| April 2026 | Bibeltext: Johannes 4,1–30


Ein Abend in Los Angeles, 1971

Es ist ein ganz normaler Abend.

Eine junge Frau sitzt in einem Konzertclub in Los Angeles. Sie heißt Lori Lieberman, sie ist Anfang zwanzig, und sie ist einfach zum Zuhören gekommen. Der Sänger auf der Bühne heißt Don McLean. Es ist der, der American Pie geschrieben hat. Er singt. Und irgendetwas passiert. Irgendetwas, das sie nicht erwartet hat.

Der Mann singt. Und plötzlich hat Lori das Gefühl, dass er sie meint. Nicht das Publikum, nicht irgendjemanden. Sie. Er singt von Schmerz, den sie kennt. Er singt von Einsamkeit, die sie kennt. Er singt Dinge, die sie nie ausgesprochen hat – die sie vielleicht nicht mal sich selbst gegenüber hätte sagen können.

Sie ist beschämt. Sie schaut weg. Sie möchte, dass er aufhört. Und sie möchte gleichzeitig, dass er nie aufhört.

„Er spielte meinen Schmerz auf seinen Saiten, / erzählte mein Leben mit seinen Worten.“

(Freie Paraphrase nach: Norman Gimbel / Charles Fox, „Killing Me Softly with His Song“, 1971)

Der Sänger trifft etwas in Lori, das sie selbst kaum in Worte fassen könnte. Es ist, als würde ihre innerste Stimme plötzlich einen Namen bekommen. Ein sanftes und zugleich erschütternes Erkanntwerden.

Später notiert sie es auf einer Serviette. Aus diesen Notizen entsteht einer der bekanntesten Songs des 20. Jahrhunderts. Zwei Jahre später hört ihn eine andere Frau – Roberta Flack – auf einem Langstreckenflug von Los Angeles nach New York im Bordradio. Sie hört ihn sechs, sieben Mal hintereinander. Sie sagt später: „Du weißt, wie Gott zu dir spricht? Das war so ein Moment.“ Sie landet, ruft sofort ihren Produzenten an: Ich muss diesen Song haben.

Warum ist das so? Was macht dieser Song? Was berührt daran so viele Menschen, über Jahrzehnte, über alle Generationen hinweg?

Ich glaube, es ist dieses eine: Das Erlebnis, erkannt zu werden.


Hier in der Klinik

Ich vermute, das klingt für einige von Ihnen nicht fremd.

Vielleicht gibt es Momente hier in der Klinik – in einem Gespräch mit einer Therapeutin, in einer Gruppe, mit einem Mitpatienten -, wo plötzlich jemand etwas sagt, und Sie denken: Das ist es. Genau so fühle ich mich. Das trifft den Kern meiner Seele.

Das kann erschreckend sein. Unangenehm. Man möchte sich wegducken, so wie Lori im Konzert, die am liebsten verschwunden wäre.

Und gleichzeitig ist es das Schönste, was passieren kann. Erkannt werden. Gesehen werden. Mit dem ganzen Gepäck, das man mitbringt. Mit dem Schmerz, der sich kaum in Worte fassen lässt. Mit der Geschichte, die man meistens lieber für sich behält.


Die Frau am Brunnen – Johannes 4

Es gibt eine Geschichte in der Bibel, die genau das erzählt.

Eine Frau geht mittags zum Brunnen. Mittags. Das ist wichtig. Nicht morgens, wenn alle anderen Frauen des Dorfes kommen, um Wasser zu holen und miteinander zu reden. Mittags, wenn die Sonne am heißesten brennt und niemand draußen ist. Sie geht alleine. Absichtlich.

Sie will nicht gesehen werden.

Die Geschichte erzählt später, dass sie fünf Mal verheiratet war. Und der Mann, mit dem sie jetzt zusammenlebt, ist nicht ihr Ehemann. Beziehungen scheitern immer wieder. In einer Gesellschaft, in der das die Menschen alles über dich definiert, ist das ein schweres Gepäck. Vielleicht trägt sie Scham. Vielleicht hat sie aufgehört, sich zu erklären. Vielleicht geht sie mittags zum Brunnen, weil sie die Blicke nicht mehr aushält.

Und dann sitzt da jemand am Brunnen. Ein fremder Mann. Ein Jude, was damals bedeutete: jemand, mit dem sie eigentlich gar nicht redet. Er sieht sie. Er spricht sie an. Er bittet sie um Wasser.

Ein Gespräch beginnt. Und dann sagt er plötzlich:

„Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her.“

Sie antwortet knapp: „Ich habe keinen Mann.“

Und dann sagt er etwas Erstaunliches:

„Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Das hast du wahr gesagt.“

Er weiß es. Ohne dass sie es ihm erzählt hat. Er kennt ihre Geschichte. Er legt den Finger in diese Wunde. Und jetzt passiert etwas Bemerkenswertes: Sie läuft nicht weg.

Stattdessen sagt sie später ins Dorf, zu denselben Menschen, vor denen sie sich versteckt hat:

„Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe.“

nDas ist dasselbe Erleben wie Lori Lieberman im Konzert. Der Fremde auf der Bühne. Der Fremde am Brunnen. Jemand, der mich kennt. Ohne dass ich es ihm gesagt habe.


