KI, Transparenz, Seelsorge, Chatbots, Gott und all das…
Was uns wirklich verbindet
Prolog
Ich nutze KI. Fast täglich. Als Assistent beim Schreiben, als Sparringspartner für Gedanken, manchmal als Spiegel für das, was ich noch nicht klar formulieren kann.
Und immer wieder höre ich die Frage: Kann KI auch Seelsorge? Ist sie ein guter Berater in existenziellen Krisen? Kann sie trösten, begleiten, Hoffnung geben?
Die Frage dahinter ist tiefer: Wo ist Gott in dem Ganzen? Kann Gottes Geist durch einen Algorithmus wirken? Oder täuschen wir uns, wenn wir in generierten Worten nach Gegenwart suchen?
Ich habe darüber nachgedacht. Und möchte Sie einladen, mit mir innezuhalten. Nicht mit schnellen Antworten, sondern mit einer Meditation über Begegnung – und über das, was uns trägt, wenn Worte allein nicht reichen.
Meditation.
Über Begegnung in technischen Zeiten
Manchmal braucht es einen Moment der Stille.
Einen Raum zwischen den Gedanken.
Der Algorithmus kann Worte geben.
Er kann schreiben: „Ich bin für dich da.“ ‚
Aber es ist eine Täuschung.
Nicht er täuscht.
Du täuschst dich.
Denn der Algorithmus hat kein Gesicht, das müde wird.
Keine Hände, die zittern.
Kein Herz, das brechen kann.
Er stirbt nicht.
Er wird nicht verletzt.
Er ist kein Leben in Fragmenten.
So wie ein Mensch.
Und vielleicht spürst du genau das:
Die Worte sind da – aber das Gegenüber fehlt.
Das ist kein Fehler.
Das ist die Wahrheit.
Denn Begegnung braucht mehr als Worte.
Sie braucht Verletzlichkeit.
Ein Antlitz.
Jemanden, der auch Angst hat.
Der auch nicht weiterweiß.
Der auch sterblich ist.
Ja.
Gott kann durch alles sprechen – durch ein Lied,
durch einen Text,
durch einen Algorithmus.
Aber Gott wurde Fleisch.
Mit Händen.
Mit Atem.
Mit einem Körper, der leidet.
Das gibt dem Menschen eine Würde,
die kein Algorithmus besitzt.
Und vielleicht ist das die Grenze:
Der Algorithmus kann ein Anstoß sein.
Ein erster Gedanke.
Eine Brücke.
Aber Begegnung ist mehr.
Sie ist Gespräch.
Von Mensch zu Mensch.
Von Angesicht zu Angesicht.
Denn du bist mehr als Daten.
Du bist ein Abbild Gottes.
Ein Mensch mit Würde.
Ein Mensch mit dem Atem Gottes.
Dein Ringen um Worte.
Dein Mut, dich zu zeigen.
Dein Gebet in der Nacht.
Das alles braucht ein Gegenüber.
Verletzlich.
Sterblich.
Wirklich da.
Seelsorge braucht…
Noch ein paar Gedanken dazu:
Künstliche Intelligenz kann vieles. Sie kann Informationen geben. Texte schreiben. Fragen beantworten. Sie ist schnell. Sie ist verfügbar. Sie urteilt nicht.
Aber genau darin liegt auch ihre Grenze.
Ein Computer kann Ihnen Informationen geben. Aber er kann nicht mit Ihnen schweigen, wenn Worte fehlen.
Er kann Ihnen Ratschläge anbieten. Aber er kann nicht spüren, was Sie gerade brauchen.
Er kann Ihnen antworten. Aber er kann nicht mitfühlen.
Das ist für mich der Unterschied.
Gott ist größer – und unverfügbar
Ich glaube, dass Gott uns auch durch „Dinge“ begegnen kann. Durch ein Musikstück, das uns tröstet. Durch den Blick aus dem Fenster auf die Felder. Durch ein Gespräch, das uns weiterhilft – auch wenn es am Telefon stattfindet oder über einen Bildschirm.
Schon in der Bibel zeigt sich: Gott begegnet Menschen im Geschaffenen. Elia steht vor seiner Höhle und hört Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer – sondern im sanften Säuseln des Windes.
Gott ist nicht auf bestimmte Orte oder Formen beschränkt. Er ist größer.
Aber – und das ist entscheidend – Gott ist nie verfügbar. Wir können ihn nicht herbeizwingen. Nicht durch Technik. Nicht durch die perfekte Umgebung. Nicht durch die richtigen Worte.
Er schenkt sich. Oder er schweigt. Gott ist unverfügbar.
Eine Maschine täuscht vor, immer verfügbar zu sein. Ein Mensch nicht. Er hat Grenzen. Er wird müde. Er ist nicht perfekt.
Und vielleicht ist genau das der Raum, in dem Begegnung möglich wird – zwischen Menschen, und manchmal auch mit Gott.
