Klinikseelsorge im Evangelischen Dekanat Nassauer Land

Autor: matthias.schmidt

Erkannt werden – eine Predigt zu „Killing Me Softly“

| April 2026 | Bibeltext: Johannes 4,1–30


Ein Abend in Los Angeles, 1971

Es ist ein ganz normaler Abend.

Eine junge Frau sitzt in einem Konzertclub in Los Angeles. Sie heißt Lori Lieberman, sie ist Anfang zwanzig, und sie ist einfach zum Zuhören gekommen. Der Sänger auf der Bühne heißt Don McLean. Es ist der, der American Pie geschrieben hat. Er singt. Und irgendetwas passiert. Irgendetwas, das sie nicht erwartet hat.

Der Mann singt. Und plötzlich hat Lori das Gefühl, dass er sie meint. Nicht das Publikum, nicht irgendjemanden. Sie. Er singt von Schmerz, den sie kennt. Er singt von Einsamkeit, die sie kennt. Er singt Dinge, die sie nie ausgesprochen hat – die sie vielleicht nicht mal sich selbst gegenüber hätte sagen können.

Sie ist beschämt. Sie schaut weg. Sie möchte, dass er aufhört. Und sie möchte gleichzeitig, dass er nie aufhört.

„Er spielte meinen Schmerz auf seinen Saiten, / erzählte mein Leben mit seinen Worten.“

(Freie Paraphrase nach: Norman Gimbel / Charles Fox, „Killing Me Softly with His Song“, 1971)

Der Sänger trifft etwas in Lori, das sie selbst kaum in Worte fassen könnte. Es ist, als würde ihre innerste Stimme plötzlich einen Namen bekommen. Ein sanftes und zugleich erschütternes Erkanntwerden.

Später notiert sie es auf einer Serviette. Aus diesen Notizen entsteht einer der bekanntesten Songs des 20. Jahrhunderts. Zwei Jahre später hört ihn eine andere Frau – Roberta Flack – auf einem Langstreckenflug von Los Angeles nach New York im Bordradio. Sie hört ihn sechs, sieben Mal hintereinander. Sie sagt später: „Du weißt, wie Gott zu dir spricht? Das war so ein Moment.“ Sie landet, ruft sofort ihren Produzenten an: Ich muss diesen Song haben.

Warum ist das so? Was macht dieser Song? Was berührt daran so viele Menschen, über Jahrzehnte, über alle Generationen hinweg?

Ich glaube, es ist dieses eine: Das Erlebnis, erkannt zu werden.


Hier in der Klinik

Ich vermute, das klingt für einige von Ihnen nicht fremd.

Vielleicht gibt es Momente hier in der Klinik – in einem Gespräch mit einer Therapeutin, in einer Gruppe, mit einem Mitpatienten -, wo plötzlich jemand etwas sagt, und Sie denken: Das ist es. Genau so fühle ich mich. Das trifft den Kern meiner Seele.

Das kann erschreckend sein. Unangenehm. Man möchte sich wegducken, so wie Lori im Konzert, die am liebsten verschwunden wäre.

Und gleichzeitig ist es das Schönste, was passieren kann. Erkannt werden. Gesehen werden. Mit dem ganzen Gepäck, das man mitbringt. Mit dem Schmerz, der sich kaum in Worte fassen lässt. Mit der Geschichte, die man meistens lieber für sich behält.


Die Frau am Brunnen – Johannes 4

Es gibt eine Geschichte in der Bibel, die genau das erzählt.

Eine Frau geht mittags zum Brunnen. Mittags. Das ist wichtig. Nicht morgens, wenn alle anderen Frauen des Dorfes kommen, um Wasser zu holen und miteinander zu reden. Mittags, wenn die Sonne am heißesten brennt und niemand draußen ist. Sie geht alleine. Absichtlich.

Sie will nicht gesehen werden.

Die Geschichte erzählt später, dass sie fünf Mal verheiratet war. Und der Mann, mit dem sie jetzt zusammenlebt, ist nicht ihr Ehemann. Beziehungen scheitern immer wieder. In einer Gesellschaft, in der das die Menschen alles über dich definiert, ist das ein schweres Gepäck. Vielleicht trägt sie Scham. Vielleicht hat sie aufgehört, sich zu erklären. Vielleicht geht sie mittags zum Brunnen, weil sie die Blicke nicht mehr aushält.

Und dann sitzt da jemand am Brunnen. Ein fremder Mann. Ein Jude, was damals bedeutete: jemand, mit dem sie eigentlich gar nicht redet. Er sieht sie. Er spricht sie an. Er bittet sie um Wasser.

Ein Gespräch beginnt. Und dann sagt er plötzlich:

„Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her.“

Sie antwortet knapp: „Ich habe keinen Mann.“

Und dann sagt er etwas Erstaunliches:

„Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Das hast du wahr gesagt.“

Er weiß es. Ohne dass sie es ihm erzählt hat. Er kennt ihre Geschichte. Er legt den Finger in diese Wunde. Und jetzt passiert etwas Bemerkenswertes: Sie läuft nicht weg.

Stattdessen sagt sie später ins Dorf, zu denselben Menschen, vor denen sie sich versteckt hat:

„Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe.“

nDas ist dasselbe Erleben wie Lori Lieberman im Konzert. Der Fremde auf der Bühne. Der Fremde am Brunnen. Jemand, der mich kennt. Ohne dass ich es ihm gesagt habe.


Was das auslöst

Lori, die Musikerin, sagt: Es macht etwas mit mir. Es erschüttert etwas.

Aber – und das ist das Entscheidende – es tötet nicht das Leben. Es tötet die Fassade. Es tötet die Anstrengung, immer jemand anderes zu sein, als ich bin. Es tötet das Versteckspiel.

Und das ist manchmal das Heilsamste, was passieren kann.

Die Frau am Brunnen geht ins Dorf zurück. Mit leeren Händen. Sie hat sogar ihren Wasserkrug stehenlassen, steht im Text. Der Krug, wegen dem sie eigentlich gekommen war. Sie hat vergessen, Wasser zu holen. Weil etwas Wichtigeres passiert ist.


Und Gott?

Die Geschichte erzählt: Dieser Fremde am Brunnen, das ist Jesus. Und das Erstaunliche ist: Er macht nichts aus seiner Kenntnis. Er verurteilt nicht. Er erklärt nicht. Er hält es einfach fest:

„Du hast wahr gesagt.“

Das ist alles. Keine Moralpredigt. Kein erhobener Zeigefinger. Keine Forderung. Nur: Ich sehe dich. Ich kenne dich. Und ich sitze trotzdem hier.
Weil du wichtig bist, weil du kostbar bist.
Mit all den Umwegen und Irrwegen deines Lebens.

Das ist, glaube ich, das Bild von Gott, das dieser Song ahnt, ohne es zu wissen. Dass da jemand ist, der meine dunkelsten Tage kennt. Der meine Scham kennt. Der meine Geschichte kennt. Die Version, die ich niemandem erzählt habe.

In dem Moment hat sie das Gefühl: Da singt jemand nicht über allgemeines Leid – sondern über das, was in ihr seit langem verborgen war. Über sie.

Und er hört trotzdem nicht auf zu singen.


Schluss

Vielleicht passiert das hier manchmal. In dieser Klinik. Dass jemand – ein Arzt, eine Therapeutin, ein anderer Patient – plötzlich etwas sagt, und Sie denken: Genau das ist es was ich fühle.

Das ist kein Zufall. Das ist das, wofür Menschen sich Zeit nehmen, wenn sie wirklich hinschauen. Das ist das, was passiert, wenn jemand wirklich zuhört.

Und vielleicht ist das auch ein Bild für das, was Gott tut. Nicht von oben herab. Nicht als Allmächtiger. Sondern wie der Fremde am Brunnen: Er setzt sich. Er fragt. Er hört zu. Und dann sagt er leise etwas, das stimmt.

Und das Raum macht für das, was noch werden kann.

Amen.


🕊 Meditation / Gebet – zum Innehalten


Ich komme hierher.
Nicht mit großen Worten.
Nicht mit fertigen Antworten.
Nur mit dem, was ich gerade bin.

Und das ist vielleicht nicht viel.

Ich bin müde.
Ich trage Dinge mit mir, die ich nicht immer benennen kann.
Manches davon kenne ich seit Jahren.
Manches ist neu. Und erschreckt mich noch.

Aber ich bin hier.

Und ich ahne:
Du bist auch hier.

Nicht laut. Nicht mit erhobenem Zeigefinger.
Nicht mit Forderungen.
Sondern einfach da.
Wie jemand, der sich dazusetzt.
Der nicht sofort redet.
Der einfach bleibt.

Du kennst mich.
Das ist manchmal das Schwerste.
Dass du siehst, was ich vor anderen verberge.
Was ich vielleicht sogar vor mir selbst verberge.

Und trotzdem!
Du gehst nicht weg.

Du sagst nicht: Das hätte nicht passieren dürfen.
Du sagst nicht: Reiß dich zusammen.
Du sagst vielleicht nur, ganz leise:
Du hast wahr gesagt.

Das reicht mir.
Für diesen Moment reicht mir das.

Ich lasse zu, dass du mich kennst.
Ich lasse zu, dass das gut ist.
Ich lasse los, was ich nicht mehr tragen muss.

Und ich bleibe einen Moment still.
In dem Wissen:
Ich bin gesehen.
Und ich bin gehalten.

Amen.


Fragen zur persönlichen Vertiefung

Frage 1:
Die Frau am Brunnen geht mittags. Alleine, wenn niemand sonst da ist. Sie vermeidet Begegnung. Und genau da trifft sie jemanden.
Gibt es in Ihrem Leben Momente oder Orte, wo Sie sich absichtlich zurückziehen. Und was wäre, wenn genau dort etwas Wichtiges auf Sie wartet?

Frage 2:
Die Frau kehrt am Ende ins Dorf zurück. Zu den Menschen, vor denen sie sich versteckt hat. Ohne ihren Krug. Sie hat vergessen, wofür sie eigentlich gekommen war.
Was müsste passieren – oder was hat vielleicht schon begonnen -, damit Sie etwas „stehen lassen“ können, das Sie bislang immer mitgetragen haben, eine innere Last, etwas, dass das Leben beschwert?


Exegetische Vertiefung I: Juden und Samariter

Warum diese Begegnung so unerhört ist

Wer war Jesus gegenüber am Brunnen? Eine Samariterin. Das klingt für uns heute nach einer geografischen Angabe. Für die Erstleser des Johannesevangeliums war es ein Schlag ins Gesicht aller Erwartungen.

Die Samaritaner – im wissenschaftlichen Sprachgebrauch genauer von den bloßen Bewohnern der Region Samarien zu unterscheiden – waren keine Fremden. Sie verehrten denselben Gott, kannten die Tora. Aber sie hatten einen eigenen Tempel: auf dem Berg Garizim, nicht in Jerusalem. Und das war der Kern des Konflikts. Die Samaritaner als religiöse Gemeinschaft hatten sich, wie die aktuelle Forschung zeigt, in frühnachexilischer Zeit (5./4. Jahrhundert v. Chr.) in der Region Samarien konstituiert und orientierten sich kultisch auf den Garizim, nicht auf Jerusalem.¹

Für Juden der Zeit Jesu waren sie deshalb religiös und gesellschaftlich eine hochproblematische Gruppe. Das Johannesevangelium notiert lakonisch: „Die Juden vermeiden jeden Umgang mit Samaritern.“ (Joh 4,9, BasisBibel)

Jesus macht genau das Gegenteil. Er geht durch Samarien. Er setzt sich. Er redet. Er bittet sogar um Wasser – stellt sich also in eine Position der Bedürftigkeit ihr gegenüber. Das war doppelt skandalös: als Jude, als Mann. Rabbinische Lehrer redeten in der Öffentlichkeit grundsätzlich nicht mit Frauen. Für Jesu Jünger ist die Szene so verstörend, dass der Text eigens vermerkt: „Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau redete.“ (Joh 4,27, BasisBibel)

In dieser Begegnung bricht Jesus gleich drei gesellschaftliche Tabus: Er redet mit einer Frau. Er redet mit einer Samariterin. Und er bittet sie um einen Gefallen. Begegnung beginnt manchmal damit, dass der vermeintlich Stärkere zuerst fragt.


¹ Vgl. WiBiLex – Wissenschaftliches Bibellexikon im Internet, Art. „Samaritaner (NT)“, hg. von der Deutschen Bibelgesellschaft (www.die-bibel.de/wibilex, Abruf: April 2026). Zur Entstehung der samaritanischen Religionsgemeinschaft und ihrer kultischen Ausrichtung auf den Garizim vgl. auch WiBiLex, Art. „Garizim, Heiligtum“ (ebd.).


Exegetische Vertiefung II: Brunnen in der Bibel

Orte der Verheißung und der Verwandlung

Im Alten Testament sind Brunnen keine neutralen Wasserstellen. Sie sind theologisch aufgeladene Orte. Hier passiert gleich etwas Wichtiges.

Drei große Brunnenbegegnungen prägen das kollektive Gedächtnis Israels:

  • Genesis 24: Der Knecht Abrahams findet am Brunnen Rebekka, die zukünftige Frau Isaaks. Eine Begegnung, die eine ganze Geschichte in Gang setzt.
  • Genesis 29: Jakob begegnet am Brunnen Rahel, der großen Liebe seines Lebens. Dies ist auch der Brunnen, an dem Jesus viele hundert Jahre später der Samariterin begegnet.
  • Exodus 2: Mose flieht nach Midian, setzt sich an einen Brunnen und begegnet den Töchtern Jetros. Eine Begegnung, die ihn in sein neues Leben führt.

Das Muster ist immer dasselbe: Man kommt, um Wasser zu holen. Man geht mit etwas ganz anderem. Brunnen sind in der Bibel Orte des Übergangs. Schwellen zwischen dem alten und dem neuen Leben.

Johannes spielt das mit großer Könnerschaft aus. Er weiß, was er tut, wenn er Jesus an einen Brunnen setzt. Die Leserinnen und Leser seiner Zeit hören das sofort: Hier kommt jemand Wichtiges. Hier beginnt etwas Neues.

Und so ist der Brunnen auch ein Bild für das, was in der Seelsorge – und vielleicht in der Therapie – manchmal passiert: Man kommt, um etwas Praktisches zu erledigen. Um zu funktionieren. Und dann passiert etwas ganz anderes. Etwas, mit dem man nicht gerechnet hatte.

Man geht verändert weg. Und lässt den Krug stehen.


Gimbel, Norman / Fox, Charles: Killing Me Softly with His Song. 1971. Erstveröffentlichung: Lori Lieberman, Album Lori Lieberman, Capitol Records, 1972.
Bekannteste Interpretation: Roberta Flack, Album Killing Me Softly, Atlantic Records, 1973.

Podcast: Interpretationssache. Aufnahmen im Vergleich. Mit Roland Kunz. ARD / Saarländischer Rundfunk (SR), 1. Mai 2023. Folge: „Killing Me Softly with His Song“.

Podcast: #100MalMusiklegenden. Mit Markus Dreesen. Folge: „Killing Me Softly – Roberta Flack“. Berlin 26. April 2020.

Bibelzitate nach der BasisBibel, © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.

Ein Haus in dem ich mich berge – Vaterunser 1

Ein altes Haus muss man Ein Haus in dem ich mich berge – Vaterunser 1

Einmal hatte sich Jesus zurückgezogen, um zu beten.
Als er sein Gebet beendet hatte
bat ihn einer seiner Jünger:
»Herr, sag uns, wie wir beten sollen.
Auch Johannes hat seine Jünger beten gelehrt.«

Da sagte Jesus zu ihnen:
»Wenn ihr betet, dann so:
Vater, dein Name soll geheiligt werden.
Dein Reich soll kommen.
Gib uns heute unser tägliches Brot.
Und vergib uns unsere Schuld – denn auch wir vergeben allen,
die an uns schuldig werden.
Stell uns nicht auf die Probe.«


Lukas, Kapitel 11
Die Bibel in der Übersetzung der Basis-Bibel.


I)
Ein altes Haus muss man nicht verstehen, um darin Schutz zu finden.
Man tritt ein. Man lässt sich vom Dach bedecken. Das reicht.
Doch irgendwann möchte ich das Haus erkunden.
Die Räume, die ich betrete.
Die Geschichte der Menschen, die darin gelebt haben.

So ist es mit dem Vaterunser, diesem uralten Gebet.
Worte, in denen ich mich bergen kann.
Man tritt ein. Man lässt sich vom Dach bedecken. Das reicht.
Aber es kommt der Zeitpunkt, dieses alte Haus zu erkunden.
Die Räume zu entdecken.
Die Geschichte der Menschen, die es bewohnt haben vor mir
In den kommenden Wochen möchte ich mit Ihnen auf Entdeckungsreise gehen.
Welche Worte im Vaterunser tragen mich?
In welchen kann ich mich bergen?
Welche Worte lösen Widerstände aus?
Welche sind mir einfach nur fremd?


II)
Die Geschichte dieses Gebets beginnt wohl auf einer staubigen Straße, irgendwo in Galiläa vor 2000 Jahren.
Die Menschen, die mit Jesus dort unterwegs waren, haben irgendwann gespürt:
Dieser Mensch hat eine Verbindung zu etwas, das uns fehlt. Sie sahen, wie er immer wieder innehielt. Wie er sich zurückzog. Wie er – in aller Stille – etwas fand, das ihn trug. Und irgendwann fragten sie ihn, während sie miteinander unterwegs waren:

Lehre uns das auch. Dein Beten.

Keine ungewöhnliche Bitte.
Jeder Rabbiner, jeder geistliche Lehrer, gab dies an die Menschen weiter, die ihm folgten.
Was er ihnen gab, war kein langer Text. Keine Anleitung. Keine Theologie.
Nur ein paar Worte.
Sie lernten diese Worte.
Sie geben sie weiter an andere.
Irgendwann schrieb jemand sie auf.
Irgendwann wurden sie in andere Sprachen übersetzt.
Das Gebet des Rabbiners Jesus,
Ging durch Raum und Zeit, durch Kulturen und Sprachen.
Bis zu uns.


III)

Und in diesen Worten – das ist vielleicht das Merkwürdigste – kann man sich bergen.
Nicht weil man alles versteht, was darin steckt.
Nicht weil man alles fühlt, was andere darin gefühlt haben.

Sondern einfach: weil dieser Text so alt ist. Weil er schon so vieles getragen hat.
Weil er nicht erst dann trägt, wenn man bereit ist.

Hildegard von Bingen hat diese Worte gesprochen.
Dietrich Bonhoeffer – in einer Gefängniszelle.
Der Vater, der in Südafrika sein krankes Kind tröstet.
Die junge Frau in Indien, die vor einer schweren Entscheidung steht.
Sie alle beten mit uns dieses Gebet.
Sie alle lassen sich in diese Worte fallen.

Und diese uralten Worte, die Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern mitgegeben hat,
irgendwo auf einem Feldweg in Galiläa,
begleiten uns heute noch,
In unserem Gottesdienst hier im Eurythmiesaal,
In unseren Zimmern
Beim Spaziergang draußen im Wald.

Das ist eine Erfahrung, die sich durch zweitausend Jahre zieht – geflüstert, gestammelt, manchmal kaum hörbar. In Kathedralen und in Krankenzimmern. In der Nacht, wenn die Sorgen größer sind als der Schlaf.


IV)
Ein altes Haus muss man nicht verstehen, um darin Schutz zu finden.
Man tritt ein. Man lässt sich vom Dach bedecken. Das reicht.
Aber es kommt der Zeitpunkt, dieses alte Haus zu erkunden.
Die Räume zu entdecken.
Die Geschichte der Menschen, die es bewohnt haben vor mir
Dazu lade ich Sie ein.


Jemand hat sie zuerst gesprochen.
In einer Sprache, die niemand mehr spricht.
In einer Nacht, die niemand mehr kennt.

Seitdem wandern sie.
Von Mund zu Mund.
Von Jahrhundert zu Jahrhundert.
Durch Freude und durch Asche.

Sie wurden übersetzt
und dabei verändert.
Sie wurden ergänzt
und dabei bewahrt.
Sie wurden geflüstert, wenn die Stimme versagte.
Gestammelt, wenn die Worte fehlten.
Manchmal kaum noch: ein Atemzug.

Und trotzdem –
sie haben gehalten.

Nicht weil sie perfekt sind.
Nicht weil alle, die sie sprachen, verstanden, was sie meinten.

Sondern weil in alten Worten
etwas wohnt,
das größer ist
als jede einzelne Stimme,
die sie je gesprochen hat.

Ein Haus, das schon stand,
bevor du geboren wurdest.
Dessen Tür offensteht.

Nicht für die, die alles wissen.
Sondern für die, die müde sind.
Für die, die suchen.
Für die, die einfach eintreten –
und einen Moment lang
stillhalten wollen.

Vielleicht bist du das.
Heute Abend.
Jetzt.


für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Gibt es im Vaterunser ein Wort, einen Satz, eine Zeile – die sich anfühlt wie ein Ort, an dem man einen Moment ausruhen könnte?
  2. Gibt es einen Moment in Ihrem Leben, in dem Sie sich – ohne es vielleicht so zu nennen – geborgen gefühlt haben? Nicht weil alles gut war. Sondern einfach: getragen. Was war damals da?

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

„Abba“ – ein Wort, das keine Übersetzung kennt

Jesus hat dieses Gebet auf Aramäisch gelehrt – der Sprache des Alltags, nicht der Tempel. Das aramäische Wort für Vater ist Abba. Es ist kein formeller Titel. Es ist das Wort, das ein Kind benutzt. Vertraut, direkt, fast ein bisschen frech gegenüber allem religiösen Ernst.
Wie würde ich Gott ansprechen?
Ehrfurchtsvoll? Kindlich-vertraut?
In welche Situation passt welche Anrede?

Zwei Versionen – und keine ist „die richtige“

Das Vaterunser ist gleich zweimal in der Bibel überliefert – bei Matthäus und bei Lukas. Und die beiden Texte sind nicht identisch. Lukas ist kürzer, schlichter. Matthäus strukturierter, fast symmetrisch. Welcher ist der „echte“? Wahrscheinlich keiner von beiden – und beide. Schon die ersten Gemeinden haben das Gebet weiterentwickelt, angepasst, ergänzt. Der Abschluss „Denn dein ist das Reich…“ steht gar nicht im ältesten Text – er wurde aus dem Alten Testament übernommen und hinzugefügt. Das Gebet war von Anfang an lebendig. Kein Monument, sondern ein Gespräch, das weitergeht.
Dass es 2000 Jahre durch Raum und Zeit, durch Sprachen und Kulturen ging zeigt: Mehr braucht es nicht. Oder?

Morgenmeditation zum Beginn des Gottesdienstes

Ich halte einen Moment inne.

Jetzt bin ich hier. Hier in diesem Raum, in dieser Stunde. Wie bin ich hier? Was trage ich mit in diesen Morgen? Was liegt auf meiner Seele – schwer oder leicht?

Ich spüre nach: Wie schaut Gott mich heute an?
Mit Freundlichkeit, Güte, Barmherzigkeit, vielleicht sogar mit einem Lächeln?


Ich halte meine Hände vor mich.

In meiner einen Hand liegt all das, für das ich dankbar bin: meine Gaben, meine Erfolge, das, was mir leichtfällt, worauf ich stolz sein kann.

In der anderen Hand sammle ich, was mir schwerfällt: meine Unsicherheiten, die Fragmente meines Lebens, meine Um- und Irrwege.


Ich lege meine Hände ineinander.

Ich umarme in mir das Starke und das Schwache, den Glauben und den Zweifel, das Helle und das Dunkle. Beides gehört zu mir. So hat Gott mich geschaffen – als ganzen, einzigartigen Menschen.

In diesem Innehalten berühre ich den heiligen Raum auf dem Grund meiner Seele. Dort muss ich nicht ganz sein. Dort darf ich sein, wie ich bin. Dort bin ich sicher.


Ich öffne meine Hände nach unten.

Ich überlasse alles der Barmherzigkeit Gottes. Die Schönheit und den Schmerz, die Kostbarkeit und die Fragmente. Ich vertraue mich ihm an.


Ich strecke mich aus nach oben – zum Himmel, zum Licht, zu Gott.

Herr, kehre ein in dieses Haus meiner Seele, in dieses Haus unserer Gemeinschaft, in dieses Haus um uns.
Dein Friede sei über uns, dein Atem in uns, dein Segen um uns.

Amen.

Über sieben Brücken – und einer geht mit

Über sieben Brücken – und einer geht mit

Osterpredigt zu Lukas 24,13–35


  • Ein Lied – und eine seltsame Nähe zu Ostern
  • Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn

    Manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehen

    Dieses Lied „Über sieben Brücken“ hat Helmut Richter geschrieben. Ein Leipziger Schriftsteller.
    Später hat Karat, damals eine der angesagten DDR-Bands, daraus ein Lied gemacht.
    Und Peter Maffay hat erzählt, wie er dieses Lied zum ersten Mal im Radio hörte und dachte: Was ist das für ein schönes Lied? Es hat ihn getroffen, noch bevor er wusste, von wem es war. Und viele kennen es heute von beiden Bands, von Karat und von Peter Maffay.

    Doch eigentlich ist es ein seltsames, ja zumindest ungewöhnliches Lied, das wir hier im Ostergottesdienst singen.
    Nichts von Gott darin.
    Nichts von Jesus.
    Nichts von Auferstehung.
    Keine Engel, kein leeres Grab.

    Nur: der lange Weg. Die Müdigkeit. Das Suchen. Das Vermissen. Das Leben, das sich manchmal schwer anfühlt.

    Und doch ist da in diesem Lied eine Ahnung.

    Siebenmal wirst du die Asche sein –

    aber einmal auch der helle Schein.

    Das ist eine existentielle Wahrheit. Es gibt Zeiten, in denen man sich wie Asche fühlt. Ausgebrannt. Grau. Müde. Ohne Glanz. Ohne Kraft. Und trotzdem bleibt irgendwo die Hoffnung, dass das nicht alles war.


  • Wir aber hatten gehofft – der Weg nach Emmaus
  • Schauen wir mal auf die biblische Geschichte, die uns heute auch begleitet.
    Wir haben sie vorhin in der Lesung gehört.
    Auch da fühlt es sich zuerst nicht nach Ostern an.

    Zwei Jünger, zwei Freunde von Jesus, sind auf dem Weg nach Emmaus, einem kleinen Dorf. Zwei Stunden Fußweg von Jerusalem entfernt.

    Es ist wie eine Flucht. Weg von Jerusalem. Weg von dem Ort, an dem ihre Hoffnung zerbrochen ist. Weg von den schrecklichen Erinnerungen an den Tod Jesu. Weg auch von allem, was sie getragen hatte.

    Sie gehen.
    Und sie reden.
    Sie reden über das, was geschehen ist. Über Jesus. Über die Hoffnung, die sie mit ihm verbunden hatten. Über den Tod. Über das Ende.
    Und dann sagen sie diesen einen Satz, der alles in sich trägt:

    Wir aber hatten gehofft.

    Mehr Trauer passt kaum in einen Satz.
    Wir hatten gehofft.
    Dass es anders wird.
    Dass er bleibt.
    Dass Gott handelt.
    Dass das Leben stärker ist.

    Wir aber hatten gehofft.

    Vielleicht kennen Sie diesen Satz auch.
    Nicht genau mit diesen Worten. Aber als Lebensgefühl.
    Ich hatte gehofft, dass es leichter wird.
    Ich hatte gehofft, dass ich wieder zu Kräften komme.
    Ich hatte gehofft, dass die Angst kleiner wird.
    Ich hatte gehofft, dass das, was zerbrochen ist, heil wird.

    Und nun gehen sie. Müde. Enttäuscht. Leer.
    Asche.
    Vielleicht liegt gerade darin die Nähe zu diesem Lied.
    Das Lied spricht nicht von Helden. Nicht von Siegern. Sondern von Menschen, die ihre Straße manchmal ohne Blick gehen. Von Menschen, die müde sind schon am Morgen. Von Menschen, die Trost suchen.

    So gehen auch diese beiden nach Emmaus.
    Nicht strahlend.
    Nicht sieghaft.
    Nicht österlich.
    Eher wie Menschen, die sich das Schöne zurückwünschen.

    Manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück.

    Die Sehnsucht nach einer Zeit, in der das Leben einfacher war. Heller. Geborgener. Nicht so zerrissen.
    Die Emmausjünger wünschen sich den Jesus zurück, den sie kannten. Den Jesus vor Karfreitag. Den Jesus ihrer Hoffnung.


  • Einer geht mit – und wird erkannt
  • Und während sie so gehen, kommt einer dazu.
    Wir als Leser wissen schon längst: Das ist der Auferstandene.
    Jesus.
    Nur die beiden mit ihren Augen voller Trauer, sie erkennen ihn nicht.

    Jesus selbst kam hinzu und ging mit ihnen.

    Einfach so.
    Nicht mit Glanz.
    Nicht mit Posaunen.
    Nicht mit Osterfanfare.
    Er geht einfach mit.
    Das ist vielleicht das Erste, was wir an Ostern lernen können: Der Auferstandene kommt nicht immer so, wie wir ihn erwarten.

    Die Jünger erwarten vielleicht das Große.
    Das Eindeutige. Den Beweis. Den Durchbruch.
    Aber er kommt als Weggefährte.
    Als einer, der fragt.
    Als einer, der zuhört.

    „Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?"
    So fragt er.
    Und dann erzählen sie. Alles. Ihre Enttäuschung. Ihre Trauer. Ihre ratlose Hoffnungslosigkeit. Sogar von den Frauen erzählen sie, die am Morgen am Grab gewesen waren. Als hätten sie selbst noch kein Verhältnis dazu.

