Auch Liebe braucht Pause
Sie sitzen am Bett eines Menschen, der Ihnen nahesteht. Die Zeit scheint stillzustehen – und gleichzeitig rast sie davon. Sie möchten jeden Moment nutzen, jedes Wort hören, jeden Atemzug teilen. Und doch spüren Sie, wie Ihre eigenen Kräfte schwinden.
Das ist kein Versagen. Das ist Menschsein.
Die Erlaubnis zum Gehen
Es ist nicht nur erlaubt, das Zimmer zu verlassen – es ist notwendig. Nach Hause gehen. Spazieren gehen. Duschen, essen, schlafen. Ihre Liebe misst sich nicht an der Anzahl der Stunden am Bett. Sie misst sich an der Qualität Ihrer Präsenz, wenn Sie da sind.
Der persische Mystiker Rumi schrieb einmal sinngemäß: Geh hinaus und lebe. Diese Erlaubnis gilt auch für Sie – gerade jetzt.
Was der Alltag trägt
Gehen Sie nach Hause. Öffnen Sie die Fenster. Machen Sie sich einen Tee. Setzen Sie sich in Ihren Lieblingssessel. Diese einfachen Handlungen sind keine Flucht. Sie sind Anker in einer Zeit, die alle Gewissheiten ins Wanken bringt.
Das Leben kennt seit jeher den Rhythmus von Nähe und Rückzug. Einatmen und Ausatmen. Hingabe und Stille. Auch Ihre Begleitung darf diesem Rhythmus folgen. Sie müssen nicht rund um die Uhr stark sein. Sie dürfen weinen. Sie dürfen müde sein. Sie dürfen überfordert sein.
Die Stille zwischen den Besuchen
Wenn Sie eine Pause machen, entsteht Raum. Raum für Gedanken, die im ständigen Wachen keinen Platz finden. Raum für Erinnerungen an schöne gemeinsame Zeiten. Raum für die Dankbarkeit, die neben der Trauer wohnt.
Diese Pausen sind keine Untreue. Sie sind ein Geschenk – an Sie beide.
Wir sind da, wenn Sie nicht da sind
Das Hospizteam wacht, wenn Sie schlafen. Begleitet, wenn Sie eine Pause brauchen. Ihr Mensch ist nicht allein, auch wenn Sie gerade nicht da sind. Vertrauen Sie darauf.
Und wenn die Schuldgefühle kommen – sprechen Sie mit uns. Mit der Seelsorge. Mit dem Team. Ihre Sorgen sind uns nicht fremd. Wir haben sie schon oft gehört. Sie sind alle berechtigt.
Ein Segen für den Weg
Mögen Sie die Erlaubnis spüren, gut für sich zu sorgen. Mögen Sie den Mut finden, um Hilfe zu bitten. Mögen Sie wissen: Ihre Fürsorge für sich selbst ist keine Gleichgültigkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Sie bis zum Ende liebevoll da sein können.