Sich von Gott finden lassen

Wie finde ich Gott? Oder: Wie kann Gott mich finden?

„Wie finde ich Gott?“

Wenn mir jemand diese Frage stellt, spüre ich dahinter oft eine tiefe Sehnsucht. Eine Sehnsucht danach, dass etwas heil wird. Dass ich gewollt bin. Geliebt. Nicht weil ich etwas leiste, sondern weil ich bin.

Ich glaube, diese Sehnsucht ist etwas ganz Entscheidendes. Sie ist der Anfang. Sie ist das, was uns in Bewegung setzt – auch wenn wir noch nicht genau wissen, wonach wir suchen. Und es ist gut, wenn wir diese Sehnsucht nicht zum Schweigen bringen oder ihre Stimme überhören. Und auch nicht nach schnellen Antworten suchen.

Kein Patentrezept

„Was muss ich tun? Wie geht das mit dem Glauben?“

Ich kann kein Patentrezept geben. Kein Rezept, das immer und überall funktioniert.

Ich kann davon erzählen, wie meine Geschichte mit Gott war. Aber es ist meine Geschichte. Nicht die meines Gegenübers.

Und es gibt auch keinen Trick, keine Psychotechnik, keine spirituellen Übungen, die Gott herbeizwingen.

Aber es gibt zwei Gedanken, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte.

Gott sucht uns

Zunächst: Was mir im Laufe des Lebens klar geworden ist: Ich glaube, dass es eine Sehnsucht Gottes nach uns Menschen gibt. Dass Gott uns sucht.

Es gibt eine kleine Geschichte, die Jesus erzählt hat. Sie handelt von einem Menschen, der eine kostbare Perle findet. Und er gibt alles, was er besitzt, um diese kostbare Perle zu besitzen. (Matthäus-Evangelium, 13,45-46)
Wir denken oft, diese Geschichte handelt von einem Menschen und seiner spirituellen Suche, für die er alles opfert.
Ich glaube, diese Geschichte handelt von Gott, der Sehnsucht hat nach uns. Wir sind kostbar für ihn. Er sucht uns mit Leidenschaft.

Ein Kollege erzählte, wie eine Pflegerin zu ihm sagte: „Sie bringen den Herrn Jesus zu den Menschen.“ Und er antwortete: „Nein, er ist schon da.“

Das hat mir gefallen. Gott ist schon lange da, bei uns Menschen. Gott ist schon da. Immer schon. Bevor ich komme. Bevor ich das Zimmer betrete. Bevor ich etwas sage. Ich bringe ihn nicht mit in meinem Handgepäck. Ich bin nur da, um ihn zu bezeugen. Um mit den Menschen zusammen zu schauen, wo er schon ist.

Von außen nach innen

Ein zweiter Gedanke: Fulbert Steffensky schreibt: „Der Mensch lebt nicht nur von innen nach außen, sondern auch von außen nach innen.“

Lassen Sie mich das erklären.

Wir denken, der Glaube müsse in uns wachsen, aus unserem Inneren heraus. Wir denken, wir müssten erst fühlen, dass Gott da ist, bevor wir uns auf ihn einlassen können. Wir warten auf die große Erleuchtung. Auf den einen Moment, in dem plötzlich alles klar wird. In dem wir durch ein Argument überzeugt werden oder durch eine innere Stimme Gewissheit bekommen.

Aber Steffensky sagt: Es geht auch andersherum. Der Glaube wächst nicht nur von innen nach außen. Er wächst auch von außen nach innen. Wir lesen unsere Innerlichkeit auch am Äußeren ab – an den Zeichen, Formen und Bräuchen, die wir unserem Leben geben.

Ich muss nicht warten, bis ich innerlich bereit bin. Ich kann mir Räume schaffen, in denen Gott mir begegnen kann. Ich kann meinem Glauben eine Form geben, bevor ich ihn ganz verstanden habe. Ich kann Rituale ausprobieren, bevor ich weiß, ob sie mir helfen.

Durch das äußere Leben wächst die innere Welt.

Warum Rituale?

Warum sind Rituale so wichtig? Warum reicht die innere Überzeugung nicht?

Steffensky sagt es in einem Interview so: „Der Mensch spielt sich nicht nur in seinem Inneren ab. Er ist auch Leib, und seine Seele tritt als Form, Figur und Geste nach außen.“

Das trifft etwas, das wir Protestanten oft vergessen. Wir glauben nicht nur mit unseren Herzen. Wir glauben auch mit dem Leib: indem wir einen Ort aufsuchen, der anders ist als alle anderen Orte. Eine Kirche, ein Kloster, eine Gemeinschaft. Indem wir eine Kerze anzünden, niederknien, die Hände falten. Der gestaltete Raum – der Altar, die Kerzen, das Kreuz – schreibt sich uns ins Herz, nicht umgekehrt.