    Und der Begleiter hört zu.
    Sie kommen nach Emmaus. Der Abend senkt sich. Und Jesus tut so, als wolle er weitergehen.
    Da sagen sie:

    Bleib bei uns. Denn es will Abend werden.

    Sie setzen sich zu Tisch. Er nimmt das Brot. Er spricht das Dankgebet. Er teilt es. Er gibt es ihnen.
    Und in diesem Augenblick gehen ihnen die Augen auf.
    Sie erkennen ihn.
    Nicht unterwegs schon.
    Nicht in der Erklärung.
    Nicht im richtigen Gedanken.
    Sondern in dieser vertrauten Geste.
    Und dann ist er verschwunden.

    Aber jetzt kommt der eigentliche Ostersatz dieser Geschichte.

    Die beiden sagen:

    Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege?


  • Glut unter der Asche – Ostern als entdecktes Licht
  • Da ist sie wieder, die Sprache des Liedes.

    Siebenmal wirst du die Asche sein –

    aber einmal auch der helle Schein.

    Und die Jünger entdecken plötzlich:
    Unter der Asche war die ganze Zeit Glut.

    Brannte nicht unser Herz?

    Nicht: Wurde unser Leben sofort leicht.
    Nicht: Waren alle Fragen geklärt.
    Nicht: War der Schmerz einfach weg.

    Sondern: Unter der Asche war noch Glut.
    Das Leben war nicht fort.
    Die Hoffnung war nicht tot.
    Sie war verschüttet. Verdeckt. Fast erloschen.

    Aber nicht aus.

    Das ist für mich ein tiefes Osterbild.
    Ostern ist manchmal nicht das große Feuerwerk.
    Manchmal ist Ostern die entdeckte Glut unter der Asche.
    Vielleicht ist das auch näher an unserem Leben.
    Vielleicht erleben die wenigsten von uns Auferstehung als großen Durchbruch. Als plötzliche Klarheit. Als hellen Ostermorgen.

    Aber vielleicht kennen wir diese anderen Momente.
    Ein Gespräch, nach dem etwas in uns wärmer ist.
    Eine Begegnung, nach der wir aufatmen.
    Eine vertraute Geste.\

    Ein Satz, der uns trifft.
    Ein Lied, das uns findet.

    So ist es manchmal mit Gott.
    Er trifft uns, bevor wir ihn einordnen können.
    Er geht mit, bevor wir ihn erkennen.
    Er ist da, bevor wir den richtigen Namen für ihn haben.

    Und erst im Rückblick sagen wir vielleicht:
    Ja.
    Da war etwas.
    Da war mehr.
    Da war Leben.
    Da war Gott.

    Und dann geschieht noch etwas.
    Die beiden bleiben nicht sitzen.
    Sie brechen noch in derselben Stunde wieder auf.
    Zurück nach Jerusalem.
    Zurück in die Nacht.
    Zurück zu den anderen.

    Das ist auch Ostern:
    Dass Menschen wieder aufstehen.
    Nicht weil alles gelöst wäre.
    Sondern weil etwas in ihnen wieder lebendig geworden ist.
    Nicht dass alles schon hell ist.
    Sondern dass das Licht schon da ist.
    Unter der Asche.
    Mitten in uns.
    Weil er an unserer Seite geht.

    Amen.


    Quellenangaben

    Liedtext:

    „Über sieben Brücken musst du geh’n"

    Text: Helmut Richter (1933–2019)

    Musik: Ulrich „Ed" Swillms

    © 1978 Karat / Edition Peters

    Interpretiert von Karat (1978) und Peter Maffay (1980)

    Bibeltext:

    Lukas 24,13–35 (Lutherbibel 2017 / BasisBibel)


    Zwei Fragen zur persönlichen Meditation

    1. Wo in meinem Leben fühle ich mich gerade wie Asche – ausgebrannt, grau, ohne Glanz?

      Und: Gibt es vielleicht unter dieser Asche noch eine verborgene Glut, die ich noch nicht bemerkt habe?

    2. Wann habe ich zuletzt gespürt: „Brannte nicht mein Herz?" – einen Moment, in dem ich erst im Rückblick gemerkt habe, dass Gott da war?

      Was war das für ein Moment? Und was hat ihn mir geöffnet?


    Meditation: Unter der Asche

    Stille. Atem. Ankommen.

    Ich sitze hier.
    Mit allem, was ich mitbringe.
    Mit der Müdigkeit.
    Mit der Sehnsucht.
    Mit dem, was ich mir zurückwünsche.

    Manchmal fühle ich mich wie Asche.
    Grau. Ohne Glanz. Ohne Kraft.
    Als wäre das Feuer erloschen.

    Aber vielleicht ist das nicht die ganze Wahrheit.
    Vielleicht ist unter der Asche noch Glut.
    Verdeckt. Verschüttet. Fast erloschen.
    Aber nicht aus.

    Vielleicht war Gott die ganze Zeit da.
    Nicht laut. Nicht eindeutig.
    Sondern leise. Als Weggefährte.
    Als einer, der mitgeht.

    Vielleicht brannte mein Herz.
    Und ich habe es erst jetzt bemerkt.

    Stille.

    Gott,
    du bist das Feuer unter meiner Asche.
    Du bist das Licht, das noch da ist.

    Unter der Oberfläche.
    Mitten in mir.

    Lass mich das spüren.
    Nicht als großes Feuerwerk.
    Sondern als kleine, warme Glut.
    Die reicht.

    Amen.


    Zwei exegetische Gedanken (die in der Predigt keine große Rolle spielen)

    1. Nur einer der beiden Jünger hat einen Namen

    In Lukas 24,18 wird nur Kleopas namentlich genannt. Der zweite Jünger bleibt anonym.

    Warum?

    Die Exegese diskutiert mehrere Möglichkeiten:

    • Literarisch: Der namenlose Jünger ist eine Identifikationsfigur – jede Leserin, jeder Leser kann sich selbst in ihn hineindenken. Vielleicht setzen Sie Ihren Namen für ihn ein!
    • Historisch: Möglicherweise war der zweite Jünger eine Frau – vielleicht die Frau des Kleopas (vgl. Johannes 19,25: „Maria, die Frau des Kleopas"). Das würde erklären, warum sie nicht namentlich genannt wird (patriarchale Erzählkonvention).
    • Theologisch: Die Anonymität unterstreicht: Diese Geschichte ist nicht nur für die Apostel, sondern für alle, die unterwegs sind.

    Für die Predigt:

    Dieser Gedanke stärkt die Einladung: Du bist gemeint. Du gehst diesen Weg. Du bist der zweite Jünger.


    2. Die Emmaus-Erzählung ist lukanisches Sondergut

    Die Geschichte steht nur bei Lukas – weder Matthäus noch Markus noch Johannes erzählen sie.

    Warum ist das wichtig?

    • Lukas hat ein besonderes Interesse an Weggeschichten (vgl. Lk 9,51: „Jesus machte sich auf den Weg nach Jerusalem"; Apg 9: Paulus auf dem Weg nach Damaskus).
    • Lukas betont: Christusbegegnung geschieht unterwegs – nicht im Tempel, nicht in der Synagoge, sondern auf der Straße, im Alltag, im Gehen.
    • Die Emmaus-Erzählung ist eine Schule des Erkennens: Wie erkenne ich den Auferstandenen? Nicht durch Beweise, sondern durch Präsenz, Schrift und Brotbrechen.

    Für die Predigt:

    Dieser Gedanke stärkt die Aussage: Gott begegnet uns nicht nur in heiligen Räumen, sondern mitten im Leben – auf dem Weg, im Gespräch, im Alltag.

    In mir wachsen lassen

    „Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen.“
    — Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter

    Es gibt einen Satz, den ich nicht loswerde.

    Nicht weil er so schön klingt. Sondern weil er so wahr ist – und weil er mich ertappt.

    Rilke schreibt ihn in einem Brief. Kein Gedicht, keine große Rede. Nur ein Satz, der sich festsetzt:
    „Man muss den Dingen ihre stille, ungestörte Entwicklung lassen.“

    Das passt an vielen Stellen des Lebens. Gerade auch in der Klinik.

    Denn genau dort ist die Versuchung am größten.
    Zu helfen. Zu erklären. Den Schmerz irgendwohin zu bringen, damit er erträglicher wird – für den anderen, aber vielleicht auch für mich.
    Etwas sagen, das stimmt. Etwas tun, das nützt.
    Den Augenblick irgendwie in Ordnung bringen.

    Aber manchmal ist der Augenblick nicht dazu da, in Ordnung gebracht zu werden.

    Jesus erzählt von einem Mann, der Samen auf den Acker wirft.

    „Dann schläft er und steht auf, es wird Nacht und wird Tag.
    Der Same keimt und wächst – wie, das weiß er selbst nicht.“
    (Markus 4,27, Basisbibel)

    Wie, das weiß er selbst nicht.

    Das ist keine Schwäche. Das ist die Pointe.

    Der Mann schläft. Er wartet. Er greift nicht ein.
    Das Wachsen geschieht ohne ihn – im Verborgenen, in der Stille, in der Zeit.

    Und er lässt es geschehen.

    Das ist schwerer als Handeln.

    Aushalten, dass man nicht weiß, wie es weitergeht.
    Warten, ohne zu wissen, worauf.
    Zeit lassen – der eigenen, der des anderen, der des Lebens.

    Niemand bringt uns das bei. Es widerspricht allem, was wir gelernt haben.
    Aber manchmal ist genau das der Dienst:
    Da sein. Ausharren. Nicht weggehen.

    Und dem anderen damit sagen, ohne es zu sagen:
    Ich lass dir Zeit. Du musst das nicht jetzt.

    Am Ende bete ich manchmal mit Worten, die Psalm 131 gehören:

    „Ich habe meine Seele beruhigt wie ein gestilltes Kind.“
    (Psalm 131,2, Basisbibel)

    Nicht: Ich habe sie erklärt.
    Nicht: Ich habe sie in Ordnung gebracht.

    Beruhigt. Wie ein Kind, das nicht mehr kämpft.
    Das einfach ruht.

    Vielleicht ist das die tiefste Form des Vertrauens:
    Den Dingen – und sich selbst – die stille, ungestörte Entwicklung zu lassen.

    © Matthias Schmidt | mitmenschpfarrer.de

    Bibelzitate nach der Basisbibel, © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.
    Rilke-Zitat: Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, gemeinfrei.

    Wenn die Seelen-Landschaft wild wird

    Eine Predigt zu Psalm 139,19-24

    Die ersten achtzehn Verse dieses Psalms sind schön.
    Fast kitschig schön.

    Gott, du kennst mich. Du umgibst mich.

    Eine sanfte Landschaft. Alles ist hell und freundlich.

    Und dann, ab Vers 19, reißt etwas auf.

    „Gott, bring doch die Frevler um!“

    Die Stimme wird hart. Unversöhnlich.

    Und plötzlich stehen wir vor einem Dschungel.
    Wild. Undurchdringlich. Gefährlich.


    📖 Psalm 139,19-24 (BasisBibel)

    Ach Gott! Ich wünschte mir,
    dass du die Frevler tötest!
    Und ihr Mörder, lasst mich doch endlich in Ruhe!
    Ja, sie widersetzen sich dir in böser Absicht,
    voller Tücke erheben sie sich, deine Feinde!
    Sie hassen dich, Herr.
    Sollte ich sie nicht hassen?
    Sollte ich deine Widersacher nicht verabscheuen?
    Ja, ich hasse sie mit aller Leidenschaft.
    Zu Feinden sind sie für mich geworden.
    Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz!
    Verstehe mich und begreife, was ich denke!
    Sieh doch, ob ich auf einem falschen Weg bin,
    und führe mich auf dem Weg, der Zukunft hat!


    Dürfen wir hineinschauen?

    Viele von uns haben gelernt, diesen Teil der Seele zu meiden.

    Die Wut. Die Aggression.

    Gesellschaftlich werden wir dafür oft kritisiert.
    Kirchlich manchmal auch.

    „Ein Christ sollte nicht so reden.“
    „Du musst vergeben, nicht wütend sein.“

    Wir bleiben lieber in der gepflegten Landschaft.
    Dort ist es sicher.

    Aber der Psalm lädt uns ein, auch den Dschungel zu erkunden.

    Nicht, um dort zu bleiben.
    Nicht, um uns darin zu verlieren.
    Aber auch nicht, um ihn um jeden Preis zu meiden.

    Denn im Dschungel der Seele wächst etwas, das in der gepflegten Landschaft verkümmert:
    das wilde, ungezähmte Leben.

    Gott lädt uns ein, diesen Ort zu erkunden.
    Nicht allein. Sondern gemeinsam.

    Drei Orte gibt es zu erkunden.
    Schritt für Schritt. Ohne Eile.


    Was wächst im Unterholz der Seele?

    Die erste Station ist die Wut.

    „Gott, bring doch die Frevler um!“, schreit der Psalmist.
    „Ich hasse sie mit unversöhnlichem Hass.“

    Das ist nicht schön und nicht spirituell.
    Das ist roh.

    Aber es ist auch ehrlich.

    Die Wut ist der Schutzreflex der Seele.
    Sie sagt: Bis hierher und nicht weiter.

    Ich muss nicht alles akzeptieren.
    Ich muss nicht jeden Menschen in mein Leben lassen.
    Ich darf mich selbst schützen.

    Wer sind Ihre Feinde?

    Vielleicht sind es nicht einmal andere Menschen.

    Vielleicht sind es die Leitsätze Ihres Lebens, die Sie verinnerlicht haben.

    Sätze wie:
    Du bist nicht gut genug.
    Du musst perfekt sein.
    Du darfst nicht scheitern.

    Diese Leitsätze sind Eindringlinge.
    Sie gehören nicht zu Ihnen.

    Und der Psalm gibt Ihnen die Erlaubnis, sie zu benennen.
    Mit aller Härte.

    Das ist keine Sünde. Das ist Selbstschutz.

    Die Wut ist wie das dichte Unterholz im Dschungel.
    Sie wirkt bedrohlich. Aber sie schützt auch.

    Sie zeigt: Hier ist Leben. Hier ist Kraft.


    Wo finden Denken und Fühlen wieder zusammen?

    Die zweite Station führt tiefer hinein.

    „Erforsche mich, Gott, erkenne mein Herz“, betet der Psalmist.
    „Prüfe mich, erkenne mein Denken.“

    Das Herz – auf Hebräisch lev – ist in der biblischen Sprache der Ort des Denkens.

    Das andere hebräische Wort – kilyot, die Nieren – meint den Ort des Fühlens.

    Vielleicht kennen Sie die Redewendung: Etwas auf Herz und Nieren prüfen.
    Sie hat hier ihren Ursprung. In diesem Psalm.

    Alles anschauen. Gründlich. Nichts auslassen.

    Denken und Fühlen.

    Und hier kommt etwas Entscheidendes:

    Gott hat die Nieren geschaffen.

    Am Anfang des Psalms hieß es doch schon mal: „Du hast meine Nieren bereitet.“

    Das bedeutet: Auch meine Gefühle, ja auch Wut und Zorn, sind Gottes Sache.
    Sie sind nicht ein Betriebsunfall.
    Sie sind gewollt. Sie gehören zu mir.

    Denken und Fühlen gehören zusammen.
    Aber oft sind sie getrennt.

    Das Denken sagt: Ich schaffe das noch.
    Das Fühlen schreit: Ich kann nicht mehr.

    Der Psalm lädt zur Integration ein.

    Gott soll beides prüfen.
    Denn nur wenn beide gehört werden, finden Sie den Weg, der Ihnen dient.

    Der Psalm sagt: Sie müssen diese Integration nicht allein schaffen.

    Gott will Ihnen helfen, die beiden Stimmen wieder zusammenzubringen.
    Denn Gott hat beide geschaffen. Und Gott kennt beide.


    Am tiefsten Ort des Dschungels

    Der Psalm endet mit diesen Worten:

    Erforsche mich, Gott, erkenne mein Herz,
    prüfe mich, erkenne mein Denken!
    Sieh, ob ich auf einem Weg bin, der dir Schmerzen bereitet,
    leite mich auf dem Weg, der ewig trägt!

    Nach zweiundzwanzig Versen Intimität mit Gott sagt der Beter:
    Schau noch mal hin. Ich durchschaue mich selbst nicht.

    Das ist keine Schwäche. Das ist Ehrlichkeit.

    Diese radikale Bitte:
    Sieh mich an. Ganz.
    Mit meiner Wut. Mit meiner Verwirrung. Mit meinen komplizierten Gefühlen.
    Mit allem, was in mir ist.

    Am tiefsten Ort des Dschungels meiner Seele ist noch einmal Gott.

    Aber hier ist auch er anders.

    Wir erkennen etwas an Gott, was wir oft ausblenden.
    Wilder. Leidenschaftlicher. Ungezähmt.

    Ein Gott, der Partei ergreift.

    Und gerade deshalb ganz zugewandt bleibt. Gerade hier.

    Gott sieht mich und verwirft mich nicht.
    Gott kennt mein Herz und meine Nieren und hält seine Hand über mir.
    Gott weiß um meine Wut, meine Zweifel, meine Dunkelheit und bleibt.

    Das bedeutet nicht, dass alles an mir gut ist.
    Es bedeutet nicht, dass ich keine Korrektur brauche.

    Der Psalm bittet ja ausdrücklich: Zeig mir, wo ich falsch abbiege. Leite mich.

    Aber diese Korrektur kommt nicht als Verdammung.
    Sie kommt als Führung.

    Gott sagt nicht: Du bist falsch.
    Gott sagt: Du gehst einen Weg, der dich zerstört. Lass mich dir einen anderen zeigen.

    Im Dschungel der Seele können wir uns verlaufen.
    Aber wir sind nicht allein.

    Gott geht mit. Und Gott kennt den Weg hinaus.


    Was bleibt

    Der Dschungel der Seele ist kein Ort, an dem wir dauerhaft leben sollten.

    Aber er ist der Ort, an dem das wilde, ungezähmte Leben wächst.

    Die Wut, die uns schützt.
    Die Gefühle, die uns leiten.

    Gott lädt uns ein, diesen Ort zu erkunden.
    Nicht allein. Sondern gemeinsam.

    Sie dürfen wütend sein auf das, was Ihnen schadet.
    Sie dürfen sich zeigen, wie Sie sind, mit all Ihren komplizierten Gefühlen.
    Sie dürfen sich Gott anvertrauen, auch dort, wo Sie Korrektur brauchen.

    Denn das Gesehen-Werden durch Gott ist keine Bedrohung.

    Es ist Befreiung.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    Psalm 139,19-24 nach BasisBibel.
    Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
    Online: www.die-bibel.de


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Welche Leitsätze Ihres Lebens schaden Ihnen –
    und wie könnten Sie sich davon abgrenzen?

    Hören Sie gerade mehr auf Ihr Denken oder auf Ihr Fühlen –
    und was würde die andere Seite Ihnen sagen?


    Im Dickicht

    Gott,

    du kennst die wilden Orte in mir.

    Die Wut, die ich nicht zeigen darf.
    Die Gefühle, die ich nicht verstehe.
    Die Leitsätze, die mich gefangen halten.

    Du hast mein Herz geschaffen.
    Du hast meine Nieren bereitet.

    Nichts an mir ist dir fremd.

    Hilf mir, auch die dunklen Orte zu erkunden.
    Nicht allein.
    Sondern mit dir.

    Zeig mir, wo ich mich selbst zerstöre.
    Und leite mich auf dem Weg, der mir dient.

    Amen.

    Mit Christus den Weg gehen. Die Perlen des Glaubens als Meditation des Jesus-Weges.

    Die Perlen des Glaubens Meditation verbindet dein Leben mit dem Weg Jesu. Als der schwedische Bischof Martin Lönnebo 1995 auf einer griechischen Insel durch einen Sturm zum Innehalten gezwungen wurde, nahm er die Perlenbänder der Fischer in die Hand. Aus dieser Begegnung heraus schuf er ein eigenes Band, einen eigenen „Rettungsring“ für die Seele.

    Der Ursprung: Vom Vater gesandt

    Der Weg beginnt bei der goldenen Gottesperle. Sie markiert Anfang und Ende, Ursprung und Ziel.

    Sie steht für den Gott, von dem alles kommt – auch Christus. Das Johannesevangelium sagt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott“ (Joh 1,1). Christus kommt von Gott. Er wird Mensch, tritt in unsere Zeit, geht unseren Weg.

    Jesus erzählt vom Kaufmann, der alles verkauft, um die eine kostbare Perle – das Himmelreich – zu erwerben (Mt 13,45-46). Die Gottesperle ist diese eine Perle: das Größte, das Umfassende, das, worum es geht.

    Hier beginnt der Weg der Menschwerdung: Aus der Herrlichkeit Gottes tritt Christus in die Zeit. Und du darfst wissen: Woher ich komme, dahin kehre ich zurück. Die Gottesperle umschließt alles.


    Taufe und Berufung: Der Beginn des Weges

    Nach der Gottesperle und der Ich-Perle folgt die weiße Taufperle. Im Leben Jesu markiert sie den entscheidenden Anfang: seine Taufe im Jordan.

    Hier öffnet sich der Himmel. Die Stimme Gottes spricht: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“ (Mk 1,11). Für dich ist dies der Ort der Vereinigung: So wie Jesus das bedingungslose Ja des Vaters empfing, darfst du dich hier als angenommenes Kind Gottes verstehen.

    Du bist geliebt – bevor du etwas leistest. Du gehörst dazu – bevor du dich beweist. Du darfst mit Jesus gehen. Die Taufperle sagt: Du bist in den Bund mit Christus hineingenommen.


    Die Wüste: Prüfung und Klärung

    Unmittelbar nach der Taufe führte der Geist Jesus in die Wüste. Die sandfarbene Wüstenperle symbolisiert diese vierzig Tage der Einsamkeit, des Fastens, der Versuchung (Mt 4,1-11).

    Es ist der Ort der Klärung, der Reinigung. Jesus lernt in der Wüste, dass das Leben nicht von Brot allein abhängt, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. Die Wüste ist Ort der Not – aber auch Ort der Konzentration auf das Wesentliche.

    Wenn du diese Perle berührst, trittst du an die Seite Jesu in der Einöde. Du lernst: Zeiten der Dürre gehören zum Weg. Sie sind nicht Strafe, sondern Reifung. In der Wüste fällt das Überflüssige weg. Was bleibt, ist das Elementare: Wasser. Atem. Leben selbst.

    Die Wüstenperle lehrt dich, mit Jesus durch die trockenen Zeiten zu gehen – und zu vertrauen, dass es weitergeht.


    Das Wirken: Liebe und Gelassenheit

    Der öffentliche Dienst Jesu ist geprägt von Zuwendung und absolutem Gottvertrauen. Zwei Perlen spiegeln diese Haltung wider.

    Die Perle der Gelassenheit

    Die blaue Perle der Gelassenheit erinnert an Jesu Lehre: „Sorgt euch nicht um den morgigen Tag“ (Mt 6,34). Es ist die Haltung der Bergpredigt: Loslassen und vertrauen. Alles in Gottes Hände legen.

    Gelassenheit ist nicht Gleichgültigkeit. Sie ist Vertrauen: dass ich nicht alles kontrollieren muss. Dass es einen Grund gibt, der trägt – auch wenn ich ihn nicht sehe.

    Halte diese Perle – und lerne mit Jesus, loszulassen.

    Die zwei Perlen der Liebe

    Die zwei roten Perlen der Liebe verkörpern das Doppelgebot, das Jesus lebte und lehrte: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen […] und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mk 12,30-31).

    Die erste Perle steht für die Liebe, die Jesus vom Vater empfängt. Die zweite für die Liebe, die er verschwenderisch an die Armen, Kranken und Ausgestoßenen weitergibt.

    Hier wird die Mystik zur Tat. Liebe ist nicht nur Gefühl. Sie wird getan – in der Zuwendung, im Teilen, im Dasein. Die Liebesperlen laden dich ein, mit Jesus zu lieben: Gott, den Nächsten, dich selbst.


    Das Geheimnis: Inkarnation und Passion

    Der Weg Jesu führt unausweichlich nach Jerusalem. Die drei Geheimnisperlen bereiten auf das Unfassbare vor.

    Die ersten beiden Geheimnisperlen – perlmuttfarben, schimmernd – stehen für das Unaussprechliche. Für das Gebet in Gethsemane, wo Jesus mit seiner Angst rang und das Geheimnis des göttlichen Willens annahm: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Lk 22,42). Sie sind der Ort für das, was du nicht verstehst – aber Gott anvertrauen kannst.

    Die grüne Schöpfungsperle – Das tiefste Geheimnis

    Die dritte Geheimnisperle schimmert grün – die Schöpfungsperle. Sie steht für das tiefste Geheimnis des christlichen Glaubens: die Menschwerdung Gottes.

    Gott wird nicht nur ein bisschen Mensch. Er wird ganz und gar Geschöpf. Er bleibt kein unbeteiligter Beobachter, sondern wird Mensch mit allem, was zum Leben gehört: mit Haut und Haar, mit Hunger und Durst, mit Müdigkeit und Schmerz. Er wird Teil der Schöpfung, die er selbst ins Dasein gerufen hat.

    Das Johannesevangelium sagt: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14). Fleisch – das bedeutet: verletzlich, sterblich, endlich. Gott teilt die Geschöpflichkeit mit uns. Er bejaht den Leib, die Erde, das Wachsen und Vergehen.

    Die grüne Perle erinnert daran: Gott wird Mensch, damit wir menschlich werden. Damit wir unser Menschsein akzeptieren – mit allen Grenzen, mit aller Zerbrechlichkeit, mit aller Endlichkeit. In Christus wird das Menschliche geheiligt.

    Er stellt sich hinein in die Abhängigkeit, in die Begrenztheit, in die Sterblichkeit. Das ist keine Schwäche – das ist die radikalste Form der Liebe.

    Und damit bejaht Gott die Schöpfung. Er heiligt die Erde, indem er sie betritt. Er heiligt den Körper, indem er ihn annimmt. Er heiligt das Leben, indem er es lebt – und stirbt.

    Die grüne Perle lädt dich ein, dieses Geheimnis zu betrachten: dass Gott sich so tief hineinbegibt in die Welt, dass nichts mehr getrennt ist. Kein Bereich des Lebens, der nicht von Gott berührt wäre. Keine Dunkelheit, in die er nicht hinabgestiegen ist.

    Halte diese Perle – und staune über das Geheimnis der Menschwerdung.


    Die Nacht: Karfreitag

    Dann folgt der tiefste Punkt: Die schwarze Perle der Nacht. Sie ist das Symbol für Karfreitag, für Leid, Folter und Tod am Kreuz.

    Hier schreit Jesus die Gottverlassenheit heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46). Es ist der Schrei aus der absoluten Dunkelheit. Die Nacht, in der Gott schweigt.

    Die Mystiker nennen das die „Dunkle Nacht der Seele“ – jene Erfahrung, in der alle Gewissheit zerbricht und nur noch die nackte Angst bleibt. Jesus geht durch diese Nacht. Er stirbt wirklich. Er erleidet die absolute Gottesferne.

    Die schwarze Perle lehrt dich: Gott ist im Leid nicht fern. Er selbst in Jesus ist durch die tiefste Dunkelheit gegangen. Wenn du diese Perle hältst, bist du in deinem Leid nicht allein. Du bist mit dem leidenden Christus vereint.

    Das heißt nicht, dass die Nacht aufhört, dunkel zu sein. Aber es heißt: Du gehst sie nicht allein.


    Der Sieg des Lebens: Ostern

    Der Weg endet nicht in der Dunkelheit. Auf die Nacht folgt die weiße Perle der Auferstehung.

    Sie ist das Symbol des Ostermorgens, des Sieges über den Tod, der Verwandlung. „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11,25) – das ist die Zusage, die diese Perle umschließt.

    Hier vollendet sich der Weg Jesu: Aus der Dunkelheit bricht neues Licht hervor. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das Grab ist leer. Christus lebt.

    Für dich bedeutet dies: Hoffnung ist nicht nur ein schönes Wort. Sie gründet in der Auferstehung Jesu. Sie ist keine vage Optimismus-Parole, sondern Fragment-Hoffnung – kleine Spuren von Licht in der Dunkelheit. Momente, in denen du spürst: Es gibt mehr als das, was ich sehe.

    Die Auferstehungsperle sagt: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Halte diese Perle – und vertraue darauf, dass Gott das Gute nicht fallen lässt.


    Das Leben in Christus einfädeln

    Die Perlen des Glaubens sind mehr als eine Gedächtnisstütze. Sie sind ein Evangelium zum Anfassen. Ein haptischer Weg der Christusnachfolge.

    Durch die Perlen der Stille, die immer wieder den Rhythmus unterbrechen, wird das eigene Leben mit dem Weg Jesu synchronisiert. Jesus ging immer wieder an einsame Orte, um zu beten (Mk 1,35). Die Stille-Perlen nehmen diesen Rhythmus auf: Atem holen. Innehalten. Bei Gott bleiben.

    Das Perlenband ermöglicht es dir, deine eigene Biographie – mit allen Höhen und Tiefen, Wüsten und Auferstehungsmomenten – in die Biographie Jesu einzufädeln. Du gehst seinen Weg mit. Und so erfährst du: Du bist auf deinem Weg niemals allein.

    Die große Gottesperle am Ende schließt den Kreis. Sie ist dieselbe wie am Anfang. Sie sagt: Woher ich komme, dahin kehre ich zurück. Der Ursprung ist auch das Ziel. In Gott ankommen – das ist die Vollendung.

    Du bist von Gott umschlossen. Am Anfang. Auf dem Weg. Am Ende.


