Über den Wolken. Eine Predigt über Freiheit.

Songpredigt zu Reinhard Mey, „Über den Wolken“, und 2. Korinther 3,17

Klinik Lahnhöhe · ca. 12 Minuten 

I)

Gestern habe ich sie gehört, bevor ich sie gesehen habe. Dieses raue, ferne Rufen, hoch oben.
Kraniche.
Ein Keil, Richtung Süden.

Ich bin stehen geblieben, hab lange nach oben geschaut, ihnen nach.
Und ich weiß noch genau, was ich gedacht habe:
Da möchte ich jetzt mitfliegen.
Richtung Süden.
Nicht irgendwohin.
Einfach weg.
Raus aus allem, was gerade eng ist.

Man sieht sie ja jetzt wieder ziehen.
Überall hört man sie.
Und irgendetwas in einem zieht ein Stück mit.

Dann hatte ich ein Lied im Ohr.
Ihr kennt es.
Wir singen es fast jede Woche.
Reinhard Mey, „Über den Wolken“.

Und zum ersten Mal habe ich darauf geachtet, wo Mey in diesem Lied eigentlich steht. Er fliegt nicht. Er steht am Rand des Rollfelds, am Zaun, im Regen. Er sieht dem Flugzeug nach, bis er den kleinen Punkt verliert.
Dann bleibt nur ein Summen, von weit her.

Die Freiheit über den Wolken, von der er singt, ist bei ihm eine Vermutung, eine Sehnsucht. Und genau das berührt uns.
So wie diese Kraniche, die über den Himmel ziehen.
Und wir stehen da, schauen ihnen nach, so wie Reinhard Mey dem Flugzeug.

II)

Ich stelle mir vor, dass da noch einer steht. Vor fast 2000 Jahren.
Er hört die Kraniche, sieht sie nach Süden ziehen.
Auch für ihn kündigt sich der Herbst an.
Der Apostel Paulus.

Er steht in den Bergen Mazedoniens. Hinter ihm liegt eine schwierige Zeit in der Hafenstadt Korinth. Er hat die Stadt verlassen, nach heftigem Streit.

Andere waren dort aufgetreten, eindrucksvoll, gewandt, sicher. Und sie sagten über ihn: Seine Briefe sind gewichtig und stark. Aber wenn er selbst da ist, ist er schwach. Und reden kann er auch nicht.

Vielleicht trägt er auch etwas mit sich, das ihn schwächt.
Vielleicht ist er krank. Wir wissen es nicht.
Ein Mann, den man daran misst, was er nicht kann.
Das war damals nicht anders, als es heute oft ist.
Stark sein. Überzeugend sein. Konsequent sein.
Wer das nicht liefert, hat nichts zu sagen.

Paulus ist schließlich gegangen. Hier in die Berge Mzedoniens. 
Aber der Streit ist mit ihm gegangen. Im Herzen, im Kopf.
Weggehen allein hilft ihm nicht. Und so steht er da.
Er wartet auf Nachricht aus Korinth. Und wünscht sich gleichzeitig weit weg.

Ich kenne diese Stimme. Aus dem eigenen Kopf. Raus aus der Enge der Konflikte und der endlosen Diskussionen. Raus aus der Bedrängnis der Rechtfertigungen.

Und ich frage mich, was so einer schreibt, wenn er nach oben sieht und nicht mitfliegen kann.

III)

Paulus schreibt keinen Fluchtplan. Er schreibt auch keine Anleitung zum Starkwerden in fünf Schritten. Er schreibt einen Brief.
Und in diesem Brief finden wir einen wichtigen Satz.

Lutherübersetzung:
Der Herr ist der Geist;
wo aber der Geist des Herrn ist,
da ist Freiheit.

1.Korinther 3,17

Der Herr.

Ein seltsames Wort, das Paulus hier verwendet. Bei uns klingt es nach Obrigkeit, nach einem, der anordnet. Paulus meint den Gott, dem er in Jesus Christus begegnet ist. Den Gott, von dem Jesus geredet hat.

BasisBibel:
Der Herr wirkt nämlich durch seinen Geist
Und wo der Geist des Herrn wirkt, da herrscht Freiheit.

1.Korinther 3,17

Geist. Auch so ein sperriges Wort.
Wir denken an Verstand.
An einen geistreichen Menschen, an geistige Arbeit.
Oder an Gespenster, die durchs Haus geistern.

