Ein Abschlussgedanke zur Vaterunser-Reihe
I.
Die Holzbank drückt gegen Ihre Schulterblätter. Irgendjemand hat wieder das Fenster offen gelassen – ein kalter Luftzug streift Ihren Nacken.
Dann das Vaterunser. Stimmen, die sich vermischen: die tiefe des alten Mannes vor Ihnen, das Zittern in der Stimme der Frau neben Ihnen.
Und plötzlich: Stille. Nur das Rascheln von Jacken, ein unterdrücktes Husten.
Dann das „Amen“ – wie ein Stein, der ins Wasser fällt.
Alle sagen es. Nur Sie nicht.
Nicht, weil Sie nicht wollen.
Sondern weil in Ihnen eine Tür ist, die sich gerade nicht öffnen lässt.
II.
Amen – das ist die Unterschrift, die man unter einen Brief setzt, den man ganz gelesen hat.
Ein Ja, dazu stehe ich. So ist es.
Eine Unterschrift unter ein Gebet.
Aber was, wenn Sie nicht unterschreiben können?
„Unser Vater im Himmel“ –
was, wenn das Wort „Vater“ Erinnerungen weckt, die Sie lieber vergessen würden?
„Dein Wille geschehe“ –
was, wenn dieser Wille Ihnen fremd erscheint wie ein fremdes Land?
Glaube ich dann nicht genug?
Lehnt Gott mich dann ab?
III.
Hören Sie: Gott nimmt Sie nicht an, weil Sie fromm genug beten.
Er nimmt Sie an – einfach so.
Das befreit Sie davon, so tun zu müssen, als wären Sie mit allem einverstanden.
Die Bibel ist voller Klagen.
Voll mit Menschen, die ihre Schwierigkeiten mit Gott haben.
Ihre Zweifel.
Jesus selbst ruft am Kreuz:
„Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Wer klagt, rechnet noch mit Gott.
Wer zweifelt, nimmt ihn ernst.
Wer sich auflehnt, ist noch im Gespräch.
Und Gott hält das aus.
IV.
Glauben bedeutet nicht, zu allem „Ja und Amen“ zu sagen.
Glauben bedeutet, in Beziehung zu sein.
Deshalb dürfen Sie „Nein und Amen“ sagen.
Denn Glauben bedeutet ja nicht, die Welt so zu akzeptieren wie sie ist.
Nein zu dieser Welt, wie sie ist –
und Amen zu dem, der sie heilen kann.
Nein zu Gottesbildern, die Ihnen wehtun –
und Amen zu einem Gott, der Ihre Fragen aushält.
Nehmen wir nur dieses eine Beispiel:
„Dein Reich komme.“
Nein dazu, dass eine Mutter ihr Kind nicht satt bekommt.
Zu Krieg. Zu Einsamkeit.
Und Amen zu der Verheißung, dass es anders sein kann.
Das ist kein Widerspruch.
Das ist Gebet.
V.
Manchmal ist das Nein treuer als das Ja.
Treuer zu Gott, meine ich.
Denn es hält Ausschau nach einem Gott, der größer ist als unsere Vorstellungen.
VI.
Und dann, mitten im Ringen, merken Sie:
Gott hält das aus.
Ihr Nein zerreißt ihn nicht.
Ihre Zweifel bringen ihn nicht zum Schweigen.
Er hört auch das, was Sie nicht sagen können.
Plötzlich spüren Sie es: Da ist Luft zum Atmen.
Ein Raum, der Ihr Nein nicht verurteilt – sondern aufbewahrt.
Ein Raum, der Ihr Amen nicht erzwingt – sondern anbietet.
Dieser Raum hat einen Namen: Gott.
VII.
Ein letzter Gedanke.
Für alle, die sich schwer tun mit dem schnellen „Amen“.
Für alle, die zwischen Sehnsucht und Enttäuschung hängen.
Für Sie gibt es ein anderes Amen:
Amen – auch wenn ich nicht alles verstehe.
Amen – auch wenn mein Herz noch nicht mitgeht.
VIII.
Sie müssen nicht zu allem Ja sagen.
Sie dürfen „Nein und Amen“ sagen.
Das ist die Sprache derer, die Gott ernst nehmen.
Das ist die Sprache derer, die noch suchen.
Ich selbst spreche dieses Amen noch nicht so schnell.
Aber ich spreche es.
Auf meine Weise.
Manchmal als ein „Nein und Amen“.
Das reicht.
Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch
- Wie würde jemand, der Sie liebt, Ihr Ringen mit spirituellen Fragen beschreiben?
- Wann haben Sie schon einmal erlebt, dass aus einem „Nein“ am Ende ein tieferes „Ja“ entstanden ist?
- Gibt es Momente, in denen Sie sich ganz stimmig fühlen mit dem, was Sie spirituell leben – auch ohne alles zu verstehen?
Meditativer Nachklang
Gott der ungezählten Namen,
Geheimnis jenseits aller Worte –
Du hörst mein Ja
Du hörst mein Nein
Du hörst mein Schweigen
In meinem Ringen erkennst Du meine Liebe
In meinen Fragen siehst Du meine Sehnsucht
In meinem Zweifel findest Du meinen Glauben
Ich bringe Dir mein gebrochenes Amen
mein wartende Herz
mein suchendes Wesen
Du machst aus meinem Nein ein Lied
aus meinem Ja eine Heimat
aus meinem Amen einen Weg
Noch bin ich unterwegs
Noch ringe ich
Noch suche ich
Und Du – Du gehst mit
Du wartest
Du liebst
Nein und Amen
Frage und Antwort
Zweifel und Vertrauen
In Dir ist Raum für alles was ich bin
Amen.
Noch nicht ganz.
Aber schon ein wenig.
Und das genügt Dir.
Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten
Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.
Normalerweise denken wir: „Amen“ = „So sei es“ oder „Es ist wahr“ (statisch)
Aber grammatisch ist „Amen“ ein Partizip. Das bedeutet:
- „im Prozess des Fest-Werdens“
Das macht einen riesigen Unterschied:
Statisches Amen (traditionell):
- „Ja, das stimmt!“ ✓
- Punkt. Ende. Abgehakt.
Dynamisches Amen (partizipial):
- „Das erweist sich als zuverlässig!“
- „Das wird beständig wahr!“
- „Daran halte ich kontinuierlich fest!“
Theologische Befreiung
Diese Entdeckung verändert alles:
Statt: „Hiermit bestätige ich, dass das Vaterunser wahr ist.“
Sagt das Partizip: „Dieses Gebet erweist sich in meinem Leben kontinuierlich als tragfähig.“
Das „Amen“ wird von einem Schlusspunkt zu einem Lebensprogramm.
Es bedeutet nicht: „Ich habe verstanden und stimme zu.“ Sondern: „Ich erlebe, wie sich das in meinem Leben als zuverlässig erweist – immer wieder neu.“

