Klinikseelsorge im Evangelischen Dekanat Nassauer Land

Kategorie: Predigten

Ein Haus in dem ich mich berge – Vaterunser 1

Ein altes Haus muss man Ein Haus in dem ich mich berge – Vaterunser 1

Einmal hatte sich Jesus zurückgezogen, um zu beten.
Als er sein Gebet beendet hatte
bat ihn einer seiner Jünger:
»Herr, sag uns, wie wir beten sollen.
Auch Johannes hat seine Jünger beten gelehrt.«

Da sagte Jesus zu ihnen:
»Wenn ihr betet, dann so:
Vater, dein Name soll geheiligt werden.
Dein Reich soll kommen.
Gib uns heute unser tägliches Brot.
Und vergib uns unsere Schuld – denn auch wir vergeben allen,
die an uns schuldig werden.
Stell uns nicht auf die Probe.«


Lukas, Kapitel 11
Die Bibel in der Übersetzung der Basis-Bibel.


I)
Ein altes Haus muss man nicht verstehen, um darin Schutz zu finden.
Man tritt ein. Man lässt sich vom Dach bedecken. Das reicht.
Doch irgendwann möchte ich das Haus erkunden.
Die Räume, die ich betrete.
Die Geschichte der Menschen, die darin gelebt haben.

So ist es mit dem Vaterunser, diesem uralten Gebet.
Worte, in denen ich mich bergen kann.
Man tritt ein. Man lässt sich vom Dach bedecken. Das reicht.
Aber es kommt der Zeitpunkt, dieses alte Haus zu erkunden.
Die Räume zu entdecken.
Die Geschichte der Menschen, die es bewohnt haben vor mir
In den kommenden Wochen möchte ich mit Ihnen auf Entdeckungsreise gehen.
Welche Worte im Vaterunser tragen mich?
In welchen kann ich mich bergen?
Welche Worte lösen Widerstände aus?
Welche sind mir einfach nur fremd?


II)
Die Geschichte dieses Gebets beginnt wohl auf einer staubigen Straße, irgendwo in Galiläa vor 2000 Jahren.
Die Menschen, die mit Jesus dort unterwegs waren, haben irgendwann gespürt:
Dieser Mensch hat eine Verbindung zu etwas, das uns fehlt. Sie sahen, wie er immer wieder innehielt. Wie er sich zurückzog. Wie er – in aller Stille – etwas fand, das ihn trug. Und irgendwann fragten sie ihn, während sie miteinander unterwegs waren:

Lehre uns das auch. Dein Beten.

Keine ungewöhnliche Bitte.
Jeder Rabbiner, jeder geistliche Lehrer, gab dies an die Menschen weiter, die ihm folgten.
Was er ihnen gab, war kein langer Text. Keine Anleitung. Keine Theologie.
Nur ein paar Worte.
Sie lernten diese Worte.
Sie geben sie weiter an andere.
Irgendwann schrieb jemand sie auf.
Irgendwann wurden sie in andere Sprachen übersetzt.
Das Gebet des Rabbiners Jesus,
Ging durch Raum und Zeit, durch Kulturen und Sprachen.
Bis zu uns.


III)

Und in diesen Worten – das ist vielleicht das Merkwürdigste – kann man sich bergen.
Nicht weil man alles versteht, was darin steckt.
Nicht weil man alles fühlt, was andere darin gefühlt haben.

Sondern einfach: weil dieser Text so alt ist. Weil er schon so vieles getragen hat.
Weil er nicht erst dann trägt, wenn man bereit ist.

Hildegard von Bingen hat diese Worte gesprochen.
Dietrich Bonhoeffer – in einer Gefängniszelle.
Der Vater, der in Südafrika sein krankes Kind tröstet.
Die junge Frau in Indien, die vor einer schweren Entscheidung steht.
Sie alle beten mit uns dieses Gebet.
Sie alle lassen sich in diese Worte fallen.

Und diese uralten Worte, die Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern mitgegeben hat,
irgendwo auf einem Feldweg in Galiläa,
begleiten uns heute noch,
In unserem Gottesdienst hier im Eurythmiesaal,
In unseren Zimmern
Beim Spaziergang draußen im Wald.