Beides meint Paulus nicht.
Das Wort, das er benutzt, heißt in der Sprache der Bibel zuerst: Atem.
Ein Hauch. Luft in Bewegung. Man sieht sie nicht, und man lebt nicht ohne sie.

Der Herr ist der Geist.
Das heißt: Gott ist da.
Nicht in der Ferne.
Nicht über den Wolken.
Sondern nah, wie der Atem.
In uns.

Paulus sagt nicht: Freiheit ist dort, wohin die Kraniche fliegen.
Er sagt nicht: Freiheit ist ein Gefühl, das sich einstellen muss.
Er sagt: Wo Gott gegenwärtig ist, da ist sie, die Freiheit. Und diese Freiheit gibt ihm die Kraft, für sich und seinen Weg einzustehen.

Was wir können, schreibt Paulus, kommt nicht aus uns selbst. Es kommt von Gott. Das ist die Antwort auf die Stimmen, die ihn klein machen. Auf die Menschen, die ihn verachten. Wegen seiner Schwäche. Vielleicht auch wegen einer Krankheit.

Wo Gott da ist, wird das nicht verlangt. Da muss keiner etwas beweisen. Da darf einer schwach sein, müde, krank, und gehört trotzdem dazu.

Ein Ort, an dem man so stehen darf, wie man gerade steht.
Auch hier, in den Bergen Mazedoniens.
Wo seine Gedanken bei den Menschen sind, die ihm wichtig sind.
Aber auch oft, zu oft, bei denen, die ihn verurteilen.

Und vielleicht denkt er in diesen Bergen auch an einen Gott,
der ihn frei macht von den Urteilen der anderen.

IV)

Im selben Brief, ein paar Seiten weiter, steht eine Liste.
Paulus zählt auf, was er durchgemacht hat. Bedrängnis, Nöte, Ängste.
Schläge, Gefängnis, schlaflose Nächte.
Eng, könnte man sagen. Und mitten darin dieser Satz:
Unser Herz ist weit geworden.

Weit ist sein Herz für die Menschen in Korinth.
Für dieselben, die ihn schwach nennen.
Eng sei es nicht bei ihm, schreibt er, aber eng in ihren Herzen.
Und er bittet sie, sich auch zu weiten.
Das ist keine Weite über den Wolken. Keine, die man spürt wie Rückenwind. Es ist Weite zwischen Menschen.

Ich sage das nicht als Auftrag. Niemand muss sein Herz weit machen, nur weil es bei Paulus so war. Schon gar nicht für die, die einen verurteilen.

V)

Von Paulus, der vor fast zweitausend Jahren den Kranichen nachschaut, zurück zu dem Mann, der dem Flugzeug hinterherschaut.
Reinhard Mey.

Sein Lied wurde überraschend populär.
Und man hörte es auch in der DDR.
Irgendwann entschloss sich die Parteiführung der SED, dass er auftreten darf. In einer bekannten Abendshow, in Dresden.
Nur dieses eine Lied durfte er nicht singen.
„Über den Wolken“.
Das Wort Freiheit sei nicht erwünscht. Das teilte man ihm mit, als er anreiste. An einem kalten Novemberabend. Es war der 7. November 1989.

Vier Tage später war der Auftritt. In dieser Zeit hatte sich die Welt verändert. Die Mauer war gefallen. Die Freiheit war grenzenlos.

Und als Mey seinen ersten Auftritt in der DDR gab, am 11. November 1989, da sang er auch „Über den Wolken“. Und sein Publikum sang von Herzen mit.

VI)

Vielleicht seht und hört ihr heute auch die Kraniche ziehen. Noch fliegen sie ja. Und vielleicht möchtet ihr auch mit. Das ist keine Schwäche und kein Fehler. Diese Sehnsucht sagt etwas Wahres: So, wie es gerade ist, ist es zu eng.
Ich kann euch nicht versprechen, dass euer Herz heute weit wird. Paulus kann das auch nicht. Er verspricht kein Gefühl. Er nennt einen Ort.

Wo Gott da ist, da ist Freiheit.
Auch dort, wo man gerade steht.
Auch an einem Tag, an dem man nichts davon spürt.
Auch, wenn die Stimmen im Kopf laut sind.
Die Stimmen, die einen verurteilen.

Wir stehen da.
Wir sehen den Kranichen nach.
So wie Mey dem Flugzeug.
So wie Paulus in den Bergen.
Gleich singen wir das Lied.



