Eine Predigt zu Psalm 139,13-18
📖 Psalm 139,13-18 (BasisBibel)
Ja, du hast meine Nieren geschaffen,
mich im Bauch meiner Mutter gebildet.
Ich danke dir und staune,
dass ich so wunderbar geschaffen bin.
Ich weiß, wie wundervoll deine Werke sind.
Nichts war dir unbekannt am Aufbau meines Körpers,
als ich im Verborgenen geschaffen wurde –
ein buntes Gewebe in den Tiefen der Erde.
Ich hatte noch keine Gestalt gewonnen,
da sahen deine Augen schon mein Wesen.
Ja, alles steht in deinem Buch geschrieben:
Die Tage meines Lebens sind vorgezeichnet,
noch ehe ich zur Welt gekommen bin.
Wie kostbar sind für mich deine Gedanken, Gott!
Wie zahlreich sind sie doch in ihrer Summe!
Wollte ich sie zählen: Es sind mehr als der Sand.
Würde ich erwachen: Noch immer bin ich bei dir.
„Ich kann das nicht sagen“
Vor einigen Monaten erzählte mir eine Patientin
im Anschluss an das Abendgebet,
wie gut ihr das tut.
Aber es gibt eine Stelle,
die für sie schwer ist.
Wenn beim Gebet gesagt wird:
„Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin“,
dann kann sie einfach nicht mitsprechen.
Wie soll man „wunderbar“ sagen,
wenn der eigene Körper nicht mehr mitmacht?
Wenn nichts mehr funktioniert, wie es soll?
Wenn man sich selbst fremd geworden ist?
Was sieht Gott, wenn er uns ansieht?
Der Psalmsänger –
denn ursprünglich war dieses Gebet ein Gesang –
wagt in unserem Bibeltext eine ungewöhnliche Formulierung.
Er schaut zurück an den Anfang, in die Zeit vor der Zeit.
Und er entdeckt dort etwas Erstaunliches:
„Noch unfertig erblickten mich deine Augen.“
Das hebräische Wort, das hier steht, heißt golem.
Es bedeutet wörtlich: das noch nicht Ausgeformte.
Die ungeformte Masse. Der Embryo.
Gott sieht uns, bevor wir fertig sind.
Bevor wir Gestalt annehmen.
Bevor wir irgendetwas leisten können.
Und was tut Gott mit diesem unfertigen Wesen?
Er webt es.
Er stickt es kunstvoll.
Er formt es mit der Sorgfalt eines Künstlers.
„Du hast mich gewebt im Leib meiner Mutter“, sagt der Psalm.
Nicht gehämmert, nicht gegossen, nicht konstruiert.
Gewebt.
Wie einen kostbaren Stoff.
Mit unendlicher Geduld.
Die Revolution des Unfertigen
Hier liegt das Besondere dieses Textes:
Gott wartet nicht, bis wir fertig sind, um uns zu lieben.
Er liebt das Unfertige.
Er sieht Schönheit im Prozess, nicht erst im Produkt.
„Meine Knochen waren nicht vor dir verborgen“, heißt es weiter.
Die Knochen – das Gerüst, die Struktur, das, was uns Halt gibt.
Gott kennt unser Gerüst.
Er weiß, wo es brüchig ist.
Wo alte Brüche schlecht verheilt sind.
Wo die Statik wackelt.
Und wo wir stark sind.
Und trotzdem – nein, gerade deswegen – sagt der Psalmsänger diese unglaublichen Worte:
„Ich danke dir, dass ich auf erstaunliche Weise wunderbar geschaffen bin.“
Nicht: Ich werde wunderbar sein, wenn…
Nicht: Ich war mal wunderbar, bevor…
Sondern: Ich BIN wunderbar geschaffen.
Jetzt.
So.
Unfertig.
Und wenn Sie das nicht sagen können?
Wenn Sie das heute nicht sagen können?
Wenn sich alles in Ihnen dagegen sträubt?
Dann ist das auch heilig.
Dann dürfen Sie schweigen, wo andere sprechen.
Dann spricht Gott vielleicht gerade in Ihrem Schweigen.
Denn „wunderbar“ heißt hier ja gerade nicht: perfekt.
Das hebräische Wort bedeutet eigentlich: zum Staunen.
Etwas, das einen innehalten lässt.
