des Exils, sah er eine Vision:
Den Himmel auf der Erde.
Und er hörte eine Stimme:
„Siehe, ich mache alles neu.“
Das ist unsere Jahreslosung für 2026.
Was wäre, wenn die beiden sich begegnen würden?
Hier, auf der Schwelle zwischen Alt und Neu?
Ich stelle mir vor, John Lennon lehnt an seinem Klavier und sagt:
„Imagine. „Stell dir vor, es gibt keinen Himmel
Und Johannes, der alte Mann von der Insel, schüttelt den Kopf:
„Ich habe den Himmel gesehen. Er kommt auf die Erde herab.“
Lennon winkt ab:
„Das ist doch das Problem! Ihr Christen vertröstet die Leute. Wartet auf den Himmel!
Und während ihr wartet, verhungern die Kinder.
Während ihr zum Himmel starrt, führen die Menschen hier unten Krieg.“
Johannes antwortet leise:
„Ich habe nicht gesagt, wir sollen warten.
Ich habe gesagt: ‚Siehe!‘ – Schau hin! Es geschieht schon.„
„Wo denn?“, fragt Lennon bitter.
„Überall, wo Menschen teilen. Wo sie Frieden stiften. Wo sie einander die Tränen abwischen.
Da bricht der Himmel auf die Erde.„
Lennon schweigt einen Moment.
„Das ist zu wenig. Das reicht nicht.
„Nein“, sagt Johannes. „Es reicht nicht. Noch nicht.
Aber es ist der Anfang.„
II. Die Tränen
Es wird still zwischen den beiden.
Dann fragt Lennon, die Stimme nun brüchiger:
„Wenn dein Gott alles neu macht – warum ist die Welt dann so?
Warum die Tränen? Warum der Tod?“
Johannes denkt an seine Insel. An das Exil.
„Das habe ich mich auch gefragt“, sagt er schließlich.
„Als meine Freunde starben.“
„Und dann?“
„Dann hörte ich eine Stimme:
‚Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.‘
Hör genau hin, John.
Da steht nicht: ‚Es gibt keine Tränen.‘
Da steht: Er wischt sie ab.
Eine nach der anderen.
Er berührt den Schmerz.“
Lennon schüttelt den Kopf.
„Das ist mir nicht genug.
Die Tränen müssen aufhören. Nicht abgewischt werden. Aufhören.„
„Ja“, sagt Johannes fest.
„Und genau das verspricht die Stimme weiter:
‚Der Tod wird nicht mehr sein. Kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen.‘
Das Alte ist vergangen.“
„Aber wann?“
„Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß: Es ist schon unterwegs.
III. Was größer ist
Lennon schaut den Propheten an.
„Und wenn wir es nicht schaffen? Wenn unsere Zeichen zu klein sind?“
Johannes lächelt.
„Dann ist es gut, dass Gott größer ist als unsere Zeichen.“
„Was meinst du damit?“
„Ich meine: Ja, wir können Frieden stiften. Wir können teilen. Wir können einander die Tränen abwischen.
Und das ist auch Gottes Handeln. Wirklich.
Aber Gottes Handeln ist noch größer. Er macht neu – auch dort, wo wir nicht mehr können.
Wo unsere Kraft ausgeht.
Wo unsere Zeichen verwehen.
Wo wir scheitern.„
Lennon schweigt lange.
Dann sagt er leise:
„Du glaubst, dass Du anfangen kannst.
Aber die Welt nicht retten musst.“
„Genau. Das glaube ich. Das ist meine Hoffnung“, sagt Johannes.
„Ich darf anfangen.
Und Gott vollendet.“
Zeichen der Hoffnung
Zwei Träumer.
John und Johannes.
Ich weiß nicht, ob eine Begegnung zwischen Ihnen so verlaufen wäre.
Und wie sie weiter gehen könnte.
Ob sie etwas miteinander anfangen können?
Aber ihre Träume…
Ihre Träume verbindet viel.
Wo der eine sagt „Imagine“. „Stell dir vor“
Sagt der andere „Siehe“.
Beide sehen die kleinen Zeichen:
Wo Menschen teilen.
Wo sie Frieden stiften.
Wo sie einander halten.
Darin sind sie sich einig.
Aber Johannes glaubt auch:
Dass Gottes Handeln größer ist als unsere Zeichen.
Dass er neu macht – auch wo wir scheitern.