    Martin Lönnebo: Frälsarkransen („Rettungsring“, auch: „Perlen des Glaubens“), erstmals erschienen 1996 in Schweden; vgl. die deutsche Darstellung in: Carolina Welin / Carolina Johansson: Perlen des Lebens. Mit Martin Lönnebos Perlen des Glaubens leben, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006.
    Weitere Infos: Netzwerk „Perlen des Glaubens“ – Geschichte und Leitbild, online unter: https://perlendesglaubens.de.

    Lutherbibel 2017 © Deutsche Bibelgesellschaft / BasisBibel © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft

    Kurze Meditation zur Wüstenperle

    Für Ehrenamtliche in der Hospizbegleitung

    Nimm die Wüstenperle zwischen deine Finger.
    Spüre ihre Form.
    Und komm zur Ruhe.


    Die Leere

    Du bist da. Du hörst zu. Du hältst aus.
    Und manchmal fühlst du dich leer – wie Wüste.
    Keine Kraft. Kein Trost. Nur Weite.
    Du fragst dich: Bin ich genug? Kann ich das noch tragen?
    Die Wüste schweigt. Und ist einfach da.


    Die Einladung

    Vielleicht ist diese Leere kein Versagen.
    Vielleicht ist sie ein Raum – offen, klar, ehrlich.
    In der Wüste fällt alles Überflüssige weg.
    Was bleibt, bist du. Und das genügt.


    Der schwere Weg

    Du kannst den Weg nicht für einen anderen Menschen gehen.
    Aber du gehst mit. Schritt für Schritt.
    Schweigend, wenn Worte nichts mehr tragen.
    Das ist Begleitung: nicht retten – sondern bleiben.


    Die Oasen

    Dann, unerwartet: ein Lächeln. Ein Händedruck.
    Ein Moment, in dem Friede ist.
    Diese Oasen lassen sich nicht planen.
    Sie kommen – und tragen dich weiter.


    Die Verheißung

    „Ich will dich in die Wüste führen und dir zu Herzen reden.“ (Hosea 2,16)
    Gott sagt nicht: Ich hole dich heraus.
    Er sagt: Ich bin dabei. Auch hier. Gerade hier.


    Die Perle

    Aus der Wunde der Muschel wächst die Perle.
    Aus deiner Leere wächst Tiefe.
    Du wirst nicht leer bleiben.
    Amen.


    Matthias Schmidt – Meditation zur Wüstenperle für Ehrenamtliche im Hospiz

    Wunderbar gemacht! Die Ich-Perle

    1. Die kleine Kostbarkeit

    Nehmt die kleine perlmuttfarbene Ich-Perle zwischen eure Finger. Sie ist unscheinbar und doch kostbar. Klein und dennoch unendlich wertvoll. Wie du selbst – auch wenn du das nicht immer siehst.

    Diese Perle spiegelt das Licht auf ihrer Oberfläche. Sie schimmert in verschiedenen Farben. Manchmal silbern, manchmal rosig, manchmal golden.

    Martin Lönnebo sagte: „Sieh auf dich selbst mit Liebe. Du bist eine Perle unter anderen Perlen.“¹

    2. Das Spiegelbild der Seele

    Die Ich-Perle ist perlmuttfarben. Perlmutt entsteht, wenn eine Muschel verletzt wird. Sie umhüllt die Verletzung mit kostbaren Schichten. Schicht um Schicht entsteht etwas Wunderschönes.

    Auch du umhüllst deine Verletzungen. Mit Hoffnung, mit Mut, mit Heilung. Manche deiner Narben werden zu kostbaren Zeichen. Manche deiner Brüche zu Orten des Lichts.

    Nicht alle. Nicht immer. Manche Brüche bleiben Brüche. Manche Wunden heilen nicht vollständig. Aber manchmal – manchmal wird aus einer Verletzung etwas Schönes. Und das ist genug.

    Die Ich-Perle lehrt dich: Du musst nicht heil sein, um wertvoll zu sein. Du bist kostbar – mit deinen Narben.

    3. Gottes Gedanke von dir

    Im Psalm heißt es: „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke.“²

    Das steht in einem Psalm, der von Gottes Allwissenheit spricht: „Du hast mich erforscht, Gott, und du kennst mich“ (Psalm 139,1). Das kann tröstlich sein – oder auch beunruhigend. Denn es bedeutet: Ich kann mich nicht verstecken. Ich bin gesehen, ob ich will oder nicht.

    Aber es bedeutet auch: Ich bin gewollt. Nicht zufällig. Nicht beliebig. Ich bin ein Gedanke Gottes, Fleisch geworden. Ein Traum des Himmels, der Gestalt annahm.

    Du bist keine zufällige Ansammlung von Atomen. Du bist gewollt. Du bist gemeint. Du bist ein Original, keine Kopie.

    4. Die Sprache der Selbstliebe

    Die Ich-Perle lehrt uns eine schwere Lektion: Wie sprechen wir mit uns selbst? Welche Worte wählen wir für unsere Gedanken über uns? Sind wir gnadenvolle Freunde oder strenge Richter?

    Du bist geliebt, bevor du irgendetwas leistest. Du darfst freundlich mit dir umgehen – wie mit einem guten Nachbarn, der deine Tür kennt und nicht klopfen muss, um willkommen zu sein.

    Das ist keine psychologische Technik. Das ist Theologie: Gottes Blick auf dich kommt vor deinem Blick auf dich selbst. Seine Bejahung steht am Anfang – nicht deine Leistung.

    5. Die Einzigartigkeit des Seins

    Keine Perle gleicht der anderen. Jede hat ihre eigene Form, ihre eigene Größe. Ihre eigene Art zu schimmern. So bist auch du einzigartig.

    Es gibt dich nur einmal in der Geschichte der Menschheit. Deine Kombination aus Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen ist unwiederholbar. Dein Blick auf die Welt ist unersetzlich.

    Du musst nicht perfekt sein. Du musst nur echt sein.

    Das ist reformatorische Theologie: Du bist nicht gerecht, weil du dich anstrengst. Du bist gerecht, weil Gott dich gerecht spricht. Vor aller Leistung. Vor aller Selbstoptimierung. Vor allem Müssen.

    6. Die Heilung der Selbstverachtung

    Viele von euch sind müde von sich selbst. Müde von der inneren Kritik. Müde von den Stimmen, die euch klein machen. Die Ich-Perle lädt euch ein zum Frieden.

    Vielleicht ist es Zeit für eine innere Versöhnung. Zeit, euch selbst zu vergeben. Zeit, euch anzunehmen, wie ihr seid.

    Vielleicht gelingt sie heute nicht – aber ihr könnt anfangen. Einen kleinen Schritt. Einen einzigen Satz.

    Legt die Perle auf euer Herz. Spürt ihren kleinen, kostbaren Druck. Sprecht leise zu euch: „Ich bin da. Ich bin wichtig. Ich bin geliebt.“

    Das ist keine Selbsttäuschung. Das ist ein Akt des Vertrauens: dass Gottes Blick auf dich wahrer ist als dein Blick auf dich selbst.

    7. Die tägliche Erinnerung

    Nehmt die Ich-Perle mit in euren Alltag. Lasst sie in eurer Tasche rollen. Fühlt sie zwischen euren Fingern, wenn ihr zweifelt.

    Wenn die Stimmen der Selbstkritik laut werden, berührt die Perle. Wenn ihr vergessen habt, wer ihr wirklich seid, haltet sie fest.

    Sie ist euer stiller Zeuge: Du bist wunderbar gemacht.

    8. Das Gebet der Selbstannahme

    Gott, der du mich kennst besser als ich mich selbst kenne,

    hilf mir, mich mit deinen Augen zu sehen.

    Lehre mich die Sprache der Selbstliebe.

    Heile mich von der Sucht nach Perfektion.

    Lass mich erkennen:

    Ich bin ein Original, keine Kopie.

    Ich bin ein Gedicht, das du geschrieben hast.

    Ich bin ein Lied, das nur ich singen kann.

    Wenn ich mich vergesse, erinnere mich – auch wenn ich deine Stimme nicht immer höre.

    Wenn ich mich verurteile, sprich Gnade – auch wenn ich sie nicht immer spüre.

    Wenn ich mich verstecke, ruf mich ins Licht – auch wenn ich noch im Dunkeln sitze.

    Denn ich bin dein geliebtes Kind.

    Nicht weil ich es verdient habe.

    Sondern weil du mich gewollt hast.

    Amen.

    ¹ Martin Lönnebo: Perlen des Glaubens. Ein Begleitbuch. Claudius Verlag, 4. Auflage 2013.

    ² Psalm 139,14 (BasisBibel)

    Die Perlen des Glaubens

    Erklärungen und meditative Impulse zu jeder Perle

    Die Gottesperle

    Gold. Groß. Anfang und Ende.

    Nimm das Perlenband in die Hand. Du beginnst bei der goldenen Perle – und du wirst bei ihr enden. Sie ist die größte Perle im Band. Sie leuchtet. Und sie hält alles zusammen.

    Die Gottesperle steht für den Anfang und das Ziel deines Weges. Für das, was vor dir liegt, und für das, was hinter dir liegt. Für das, was dein Leben zusammenhält – auch wenn du es nicht immer benennen kannst.

    Gold ist die Farbe des Kostbaren. Was ist das Kostbarste in deinem Leben? Was leuchtet – selbst dann, wenn vieles dunkel ist?

    Die Gottesperle sagt: Du bist nicht allein. Dein Weg hat einen Anfang, der größer ist als du. Und ein Ziel, das über dich hinausreicht. Du bist gehalten.

    Wer ist Gott für dich?

    Nicht als theologische Frage – sondern als leises Tasten in der Tiefe deiner Seele.

    Wo hast du Gott gespürt?

    Wo hast du ihn vermisst?

    Du bist ewig. Du bist nahe. Du bist Licht. Ich bin dein.

    Die Perlen der Stille

    Klein. Länglich. Immer wieder.

    Sechs Mal tauchen sie auf im Perlenband. Zwischen den großen Perlen, zwischen den Themen, zwischen den Gedanken. Sie unterbrechen. Sie gliedern. Sie geben dem Weg Struktur – und dir Raum zum Atmen.

    Die Perlen der Stille sind keine leeren Stellen. Sie sind Einladungen. Einladungen, innezuhalten. Nicht weiterzueilen. Nicht sofort die nächste Antwort zu suchen.

    Stille ist keine Abwesenheit von Geräusch. Stille ist Anwesenheit. Anwesenheit bei dir selbst. Anwesenheit bei Gott.

    Wie wirst du still?

    Vielleicht so: Du findest eine entspannte Haltung. Du nimmst die Geräusche um dich wahr – und lässt sie sein. Du lauschst in dich hinein. Du nimmst deine Gedanken wahr, deine Gefühle, deine Bilder – und lässt sie weiterziehen. Immer wieder kommst du zurück zu deinem Atem. Einatmen. Ausatmen. Atempause.

    In der orthodoxen Tradition gibt es das Herzensgebet – ein Wort, das sich mit dem Atem verbindet. Vielleicht findest du dein eigenes Wort für die Stille:

    Bewahre mich in deinem Frieden.

    Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht.

    Oder einfach: Stille.

    Die Ich-Perle

    Klein. Kostbar. Zweifarbig – undurchsichtig und durchsichtig zugleich.

    Die allerkleinste Perle im Band. Und doch: eine der bedeutsamsten. Sie liegt ganz nah an der Gottesperle – nur durch eine Perle der Stille getrennt. Als wollte sie sagen: Du bist nah bei Gott. Näher, als du denkst.

    Die Ich-Perle ist zweifarbig. Eine Seite undurchsichtig, die andere durchsichtig. Wie du selbst. Es gibt Seiten an dir, die du zeigst. Und Seiten, die verborgen bleiben. Beides gehört zu dir. Beides ist kostbar.

    Martin Lönnebo schreibt: „Sieh auf dich selbst mit Liebe. Du bist eine Perle unter anderen Perlen. Behandle alle mit Achtung – auch dich selbst. Du hast ein Recht, mit Lebenslust und Lebensmut zu leben.“

    Die Ich-Perle fragt:

    Wer bin ich – jenseits meiner Rollen?

    Welchen Blick habe ich auf mich selbst?

    Wie viel traue ich mir zu?

    Begegne ich manchmal noch dem Kind in mir?

    Und sie sagt: Du bist liebenswert. Nicht weil du etwas leistest. Nicht weil du stark bist. Sondern weil du bist.

    Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. (Psalm 139,14)

    Die Taufperle

    Weiß. Groß. Berührt die Ich-Perle.

    Die Taufperle ist größer als die Ich-Perle. Das ist kein Zufall. Die Taufe ist größer als alles, was wir fassen können. Sie ist Gottes Liebeserklärung an den Menschen. Ein „Ja“, das nicht zurückgenommen wird.

    Weiß wie das Licht. Weiß wie ein Neuanfang.

    Die Taufperle berührt die Ich-Perle direkt – weil das Ich am Du erwacht. Weil kein Mensch sich selbst zur Welt bringt. Weil jeder Mensch jemanden braucht, der sagt: Du bist gewollt. Du bist geliebt. Du wirst gebraucht.

    Bei der Taufe Jesu am Jordan spricht eine Stimme vom Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn.“ Dieses Wort gilt auch dir. Du bist Gottes geliebtes Kind.

    Vielleicht erinnerst du dich an deine Taufe – oder vielleicht nicht. Vielleicht bist du nicht getauft. Die Taufperle fragt trotzdem: Wer sagt „Ja“ zu deinem Leben? Wer hat dich bestellt und abgeholt? Wovon lebst du?

    Die Taufperle trägt deinen Namen. Den Namen, der dir gegeben wurde. Den Namen, mit dem Gott dich ruft.

    Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jesaja 43,1)

    Die Wüstenperle

    Sandfarben. Rau. Ehrlich.

    Die Wüste ist ein karger Ort. Weit und still, ohne Ablenkung, ohne Halt. Sand, Steine, Wind – sonst nichts. Kein Wasser, kein Schatten, kein markierter Weg.

    Die Wüstenperle steht für die Zeiten der Dürre in deinem Leben. Zeiten des Zweifels, der Entbehrung, der Einsamkeit. Zeiten, in denen du nicht mehr weiterweißt. In denen der Boden unter den Füßen schwindet und die Fragen größer werden als die Antworten.

    Aber die Wüste hat zwei Gesichter. Sie ist Ort des Mangels – und Ort der Klarheit. In der Wüste fällt weg, was nicht trägt. In der Wüste wird sichtbar, was wirklich zählt.

    Jesus ging nach seiner Taufe in die Wüste. Vierzig Tage. Nicht weil er bestraft wurde, sondern weil die Wüste der Ort war, an dem er seine Berufung fand. Auch Mose begegnete Gott in der Wüste. Und Elia brach in der Wüste zusammen – und wurde genährt.

    „Ich will dich in die Wüste führen und dir zu Herzen reden.“ (Hosea 2,16)

    Die Wüstenperle fragt:

    Wann bist du durch die Wüste gegangen?

    Was hat dich dort erwartet – und was hast du dort gefunden?

    Was brauchst du wirklich zum Leben?

    In der Wüste musst du langsamer werden. Du kannst nicht hetzen. Du kannst dich nicht ablenken. Du bist gezwungen, hinzuschauen. Und vielleicht entdeckst du: In der Reduktion liegt ein Geschenk. Weniger ist mehr. Die Wüste reinigt. Die Wüste klärt.

    Und wer aufmerksam geht, findet Oasen. Unerwartet. Unverdient. Mitten im Sand ein Brunnen. Mitten in der Hitze ein Schatten. Mitten in der Leere eine Begegnung, die alles verändert.

    Ich kann nicht mehr weiter. Ich fühle mich kraftlos. Hilf mir, meinen Weg zu finden. Geh mit mir, Gott.

    Die Perle der Gelassenheit

    Blau. Tief. Weit wie der Himmel.

    Nach der Wüste kommt das Blau. Blau wie der Himmel. Blau wie das Meer. Blau wie die Unendlichkeit, die sich über allem wölbt.

    Die Perle der Gelassenheit ist ein Gegenbild. Ein Gegengewicht zu den täglichen Lasten, den Pflichten, dem Druck. Sie fragt nicht: Was musst du noch tun? Sie fragt: Was kannst du heute lassen?

    Gelassenheit kommt von „lassen“. Meister Eckhart nannte es Gelassenheit – sich Gott lassen. Sich in Gottes Hände fallen lassen. Nicht aufgeben, sondern aufhören, alles festzuhalten.

    Vielleicht kennst du das Gebet:

    Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

    Die Perle der Gelassenheit ist wie ein tiefer Atemzug am Meer. Sie sagt: Es muss nicht alles von dir abhängen. Du darfst abgeben. Du darfst vertrauen. Du darfst sein – ohne Leistung, ohne Beweis.

    Was treibt dich um?

    Wovon möchtest du dich befreien?

    Was wäre, wenn du jetzt – nur für diesen Moment – losließest?

    Gott, du weißt, was ich brauche. Bewahre mich vor unnötiger Sorge. Schenke mir Gelassenheit.

    Die Perlen der Liebe

    Rot. Zwei. Nebeneinander.

    Warum zwei? Weil Liebe nie allein geschieht. Weil Liebe immer ein Gegenüber braucht. Lieben und geliebt werden. Geben und empfangen. Ich und Du.

    Die beiden roten Perlen liegen direkt nebeneinander – wie zwei Menschen, die einander berühren. Sie erinnern an die unendlichen Spielarten der Liebe: die Liebe zwischen Menschen, die Liebe zu Gott, die Liebe zu dir selbst.

    Die Perlen der Liebe fragen:

    Fühle ich mich geliebt?

    Wen liebe ich?

    Mit wem bin ich verbunden – über Raum und Zeit hinaus?

    Liebe ist nicht nur das Große und Strahlende. Liebe ist auch das Leise und Alltägliche. Ein Blick, der sagt: Ich sehe dich. Eine Hand, die hält. Ein Wort, das bleibt.

    Die Liebe Gottes ist das Dritte, das die beiden Perlen verbindet. Damit Beziehung möglich ist, braucht es alle drei: Die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst. Jesus hat diese Liebe gelebt und geteilt – deshalb leuchtet sein Leben bis heute.

    Denke jetzt an einen Menschen, den du liebst. Halte die rote Perle. Und lass die Liebe einen Moment lang einfach da sein.

    Erfülle mich mit deiner Liebe, schenke mir deine Kraft. Hilf mir, anderen zu helfen und zu tun, was nötig ist.

    Die Geheimnisperlen

    Drei kleine Perlen. Perlmuttfarben. Schimmernd.

    Jeder Mensch hat Geheimnisse. Fragen, die offen bleiben. Tiefen, die sich nicht ausleuchten lassen. Dinge, über die man nur mit Gott reden kann – oder mit niemandem.

    Die drei Geheimnisperlen liegen zwischen den Perlen der Liebe und der Perle der Nacht. Als wären sie ein geschützter Raum. Ein Ort, an dem nichts erklärt werden muss.

    Was sind die Geheimnisse deines Lebens?

    Was sind die ungeklärten Fragen, die dich begleiten?

    Was ist das Geheimnis dieser Welt, vor dem du staunend stehst?

    Die erste Geheimnisperle ist grün – sie steht für das Geheimnis des Wachsens, des „von selbst“, des Gelingens ohne Mühe. Manche Dinge geschehen einfach. Wie Gras, das wächst, ohne dass jemand daran zieht.

    Bei den Geheimnisperlen kannst du an Menschen denken, die dir wichtig sind. Du kannst für sie bitten. Du kannst ihre Namen still in dein Herz legen.

    Und die Geheimnisperlen erinnern: Der andere ist ein Geheimnis. Ich bin mir selbst ein Geheimnis. Gott bleibt ein Geheimnis. Und das ist gut so. Ein Geheimnis setzt Grenzen – heilsame Grenzen. Nicht alles muss verstanden werden. Manches darf einfach sein.

    Sie liegen gegenüber der Ich-Perle. Als wollten sie sagen: Du bist mehr, als du von dir weißt.

    Du siehst meine Geheimnisse, Gott: meine Träume, meine Ängste, Menschen, die ich liebe. Ich bitte dich: Bewahre uns alle.

    Die Perle der Schöpfung

    Grün. Lebendig. Verbunden.

    Am Anfang war das Wort. Ein Wort, das Licht brachte. Ein Wort, das Himmel und Erde entfaltete. Ein Wort, das Leben rief.

    Die Perle der Schöpfung erinnert dich: Du bist Teil dieser großen, lebendigen Geschichte. Du bist nicht Zuschauer – du bist mittendrin. Mit deinem Atem, deinem Herzschlag, deiner Sehnsucht nach Leben.

    „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31)

    Die Schöpfung spiegelt das Heilige. Sie erzählt von Schönheit und Vielfalt, von Verbundenheit und Zerbrechlichkeit. Schau auf einen Baum: tief verwurzelt, doch voller Bewegung. Schau auf das Meer: wild und unbändig, und doch beständig. Schau in den Himmel: weit und grenzenlos – wie Gottes Liebe.

    Und du? Du bist Geschöpf. Nicht Maschine, nicht Funktionsträger – Geschöpf. Mit einem Leib, der müde wird. Mit einer Seele, die Pflege braucht. Mit einem Herzen, das sich nach Leben sehnt.

    Die Perle der Schöpfung fragt:

    Worauf soll ich achten?

    Gehe ich gut mit meiner Geschöpflichkeit um?

    Höre ich auf meinen Körper, meine Seele, meine Grenzen?

    Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaut und bewahrt. (1. Mose 2,15)

    Halte die Perle. Atme tief ein. Und wisse: Du bist Teil eines großen Wunders. Und mit dir atmet die Erde.

    Die Perle der Nacht

    Schwarz. Dunkel. Still.

    Die schwarze Perle weist auf die Nachtseite des Lebens. Auf Angst, Verlassenheit und Tod. Auf die Stunden, in denen der Schlaf nicht kommt und die Gedanken kreisen. Auf die Dunkelheit, die sich nicht vertreiben lässt.

    Aber die Nacht hat zwei Gesichter.

    Nacht ist Dunkelheit – und Nacht ist Erholung. Nacht ist Einsamkeit – und Nacht ist Geborgenheit. Nacht ist Angst – und Nacht ist Schlaf, Traum, Stille, Sterne.

    Die Perle der Nacht verdrängt nichts. Hier ist Platz für Schmerz und Trauer. Für Versagen und Verzweiflung. Für die Frage: Warum? Für die Frage: Wo bist du, Gott?

    Aber die Perle sagt auch: Du brauchst nichts zu verdrängen. Du darfst loslassen. Du darfst die Nacht sein lassen – und vertrauen, dass der Morgen kommt.

    Im Psalm 139 heißt es: „Auch die Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag.“

    Die Perle der Nacht fragt:

    Was hält dich wach?

    Was braucht die Nacht, um gut zu werden?

    Kannst du loslassen – den Tag, die Kontrolle, die Sorgen?

    Und sie sagt: Gott lässt dich auch in den dunkelsten Stunden nicht allein.

    Mein Gott, wo bist du? In deine Hände lege ich mein Leben.

    Die Perle der Auferstehung

    Weiß. Wie die Taufperle. Groß.

    Die letzte Perle vor der Gottesperle ist weiß – wie die Taufperle. Das ist kein Zufall. Sie schließt einen Bogen. Taufe und Auferstehung gehören zusammen. Anfang und Vollendung. Licht am Beginn – und Licht am Ende.

    Die Perle der Auferstehung steht für den Weg vom Tod zum Leben. Von der Verzweiflung zur Hoffnung. Von der Finsternis zum Licht. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Kräfte des Lebens sind stärker.

    Aber Auferstehung ist nicht nur etwas, das nach dem Tod geschieht. Auferstehung ist jetzt schon Realität.

    Wo in deinem Leben hast du Auferstehung erfahren? Wo konntest du neu anfangen? Wo kam Licht in eine Dunkelheit, die du für endlos hieltest? Wo hat sich etwas verwandelt – Trauer in Freude, Angst in Vertrauen, Schwere in Leichtigkeit?

    Der Frühling setzt sich gegen den Winter durch. Aus den Wurzeln der abgestorbenen Pflanze keimt neues Leben. Der Ostermorgen bricht an – nicht weil wir ihn verdient haben, sondern weil er geschenkt wird.

    „Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“

    Die Perle der Auferstehung fragt:

    Was kann ich hoffen?

    Wer gibt mir neue Kraft?

    Und sie sagt: Du wirst nicht in der Nacht bleiben. Das Licht kommt.

    Du verwandelst meine Trauer in Freude.

    Und dann: wieder die Gottesperle

    Der Kreis schließt sich. Du kommst zurück zur goldenen Perle. Aber vielleicht siehst du sie jetzt anders als am Anfang.

    Du hast einen Weg zurückgelegt. Durch Stille und Stürme, durch Wüste und Liebe, durch Nacht und Auferstehung. Und am Ende stehst du wieder am Anfang – bei Gott.

    Gott ist auf deinem Weg mit dir gegangen. Er ist die Quelle deines Lebens. Er schenkt dir die Kraft, die du brauchst.

    Sei bei mir an allen Tagen. Segne und behüte mich. Amen.

    Matthias Schmidt – Betrachtungen zu den Perlen des Glaubens

    Eine Morgenmeditation mit Gesten

    Meditatives Morgengebet


    1) Ankommen

    Setz dich aufrecht hin. Stell die Füße flach auf den Boden. Lass Schultern und Gesicht weich werden. Atme ruhig – und sage beim Ausatmen leise, in dich hinein: „Hier bin ich.“

    Spür: Der Tag ist im Werden. Du bist im Werden


    2) Loslassen – Hände nach unten

    Dreh die Handflächen nach unten – gib die Schwere an die Erde ab. Atme weiter – und sprich beim Ausatmen in dich hinein: „Ich lasse los.“

    Was trägst du noch aus der Nacht?
    Was liegt auf dir, bevor der Tag überhaupt begonnen hat?

    Gebet (leise): Gott, ich lege ab, was ich nicht mit mir tragen muss. Die Sorgen, die größer sind als ich. Die Dinge, die nicht in meiner Hand liegen. Lass meine Hände frei werden – für das, was heute wirklich zählt.


    3) Öffnen – Hände wie eine Schale

    Öffne deine Hände im Schoß, Handflächen nach oben – wie eine Schale. Atme weiter – und sprich innerlich beim Ausatmen: „Ich bin bereit.“

    Halte die Schale offen. Du weißt noch nicht, was dieser Tag bringen wird – Überraschendes, Schweres, vielleicht ein unerwartetes Geschenk. \
    Frag dich: Was brauche ich heute? Worauf bin ich angewiesen?

    Gebet (leise): Gott, ich öffne diesen Tag vor dir. Ich weiß nicht, was er bringt. Aber ich vertraue: Aus deiner Hand kommt, was ich brauche – durch Menschen, durch kleine Zeichen, durch Augenblicke, die ich vielleicht erst später verstehe. Mach mich empfangsbereit.


    4) Tragen – Hände aufs Herz

    Lege deine Hände in deine Herzregion. Spür den warmen Druck deiner Berührung. Atme weiter – und sprich innerlich beim Ausatmen: „Ich trage dich mit.“

    Frag dich: Wen nehme ich in meinem Herzen mit in diesen Tag? Wer liegt mir auf dem Herzen – noch bevor der Tag beginnt?

    (Stille)

    Denke an die Menschen, die dir wichtig sind, mit denen du verbunden bist.

    Gebet (leise): Gott, du kennst die, die ich im Herzen trage. Mit denen ich verbunden bin. \
    Segne sie, gib ihnen das, was sie heute brauchen.
    Bewahre sie auf ihrem Weg durch den Tag.


    5) Segnen – Hände, die segnen

    Heb die Hände vor dein Herz, Handflächen leicht nach vorn geöffnet – ein kleines, klares Segenszeichen. Atme weiter – und sprich beim Ausatmen: „Segen über dir.“

    Sei ein Segen für die Menschen, denen du heutet begegnest. In Gesprächen, in kleinen Gesten, in einem Lächeln, einem guten Wort.

    Gebet (leise): Gott, segne alle, die heute hier sind – die Fragenden, die Erschöpften, die Hoffenden. \
    Und lass mich ihnen heute begegnen – aufmerksam, geduldig, gegenwärtig.


    6) Aufbrechen – Hände auf den Oberschenkeln

    Lege die Hände offen und ruhig auf deine Oberschenkel. Erlaube dem Atem, natürlich zu werden. Sprich leise: „Du gehst mit – ich gehe.“

    Spür die Verbundenheit: mit denen, die heute hier sind. Mit denen, die heute mit dir gehen.

    (Stille)

    Gebet (leise, Abschluss): Gott, du gehst mit. In jeden Raum, zu jedem Menschen, in jeden Moment. Segne diesen Tag – und alle, die ihn mit mir teilen.

    Dann öffne langsam die Augen und komm an.


    Wir beten gemeinsam: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

    Weite Landschaft in Neuseeland – Symbol für Aufbruch und die Jahreslosung 2026

    Jahreslosung 2026: Was John Lennon und Johannes gemeinsam haben

    Bibeltext

    Offenbarung 21,5

    Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu“

    Die Jahreslosung 2026 ist ein Satz, der nach Zukunft schmeckt. Aber was meint er – und was nicht? Wer spricht hier? Und was heißt „neu“, wenn die Welt so alt aussieht?

    Auf der Schwelle zum neuen Jahr begleiten uns zwei Menschen. Beide heißen John. Beide sind Träumer. Und beide träumen am Ende dasselbe: Eine Welt ohne Tränen.