Wir müssen uns nicht, wie Steffensky sagt, „in der Kargheit unserer eigenen inneren Existenz erschöpfen“. Wir dürfen mehr werden, als wir von uns aus sein können. Und dafür suchen wir uns, was er „Verbündete für die Seele“ nennt: Räume, Rhythmen, Rituale. „Es ist eine Flucht in die Fremde, die uns mehr werden lässt, als wir sind.“

Verbündete für die Seele

Solche Verbündeten kenne ich aus dem eigenen Leben.

Ich denke an die kleine Kirche, in die ich manchmal gehe, wenn alles zu viel wird. Ich setze mich hin, schaue auf das Kreuz, atme. Ich bete nicht immer. Manchmal sitze ich einfach nur da. Aber der Raum betet für mich. Die Stille betet für mich. Die Kerzen, die andere angezündet haben, beten für mich.

Ich denke an die Psalmen, die ich spreche, auch wenn ich nicht weiß, ob ich glaube, was ich da sage. Aber die Worte sind älter als mein Zweifel. Sie haben schon andere getragen. Und manchmal tragen sie auch mich.

Das ist es, was mich an diesem Bild trägt: Ein Ritual muss nichts „bringen“. Es darf einfach schön und wahr sein. Es ist kein Trick, um Gott herbeizuzwingen. Das funktioniert ohnehin nicht. Aber es ist ein Raum, in dem er mir begegnen kann. Ein Ort, an dem ich mich ihm aussetze.

Die Fremdheit der Tradition

Und noch etwas: Die Rituale, die Gebete, die alten Texte klingen fremd. Sie reden nicht wie unsere Alltagssprache. Genau das ist ihre Stärke.

Steffensky fragt im Interview, wie viele Menschen sich vor ihm schon „unter das große Spiel des aaronitischen Segens geborgen“ haben, wie viele er getröstet hat. Wenn ich diesen Segen höre, steige ich in den Glaubensschatz derer ein, die vor mir geglaubt haben.

Diese Fremdheit ist kein Mangel. Sie erinnert mich daran, dass ich nicht allein bin mit meinem Glauben. Dass andere vor mir diesen Weg gegangen sind und ihn nach mir gehen werden. Die Gesten meines Glaubens sind, wie Steffensky sagt, „speckig“ vom Gebrauch derer, die sie schon vor mir in der Hand hatten.

Deshalb müssen wir nicht erst innerlich überzeugt sein, um mitzubeten. Wir können uns die Sprache leihen. Wir legen uns für eine Stunde Worte an, die größer sind als unsere eigene Sicherheit, und sprechen sie mit, vielleicht leise, vielleicht mit ungeübtem Mund.

Und manchmal geschieht es dann: Wir beten – und plötzlich beten wir wirklich. Wir sitzen in der Stille – und plötzlich ist sie nicht mehr leer. Wir gehen einen Weg – und plötzlich sind wir nicht mehr allein.

Raum schaffen

Dies möchte ich mit Ihnen teilen. Als meine Antwort auf die Frage, wie ich Gott finden kann.
Oder besser: Wie schaffe ich Raum, damit Gott mich finden kann?

Ich kann mir Räume schaffen, in denen Gott mir begegnen kann. Ich kann meinem Glauben eine Form geben, bevor ich ihn ganz verstanden habe. Ich kann Rituale ausprobieren. Ich kann beten, schweigen, gehen. Ein Wochenende Auszeit im Kloster. Das Pilgern auf dem Camino. Der Gottesdienst, bei dem ich mich wohlfühle. Der Gesprächskreis in der Gemeinde, wo ich mit anderen in der Bibel lese und meine tausend Fragen loswerde.

Von außen nach innen.

Und dann schauen, was geschieht.

Raum schaffen. Hinsehen. Warten. Nicht auf die Erleuchtung. Sondern darauf, dass Gott mich findet – dort, wo ich bin.


Quellenangaben:

Fulbert Steffensky im Interview: Das große Spiel der Hoffnung (Interview von Vera Rüttimann/kirchenbote.ch), in: reformiert.info, 25. März 2025. https://reformiert.info/de/glaube/der-theologe-fulbert-steffensky-ueber-die-bedeutung-von-ritualen-und-die-grosse-hoffnung-von-ostern-24551.html

Fulbert Steffensky: Damit die Träume nicht verloren gehen! Religiöse Bildung und Erziehung in säkularen Zeiten, in: Loccumer Pelikan 4/2000. https://www.rpi-loccum.de/material/pelikan/pel4-00/steffky

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