Spuren. Im Garten.

Predigt mit Reflexionsmaterial, Gebetsmeditation und Vertiefungsfragen


Das Lied

„Dank für die Spuren Gottes im Garten, grünende Frische, vollkommnes Blau.“

Morgenlicht leuchtet. EG 455, Strophe 2 – Übertragung: Jürgen Henkys 1987,
nach Eleanor Farjeon, 1931: Morning has broken.


Spuren. Im Garten.

Spuren Gottes im Garten. Was für ein Satz. Nicht: Gott im Tempel. Nicht: Gott auf dem Thron. Sondern: Spuren. Im Garten. Tau auf dem Gras. Licht auf dem Wasser. Eine Amsel, die beginnt.

Das Lied lädt nicht ein, an etwas zu glauben. Es lädt ein, hinzuschauen.

Manchmal haben wir gelernt, hindurchzusehen. Den Morgen wegzuklicken – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil das Leben schnell ist und die Erschöpfung groß.

Vielleicht ist das das eigentliche Problem – nicht der fehlende Glaube, sondern die trainierte Blindheit.


Eleanor Farjeon: Die Frau, die aus dem Fenster schaute

Eleanor Farjeon war keine Kirchgängerin. Sie schrieb Kinderbücher. Sie liebte Sprache, Bilder, die Welt. Und sie hatte einen Blick, der die Dinge sah, bevor sie erklärt wurden.

1931 bat sie das anglikanische Gesangbuch Songs of Praise, einen Text zu schreiben. Zu einer alten Melodie. Bunessan — schottisch-gälischen Ursprungs. Uralt. Aus den Highlands.

Sie schaute aus dem Fenster. Und schrieb das, was sie sah. Licht. Vogelstimme. Tau. Den Morgen, als wäre er der erste.

Kein theologisches Argument. Nur das genaue Hinschauen einer Frau, die noch staunen konnte.

Und dann – viele Jahre später, im hohen Alter – geschah etwas.

Eleanor Farjeon fand zur Kirche. Konvertierte zum Katholizismus. Mit einem Leben voller Erfahrung hinter sich.

Vielleicht hat sie da zurückgeschaut und gedacht: Das Licht damals. Die Amsel. Der Morgen, rein wie am Anfang.

Das waren schon Spuren. Ich habe sie nur noch nicht beim Namen nennen können.


Yusuf: Spuren im Meer

Cat Stevens hat das Lied nicht aus einer heilen Welt heraus gesungen.

1970 war er einer der größten Popstars der Welt. Und er hatte gerade Tuberkulose überlebt. Eine schwere Erkrankung. Monate im Bett. Viel Zeit zum Nachdenken. Über das Leben. Über das Ende. Über das, was bleibt.

In einem Buchladen stieß er auf ein englisches Gesangbuch. Darin: ein Lied. Ein Text, der beschrieb, wie es sich anfühlt, wenn man alles zum ersten Mal erlebt. Den Morgen. Das Licht. Den neuen Tag.

Nach einer schweren Krankheit kennt man dieses Gefühl.

Er nahm das Lied auf. Es wurde ein Welthit.

Aber die Suche hörte nicht auf. Einige Jahre später – an einem Tag vor der Küste Malibu – schwamm er zu weit. Eine Strömung. Kein Boden mehr unter den Füßen. Panik.

Und ein Gebet. Das erste, das er selbst so nennt.

Er kam zurück. Und die Frage ließ ihn nicht mehr los. Nicht sofort als Antwort. Eher als Richtung.

Er konvertierte zum Islam. Nahm den Namen Yusuf an. Zog sich zurück. Erst viele Jahre später begann er wieder Musik zu machen. Heute tritt er wieder auf – als Yusuf. Singt seine alten Lieder. Auch dieses.

Auch für ihn: Spuren Gottes. Aber nicht nur im Garten. Auch im Krankenbett. Auch im Meer. In der Panik. In dem Moment, wo der Boden wegbricht und man ruft.

Eine ganz andere Erfahrung als Eleanor. Ein anderer Weg, eine andere Sprache. Ein anderer Gott, möchte man fast sagen.

Und doch: dasselbe Lied.


Dasselbe Lied

Eleanor und Yusuf. Die Schriftstellerin und der Rockstar. Die eine im Garten, der andere im Meer. Schönheit hier – Erschrecken dort.

