Predigt zu Psalm 104 · Klinikgottesdienst
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Ein Bett, monatelang. Die Decke immer dieselbe. Cat Stevens liegt mit Tuberkulose fest, so nah am eigenen Sterben, dass es kein Wort mehr ist, sondern etwas, das im Zimmer hängt.
Das war 1970. Er, einer der größten Popstars der Welt. Und mittendrin diese Krise – eine Grenze, die etwas in ihm verändert.
Nach der Genesung läuft sein Leben erst einmal weiter wie gewohnt. Der Erfolg, die Musik, es geht ihm gut. In dieser Zeit findet er in einem Buchladen ein altes Kirchengesangbuch. Darin ein Lied: Morning has broken, geschrieben von Eleanor Farjeon. Eine Melodie aus dem gälischen Hochland, ein Lied über den ersten Morgen der Welt.
Warum ausgerechnet dieser Text ihn festhält – er weiß es selbst nicht genau. Er spielt es. Es wird ein Welthit.
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Einige Monate später kommt die eigentliche Wende. Vor der Küste von Malibu. Er schwimmt, wie jeden Morgen, zu weit hinaus. Die Strömung erfasst ihn. Panik. Kein Boden unter den Füßen, und wieder steht ihm der Tod vor Augen.
Nein. Kein Gedanke an die nächste Platte, kein Gedanke an Ruhm oder an sich selbst. Es geht um das nackte Leben.
Später sagt er einmal, dass er in diesem Moment sein erstes eigenes Gebet spricht – herausgepresst, in dem Moment, in dem er alle Kontrolle verliert.
Er schafft es zurück. Mit letzter Kraft. Nur das.
Aber in dieser Erfahrung lernt er etwas, das er vorher nicht kannte: wie kostbar dieses eine Leben ist. Er fängt an zu suchen – nach etwas, das trägt, wenn das Wasser wieder kommt. Er findet zur Religion, konkret zum Islam.
Fortan nennt er sich Yusuf und zieht sich für einige Jahre aus der Musik zurück.
Diese Veränderung ist für ihn eine Antwort auf das, was er im Wasser gespürt hat – gespürt, dass er selbst nicht der Grund war, warum er noch lebt.
Welche Religion ihn am Ende trägt. Ich will das nicht klein reden – aber entscheidend scheint mir etwas anderes. Die Bewegung selbst. An der äußersten Grenze der eigenen Möglichkeiten wird ihm die Welt unverstellt sichtbar.
Er hat ein Staunen über das Leben entdeckt. Ein Staunen, das sich fast nur mit dem alten Wort Ehrfurcht beschreiben lässt.
Heute, Jahrzehnte später, tritt er wieder auf. Als Yusuf, Cat Stevens. Mit beiden Namen. Und er singt immer noch dieses eine Lied vom ersten Morgen der Welt.
Das Lied über das Staunen, das er neu gefunden hat – und das ihn seither nicht mehr verlässt.
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Ehrfurcht. Ein altes, fast missverständliches Wort. Aber was, wenn es genau das trifft, was er da fühlte? Man steht vor etwas, das größer ist als man selbst. Spürt die eigene Kleinheit. Und fühlt sich trotzdem gehalten.
Der Psalm, den wir vorhin gehört haben, spricht genau von dieser Erfahrung – von dieser Ehrfurcht vor etwas, das so viel größer und schöner ist als das eigene Leben. Psalm 104 beginnt nicht mit einer Bitte. Er beginnt mit einem Blick auf das Licht, in das Gott sich hüllt. Auf das Meer, groß und weit nach allen Seiten, auf Berge und Quellen und Vögel, die dazwischen singen. Löwen, die brüllen. Menschen, die in die Arbeit gehen. Das Meer voller Tiere, die niemand zählen kann. Und mittendrin, mitten in diesem ehrfürchtigen Staunen, ein Satz, der wie eine Zusammenfassung klingt:
„Herr, wie sind deine Werke so groß und so viel. Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“
Jemand steht mitten in der Fülle der Welt. Und kann nicht anders als staunen.
Genau das spüren wir heute noch in dem Lied von Cat Stevens – dieses Staunen, das der Psalm beschreibt. Etwas, das größer ist als wir selbst und das uns trotzdem trägt.
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Und das Wichtigste daran: Dieses Staunen muss man nicht abwarten. Man kann es üben. Wie einen Muskel.
Ehrfurcht ist keine Gnade, die uns nur zufällig streift, wenn wir gerade Glück haben. Sie wächst, je öfter wir hinschauen. Je öfter wir den Blick bewusst von uns selbst wegnehmen – weg vom eigenen Kopf, in dem sowieso schon zu viel kreist – und stattdessen nach draußen richten.
Denn genau das tut Ehrfurcht: Sie zoomt uns raus. Für einen Moment sind wir nicht mehr die Hauptfigur unserer eigenen Sorgen.
Wir werden klein – und spüren gleichzeitig, wie gut dieses Kleinsein tut.
Nicht unwichtig. Nur eingebettet. Getragen von etwas, das größer ist als der eigene Tag.
Vielleicht nehmen Sie sich in dieser Woche einmal bewusst Zeit dafür. Kein Sternenhimmel, kein Meer hier in Lahnstein.