Etwas, das man nicht gleich versteht.
Sie sind zum Staunen.
Nicht weil alles an Ihnen stimmt.
Sondern weil Sie ein Geheimnis sind.
Ein heiliges Rätsel.
Manchmal auch für sich selbst.
Wo wohnt das Heilige?
Wir suchen das Heilige oft in der Perfektion.
Im gesunden Körper.
Im starken Glauben.
Im geordneten Leben.
Aber dieser Psalm erzählt eine andere Geschichte.
Das Heilige wohnt im Verborgenen.
„Als ich im Verborgenen gemacht wurde“, sagt der Text.
Das Heilige braucht kein Scheinwerferlicht.
Es braucht keine Bühne.
Es entsteht im Verborgenen, im Unfertigen, im Verletzlichen.
Ihre Nieren, sagt der Psalm, hat Gott gebildet.
Warum betont er gerade die so sehr?
Nun, in der Vorstellungswelt der Antike
waren die Nieren – auf Hebräisch kilyot – der Ort der Gefühle.
Wo Angst sitzt und Sehnsucht.
Die Hoffnung und das Staunen.
Auch das hat Gott geformt.
Auch das ist Teil des Gewobenen.
Sie müssen nicht fertig werden
Gott wartet nicht auf Ihre Fertigstellung.
Er ist jetzt schon da.
Sie müssen sich nicht erst fertig machen.
Sie müssen auch nicht „wunderbar“ sagen können.
Sie sind geliebt im Werden.
Nicht trotz Ihrer Unfertigkeit.
Sondern in ihr.
Sie sind kein Projekt, das repariert werden muss.
Sie sind ein Mensch, der geliebt wird.
Genau so.
In Ihrer heiligen Unfertigkeit.
Und Gott, der Weber, legt die Fäden nicht aus der Hand.
Er webt weiter.
Zärtlich.
Geduldig.
An seinem heiligen Unfertigen.
An Ihnen,
an Dir,
an mir.
Amen.
Quellenhinweis:
Psalm 139,13-18 nach BasisBibel.
Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Online: www.die-bibel.de
Fragen zum Nachdenken
Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch.
Wo in Ihrem Leben spüren Sie gerade
das „Unfertige“ – und wo könnte darin
auch etwas Heiliges liegen?
Gibt es einen Teil von Ihnen,
den Sie als „nicht wunderbar“ empfinden?
Was würde sich ändern, wenn Gott
gerade diesen Teil mit Liebe ansieht?
Meditativer Nachklang
Gott, du Weber,
du hast mich gewoben
mit unendlicher Geduld.
Du siehst mich unfertig
und liebst mich trotzdem –
nein: gerade so.
Hilf mir, mich anzunehmen
in meiner heiligen Unfertigkeit.
Lass mich spüren:
Ich muss nicht fertig sein,
um geliebt zu werden.
Ich bin dein Werk.
Jetzt. So.
Amen.
Für alle, die Lust haben auf mehr
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten.
1. Das Wort golem (V. 16)
Das hebräische Wort golem kommt in der ganzen Bibel nur ein einziges Mal vor – hier in Psalm 139,16.
Es bedeutet „das noch nicht Ausgeformte“.
Später wurde daraus in der jüdischen Mystik die Legende vom Golem – einer Figur aus Lehm, die durch göttliche Kraft zum Leben erweckt wird.
Aber hier, in Psalm 139, ist golem kein Monster.
Es ist ein Kosename Gottes für uns.
„Mein Unfertiges“, sagt Gott.
„Mein noch nicht Ausgeformtes.“
Inspirierende Frage:
Was wäre, wenn Gott Sie gerade in Ihrer Unfertigkeit am liebsten hat?
2. Die Nieren als Sitz der Gefühle (V. 13)
Im Hebräischen heißen die Nieren kilyot.
In der antiken Vorstellungswelt waren sie der Sitz der innersten Gefühle – ähnlich wie wir heute vom „Herzen“ sprechen.
Wenn Gott die Nieren „gebildet“ hat, dann hat er auch unsere Gefühlswelt geformt:
die Angst, die Sehnsucht, die Hoffnung, das Staunen.
Auch das ist „wunderbar geschaffen“.
Inspirierende Frage:
Welche Gefühle tragen Sie gerade in sich – und könnten auch sie Teil des „Gewobenen“ sein?