Das ist eine Erfahrung, die sich durch zweitausend Jahre zieht – geflüstert, gestammelt, manchmal kaum hörbar. In Kathedralen und in Krankenzimmern. In der Nacht, wenn die Sorgen größer sind als der Schlaf.


IV)
Ein altes Haus muss man nicht verstehen, um darin Schutz zu finden.
Man tritt ein. Man lässt sich vom Dach bedecken. Das reicht.
Aber es kommt der Zeitpunkt, dieses alte Haus zu erkunden.
Die Räume zu entdecken.
Die Geschichte der Menschen, die es bewohnt haben vor mir
Dazu lade ich Sie ein.


Jemand hat sie zuerst gesprochen.
In einer Sprache, die niemand mehr spricht.
In einer Nacht, die niemand mehr kennt.

Seitdem wandern sie.
Von Mund zu Mund.
Von Jahrhundert zu Jahrhundert.
Durch Freude und durch Asche.

Sie wurden übersetzt
und dabei verändert.
Sie wurden ergänzt
und dabei bewahrt.
Sie wurden geflüstert, wenn die Stimme versagte.
Gestammelt, wenn die Worte fehlten.
Manchmal kaum noch: ein Atemzug.

Und trotzdem –
sie haben gehalten.

Nicht weil sie perfekt sind.
Nicht weil alle, die sie sprachen, verstanden, was sie meinten.

Sondern weil in alten Worten
etwas wohnt,
das größer ist
als jede einzelne Stimme,
die sie je gesprochen hat.

Ein Haus, das schon stand,
bevor du geboren wurdest.
Dessen Tür offensteht.

Nicht für die, die alles wissen.
Sondern für die, die müde sind.
Für die, die suchen.
Für die, die einfach eintreten –
und einen Moment lang
stillhalten wollen.

Vielleicht bist du das.
Heute Abend.
Jetzt.


für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Gibt es im Vaterunser ein Wort, einen Satz, eine Zeile – die sich anfühlt wie ein Ort, an dem man einen Moment ausruhen könnte?
  2. Gibt es einen Moment in Ihrem Leben, in dem Sie sich – ohne es vielleicht so zu nennen – geborgen gefühlt haben? Nicht weil alles gut war. Sondern einfach: getragen. Was war damals da?

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

„Abba“ – ein Wort, das keine Übersetzung kennt

Jesus hat dieses Gebet auf Aramäisch gelehrt – der Sprache des Alltags, nicht der Tempel. Das aramäische Wort für Vater ist Abba. Es ist kein formeller Titel. Es ist das Wort, das ein Kind benutzt. Vertraut, direkt, fast ein bisschen frech gegenüber allem religiösen Ernst.
Wie würde ich Gott ansprechen?
Ehrfurchtsvoll? Kindlich-vertraut?
In welche Situation passt welche Anrede?

Zwei Versionen – und keine ist „die richtige“

Das Vaterunser ist gleich zweimal in der Bibel überliefert – bei Matthäus und bei Lukas. Und die beiden Texte sind nicht identisch. Lukas ist kürzer, schlichter. Matthäus strukturierter, fast symmetrisch. Welcher ist der „echte“? Wahrscheinlich keiner von beiden – und beide. Schon die ersten Gemeinden haben das Gebet weiterentwickelt, angepasst, ergänzt. Der Abschluss „Denn dein ist das Reich…“ steht gar nicht im ältesten Text – er wurde aus dem Alten Testament übernommen und hinzugefügt. Das Gebet war von Anfang an lebendig. Kein Monument, sondern ein Gespräch, das weitergeht.
Dass es 2000 Jahre durch Raum und Zeit, durch Sprachen und Kulturen ging zeigt: Mehr braucht es nicht. Oder?

Über sieben Brücken – und einer geht mit

Über sieben Brücken – und einer geht mit

Osterpredigt zu Lukas 24,13–35


  • Ein Lied – und eine seltsame Nähe zu Ostern
  • Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn

    Manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehen

    Dieses Lied „Über sieben Brücken“ hat Helmut Richter geschrieben. Ein Leipziger Schriftsteller.
    Später hat Karat, damals eine der angesagten DDR-Bands, daraus ein Lied gemacht.
    Und Peter Maffay hat erzählt, wie er dieses Lied zum ersten Mal im Radio hörte und dachte: Was ist das für ein schönes Lied? Es hat ihn getroffen, noch bevor er wusste, von wem es war. Und viele kennen es heute von beiden Bands, von Karat und von Peter Maffay.

