Klinikseelsorge im Evangelischen Dekanat Nassauer Land

Kategorie: Psalm 139

Predigt. Psalm 139,7-12


Predigt zu
Psalm
139:7-12

„Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“



David fragt: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist?“
Das klingt nach Flucht. Aber es ist Staunen. Es ist Neugier.
Wo könnte ich eigentlich hingehen, wo du nicht bist?
David will die Grenzen ausloten.
Er will wissen: Wie weit reicht diese Nähe?


Wo bist du nicht?

David macht eine Entdeckungsreise.
Er durchmisst die Welt.
Er durchmisst das Leben.
Und findet überall dasselbe:
Du bist da.
Das ist keine Bedrohung. Das ist Staunen.
Das ist seine Erfahrung: Es gibt keinen Ort, wo Gott die Menschen verlässt.

Und ich merke, wie mir das zu glatt wird.
Zu schöngefärbt und zu fromm:
Ich möchte David widersprechen.
Dazwischenrufen:
Es gibt doch auch diese Orte, die nicht sein sollten.
Orte der Gewalt.
Orte, wo das Leben zerbricht.
Ist Gott auch da?

Und– ich ahne gleichzeitig,
wenn ich die Bibel lese,
die Geschichte von Hiob,
die Geschichte von Jesus am Kreuz,

wenn ich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ singe,
geschrieben im Gefängnis:
Gottes Gegenwart dort ist Mitleiden.
Nicht Billigung. Sondern Solidarität.


„Auch Finsternis leuchtet“

Ich glaube, nur wenn man sich das eingesteht
wird deutlich, wie tief die Worte von David sind, wenn er schreibt:

„Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir.“

David tastet sich vor. Bis in die Dunkelheit hinein.
Und findet: Auch dort – Gegenwart.

Die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“

Du bist da.
Nicht als der, der alles rechtfertigt.
Sondern als der, der mitgeht.
Als der, der aushält.
Als der, der bei den Leidenden bleibt.
Das ist die Hoffnung des Psalms.

Die Flügel der Morgenröte

Und David nimmt uns weiter mit in diese Welterkundung,
die gleichzeitig eine Lebenserkundung ist:

Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Himmel – das ist nicht nur der religiöse Raum.
Das ist auch der Moment, wenn Ihnen das Herz aufgeht.
Wenn Sie merken: Das Leben ist schön.
Wenn Sie sich frei fühlen.
Du, Gott, bist dort.

Totenreich – das ist nicht nur das Jenseits.
Das ist auch die Zeit, wenn Sie sich wie begraben fühlen.
Wenn die Depression Sie nach unten zieht.
Wenn Sie erschöpft sind und nicht mehr können.
Und auch dort: Gegenwart.

Morgenröte – das ist der Aufbruch.
Der Neuanfang.
Wenn Sie spüren: Jetzt geht es weiter.
Wenn neue Hoffnung kommt.

Äußerstes Meer – das ist die Grenze.
Das Unbekannte.
Wenn Sie nicht wissen, was kommt.

Aber es lässt sich spüren:
Gottes Gegenwart ist nicht nur dort, wo wir ankommen.
Sondern schon unterwegs.
Schon in der Suche.“


Der große Sufi-Mystiker Rumi
hat es so ausgedrückt:
„Du warst da in meiner Suche nach dir.“


Die Hand, die hält

„So würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“

Die Hand Gottes. Ein menschliches Bild für etwas Größeres.
Gott hat keine Hand, wie wir sie haben. Gott ist mehr als jedes Bild.
Aber die Bibel wählt Bilder, die wir fühlen können. Weil wir Menschen sind. Weil wir Körper sind.

Und wir wissen, was Hände tun:
Eine Hand, die Ihre Stirn berührt, wenn Sie Fieber haben.
Eine Hand, die Ihre Hand hält, wenn Sie Angst haben.
Eine Hand, die Ihren Rücken stützt, wenn Sie schwanken.
Vielleicht kennen Sie solche Hände: Hände, die getröstet haben.
Hände, die ermutigt haben. Hände, die einfach da waren.

Gottes Hand ist wie diese Hände – und mehr.
Sie ist die Gegenwart, die Sie hält, auch wenn niemand sichtbar da ist.
Sie ist die Kraft, die Sie trägt, auch wenn Sie sich kraftlos fühlen.
Nicht Festklammern. Sondern Sicherheit.
Wie ein Geländer, das da ist, wenn Sie es brauchen. Wie ein Arm, der Sie stützt, wenn Sie schwanken.


Überall zuhause

Die große Entdeckung des Psalms: „Ich bin gehalten“
Das ist keine Bedrohung. Das ist Geborgenheit.
Rumi hatte recht: „Du warst da in meiner Suche nach dir.“

Sie müssen nicht woanders hin.
Sie sind schon da, wo Gott ist.
Der Alltag ist heiliger Raum.
Der Himmel, die Erde,
die Morgenröte und das äußerste Meer.
Heiliger Raum,
weil Gott da ist.



Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott, du Grund meines Gehens,
in dir bewege ich mich
und bin ich zuhause.

Wo ich auch bin – du bist da.
Was ich auch durchmache – du gehst mit.

Lass mich spüren:
Ich bin getragen.
Ich bin begleitet.
Ich bin zuhause in dir.

Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

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„Kanfei-shachar“ – die Flügel der Morgenröte. Im Hebräischen klingt das nach Geschwindigkeit, nach Licht, nach dem schnellsten Moment des Tages.

David wählt bewusst das schnellste Bild seiner Zeit. Heute würden wir sagen: „Nähme ich die Geschwindigkeit des Lichts.“

Die Ironie: Selbst mit übermenschlicher Geschwindigkeit kann man Gott nicht „abhängen.“

Inspirierende Frage: Welche „Lichtgeschwindigkeit“ kennen Sie in Ihrem Leben – Momente, wo alles ganz schnell geht? Haben Sie schon erlebt, dass Gott auch in diesen rasanten Zeiten bei Ihnen war?

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Predigt. Psalm 139,1-6


Predigt zu Psalm 139,1-6

Der Psalm 139 gehört zu den schönsten und poetischsten Texten der Bibel. Es ist wie das Gebet eines Dichters oder einer Dichterin.
Und ich lade Sie ein, in den kommenden vier Abendgebeten diesem Text nachzuspüren.
Die Texte dazu können Sie auf meiner Homepage „mitmenschpfarrer.de“ nachlesen, auch wenn Sie nicht mehr hier in der Klinik sind.

Heute beginnen wir mit den ersten Versen dieses Psalms, dieses Liedes:

📖 Psalm 139,1-6 (BasisBibel)

HERR, du hast mich erforscht und du kennst mich genau.
Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.
Du erkennst meine Gedanken schon von fern.
Du beobachtest mich, ob ich gehe oder liege, und bist vertraut mit all meinen Wegen.
Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge, da weißt du, HERR, schon genau, was ich sagen will.
Von allen Seiten hast du mich umschlossen.
Du hast deine Hand auf mich gelegt.
Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich, zu hoch – ich kann sie nicht fassen.


Gott gräbt nach Gold

„Du hast mich erforscht“ – das klingt erst mal bedrohlich, oder? Als würde jemand mit der Lupe über mich gehen. Als würde einer in meinen Wunden herumstochern.

Aber das hebräische Wort, das hier steht – chaqar – erzählt eine ganz andere Geschichte. Es bedeutet wörtlich: „tief graben“, „nach Bodenschätzen suchen“. Es ist das Wort für Goldgräber und Archäologen. Für Menschen, die mit unendlicher Geduld Schicht um Schicht abtragen, weil sie überzeugt sind: Da ist etwas Kostbares verborgen.

Gott ist kein Inspektor, der Fehler sucht.
Gott ist ein Goldgräber, der Schätze freilegt.

Das verändert alles.

Denn vielleicht sitzen wir hier und denken: Was gibt es da noch zu entdecken? Mein Körper ist müde. Meine Haut erzählt von Schmerzen. Meine Hände zittern. Was soll daran kostbar sein?

Aber Gott gräbt tiefer. Er sieht nicht nur die Oberfläche. Er sieht die Goldadern, die durch unser Leben laufen – auch wenn sie von Schmerz und Angst überlagert sind. Auch wenn wir sie selbst nicht mehr sehen.


Die Geschichten unserer Körper

„Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.“

Unsere Art zu sitzen erzählt Geschichten.

Ich lehne mich zurück und lache, weil jemand eine gute Geschichte erzählt.
Ich lasse mich fallen ins weiche Kissen, weil es einfach gut tut.
Ich setze mich vorsichtig hin, weil der Rücken schmerzt.
Ich richte mich auf, wenn Besuch kommt und ich noch mal Kraft finde.

All das ist mit Augen der Liebe gesehen.
Die Lebendigkeit und die Müdigkeit.
Das Genießen und der Schmerz.

Gott gräbt nach beidem: Nach den leuchtenden Momenten UND nach der Kraft, die sich im Schweren gebildet hat.

Die Falten um unsere Augen – Lachfalten und Sorgenfalten – sind beides Gold. Sie erzählen von einem Leben, das nicht nur ertragen, sondern auch genossen wurde. Von Momenten, in denen wir lebendig waren. Von Menschen, die uns zum Strahlen brachten.

Und ja: auch von der Last, die wir tragen. Von dem, was schwer war.

Aber dieser Psalm sagt: Du kannst aufhören, dich zu verstecken.
Denn der Goldgräber-Gott gräbt durch alle Schichten: durch die Freude UND durch die Erschöpfung. Und findet überall Kostbares: deine Lebendigkeit, die sich nicht unterkriegen lässt. Deine Fähigkeit zu lachen. Dein Durchhalten. Deine Würde.


Die Sprache des Körpers

„Du erkennst meine Gedanken schon von fern. Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge, da weißt du schon, was ich sagen will.“

Unsere Körper sprechen, auch wenn wir schweigen.