Aber die Treppe, die Sie jeden Tag hochgehen – und der Gedanke, wie viele Füße vor Ihnen diese Stufen schon ausgetreten haben. Das Streifenlicht an der Zimmerdecke, das zeigt: ich bin nicht allein. Die Stimmen vor der Tür. Das Gespräch mit dem Nachbarn am Tisch.
Ein Vogel, der singt, obwohl niemand ihm zuhört.
Schauen Sie hin. Nicht, weil es dann passiert. Sondern damit Sie es merken, wenn es passiert.
Je öfter Sie es tun, desto leichter wird es. Bis das Staunen irgendwann nicht mehr die Ausnahme ist, sondern die Gewohnheit.
Ein Staunen. Ein Moment, der sich spüren lässt: ich bin getragen – so wie Cat Stevens es gespürt hat.
Zusatzmaterial
Meditation
Setzen Sie sich, so gut es geht, bequem hin. Lassen Sie die Schultern sinken.
Da ist so viel, das gerade nicht in Ihrer Hand liegt. Der Verlauf. Der nächste Befund. Der morgige Tag.
Legen Sie es für einen Atemzug beiseite – nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil es jetzt nicht dran ist.
Stellen Sie sich einen Moment vor: Licht auf einer Wand. Wasser, das über eine Hand läuft. Ein Vogel, irgendwo, der einfach weitersingt, ohne zu fragen, ob heute ein guter Tag ist.
Du hast die Erde voll deiner Güter gemacht, auch wenn ich heute nicht alles davon sehen kann.
Ich muss nichts finden. Ich muss nicht staunen können.
Es reicht, wenn ich weiß: Es ist da. Auch jetzt. Auch hier.
Amen.
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Fragen für dein Tagebuch, das Gespräch mit vertrauten Menschen oder die Seelsorge
- Worüber kreisen meine Gedanken gerade am meisten – und wie viel davon liegt wirklich in meiner Hand?
- Wann habe ich zuletzt etwas – und sei es noch so klein – einen Moment in meinem Staunen (oder meiner Ehrfurcht) länger stehen lassen, als nötig gewesen wäre? Was hat mich da innerlich bewegt?
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Hauskreis-Impuls
Psalm 104 beschreibt Schöpfung nicht als abgeschlossenes Werk, sondern als etwas, das fortlaufend erhalten wird („du sendest deinen Odem aus, so werden sie geschaffen“). Was bedeutet es, Schöpfung nicht als einmaliges Ereignis, sondern als andauerndes Geschehen zu verstehen – auch für die eigene Lebensgeschichte?
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Quellenhinweise
- Quellen & Rechtliche Hinweise
Bibeltext: Basisbibel © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.
EG 455 . „Morning Has Broken“ / „Morgenlicht leuchtet“ Text (englisch): Eleanor Farjeon, 1931 (†1965). Deutsche Nachdichtung: Jürgen Henkys, 1987. Melodie: Bunessan — traditionell gälisches Volkslied, schottische Herkunft. Erste Veröffentlichung: Songs of Praise, Oxford University Press, 1931. Für den gottesdienstlichen Gebrauch über VG Musikedition / CCLI abgedeckt.
Primärquellen. Hymnologie: -Morning Has Broken ist ein Kirchenlied mit Text von Eleanor Farjeon, erstmals 1931 veröffentlicht und auf die Melodie Bunessan gesetzt; international bekannt in der Fassung von Cat Stevens, aufgenommen 1970, veröffentlicht 1971.
-Hymnary.org: Morning Has Broken, The Presbyterian Hymnal #469 — hymnary.org
-Hymnary.org: Complete Anglican Hymns Old and New #450 — hymnary.org
-EMK.at: Morning has Broken — Herkunft der Melodie, Verbindung zu Songs of Praise 1931 — emk.at
Sekundärquellen. Popgeschichte & Rezeption
-NDR 1 Niedersachsen: „Die Geschichte zum Hit: Cat Stevens — Morning Has Broken“, Sendung vom 03.04.2021. ndr.de/ndr1niedersachsen/geschichte-zum-hit/Cat-Stevens-Morning-Has-Broken,catstevens110.html (Belegt: Entstehungskontext 1970, Tuberkulose, Gesangbuch-Fund im Buchladen, Rick Wakeman am Klavier)
-SRF Musikwelle: „Vom Weihnachtslied zum Welthit“ — srf.ch (Belegt: Geschichte des Liedes vom kirchlichen Kontext zum Welthit)
Nachschlagequellen. Überblick
-Wikipedia (deutsch): Morning Has Broken — de.wikipedia.org
-Wikipedia (englisch): Morning Has Broken — en.wikipedia.org (Brauchbar als Übersicht; nicht als alleinige Endquelle)
Biografische Angaben. Eleanor Farjeon Farjeon, Eleanor: The Children’s Bells. Oxford University Press, 1957. Biografische Grundlage: Dictionary of National Biography (Oxford).
Biografische Angaben. Yusuf Islam (Cat Stevens) Eigene öffentliche Aussagen in Interviews, u.a. BBC-Interview 2006; offi