Was das auslöst

Lori, die Musikerin, sagt: Es macht etwas mit mir. Es erschüttert etwas.

Aber – und das ist das Entscheidende – es tötet nicht das Leben. Es tötet die Fassade. Es tötet die Anstrengung, immer jemand anderes zu sein, als ich bin. Es tötet das Versteckspiel.

Und das ist manchmal das Heilsamste, was passieren kann.

Die Frau am Brunnen geht ins Dorf zurück. Mit leeren Händen. Sie hat sogar ihren Wasserkrug stehenlassen, steht im Text. Der Krug, wegen dem sie eigentlich gekommen war. Sie hat vergessen, Wasser zu holen. Weil etwas Wichtigeres passiert ist.


Und Gott?

Die Geschichte erzählt: Dieser Fremde am Brunnen, das ist Jesus. Und das Erstaunliche ist: Er macht nichts aus seiner Kenntnis. Er verurteilt nicht. Er erklärt nicht. Er hält es einfach fest:

„Du hast wahr gesagt.“

Das ist alles. Keine Moralpredigt. Kein erhobener Zeigefinger. Keine Forderung. Nur: Ich sehe dich. Ich kenne dich. Und ich sitze trotzdem hier.
Weil du wichtig bist, weil du kostbar bist.
Mit all den Umwegen und Irrwegen deines Lebens.

Das ist, glaube ich, das Bild von Gott, das dieser Song ahnt, ohne es zu wissen. Dass da jemand ist, der meine dunkelsten Tage kennt. Der meine Scham kennt. Der meine Geschichte kennt. Die Version, die ich niemandem erzählt habe.

In dem Moment hat sie das Gefühl: Da singt jemand nicht über allgemeines Leid – sondern über das, was in ihr seit langem verborgen war. Über sie.

Und er hört trotzdem nicht auf zu singen.


Schluss

Vielleicht passiert das hier manchmal. In dieser Klinik. Dass jemand – ein Arzt, eine Therapeutin, ein anderer Patient – plötzlich etwas sagt, und Sie denken: Genau das ist es was ich fühle.

Das ist kein Zufall. Das ist das, wofür Menschen sich Zeit nehmen, wenn sie wirklich hinschauen. Das ist das, was passiert, wenn jemand wirklich zuhört.

Und vielleicht ist das auch ein Bild für das, was Gott tut. Nicht von oben herab. Nicht als Allmächtiger. Sondern wie der Fremde am Brunnen: Er setzt sich. Er fragt. Er hört zu. Und dann sagt er leise etwas, das stimmt.

Und das Raum macht für das, was noch werden kann.

Amen.


🕊 Meditation / Gebet – zum Innehalten


Ich komme hierher.
Nicht mit großen Worten.
Nicht mit fertigen Antworten.
Nur mit dem, was ich gerade bin.

Und das ist vielleicht nicht viel.

Ich bin müde.
Ich trage Dinge mit mir, die ich nicht immer benennen kann.
Manches davon kenne ich seit Jahren.
Manches ist neu. Und erschreckt mich noch.

Aber ich bin hier.

Und ich ahne:
Du bist auch hier.

Nicht laut. Nicht mit erhobenem Zeigefinger.
Nicht mit Forderungen.
Sondern einfach da.
Wie jemand, der sich dazusetzt.
Der nicht sofort redet.
Der einfach bleibt.

Du kennst mich.
Das ist manchmal das Schwerste.
Dass du siehst, was ich vor anderen verberge.
Was ich vielleicht sogar vor mir selbst verberge.

Und trotzdem!
Du gehst nicht weg.

Du sagst nicht: Das hätte nicht passieren dürfen.
Du sagst nicht: Reiß dich zusammen.
Du sagst vielleicht nur, ganz leise:
Du hast wahr gesagt.

Das reicht mir.
Für diesen Moment reicht mir das.

Ich lasse zu, dass du mich kennst.
Ich lasse zu, dass das gut ist.
Ich lasse los, was ich nicht mehr tragen muss.

Und ich bleibe einen Moment still.
In dem Wissen:
Ich bin gesehen.
Und ich bin gehalten.

Amen.


Fragen zur persönlichen Vertiefung

Frage 1:
Die Frau am Brunnen geht mittags. Alleine, wenn niemand sonst da ist. Sie vermeidet Begegnung. Und genau da trifft sie jemanden.
Gibt es in Ihrem Leben Momente oder Orte, wo Sie sich absichtlich zurückziehen. Und was wäre, wenn genau dort etwas Wichtiges auf Sie wartet?

Frage 2:
Die Frau kehrt am Ende ins Dorf zurück. Zu den Menschen, vor denen sie sich versteckt hat. Ohne ihren Krug. Sie hat vergessen, wofür sie eigentlich gekommen war.
Was müsste passieren – oder was hat vielleicht schon begonnen -, damit Sie etwas „stehen lassen“ können, das Sie bislang immer mitgetragen haben, eine innere Last, etwas, dass das Leben beschwert?