Bibeltext zum Nachlesen

Der Abschnitt, auf den sich die Predigt bezieht.

Predigttext ist 2. Korinther 3,17.
Der Vers steht mitten im dritten Kapitel des zweiten Korintherbriefs.
Auch Vers 5 klingt in der Predigt an.

Den vollständigen Text lesen Sie bei der Deutschen Bibelgesellschaft:

Die Lutherbibel bleibt nah am Wortlaut.
Die BasisBibel setzt den Text in kurze Sinnzeilen und liest sich am Bildschirm leichter.
Wenn Sie Zeit haben, lesen Sie die Verse 12 bis 18 im Zusammenhang.

Ein Hinweis für das ganze Kapitel.
Paulus stellt hier Mose und Christus gegenüber, Buchstabe und Geist.
Das sollte nicht als Abwertung des Judentums gelesen werden.
Nach der Auslegung von Christina-Maria Bammel und Dietrich-Alex Koch bleiben die Weisungen Gottes für Paulus in Geltung.
Verhandelt wird, woraus ein Dienst lebt.



Quellen und Hinweise

Bibeltext, Musik und Hintergründe zur Predigt.

Bibeltext

Die Predigt zitiert 2. Korinther 3,17 nach der Lutherbibel 2017.
In diesem Nachtrag steht kein Bibeltext.
Die Links oben führen zur Lutherbibel 2017 und zur BasisBibel, beide bei der Deutschen Bibelgesellschaft.

Musik

Musikaufnahme: Reinhard Mey: „Über den Wolken“. Geschrieben von Reinhard Mey; gesungen von Reinhard Mey. Auf: Wie vor Jahr und Tag. Intercord, 1974.
Sources: Wikipedia: Über den Wolken

Der Liedtext wird in der Predigt nicht zitiert, nur sinngemäß wiedergegeben.



Weitergehen – für mich

Zwei oder drei Fragen, die Sie nicht festlegen, sondern begleiten können.

Sie müssen keine dieser Fragen beantworten.
Eine genügt.
Nehmen Sie die mit, die heute passt, oder keine.
Sie eignen sich für ein Tagebuch, für einen Spaziergang oder für ein Gespräch, wenn Sie das möchten.

  • Wohin zieht es mit?
    Wenn Sie den Kranichen nachschauen würden: Wohin zieht etwas in Ihnen mit?
    Was würde diese Sehnsucht über das verraten, was Ihnen wichtig ist?
  • Wo dürfen Sie so dastehen, wie Sie gerade stehen?
    Gibt es einen Ort, einen Weg, ein Zimmer oder einen Menschen, bei dem Sie nichts beweisen müssen?
    Was ist dort anders?
    Wenn Ihnen gerade nichts einfällt, ist das auch eine Auskunft. Sie müssen sie nicht überspielen.
  • Wer hat Sie einmal nicht daran gemessen, was Sie liefern?
    Vielleicht ein Mensch, vielleicht eine Zeit in Ihrem Leben.
    Was hat diese Person an Ihnen gesehen?
    Was davon ist vielleicht noch da, auch wenn es sich gerade klein anfühlt?

Wenn Sie eine dieser Fragen lieber mit jemandem bedenken möchten, ist ein Gespräch freiwillig: Seelsorge & Kontakt.
Konkrete Unterstützung in Ihrer Region finden Sie unter Hilfe & Anlaufstellen.



Weiterdenken – für die Gesprächsgruppe

Zwei Impulse für das gemeinsame Gespräch, je mit einer kleinen Übung.

Alle Fragen lassen sich auch über Texte, Beobachtungen und Beispiele beantworten.
Niemand muss etwas Persönliches erzählen.
Wer zuhört, nimmt auch teil.

Impuls 1 · Ort oder Geschehen? Wo ist dieses „Wo“?

Die Predigt sagt: Paulus nennt einen Ort.
Das trägt weit.
Es ist aber auch eine Entscheidung.

Im griechischen Text steht in der zweiten Vershälfte kein Verb.
Wörtlich etwa: „Wo aber der Geist des Herrn, Freiheit.“
Die Übersetzungen füllen die Lücke verschieden.
Die Lutherbibel schreibt: da ist Freiheit.
Die BasisBibel liest schon die erste Vershälfte als Handeln: Der Herr handelt durch seinen Geist.
Aus dem Ort wird ein Geschehen.

