Nicht allein am unruhigen Wasser

Bridge over troubled water -
Wenn das Wasser unruhig wird, brauchen wir nicht zuerst die richtigen Antworten. Trost kann darin liegen, dass Menschen einander nicht ausweichen. Eine Predigt über das Mitweinen, das Bleiben und Gottes Blick.

  • Predigttext: Römer 12,9–18, besonders Vers 15
  • Leitvers: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“
  • Musikalischer Bezug: Simon & Garfunkel, Bridge Over Troubled Water
  • Leitgedanke: Trost ist nicht zuerst die Lösung eines Problems. Er beginnt dort, wo ein Mensch mit seiner Angst, seiner Müdigkeit und seinen Tränen nicht allein bleiben muss.

Ein Lied, das eine Geschichte trägt

Es gibt Lieder, die tragen eine ganze Geschichte in sich. Bridge Over Troubled Water ist so ein Lied. Paul Simon schreibt es 1969, zunächst nur mit wenigen Zeilen und einer Melodie. Er hört damals viel Gospelmusik, besonders die Swan Silvertones. Von dort kommt das Bild der Brücke über tiefem Wasser.

Dann wird aus dem Lied etwas Großes. Art Garfunkel singt es – zunächst fast nüchtern, nur begleitet vom Klavier. Später kommen Streicher dazu, die Stimme hebt sich, das Lied wird weit. Aus einer einfachen Zusage wird eine Hymne:

Wenn du müde bist, wenn die Zeiten hart werden, wenn niemand da zu sein scheint – ich bin auf deiner Seite.

Und doch ist das Lied nicht einfach nur schön. Es ist die große Zusage eines Menschen an einen anderen: Ich trage dich. Ich lasse dich nicht allein. Wie eine Brücke will ich für dich da sein.

  • Wer möchte das nicht hören?
  • Und wer könnte es einem anderen Menschen wirklich versprechen?

Vielleicht berührt uns das Lied gerade deshalb so tief. Weil wir wissen, wie selten es ist, dass jemand bleibt. Nicht mit einem klugen Rat. Nicht mit einer schnellen Erklärung. Sondern wirklich da.

Silver Girl

Und dann gibt es noch diese dritte Strophe. Paul Simon schreibt sie erst im Studio. Seine Frau Peggy Harper hat erste graue Haare entdeckt. Eine kleine Erschütterung vielleicht. Ein Moment, in dem die Zeit sichtbar wird.

Simon macht daraus keinen Trostspruch. Er sagt nicht: Ach, das ist doch nicht schlimm. Er nennt sie „Silver Girl“ – silbernes Mädchen.

„Segle los über die stürmische See des Lebens.
Deine große Zeit liegt vor dir.“

In diesem Namen liegt etwas Zärtliches.

  • Die Zeit wird nicht geleugnet.
  • Aber sie bekommt ein anderes Licht.

Vielleicht ist das schon eine Art von Trost: dass jemand hinsieht auf das, was sich verändert. Dass er nicht davonredet. Dass er sagt: Ich sehe dich. Auch jetzt. Gerade jetzt.

Ein kleiner Satz von Paulus

Paulus schreibt im Römerbrief einen Satz, der viel kleiner klingt als dieses große Lied. Aber vielleicht ist er gerade darum so wahr:

„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“

Paulus schreibt diese Worte nicht in eine heile Welt. Die Gemeinde in Rom kennt Unterschiede, Spannungen und Verletzungen. Und Paulus weiß: Liebe zeigt sich nicht zuerst in großen Gefühlen.

Sie zeigt sich darin,

  • ob die Freude eines anderen mich noch erreichen darf, ohne dass ich neidisch werde;
  • ob seine Tränen Platz haben, ohne dass ich ungeduldig werde;
  • ob ich einen Menschen nicht sofort auf das festlege, was mit ihm gerade nicht stimmt.

„Weint mit den Weinenden.“ Das ist kein Auftrag, in den Schmerz eines anderen hineinzufallen. Es heißt auch nicht, dass ich verstehen muss, was ein anderer Mensch durchmacht.