    Doch eigentlich ist es ein seltsames, ja zumindest ungewöhnliches Lied, das wir hier im Ostergottesdienst singen.
    Nichts von Gott darin.
    Nichts von Jesus.
    Nichts von Auferstehung.
    Keine Engel, kein leeres Grab.

    Nur: der lange Weg. Die Müdigkeit. Das Suchen. Das Vermissen. Das Leben, das sich manchmal schwer anfühlt.

    Und doch ist da in diesem Lied eine Ahnung.

    Siebenmal wirst du die Asche sein –

    aber einmal auch der helle Schein.

    Das ist eine existentielle Wahrheit. Es gibt Zeiten, in denen man sich wie Asche fühlt. Ausgebrannt. Grau. Müde. Ohne Glanz. Ohne Kraft. Und trotzdem bleibt irgendwo die Hoffnung, dass das nicht alles war.


  • Wir aber hatten gehofft – der Weg nach Emmaus
  • Schauen wir mal auf die biblische Geschichte, die uns heute auch begleitet.
    Wir haben sie vorhin in der Lesung gehört.
    Auch da fühlt es sich zuerst nicht nach Ostern an.

    Zwei Jünger, zwei Freunde von Jesus, sind auf dem Weg nach Emmaus, einem kleinen Dorf. Zwei Stunden Fußweg von Jerusalem entfernt.

    Es ist wie eine Flucht. Weg von Jerusalem. Weg von dem Ort, an dem ihre Hoffnung zerbrochen ist. Weg von den schrecklichen Erinnerungen an den Tod Jesu. Weg auch von allem, was sie getragen hatte.

    Sie gehen.
    Und sie reden.
    Sie reden über das, was geschehen ist. Über Jesus. Über die Hoffnung, die sie mit ihm verbunden hatten. Über den Tod. Über das Ende.
    Und dann sagen sie diesen einen Satz, der alles in sich trägt:

    Wir aber hatten gehofft.

    Mehr Trauer passt kaum in einen Satz.
    Wir hatten gehofft.
    Dass es anders wird.
    Dass er bleibt.
    Dass Gott handelt.
    Dass das Leben stärker ist.

    Wir aber hatten gehofft.

    Vielleicht kennen Sie diesen Satz auch.
    Nicht genau mit diesen Worten. Aber als Lebensgefühl.
    Ich hatte gehofft, dass es leichter wird.
    Ich hatte gehofft, dass ich wieder zu Kräften komme.
    Ich hatte gehofft, dass die Angst kleiner wird.
    Ich hatte gehofft, dass das, was zerbrochen ist, heil wird.

    Und nun gehen sie. Müde. Enttäuscht. Leer.
    Asche.
    Vielleicht liegt gerade darin die Nähe zu diesem Lied.
    Das Lied spricht nicht von Helden. Nicht von Siegern. Sondern von Menschen, die ihre Straße manchmal ohne Blick gehen. Von Menschen, die müde sind schon am Morgen. Von Menschen, die Trost suchen.

    So gehen auch diese beiden nach Emmaus.
    Nicht strahlend.
    Nicht sieghaft.
    Nicht österlich.
    Eher wie Menschen, die sich das Schöne zurückwünschen.

    Manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück.

    Die Sehnsucht nach einer Zeit, in der das Leben einfacher war. Heller. Geborgener. Nicht so zerrissen.
    Die Emmausjünger wünschen sich den Jesus zurück, den sie kannten. Den Jesus vor Karfreitag. Den Jesus ihrer Hoffnung.


  • Einer geht mit – und wird erkannt
  • Und während sie so gehen, kommt einer dazu.
    Wir als Leser wissen schon längst: Das ist der Auferstandene.
    Jesus.
    Nur die beiden mit ihren Augen voller Trauer, sie erkennen ihn nicht.

    Jesus selbst kam hinzu und ging mit ihnen.

    Einfach so.
    Nicht mit Glanz.
    Nicht mit Posaunen.
    Nicht mit Osterfanfare.
    Er geht einfach mit.
    Das ist vielleicht das Erste, was wir an Ostern lernen können: Der Auferstandene kommt nicht immer so, wie wir ihn erwarten.