Die Freude, die mich überrascht – mein Körper weiß davon.
Das Lachen mit anderen, das mich leicht macht – es zeigt sich in meinen Augen.
Die Trauer, die ich in mir trage – sie liegt in meinen Schultern.
Die Angst, die ich nicht zeigen will – sie zeigt sich im flachen Atem.

All das ist bereits erkannt. Schon bevor wir es in Worte fassen.

Und Gott versteht diese Sprache. Besser als jeder Therapeut, besser als jede Pflegekraft, so gut sie auch sein mag.

Es gibt Momente, da kann ich nicht beten. Da sind die Fragen zu groß und die Antworten zu klein.
Aber mein Körper betet weiter. Mein Atem betet. Meine müden Hände beten. Das Lachen, das plötzlich durchbricht, ist auch Gebet.

Das Schweigen ist Sprache.
Die Freude ist Sprache.
Die Erschöpfung ist Sprache.

Und der Goldgräber-Gott?
Der gräbt nach dem Gold:
In der Stille.
Im Lachen.
Im Ringen.
Im erfüllten Moment.


Die Narben sind auch Schätze

„Von allen Seiten hast du mich umschlossen.“

Dieser Satz bedeutet: Vergangenheit und Zukunft sind umfangen.
Alles, was war – und alles, was kommt.

Die Narben, die ich trage. Die Verluste. Die Abschiede.
Aber auch: Das Lachen mit Freunden. Die warmen Erinnerungen. Die Momente, in denen ich lebendig war.

Ein Goldgräber weiß: Auch in altem, verwittertem Gestein liegt Gold.

Gott liest unsere Narben nicht als Makel,
sondern als Landkarte eines gelebten Lebens.

Ich möchte nicht romantisieren. Manche Narben tun weh, auch nach Jahren. Manche Erinnerungen bleiben schwer.
Aber dieser Psalm sagt nicht: „Alles war gut.“
Er sagt: „Alles ist umfangen. Auch das Schwere gehört zu deiner Geschichte – und es ist gesehen.“

Und manchmal, wenn wir Glück haben, entdecken wir: Gerade dort, wo es am dunkelsten war, hat sich auch Kraft gebildet. Mitgefühl. Tiefe.
Das ist das Gold in den Narben.


Wir müssen es nicht verstehen

„Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich, zu hoch – ich kann sie nicht fassen.“

Gott sei Dank steht dieser Satz hier!
Wir müssen nicht alles durchschauen.

Wir müssen nicht verstehen, warum der Körper so reagiert.
Wir müssen nicht erklären können, warum uns plötzlich etwas Kleines tief berührt.
Wir müssen nicht die Theodizee lösen – die Frage, warum Gott Leid zulässt.

Es reicht, dass es gesehen ist.
Es reicht, dass da einer gräbt – geduldig, liebevoll, überzeugt davon: In dir ist Gold.


Ankommen, wie wir sind

Gott liest unsere Geschichten wie heilige Texte.
Mit Respekt für das Leben, das wir gelebt haben.
Mit Freude an dem, was uns geglückt ist.
Mit Liebe für die Menschen, die wir sind – auch wenn wir selbst uns manchmal nicht mehr lieben können.

Wir dürfen müde sein und lebendig sein.
Wir dürfen Spuren zeigen und uns freuen.
Wir müssen uns nicht verstecken – nicht unsere Müdigkeit, nicht unsere Angst, nicht unsere Verletzlichkeit.

Denn wir sind gesehen.
Ganz und gar.
Von einem, der nach Gold gräbt.

Amen.

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott, der du mich siehst,

du liest in den Linien meiner Hände

wie in einem vertrauten Buch.


Du kennst die Geschichten meiner Haut,

die Müdigkeit meiner Schultern,

den Rhythmus meines Atems.


Lass mich heute spüren:

Ich darf gesehen werden – ganz und gar.

Mit allem, was mein Körper erzählt.

Mit den Narben und dem Lachen.

Mit der Müdigkeit und der Lebendigkeit.

Ich bin angekommen in deinem Blick.


Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

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Das hebräische Wort חקר (chaqar) bedeutet wörtlich „tief graben“ oder „gründlich durchforschen“. Es wird auch für die Suche nach Bodenschätzen verwendet (Hiob 28,3). Gott gräbt nicht, um zu zerstören, sondern um Kostbares zu finden – wie ein Archäologe, der sanft Schicht um Schicht freilegt. Diese Erkenntnis ist therapeutisch bedeutsam: Gott sucht in uns nicht nach Fehlernem, sondern nach dem Wertvollen, das verborgen liegt.

Literatur: Kraus, Psalmen (BK XV/2), S. 1132

Inspirierende Fragen:

→ Welche verborgenen Schätze in dir warten darauf, entdeckt zu werden?

→ Was würde sich ändern, wenn du glauben könntest, dass jemand in dir nach dem Kostbaren sucht?

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