    Zwei Träumer und die Jahreslosung 2026

    Der eine ist John Lennon. Liverpool. Der Beatle mit der runden Brille. 1971 setzte er sich ans Klavier und sang von einer Welt ohne Himmel, ohne Besitz, ohne Grenzen, ohne Religion. Ein Traum in Moll. Radikal diesseitig. Kein Gott, der rettet – nur Menschen, die endlich aufhören, sich gegenseitig zu zerstören.

    1980 wurde er vor seinem Haus in New York erschossen.

    Der andere ist Johannes. Der Verbannte. Er saß auf Patmos, einer Felseninsel in der Ägäis. Seine Gemeinde war verfolgt, Freunde waren ermordet worden. Die Welt war voller Gewalt.

    Und dort, im Staub des Exils, sah er etwas: Den Himmel, der auf die Erde kommt. Und er hörte eine Stimme: „Siehe, ich mache alles neu.“

    Das ist die Jahreslosung für 2026.

    Was wäre, wenn die beiden sich begegnen würden? Hier, auf dieser Schwelle?


    „Imagine“ trifft „Siehe“ – ein Gespräch über Hoffnung

    Lennon lehnt am Klavier. Er dreht sich um und sagt:

    „Euer Problem ist, dass ihr wartet. Ihr starrt in den Himmel und wartet auf einen Gott, der irgendwann alles richtet. Und währenddessen? Verhungern Kinder. Werden Kriege geführt. Foltert einer den anderen. – Streich den Himmel. Dann fangen die Menschen vielleicht an, sich um die Erde zu kümmern.“

    Johannes schweigt einen Moment. Dann sagt er:

    „Ich habe nicht gesagt, wir sollen warten. Da steht: ‚Siehe.‘ Schau hin. Nicht: Warte ab.“

    „Schau wohin?“

    „Dahin, wo es schon geschieht. Wo jemand einem Fremden einen Teller hinstellt. Wo einer nachts aufsteht, weil der andere weint. Wo Menschen einander nicht loslassen, obwohl es einfacher wäre.“

    Lennon winkt ab.

    „Das ist nett. Aber nett reicht nicht gegen Panzer.“

    „Nein“, sagt Johannes. „Reicht es nicht.“

    Stille.

    „Aber es ist nicht nichts.“


    Warum Hoffnung nicht Vertröstung ist

    Es wird still zwischen den beiden.

    Dann fragt Lennon, leiser jetzt:

    „Wenn dein Gott alles neu macht – warum ist die Welt dann so? Warum die Tränen? Warum stirbt ein Kind an Hunger, während dein Gott auf dem Thron sitzt?“

    Johannes schließt die Augen. Er denkt an seine Insel. An die Nächte, in denen er nicht wusste, ob morgen noch jemand von seinen Leuten lebt.

    „Das habe ich mich auch gefragt“, sagt er. „Oft. Laut. Und es kam keine Antwort.“

    „Und dann?“

    „Dann kam nicht die Antwort. Dann kam ein Bild.“

    Er öffnet die Augen.

    „Ich sah: ‚Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.‘ – Hör genau hin, John. Da steht nicht: Es gibt keine Tränen. Da steht: Er wischt sie ab. Eine nach der anderen. Er berührt den Schmerz. Er macht ihn nicht ungeschehen. Er geht hindurch.“

    Lennon schüttelt den Kopf.

    „Die Tränen müssen aufhören. Nicht abgewischt werden. Aufhören.“

    Johannes nickt langsam.

    „Ja. Und genau das steht da auch: ‚Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.‘ (Offb 21,4) – Aber ich lüge dich nicht an: Ich weiß nicht, wann.“

    „Das ist ein ziemlich dünnes Versprechen.“

    Johannes lächelt nicht.

    „Ja. Manchmal ist es das. Und manchmal ist es alles, was mich hält.“


    Anfangen dürfen – ohne die Welt retten zu müssen

    Lennon schaut den alten Mann an.

    „Und wenn eure Zeichen zu klein sind? Wenn das Teller-Hinstellen und Tränen-Abwischen nicht reicht?“

    „Dann ist es gut, dass nicht ich es bin, der alles neu macht.“

    „Was meinst du?“

    „Ich meine: Ja – wir können teilen. Wir können Frieden stiften. Wir können einander halten. Und das ist nicht nichts. Das ist wirklich Gottes Handeln, durch uns.

    Aber Gottes Handeln ist größer. Er macht neu – auch dort, wo wir nicht mehr können. Wo die Kraft ausgeht. Wo die Zeichen verwehen.“

    Lennon schweigt lange.

    Dann sagt er, fast widerwillig:

    „Du glaubst, dass du anfangen kannst. Aber die Welt nicht retten musst.“

    „Genau. Das glaube ich. Das ist meine Hoffnung. Ich darf anfangen. Und Gott vollendet.“

    „Und wenn er es nicht tut?“

    Johannes antwortet nicht sofort. Er atmet. Dann sagt er:

    „Dann halte ich an dem fest, was ich gesehen habe. Mehr habe ich nicht.“


    Was „Stell dir vor“ und „Siehe“ verbindet

    Zwei Träumer. John und Johannes. Ich weiß nicht, ob eine Begegnung zwischen ihnen so verlaufen wäre.

    Aber ihre Träume verbindet viel.

    Wo der eine sagt: „Stell dir vor“ – sagt der andere: „Siehe.“

    Der eine träumt von unten nach oben: Was wäre, wenn wir den Himmel streichen und endlich hier anfangen? Der andere sieht von oben nach unten: Der Himmel kommt herab. Auf die Erde. Zu den Menschen.

    Und doch sehen beide dasselbe: Dass es so, wie es ist, nicht bleiben muss.

    Aber Johannes glaubt noch etwas: Dass Gottes Handeln größer ist als unsere Zeichen. Dass er neu macht – auch wo wir scheitern. Dass er trägt – auch wo wir loslassen müssen.

    Und das macht die kleinen Zeichen nicht kleiner. Das macht sie freier.


    Die Jahreslosung 2026 mitnehmen

    Wir stehen auf der Schwelle. Und uns begleitet diese Zusage:

    „Siehe, ich mache alles neu.“

    Gott macht neu. Er hat längst angefangen.

    Und weil er größer ist als unsere Zeichen, können wir anfangen.
    Amen.


    Fragen zur persönlichen Reflexion
    für das eigene Nachdenken,
    das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch

    1. „Siehe, ich mache alles neu“ – wenn Sie diesem Satz einen kleinen Raum in Ihrem Alltag geben würden: Was wäre der erste, vielleicht kleinste Schritt?

    2. Was in Ihnen darf sein, ohne sich ändern zu müssen – gerade jetzt, auf dieser Schwelle?


    Auf der Schwelle

    Eine Schwelle. Hinter dir liegt etwas – Tage, Wochen, ein ganzes Jahr vielleicht. Vor dir liegt etwas ohne Namen.

    Du stehst dazwischen.

    Und auf dieser Schwelle hörst du eine Stimme. Nicht laut. Eher wie ein Atemzug.

    Siehe. Ich mache alles neu.

    Nicht du. Nicht deine Kraft.

    Ich.

    Das Neue kommt nicht von dir. Es kommt auf dich zu. Wie der Morgen kommt. Wie ein Atemzug, den du nicht erzwingen kannst.

    Vielleicht spürst du Widerstand. Lass ihn da sein. Hoffnung, die keine Fragen kennt, ist billig. Hoffnung, die durch Fragen hindurchgeht, trägt.

    Du stehst auf der Schwelle. Aber nicht allein.

    Da ist etwas, das dich hält. Größer als deine Zeichen. Älter als deine Zweifel.

    Es hat längst angefangen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten.

    Was bedeutet „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5)?

    Das griechische Wort für „neu“ ist kainós. Es meint nicht „neu“ im Sinne von „unbenutzt“ (néos), sondern „andersartig, verwandelt, qualitativ anders“. Gott restauriert nicht den alten Zustand – er schafft etwas grundlegend Neues, bei gleichzeitiger Kontinuität. Das Alte wird nicht ausgelöscht, sondern verwandelt. Diese Vorstellung ist zentral für die jüdisch-christliche Hoffnung: Nicht Flucht aus der Welt, sondern Erneuerung der Welt.


    Was ist der „neue Himmel und die neue Erde“?

    In Offenbarung 21,1 greift Johannes auf eine Tradition aus Jesaja 65,17 zurück. Die Vision beschreibt keine räumliche Trennung zwischen „oben“ (Himmel) und „unten“ (Erde), sondern eine Durchdringung: Gottes Wirklichkeit kommt zur Erde. Der „Tempel“ verschwindet, weil Gott selbst bei den Menschen wohnt (Offb 21,22). Diese Vorstellung ist radikal: nicht Weltflucht, sondern Weltverwandlung. Gott gibt die Schöpfung nicht auf – er macht sie heil.


    Warum sitzt Johannes auf Patmos im Exil?

    Johannes, der Seher der Offenbarung, befand sich auf der Insel Patmos in der Ägäis – vermutlich als Verbannter unter römischer Herrschaft. Patmos war in der Antike ein Ort der Verbannung für politische oder religiöse Dissidenten. Johannes war Teil einer verfolgten christlichen Minderheit. Seine Vision entstand also nicht in Sicherheit, sondern in existenzieller Bedrohung. Das verleiht dem Text eine besondere Kraft: Hoffnung nicht trotz, sondern mitten in der Krise.


    Wer war John Lennon und was meinte er mit „Imagine“?

    John Lennon (1940–1980), Mitglied der Beatles, schrieb 1971 den Song „Imagine“. Der Text entwirft eine Welt ohne Religion, Besitz und Nationalstaaten – ein humanistischer Traum von Frieden durch Verzicht auf Ideologien. Sein Ansatz war radikal diesseitig: Frieden nicht durch Transzendenz, sondern durch Abbau trennender Strukturen. Der Song wurde zur Hymne pazifistischer Bewegungen, bleibt aber theologisch umstritten, weil er Hoffnung ausschließlich im Menschen verortet.
    Damit bleibt er eine Herausforderung und eine Inspiration für Christen.

    Bibelzitate:
    Lutherbibel, revidiert 2017, © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
    BasisBibel, © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

    Imagine (John Lennon, 1971) – Text und Musik: John Lennon – © Lennon Music / Sony/ATV Music Publishing LLC (heute: Sony Music Publishing)

    Das heilige Unfertige.

    Eine Predigt zu Psalm 139,13-18

    📖 Psalm 139,13-18 (BasisBibel)

    Ja, du hast meine Nieren geschaffen,
    mich im Bauch meiner Mutter gebildet.
    Ich danke dir und staune,
    dass ich so wunderbar geschaffen bin.
    Ich weiß, wie wundervoll deine Werke sind.
    Nichts war dir unbekannt am Aufbau meines Körpers,
    als ich im Verborgenen geschaffen wurde –
    ein buntes Gewebe in den Tiefen der Erde.
    Ich hatte noch keine Gestalt gewonnen,
    da sahen deine Augen schon mein Wesen.
    Ja, alles steht in deinem Buch geschrieben:
    Die Tage meines Lebens sind vorgezeichnet,
    noch ehe ich zur Welt gekommen bin.
    Wie kostbar sind für mich deine Gedanken, Gott!
    Wie zahlreich sind sie doch in ihrer Summe!
    Wollte ich sie zählen: Es sind mehr als der Sand.
    Würde ich erwachen: Noch immer bin ich bei dir.


    „Ich kann das nicht sagen“

    Vor einigen Monaten erzählte mir eine Patientin
    im Anschluss an das Abendgebet,
    wie gut ihr das tut.

    Aber es gibt eine Stelle,
    die für sie schwer ist.

    Wenn beim Gebet gesagt wird:
    „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin“,
    dann kann sie einfach nicht mitsprechen.

    Wie soll man „wunderbar“ sagen,
    wenn der eigene Körper nicht mehr mitmacht?
    Wenn nichts mehr funktioniert, wie es soll?
    Wenn man sich selbst fremd geworden ist?


    Was sieht Gott, wenn er uns ansieht?

    Der Psalmsänger –
    denn ursprünglich war dieses Gebet ein Gesang –
    wagt in unserem Bibeltext eine ungewöhnliche Formulierung.

    Er schaut zurück an den Anfang, in die Zeit vor der Zeit.

    Und er entdeckt dort etwas Erstaunliches:

    „Noch unfertig erblickten mich deine Augen.“

    Das hebräische Wort, das hier steht, heißt golem.
    Es bedeutet wörtlich: das noch nicht Ausgeformte.
    Die ungeformte Masse. Der Embryo.

    Gott sieht uns, bevor wir fertig sind.
    Bevor wir Gestalt annehmen.
    Bevor wir irgendetwas leisten können.

    Und was tut Gott mit diesem unfertigen Wesen?

    Er webt es.
    Er stickt es kunstvoll.
    Er formt es mit der Sorgfalt eines Künstlers.

    „Du hast mich gewebt im Leib meiner Mutter“, sagt der Psalm.

    Nicht gehämmert, nicht gegossen, nicht konstruiert.
    Gewebt.

    Wie einen kostbaren Stoff.
    Mit unendlicher Geduld.


    Die Revolution des Unfertigen

    Hier liegt das Besondere dieses Textes:

    Gott wartet nicht, bis wir fertig sind, um uns zu lieben.

    Er liebt das Unfertige.
    Er sieht Schönheit im Prozess, nicht erst im Produkt.

    „Meine Knochen waren nicht vor dir verborgen“, heißt es weiter.

    Die Knochen – das Gerüst, die Struktur, das, was uns Halt gibt.

    Gott kennt unser Gerüst.
    Er weiß, wo es brüchig ist.
    Wo alte Brüche schlecht verheilt sind.
    Wo die Statik wackelt.

    Und wo wir stark sind.

    Und trotzdem – nein, gerade deswegen – sagt der Psalmsänger diese unglaublichen Worte:

    „Ich danke dir, dass ich auf erstaunliche Weise wunderbar geschaffen bin.“

    Nicht: Ich werde wunderbar sein, wenn…
    Nicht: Ich war mal wunderbar, bevor…

    Sondern: Ich BIN wunderbar geschaffen.

    Jetzt.
    So.
    Unfertig.


    Und wenn Sie das nicht sagen können?

    Wenn Sie das heute nicht sagen können?
    Wenn sich alles in Ihnen dagegen sträubt?

    Dann ist das auch heilig.

    Dann dürfen Sie schweigen, wo andere sprechen.
    Dann spricht Gott vielleicht gerade in Ihrem Schweigen.

    Denn „wunderbar“ heißt hier ja gerade nicht: perfekt.

    Das hebräische Wort bedeutet eigentlich: zum Staunen.
    Etwas, das einen innehalten lässt.
    Etwas, das man nicht gleich versteht.

    Sie sind zum Staunen.

    Nicht weil alles an Ihnen stimmt.
    Sondern weil Sie ein Geheimnis sind.
    Ein heiliges Rätsel.

    Manchmal auch für sich selbst.


    Wo wohnt das Heilige?

    Wir suchen das Heilige oft in der Perfektion.

    Im gesunden Körper.
    Im starken Glauben.
    Im geordneten Leben.

    Aber dieser Psalm erzählt eine andere Geschichte.

    Das Heilige wohnt im Verborgenen.

    „Als ich im Verborgenen gemacht wurde“, sagt der Text.

    Das Heilige braucht kein Scheinwerferlicht.
    Es braucht keine Bühne.

    Es entsteht im Verborgenen, im Unfertigen, im Verletzlichen.

    Ihre Nieren, sagt der Psalm, hat Gott gebildet.

    Warum betont er gerade die so sehr?

    Nun, in der Vorstellungswelt der Antike
    waren die Nieren – auf Hebräisch kilyot – der Ort der Gefühle.
    Wo Angst sitzt und Sehnsucht.
    Die Hoffnung und das Staunen.

    Auch das hat Gott geformt.
    Auch das ist Teil des Gewobenen.


    Sie müssen nicht fertig werden

    Gott wartet nicht auf Ihre Fertigstellung.
    Er ist jetzt schon da.

    Sie müssen sich nicht erst fertig machen.
    Sie müssen auch nicht „wunderbar“ sagen können.

    Sie sind geliebt im Werden.

    Nicht trotz Ihrer Unfertigkeit.
    Sondern in ihr.

    Sie sind kein Projekt, das repariert werden muss.
    Sie sind ein Mensch, der geliebt wird.

    Genau so.
    In Ihrer heiligen Unfertigkeit.

    Und Gott, der Weber, legt die Fäden nicht aus der Hand.

    Er webt weiter.
    Zärtlich.
    Geduldig.

    An seinem heiligen Unfertigen.

    An Ihnen,
    an Dir,
    an mir.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    Psalm 139,13-18 nach BasisBibel.
    Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
    Online: www.die-bibel.de


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Wo in Ihrem Leben spüren Sie gerade
    das „Unfertige“ – und wo könnte darin
    auch etwas Heiliges liegen?

    Gibt es einen Teil von Ihnen,
    den Sie als „nicht wunderbar“ empfinden?
    Was würde sich ändern, wenn Gott
    gerade diesen Teil mit Liebe ansieht?


    Meditativer Nachklang

    Gott, du Weber,

    du hast mich gewoben
    mit unendlicher Geduld.

    Du siehst mich unfertig
    und liebst mich trotzdem –
    nein: gerade so.

    Hilf mir, mich anzunehmen
    in meiner heiligen Unfertigkeit.

    Lass mich spüren:
    Ich muss nicht fertig sein,
    um geliebt zu werden.

    Ich bin dein Werk.
    Jetzt. So.

    Amen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr

    Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten.


    1. Das Wort golem (V. 16)

    Das hebräische Wort golem kommt in der ganzen Bibel nur ein einziges Mal vor – hier in Psalm 139,16.

    Es bedeutet „das noch nicht Ausgeformte“.

    Später wurde daraus in der jüdischen Mystik die Legende vom Golem – einer Figur aus Lehm, die durch göttliche Kraft zum Leben erweckt wird.

    Aber hier, in Psalm 139, ist golem kein Monster.
    Es ist ein Kosename Gottes für uns.

    „Mein Unfertiges“, sagt Gott.
    „Mein noch nicht Ausgeformtes.“

    Inspirierende Frage:
    Was wäre, wenn Gott Sie gerade in Ihrer Unfertigkeit am liebsten hat?


    2. Die Nieren als Sitz der Gefühle (V. 13)

    Im Hebräischen heißen die Nieren kilyot.

    In der antiken Vorstellungswelt waren sie der Sitz der innersten Gefühle – ähnlich wie wir heute vom „Herzen“ sprechen.

    Wenn Gott die Nieren „gebildet“ hat, dann hat er auch unsere Gefühlswelt geformt:
    die Angst, die Sehnsucht, die Hoffnung, das Staunen.

    Auch das ist „wunderbar geschaffen“.

    Inspirierende Frage:
    Welche Gefühle tragen Sie gerade in sich – und könnten auch sie Teil des „Gewobenen“ sein?

    Wohin soll ich gehen? – Eine Predigt zu Psalm 139,7-12

    📖 Psalm 139,7-12

    Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
    und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
    Führe ich gen Himmel, so bist du da;
    bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
    Nähme ich Flügel der Morgenröte
    und bliebe am äußersten Meer,
    so würde auch dort deine Hand mich führen
    und deine Rechte mich halten.
    Spräche ich: Finsternis möge mich decken
    und Nacht statt Licht um mich sein,
    so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
    und die Nacht leuchtete wie der Tag.
    Finsternis ist wie das Licht.


    David fragt

    „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist?“

    Das klingt nach Flucht.
    Aber es ist Staunen. Es ist Neugier.

    Wo könnte ich eigentlich hingehen, wo du nicht bist?

    David will die Grenzen ausloten.
    Er will wissen: Wie weit reicht diese Nähe?
    Wo bist du nicht?

    David macht eine Entdeckungsreise.

    Er durchmisst die Welt.
    Er durchmisst das Leben.

    Und findet überall dasselbe:
    Du bist da.

    Das ist keine Bedrohung. Das ist Staunen.

    Das ist seine Erfahrung: Es gibt keinen Ort, wo Gott die Menschen verlässt.


    Und ich merke, wie mir das zu glatt wird

    Zu schöngefärbt und zu fromm.

    Ich möchte David widersprechen.
    Dazwischenrufen:

    Es gibt doch auch diese Orte, die nicht sein sollten.

    Orte der Gewalt.
    Orte, wo das Leben zerbricht.

    Ist Gott auch da?

    Und – ich ahne gleichzeitig,
    wenn ich die Bibel lese,
    die Geschichte von Hiob,
    die Geschichte von Jesus am Kreuz,
    wenn ich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ singe,
    geschrieben im Gefängnis der Gestapo, Dezember 1944:

    Gottes Gegenwart dort ist Mitleiden.

    Nicht Billigung. Sondern Solidarität.


    „Auch Finsternis leuchtet“

    Ich glaube, nur wenn man sich das eingesteht,
    wird deutlich, wie tief die Worte von David sind, wenn er schreibt:

    „Spräche ich: Finsternis möge mich decken
    und Nacht statt Licht um mich sein,
    so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir.“

    David tastet sich vor. Bis in die Dunkelheit hinein.

    Und findet: Auch dort – Gegenwart.

    „Die Nacht leuchtete wie der Tag.
    Finsternis ist wie das Licht.“

    Du bist da.

    Nicht als der, der alles rechtfertigt.
    Sondern als der, der mitgeht.
    Als der, der aushält.
    Als der, der bei den Leidenden bleibt.

    Das ist die Hoffnung des Psalms.


    Die Flügel der Morgenröte

    Und David nimmt uns weiter mit in diese Welterkundung,
    die gleichzeitig eine Lebenserkundung ist:

    Führe ich gen Himmel, so bist du da;
    bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

    Nähme ich Flügel der Morgenröte
    und bliebe am äußersten Meer,
    so würde auch dort deine Hand mich führen
    und deine Rechte mich halten.

    Himmel – das ist nicht nur der religiöse Raum.
    Das ist auch der Moment, wenn Ihnen das Herz aufgeht.
    Wenn Sie merken: Das Leben ist schön.
    Wenn Sie sich frei fühlen.

    Du, Gott, bist dort.

    Totenreich – das ist nicht nur das Jenseits.
    Das ist auch die Zeit, wenn Sie sich wie begraben fühlen.
    Wenn die Depression Sie nach unten zieht.
    Wenn Sie erschöpft sind und nicht mehr können.

    Und auch dort: Gegenwart.

    Morgenröte – das ist der Aufbruch.
    Der Neuanfang.
    Wenn Sie spüren: Jetzt geht es weiter.
    Wenn neue Hoffnung kommt.

    Äußerstes Meer – das ist die Grenze.
    Das Unbekannte.
    Wenn Sie nicht wissen, was kommt.

    Aber es lässt sich spüren:

    Gottes Gegenwart ist nicht nur dort, wo wir ankommen.
    Sondern schon unterwegs.
    Schon in der Suche.

    In der Tradition der Sufis, zu denen der persische Mystiker Rumi gehörte, gibt es einen ähnlichen Gedanken (Oft Rumi zugeschrieben, eine gesicherte Originalquelle ist jedoch nicht nachweisbar.):

    „Ich suchte Gott und fand nur mich selbst.
    Ich suchte mich selbst und fand nur Gott.“

    Die Suche selbst ist schon Begegnung.


    Die Hand, die hält

    „So würde auch dort deine Hand mich führen
    und deine Rechte mich halten.“

    Die Hand Gottes.
    Ein menschliches Bild für etwas Größeres.

    Gott hat keine Hand, wie wir sie haben.
    Gott ist mehr als jedes Bild.

    Aber die Bibel wählt Bilder, die wir fühlen können.
    Weil wir Menschen sind. Weil wir Körper sind.

    Und wir wissen, was Hände tun:

    Eine Hand, die Ihre Stirn berührt, wenn Sie Fieber haben.
    Eine Hand, die Ihre Hand hält, wenn Sie Angst haben.
    Eine Hand, die Ihren Rücken stützt, wenn Sie schwanken.

    Vielleicht kennen Sie solche Hände:
    Hände, die getröstet haben.
    Hände, die ermutigt haben.
    Hände, die einfach da waren.

    Gottes Hand ist wie diese Hände – und mehr.

    Sie ist die Gegenwart, die Sie hält, auch wenn niemand sichtbar da ist.
    Sie ist die Kraft, die Sie trägt, auch wenn Sie sich kraftlos fühlen.

    Nicht Festklammern. Sondern Sicherheit.

    Wie ein Geländer, das da ist, wenn Sie es brauchen.
    Wie ein Arm, der Sie stützt, wenn Sie schwanken.


    Überall zuhause

    Die große Entdeckung des Psalms:

    „Ich bin gehalten.“

    Das ist keine Bedrohung. Das ist Geborgenheit.

    Sie müssen nicht woanders hin.
    Sie sind schon da, wo Gott ist.

    Der Alltag ist heiliger Raum.

    Der Himmel, die Erde,
    die Morgenröte und das äußerste Meer.

    Heiliger Raum,
    weil Gott da ist.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    Psalm 139,7-12 nach Luther 1984. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

    Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten treu und still umgeben“, in: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 8: Widerstand und Ergebung, hrsg. von Christian Gremmels u. a., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998.


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Wann haben Sie schon einmal gespürt,
    dass Sie in schwierigen Momenten nicht allein waren?
    Was hat Ihnen damals geholfen?

    Wie stark spüren Sie gerade jetzt,
    dass Sie „zuhause“ sind – auch wenn vieles unsicher ist?
    Was könnte Ihnen helfen, dieses Gefühl zu vertiefen?


    Meditativer Nachklang

    Gott, du Grund meines Gehens,

    in dir bewege ich mich
    und bin ich zuhause.

    Wo ich auch bin – du bist da.
    Was ich auch durchmache – du gehst mit.

    Lass mich spüren:

    Ich bin getragen.
    Ich bin begleitet.
    Ich bin zuhause in dir.

    Amen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr

    Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten.

    Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten
    oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
    Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein,
    aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.

    Hier finden Sie etwas davon.


    1. Die Flügel der Morgenröte (V. 9)

    Im Hebräischen steht hier ein Bild, das nach Geschwindigkeit klingt, nach Licht, nach dem schnellsten Moment des Tages.

    David wählt bewusst das schnellste Bild seiner Zeit.

    Heute würden wir sagen: „Nähme ich die Geschwindigkeit des Lichts.“

    Die Ironie: Selbst mit übermenschlicher Geschwindigkeit kann man Gott nicht „abhängen.“

    Inspirierende Frage:
    Welche „Lichtgeschwindigkeit“ kennen Sie in Ihrem Leben – Momente, wo alles ganz schnell geht?
    Haben Sie schon erlebt, dass Gott auch in diesen rasanten Zeiten bei Ihnen war?


    2. Das äußerste Meer (V. 9)

    In der hebräischen Kosmologie der Westrand der Welt.
    Wo das Meer das Chaos berührt.

    Der Ort maximaler Gottferne in der Vorstellungswelt Israels.

    Dass Gott auch dort präsent ist, sprengt konventionelle Theologie.

    Inspirierende Frage:
    Was ist für Sie das „äußerste Meer“ – der Ort, wo Sie sich am weitesten von allem Vertrauten entfernt fühlen?
    Könnten Sie sich vorstellen, dass auch dort Gottesgegenwart möglich ist?


    Gott gräbt nach Gold – eine Predigt zu Psalm 139,1-6

    Der Psalm 139 gehört zu den schönsten und poetischsten Texten der Bibel.
    Es ist wie das Gebet eines Dichters oder einer Dichterin.

    Und ich lade Sie ein, in den kommenden vier Abendgebeten diesem Text nachzuspüren.

    Die Texte dazu können Sie auf meiner Homepage „mitmenschpfarrer.de“ nachlesen, auch wenn Sie nicht mehr hier in der Klinik sind.

    Heute beginnen wir mit den ersten Versen dieses Psalms, dieses Liedes:


    📖 Psalm 139,1-6 (BasisBibel)

    HERR, du hast mich erforscht und du kennst mich genau.
    Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.
    Du erkennst meine Gedanken schon von fern.
    Du beobachtest mich, ob ich gehe oder liege,
    und bist vertraut mit all meinen Wegen.
    Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge,
    da weißt du, HERR, schon genau, was ich sagen will.
    Von allen Seiten hast du mich umschlossen.
    Du hast deine Hand auf mich gelegt.
    Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich,
    zu hoch – ich kann sie nicht fassen.


    Gott gräbt nach Gold

    „Du hast mich erforscht“ – das klingt erst mal bedrohlich, oder?

    Als würde jemand mit der Lupe über mich gehen.
    Als würde einer in meinen Wunden herumstochern.

    Aber das hebräische Wort, das hier steht – chaqar – erzählt eine ganz andere Geschichte.

    Es bedeutet wörtlich: „tief graben“, „nach Bodenschätzen suchen“.

    Es ist das Wort für Goldgräber und Archäologen.
    Für Menschen, die mit unendlicher Geduld Schicht um Schicht abtragen, weil sie überzeugt sind: Da ist etwas Kostbares verborgen.

    Gott ist kein Inspektor, der Fehler sucht.
    Gott ist ein Goldgräber, der Schätze freilegt.

    Das verändert alles.

    Denn vielleicht sitzen wir hier und denken: Was gibt es da noch zu entdecken?

    Mein Körper ist müde.
    Meine Haut erzählt von Schmerzen.
    Meine Hände zittern.

    Was soll daran kostbar sein?

    Aber Gott gräbt tiefer.

    Er sieht nicht nur die Oberfläche.
    Er sieht die Goldadern, die durch unser Leben laufen – auch wenn sie von Schmerz und Angst überlagert sind.

    Auch wenn wir sie selbst nicht mehr sehen.