Manches kann ich nicht verstehen. Wie sollte ich auch wissen, wie es ist, mit diesem Befund zu leben, diesen Menschen zu vermissen, diese Nacht nicht durchzuschlafen?

Ein Ort für die Weinenden

Vielleicht kennen manche von uns diese Erfahrung: Jemand ist da. Nicht, weil er wüsste, was zu sagen wäre. Nicht, weil auf einmal alles leichter würde. Aber er geht nicht gleich wieder fort.

Und für einen Augenblick muss man selbst nicht so tun, als hätte man alles im Griff.

Paulus macht aus dem Weinen keine Aufgabe.

  • Er sagt nicht: Werdet stark, damit ihr andere tragen könnt.
  • Er sagt auch nicht: Macht aus eurem Schmerz etwas Gutes.
  • Er sagt: „Weint mit den Weinenden.“

Das heißt zuerst: Es gibt einen Ort für die Weinenden. Einen Ort, an dem niemand sich zusammenreißen muss, um dazuzugehören.

Vom Ich zum Wir

Vielleicht hören wir an dieser Stelle auch das Lied noch einmal anders. Dort singt einer: Ich bin auf deiner Seite. Ich will für dich da sein wie eine Brücke über unruhigem Wasser.

Das Lied gibt der Sehnsucht eine Stimme: dass da einer ist, der nicht fortgeht, wenn es dunkel wird.

Paulus macht aus diesem „Ich“ ein „Wir“.

  • Er erwartet nicht, dass ein einzelner Mensch alles tragen kann.
  • Er entwirft eine Gemeinschaft, in der Menschen einander nicht ausweichen.
  • Sie freuen sich miteinander.
  • Sie weinen miteinander.
  • Sie bleiben einander zugewandt.

Vielleicht wird das Lied gerade so wahr. Nicht, weil einer von uns für alle anderen die große Brücke sein müsste. Sondern weil niemand allein am unruhigen Wasser stehen soll.

Wenn die Kräfte nicht reichen

Gerade hier, wo Krankheit und Sorge so nahe sind, ist das keine Kleinigkeit. Denn wer krank ist, erlebt oft genug, dass der eigene Körper nicht einfach mitmacht. Dass die Kräfte nicht reichen. Dass man müde wird von Fragen, von Untersuchungen, von der Sorge anderer und manchmal auch von der eigenen Angst.

Vielleicht liegt die Entlastung dieses Satzes darin:

  • Du musst jetzt nicht die Trösterin sein.
  • Du musst nicht tapfer wirken.
  • Du musst auch nicht hoffnungsvoll genug sein.
  • Du darfst die weinende Person sein.

Und dein Weinen ist nicht das Ende der Gemeinschaft.

Die Brücke bleibt

So verändert sich vielleicht auch das Bild aus dem Lied. Eine Brücke über unruhigem Wasser trägt nicht, weil sie die richtigen Worte findet. Sie trägt, weil sie an ihrem Platz bleibt, während das Wasser unruhig ist.

  • Sie macht die Strömung nicht harmlos.
  • Sie redet sie nicht klein.
  • Aber sie ist da.

Und manchmal ist das alles, was wir brauchen können: nicht eine Antwort, nicht eine Erklärung, nicht den nächsten Schritt schon vor Augen.

Nur dies: Dass wir mit dem, was uns erschöpft, traurig macht oder Angst macht, nicht aus Gottes Blick fallen.

Eine leise Hoffnung

„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“

Vielleicht ist das die leise Hoffnung dieses Satzes: Wir müssen einander nicht über das unruhige Wasser hinwegtrösten. Aber wir können uns darin finden.

Das Lied lässt einen einzelnen Menschen singen: „Ich bin auf deiner Seite.“ Paulus gibt diese Zusage einer ganzen Gemeinschaft in die Hand:

  • Freut euch miteinander.
  • Weint miteinander.

Und wenn wir selbst gerade keine Kraft haben, jemandem eine Brücke zu sein, dann dürfen wir die sein, die getragen werden.

Auch dann gehören wir dazu. Auch dann fallen wir nicht aus Gottes Blick.

Amen.