Beides hat Anhalt im Kapitel.
Vers 16 erinnert an Mose, der vor Gott tritt und die Decke abnimmt (2. Mose 34,34).
Das ist ein Raum, in den man hineingeht.
Vers 18 sagt, dass wir alle mit unverhülltem Gesicht schauen und dabei verwandelt werden.
Das ist ein Geschehen.
Es klingt nach Arbeit an sich selbst.
Der Satz sagt: Wir werden verwandelt.

Dazu ein Wortfund.
Das deutsche Wort „frei“ geht auf eine Wurzel zurück, die „gern haben“ und „schonen“ bedeutet.
Es ist verwandt mit „Freund“ und „Friede“.
Frei war ursprünglich, wer zu denen gehört, die man gern hat und schont (so das Etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer).
Es passt zur Frage: Ist Freiheit auch ein Dazugehören?

Gesprächsfrage:
Woran würden Menschen merken, dass an einem Ort Freiheit geschieht, in dem Sinn, dass dort niemand etwas beweisen muss?
Was ist dort zu hören, und was bleibt aus?
Ist Freiheit für Sie eher ein Raum, in den man eintritt, oder eher etwas, das einem geschieht?
Was folgt daraus für den Umgang mit Menschen, die gerade nichts davon spüren?

Kleine Übung: Zwei Übersetzungen (etwa 15 Minuten)

  • Zwei Personen lesen Vers 17 laut vor, die eine aus der Lutherbibel, die andere aus der BasisBibel. Eine Bibel oder ein Handy genügt.
  • Eine Minute Stille.
  • Jede und jeder merkt sich ein Wort, das hängen geblieben ist. Aufschreiben ist freiwillig.
  • Zu zweit, drei Minuten: Was macht der Unterschied zwischen „ist“ und „wirkt“ mit meinem Bild von Freiheit?
  • Zurück in der Runde nennt jede und jeder nur das Wort, ohne Begründung.

Impuls 2 · Freiheit, die man nicht spürt? Zusage und Seufzen

Die Predigt endet mit einem starken Gedanken.
Freiheit gilt auch an einem Tag, an dem man nichts davon spürt.
Das kann entlasten.
Es kann auch zudecken.
„Du bist doch frei“ hilft einem Menschen in der Enge wenig.

Paulus lässt beides stehen.
Im selben Brief schreibt er vom Schatz in irdenen Gefäßen (2. Korinther 4,7–10).
Er schreibt von einem Herzen, das weit geworden ist, auch für Menschen, mit denen er im Streit liegt (2. Korinther 6,11–13).
Er erzählt von Mazedonien: Kämpfe von außen, Ängste von innen, keine Ruhe (2. Korinther 7,5).
Und dann, in Vers 6, kommt Trost.
Er kommt durch einen Menschen.
Titus kommt an.

Im Römerbrief steht Freiheit neben dem Seufzen.
Die Schöpfung seufzt, und auch wir, die den Geist schon haben, sehnen uns noch (Römer 8,21–23).
Schon da, und noch nicht ganz.

Darin liegt die Spannung.
Eine Zusage gilt, auch wenn sie sich nicht anfühlt.
Sie braucht trotzdem jemanden, der sie überbringt.
Und der sie so sagt, dass das Seufzen nicht entwertet wird.

Gesprächsfrage:
Wann trägt ein Satz wie „Gott ist da, auch wenn du nichts spürst“, und wann könnte er jemanden zudecken?
Was braucht es neben dem Satz, damit er ankommt?
Was tut ein „Titus“, wenn er ankommt?


Innehalten – Wo du da bist

Eine kurze Meditation zum langsamen Lesen oder Hören.

Gott.

Ich stehe hier.
Es riecht nach nassem Laub.
Über mir ziehen sie nach Süden.
Etwas in mir zieht ein Stück mit.

…

Ich sage dir, wie es ist.
Es ist eng.
Manche Stimmen sind laut.
Sie messen mich an dem, was ich nicht kann.

…

Du fragst nicht danach.
Du bist da.
Nicht über den Wolken.
Hier, wo ich stehe.
Nah wie mein Atem.

Ich atme ein.
Ich atme aus.

…

Wenn ich nichts spüre, bist du da.
Wenn ich seufze, hörst du es.
Wenn mein Herz heute eng bleibt, bist du bei mir.

…

Ich stehe da.
Du bist da.

Amen.