    Die Geschichten unserer Körper

    „Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.“

    Unsere Art zu sitzen erzählt Geschichten.

    Ich lehne mich zurück und lache, weil jemand eine gute Geschichte erzählt.
    Ich lasse mich fallen ins weiche Kissen, weil es einfach gut tut.
    Ich setze mich vorsichtig hin, weil der Rücken schmerzt.
    Ich richte mich auf, wenn Besuch kommt und ich noch mal Kraft finde.

    All das ist mit Augen der Liebe gesehen.

    Die Lebendigkeit und die Müdigkeit.
    Das Genießen und der Schmerz.

    Gott gräbt nach beidem:
    Nach den leuchtenden Momenten UND nach der Kraft, die sich im Schweren gebildet hat.

    Die Falten um unsere Augen – Lachfalten und Sorgenfalten – sind beides Gold.

    Sie erzählen von einem Leben, das nicht nur ertragen, sondern auch genossen wurde.
    Von Momenten, in denen wir lebendig waren.
    Von Menschen, die uns zum Strahlen brachten.

    Und ja: auch von der Last, die wir tragen.
    Von dem, was schwer war.

    Aber dieser Psalm sagt: Du kannst aufhören, dich zu verstecken.

    Denn der Goldgräber-Gott gräbt durch alle Schichten:
    durch die Freude UND durch die Erschöpfung.

    Und findet überall Kostbares:
    deine Lebendigkeit, die sich nicht unterkriegen lässt.
    Deine Fähigkeit zu lachen.
    Dein Durchhalten.
    Deine Würde.


    Die Sprache des Körpers

    „Du erkennst meine Gedanken schon von fern.
    Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge,
    da weißt du schon, was ich sagen will.“

    Unsere Körper sprechen, auch wenn wir schweigen.

    Die Freude, die mich überrascht – mein Körper weiß davon.
    Das Lachen mit anderen, das mich leicht macht – es zeigt sich in meinen Augen.
    Die Trauer, die ich in mir trage – sie liegt in meinen Schultern.
    Die Angst, die ich nicht zeigen will – sie zeigt sich im flachen Atem.

    All das ist bereits erkannt.
    Schon bevor wir es in Worte fassen.

    Und Gott versteht diese Sprache.

    Besser als jeder Therapeut, besser als jede Pflegekraft, so gut sie auch sein mag.

    Es gibt Momente, da kann ich nicht beten.
    Da sind die Fragen zu groß und die Antworten zu klein.

    Aber mein Körper betet weiter.

    Mein Atem betet.
    Meine müden Hände beten.
    Das Lachen, das plötzlich durchbricht, ist auch Gebet.

    Das Schweigen ist Sprache.
    Die Freude ist Sprache.
    Die Erschöpfung ist Sprache.

    Und der Goldgräber-Gott?

    Der gräbt nach dem Gold:

    In der Stille.
    Im Lachen.
    Im Ringen.
    Im erfüllten Moment.


    Die Narben sind auch Schätze

    „Von allen Seiten hast du mich umschlossen.“

    Dieser Satz bedeutet: Vergangenheit und Zukunft sind umfangen.

    Alles, was war – und alles, was kommt.

    Die Narben, die ich trage. Die Verluste. Die Abschiede.

    Aber auch: Das Lachen mit Freunden. Die warmen Erinnerungen. Die Momente, in denen ich lebendig war.

    Ein Goldgräber weiß: Auch in altem, verwittertem Gestein liegt Gold.

    Gott liest unsere Narben nicht als Makel,
    sondern als Landkarte eines gelebten Lebens.

    Ich möchte nicht romantisieren.

    Manche Narben tun weh, auch nach Jahren.
    Manche Erinnerungen bleiben schwer.

    Aber dieser Psalm sagt nicht: „Alles war gut.“

    Er sagt: „Alles ist umfangen. Auch das Schwere gehört zu deiner Geschichte – und es ist gesehen.“

    Und manchmal, wenn wir Glück haben, entdecken wir:
    Gerade dort, wo es am dunkelsten war, hat sich auch Kraft gebildet.

    Mitgefühl. Tiefe.

    Das ist das Gold in den Narben.


    Wir müssen es nicht verstehen

    „Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich,
    zu hoch – ich kann sie nicht fassen.“

    Gott sei Dank steht dieser Satz hier!

    Wir müssen nicht alles durchschauen.

    Wir müssen nicht verstehen, warum der Körper so reagiert.
    Wir müssen nicht erklären können, warum uns plötzlich etwas Kleines tief berührt.
    Wir müssen nicht die Theodizee lösen – die Frage, warum Gott Leid zulässt.

    Es reicht, dass es gesehen ist.

    Es reicht, dass da einer gräbt – geduldig, liebevoll, überzeugt davon:
    In dir ist Gold.


    Ankommen, wie wir sind

    Gott liest unsere Geschichten wie heilige Texte.

    Mit Respekt für das Leben, das wir gelebt haben.
    Mit Freude an dem, was uns geglückt ist.
    Mit Liebe für die Menschen, die wir sind – auch wenn wir selbst uns manchmal nicht mehr lieben können.

    Wir dürfen müde sein und lebendig sein.
    Wir dürfen Spuren zeigen und uns freuen.

    Wir müssen uns nicht verstecken – nicht unsere Müdigkeit, nicht unsere Angst, nicht unsere Verletzlichkeit.

    Denn wir sind gesehen.
    Ganz und gar.

    Von einem, der nach Gold gräbt.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    Psalm 139,1-6 nach BasisBibel.
    Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
    Online: www.die-bibel.de


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Welche „Narbe“ in Ihrem Leben könnte auch Gold sein –
    eine Stelle, an der sich Kraft gebildet hat?

    Wann haben Sie zuletzt gespürt:
    Mein Körper spricht, auch wenn ich schweige?


    Meditativer Nachklang

    Gott,

    du gräbst nach Gold in mir.
    Auch dort, wo ich nur Müdigkeit sehe.
    Auch dort, wo ich nur Narben spüre.

    Hilf mir, mich nicht zu verstecken.
    Hilf mir, anzukommen – wie ich bin.

    Mit meiner Lebendigkeit und meiner Erschöpfung.
    Mit meinen Lachfalten und meinen Sorgenfalten.

    Du siehst mich.
    Ganz und gar.

    Und das ist genug.

    Amen.

    Spiritualität. Resilienz und Glaube

    Wie Glaube die Seele stärken kann

    Das Leben fordert uns heraus. Manchmal sanft, manchmal brutal. Manchmal täglich. Die Frage ist nicht, ob wir unter Druck geraten. Sondern: Können wir uns biegen, ohne zu zerbrechen?

    Kann Glaube dabei helfen? Ja. Aber nicht als Flucht vor der Realität. Sondern als Kraft, die mitten im Alltag trägt.

    Was Resilienz meint

    In der Materialforschung beschreibt Resilienz die Fähigkeit eines Werkstoffs, sich unter Druck zu verformen und danach in seine ursprüngliche Form zurückzukehren. Nicht starr sein. Nicht brechen. Sondern nachgeben – und wieder aufrichten.

    Was für Metalle gilt, gilt auch für die Seele. Auch sie braucht diese Flexibilität. Deshalb sprechen wir auch in der Seelsorge von Resilienz. Glaube kann dabei helfen. Nicht als Schonraum. Sondern als Trainingsraum.

    Ein Anker – aber kein falscher Halt

    Resiliente Menschen wissen: Nicht alles lässt sich kontrollieren. Aber es hilft zu wissen, woran man sich halten kann.

    Glaube bedeutet nicht, dass alles leicht wird. Er bedeutet: Sie sind nicht allein. Auch nicht in den Momenten, in denen Sie sich so fühlen.

    Aber was, wenn sich dieser Halt gerade nicht anfühlt? Wenn das Vertrauen brüchig ist und die Gebete wie Worte ins Leere wirken? Auch das gehört zur Wahrheit. Glaube ist nicht immer tragfähig. Manchmal muss er selbst erst wieder gefunden werden.

    Rituale schaffen Rhythmus

    Resilienz braucht keine großen Gesten. Oft reichen die kleinen. Ein Morgengebet. Ein Moment der Stille. Eine Kerze anzünden, bevor der Tag beginnt.

    Rituale sind keine leeren Gewohnheiten. Sie sind Erinnerungen an das, was trägt. Sie schaffen Rhythmus in einer chaotischen Welt. Rituale helfen zur Resilienz.

    Sinn sehen – auch im Schweren

    Einer der wichtigsten Resilienzfaktoren ist die Überzeugung, dass das Leben verstehbar, bewältigbar und sinnhaft ist. Glaube gibt keine einfachen Antworten. Aber er hilft, die richtigen Fragen zu stellen.

    Warum passiert mir das? Vielleicht werden Sie das nie wissen. Aber: Was kann ich daraus lernen? Wo bin ich gewachsen? Was ist mir wichtig geworden? Das sind Fragen, die Sinn stiften. Und Sinn stärkt die Seele.

    Gemeinschaft trägt – aber nicht jede

    Resilienz ist kein Solo-Projekt. Menschen, die spirituell verbunden sind, haben oft ein Netzwerk, das trägt. Eine Gemeinde, eine Gruppe, Freunde, die beten.

    Sie können getragen werden. Sie können bitten. Sie können sagen: Ich schaffe das gerade nicht allein.

    Aber nicht jede Gemeinschaft trägt. Manche fordert mehr, als sie gibt. Manche bewertet, statt zu halten. Gemeinschaft ist dann heilsam, wenn sie Raum lässt für das, was ist – auch für Zweifel, auch für Erschöpfung.

    „Einer soll die Last des anderen tragen.“ Galater 6,2

    Vertrauen – und loslassen dürfen

    Glaube bedeutet: Sie dürfen loslassen, was Sie nicht ändern können. Das ist keine Resignation. Das ist Akzeptanz.

    Aber Loslassen ist nicht einfach. Manchmal fühlt es sich an wie Aufgeben. Die Grenze zwischen Akzeptanz und Resignation ist oft schwer zu erkennen. Das Ringen darum gehört dazu. Es gibt kein einfaches „Lass los und vertrau“ – der Weg dorthin ist meist mühsam.

    Vorsicht: Wenn Glaube zur Last wird

    Nicht jede Form von Religiosität stärkt. Glaube, der nur Forderungen stellt, schwächt. Glaube, der Schuldgefühle verstärkt, verletzt. Glaube, der keinen Raum lässt für Zweifel, erdrückt.

    Wenn Spiritualität Sie starr macht statt biegsam, dann ist sie nicht mehr heilsam. Resilienz braucht einen Gott, der mitgeht – nicht einen, der bewertet und kontrolliert.

    Drei Fragen, die nicht drängen

    Vielleicht hilft es, einen Moment innezuhalten:

    Wo spüren Sie Ihre seelische Beweglichkeit? An welchen Stellen merken Sie: Hier kann ich nachgeben, ohne zu zerbrechen? Und wo spüren Sie Starrheit?

    Was hält Sie, wenn der Boden wankt? Gibt es Rituale, Menschen, Worte oder Räume, die Sie tragen – oder suchen Sie noch nach einem Halt, den Sie spüren können?

    Wie fühlt sich Ihr Glaube an? Macht er Sie weiter – oder enger? Gibt er Raum zum Atmen – oder fordert er mehr, als Sie geben können?

    Diese Fragen und die Antworten darauf gehören Ihnen. Vielleicht auch in ein Gespräch mit der Seelsorge.

    Rapsfeld

    Vaterunser 3. Wo wohnt Gott?

    Dritter Gedankengang zur Vaterunser-Reihe: „Im Himmel“


    1. Was Jesus mit „Himmel“ meint

    Vaterunser im Himmel. Wohnt da Gott? Im Himmel? was heißt das?

    Diese Frage führt uns direkt zu Jesus und seinem Verständnis vom Himmel. Wenn Jesus betet: „Vater unser im Himmel“ – wie mag das in seiner Muttersprache, dem Aramäischen, geklungen haben? Forscher vermuten, er hätte „bishmayya“ gesagt. Das wäre ein Plural – nicht der eine Himmel irgendwo da oben, sondern Himmel in vielen Dimensionen. Wörtlich also: „Vater unser in den Himmeln“.

    Im Englischen gibt es eine hilfreiche Unterscheidung: „sky“ meint den sichtbaren Himmel über uns, „heaven“ steht für die göttliche Wirklichkeit. Im Deutschen sprechen wir für beides einfach vom „Himmel“ – und denken zu schnell an Wolken statt an Wirklichkeit.

    Denn Jesus meint nicht die Wolken über uns, sondern eine göttliche Realität, die uns umgibt, in uns lebt und durch uns hindurchwirkt.


    2. Der Himmel in meiner Seele

    Paulus bringt es auf den Punkt: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen“ (2 Kor 4,7, Lutherbibel 2017).

    Irdene Gefäße, das sind keine polierten Prunkstücke, sondern einfache Tonkrüge. Zerbrechlich. Rissig. Unvollkommen. Genau dort, sagt Paulus, wohnt der Schatz. Gottes Geist in uns.

    Himmel, das ist nicht ein Ort hinter den Sternen, sondern ein Raum in uns, in dem Gott wohnt – gerade weil wir brüchig sind. Weil, nicht obwohl.

    Das ist keine romantische Idee, sondern eine spirituelle Erfahrung, die immer wieder neu entdeckt wird. Ein innerer Ort der tiefsten Verbindung mit dem Göttlichen. Nicht „sky“, sondern „heaven“, ganz nah bei mir.


    3. Wo spüre ich diesen Himmel?

    Doch wie finde ich diesen Himmel in mir? Wo merke ich: Gott wohnt in meiner Seele?

    Vielleicht kennen Sie solche Momente aus Ihrem Leben: Momente der Stille, in denen etwas in Ihnen aufatmet. Wenn Sie spüren: Ich bin nicht allein. Manchmal auch in dunklen Zeiten, wenn Sie erahnen: Da ist noch etwas Tieferes in mir als der Schmerz.


    4. Raum schaffen für den Himmel

    Wie können Sie solchen Momenten mehr Raum geben? Wie können Sie Platz machen für den Himmel?

    Der große Mystiker Johannes vom Kreuz sprach von der „Nacht der Seele“. Nicht als Strafe, sondern als Übergang: die Einladung, alte Bilder und Vorstellungen loszulassen, damit Neues wachsen kann. Manchmal heißt das: innerlich aufräumen. Überholte Gottesbilder verabschieden. Nicht alles kontrollieren müssen.

    Vielleicht beginnt es mit einfachen Schritten: Stille zulassen – einfach da sein. Dem eigenen Atem zuhören – dem Rhythmus des Lebens. Dankbar sein für kleine Schönheiten. Das sind keine großen Taten, aber sie öffnen Türen nach innen.


    5. Gott will wohnen, nicht beeindrucken

    „Wie kann Gott in mir wohnen?“ – das ist keine Frage der Leistung. Gott zieht nicht erst dann ein, wenn Sie perfekt sind. Er ist längst da. Er wartet, bis Sie ihn entdecken.

    Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Haus, aber haben nie alle Räume betreten. Sie kennen vielleicht das Erdgeschoss gut – doch da gibt es noch mehr zu entdecken. In diesen unbekannten Räumen Ihrer Seele wartet Gott schon.

    Still. Geduldig. Ohne Eile. Wie ein guter Freund, der einfach da ist, bis Sie Zeit zum Reden haben.


    6. Einladung: Den Himmel in mir entdecken

    „Vater unser im Himmel“. Das ist kein Blick nach oben, sondern eine Einladung, nach innen zu schauen. Den Raum in Ihrer Seele zu entdecken, in dem Gott wohnt. Nicht, um etwas zu erreichen. Sondern um zu spüren: Da ist mehr in mir, als ich geahnt habe.

    Vater unser in den Himmeln. Das beten wir. Und vielleicht entdecken wir dabei: Dieser Himmel ist näher, als wir dachten.



    FRAGEN ZUR VERTIEFUNG

    Für die persönliche Meditation, das Tagebuch oder ein gutes Gespräch:

    1. Gibt es einen Ort – innen oder außen – wo Sie sich wirklich zu Hause fühlen? Einen Ort, wo Sie ganz Sie selbst sein können. Was macht diesen Ort zu einem Raum, in dem Sie aufatmen? Und: Welche Qualität dieses äußeren Ortes tragen Sie vielleicht schon in sich?

    2. Wenn Sie sich vorstellen, Ihre Seele wäre ein Haus: Welche Räume kennen Sie gut. Und welchen Raum würden Sie gerne als nächstes betreten? Was vermuten Sie, wartet dort auf Sie?

    3. Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgen auf, und etwas in Ihnen ist ruhiger, offener, weiter. Woran würden Sie das zuerst merken? Was würde sich verändern – in Ihnen, in Ihrem Tag?


    GEBET

    Gott, du Geheimnis in mir. Ich spüre dich manchmal kaum. Und manchmal, ganz unverhofft, bist du da: eine Stille, die trägt.

    Hilf mir, Platz zu schaffen. Nicht durch Anstrengung, sondern durch Offenheit. Lass mich die Räume in mir entdecken, die ich noch nie betreten habe.

    Zeige mir den Himmel in meiner Seele, der schon da ist, bevor ich ihn suche.

    Amen.


    PSALMMEDITATION

    Psalm vom Himmel in mir

    Du bist näher als mein eigener Herzschlag, und doch entzieht du dich.
    In der Stille meiner Seele höre ich dich atmen.

    Wenn das Lärmen nicht aufhört, führst du mich nach innen, zu dem Ort, wo Frieden wohnt, auch wenn außen Sturm ist.

    Du bist nicht nur über mir. Du bist in mir.
    Nicht nur im Licht. Auch in meiner Dunkelheit.

    Lass mich heute spüren: Der Himmel ist nicht weit. So nah wie mein nächster Atemzug. So wahr wie meine Sehnsucht nach dir.


    SEGEN

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft wohne in den stillen Räumen deiner Seele.

    Die Liebe Christi, die tiefer reicht als alle Verletzung, erschließe dir den Himmel in deinem Herzen.

    Die Kraft des Heiligen Geistes, die sanfter ist als alle Gewalt, schaffe Platz in dir für das Göttliche.

    So segne dich der dreieinige Gott.

    Amen.

    Der Vater, die Quelle, die göttliche Kraft? Vaterunser 2

    Impuls zur Vaterunser-Reihe: „Zwischen Himmel und Herz“


    „Vater unser im Himmel…“

    Diese ersten Worte des bekanntesten Gebets der Welt sind für viele nicht einfach fromme Routine. Sie berühren etwas tief in uns. Manchmal zärtlich, manchmal schmerzhaft. Denn das Wort „Vater“ trägt die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrung in sich: die Sehnsucht nach Geborgenheit ebenso wie die Erinnerung an Enttäuschung, an Abwesenheit, vielleicht sogar an Gewalt.
    Manche können dieses Gebet nicht sprechen. Wegen dieser beiden ersten Worte.

    Jesus wusste das. Als er seine Jünger lehrte, Gott mit „Abba“ anzureden – einem aramäischen Wort, das etwa unserem „Papa“ entspricht –, war das ungewöhnlich.
    Nicht weil niemand vor ihm Gott als Vater angesprochen hätte. Ungewöhnlich war die Selbstverständlichkeit, mit der Jesus diese Beziehung lebte und lehrte.

    Im Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt Jesus uns einen Vater, der alle Konventionen sprengt – der rennt. Ein orientalischer Patriarch läuft aber nicht. Er wartet würdevoll, bis man sich ihm nähert. Ich stelle mir vor, wie die Zuhörer Jesu schmunzelten über diesen alten Mann.
    Und nun sagt Jesus:

    „Schon von weitem sah der Vater ihn kommen. Er hatte Mitleid mit seinem Sohn. Er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“
    (Lukas 15,20, BasisBibel)

    Hier ist ein Vater, der nicht auf seine Würde pocht, sondern auf die Liebe setzt. Der nicht straft, sondern feiert. Der nicht Moral predigt, sondern sich freut über die Heimkehr.

    Für viele Menschen ist das heilsam. Gerade für die, die schwierige Vatererfahrungen gemacht haben, kann die Begegnung mit diesem anderen Bild etwas in Bewegung bringen. Es geht nicht darum, Schmerz zu verdrängen oder zu verharmlosen. Es geht darum zu entdecken, dass es jenseits menschlicher Unzulänglichkeit eine Quelle der Liebe gibt, die nicht versiegt.

    Und doch weiß die Bibel um die Grenzen jedes Bildes. Die Bibel ist voller unterschiedlicher Metaphern für Gott: als Mutter, die tröstet („Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet“, Jesaja 66,13), als Fels, als Quelle, als Licht. Gott lässt sich nicht in einem einzigen Bild fassen. Obwohl manchmal bestimmte Bilder für uns wichtig werden.

    Aber das Bilderverbot des Alten Testaments mahnt uns:
    Gott ist größer als unsere Bilder.
    Das Vaterbild ist ein Fenster –
    nicht die ganze Wirklichkeit.

    Wir können und dürfen Gott nicht festlegen auf bestimmte Bilder.
    Das Vaterunser beginnt deshalb nicht mit einem Dogma, sondern mit einer Einladung. Wir dürfen „Vater“ sagen – oder „Mutter“, „Quelle“, „Kraft“. Wir dürfen uns bergen lassen in dem, was größer ist als unsere Angst, stärker als unsere Sorge, tragfähiger als unsere Zweifel.
    Ganz gleich, welches Bild von Gott uns gut tut.

    Es ist ein Gebet uns einlädt, zu entdecken, zu zweifeln, zu vertrauen – und die eigenen Bilder zu finden. Und sie wieder loszulassen, wenn sie zu eng geworden sind.


    Inspiriert haben mich zu diesen Gedanken der Beitrag von Evelyne Baumberger zum Beginn des Vaterunsers.


    ABENDGEBET

    Du, dessen Name größer ist als alle Worte,
    und der doch nah ist wie ein Atemzug
    wir legen diesen Tag in deine Hände.
    Das Schwere, das wir getragen haben.
    Das Gute, das wir fast übersehen hätten.
    Lass uns in der Stille dieser Nacht spüren:
    Wir müssen nicht festhalten. Wir sind gehalten.
    Schenk uns Ruhe. Und morgen: einen neuen Anfang.
    Amen.


    SEGEN

    Gott segne dich mit dem Vertrauen,
    dass du nicht fallen kannst aus dieser Liebe heraus –
    wie immer du sie auch nennst.

    Gott segne dich mit der Freiheit,
    deine eigenen Worte zu finden
    für das, was größer ist als deine Angst.

    Gott segne dich mit der Stille,
    in der du spürst: Du bist gemeint.
    Du bist willkommen. Du bist zuhause.

    So segne dich der lebendige Gott –
    Vater, Mutter, Quelle, Freund –
    heute und in den Tagen, die kommen.

    Amen.


    FRAGEN ZUM NACHDENKEN –

    fürs Tagebuch oder ein Gespräch

    1. Welches Bild für das Göttliche lässt Sie aufatmen – nicht das, das Sie gelernt haben, sondern das, das sich für Sie richtig anfühlt? Was ist es an diesem Bild, das Sie nährt?

    2. Wenn Sie das Vaterunser für sich persönlich neu beginnen dürften – mit welchen Worten würden Sie anfangen? „Mutter unser…“, „Du, der du mich hältst…“, „Quelle des Lebens…“ – was käme Ihnen in den Sinn?

    Zerbrechliches Leben. Mit goldener Naht.

    Eine alte japanische Kunst:
    Ein zerbrochenes Gefäß wird mit Gold gekittet.
    Die Bruchstellen leuchten –
    nicht trotz,
    sondern wegen der Risse.

    Ich stelle mir vor,
    wie jemand mit den Fingern darüberstreicht.
    Fast zärtlich.
    Wie tröstlich wäre es,
    wenn auch unsere eigenen Risse
    so sichtbar sein dürften –
    und so wertgeschätzt.

    Zerbrochen
    und doch ganz.

    Diese Kunst heißt Kintsugi.
    Goldverbindung.
    Die Scherben, die Risse bleiben nicht unsichtbar,
    sie werden Teil der Geschichte.
    Teil des Wertes.
    Teil der Schönheit.



    Was für ein anderer Blick
    auf das Zerbrochene!

    In unserer Welt
    sind Brüche oft Makel.
    Wir sollen funktionieren,
    unsere Narben verbergen,
    weitergehen –
    als wäre nichts gewesen.

    Doch wie erschöpfend
    ist dieses Versteckspiel.
    Wie einsam das ständige „Alles gut“.

    Was wäre,
    wenn wir Verletzlichkeit
    nicht als Schwäche sehen,
    sondern als Raum?
    Ein Raum für Tiefe,
    für Weite,
    für echte Begegnung?



    Die Bibel erzählt
    von einem Gott,
    der sich selbst verwundbar macht.
    Der mit uns geht –
    nicht als Unversehrte –
    sondern als einer,
    der Wunden trägt.

    Und der auferstandene Jesus sagt, als er seine Wunden zeigt:

    Die Wunde
    wird zum Erkennungszeichen.



    Könnte es sein,
    dass auch unsere Narben
    Zeichen sind?
    Nicht nur von Schmerz,
    sondern von Leben?
    Von Tiefe.
    Von Reife.

    Nicht nur Jesus –
    auch die Menschen in der Bibel
    sind selten makellos:
    Mose stottert.
    Hanna trauert.
    Petrus versagt.
    Ruth geht durch die Fremde.
    Paulus trägt einen „Stachel im Fleisch“.

    Verletzt.
    Verletzlich.
    Und doch gesegnet.



    Manchmal denke ich:

    Heilung bedeutet nicht,
    dass keine Narbe bleibt.
    Heilung bedeutet,
    dass die Narbe
    nicht mehr wehtut,
    wenn man sie berührt.

    Dass die Erinnerung
    nicht mehr gefährlich ist.
    Dass man wieder
    atmen kann.
    Sich aufrichten.
    Weitergehen.

    Vielleicht mit einer neuen Achtsamkeit.
    Einer tieferen Empfänglichkeit
    für das Zerbrechliche.



    Wir alle kennen sie –
    die Menschen mit gekitteten Herzen.
    Behutsam.
    Klar.
    Ehrlich.
    Weise geworden
    durch das,
    was sie überlebt haben.



    Was wäre,
    wenn auch Du
    Deine Brüche
    mit anderen Augen sehen könntest?

    Wenn Du ihnen begegnest
    wie ein Kunsthandwerker
    der Scherbe für Scherbe
    mit Gold verbindet –
    in Geduld,
    in Liebe,
    in Würde?



    Vielleicht liegt darin die Kraft:
    Im Annehmen
    der eigenen Verwundbarkeit.
    Im Mut,
    nicht perfekt sein zu müssen.
    In der Hoffnung,
    dass das Zerbrochene
    nicht das Ende der Geschichte ist.

    Sondern der Anfang.

    Mit goldener Naht.

    Die Zeit zwischen den Jahren – Fragen für das, was war und was wird.

    Zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar liegen die Zwölf Heiligen Nächte – eine uralte Tradition des Innehaltens und Betrachtens. In dieser besonderen Schwellenzeit zwischen Weihnachten und dem Fest der Heiligen Drei Könige lade ich Sie ein, jeden Tag eine Frage zu erkunden: im Tagebuch, im Gespräch mit vertrauten Menschen (deep talk) oder in einer Gruppe.

    Die folgenden 12 Fragen helfen Ihnen dabei, das vergangene Jahr zu würdigen, dem kommenden Jahr zu begegnen und sich selbst neu zu entdecken – mal im Rückblick, mal im Ausblick, mal ganz im Hier und Jetzt.


    Was war

    • Welche Kleinigkeit hat dich 2025 erstaunlich glücklich gemacht?
    • Welchen Satz hast du 2025 am häufigsten gesagt – und was sagt das über dich?
    • Was hast du dieses Jahr gelernt, das du eigentlich schon längst wusstest – aber erst jetzt wirklich verstanden hast?

     

    Was ist

    • Was hast schon mal du aufgeschoben, das sich später als gute Entscheidung herausgestellt hat?
    • Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?
    • Welche deiner Eigenschaften nervt dich manchmal – und rettet dich an anderen Tagen?
    • Was brauchst du, um dich lebendig zu fühlen – nicht glücklich, nicht erfolgreich, sondern einfach: lebendig?
    • Welcher Ort auf der Welt fühlt sich für dich an wie nach Hause kommen – auch wenn du noch nie dort warst?
    • Welcher Mensch hat dich geprägt, ohne es zu wissen?

     

    Was wird

    • Wenn 2026 ein Raum wäre, den du betrittst: Welche Tür lässt du bewusst zu? Und welches Fenster reißt du sperrangelweit auf?
    • Wenn dein Bauchgefühl und dein Kopf sich 2026 auf genau eine Sache einigen müssten – was wäre das?
    • Wenn du für 2026 eine völlig überflüssige, aber herrliche Tradition einführen könntest – welche?

    Inspiriert hat mich zu dieser Sammlung ein Beitrag der großartigen KollegInnen von RefLab aus der Schweiz:
    https://www.reflab.ch/eine-zwischenzeit-die-rauhnaechte/

    Wer Spaß hat an weiteren Fragen:
    https://www.reflab.ch/55-neue-fragen-zum-jahreswechsel-fuer-deep-talk-oder-journaling/
    https://www.reflab.ch/100-fragen-zum-jahreswechsel/

     


    Die Zwölf Heiligen Nächte. Zeit zwischen den Zeiten

    Wenn zwei Kalender sich nicht einig sind

    Die Zwölf Heiligen Nächte, auch Raunächte genannt, haben ihren Ursprung in einem praktischen Problem unserer Vorfahren: Wie bringt man Mond- und Sonnenjahr zusammen?

