In der Werft, nicht im Palast

Advent und Weihnachten in der Klinik

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein‘ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Ich höre das alte Adventslied in diesen Tagen öfter – im Radio, irgendwo zwischen den Fluren.

Ein Lied aus einer anderen Welt, von draußen, wo Advent stattfindet.

Hier drinnen ist Advent anders.

Weihnachten in der Klinik – das klingt nach Stillstand, nach Verzicht, nach einem Fest, das woanders stattfindet.

Aber das Lied bleibt hängen.

Besonders diese eine Zeile: „Es trägt ein‘ teure Last.“


Mein Schiff

Ich denke an mein eigenes Schiff.

Das Lebensschiff, das mich hierhergebracht hat.

Ramponiert, mit einem Riss im Rumpf, der jetzt sichtbar wird.

Jetzt liegt es hier.
In der Werft.
Aus dem Wasser gehoben.

Was trage ich eigentlich in meinem Schiff?


Die teure Last

Teure Last – das Wort ist altmodisch, aber treffend.

Es meint: kostbar. Wertvoll.

Die Erinnerungen.
Die guten.
Das Lachen, das ich liebe.
Der Morgen, der mir guttat.
Das Gespräch, das mich verstand.

Das alles ist noch da.

Die Menschen.
Die, die mir schreiben.
Die warten.
Die mein Schiff kennen und trotzdem nicht aufgeben.

Die Hoffnungen.
Auch die unerfüllten.
Die Träume von damals, als der Horizont noch weit war.

Sie sind nicht verloren, nur tief vergraben.
Aber sie können wieder ans Licht.

Und ja, auch das Schwere.
Die Narben, die Brüche.
Sie gehören zu mir.
Sie sind Teil der Geschichte.

Und Geschichten können weitergehen.


Im Hafen

Advent in der Klinik.

Das Schiff liegt im Hafen.
Der Anker hält auf festem Grund.

Ich bin nicht mehr im Sturm, nicht mehr allein zwischen Himmel und Wasser.

Angekommen – hier, wo ich nicht sein wollte.

Aber vielleicht ist das der Punkt:

Ankommen heißt nicht, dass alles gut ist.
Es heißt, dass ich nicht mehr treiben muss.

Dass das Schiff gehalten wird.
Dass jemand hinschaut.
Und dass die Reparatur beginnen kann.

Häfen sind keine Endstationen.
Sie sind Durchgangsorte.

Orte, an denen man verschnauft, repariert, neu ausrichtet.

Und dann sticht man wieder in See.


Weihnachten in der Werft

Weihnachten in der Klinik ist anders.

Es ist das Fest, an dem Gott klein wird.
Verletzlich. Im Stroh, nicht im Palast.

Vielleicht ist das der Trost:

Dass Gott genau da geboren wird, wo es nicht perfekt ist.

In der Werft.
Im Provisorium.
Bei mir.

Dieses Weihnachten wird anders.
Aber nicht das letzte.

Es werden andere kommen.

Solche, an denen ich wieder zu Hause bin.
An denen mein Schiff wieder fährt.
An denen die Ladung, die ich hier sortiert habe, mich trägt.


Das Schiff wird fahren

Mein Schiff liegt in der Werft, aber das Wasser ist in Sichtweite.

Das Schiff wird wieder fahren.

Mit seiner teuren Last.
Mit allem, was ich bin – dem Schweren und dem Kostbaren.

Nicht als das alte, unversehrte Schiff.
Sondern als eines, das Stürme kennt.
Das Reparatur erfahren hat.
Und das mich trägt.

Auch an Weihnachten in der Klinik.

Für alle, deren Lebensschiff gerade in der Werft liegt – und für die Weihnachtstage, die noch kommen werden.

Amen.


Quellenhinweis:
„Es kommt ein Schiff, geladen“
Text: Johannes Tauler (zugeschrieben, um 1300–1361) / Daniel Sudermann (1626)
Eines der ältesten deutschen Adventslieder


Fragen zum Nachdenken

Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch.

Was ist die „teure Last“ in Ihrem Lebensschiff –
das Kostbare, das Sie tragen, auch wenn es schwer ist?

Wenn Sie an Ihr Lebensschiff denken:
Welche Reparatur braucht es gerade am dringendsten?


Gebet für die Werft

Gott,

mein Schiff liegt in der Werft.
Ramponiert. Aus dem Wasser gehoben.

Ich wollte nicht hier sein.
Aber hier bin ich.

Du kennst meine teure Last.
Das Kostbare und das Schwere.
Die Erinnerungen und die Narben.
Die Hoffnungen und die Brüche.

Hilf mir zu glauben:
Häfen sind keine Endstationen.
Reparatur ist kein Scheitern.
Und du wirst genau hier geboren –
in der Werft, nicht im Palast.

Lass mein Schiff wieder fahren.
Wenn die Zeit reif ist.
Mit allem, was ich bin.

Amen.


Für alle, die Lust haben auf mehr

Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten.


1. Das Schiff als Symbol für Maria

In der christlichen Tradition wurde Maria als „navis gaudiorum“ – „Schiff der Freuden“ – bezeichnet, weil sie Gottes Sohn in die Welt gebracht hat.

Das Bild stammt aus dem Spätmittelalter: Die Menschen warteten sehnsüchtig auf Handelsschiffe, die aus fernen Ländern Lebensmittel und kostbare Güter brachten.

Der Textdichter hat dieses Bild auf Maria übertragen: Sie ist das Schiff, das Jesus als „himmlischen Schatz“ zu den Menschen bringt.

Inspirierende Frage:
Was könnte es bedeuten, dass auch Sie ein „Schiff“ sind – das etwas Kostbares trägt und zu anderen bringt?


2. „Teure Last“ – kostbar, nicht schwer

Das mittelhochdeutsche Wort „tiure“ bedeutet nicht „schwer“, sondern „kostbar, wertvoll“.

Die „teure Last“ ist also keine Bürde, sondern ein Schatz.

Das Lied singt davon, dass Gottes Sohn selbst die kostbarste Fracht ist, die je ein Schiff getragen hat.

Und vielleicht gilt das auch für uns: Was wir tragen – unser Leben, unsere Geschichten, unsere Menschen – ist kostbar, auch wenn es manchmal schwer ist.

Inspirierende Frage:
Welche Last in Ihrem Leben könnte auch ein Schatz sein?