    Die Jünger erwarten vielleicht das Große.
    Das Eindeutige. Den Beweis. Den Durchbruch.
    Aber er kommt als Weggefährte.
    Als einer, der fragt.
    Als einer, der zuhört.

    „Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?"
    So fragt er.
    Und dann erzählen sie. Alles. Ihre Enttäuschung. Ihre Trauer. Ihre ratlose Hoffnungslosigkeit. Sogar von den Frauen erzählen sie, die am Morgen am Grab gewesen waren. Als hätten sie selbst noch kein Verhältnis dazu.

    Und der Begleiter hört zu.
    Sie kommen nach Emmaus. Der Abend senkt sich. Und Jesus tut so, als wolle er weitergehen.
    Da sagen sie:

    Bleib bei uns. Denn es will Abend werden.

    Sie setzen sich zu Tisch. Er nimmt das Brot. Er spricht das Dankgebet. Er teilt es. Er gibt es ihnen.
    Und in diesem Augenblick gehen ihnen die Augen auf.
    Sie erkennen ihn.
    Nicht unterwegs schon.
    Nicht in der Erklärung.
    Nicht im richtigen Gedanken.
    Sondern in dieser vertrauten Geste.
    Und dann ist er verschwunden.

    Aber jetzt kommt der eigentliche Ostersatz dieser Geschichte.

    Die beiden sagen:

    Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege?


  • Glut unter der Asche – Ostern als entdecktes Licht
  • Da ist sie wieder, die Sprache des Liedes.

    Siebenmal wirst du die Asche sein –

    aber einmal auch der helle Schein.

    Und die Jünger entdecken plötzlich:
    Unter der Asche war die ganze Zeit Glut.

    Brannte nicht unser Herz?

    Nicht: Wurde unser Leben sofort leicht.
    Nicht: Waren alle Fragen geklärt.
    Nicht: War der Schmerz einfach weg.

    Sondern: Unter der Asche war noch Glut.
    Das Leben war nicht fort.
    Die Hoffnung war nicht tot.
    Sie war verschüttet. Verdeckt. Fast erloschen.

    Aber nicht aus.

    Das ist für mich ein tiefes Osterbild.
    Ostern ist manchmal nicht das große Feuerwerk.
    Manchmal ist Ostern die entdeckte Glut unter der Asche.
    Vielleicht ist das auch näher an unserem Leben.
    Vielleicht erleben die wenigsten von uns Auferstehung als großen Durchbruch. Als plötzliche Klarheit. Als hellen Ostermorgen.

    Aber vielleicht kennen wir diese anderen Momente.
    Ein Gespräch, nach dem etwas in uns wärmer ist.
    Eine Begegnung, nach der wir aufatmen.
    Eine vertraute Geste.\

    Ein Satz, der uns trifft.
    Ein Lied, das uns findet.

    So ist es manchmal mit Gott.
    Er trifft uns, bevor wir ihn einordnen können.
    Er geht mit, bevor wir ihn erkennen.
    Er ist da, bevor wir den richtigen Namen für ihn haben.

    Und erst im Rückblick sagen wir vielleicht:
    Ja.
    Da war etwas.
    Da war mehr.
    Da war Leben.
    Da war Gott.

    Und dann geschieht noch etwas.
    Die beiden bleiben nicht sitzen.
    Sie brechen noch in derselben Stunde wieder auf.
    Zurück nach Jerusalem.
    Zurück in die Nacht.
    Zurück zu den anderen.

    Das ist auch Ostern:
    Dass Menschen wieder aufstehen.
    Nicht weil alles gelöst wäre.
    Sondern weil etwas in ihnen wieder lebendig geworden ist.
    Nicht dass alles schon hell ist.
    Sondern dass das Licht schon da ist.
    Unter der Asche.
    Mitten in uns.
    Weil er an unserer Seite geht.

    Amen.


