„Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen.“
— Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter
Es gibt einen Satz, den ich nicht loswerde.
Nicht weil er so schön klingt. Sondern weil er so wahr ist – und weil er mich ertappt.
Rilke schreibt ihn in einem Brief. Kein Gedicht, keine große Rede. Nur ein Satz, der sich festsetzt:
„Man muss den Dingen ihre stille, ungestörte Entwicklung lassen.“
Das passt an vielen Stellen des Lebens. Gerade auch in der Klinik.
Denn genau dort ist die Versuchung am größten.
Zu helfen. Zu erklären. Den Schmerz irgendwohin zu bringen, damit er erträglicher wird – für den anderen, aber vielleicht auch für mich.
Etwas sagen, das stimmt. Etwas tun, das nützt.
Den Augenblick irgendwie in Ordnung bringen.
Aber manchmal ist der Augenblick nicht dazu da, in Ordnung gebracht zu werden.
Jesus erzählt von einem Mann, der Samen auf den Acker wirft.
„Dann schläft er und steht auf, es wird Nacht und wird Tag.
Der Same keimt und wächst – wie, das weiß er selbst nicht.“
(Markus 4,27, Basisbibel)
Wie, das weiß er selbst nicht.
Das ist keine Schwäche. Das ist die Pointe.
Der Mann schläft. Er wartet. Er greift nicht ein.
Das Wachsen geschieht ohne ihn – im Verborgenen, in der Stille, in der Zeit.
Und er lässt es geschehen.
Das ist schwerer als Handeln.
Aushalten, dass man nicht weiß, wie es weitergeht.
Warten, ohne zu wissen, worauf.
Zeit lassen – der eigenen, der des anderen, der des Lebens.
Niemand bringt uns das bei. Es widerspricht allem, was wir gelernt haben.
Aber manchmal ist genau das der Dienst:
Da sein. Ausharren. Nicht weggehen.
Und dem anderen damit sagen, ohne es zu sagen:
Ich lass dir Zeit. Du musst das nicht jetzt.
Am Ende bete ich manchmal mit Worten, die Psalm 131 gehören:
„Ich habe meine Seele beruhigt wie ein gestilltes Kind.“
(Psalm 131,2, Basisbibel)
Nicht: Ich habe sie erklärt.
Nicht: Ich habe sie in Ordnung gebracht.
Beruhigt. Wie ein Kind, das nicht mehr kämpft.
Das einfach ruht.
Vielleicht ist das die tiefste Form des Vertrauens:
Den Dingen – und sich selbst – die stille, ungestörte Entwicklung zu lassen.
© Matthias Schmidt | mitmenschpfarrer.de
Bibelzitate nach der Basisbibel, © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.
Rilke-Zitat: Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, gemeinfrei.