Das genügt

Halten Sie einen Moment inne.

Was ist heute unter Ihren Fingernägeln geblieben?
Was hat gezählt — auch wenn Sie es kaum bemerkt haben?

Lassen Sie es da sein.
Es genügt.

Sie kennen dieses Gefühl vielleicht.
Dass Sie nicht genug getan haben.
Nicht genug gegeben.
Nicht genug gewesen.

Dass das, was Sie heute geschafft haben,
irgendwie zu wenig war.


Ein Kollege erzählt folgendes von einer Bekannten:
Sie lebt allein mit ihren Kindern.
Sie arbeitet. Sie kocht. Sie tröstet.
Sie streitet, wenn es sein muss.
Sie hält durch, wenn sie längst nicht mehr kann.

Und abends,
wenn die Kinder schlafen,
kommt das schlechte Gewissen.
Ob die Kleinen genug bekommen.
Ob sie genug ist.

Ich habe ihr einmal eine alte Geschichte mitgebracht.
Eine Geschichte, die ich selbst immer wieder brauche.


Am Anfang, so erzählt eine alte jüdische Geschichte,
war nichts als Wasser.
Gott wollte die Erde erschaffen
und schickte einen Engel in die Tiefe:
„Bring mir Sand vom Meeresgrund!“

Der Engel tauchte hinab.
Griff zu.
Aber das Wasser war stärker.
Als er auftauchte, hatte er nichts mehr in den Händen.

Er versuchte es ein zweites Mal.
Ein drittes Mal.
Jedes Mal verlor er alles.

Beschämt kam er zurück zu Gott.
Streckte ihm die leeren Hände hin.
Kein Sand.
Nur das, was unter seinen Fingernägeln geblieben war.

Ein paar Sandkörnchen.

Da sagte Gott:
„Das genügt.“

Und er baut daraus eine wunderbare Welt.


Die Frau hat ein bisschen geweint.
Dann hat sie den Zettel mit der Geschichte
neben den Küchentisch gehängt.

„Das les ich jetzt morgens“, hat sie gesagt.
„Das tut gut.“


Vielleicht hängen auch Sie gerade mit leeren Händen da.
Erschöpft. Mit dem Gefühl, zu wenig gebracht zu haben.

Dann frage ich Sie:
Was ist heute trotz allem noch geblieben?

Nicht das Große. Das Große ist meistens nicht passiert.
Ich meine das Kleine.

Das Glas Wasser, das Sie jemandem hingestellt haben,
ohne viel dabei zu denken.
Der Moment, wo Sie einfach geblieben sind —
obwohl Sie längst hätten gehen können.
Der Satz, der Ihnen rausgerutscht ist
und den der andere gebraucht hat.

Oder auch: dass Sie heute Morgen aufgestanden sind.
Dass Sie hier sind.
Dass Sie noch da sind.

Das ist schwerer zu sehen als das, was fehlt.
Das Fehlende ist laut.
Das Gebliebene ist still.

Aber es ist da.
Unter den Fingernägeln, sozusagen.

Und vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser Geschichte:
Gott fragt nicht, was wir hätten bringen sollen.
Er schaut, was wir gebracht haben.
Und er sagt: Das genügt.
Er kann damit etwas anfangen.
Ja sogar eine Welt bauen.


Halten Sie einen Moment inne.

Was ist heute unter Ihren Fingernägeln geblieben?
Was hat gezählt — auch wenn Sie es kaum bemerkt haben?

Lassen Sie es da sein.
Es genügt.



*Die Geschichte vom Engel und dem Sand ist eine alte jüdische Überlieferung. Ich bin ihr begegnet bei Thomas Hirsch-Hüffell: „Das genügt“, in: Doris Joachim-Storch (Hg.), »Tröstet, tröstet« Seelsorge in der Verkündigung – Verkündigung in der Seelsorge, Materialbücher des Zentrums Verkündigung der EKHN, Buch 113, Frankfurt 2010, S. 46–48. *
Wo Hirsch-Hüffell die Geschichte her hat, ist nicht angegeben — sie dürfte einer alten jüdischen Überlieferung entstammen.