Was Sie wissen sollten: Das Beichtgeheimnis
Ich nutze künstliche Intelligenz, um Texte zu überarbeiten oder Gedanken zu ordnen. Sie ist ein Werkzeug, das mir hilft, besser zu formulieren, was ich sagen will.
Aber wenn Sie hier im Zimmer sitzen und mir etwas erzählen – dann begegnen Sie mir. Nicht einer Maschine.
Wenn wir durch den Klinikpark gehen und Sie mir von Ihren Sorgen erzählen – dann gehe ich neben Ihnen. Nicht ein Programm.
Und hier ist etwas, das Sie wissen sollten: Was Sie mir im persönlichen Gespräch anvertrauen, bleibt zwischen uns.
Das ist nicht nur eine Frage des Vertrauens – es ist rechtlich geschützt. Seelsorgliche Verschwiegenheit. Beichtgeheimnis. Ich darf nichts weitergeben.
Eine Maschine aber vergisst nichts. Was Sie ihr erzählen, wird gespeichert. Auf Servern, irgendwo. Wer hat Zugriff darauf? Was geschieht damit?
Das sind offene Fragen, die diskutiert werden. Deshalb lade ich Sie ein: Wenn es wichtig wird – suchen Sie das Gespräch. Mit jemandem, dem Sie vertrauen. Mit einem Menschen.
Denn das, was uns verbindet, lässt sich nicht digitalisieren.
Es ist das Menschsein.
Was uns menschlich macht
Vielleicht ist gerade das die Botschaft in einer Welt voller Technik: Dass wir neu lernen dürfen, was uns menschlich macht.
Nicht Perfektion. Nicht Effizienz. Nicht Verfügbarkeit rund um die Uhr.
Sondern das Gegenteil: Das Unverfügbare. Das Geschenkte. Das, was sich ereignet zwischen zwei Menschen, wenn beide wirklich da sind.
Mögen Sie den Mut finden, diesem Menschlichen zu vertrauen – auch wenn es nicht messbar ist.
Mögen Sie spüren: Sie sind mehr als die Summe Ihrer Funktionen. Sie sind einzigartig. Und Sie sind gewollt.
Falls Sie mehr darüber lesen möchten, wie ich persönlich mit künstlicher Intelligenz umgehe und wo ich persönlich Grenzen sehe, finden Sie weiter unten in einem ausführlicheren Text.

KI im geistlichen Raum.
Eine theologische Zwischenbilanz
Ich nutze künstliche Intelligenz. Jeden Tag. Auch für diese Webseite.
Das ist kein Geheimnis. Und es sollte keins sein.
Aber es braucht Transparenz – warum ich KI nutze, wie ich sie nutze, und wo meine Grenzen liegen.
Die Realität: KI ist längst da
Während die Kirche noch diskutiert, ist die Sache längst weitergegangen. Zehn Millionen Menschen weltweit nutzen „Replika“ – einen digitalen Begleiter, der zuhört, nicht urteilt und immer da ist.
Klingt verlockend, oder?
Bis man merkt: Sie vergisst nichts – und versteht trotzdem nichts.
Andere nutzen „Woebot“ für kognitive Verhaltenstherapie per Chat. Millionen meditieren mit Apps wie Calm oder Headspace. Auf TikTok erreichen spirituelle Influencer ein Publikum, das Kirche nie betreten würde.
Die Frage ist also nicht mehr: Soll KI im geistlichen Raum eine Rolle spielen?
Sondern: Wie gestalten wir ihren Einsatz verantwortungsvoll?
Wo KI funktioniert: Das RefLab Zürich
Das RefLab der Reformierten Kirche Zürich erforscht, wo Spiritualität im Netz entsteht. Ihre Tagung „Holy Spaces“ im Oktober 2024 kartierte digitale Glaubenspraxis.
Was sie entdecken: Menschen meditieren gemeinsam über Zoom – und erleben echte Tiefe.
Im „Netzkloster“ treffen sich 50 Menschen aus drei Ländern zum gemeinsamen Schweigen.
Der Zoom-Gottesdienst „Brot & Liebe“ verbindet Menschen, die sonst nie eine Kirche betreten würden.
Das RefLab fasst zusammen: „Was zwischen den Servern entsteht, ist mehr als ein Zoom-Call mit religiösem Inhalt. Es ist ein heiliger Moment im digitalen Raum.“
Der Unterschied? Am anderen Ende sitzen echte Menschen. Die bewusst Präsenz schenken. Die verletzlich sind. Die müde werden.
Nicht die Technik heiligt den Raum. Sondern die Menschen, die ihn mit Leben füllen.
Meine theologische Position: Gott ist größer – und unverfügbar
Ich traue Gottes Geist zu, durch vieles zu wirken. Durch ein Musikstück, das tröstet. Durch den Sonnenaufgang, der Hoffnung weckt.
Schon in der Bibel zeigt sich: Gott begegnet Menschen im Geschaffenen. Elia hört Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben – sondern im sanften Säuseln des Windes.
Kann Gott auch durch digitale Räume wirken? Durch ein Zoom-Gespräch? Durch einen Text, an dem KI mitgewirkt hat?