    Quellenangaben

    Liedtext:

    „Über sieben Brücken musst du geh’n"

    Text: Helmut Richter (1933–2019)

    Musik: Ulrich „Ed" Swillms

    © 1978 Karat / Edition Peters

    Interpretiert von Karat (1978) und Peter Maffay (1980)

    Bibeltext:

    Lukas 24,13–35 (Lutherbibel 2017 / BasisBibel)


    Zwei Fragen zur persönlichen Meditation

    1. Wo in meinem Leben fühle ich mich gerade wie Asche – ausgebrannt, grau, ohne Glanz?

      Und: Gibt es vielleicht unter dieser Asche noch eine verborgene Glut, die ich noch nicht bemerkt habe?

    2. Wann habe ich zuletzt gespürt: „Brannte nicht mein Herz?" – einen Moment, in dem ich erst im Rückblick gemerkt habe, dass Gott da war?

      Was war das für ein Moment? Und was hat ihn mir geöffnet?


    Meditation: Unter der Asche

    Stille. Atem. Ankommen.

    Ich sitze hier.
    Mit allem, was ich mitbringe.
    Mit der Müdigkeit.
    Mit der Sehnsucht.
    Mit dem, was ich mir zurückwünsche.

    Manchmal fühle ich mich wie Asche.
    Grau. Ohne Glanz. Ohne Kraft.
    Als wäre das Feuer erloschen.

    Aber vielleicht ist das nicht die ganze Wahrheit.
    Vielleicht ist unter der Asche noch Glut.
    Verdeckt. Verschüttet. Fast erloschen.
    Aber nicht aus.

    Vielleicht war Gott die ganze Zeit da.
    Nicht laut. Nicht eindeutig.
    Sondern leise. Als Weggefährte.
    Als einer, der mitgeht.

    Vielleicht brannte mein Herz.
    Und ich habe es erst jetzt bemerkt.

    Stille.

    Gott,
    du bist das Feuer unter meiner Asche.
    Du bist das Licht, das noch da ist.

    Unter der Oberfläche.
    Mitten in mir.

    Lass mich das spüren.
    Nicht als großes Feuerwerk.
    Sondern als kleine, warme Glut.
    Die reicht.

    Amen.


    Zwei exegetische Gedanken (die in der Predigt keine große Rolle spielen)

    1. Nur einer der beiden Jünger hat einen Namen

    In Lukas 24,18 wird nur Kleopas namentlich genannt. Der zweite Jünger bleibt anonym.

    Warum?

    Die Exegese diskutiert mehrere Möglichkeiten:

    • Literarisch: Der namenlose Jünger ist eine Identifikationsfigur – jede Leserin, jeder Leser kann sich selbst in ihn hineindenken. Vielleicht setzen Sie Ihren Namen für ihn ein!
    • Historisch: Möglicherweise war der zweite Jünger eine Frau – vielleicht die Frau des Kleopas (vgl. Johannes 19,25: „Maria, die Frau des Kleopas"). Das würde erklären, warum sie nicht namentlich genannt wird (patriarchale Erzählkonvention).
    • Theologisch: Die Anonymität unterstreicht: Diese Geschichte ist nicht nur für die Apostel, sondern für alle, die unterwegs sind.

    Für die Predigt:

    Dieser Gedanke stärkt die Einladung: Du bist gemeint. Du gehst diesen Weg. Du bist der zweite Jünger.


    2. Die Emmaus-Erzählung ist lukanisches Sondergut

    Die Geschichte steht nur bei Lukas – weder Matthäus noch Markus noch Johannes erzählen sie.

    Warum ist das wichtig?

    • Lukas hat ein besonderes Interesse an Weggeschichten (vgl. Lk 9,51: „Jesus machte sich auf den Weg nach Jerusalem"; Apg 9: Paulus auf dem Weg nach Damaskus).
    • Lukas betont: Christusbegegnung geschieht unterwegs – nicht im Tempel, nicht in der Synagoge, sondern auf der Straße, im Alltag, im Gehen.
    • Die Emmaus-Erzählung ist eine Schule des Erkennens: Wie erkenne ich den Auferstandenen? Nicht durch Beweise, sondern durch Präsenz, Schrift und Brotbrechen.

    Für die Predigt:

    Dieser Gedanke stärkt die Aussage: Gott begegnet uns nicht nur in heiligen Räumen, sondern mitten im Leben – auf dem Weg, im Gespräch, im Alltag.