    Ein Mondjahr ist elf Tage kürzer als ein Sonnenjahr – eine merkwürdige Lücke, die weder zum alten noch zum neuen Jahr gehört.

    Diese Tage galten in germanischen
    und keltischen Kulturen
    als besondere Schwellenzeit:
    Zwischen den Jahren.
    Zwischen den Welten.

    Die Zwölf Nächte vom 25. Dezember bis zum 6. Januar wurden so zu einer Zeit außerhalb der normalen Ordnung – jede Nacht einem Monat des kommenden Jahres zugeordnet, eine Ahnung dessen, was werden könnte.

    Christliche Umdeutung: Aus gefährlichen Nächten werden heilige Nächte

    Die frühe Kirche hat diese vorchristliche Tradition nicht einfach verboten, sondern verwandelt. Aus den „wilden“ Raunächten wurden die „heiligen“ Zwölf Weihnachtstage – die liturgische Zeit zwischen der Geburt Christi am 25. Dezember und dem Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanias) am 6. Januar.

    Was vorher als gefährlich galt – die dünne Grenze zwischen den Welten, die Ungewissheit der Schwellenzeit –
    wurde nun zum Raum für das Licht von Weihnachten.
    Christus als Licht in der Finsternis, das durch die dunkelsten Nächte des Jahres hindurch bis zu seiner Erscheinung vor den Völkern leuchtet.

    Die Bräuche blieben – verwandelt: Aus wildem Räuchern wurde Weihrauch, aus Schutzritualen der Haussegen. In manchen Häusern wird noch heute geräuchert, mit Gebeten statt Zaubersprüchen, die besondere Achtsamkeit auf Träume und innere Eindrücke nun als geistliche Übung der Gewissenserforschung.

    Eine theologische Schwellenzeit

    Die Zwölf Nächte lassen sich theologisch tiefer deuten: Wir leben „zwischen den Zeiten“ – das Heil ist in Christus schon gekommen und doch noch nicht vollendet.

    Genau diese Spannung prägt die Zeit zwischen Weihnachten und Epiphanias. Das Kind in der Krippe ist geboren – aber was bedeutet das für die Welt, für mich, für das kommende Jahr? Die Nächte werden ein Raum, um dieser Frage nachzuspüren.

    Was die Zwölf Nächte heute sein können

    Heute entdecken viele Menschen diese alte Tradition neu – nicht als magisches Orakel oder Aberglauben, sondern als bewusste Auszeit.

    Die Zwölf Nächte bieten einen Rhythmus für das, was im Alltag oft untergeht:
    das stille Nachdenken,
    das achtsame Sortieren,
    das Gespräch ohne Zweck.

    In manchen Gemeinden gibt es „Raunachts-Exerzitien“ – bewusste Auszeiten zwischen den Jahren. Jeden Abend eine Andacht, ein Wort, eine Frage. Andere nutzen die Zeit für Haussegnungen, für das bewusste Räuchern und Beten in den eigenen vier Wänden, für Rituale des Loslassens und Neuanfangens.

    In Kliniken und palliativen Einrichtungen kann diese Zeit besonders wertvoll werden: Wenn die normale Geschäftigkeit pausiert, wenn die Welt draußen zwischen den Jahren innehält, entsteht Raum für das, was wirklich zählt. Für Trauer und Hoffnung. Für Rückschau und Vorausschau. Für das Licht, das auch in den dunkelsten Nächten nicht ausgeht.

    Die Fragen als Begleiter

    Die 12 Fragen sind keine Checkliste, sondern Wegbegleiter durch diese besondere Zeit. Sie helfen, in Kontakt zu kommen – mit sich selbst, mit anderen, mit dem Jahr, das hinter und vor Ihnen liegt, vielleicht auch mit Gott, der mitgeht. Vielleicht sind sie auch Inspiration für eigene Fragen.

    Sie entscheiden, wie Sie die Fragen nutzen: allein oder mit anderen, als geistliche Übung oder achtsame Begegnung mit sich selbst.

    Die Zwölf Nächte warten.
    Für das, was Sie nicht aussprechen können.
    Für das, was Sie loslassen wollen.
    Für das, was werden darf.

    Maria bewegte dies im Herzen

    Eine weihnachtliche Andacht

    Es gibt einen Satz in der Weihnachtsgeschichte, der leicht überlesen wird. Zwischen all den Engeln und Hirten steht er da, fast unscheinbar: „Maria aber bewahrte alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“
    Während um sie herum alles in Bewegung ist, zieht Maria sich zurück. Nach innen. Ins Herz.

    Was für ein merkwürdiges Wort: bewegen.
    Als wäre das Herz ein Raum, in dem man Dinge hin- und herwenden kann. Als wäre Erinnern etwas Lebendiges.
    Wenn Maria uns etwas zeigt, dann das: Es gibt eine Zeit, in der das Äußere still wird – und das Innere beginnt. Eine Zeit, in der man nicht mehr für andere funktionieren muss. In der man hören darf, was in einem selbst nachklingt.

    Vielleicht sind es Erinnerungen – ein Gesicht, das immer wieder auftaucht. Ein Moment, zu dem Sie zurückkehren. Eine Szene, die hell leuchtet.
    Vielleicht sind es Worte – ein Satz, der getragen hat. Eine Stimme, die nachhallt.
    Oder vielleicht ist es das Tragende selbst – das, was Sie durch die Jahre getragen hat. Auch wenn Sie es nicht benennen können.

    Wenn das Leben leiser wird, beginnt eine andere Bewegung. Im Herzen.
    Das ist das Geschenk der Weihnachtsgeschichte:
    Du darfst bewegen, was dich bewegt hat.
    Und dabei wirst du nicht allein sein.
    Gott ist dort, wo das Herz sich öffnet. Wo Erinnerungen lebendig werden. Wo Schmerz und Dankbarkeit nebeneinander sein dürfen.
    Möge Ihnen diese Zeit gegeben sein – die Zeit, in der Sie nicht mehr tun müssen. Die Zeit, in der Sie einfach sein dürfen.

    Und möge Gottes Friede Sie dabei umgeben und tragen.

    Amen.

    Die unerwartete Tischgemeinschaft – eine Weihnachtspredigt.

    Eine Weihnachtspredigt zu Matthäus 2,11

    „Sie öffneten ihre Schätze.“
    (Aus der Geschichte mit den Weisen aus dem Morgenland)


    I.

    Stellen Sie sich vor: Weise aus dem Morgenland machen sich auf den Weg.

    Die Tradition spricht von drei Weisen – aber im Bibeltext steht keine Zahl. Es könnten auch mehr gewesen sein. Oder weniger.
    Aber sie waren Fremde.
    Sie kannten sich nicht.
    Sie hatten unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Geschichten.
    Aber da war dieser Stern. Und der zog sie.

    Und dieser Stern führte sie an einen Ort, an dem sie nicht erwartet hätten zu landen.
    Kein Palast. Kein Thronsaal.
    Sondern: ein einfaches Haus. Und dort: ein Kind.

    Und jetzt stehen sie da, diese Fremden, und schauen sich an –
    und dann erst mal verstohlen zu dem Kind –
    und denken vielleicht: „Na gut. Dann sind wir wohl jetzt zusammen hier.“


    II.

    Heiligabend in der Klinik ist auch so eine unerwartete Tischgemeinschaft.
    Beim Frühstück, in den Therapiegruppen.
    Aber auch heute hier beim Gottesdienst.
    Sie sitzen heute Morgen mit Menschen zusammen, die Sie vor ein paar Wochen nicht kannten.
    Vielleicht hätten Sie sich nie getroffen, wenn nicht dieser eine Stern –nennen wir ihn mal: das Leben – Sie hierher geführt hätte.

    Und wenn man das erste Mal an so einem Tisch sitzt, schaut man ja auch.
    Ein bisschen verstohlen. Links, rechts. Wer sitzt da eigentlich?
    Was haben die für Geschichten? Warum sind die hier?
    Und während man noch schaut, merkt man: Die anderen schauen auch.

    Manche von Ihnen sind froh, heute hier zu sein.
    Froh, nicht an einem Tisch zu sitzen, wo alte Fragen lauern.
    Andere vermissen etwas.
    Einen Geruch, eine Stimme, eine Gewohnheit.
    Aber Sie sind hier.
    Und Sie sind nicht allein.


    III.

    Und jetzt kommt der Moment, der in der Weihnachtsgeschichte so leicht überlesen wird:
    „Sie öffneten ihre Schätze.“
    Die Weisen packen aus.
    Gold, Weihrauch, Myrrhe.
    Sie legen hin, was sie haben.

    Und jetzt wird’s interessant: Was haben Sie eigentlich dabei?
    Was liegt in Ihrer Truhe, wenn Sie heute an diesen Tisch kommen?
    Gold.
    Das Glänzende, das Wertvolle.
    Vielleicht die Fähigkeit, andere zum Lachen zu bringen.
    Vielleicht die Erinnerung an einen Moment, in dem man mutig war.
    Vielleicht das Talent, zuzuhören.
    Vielleicht einfach: die Tatsache, dass man heute hier sitzt.
    Das ist Gold.

    Weihrauch.
    Das, was aufsteigt, was leicht macht.
    Ein Seufzer, der Erleichterung bringt.
    Die Hoffnung, dass es weitergeht – auch wenn man nicht weiß, wie.
    Das Gebet, das man nicht aussprechen kann, aber das trotzdem da ist.
    Das ist Weihrauch.

    Und ja, auch die Myrrhe.
    Das Bittere, das Leben, wie es ist.
    Die Narben, die Brüche.
    Die Frage, warum man ausgerechnet hier ist und nicht dort.
    Aber Myrrhe war damals nicht nur bitter.
    Sie war auch ein Heilmittel.
    Ein Harz, das Wunden reinigte.
    Das Entzündungen linderte.
    Das half, wenn der Körper schmerzte.
    Auch das Bittere kann heilen.
    Nicht sofort. Nicht immer. Aber manchmal.
    Auch das liegt auf dem Tisch.

    Und siehe da: Es passt.
    Heute, an Heiligabend, darf das Gold glänzen.
    Und der Weihrauch aufsteigen.
    Und die Myrrhe?
    Die darf auch da sein.
    Aber sie muss heute nicht das letzte Wort haben.


    IV.

    Heiligabend in der Klinik ist kein perfekter Tisch.
    Kein Hochglanz-Fest mit Kerzen und Tannenzweigen.
    Es ist ein Tisch, an dem Menschen sitzen,
    die Gold, Weihrauch und Myrrhe dabei haben.
    Und die nicht gefragt werden: „Warum bist du hier?“
    Sondern: „Was hast du dabei?“
    Und das ist das Geschenk dieser Tischgemeinschaft:
    Keiner muss sich rechtfertigen.
    Keiner muss erklären, warum er nicht woanders ist.
    Es reicht, da zu sein.
    Und hinzulegen, was man hat.


    V.

    Und das Kind in der Krippe?
    Es nimmt alles an.
    Es sagt nicht: „Gold ist mir zu schwer.“
    Es sagt nicht: „Myrrhe ist mir zu bitter.“
    Und – so sagt es ein altes Gebet – es lächelt, wenn es dich sieht.

    Du musst nicht perfekt sein, um willkommen zu sein.
    Du darfst kommen, wie du bist. Mit dem, was du hast.
    Und das Kind?
    Es liegt da – nicht, um etwas von dir zu fordern.
    Es liegt da – um dir etwas zu geben: Sich selbst.

    Du bist nicht allein an diesem Tisch.
    Nicht nur, weil andere da sind.
    Sondern weil einer da ist, der sagt:
    „Ich bin für dich gekommen. Ich bleibe bei dir.“
    Christus selbst. Er ist auch zu Gast an unseren Tischen.


    VI.

    Die Weisen gingen später auf einem anderen Weg zurück.
    Sie waren nicht mehr dieselben.
    Nicht, weil alles plötzlich gut war.
    Sondern weil sie geteilt hatten, was sie hatten.
    Und weil sie etwas bekommen hatten: Dieses Kind. Für sich.

    Heute Morgen sitzen Sie hier.
    Heute Abend sitzen Sie wieder zusammen.
    Vielleicht nehmen Sie das mit:

    Sie sitzen an einem unerwarteten Tisch.
    Aber Sie sitzen nicht allein.
    Und was Sie mitgebracht haben – Gold, Weihrauch, Myrrhe – es passt.
    Und damit beschenken Sie sich gegenseitig.
    Mit dem, was Sie sind.

    Aber das größte Geschenk sitzt mit am Tisch:
    Christus selbst.
    Nicht nur heute.

    Frohe Weihnachten.


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.


    Welches „Gold“ haben Sie heute dabei?
    Was in Ihnen glänzt – auch wenn es klein ist?

    Wo haben Sie heute „Weihrauch“ gerochen?
    Einen Moment, der leicht war. Ein Lächeln. Eine Hoffnung.

    An welchem „unerwarteten Tisch“ sitzen Sie gerade?
    Und wer sitzt mit Ihnen dort?

    Was würde sich ändern,
    wenn Sie glauben könnten,
    dass Gott lächelt, wenn er Sie sieht?


    Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

    Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

    „Ja, ist schon wieder Weihnachten?“ Plötzlich ist es da. Nicht angekündigt. Nicht vorbereitet. Es schiebt sich hinein zwischen Termine und Müdigkeit, zwischen das, was noch zu erledigen wäre, und das, wofür die Kraft fehlt. Zwischen Nachrichten, die uns verfolgen, und Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen.

    Und dann diese alte, vertraute Geschichte. Unscheinbar erzählt.

    Ein Kind wird geboren. Nachts. In einem Stall. Abseits von allem, was glänzt. Weit entfernt von jeder Hochglanz-Idylle.

    Hirten kommen. Menschen vom Rand. Übernächtigt, erschöpft, mit staubigen Kleidern. Sie bringen nichts mit. Keine Geschenke. Keine besonderen Worte. Nur sich selbst. Leere Hände.

    Vielleicht ist genau das der Kern dieser Nacht: Nicht die Inszenierung. Sondern die Gegenwart. Ankommen, wo man gerade steht. Mit dem, was ist – nicht mit dem, was fehlen könnte.

    Weihnachten muss nichts beweisen. Es darf eng sein. Rau. Unfertig.

    Dieses Fest gelingt nicht durch Programme. Sondern durch das, was bleibt: Menschen, die einander aushalten. Nähe ohne Anspruch. Zeit ohne Eile.

    Einfach da sein.

    Das ist das Geschenk, das niemand kaufen kann: Deine Präsenz. Dein Bleiben.

    Du darfst ankommen. Bei dir selbst. Bei den Menschen, die dir wichtig sind. Und – wenn man diesem alten Text traut – auch bei Gott.

    „Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?“ Ja. Endlich.


    Advent und die Gezeiten der Seele

    Ebbe. Ein Adventsimpuls vom Wattenmeer

    Wenn die Nordsee sich zurückzieht, verändert sich nicht nur die Landschaft – es verändert sich der Klang der Welt.

    Das laute, beruhigende Rauschen der Wellen weicht dem Flüstern des Windes über nassem Schlick. Die Luft wird schärfer, salziger, nüchterner. Keine Duftkerzen hier, nur die klare, kalte Wahrheit der freiliegenden Küste. Der Horizont rückt nicht näher – im Gegenteil: Wo eben noch Wasser war, dehnt sich jetzt eine weite, ungeschönte Fläche aus.

    Und plötzlich siehst du, was die Flut verborgen hatte.

    Wenn das Leben Ebbe hat

    Der Advent lädt uns ein zu dieser Ebbezeit der Seele. Zur Erlaubnis, innezuhalten und hinzuschauen: Was wird sichtbar, wenn der Lärm des Alltags sich zurückzieht? Wenn die ständige Betriebsamkeit – wie das Rauschen der Flut – für einen Moment verstummt?

    Fasten: Den Wohlstandsspeck der Seele abbauen

    Wenn wir von „Fasten im Advent“ sprechen, geht es nicht um Kalorien oder Verzicht auf Schokolade.

    Es geht um den Wohlstandsspeck der Seele.

    Unsere Seele hat sich im Laufe der Zeit Polster zugelegt – Schutzschichten aus Ablenkung, Betäubung und ständiger Beschäftigung. Netflix-Marathons. Endloses Scrollen. Der immer volle Terminkalender. Die Musik, die jede Stille übertönt. Die Geschäftigkeit, die uns davon abhält, bei uns selbst anzukommen.

    Sie können zu einer Isolierschicht werden, die uns von unserem eigenen Innenleben trennt. Die zwar wärmt, aber auch taub macht.

    Fasten im Advent bedeutet: Diese Schicht bewusst dünner werden lassen. Nicht aus Selbstkasteiung. Sondern aus Neugier. Aus Sehnsucht nach dem, was darunter liegt.

    Was passiert, wenn ich das Handy für eine Stunde weglege? Was höre ich, wenn ich die Kopfhörer abnehme? Was spüre ich, wenn ich nicht sofort zum nächsten Event eile?

    Die Wracks und die Muscheln

    Wenn das Watt freiliegt, kommt beides zum Vorschein: die Schätze und die Wracks.

    Da liegt der rostige Anker alter Enttäuschungen. Die ungesagten Worte. Die zerbrochenen Vorsätze. Man kann jetzt nicht mehr so tun, als wären sie unsichtbar. Aber – und das ist wichtig – es geht nicht darum, sie sofort zu bergen oder zu reparieren. Es geht darum, sie als das zu sehen, was sie sind: Markierungen. Orte, an denen etwas gescheitert ist.

    Und dann sind da die Muscheln. Klein, unscheinbar, aber vom Wasser blankgespült und von allem Überflüssigen befreit. Sie sind nicht prunkvoll. Aber sie sind klar. Sie sind echt. Du kannst sie in der Hand halten.

    Das sind die wahren Schätze der Ebbezeit: Die drei Sekunden Stille im Auto. Die Melodie eines Songs, die dich unerwartet berührt. Die ehrliche Zeile im Tagebuch. Das Lächeln eines Menschen. Beweise der Schönheit, die keine Lautstärke brauchen.

    Das Tagebuch als Muschelsammlung

    Hier kommt eine Einladung: Sammle diese Muscheln.

    Nicht als Pflichtübung. Sondern weil deine Seele einen Ort braucht, an dem diese Momente aufbewahrt werden. Ein Tagebuch. Eine Notiz-App. Irgendwo, wo du ehrlich sein kannst.

    Schreib auf, was dich berührt hat. Was schön war. Was schwer war. Was du entdeckt hast, als die Flut sich zurückzog. Es müssen keine poetischen Meisterwerke sein. Es reichen Stichworte. Fragmente. Ehrliche Worte.

    Diese kleinen Notizen werden zu Nahrung für etwas Wichtiges: für die Sehnsucht.

    Die Sehnsucht nähren

    Die Sehnsucht ist nicht das Ziel. Sie ist der Beweis, dass die Flut wiederkommen wird.

    Die Ebbe ist real. Sie ist manchmal kalt und unbarmherzig ehrlich. Aber sie ist nicht für immer. Das Wattenmeer kennt keinen Zweifel. Der Rhythmus der Gezeiten ist verlässlich. Die Flut kehrt zurück.

    Und bis dahin darfst du sammeln. Die Schätze. Die ehrlichen Momente. Die Muscheln des Lebens.

    Das ist die Kunst der Adventszeit: Nicht die Sehnsucht zu verdrängen oder mit Ablenkung zu übertönen. Sondern sie zu nähren. Mit dem, was wirklich trägt. Mit dem, was echt ist.

    Eine Einladung

    Der Advent ist nicht die Zeit für noch mehr Leistung oder noch mehr Selbstoptimierung.

    Der Advent ist die Erlaubnis, innezuhalten. Die Ebbezeit der Seele zuzulassen. Den Wohlstandsspeck abzulegen. Hinzuschauen, was da liegt. Die Sehnsucht nicht zu verdrängen, sondern zu nähren.

    Und vielleicht – nur vielleicht – wirst du dabei entdecken, dass die Ebbe nicht das Ende ist. Sondern der Raum, in dem du den Klang deiner eigenen Seele wieder hören kannst.

    Die Flut kommt zurück. Aber bis dahin: Sammle deine Muscheln.


    Was liegt bei dir gerade frei, wenn die Flut sich zurückzieht? Welche Muschel hast du heute gefunden?

    Weihnachten in der Klinik – In der Werft, nicht im Palast

    In der Werft, nicht im Palast

    Advent und Weihnachten in der Klinik

    Es kommt ein Schiff, geladen
    bis an sein‘ höchsten Bord,
    trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
    des Vaters ewigs Wort.

    Ich höre das alte Adventslied in diesen Tagen öfter – im Radio, irgendwo zwischen den Fluren.

    Ein Lied aus einer anderen Welt, von draußen, wo Advent stattfindet.

    Hier drinnen ist Advent anders.

    Weihnachten in der Klinik – das klingt nach Stillstand, nach Verzicht, nach einem Fest, das woanders stattfindet.

    Aber das Lied bleibt hängen.

    Besonders diese eine Zeile: „Es trägt ein‘ teure Last.“


    Mein Schiff

    Ich denke an mein eigenes Schiff.

    Das Lebensschiff, das mich hierhergebracht hat.

    Ramponiert, mit einem Riss im Rumpf, der jetzt sichtbar wird.

    Jetzt liegt es hier.
    In der Werft.
    Aus dem Wasser gehoben.

    Was trage ich eigentlich in meinem Schiff?


    Die teure Last

    Teure Last – das Wort ist altmodisch, aber treffend.

    Es meint: kostbar. Wertvoll.

    Die Erinnerungen.
    Die guten.
    Das Lachen, das ich liebe.
    Der Morgen, der mir guttat.
    Das Gespräch, das mich verstand.

    Das alles ist noch da.

    Die Menschen.
    Die, die mir schreiben.
    Die warten.
    Die mein Schiff kennen und trotzdem nicht aufgeben.

    Die Hoffnungen.
    Auch die unerfüllten.
    Die Träume von damals, als der Horizont noch weit war.

    Sie sind nicht verloren, nur tief vergraben.
    Aber sie können wieder ans Licht.

    Und ja, auch das Schwere.
    Die Narben, die Brüche.
    Sie gehören zu mir.
    Sie sind Teil der Geschichte.

    Und Geschichten können weitergehen.


    Im Hafen

    Advent in der Klinik.

    Das Schiff liegt im Hafen.
    Der Anker hält auf festem Grund.

    Ich bin nicht mehr im Sturm, nicht mehr allein zwischen Himmel und Wasser.

    Angekommen – hier, wo ich nicht sein wollte.

    Aber vielleicht ist das der Punkt:

    Ankommen heißt nicht, dass alles gut ist.
    Es heißt, dass ich nicht mehr treiben muss.

    Dass das Schiff gehalten wird.
    Dass jemand hinschaut.
    Und dass die Reparatur beginnen kann.

    Häfen sind keine Endstationen.
    Sie sind Durchgangsorte.

    Orte, an denen man verschnauft, repariert, neu ausrichtet.

    Und dann sticht man wieder in See.


    Weihnachten in der Werft

    Weihnachten in der Klinik ist anders.

    Es ist das Fest, an dem Gott klein wird.
    Verletzlich. Im Stroh, nicht im Palast.

    Vielleicht ist das der Trost:

    Dass Gott genau da geboren wird, wo es nicht perfekt ist.

    In der Werft.
    Im Provisorium.
    Bei mir.

    Dieses Weihnachten wird anders.
    Aber nicht das letzte.

    Es werden andere kommen.

    Solche, an denen ich wieder zu Hause bin.
    An denen mein Schiff wieder fährt.
    An denen die Ladung, die ich hier sortiert habe, mich trägt.


    Das Schiff wird fahren

    Mein Schiff liegt in der Werft, aber das Wasser ist in Sichtweite.

    Das Schiff wird wieder fahren.

    Mit seiner teuren Last.
    Mit allem, was ich bin – dem Schweren und dem Kostbaren.

    Nicht als das alte, unversehrte Schiff.
    Sondern als eines, das Stürme kennt.
    Das Reparatur erfahren hat.
    Und das mich trägt.

    Auch an Weihnachten in der Klinik.

    Für alle, deren Lebensschiff gerade in der Werft liegt – und für die Weihnachtstage, die noch kommen werden.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    „Es kommt ein Schiff, geladen“
    Text: Johannes Tauler (zugeschrieben, um 1300–1361) / Daniel Sudermann (1626)
    Eines der ältesten deutschen Adventslieder


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Was ist die „teure Last“ in Ihrem Lebensschiff –
    das Kostbare, das Sie tragen, auch wenn es schwer ist?

    Wenn Sie an Ihr Lebensschiff denken:
    Welche Reparatur braucht es gerade am dringendsten?


    Gebet für die Werft

    Gott,

    mein Schiff liegt in der Werft.
    Ramponiert. Aus dem Wasser gehoben.

    Ich wollte nicht hier sein.
    Aber hier bin ich.

    Du kennst meine teure Last.
    Das Kostbare und das Schwere.
    Die Erinnerungen und die Narben.
    Die Hoffnungen und die Brüche.

    Hilf mir zu glauben:
    Häfen sind keine Endstationen.
    Reparatur ist kein Scheitern.
    Und du wirst genau hier geboren –
    in der Werft, nicht im Palast.

    Lass mein Schiff wieder fahren.
    Wenn die Zeit reif ist.
    Mit allem, was ich bin.

    Amen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr

    Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten.


    1. Das Schiff als Symbol für Maria

    In der christlichen Tradition wurde Maria als „navis gaudiorum“ – „Schiff der Freuden“ – bezeichnet, weil sie Gottes Sohn in die Welt gebracht hat.

    Das Bild stammt aus dem Spätmittelalter: Die Menschen warteten sehnsüchtig auf Handelsschiffe, die aus fernen Ländern Lebensmittel und kostbare Güter brachten.

    Der Textdichter hat dieses Bild auf Maria übertragen: Sie ist das Schiff, das Jesus als „himmlischen Schatz“ zu den Menschen bringt.

    Inspirierende Frage:
    Was könnte es bedeuten, dass auch Sie ein „Schiff“ sind – das etwas Kostbares trägt und zu anderen bringt?


    2. „Teure Last“ – kostbar, nicht schwer

    Das mittelhochdeutsche Wort „tiure“ bedeutet nicht „schwer“, sondern „kostbar, wertvoll“.

    Die „teure Last“ ist also keine Bürde, sondern ein Schatz.

    Das Lied singt davon, dass Gottes Sohn selbst die kostbarste Fracht ist, die je ein Schiff getragen hat.

    Und vielleicht gilt das auch für uns: Was wir tragen – unser Leben, unsere Geschichten, unsere Menschen – ist kostbar, auch wenn es manchmal schwer ist.

    Inspirierende Frage:
    Welche Last in Ihrem Leben könnte auch ein Schatz sein?

    Lass es geschehen.

    Eine Andacht zum Ewigkeitssonntag mit „Let It Be“

    Heute ist Ewigkeitssonntag.

    Ein Tag, der uns daran erinnert: Nichts bleibt, wie es ist.

    Beziehungen zerbrechen. Projekte scheitern. Menschen gehen.
    Und wir selbst – auch wir sind vergänglich.

    Das ist keine düstere Wahrheit. Es ist einfach das Leben.
    Aber es tut weh, das anzunehmen.

    Ich habe Ihnen angekündigt, dass wir heute über ein Lied sprechen – und es nachher auch gemeinsam singen werden.

    „Let It Be“ von den Beatles.

    Ein Lied, das viele von uns kennen. Ein Lied, das manchmal zur rechten Zeit kommt. Das uns berührt, ohne dass wir genau sagen können, warum.

    Es klingt wie ein Gebet – wie eine leise Ermutigung, die uns zuflüstert:
    Lass los. Vertraue.


    Die Erfahrung des Verlusts

    Paul McCartney schrieb „Let It Be“ im Jahr 1969, in einer Zeit voller Spannungen.

    Die Beatles standen kurz vor der Trennung. Vier Freunde, die gemeinsam die Welt verändert hatten, konnten nicht mehr zusammen sein. Es ging um Geld, um Macht, um unterschiedliche Lebenswege.

    Die Band, die für eine ganze Generation stand, zerbrach.

    McCartney war verzweifelt. Er hatte Schlafstörungen, fühlte sich deprimiert und überfordert. Die Welt um ihn herum wurde lauter, hektischer, konfliktreicher.

    Und er spürte: Alles, was ihm wichtig war, hatte keinen Bestand mehr.

    Mitten in dieser Unruhe hatte er einen Traum.

    Seine Mutter Mary – sie war gestorben, als er 14 war – erschien ihm im Traum.

    Und sie sprach zu ihm: Lass es geschehen. Es wird gut. Mach dir keine Sorgen.

    Paul erwachte mit einem tiefen Frieden.
    Und aus diesem Moment entstand das Lied.


    Eine alte Weisheit – in vielen Traditionen

    Was Paul McCartney in diesem Lied ausdrückt, ist keine neue Idee.
    Es ist eine uralte Weisheit, die in vielen Kulturen und Religionen zu finden ist.

    Im Buddhismus geht es darum, das Leben anzunehmen, wie es ist. Nicht gegen das Leiden anzukämpfen, sondern es als Teil des Lebens zu akzeptieren. Das befreit uns von unnötigem inneren Widerstand – und gibt uns Frieden.

    Auch die Stoiker, die alten griechischen Philosophen, kannten diese Weisheit. Sie sagten: Konzentriere dich auf das, was du ändern kannst. Und akzeptiere das, was du nicht ändern kannst. Das ist keine Resignation. Das ist Freiheit.

    Und dann – die Bibel.

    Maria sagt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

    Sie kämpft nicht gegen Gottes Plan. Sie vertraut. Sie lässt sich fallen.

