Drei gute Dinge. Die kleine Schwester des Tagebuchs.

I)
Station 2, kurz nach acht am Abend.

Die Fensterbänke sind noch warm von der Sonne.

Es riecht nach Linoleumreiniger und, ganz leicht, nach Sonnencreme.

Eine Frau sitzt am runden Tisch.

Vor ihr liegt ein Heft mit blauem Umschlag.

Die Ergotherapeutin hat es ihr gegeben, ein Rest aus dem Schrank.

Die Frau dreht den Kugelschreiber zwischen den Fingern.

Seit fünf Minuten schon.

Im Fernsehzimmer läuft ein Quiz.

Jemand lacht an der falschen Stelle.

Es stört niemanden.

Auf der ersten Seite steht noch nichts.

Und dann.

Sie dreht das Heft ein Stück näher heran.

Sie schreibt drei Zeilen untereinander.

Heute eine halbe Stunde in der Sonne spaziert. Die Bank an der Mauer war warm.

Nach dem Mittagessen zwanzig Minuten geschlafen und von allein aufgewacht.

Ich habe das Heft aufgemacht.

Sie liest es einmal durch.

Dann lacht sie, kurz.

An der richtigen Stelle.

 

II)
So oder so ähnlich kann es aussehen, wenn jemand abends drei gute Dinge aufschreibt.

Drei kleine Gedanken am Ende eines Tages, mehr nicht. Diese Notizen sind wie eine kleine Schwester des Tagebuchs.

Die Forschung nennt das „Three Good Things“, aber zum Anfangen braucht es den Namen nicht.

Es braucht keine seitenlangen Texte, es fragt nur nach dem, was an diesem Tag warm war, auch wenn der Tag sonst kalt gewesen ist.

Das ist keine Schönfärberei.

Der Tag hatte auch anderes, es bekommt heute nur keinen Platz im Heft.

Wer so schreibt, tritt einen Schritt zurück und sieht dem eigenen Tag beim Vergehen zu, und was man dabei findet, ist meistens bescheiden.

Die Studien zeigen kleine Wirkungen: ein wenig mehr Wohlbefinden, ein wenig mehr Zuversicht.

Kein Wundermittel also, aber auch nichts, was man teuer bezahlen müsste.

Drei Gedanken.

Das Wort hat mehr zu erzählen, als man ihm zutraut.

Gedanke. Denken. Danken.

Die drei sind Verwandte.

In der Sprachgeschichte wachsen sie aus einer Wurzel.

Ein Buchstabe Unterschied.

Dank hieß ursprünglich: ein Denken an, ein Erinnern.

Ich verstehe es auch als „mit Wärme an jemanden denken“.

Danken ist also kein Gefühl, das man sich abverlangen muss.

Es ist ein Gedanke, der an etwas Gutem hängen bleibt.

Wer abends drei gute Dinge aufschreibt, muss deshalb nicht dankbar sein.

Es genügt, an sie zu denken.

Das Danken darf nachkommen.

Wenn es mag.

 

III)
Was Sie brauchen:

Ein Heft.

Einen Stift.

Zwei Minuten.

Das Heft muss nicht schön sein, ein Rest aus dem Schrank tut es auch.

Und wenn Sie mögen, nehmen Sie das schöne Notizbuch, das seit Jahren ungeschrieben im Regal liegt.

So kann es gehen:
Eine feste Zeit am Ende des Tages hilft, zum Beispiel nach dem Zähneputzen, neben dem Wecker.

  • Drei Dinge, die heute gut waren, je ein Satz, und kurz darf es sein.
  • Wenn Sie mögen, eine Zeile dazu: Warum war das gut? Was sagt es über mich?
  • Sie dürfen einen Tag auslassen, auch mehrere.

Wie das aussieht, zeigen drei Abende, die nichts miteinander zu tun haben außer dem Heft.

Ein leichter Tag:

Frühstück auf dem Balkon.

Das Telefonat mit meinem Bruder war kurz und gut.

Die Wäsche ist trocken geworden.

Ein grauer Tag:

Ich bin trotz Regen losgegangen. Nach zehn Minuten war es besser als auf dem Sofa.