Dass er trägt – auch wo wir loslassen müssen.
Und das macht die kleinen Zeichen nicht kleiner.
Das macht sie freier.
Wir stehen auf der Schwelle.
und uns begleitet diese Zusage
„Siehe, ich mache alles neu.“
Gott macht neu.
Er hat längst angefangen.
Und weil er größer ist als unsere Zeichen,
können wir anfangen.
Schritt für Schritt.
Zeichen um Zeichen.
Tag für Tag.
Amen.
Fragen
zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch
1. „Siehe, ich mache alles neu“ – wenn Sie diesem Satz einen kleinen Raum in Ihrem Alltag geben würden: Was wäre der erste, vielleicht kleinste Schritt?
2. Was in Ihnen darf sein, ohne sich ändern zu müssen – gerade jetzt, auf dieser Schwelle?
Meditativer
Nachklang
Meditatives Gebet: Auf der Schwelle
Gott,
wir stehen auf der Schwelle.
Zwischen dem, was war,
und dem, was kommt.
Atme in uns.
Gott,
du sagst: „Siehe, ich mache alles neu.“
Mach neu, was in uns zerbrochen ist.
Mach neu, was in der Welt zerbrochen ist.
Mach neu.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
Gott,
wir bitten nicht um große Zeichen.
Wir bitten um kleine Spuren.
Ein Lachen.
Ein Durchatmen.
Ein Moment, in dem wir gehalten werden.
Das reicht.
Gott,
gib uns den Mut,
unsere Träume nicht aufzugeben.
Den Traum von einem Leben, in dem wir wieder atmen können.
Den Traum von einer Welt, in der Frieden möglich ist.
Träume mit uns.
Gott,
wir stehen auf der Schwelle.
Geh mit uns hinüber.
Schritt für Schritt.
Spur um Spur.
Tag für Tag.
Amen.
Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben
beim Vorbereiten
Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.
Was bedeutet „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5)?
Das griechische Wort für „neu“ ist kainós. Es meint nicht „neu“ im Sinne von „unbenutzt“ (néos), sondern „neu“ im Sinne von „andersartig, verwandelt, qualitativ anders“. Gott restauriert nicht den alten Zustand. Er schafft etwas grundlegend Neues – bei gleichzeitiger Kontinuität. Das Alte wird nicht ausgelöscht, sondern verwandelt. Diese Vorstellung ist zentral für die jüdisch-christliche Hoffnung: Nicht Flucht aus der Welt, sondern Erneuerung der Welt.
Warum sitzt Johannes auf Patmos im Exil?
Johannes, der Seher der Offenbarung, befand sich auf der Insel Patmos in der Ägäis – vermutlich als Verbannter unter römischer Herrschaft. Patmos war in der Antike ein Ort der Verbannung für politische oder religiöse Dissidenten. Johannes war Teil einer verfolgten christlichen Minderheit. Seine Vision entstand also nicht in Sicherheit, sondern in existenzieller Bedrohung. Das verleiht dem Text eine besondere Kraft: Hoffnung nicht trotz, sondern mitten in der Krise.
Was ist der „neue Himmel und die neue Erde“?
In Offenbarung 21,1 greift Johannes auf eine Tradition aus Jesaja 65,17 zurück. Die Vision beschreibt keine räumliche Trennung zwischen „oben“ (Himmel) und „unten“ (Erde), sondern eine Durchdringung: Gottes Wirklichkeit kommt zur Erde. Der „Tempel“ verschwindet, weil Gott selbst bei den Menschen wohnt (Offb 21,22). Diese Vorstellung ist radikal: nicht Weltflucht, sondern Weltverwandlung. Gott gibt die Schöpfung nicht auf – er macht sie heil.
Wer war John Lennon und was meinte er mit „Imagine“?
John Lennon (1940–1980), Mitglied der Beatles, schrieb 1971 den Song „Imagine“. Der Text entwirft eine Welt ohne Religion, Besitz und Nationalstaaten – ein humanistischer Traum von Frieden durch Verzicht auf Ideologien. Sein Ansatz war radikal diesseitig: Frieden nicht durch Transzendenz, sondern durch Abbau trennender Strukturen. Der Song wurde zur Hymne pazifistischer Bewegungen, bleibt aber theologisch umstritten, weil er Hoffnung ausschließlich im Menschen verortet.
Damit bleibt er eine Herausforderung und eine Inspiration für Christen.