    In mir wachsen lassen

    „Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen.“
    — Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter

    Es gibt einen Satz, den ich nicht loswerde.

    Nicht weil er so schön klingt. Sondern weil er so wahr ist – und weil er mich ertappt.

    Rilke schreibt ihn in einem Brief. Kein Gedicht, keine große Rede. Nur ein Satz, der sich festsetzt:
    „Man muss den Dingen ihre stille, ungestörte Entwicklung lassen.“

    Das passt an vielen Stellen des Lebens. Gerade auch in der Klinik.

    Denn genau dort ist die Versuchung am größten.
    Zu helfen. Zu erklären. Den Schmerz irgendwohin zu bringen, damit er erträglicher wird – für den anderen, aber vielleicht auch für mich.
    Etwas sagen, das stimmt. Etwas tun, das nützt.
    Den Augenblick irgendwie in Ordnung bringen.

    Aber manchmal ist der Augenblick nicht dazu da, in Ordnung gebracht zu werden.

    Jesus erzählt von einem Mann, der Samen auf den Acker wirft.

    „Dann schläft er und steht auf, es wird Nacht und wird Tag.
    Der Same keimt und wächst – wie, das weiß er selbst nicht.“
    (Markus 4,27, Basisbibel)

    Wie, das weiß er selbst nicht.

    Das ist keine Schwäche. Das ist die Pointe.

    Der Mann schläft. Er wartet. Er greift nicht ein.
    Das Wachsen geschieht ohne ihn – im Verborgenen, in der Stille, in der Zeit.

    Und er lässt es geschehen.

    Das ist schwerer als Handeln.

    Aushalten, dass man nicht weiß, wie es weitergeht.
    Warten, ohne zu wissen, worauf.
    Zeit lassen – der eigenen, der des anderen, der des Lebens.

    Niemand bringt uns das bei. Es widerspricht allem, was wir gelernt haben.
    Aber manchmal ist genau das der Dienst:
    Da sein. Ausharren. Nicht weggehen.

    Und dem anderen damit sagen, ohne es zu sagen:
    Ich lass dir Zeit. Du musst das nicht jetzt.

    Am Ende bete ich manchmal mit Worten, die Psalm 131 gehören:

    „Ich habe meine Seele beruhigt wie ein gestilltes Kind.“
    (Psalm 131,2, Basisbibel)

    Nicht: Ich habe sie erklärt.
    Nicht: Ich habe sie in Ordnung gebracht.

    Beruhigt. Wie ein Kind, das nicht mehr kämpft.
    Das einfach ruht.

    Vielleicht ist das die tiefste Form des Vertrauens:
    Den Dingen – und sich selbst – die stille, ungestörte Entwicklung zu lassen.

    © Matthias Schmidt | mitmenschpfarrer.de

    Bibelzitate nach der Basisbibel, © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.
    Rilke-Zitat: Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, gemeinfrei.

    Wenn die Seelen-Landschaft wild wird

    Eine Predigt zu Psalm 139,19-24

    Die ersten achtzehn Verse dieses Psalms sind schön.
    Fast kitschig schön.

    Gott, du kennst mich. Du umgibst mich.

    Eine sanfte Landschaft. Alles ist hell und freundlich.

    Und dann, ab Vers 19, reißt etwas auf.

    „Gott, bring doch die Frevler um!“

    Die Stimme wird hart. Unversöhnlich.

    Und plötzlich stehen wir vor einem Dschungel.
    Wild. Undurchdringlich. Gefährlich.


    📖 Psalm 139,19-24 (BasisBibel)

    Ach Gott! Ich wünschte mir,
    dass du die Frevler tötest!
    Und ihr Mörder, lasst mich doch endlich in Ruhe!
    Ja, sie widersetzen sich dir in böser Absicht,
    voller Tücke erheben sie sich, deine Feinde!
    Sie hassen dich, Herr.
    Sollte ich sie nicht hassen?
    Sollte ich deine Widersacher nicht verabscheuen?
    Ja, ich hasse sie mit aller Leidenschaft.
    Zu Feinden sind sie für mich geworden.
    Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz!
    Verstehe mich und begreife, was ich denke!
    Sieh doch, ob ich auf einem falschen Weg bin,
    und führe mich auf dem Weg, der Zukunft hat!