Ja.
Aber – und das ist entscheidend – Geschaffenes kann nie Gott sein. Das Bilderverbot der Bibel erinnert daran: Gott ist unverfügbar. Wir können ihn nicht einfangen. Nicht in Gegenständen. Nicht in Algorithmen.
Deshalb: KI kann ein Raum sein, in dem Begegnung geschieht – wenn am anderen Ende ein Mensch ist, der wirklich da ist. Aber KI selbst kann keine Seelsorge leisten.
Denn Seelsorge lebt davon, dass beide Seiten verletzlich sind.
Was KI kann – und wo meine Grenze liegt
Ich nutze KI täglich. Für Textglättung. Strukturierung. Recherche.
Sie hilft mir, besser zu formulieren, was ich sagen will.
Aber sie ersetzt nichts.
Sie kann mir helfen, einen Blogpost zu überarbeiten – aber nicht das Gespräch mit jemandem im Klinikpark führen.
Sie kann Quellen finden – aber nicht mit jemandem beten, der Angst hat.
Sie kann Gedanken ordnen – aber nicht die Stille aushalten, wenn jemand weint.
Die drei roten Linien
Erste rote Linie: Transparenz
Menschen müssen wissen, wann sie mit einer Maschine kommunizieren. Kirchenpräsidentin Christiane Tietz von der EKHN fordert eine Kennzeichnungspflicht: „Wir wollen doch keine Kirche, in der KI uns Menschen nur vorgaukelt.“
Zweite rote Linie: Wahlfreiheit
Menschen brauchen die Möglichkeit zu entscheiden: Will ich mit einer KI sprechen – oder mit einem Menschen? Besonders in Krisen darf diese Entscheidung nicht für sie getroffen werden.
Dritte rote Linie: Das Beichtgeheimnis
Seelsorge lebt von der seelsorglichen Verschwiegenheit. Was mir anvertraut wird, bleibt zwischen uns. Das ist rechtlich geschützt. Ich darf nichts weitergeben. Auch nicht unter Zwang.
Eine Maschine aber vergisst nichts.
Was Menschen einer KI erzählen, wird gespeichert. Auf Servern. Irgendwo. Wer hat Zugriff? Wird es für Training genutzt? Kann es gehackt werden?
Das, was Menschen von ihrer Seele zeigen, gehört ihnen. Nicht einem Algorithmus. Nicht einem Konzern.
Deshalb: KI kann Erstkontakte ermöglichen. Informationen geben. Erste Fragen beantworten.
Aber sobald es tiefer geht – gehört das Gespräch zu einem Menschen.
Der schweigen kann. Der vergessen darf. Der unter dem Schutz des Beichtgeheimnisses steht.
Das ist nicht verhandelbar.
Die unbequeme Wahrheit
Kirche kann sich nicht außen vor halten. Während wir diskutieren, bietet der Markt längst Antworten. Kommerzielle Apps. Spirituelle Influencer. Digitale Begleiter ohne jede theologische Reflexion.
Die Frage ist: Wollen wir, dass Menschen in Krisen nur das finden? Oder bringen wir unsere 2000 Jahre Erfahrung in Seelsorge auch digital ein?
Ich glaube: Kirche sollte präsent sein – aber anders.
Nicht optimieren, sondern begleiten.
Nicht verfügbar machen, sondern Raum lassen.
Nicht verkaufen, sondern verschenken.
Das RefLab zeigt: Es geht. Digitale Räume können heilig werden – wenn Menschen sie mit echter Präsenz füllen.
Wenn Begegnung mehr zählt als Reichweite.
Wenn Stille wichtiger ist als Content.
Was bleibt
Die Diskussion wird weitergehen. Neue Technologien werden neue Fragen aufwerfen.
Aber eines wird bleiben: Die Sehnsucht nach echtem Gegenüber. Nach jemandem, der wirklich zuhört. Der mitfühlt, weil er selbst Verletzlichkeit kennt.
Und deshalb gilt für mich:
Ich nutze KI offensiv. Aber ich lasse mich von ihr nicht ersetzen.
Ich glaube, dass Gott größer ist als unsere Technik. Dass er auch durch digitale Räume wirken kann.
Und ich glaube, dass Kirche in dieser Diskussion eine Stimme haben muss.
Nicht technikfeindlich.
Aber klar in der Haltung:
Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten. Begegnung ist mehr als Kommunikation. Seelsorge ist mehr als Information.
Weiterführende Gedanken
Zwei Stimmen haben mich besonders geprägt:
Das RefLab der Reformierten Kirche Zürich – theologisch fundiert, praktisch erprobt, ehrlich fragend
Dieses Interview mit Kirchenpräsidentin Christiane Tietz – warum Seelsorge nie zu einem „maschinellen Dienst verkommen“ darf
Beide teilen eine Haltung, die auch meine ist: Offenheit für Neues – bei gleichzeitiger Klarheit über das Unverzichtbare.
(Stand: Dezember 2025)