Und beide sagen: Da war etwas. Ich habe es gespürt. Es hat mich gefunden, bevor ich es gesucht habe.

„Seht, ich tue etwas Neues — schon bricht es hervor. Merkt ihr es nicht?“

Jesaja 43,19, Basisbibel

Dieser Satz ist kein frommer Optimismus. Er wurde geschrieben für Menschen, die alles verloren hatten. Exil. Fremde. Kein Tempel. Kein Zuhause. Menschen, die nicht mehr daran glaubten, dass noch etwas kommen kann.

Und genau zu diesen Menschen sagt Gott: Schau hin. Schon bricht es hervor. Merkst du es nicht?

Nicht: Glaub mehr. Nicht: Streng dich an. Sondern: Schau hin. Es ist schon da. Du hast es nur noch nicht gesehen.

Das ist kein Trost von oben. Eher eine Einladung. Mitten in der Dunkelheit. Schau hin.


Woran erkennt man Gottes Spuren?

Woran erkennt man Gottes Spuren?

Das ist nicht einfach zu sagen. Und vielleicht ist es gut, dass es nicht einfach zu sagen ist.

Manchmal ist es das Aufleuchten. Ein Moment, der mehr trägt, als er müsste. Ein Satz, der bleibt. Ein Morgen, der Sie plötzlich anschaut. Schönheit, die nicht erklärt, sondern einfach trifft.

Manchmal ist es das Tragen. Mitten in einer schweren Zeit merken Sie: Da ist etwas. Nicht lauter Jubel. Kein Wunder. Aber es trägt. Mehr, als Sie sich selbst erklären können.

Dann — ganz leise — diese Fragen:

Was hat heute aufgeleuchtet?

Was hat mich getragen?

Und wenn heute nichts aufgeleuchtet hat — auch das ist ehrlich. Auch das darf sein.

Auch klein. Auch leise. Vielleicht ist das schon Spurensuche.


Jemand, der mit einem hinsieht

Manchmal braucht es jemanden, der mit einem hinsieht.

Nicht jemanden, der alles erklärt. Sondern jemanden, der aushält, dass die Spur schwer zu erkennen ist. Jemanden, der fragt: War da heute etwas? Etwas, das dein Herz bewegt hat?

Das ist kein Bekenntnis. Das ist eine Spur.


Das ist Gebet

Dank für die Spuren Gottes im Garten. Und im Meer. Und auf den Wegen dazwischen.

Dieses Hinschauen. Dieses Innehalten. Und dann – ganz still – das Staunen: Da war etwas. Und es hat mich nicht losgelassen.

Das ist Gebet.

Amen.


Fragen

(Für Gespräch, Tagebuch oder stille Selbstreflexion)

Frage 1: Wenn du an einen Moment in deinem Leben denkst, in dem du – wie Eleanor oder Yusuf – im Nachhinein erkannt hast: Da war etwas – was hat dich damals daran gehindert, es in dem Moment schon zu benennen? Und was hat sich verändert, damit du es später sehen konntest?

Frage 2: Gibt es in deinem Leben gerade einen Menschen, eine Situation oder einen Ort, der dir hilft hinzuschauen – der mit dir hinsieht, ohne zu erklären? Und wenn nicht: Was bräuchtest du, damit so ein Raum entstehen könnte?


Gebetsmeditation

(Zum Sprechen oder stillen Lesen – nach der Predigt oder am Tagesende)


Gott, ich weiß nicht immer, wo du bist.

Manchmal sehe ich Spuren. Einen Morgen, der mich angeschaut hat. Ein Wort, das geblieben ist. Eine Hand, die gehalten hat, als ich es nicht erwartet habe.

Manchmal sehe ich gar nichts. Nur Erschöpfung. Oder diesen Lärm im Kopf, der nicht aufhört. Und den nächsten Tag, der schon beginnt, bevor der gestrige fertig war.

Auch das bringe ich dir.

Ich bitte dich nicht, alles hell zu machen. Ich bitte dich nur: Lass mich nicht so blind werden, dass ich die Spuren nicht mehr erkenne, wenn sie da sind.

Und wenn ich sie nicht sehe — sei du trotzdem da. Auch unerkannt. Auch unbenannt.

Wie damals am Meer. Wie damals im Garten. Wie immer, wenn jemand gerufen hat und du da warst, bevor die Antwort fertig war.