Exegetische Vertiefung I: Juden und Samariter

Warum diese Begegnung so unerhört ist

Wer war Jesus gegenüber am Brunnen? Eine Samariterin. Das klingt für uns heute nach einer geografischen Angabe. Für die Erstleser des Johannesevangeliums war es ein Schlag ins Gesicht aller Erwartungen.

Die Samaritaner – im wissenschaftlichen Sprachgebrauch genauer von den bloßen Bewohnern der Region Samarien zu unterscheiden – waren keine Fremden. Sie verehrten denselben Gott, kannten die Tora. Aber sie hatten einen eigenen Tempel: auf dem Berg Garizim, nicht in Jerusalem. Und das war der Kern des Konflikts. Die Samaritaner als religiöse Gemeinschaft hatten sich, wie die aktuelle Forschung zeigt, in frühnachexilischer Zeit (5./4. Jahrhundert v. Chr.) in der Region Samarien konstituiert und orientierten sich kultisch auf den Garizim, nicht auf Jerusalem.¹

Für Juden der Zeit Jesu waren sie deshalb religiös und gesellschaftlich eine hochproblematische Gruppe. Das Johannesevangelium notiert lakonisch: „Die Juden vermeiden jeden Umgang mit Samaritern.“ (Joh 4,9, BasisBibel)

Jesus macht genau das Gegenteil. Er geht durch Samarien. Er setzt sich. Er redet. Er bittet sogar um Wasser – stellt sich also in eine Position der Bedürftigkeit ihr gegenüber. Das war doppelt skandalös: als Jude, als Mann. Rabbinische Lehrer redeten in der Öffentlichkeit grundsätzlich nicht mit Frauen. Für Jesu Jünger ist die Szene so verstörend, dass der Text eigens vermerkt: „Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau redete.“ (Joh 4,27, BasisBibel)

In dieser Begegnung bricht Jesus gleich drei gesellschaftliche Tabus: Er redet mit einer Frau. Er redet mit einer Samariterin. Und er bittet sie um einen Gefallen. Begegnung beginnt manchmal damit, dass der vermeintlich Stärkere zuerst fragt.


¹ Vgl. WiBiLex – Wissenschaftliches Bibellexikon im Internet, Art. „Samaritaner (NT)“, hg. von der Deutschen Bibelgesellschaft (www.die-bibel.de/wibilex, Abruf: April 2026). Zur Entstehung der samaritanischen Religionsgemeinschaft und ihrer kultischen Ausrichtung auf den Garizim vgl. auch WiBiLex, Art. „Garizim, Heiligtum“ (ebd.).


Exegetische Vertiefung II: Brunnen in der Bibel

Orte der Verheißung und der Verwandlung

Im Alten Testament sind Brunnen keine neutralen Wasserstellen. Sie sind theologisch aufgeladene Orte. Hier passiert gleich etwas Wichtiges.

Drei große Brunnenbegegnungen prägen das kollektive Gedächtnis Israels:

  • Genesis 24: Der Knecht Abrahams findet am Brunnen Rebekka, die zukünftige Frau Isaaks. Eine Begegnung, die eine ganze Geschichte in Gang setzt.
  • Genesis 29: Jakob begegnet am Brunnen Rahel, der großen Liebe seines Lebens. Dies ist auch der Brunnen, an dem Jesus viele hundert Jahre später der Samariterin begegnet.
  • Exodus 2: Mose flieht nach Midian, setzt sich an einen Brunnen und begegnet den Töchtern Jetros. Eine Begegnung, die ihn in sein neues Leben führt.

Das Muster ist immer dasselbe: Man kommt, um Wasser zu holen. Man geht mit etwas ganz anderem. Brunnen sind in der Bibel Orte des Übergangs. Schwellen zwischen dem alten und dem neuen Leben.

Johannes spielt das mit großer Könnerschaft aus. Er weiß, was er tut, wenn er Jesus an einen Brunnen setzt. Die Leserinnen und Leser seiner Zeit hören das sofort: Hier kommt jemand Wichtiges. Hier beginnt etwas Neues.

Und so ist der Brunnen auch ein Bild für das, was in der Seelsorge – und vielleicht in der Therapie – manchmal passiert: Man kommt, um etwas Praktisches zu erledigen. Um zu funktionieren. Und dann passiert etwas ganz anderes. Etwas, mit dem man nicht gerechnet hatte.

Man geht verändert weg. Und lässt den Krug stehen.


Gimbel, Norman / Fox, Charles: Killing Me Softly with His Song. 1971. Erstveröffentlichung: Lori Lieberman, Album Lori Lieberman, Capitol Records, 1972.
Bekannteste Interpretation: Roberta Flack, Album Killing Me Softly, Atlantic Records, 1973.

Podcast: Interpretationssache. Aufnahmen im Vergleich. Mit Roland Kunz. ARD / Saarländischer Rundfunk (SR), 1. Mai 2023. Folge: „Killing Me Softly with His Song“.

Podcast: #100MalMusiklegenden. Mit Markus Dreesen. Folge: „Killing Me Softly – Roberta Flack“. Berlin 26. April 2020.

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