Römer 12,9–18, besonders die Verse 15 und 18

BasisBibel: Römer 12 online lesen

BasisBibel, © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart



Quellen und Hinweise

Musikaufnahme: Simon & Garfunkel: „Bridge Over Troubled Water“. Geschrieben von Paul Simon; gesungen von Art Garfunkel. Auf: Bridge Over Troubled Water. Columbia Records, 1970.

Zum Hintergrund des Liedes: Die dritte Strophe mit dem Bild der „Silver Girl“ bezieht sich nach einer von Paul Simon berichteten Auskunft auf seine damalige Ehefrau Peggy Harper und deren erste graue Haare. Berklee College of Music: Anatomy of a Classic Song



Weitergehen – für mich

Vielleicht magst du einer dieser Fragen Zeit geben. Nicht, um schnell zu einer Antwort zu kommen. Sondern um wahrzunehmen, was gerade da ist.

Erinnerst du dich an einen Moment, in dem jemand nichts lösen konnte – aber geblieben ist? Was hat dir daran gutgetan?

Wo in deinem Leben musst du gerade nicht die Brücke für andere sein? Wer oder was darf dich selbst tragen?

Wenn ein Mensch, der dir wohlgesonnen ist, auf deine Müdigkeit oder deine Tränen schaut: Was könnte er sehen, das du selbst gerade übersiehst?



Weiterdenken – für die Gesprächsgruppe

Nicht erst die richtigen Worte finden

Paulus reiht in Römer 12 keine großen Gefühle aneinander, sondern Formen eines gemeinsamen Lebens: aufrichtige Liebe, Hoffnung, Geduld in Bedrängnis, Gebet, Gastfreundschaft. Mitten darin steht der Satz: „Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden.“

Das Wort „mit“ ist hier entscheidend. Paulus fordert nicht, den Schmerz eines anderen zu übernehmen. Er verlangt auch nicht, ihn zu verstehen oder zu beheben. Aber die Gemeinde soll ein Ort sein, an dem Freude und Tränen nicht versteckt werden müssen.

Gesprächsfrage: Woran merken Menschen in einer Gruppe oder Gemeinde, dass sie mit ihrer Freude und mit ihrem Schmerz wirklich Platz haben?

Kleine Übung: Sammelt miteinander nicht zuerst gute Ratschläge, sondern Sätze, die Nähe ausdrücken können, ohne etwas kleinzureden. Zum Beispiel: „Ich bin da.“ – „Du musst das jetzt nicht erklären.“ – „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber ich gehe nicht weg.“

Frieden, soweit es möglich ist

Vers 18 setzt eine wichtige Grenze: „Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt.“

Paulus weiß offenbar: Frieden ist nicht immer herstellbar. Er hängt nicht nur von einer Person ab. Der Satz entlastet. Niemand muss eine zerbrochene Beziehung allein heilen. Niemand muss um des Friedens willen in einer Situation bleiben, die verletzt oder gefährdet.

Und doch bleibt die Frage offen: Was liegt in meiner Hand? Wo kann ich einen Schritt aus der Feindschaft herausgehen, ohne mich selbst zu verlieren?

Gesprächsfrage: Wie unterscheidet ihr zwischen einem Frieden, der trägt, und einem Frieden, der nur das Schweigen über etwas Schweres bedeutet?



Innehalten – am unruhigen Wasser

Vielleicht sitzt du jetzt nicht an einem wirklichen Wasser.

Und doch kennst du das unruhige Wasser. Die Gedanken, die nicht still werden. Die Sorge, die nachts größer wird. Die Müdigkeit, die niemand sieht.

Atme ein.

Und langsam wieder aus.

Du musst jetzt nichts erklären. Du musst nicht stark sein. Du musst auch nicht wissen, wie es weitergeht.

Gott, du siehst, was mich erschöpft. Du siehst die Tränen, die ich zeige. Und auch die, die ich zurückhalte.

Schenke mir einen Menschen, bei dem ich nicht tapfer wirken muss.

Und wenn heute niemand da ist: Bleib du bei mir.

Nicht mit einer schnellen Antwort. Nicht mit einem Weg, den ich schon erkennen müsste.

Bleib bei mir, während das Wasser unruhig ist.

Amen.