Amen.


Theologisch-exegetische Vertiefungen

(Für Hauskreis, Gesprächsrunde oder persönliche Nacharbeit)

Impuls 1: Jesaja 43,19 stammt aus dem sogenannten Deuterojesaja — einem Trostbuch, das für Menschen im babylonischen Exil geschrieben wurde. Menschen, die alles verloren hatten: Heimat, Tempel, Zukunft. „Seht, ich tue etwas Neues“ ist also keine allgemeine Lebensweisheit, sondern eine Zusage mitten in der Katastrophe. Was verändert das für euch – wenn ihr wisst, für wen dieser Satz ursprünglich gedacht war?? Und: Macht es einen Unterschied, ob man diesen Vers in einer behaglichen Situation liest — oder in einer, in der man selbst nicht mehr an ein „Neues“ glaubt?

Impuls 2: Eleanor Farjeon fand Gott durch Schönheit — durch Licht, Vogelstimme, den Morgen. Yusuf Islam fand ihn durch Erschrecken — durch Panik, Ohnmacht, ein Gebet in höchster Not. Die christliche Mystik kennt dafür zwei klassische Wege: die via positiva (Gott in der Fülle und Schönheit der Welt erkennen) und die via negativa (Gott im Entzug, in der Leere, im Dunkeln erfahren). Welcher Weg ist eurer Gruppe vertrauter — und welcher fremd? Und: Kann ein Lied, das aus dem Blick durch ein Fenster entstanden ist, wirklich auch die Erfahrung des Meeresgrunds tragen?


Quellen & Rechtliche Hinweise


Bibeltext Jesaja 43,19: Basisbibel © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.


EG 455 . „Morning Has Broken“ / „Morgenlicht leuchtet“ Text (englisch): Eleanor Farjeon, 1931 (†1965). Deutsche Nachdichtung: Jürgen Henkys, 1987. Melodie: Bunessan — traditionell gälisches Volkslied, schottische Herkunft. Erste Veröffentlichung: Songs of Praise, Oxford University Press, 1931. Für den gottesdienstlichen Gebrauch über VG Musikedition / CCLI abgedeckt.


Primärquellen. Hymnologie: Morning Has Broken ist ein Kirchenlied mit Text von Eleanor Farjeon, erstmals 1931 veröffentlicht und auf die Melodie Bunessan gesetzt; international bekannt in der Fassung von Cat Stevens, aufgenommen 1970, veröffentlicht 1971.

  • Hymnary.org: Morning Has Broken, The Presbyterian Hymnal #469 — hymnary.org
  • Hymnary.org: Complete Anglican Hymns Old and New #450 — hymnary.org
  • EMK.at: Morning has Broken — Herkunft der Melodie, Verbindung zu Songs of Praise 1931 — emk.at

Sekundärquellen. Popgeschichte & Rezeption

  • NDR 1 Niedersachsen: „Die Geschichte zum Hit: Cat Stevens — Morning Has Broken“, Sendung vom 03.04.2021. ndr.de/ndr1niedersachsen/geschichte-zum-hit/Cat-Stevens-Morning-Has-Broken,catstevens110.html (Belegt: Entstehungskontext 1970, Tuberkulose, Gesangbuch-Fund im Buchladen, Rick Wakeman am Klavier)
  • SRF Musikwelle: „Vom Weihnachtslied zum Welthit“ — srf.ch (Belegt: Geschichte des Liedes vom kirchlichen Kontext zum Welthit)

Nachschlagequellen. Überblick

  • Wikipedia (deutsch): Morning Has Broken — de.wikipedia.org
  • Wikipedia (englisch): Morning Has Broken — en.wikipedia.org (Brauchbar als Übersicht; nicht als alleinige Endquelle)

Biografische Angaben. Eleanor Farjeon Farjeon, Eleanor: The Children’s Bells. Oxford University Press, 1957. Biografische Grundlage: Dictionary of National Biography (Oxford).


Biografische Angaben. Yusuf Islam (Cat Stevens) Eigene öffentliche Aussagen in Interviews, u.a. BBC-Interview 2006; offizielle Biografie auf yusufcatstevens.com. Das Erlebnis vor der Küste Malibu: von Yusuf Islam selbst in mehreren öffentlichen Kontexten beschrieben. Klavierpart auf der Aufnahme von 1971: Rick Wakeman.