Die Suppe hat geschmeckt.

Jemand hat mir die Tür aufgehalten.

Ein Tag, an dem nichts ging:

Heute war nichts.

Das ist auch ein Satz.

Und die Zeile dazu, wenn Sie mögen:

Ich bin trotz Regen losgegangen.

Das sagt etwas über mich: Ich komme in Gang, wenn ich nicht zu lange überlege.

Dieses Heft ersetzt kein Gespräch.

Wenn die Tage dunkel bleiben, kann es eben auch ein Gespräch sein, mit einem Menschen, der zuhört.

 

IV)
Mai, ein Abend, kurz nach neun.

Die Küchenfenster stehen offen.

Es riecht nach Flieder und, ein wenig, nach Spülmittel.

Die Frau sitzt am Küchentisch.

Vor ihr liegt das Heft mit dem blauen Umschlag.

Der Umschlag hat Ränder bekommen, eine Ecke ist weich geworden.

Sie blättert zurück.

Nicht jeder Tag hat einen Eintrag, manche Seiten sind leer, dann wieder eine, eng beschrieben.

Sie blättert bis zum Anfang.

Drei Zeilen in schmaler, vorsichtiger Schrift.

Heute eine halbe Stunde in der Sonne spaziert. Die Bank an der Mauer war warm.

Sie liest die Zeilen zweimal.

Es ist ihre Schrift.

Es ist, als besuche sie jemanden, den sie gern hat.

Sie nimmt den Stift.

Drei Zeilen, unter das Datum von heute.

Ich habe das Heft von vorn gelesen und musste lächeln.

Die Frau auf der ersten Seite hat einfach angefangen.

Der Flieder blüht schon.

Sie lässt das Heft aufgeschlagen liegen.

Draußen wird es dunkel.

 

Quellenverzeichnis

Sehr informativ: Deutschlandfunk Nova. (2026, 14. Oktober). Journaling – Wann hilft es uns wirklich? [Audio-Podcastfolge]. In Facts & Feelings. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/journaling-wann-hilft-es-uns-wirklich[deutschlandfunknova]

Pfeifer, Wolfgang et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS), Stichwort „Dank“ (mit „danken“). Online unter: https://www.dwds.de/wb/etymwb/dank (abgerufen am 15. Oktober 2026).
Zur Wortverwandtschaft von „Gedanke“ ergänzend:
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Stichwort „gedanke“, online im DWDS: https://www.dwds.de/wb/dwb/gedanken (abgerufen am 15. Oktober 2026).

Die weiterführende Deutung des Dankens ist eine persönliche Auslegung.


Weiterführende Studien

Seligman, M. E. P., Steen, T. A., Park, N., & Peterson, C. (2005). Positive psychology progress: Empirical validation of interventions. American Psychologist, 60(5), 410–421. DOI: 10.1037/0003-066X.60.5.410.[pubmed.ncbi.nlm.nih]

Choi, H., Cha, Y., McCullough, M. E., Coles, N. A., & Oishi, S. (2025). A meta-analysis of the effectiveness of gratitude interventions on well-being across cultures. Proceedings of the National Academy of Sciences, 122(28), e2425193122. DOI: 10.1073/pnas.2425193122.[pubmed.ncbi.nlm.nih]

Sohal, M., Singh, P., Dhillon, B. S., & Gill, H. S. (2022). Efficacy of journaling in the management of mental illness: A systematic review and meta-analysis. Family Medicine and Community Health, 10(1), e001154. DOI: 10.1136/fmch-2021-001154.[pubmed.ncbi.nlm.nih]

Carrillo, A., Rubio-Aparicio, M., Molinari, G., Enrique, Á., Sánchez-Meca, J., & Baños, R. M. (2019). Effects of the Best Possible Self intervention: A systematic review and meta-analysis. PLOS ONE, 14(9), e0222386. DOI: 10.1371/journal.pone.0222386.[journals.plos]

 

Redaktioneller Hinweis

Die geschilderte Frau und ihre Geschichte sind fiktiv. Es handelt sich nicht um die Darstellung eines realen Seelsorgefalls.