    Das ist keine passive Unterwerfung. Das ist aktives Vertrauen.

    Das ist christliche Spiritualität: Loslassen und sich halten lassen. Von Gott.

    Christlicher Trost heißt nicht nur: Ich akzeptiere, dass alles vergeht.
    Sondern: Ich vertraue darauf, dass Gott neues Leben schafft – über den Tod hinaus.

    Paul McCartney singt diese uralte Weisheit. In einem Popsong. In drei Minuten. Mit einfachen Worten.

    Und erreicht damit Millionen.


    Die Weisheit des Loslassens

    Lass es geschehen – das ist keine billige Vertröstung.
    Es ist eine Weisheit, die schwer zu lernen ist.

    Denn wir wollen oft alles festhalten: Unsere Gesundheit, unsere Beziehungen, unser Glück.

    Wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist.

    Aber das Leben geht weiter.

    Und manchmal geht es darum, loszulassen.

    Nicht, weil es uns egal ist.
    Sondern weil wir spüren: Es gibt eine Kraft, die größer ist als unsere Angst.

    Vergänglichkeit anzunehmen bedeutet nicht, aufzugeben.

    Es bedeutet: Ich kämpfe nicht gegen das Unvermeidliche.
    Ich vertraue darauf, dass mein Leben gehalten ist – auch wenn ich nicht alles in der Hand habe.


    Hoffnung in dunklen Zeiten

    Vielleicht kennen Sie solche Momente.

    Nächte voller Sorgen, Tage voller Zweifel.
    Wo Sie sich fragen: „Wie soll es weitergehen?“

    Und dann kommt – vielleicht mitten in der Nacht – eine Stimme. Eine Eingebung. Ein Moment der Ruhe.

    Vielleicht ist es Gott.
    Vielleicht ist es eine Erinnerung an eine geliebte Person.
    Vielleicht ist es einfach ein leises Wissen: „Es wird gut. Nicht sofort. Aber irgendwann.“

    Das Lied spricht von Worten, die trösten. Von einem Licht, das auch in der dunkelsten Stunde scheint.

    Das ist keine naive Hoffnung.

    Das ist eine Hoffnung, die den Schmerz nicht leugnet.
    Aber sie gibt uns einen Anker. Einen festen Punkt. Mitten im Sturm.

    Es bedeutet nicht, dass der Schmerz verschwindet. Oder dass die Trauer leichter wird.

    Aber es bedeutet: Wir dürfen vertrauen.
    Wir dürfen darauf hoffen, dass unser Leben gehalten ist. Selbst in schwierigen Zeiten.


    Lass es geschehen

    Und vielleicht ist genau das Glaube:

    Nicht, dass immer alles gut läuft.
    Sondern dass wir wissen: Wir sind nicht allein.

    Also: Lass es geschehen. Lass dich halten.

    Gleich werden wir dieses Lied gemeinsam singen.

    Und vielleicht spüren Sie dann: Es ist mehr als ein Popsong.
    Es ist ein Gebet. Ein Trost. Eine Weisheit, die uns trägt.

    Lassen Sie uns einen Moment innehalten.

    Und spüren: Auch wenn vieles vergeht – wir sind geborgen.
    Bei Gott. In seiner Ewigkeit.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    „Let It Be“ (The Beatles, 1970)
    Text und Musik: Paul McCartney
    © Sony/ATV Music Publishing LLC


    Fragen zur persönlichen Reflexion
    für das eigene Nachdenken,
    das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch

    1. „Was macht Ihnen mehr zu schaffen: Die schwierige Situation selbst – oder Ihre Gedanken darüber?“
    2. „Wer oder was ist Ihre ‚Mother Mary‘ – die Stimme, die Ihnen in schweren Zeiten sagt: ‚Es wird gut‘?

    Meditativer Nachklang

    Gott,

    manchmal ist es schwer, loszulassen.
    Ich will festhalten, verstehen, kontrollieren.

    Aber du lädst mich ein:
    Lass es geschehen.

    Hilf mir, den Kampf aufzugeben.
    Den Kampf gegen das, was ich nicht ändern kann.

    Und wenn die Nacht mich überwältigt,
    lass mich deine Stimme hören:

    Es wird gut.
    Ich halte dich.

    Amen. 🌱


    Für alle, die Lust haben auf mehr:
    Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten

    Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
    Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
    Hier finden Sie etwas davon.

    GEDANKENSPLITTER 1: Das Gelassenheitsgebet

    „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

    Dieses Gebet wird oft Reinhold Niebuhr zugeschrieben, einem amerikanischen Theologen, der es vermutlich in den 1930er-Jahren formulierte. Es wurde weltbekannt durch die Anonymen Alkoholiker, die es zu ihrem zentralen Gebet machten.

    Aber die Wurzeln sind älter. Bereits die antiken Stoiker – Philosophen wie Epiktet und Marc Aurel – lehrten diese Unterscheidung: Konzentriere dich auf das, was in deiner Macht liegt. Und akzeptiere, was außerhalb deiner Kontrolle ist.

    „Let it be“ singt genau diese Weisheit. Mit einfacheren Worten. Aber der Kern ist derselbe: Die Freiheit liegt nicht darin, alles zu kontrollieren. Sondern darin, loszulassen, was nicht zu ändern ist.

    Zum Weiterlesen:

    Epiktet: Handbüchlein der Moral (Stoische Philosophie)
    Reinhold Niebuhr (1892–1971): Gelassenheitsgebet („Serenity Prayer“), entstanden um 1942, überliefert aus einer Predigt in Heath, Massachusetts (1943) und einem Militärgebetbuch von 1944.

    Gedankensplitter 2: Die Kunst des Annehmens in der Bibel

    „Mir geschehe“ – ein Satz, der die Welt veränderte.

    Als der Engel Maria verkündet, dass sie schwanger werden soll, antwortet sie nicht mit Angst oder Widerstand. Sie sagt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

    Das ist kein passives Sich-Fügen. Das ist aktives Vertrauen.

    Maria steht am Anfang einer langen biblischen Tradition des Annehmens:

    • Hiob, der im tiefsten Leid sagt: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt.“ (Hiob 1,21)
    • Jesus in Gethsemane: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lukas 22,42)
    • Paulus, der mit seinem „Stachel im Fleisch“ leben muss und lernt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Korinther 12,9)

    „Let it be“ ist keine Erfindung der Beatles. Es ist eine uralte spirituelle Haltung: Gott, ich vertraue dir – auch wenn ich nicht verstehe.

    Zum Weiterlesen:

    Korinther 12,7-10: Paulus und die Gnade

    Lukas 1,26-38: Die Verkündigung an Maria

    Hiob 1-2: Annehmen im Leid

    Nordic-Zen: Eine digitale Atempause

    Nordic-Zen. Eine digitale Atempause
    Oder: Warum diese Webseite so aussieht, wie sie aussieht

    „Nordic-Zen“. Zugegeben, das klingt erst einmal nach einem teuren Möbelkatalog, einer neuen Yoga-Matte oder einer Duftkerze mit der Geschmacksrichtung „Fjord und Freiheit“. Dabei muss man sich fragen: Gibt es diese „nordische Kultur“ überhaupt? Jenseits von Möbelhäusern mit unaussprechlichen Namen und Fernsehkrimis, in denen es immer regnet?

    Für mich ist dieser Fantasiebegriff – der übrigens in nächtlichen Diskussionen zwischen mir und meinen KI-Sparringspartnern Claude und Gemini entstand – weniger eine geografische Verortung als eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einer Umgebung, die nicht schreit. Eine Haltung, die sagt: „Komm erst mal an.“

    Es ist die Verbindung aus hessischer Bodenständigkeit und einer nordischen Klarheit. Weniger Chichi, mehr Substanz. Deshalb habe ich mich für das Theme „Lovecraft“ entschieden, also ein Grunddesign, das der schwedische Webdesigner Anders Noren entwickelt hat. Ein europäisches Modell.

    Hier ist die Geschichte hinter dem Konzept – und warum hier vieles fehlt, was anderswo blinkt.

    Vom Zettel zum Bildschirm. Ein Ort, der bleibt

    Die Idee zu dieser Seite entstand nicht am Schreibtisch, sondern „draußen“. In der Klinik, bei Gesprächen im Park, nach dem Gottesdienst. Immer wieder merkte ich: Menschen wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wie der andere denkt. Was ihn trägt. Ob man ihm vertrauen kann im Gespräch.
    Oder es wurde gefragt nach den Meditationstexten oder einer Andacht.

    Früher habe ich Zettel verteilt – mit Texten, Gebeten, Gedanken. Das war nett, aber oft waren die Zettel weg, sobald man sie brauchte. Heute gehören Smartphones auch in der Klinik zum Alltag. Also warum nicht dort weitermachen, wo das Gespräch endet?

    Mitmenschpfarrer.de ist gedacht als ein Ort, der bleibt. Als Brücke zwischen Klinik und Zuhause. Als Möglichkeit, den Faden weiterzuspinnen, wenn Sie wieder in Ihrem Leben sind – mit all seinen Fragen, Momenten der Stille und dem Bedürfnis nach einem Gedanken, der trägt. Sie ist niedrigschwellig, gut lesbar, ohne Kampf durch verschachtelte Menüs. Und sie lädt ein: Komm vorbei, wann immer du magst.

    Mut zur Lücke. Klarheit ohne Kälte

    Wer nach Trost, einem Gebet oder spirituellen Impulsen sucht, braucht keine Ablenkung. Deshalb gilt hier: Nordic-Zen bedeutet, dass die Seite einen Schritt zurücktritt.

    Keine blinkenden Banner, keine Pop-ups, kein animiertes Feuerwerk. Der Raum ist da, um dir Platz zu machen – nicht um sich selbst darzustellen. Es ist wie eine leere Bank an einem ruhigen Ort: Sie drängt sich nicht auf, aber sie ist da, wenn Sie sich setzen wollen. Spiritualität ohne Kitsch. Kirche ohne fromme Fachsprache (soweit das einem Pfarrer möglich ist).

    Datenschutz ist wichtig für Seelsorge

    Ein digitaler Raum für Spiritualität und Seelsorge muss ein geschützter Raum sein. Datenschutz ist für mich kein bürokratisches Übel, sondern Teil meiner seelsorgerlichen Haltung. Vertrauen ist in der Seelsorge kein Extra, sondern das Fundament.

    • Keine Tracker: Ich verfolge Sie nicht.
    • Keine externen Datenkraken: Was hier passiert, bleibt hier.
    • Keine Cookies: Zumindest keine digitalen. Echte Kekse dürfen Sie beim Lesen natürlich gerne essen.

    Ich finanziere diese Arbeit transparent selbst, damit Sie nicht mit Ihren Daten bezahlen.

    Warum „Mitmenschpfarrer“?

    Weil genau das mein Ansatz ist:
    Ich bin Pfarrer – ja.
    Aber vor allem bin ich Mitmensch.
    Ich bin da für Menschen, die glauben oder zweifeln, hoffen oder kämpfen, lachen oder weinen.
    Diese Seite ist kein theologisches Lehrbuch, sondern ein Platz fürs gemeinsame Nachdenken über das, was uns bewegt.

    Work in Progress. bewusst so

    Diese Seite wächst. Sie ist nicht perfekt, aber lebendig.

    Was als digitale Visitenkarte begann, entwickelt sich weiter – mit Podcast-Ideen, Gedanken-Impulsen, Alltags-Meditationen. Alles darf sich verändern. Muss sogar.

    Nordic-Zen ist kein System. Es ist ein Angebot.

    Nehmen Sie mit, was Ihnen guttut – und kommen Sie wieder, wenn Sie mögen.


    Für die Neugierigen: Drei kleine Hinweise

    Gebrauchsanweisung (nicht ganz ernst gemeint). Wie man diese Seite nutzt:

    • Nach einem Gespräch in der Klinik zum Runterkommen.
    • Mit einer Tasse Tee auf dem Sofa zum Stöbern.
    • Als Spickzettel, wenn man selbst nach Worten sucht.
    • Warnhinweis: Kann Spuren von Hoffnung enthalten.

    Disclaimer (sehr ernst gemeint): 

    Was diese Seite nicht ist: Kein Hochglanz-Marketing, keine therapeutische Online-Beratung und kein Ersatz für ein echtes Gespräch unter vier Augen. Sie ist eher eine Tasse Tee für zwischendurch.

    Ein Wort zur KI: 

    Ja, ich nutze KI als Sparringspartner für Struktur und Code. Aber das Herz, die Theologie und das „Warum“ – das bin ich, Matthias Schmidt. Die KI hilft mir, die Tür zu bauen; hindurchgehen und Sie begrüßen tue ich selbst.

    Seelsorge. Was sie kann

    Eine Patientin liegt nachts wach. Die Therapie läuft. Die Medikamente wirken. Aber eine Frage bleibt.
    Sie steht in keinem Befund. Sie lautet: Bin ich noch etwas wert?
    Das sind keine Fragen für eine Untersuchung.
    Das sind Fragen für einen anderen Raum.

    Zwei Wege – die sich brauchen

    Therapie behandelt. Sie arbeitet mit Diagnosen, Methoden, Zielen.
    Seelsorge begleitet. Sie fragt: Wo sind Sie gerade? Was braucht Ihre Seele? Was gibt Ihnen Kraft
    Das ist kein Gegensatz. Das ist Ergänzung.

    Ein Mann hat eine schwere Depression überstanden. Die Therapie hat geholfen. Aber jetzt, wo es besser wird, kommt eine neue Frage: Was soll ich jetzt mit meinem Leben anfangen?

    Das sind keine medizinischen Fragen mehr. Das sind Sinnfragen. Hier beginnt Seelsorge.

    Die Schuld, die tiefer sitzt

    Eine Frau erzählt, dass sie ihre Kinder vernachlässigt hat, bevor sie zusammenbrach. Die Therapie hilft ihr, die Depression zu verstehen. Aber die Schuldgefühle bleiben.
    Sie fragt: Kann ich mir das je verzeihen?
    Das ist auch eine spirituelle Frage. Seelsorge begleitet sie. Nicht mit Antworten. Sondern mit Raum. Mit dem Angebot, dass Vergebung möglich ist.

    Für alle – ohne Bedingung

    Eine muslimische Patientin sucht einen Raum zum Beten. Sie findet ihn.
    Ein konfessionsloser Mann sagt: Ich glaube an nichts. Aber ich spüre, dass mir etwas fehlt. Das Gespräch dreht sich nicht um Bekehrung. Es dreht sich um die Frage: Was trägt Sie?
    Eine Frau, die aus der Kirche ausgetreten ist, fragt nach einem Segen. Sie bekommt ihn. Ohne Bedingung. Ohne Vorbehalt.

    Seelsorge ist verwurzelt in der christlichen Tradition. Aber sie dient allen Menschen.
    Wie Jesus, der heilte – unabhängig davon, ob jemand glaubte. Wie der barmherzige Samariter, der half – über religiöse Grenzen hinweg.

    Was in einem Gespräch passiert

    Manchmal ist es ein Gespräch. Über Schuld. Über Angst. Über die Frage, ob das Leben noch Sinn hat.
    Manchmal ist es ein Ritual. Ein Segen. Ein Gebet. Eine Kerze, die angezündet wird.
    Manchmal ist es einfach Stille. Jemand, der dasitzt. Der aushält. Der einfach da ist.

    Und es gibt einen besonderen Schutz: Was in einem Seelsorgegespräch gesagt wird, landet nicht in der Krankenakte. Das ist rechtlich geschützt – stärker als die ärztliche Schweigepflicht.
    Hier kann ausgesprochen werden, was sonst nirgends gesagt werden kann.

    Was bleibt

    Seelsorge ist kein Luxus. Sie ist kein Zusatzprogramm für besonders Fromme.
    Sie erinnert daran: Ein Mensch ist mehr als seine Diagnose.
    Sie hält Raum offen für das, was sich nicht messen lässt. Für Würde. Für Sinn. Für Hoffnung.

    Seelsorge ist da. Für Sie.


    Gott sagt dir Gutes – Die Kraft des Segens

    Was es bedeutet, gesegnet zu werden.
    Und eine Einladung, ihn zu empfangen.


    Was ist ein Segen?

    Ein Segen ist keine Zauberformel. Keine Garantie für ein leichtes Leben. Aber er ist ein leises, kraftvolles Versprechen: Gott ist da.
    Segen bedeutet im Lateinischen benedicere – „gutes sagen“, „Gutes zusagen“. So gesehen ist jeder Segen eine Liebeserklärung ans Leben.

    Du wirst gesehen

    „Der Herr wendet dir sein Angesicht freundlich zu und gibt dir Frieden.“
    Numeri 6,26 (Basis-Bibel)

    Diese uralten Worte aus dem vierten Buch Mose tragen eine tiefe Botschaft: Gott sieht dich. Er schaut dich an – liebevoll, freundlich, mit Frieden.
    In der Alltagshektik vergessen wir oft, dass wir wahrgenommen werden. Doch ein Segen erinnert uns: Du bist wichtig. Du wirst gesehen. Du bist geliebt – so wie du bist.

    Segen in schwierigen Zeiten

    Ein Segen löst nicht automatisch unsere Probleme. Aber er verändert, wie wir durch sie hindurchgehen. Er ist wie ein Lichtstrahl in der Dämmerung, ein Wanderstab auf rauem Gelände.

    Eine Einladung zum Empfangen

    Vielleicht fragen Sie sich: „Darf ich mir überhaupt einen Segen wünschen?“ Es braucht Mut, sich segnen zu lassen. Ein Segen ist ein Geschenk, das empfangen werden möchte.

    Falls Sie möchten, spreche ich Ihnen gerne einen Segen zu. Nach einem Gespräch, nach einer Andacht, oder einfach so – wann immer Sie es brauchen.

    Dein Weg komme dir freundlich entgegen.
    Gottes Licht leite dich.
    Sein Friede wohne in dir – heute und an jedem neuen Tag.

    Zwei Akkorde, eine Botschaft – Lady in Black als Friedenshymne

    Predigt zu „Lady in black“ und Engel als Hoffnungsboten


    I. Die Lady in Black erscheint

    Es ist das Jahr 1971.
    Die Rockband Uriah Heep landet mit „Lady in Black“ ihren größten Erfolg.

    Ken Hensley, der Keyboarder, erzählte später (so ist die „Bandlegende“):
    An einem stillen Sonntagmorgen sah er von seinem Hotelzimmer aus eine Frau.
    Ganz in schwarz gekleidet.
    Aufrecht, fast majestätisch schritt sie die Straße entlang.

    Ihre Erscheinung inspirierte ihn.
    Diese Frau in Schwarz, aufrecht und still.
    Sie schien aus einer anderen Welt zu kommen.

    Er setzte sich hin und schrieb die ersten Zeilen zu diesem Lied.

    In diesem Song begegnet ein Mensch in seiner Verzweiflung einer geheimnisvollen Frau.
    Sie gibt ihm Rat.
    Sie symbolisiert Hoffnung, Freundlichkeit und Weisheit – im Gegensatz zur Zerstörung, die ihn umgibt.

    Sie ist eine Hoffnungsgestalt in dunklen Zeiten.

    Und davon möchte ich heute sprechen.



    II. Die Botschaft: Gewalt sät Gewalt

    In dieser Zeit des Jahres steht für viele von uns der Gedanke an Frieden im Vordergrund.
    Volkstrauertag, Buß- und Bettag.
    Die Erinnerung an die Pogromnacht.
    Wichtige Gedenktage, die uns in den kommenden Wochen begleiten.
    Aber: in diesen Wochen geht es in vielen biblischen Texten auch um Engel.

    Und genau davon handelt dieser Song.

    Die Lady in Black will nicht an Kampf denken.
    An etwas, das Menschen ihre Menschlichkeit nimmt.
    Das so leicht beginnt – und kaum mehr zu beenden ist.

    Ken Hensley singt davon, wie Gewalt Menschen verändert.
    Wie schnell Hass gesät ist.
    Und wie schwer es ist, wieder Frieden zu finden.

    Das kennen wir auch aus unserem persönlichen Umfeld:
    Wie leicht ist ein Streit entflammt.
    Wie schwer ist es, ihn zu beenden.
    Wie schnell sind Gewalt und Hass gesät.
    Wie schwer ist es, Versöhnung zu stiften.

    In diesem Song will jemand seine Feinde vernichten.
    Soviel Gewalt ist in seinem Herzen.
    Aber er spürt: Eigentlich geht er in der Dunkelheit.

    Und dann begegnet ihm diese Frau in Schwarz.
    Sie rät ihm davon ab.
    Gewalt sät neue Gewalt.
    So einfach zu beginnen, schier unmöglich zu beenden.

    Sie ermutigt ihn, ihr zu vertrauen.
    Ihre Worte geben ihm die Kraft, einen anderen Weg zu suchen.

    In unseren Tagen wünsche ich mir diese Besonnenheit.
    Die nicht dem Ruf der Rache folgt, sondern andere Wege sucht.



    III. Wer inspiriert uns?

    Dieser Song lässt mich darüber nachdenken:
    Wer inspiriert uns in unserem Leben?

    Vielleicht nicht unbedingt eine Lady in Black.
    Aber gab es Menschen, die uns daran erinnern, was wichtig ist?
    Und was unwichtig?

    Menschen, die uns liebevoll, aber konsequent hinterfragen?
    Die uns auf einen Weg bringen, der neue Kraft gibt?

    Manchmal sind es Weggefährten auf Zeit.
    Manchmal müssen es auch keine Menschen sein.

    Es sind Lieder.
    Worte, die uns jemand sagt.
    Ein Buch, das uns begleitet.

    Für ein Stück Weg leuchtet ein Licht auf, das einen Weg zeigt – heraus aus unserer Dunkelheit.

    Am Ende des Songs bleibt eine Hoffnung:
    Vielleicht begegnet auch uns so eine Gestalt.
    Ein Mensch, ein Wort, ein Moment – der uns auf einen anderen Weg bringt.

    Weg von der Gewalt.
    Hin zur Versöhnung.



    IV. Die biblische Tiefe: Engel als Lebensboten

    Die Bibel erzählt von solchen Begegnungen.
    Von Menschen, die plötzlich auf einen anderen Weg kommen.

    Oft spricht sie dabei von Engeln.

    Nein, nicht die Männer mit Flügeln aus dem Barockgemälde.
    Sondern Boten der Gotteskraft.
    Menschen, Worte, Begegnungen – die unser Leben auf eine neue Spur setzen.

    Da ist Abraham, der drei Männer bewirtet.
    Fremde, die ihm eine Botschaft bringen.
    Erst später ahnt er: Das war mehr als ein Besuch.

    Da ist Jakob, der nachts am Fluss um sein Leben ringt.
    Mit einem, den er nicht sehen kann.
    Bis der Morgen kommt – und er verwandelt ist.

    Da ist Maria, die einen Gruß hört.
    „Fürchte dich nicht.“
    Und ihr Leben ändert sich für immer.

    So verstehe ich die Engel der Bibel:
    Boten des Lebens.
    Die uns inspirieren.
    Die uns manchmal – zum Glück – im Weg stehen.
    Aber immer als Hoffnungsträger.

    Keine Lichtgestalten aus einem anderen Universum.
    Sondern Menschen, die uns stärken.
    Tröstende Worte.
    Ermutigende Begegnungen.
    Inspirierende Lieder.

    Engel können vieles sein:

    Der Satz, der wieder Mut macht.
    Der Mensch, der uns nicht von sich stößt.
    Die Zeilen im Buch, die Wunden heilen.

    Manchmal ein Hindernis, das uns zum Umdenken zwingt.
    Manchmal ein Halt, an dem wir uns festhalten können.
    Das Wunder, das wir nicht erwartet haben.

    So verstehe ich auch diese Lady in Black.
    Als eine Engelsgestalt.
    Eine Hoffnungsbotin in dunklen Zeiten.

    Ein katholischer Freund, selbst Priester, sagte einmal zu diesem Lied:
    Für ihn sei es ein Song über Maria.
    Sie ist diese Lady in black,
    die einen Menschen begleitet und zum Frieden anstiftet.
    Eine Inspiration, die sie Menschen geben kann.

    Ich weiß nicht, ob der Papst diese Auffassung teilt.
    Und als Protestant frage ich da auch mal nach.
    Aber ich kann das gut stehen lassen.

    Denn im Grunde geht es genau darum:
    Um Begegnungen, die uns verwandeln.
    Die uns neue Wege zeigen.
    Die uns Mut machen.

    Und ich wünsche den Kriegstreibern, den Hasserfüllten,
    den Mutlosen und Verwirrten,
    den Suchenden und Neugierigen –
    ich wünsche ihnen einen solchen Engel.

    Der sie erkennen lässt, wie kostbar Frieden ist.
    Wie kostbar Hoffnung und Leben sind.

    Und ich wünsche das auch mir.
    Und Ihnen.



    V. Das Einfache und das Besondere


    Ein paar Gedanken zu einem Rocksong, die ich gerne mit Ihnen teilen wollte.

    Übrigens: es wird ja immer behauptet,
    dass Rockmuiker nur drei Akkorde spielen können.
    Dieses Lied beweist, dass dies eine haltlose Unterstellung ist.
    „Lady in Black“ kann man nur mit zwei Akkorden spielen.
    Damit gehört dieses Lied zu den simpelsten Hits der Rockgeschichte.

    Aber auch zu den besonderen.

    Manchmal braucht es nicht viel.
    Nur das Richtige zur richtigen Zeit.

    Eine Begegnung.
    Ein Wort.
    Ein Lied.

    Amen.


    Hintergrundinfos zum Song aus
    Wikipedia: Die freie Enzyklopädie. Lady in Black (Deutschland).
    URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Lady_in_Black_(Deutschland).
    Revision vom 23. September 2025, 15:47 Uhr. Zuletzt geprüft/Abgerufen am: 22. Oktober 2025.

    Quellenhinweis:
    „Lady in Black“ (Uriah Heep, 1971) – Text und Musik: Ken Hensley – © Dick James Music Ltd. / EMI Music Publishing (heute: Universal Music Publishing Group)


    Fragen zur persönlichen Reflexion
    für das eigene Nachdenken,
    das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch

    1. Stellen Sie sich vor, eine „Lady in Black“ träte in Ihr Leben. Was würde sie Ihnen raten?
    2. Welche Begegnung, welches Wort oder welches Lied hat Sie in letzter Zeit berührt oder inspiriert?

    Meditativer Nachklang

    Gott,

    manchmal gehen wir in Dunkelheit.
    Manchmal tragen wir Wut und Schmerz in uns.

    Schick uns eine Begegnung,
    die uns inne halten lässt.
    Ein Wort, das uns Mut macht.
    Einen Menschen, der uns zeigt:
    Es gibt einen anderen Weg.

    Lass uns Engel sein für die, die sie brauchen.

    Und lass uns selbst welche finden,
    wenn wir sie am nötigsten haben.

    Amen.

    Vom Rockstar, der morgens um Zehn die Sehnsucht fand: Sailing und Psalm 42.“

    Bibeltext: Psalm 42,2-6 (BasisBibel)
    „Wie ein Hirsch nach Wasser lechzt, so sehnt sich meine Seele nach dir, Gott.
    Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott…“
    Mit Bezug zu Rod Stewarts „Sailing“



    Ich hatte es schon angekündigt. Wir singen es heute gemeinsam. Und es wird Teil der Predigt sein:
    Sailing. Rod Stewarts Song über das Segeln, über Heimkehr und Weite.

    Vielleicht geht es Ihnen wie mir. Irgendwie berührt Sie etwas bei diesem Lied.
    Eine Sehnsucht, die Sie nicht genau benennen können.
    Die Melodie, die von Aufbruch erzählt und gleichzeitig von Ankunft.

    Gavin Sutherland, der dieses Lied ursprünglich schrieb, sagte etwas Erstaunliches darüber:
    „Die meisten Leute denken, es geht um einen Mann, der übers Meer zu seiner Geliebten segelt. Aber das stimmt nicht.
    Es ist die Geschichte der spirituellen Odyssee des Menschen auf seinem Weg zur Freiheit und Erfüllung.“

    Genau diese Odyssee beschreibt auch der Psalmdichter vor dreitausend Jahren.
    Psalm 42 beschreibt die spirituelle Sehnsucht als eine Kraft, die uns trägt und uns lebendig macht.
    Genau wie Rod Stewarts „Sailing“ erzählt der Psalm von einer Odyssee, die uns verwandelt, auch wenn wir noch unterwegs sind.

    Die Sehnsucht

    Stellen Sie sich diesen Hirsch vor.
    Ein Geschöpf in der Weite einer Steppenlandschaft, das die Quelle sucht.
    Sein ganzer Körper ist ausgerichtet auf dieses eine: frisches Wasser finden.

    So beschreibt der Psalm unsere Seele.
    Diese ganze Person, die Sie sind.
    Mit unseren Sehnsüchten und Träumen, unseren Hoffnungen und unseren Fragen.

    Kennen Sie dieses Sich-Ausstrecken?
    Dieses Suchen?

    Nach einem Moment der Ruhe.
    Nach einem guten Wort.
    Nach einem Tag, an dem alles sich leichter anfühlt.
    Nach Leben, das sich anfühlt wie Leben.
    Nach etwas, das größer ist als wir selbst.
    Diese Sehnsucht ist nicht das Problem.
    Sie ist das Zeichen, dass wir lebendig sind.

    Aber dann kommt auch der Bruch:
    „Meine Tränen sind mein Brot bei Tag und bei Nacht. Denn man sagt ständig zu mir: Wo ist er denn nun, dein Gott?“
    Die Sehnsucht wird manchmal nicht gestillt.
    Die Sehnsucht scheint auf Leere zu treffen.

    Aber manchmal entstehen die echtesten Momente gerade dann,
    wenn wir uns am verletzlichsten fühlen.
    Wenn wir nicht mehr versuchen, perfekt zu sein,
    sondern einfach nur echt.

    So war es auch bei der Entstehung dieses Songs.
    Rod Stewart. Rockstar. Nachtmensch durch und durch.
    Steht morgens um halb elf im Studio in den Muscle Shoals Studios.
    Früh. Für ihn sehr früh.

    Der Produzent Tom Dowd hatte ihn aus dem Bett geklingelt.
    „Komm sofort ins Studio“, hatte er gesagt.
    Keine Zeit für Aufwärmen, keine Zeit für Rockstar-Allüren.
    Vor ihm saßen die Muscle Shoals Rhythm Section.
    Seine Band für diese Nummer.
    Allesamt Legenden.
    Musiker, die mit Aretha Franklin und Wilson Pickett gearbeitet hatten.
    Stewart sagte später: Er war eingeschüchtert. Nervös.
    Und genau da, in dieser Verletzlichkeit, in dieser ungeschützten Morgenstunde, sang er „Sailing“ in wenigen Takes ein.
    Nicht perfekt. Aber Authentisch.

    Die Schwellenzeit

    Das Lied singt vom Fliegen wie ein Vogel über das Meer. Von einer Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
    Von Freiheit und Weite.
    Die Sutherland Brothers, die „Sailing“ komponierten, wollten dem Lied einen „keltischen Klang“ geben.
    Etwas von dieser alten Weisheit, die um die Übergänge weiß. Um das Dazwischen.

    Es ist ein Lied für die Schwellenzeiten im Leben. Momente zwischen Tag und Nacht.
    Zeiten zwischen dem Alten und dem Neuen.
    Unterwegs sein ist der Ort, wo das Leben sich ereignet.

    „Sailing“ wurde zum Soundtrack für genau solche Momente.
    Abschiede. Neuanfänge. Aufbrüche ins Ungewisse.
    Menschen haben es gespielt, wenn sie Heimat verlassen mussten.
    Wenn sie einen neuen Lebensabschnitt begannen.
    Das Lied weiß: Unterwegs sein gehört zum Menschsein dazu. Immer schon. Seit Jahrtausenden.

    Der Song erzählt vom Segeln und Fliegen – beides Bilder für eine Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
    Wann haben Sie diese Sehnsucht gespürt? Vielleicht beim Blick aus dem Fenster heute Morgen.
    Die Weite des Himmels, die plötzlich größer war als alles, was Sie beschäftigt.
    Ein Moment, in dem das Fenster zum Rahmen wurde für etwas, das Sie nicht greifen können, aber spüren.
    Der Psalm spricht vom „lebendigen Gott“. Nicht von einer Idee oder einem Prinzip, sondern von einer Kraft, die lebendig macht.
    Leben, das sprudelt wie eine Quelle. Leben, das trägt wie der Wind unter den Segeln.

    Diese Kraft ist da.
    Sie ist der Grund, auf dem Sie stehen, auch wenn der Boden manchmal wackelt.
    Sie ist der Horizont, der bleibt, auch wenn Sie den Blick senken.

    Spiritualität ist keine Flucht aus dem Leben, sondern eine Vertiefung hinein.

    Eine Odyssee zu sich selbst durch etwas, das größer ist als wir selbst. Der Weg übers Meer zurück nach Hause.

    Die Hoffnung

    Woher kommt eigentlich diese Sehnsucht?
    Diese Unruhe in uns, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt? Diese Suche nach dem Mehr, nach dem Größeren, nach dem, was trägt?
    Augustinus, der große Kirchenvater, hat es vor 1600 Jahren so gesagt:
    „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“
    Unruhig ist unser Herz.
    Das ist keine Krankheit. Das ist keine Schwäche. Das ist Gottes Spur in uns.

    Gott hat diese Sehnsucht in unser Herz gelegt.
    Wie eine Kompassnadel, die nach Norden zeigt.
    Wie ein innerer Kompass, der uns ausrichtet auf das Lebendige.

    Die Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass uns etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass wir für mehr geschaffen sind.
    Dass da eine Kraft in uns wirkt, die größer ist als wir selbst.
    Und dennoch sagt der Psalmbeter zu sich selbst:
    „Warte nur auf Gott! Ja, ich werde ihm noch danken. Er ist die Rettung für mich, er ist mein Gott.“

    Hören Sie, was er nicht sagt?
    Nicht: Ich bin angekommen.
    Nicht: Ich habe die Antwort gefunden.
    Nicht: Ich habe keine Fragen mehr.

    Sondern: Ich werde noch. Ich warte. Ich bleibe dran.

    Das ist der Mut unserer spirituellen Odyssee. Die Sehnsucht nicht wegzudrücken, sondern als Gottes Ruf zu verstehen.
    Zu segeln, ohne genau zu wissen, wo das Ufer ist – aber zu vertrauen, dass die Sehnsucht selbst schon Gottes Antwort ist.
    Das ist schon segeln. Das ist schon unterwegs sein. Das ist schon vertrauen, dass die Sehnsucht selbst der Weg ist.
    Wie der Hirsch, der dem Duft des Wassers folgt, lange bevor er die Quelle sieht.
    Wie das Lied, das die Weite des Meeres besingt und dabei von Heimkehr träumt.

    Nach Hause

    Rod Stewart singt davon, nach Hause zu segeln, über das Meer. Zu jemandem hin.
    Zu wem? Der Liedtext bleibt offen.
    Der Psalmbeter ist konkreter: „Ich strecke mich aus nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“

    Was bedeutet „nach Hause“?
    Nicht ein Ort, sondern eine Gegenwart. Nicht ein Ankommen, sondern ein Getragenwerden.
    Der lebendige Gott ist nicht das Ziel am Ende der Reise. Er ist die Kraft, die uns trägt, während wir noch unterwegs sind.
    Sie sind unterwegs. Das ist nicht das Problem. Das ist nicht der Mangel. Das ist das Leben selbst.
    Ihre Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass Sie lebendig sind.
    Dass da eine Kraft in Ihnen wirkt, die größer ist als alle Begrenzung.

    Am Ende des Liedes heißt es nicht „I am sailing“, sondern „We are sailing“.
    Wir.
    Nicht: Ich segele einsam übers Meer.
    Sondern: Wir sind unterwegs. Gemeinsam.
    Gleich werden wir dieses Lied zusammen singen. Und vielleicht spüren Sie dann: Diese Odyssee machen wir nicht allein.
    Hier, in diesem Raum. Auf diesem Wasser des Lebens.
    Mit dieser Sehnsucht nach dem Lebendigen, die uns trägt, auch wenn wir noch nicht angekommen sind.
    Heute. Hier. Gemeinsam.

    Amen.


    Quellenverzeichnis:

    Bibeltext:
    Psalm 42,2-6 nach BasisBibel. Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Online: www.die-bibel.de

    Lied „Sailing“:
    Quellenhinweis:
    „Sailing“ (1972)
    Text und Musik: Gavin Sutherland
    © Universal Music Publishing Group / Warner Chappell Music, Inc.
    bekannt durch Rod Stewart (1975)

    Hintergrundinformationen
    Gavin Sutherland zur Bedeutung des Songs:
    Scottish Daily Express (1975), zitiert in: Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
    URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)
    Zitat: „The song’s got nothing to do with romance or ships; it’s an account of mankind’s spiritual odyssey through life on his way to freedom and fulfillment with the Supreme Being.“ (sinngemäß übersetzt)“

    Rod Stewarts Aufnahmesession in Muscle Shoals:
    Mail on Sunday’s Live Magazine (2010), zitiert in: Songfacts – „Sailing by Rod Stewart“
    URL: https://www.songfacts.com/facts/rod-stewart/sailing
    Details: Aufnahme 10:30 Uhr morgens, Tom Dowd als Produzent, 6-7 Takes

    Muscle Shoals Rhythm Section:
    Wikipedia: „Muscle Shoals Rhythm Section“
    URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Muscle_Shoals_Rhythm_Section
    Musiker: Roger Hawkins, Barry Beckett, Jimmy Johnson, David Hood
    Zusammenarbeit mit Aretha Franklin, Wilson Pickett, Percy Sledge

    „Celtic feel“ des Songs:
    Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
    URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)

    Augustinus: Confessiones (Bekenntnisse), I,1.


    Fragen zur persönlichen Reflexion
    für das eigene Nachdenken,
    das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch

    1. Welcher Moment der letzten Woche fühlte sich an wie „Wind unter den Segeln“?
    2. Wann in Ihrem Leben war die Sehnsucht nach Transzendenz am stärksten spürbar?

    Meditativer Nachklang

    Du Kraft, die trägt wie Wind und Wasser,
    Du Sehnsucht, die in uns wohnt,
    Du Horizont, der uns ruft –
    lass uns spüren:

    Wir sind unterwegs zu Dir,
    und Du bist unterwegs zu uns.

    In der Weite des Meeres
    und in der Stille unseres Herzens
    finden wir Dich –

    und werden gefunden.

    Amen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten

    Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten
    oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
    Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein,
    aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
    Hier finden Sie etwas davon.

    Psalm 42 als Pilgerlied

    Dieser Psalm gehört zu den sogenannten Korachpsalmen, möglicherweise Lieder für den Tempelbesuch.
    Die Sehnsucht ist konkret: nach Jerusalem, nach dem Tempel, nach der Gemeinschaft der Feiernden. Universal gesehen: nach dem Ort, wo Himmel und Erde sich berühren.

    Inspirierende Fragen:
    – Was macht einen Raum zu einem spirituellen Raum?
    – Welche Orte in Ihrem Leben sind „heilige Orte“, wo Sie sich Gott nahe fühlen?

    Quelle: Vgl. Seybold, Klaus: Die Psalmen, HAT I/15, Tübingen 1996, S. 177-180

    Exil und Sehnsucht

    Der historische Kontext: Menschen im babylonischen Exil haben wahrscheinlich diesen Psalm geschrieben. Sie sehnen sich nach Jerusalem. Fern vom Tempel, fern von Heimat. Die Sehnsucht ist geografisch – und zugleich existentiell. Heimweh als Seelensprache.

    Inspirierende Fragen:
    – Was wäre Ihre „Heimkehr“ – wohin sehnen Sie sich zurück?
    – Wo in Ihrem Leben fühlen Sie sich „im Exil“ – fern von sich selbst?

    Quelle: Kraus, Hans-Joachim: Psalmen 1-59, BK XV/1, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 468-474

    Für sich selbst sorgen

    Auch Liebe braucht Pause

    Sie sitzen am Bett eines Menschen, der Ihnen nahesteht. Die Zeit scheint stillzustehen – und gleichzeitig rast sie davon. Sie möchten jeden Moment nutzen, jedes Wort hören, jeden Atemzug teilen. Und doch spüren Sie, wie Ihre eigenen Kräfte schwinden.

    Das ist kein Versagen. Das ist Menschsein.

    Die Erlaubnis zum Gehen

    Es ist nicht nur erlaubt, das Zimmer zu verlassen – es ist notwendig. Nach Hause gehen. Spazieren gehen. Duschen, essen, schlafen. Ihre Liebe misst sich nicht an der Anzahl der Stunden am Bett. Sie misst sich an der Qualität Ihrer Präsenz, wenn Sie da sind.

    Der persische Mystiker Rumi schrieb einmal sinngemäß: Geh hinaus und lebe. Diese Erlaubnis gilt auch für Sie – gerade jetzt.

    Was der Alltag trägt

    Gehen Sie nach Hause. Öffnen Sie die Fenster. Machen Sie sich einen Tee. Setzen Sie sich in Ihren Lieblingssessel. Diese einfachen Handlungen sind keine Flucht. Sie sind Anker in einer Zeit, die alle Gewissheiten ins Wanken bringt.

    Das Leben kennt seit jeher den Rhythmus von Nähe und Rückzug. Einatmen und Ausatmen. Hingabe und Stille. Auch Ihre Begleitung darf diesem Rhythmus folgen. Sie müssen nicht rund um die Uhr stark sein. Sie dürfen weinen. Sie dürfen müde sein. Sie dürfen überfordert sein.

    Die Stille zwischen den Besuchen

    Wenn Sie eine Pause machen, entsteht Raum. Raum für Gedanken, die im ständigen Wachen keinen Platz finden. Raum für Erinnerungen an schöne gemeinsame Zeiten. Raum für die Dankbarkeit, die neben der Trauer wohnt.

    Diese Pausen sind keine Untreue. Sie sind ein Geschenk – an Sie beide.

    Wir sind da, wenn Sie nicht da sind

    Das Hospizteam wacht, wenn Sie schlafen. Begleitet, wenn Sie eine Pause brauchen. Ihr Mensch ist nicht allein, auch wenn Sie gerade nicht da sind. Vertrauen Sie darauf.

    Und wenn die Schuldgefühle kommen – sprechen Sie mit uns. Mit der Seelsorge. Mit dem Team. Ihre Sorgen sind uns nicht fremd. Wir haben sie schon oft gehört. Sie sind alle berechtigt.

    Ein Segen für den Weg

    Mögen Sie die Erlaubnis spüren, gut für sich zu sorgen. Mögen Sie den Mut finden, um Hilfe zu bitten. Mögen Sie wissen: Ihre Fürsorge für sich selbst ist keine Gleichgültigkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Sie bis zum Ende liebevoll da sein können.

    Trauer. Wenn das Leben aus den Fugen gerät

    Trauer –
    Wenn das Leben aus den Fugen gerät


    Manche Verluste werfen uns aus der Bahn. Sei es der Tod eines geliebten Menschen, ein belastendes Ende, der Verlust der eigenen Gesundheit oder eine zerbrochene Beziehung – plötzlich ist alles anders.

    Doch was ist Trauer eigentlich?


    Die stille Begleiterin: Trauer


    Es gibt Momente, in denen das Leben stillzustehen scheint. Ein Verlust hat alles verändert, und Sie fragen sich, wie es weitergehen soll.
    Die Trauer ist bei Ihnen eingezogen und will nicht mehr gehen.
    Das ist schwer auszuhalten.
    Und doch möchte ich Ihnen etwas sagen: Trauer ist nicht Ihr Feind.

    Ich darf trauern

    Trauer zeigt uns, was uns wichtig war. Sie ist das Echo einer tiefen Verbindung, der Nachhall von Liebe. Ohne Bindung gibt es keine Trauer.
    Sie dürfen trauern.
    Sie müssen nicht stark sein, nicht funktionieren, nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Trauer braucht Raum und Zeit. Manchmal viel Zeit.
    In unserer beschleunigten Welt vergessen wir das oft.

    Die Gezeiten der Trauer

    Trauer kommt in Wellen. Manchmal sanft wie ein ruhiger See, manchmal mit der Wucht eines Sturms. Beide gehören dazu.
    Es gibt Tage, an denen Sie denken: „Es wird besser.“ Und dann gibt es andere, an denen der Schmerz so frisch ist wie am ersten Tag. Das ist normal. Das ist menschlich.
    Trauer folgt keinem Zeitplan.
    Lassen Sie sich nicht drängen – weder von anderen noch von sich selbst.
    Ihre Trauer ist so einzigartig wie Ihre Liebe war.

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    Ich will meine Trauer verstehen…

    Trauer ist kein geradliniger oder starrer Prozess. Heute weiß man: Trauer verläuft nicht in festen Phasen oder Schrittfolgen, wie früher oft angenommen wurde, sondern sie ist viel beweglicher und individueller.

    • Trauer kommt und geht: Sie erleben wahrscheinlich, dass Ihre Trauer in Wellen auftritt. Es gibt Momente, in denen Sie sehr traurig sind, und andere, in denen Sie sich ablenken, arbeiten oder sogar Freude empfindenden können. Auch Zeiten, in denen Sie kaum an den Verlust denken, und dann wieder plötzlicher Schmerz – all das ist ganz normal. Viele Trauernde sind erstaunt: „Heute geht es besser – und plötzlich ist die Trauer wieder ganz nah.“ Das ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Lebendigkeit und Anpassung.

    • Zwischen Erinnern und Neuanfang: Manchmal brauchen Sie das Erinnern, das Zulassen von Gefühlen, das Weinen oder das Sprechen über den Verstorbenen. An anderen Tagen steht der Alltag im Vordergrund: Sie kümmern sich um Ihre Aufgaben, genießen kleine Dinge oder sind nach außen gerichtet. Dieses Wechselspiel erleichtert die Verarbeitung des Verlusts. Ablenkung ist dafür genauso wichtig wie Traurigsein.

    „Es ist völlig in Ordnung, wenn Sie zeitweise das Gefühl haben, die Trauer sei verschwunden –
    und sie dann wieder spüren.
    Sie machen dabei nichts falsch.
    Es gehört zu Ihrem Trauerweg.“

    Eine neue Art, das Leben zu sehen

    Trauer verändert uns. Das ist unausweichlich. Aber Veränderung bedeutet nicht nur Verlust. Sie kann auch zu einer tieferen Dankbarkeit führen, zu mehr Mitgefühl für andere, zu einer neuen Wertschätzung des Lebens.
    Vielleicht spüren Sie das noch nicht. Das ist in Ordnung.
    Es braucht Zeit, bis wir erkennen, wie Trauer uns geformt hat. Bis wir verstehen, dass sie uns nicht nur genommen, sondern auch gegeben hat: Tiefe. Mitgefühl. Eine neue Art, das Leben zu sehen.
    Sie werden wieder lachen können, ohne Ihren Verlust zu verraten. Sie werden wieder Freude empfinden können, ohne schuldig zu sein.
    Das Herz ist groß genug für beides: für Trauer und für Hoffnung.

    Brauche ich Hilfe?

    Es ist gut, wenn Menschen uns zur Seite stehen – nicht nur in den ersten Tagen, sondern auch dann, wenn die Trauer länger dauert.
    Es tut gut, wenn jemand zuhört, fragt, was wir brauchen, uns erzählen lässt, einfach „da ist“ und uns mit unseren Gefühlen aushält.

    Ärztliche oder therapeutische Hilfe von außen ist dann wichtig, wenn Sie merken: Die körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Schmerzen werden zu belastend.
    Auch dann, wenn sich Ihr Zustand über viele Monate nicht verändert, Sie sich wie gelähmt fühlen, keinen Zugang mehr zum Leben finden, immer weiter zurückziehen oder gar keinen Sinn mehr sehen.

    Scheuen Sie sich nicht, Unterstützung anzunehmen – das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein kluger Schritt zu mehr Lebensqualität. Manchmal braucht es professionelle Hilfe, um wieder Hoffnung, Kraft und Perspektive zu finden.



    „Trauer ist wichtig,
    um einen Verlust zu verarbeiten –
    doch wenn sie das Leben dauerhaft belastet, jemand körperlich oder seelisch darunter leidet
    und keinen Weg
    zurück ins Leben findet,
    dann ist es Zeit, Hilfe zu suchen.“

    Trauer ist kein Problem,
    das gelöst werden muss.
    Sie ist ein Teil des Lebens.

    Es gibt keinen Weg um die Trauer herum. Es gibt nur den Weg hindurch.
    Das bedeutet nicht, dass Sie allein gehen müssen. Hier in der Klinik sind Menschen, die Sie verstehen. Die Ihnen zuhören. Die Sie begleiten, ohne Ihnen die Trauer nehmen zu wollen.
    Trauer ist kein Problem, das gelöst werden muss. Sie ist ein Teil des Lebens, der gewürdigt werden will.
    Lassen Sie zu, dass andere Ihnen nahe sind. Auch in der Trauer – gerade in der Trauer – sind Sie nicht allein.

    Irgendwann werden Sie merken,
    dass neben der Trauer wieder andere Gefühle Platz finden.

    Nicht weil die Trauer verschwindet,
    sondern weil das Herz lernt, beides zu tragen:
    die Liebe zu dem, was war,
    und die Hoffnung auf das, was noch kommen kann.

    Bis dahin: Seien Sie geduldig mit sich.
    Seien Sie gütig zu sich.

    Weben an der Erinnerung

    Seelsorge im Hospiz

    Was kann Seelsorge im Hospiz leisten? Sie ist zunächst eine Präsenz. Ein Da-Sein ohne Tagesordnung. Ohne Ziel außer der Begegnung selbst. Seelsorgende im Hospiz verstehen sich als Ansprechpartner für alle. Für die Gäste, ihre Angehörigen und auch für die Mitarbeitenden.

    Seelsorgende bieten einen Resonanzraum für alles, was im Menschen anklingen möchte. Fragen nach dem Warum. Erinnerungen. Unausgesprochene Schuld. Hoffnungen und Ängste vor dem, was kommen mag.
    Sie halten aus, wenn es keine Antworten gibt. Sie schweigen mit, wenn Worte nicht reichen. Sie hören die leisen Töne zwischen den Worten. Manchmal finden sie gemeinsam Rituale oder Worte, die tragen. Ein Gebet, ein Segen, ein Abendmahl im Kreis der Familie.
    Die Seelsorge im Hospiz ist konfessionell offen. Sie begegnet Menschen aller Glaubensrichtungen. Auch jenen, die keinen religiösen Bezug haben. Sie fragt nicht nach dem „richtigen Glauben“. Sie fragt nach dem, was den einzelnen Menschen trägt und nährt.

    Eine besondere Aufgabe der Seelsorge im Hospiz ist die Gestaltung von Gedenkfeiern. Wenn ein Gast verstorben ist, braucht es Räume, um gemeinsam innezuhalten, zu erinnern und auch zu trauern. Diese Feiern sind wie ein gemeinsames Weben am Teppich der Erinnerung – jeder, der den verstorbenen Menschen kannte, bringt einen Faden ein.

    In der Gestaltung solcher Gedenkfeiern zeigt sich die Kunst der Seelsorge besonders deutlich. Es geht darum, Worte und Symbole zu finden, die dem Leben des Verstorbenen gerecht werden und zugleich den Hinterbliebenen Trost spenden können. Manchmal sind es Kerzen, die entzündet werden, manchmal Steine, die abgelegt werden, manchmal Musik, die den Raum füllt.

    Die Gedenkfeiern knüpfen oft an Elemente aus verschiedenen spirituellen Traditionen an, bleiben dabei aber immer respektvoll gegenüber der Weltanschauung des Verstorbenen und seiner Angehörigen. Sie bieten einen geschützten Raum, in dem die Trauer ihren Platz haben darf, ohne dass sie die Menschen überwältigt.

    So können auch Gedenkfeiern mehr sein als ein Rückblick – sie können zu einem Samenkorn werden für das, was im Leben der Trauernden noch wachsen will.

    Liebe deinen Nächsten. Und dich selbst.


    Eine Meditation über Selbstfürsorge

    Du kennst das vielleicht.
    Du willst für andere da sein.
    Weil es Dir wichtig ist.
    Weil Du es einmal versprochen hast.
    Und spürst dabei, wie du dich selbst verlierst.

    Manchmal fragst du dich: Ist das richtig so?
    Darf ich auch an mich denken?
    Die Frage stellt sich besonders hier in der Klinik.
    Wenn du selbst Hilfe brauchst.
    Wenn du merkst: Ich kann nicht mehr geben, was ich geben möchte.

    Das alte Missverständnis


    „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
    Wir hören oft nur die erste Hälfte dieses Satzes.
    „Liebe deinen Nächsten“
    – das klingt selbstlos.
    Das klingt nach einem moralischen Gebot Gottes.
    Das klingt richtig.

    Aber da steht noch etwas: „wie dich selbst“.
    Kein Anhängsel, das wegbleiben könnte.
    Das ist die Grundlage.


    Wer sich selbst vergisst, dem geht irgendwann die Kraft aus.
    Wer sich selbst nicht liebt, dem geht irgendwann die Liebe aus.

    Wenn Helfen zur Last wird


    Jesus fragte einmal:


    Eine alte Frage.
    Eine sehr moderne Frage.
    Du willst helfen.
    Du willst da sein.
    Du willst alles geben.
    Aber was passiert, wenn du dich dabei selbst verlierst?

    Deine Seele wird müde.
    Dein Herz wird leer.
    Deine Kraft schwindet.


    Warum Grenzen Liebe ermöglichen


    Grenzen setzen – das klingt egoistisch.
    Ist es aber nicht.
    Grenzen sind wie Zäune um einen Garten.
    Sie schützen, was darin wächst.
    Deine Kraft ist ein Garten.
    Deine Liebe ist ein Garten.
    Deine Fähigkeit zu helfen ist ein Garten.
    Ohne Grenzen wird alles zertrampelt.
    Mit Grenzen kann etwas Schönes wachsen.

    Kleine Schritte, große Wirkung


    Selbstfürsorge beginnt klein.
    Mit einem tiefen Atemzug.
    Mit einem Moment der Stille.
    Mit der Frage: Was brauche ich gerade?
    Manchmal ist es Schlaf.
    Manchmal ist es ein Gespräch.
    Manchmal ist es das „Nein“ zu einer Bitte.
    Manchmal ein Mensch, dem man erlaubt, mit darauf zu achten.


    Das zu respektieren ist nicht Schwäche.
    Das ist Weisheit.

    Fragen, die nur du beantworten kannst


    Vielleicht hilft es dir, wenn du dir einen Moment Zeit nimmst für drei Fragen…:


    Deine Antworten gehören dir.
    Deinem Tagebuch, Deinem Inneren.
    Vielleicht noch Deinen vertrauten Gesprächspartnern.
    Aber nur Du kannst die Antwort darauf finden.

    Der Weg geht weiter


    Du musst nicht perfekt sein in der Selbstfürsorge.
    Fang einfach an.
    Ein kleiner Schritt.
    Ein bewusster Moment.
    Eine liebevolle Entscheidung für dich selbst.

    Gott sieht dich.
    Mit deiner Müdigkeit.
    Mit deiner Sehnsucht zu helfen.
    Mit deinem Bedürfnis nach Ruhe.

    Gott selbst lädt dich ein:

    Segen für die Gedenkfeier

    (Die Hände formen eine Schale vor dem Körper)
    Gott, du hältst unsere Erinnerungen,
    die kostbaren Momente, die uns verbinden,
    die Worte, die gesagt – und die, die unausgesprochen blieben.
    Nimm sie in deine Hände und bewahre sie in Liebe.

    (Die Hände auf das Herz legen)
    Gott, du bewahrst uns in unserer Trauer,
    in der Sehnsucht, in der Dankbarkeit,
    in der Liebe, die niemals aufhört.
    Lass uns spüren, dass wir gehalten sind,
    dass wir verbunden bleiben – über Zeit und Raum hinaus.

    (Die Hände sanft öffnen und nach vorne strecken, als Zeichen des Loslassens)
    Gott, du gibst uns Kraft,
    zu lassen, was wir nicht festhalten können,
    zu vertrauen, dass Liebe bleibt,
    zu hoffen, dass das Leben mehr ist als das Sichtbare.

    Segne uns mit Trost und Frieden,
    mit Mut zum Weitergehen
    und mit der Gewissheit:
    Die Liebe hört niemals auf.
    Amen.

    Gemeinsam erinnern. Ein Modell für Gedenkfeiern im Hospiz.

    Unsere Gedenkfeier im Mai 2025

    Sich erinnern an die Menschen, die für eine Zeit Gäste waren in unserem Hospiz.
    Noch einmal die Menschen treffen, die als Angehörige und Freunde ganz selbstverständlich Teil dieser besonderen Zeit waren.
    Sich als Team erinnern an Begegnungen, Geschichten und Gespräche.
    Dankbar sein für eine Zeit der Weggemeinschaft.
    All das gehört zu unserer Gedenkfeier.

    Das Fenster der Erinnerung

    Manchmal, wenn der Tag sich neigt,
    öffne ich das Fenster der Erinnerung.
    Leise schiebt sich das Licht hindurch,
    golden wie die letzten Strahlen eines Sommers.

    Ich sehe dich –
    in einem Lächeln, das aufblitzt,
    in einem Wort, das mir zufliegt,
    in einer Melodie, die mich berührt.

    Manchmal scheint das Fenster beschlagen,
    vom Hauch der Trauer, von der Zeit, die vergeht.
    Doch dann, mit einem sanften Atemzug,
    wird es wieder klar –
    und du bist da.

    Nicht so, wie du warst,
    aber immer noch nah.
    Nicht mehr greifbar,
    aber doch unendlich gegenwärtig.

    Und so bewahre ich dich,
    zwischen Licht und Erinnerung,
    zwischen Sehnsucht und Dankbarkeit,
    in jenem Fenster, das ich immer wieder mal öffne.

    Abschied. Die Liebe bleibt

    Die Liebe hört niemals auf – Ein Gedanke für Trauernde

    A) Die Liebe hört niemals auf

    B) Manche Dinge vergehen.
    Die Zeit.
    Die Stimmen, die einst klangen.
    Die Hände, die uns hielten.
    Das Leben selbst.

    A) Und doch gibt es etwas, das bleibt.
    Etwas, das den Tod überdauert.
    Etwas, das stärker ist als die Endlichkeit.

    B) Die Liebe hört niemals auf.

    A) Sie lebt weiter in den Spuren, die wir hinterlassen.
    In den Geschichten, die erzählt werden.
    Im Licht, das in unseren Herzen brennt.

    B) Vielleicht fühlt sie sich manchmal fern an,
    wie ein Echo in der Stille,
    wie ein leiser Hauch in dunkler Nacht.
    Aber sie ist da.

    A) Die Liebe hört niemals auf.

    B) Sie ist in der Erinnerung,
    im Lächeln, das bleibt,
    in der Kraft, die uns trägt,
    im Vertrauen, dass wir verbunden sind –
    über alle Grenzen hinaus.

    A) Die Liebe hört niemals auf

    B) Die Liebe bleibt.
    Heute. Morgen. Für immer.

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