    Dürfen wir hineinschauen?

    Viele von uns haben gelernt, diesen Teil der Seele zu meiden.

    Die Wut. Die Aggression.

    Gesellschaftlich werden wir dafür oft kritisiert.
    Kirchlich manchmal auch.

    „Ein Christ sollte nicht so reden.“
    „Du musst vergeben, nicht wütend sein.“

    Wir bleiben lieber in der gepflegten Landschaft.
    Dort ist es sicher.

    Aber der Psalm lädt uns ein, auch den Dschungel zu erkunden.

    Nicht, um dort zu bleiben.
    Nicht, um uns darin zu verlieren.
    Aber auch nicht, um ihn um jeden Preis zu meiden.

    Denn im Dschungel der Seele wächst etwas, das in der gepflegten Landschaft verkümmert:
    das wilde, ungezähmte Leben.

    Gott lädt uns ein, diesen Ort zu erkunden.
    Nicht allein. Sondern gemeinsam.

    Drei Orte gibt es zu erkunden.
    Schritt für Schritt. Ohne Eile.


    Was wächst im Unterholz der Seele?

    Die erste Station ist die Wut.

    „Gott, bring doch die Frevler um!“, schreit der Psalmist.
    „Ich hasse sie mit unversöhnlichem Hass.“

    Das ist nicht schön und nicht spirituell.
    Das ist roh.

    Aber es ist auch ehrlich.

    Die Wut ist der Schutzreflex der Seele.
    Sie sagt: Bis hierher und nicht weiter.

    Ich muss nicht alles akzeptieren.
    Ich muss nicht jeden Menschen in mein Leben lassen.
    Ich darf mich selbst schützen.

    Wer sind Ihre Feinde?

    Vielleicht sind es nicht einmal andere Menschen.

    Vielleicht sind es die Leitsätze Ihres Lebens, die Sie verinnerlicht haben.

    Sätze wie:
    Du bist nicht gut genug.
    Du musst perfekt sein.
    Du darfst nicht scheitern.

    Diese Leitsätze sind Eindringlinge.
    Sie gehören nicht zu Ihnen.

    Und der Psalm gibt Ihnen die Erlaubnis, sie zu benennen.
    Mit aller Härte.

    Das ist keine Sünde. Das ist Selbstschutz.

    Die Wut ist wie das dichte Unterholz im Dschungel.
    Sie wirkt bedrohlich. Aber sie schützt auch.

    Sie zeigt: Hier ist Leben. Hier ist Kraft.


    Wo finden Denken und Fühlen wieder zusammen?

    Die zweite Station führt tiefer hinein.

    „Erforsche mich, Gott, erkenne mein Herz“, betet der Psalmist.
    „Prüfe mich, erkenne mein Denken.“

    Das Herz – auf Hebräisch lev – ist in der biblischen Sprache der Ort des Denkens.

    Das andere hebräische Wort – kilyot, die Nieren – meint den Ort des Fühlens.

    Vielleicht kennen Sie die Redewendung: Etwas auf Herz und Nieren prüfen.
    Sie hat hier ihren Ursprung. In diesem Psalm.

    Alles anschauen. Gründlich. Nichts auslassen.

    Denken und Fühlen.

    Und hier kommt etwas Entscheidendes:

    Gott hat die Nieren geschaffen.

    Am Anfang des Psalms hieß es doch schon mal: „Du hast meine Nieren bereitet.“

    Das bedeutet: Auch meine Gefühle, ja auch Wut und Zorn, sind Gottes Sache.
    Sie sind nicht ein Betriebsunfall.
    Sie sind gewollt. Sie gehören zu mir.

    Denken und Fühlen gehören zusammen.
    Aber oft sind sie getrennt.

    Das Denken sagt: Ich schaffe das noch.
    Das Fühlen schreit: Ich kann nicht mehr.

    Der Psalm lädt zur Integration ein.

    Gott soll beides prüfen.
    Denn nur wenn beide gehört werden, finden Sie den Weg, der Ihnen dient.

    Der Psalm sagt: Sie müssen diese Integration nicht allein schaffen.

    Gott will Ihnen helfen, die beiden Stimmen wieder zusammenzubringen.
    Denn Gott hat beide geschaffen. Und Gott kennt beide.


    Am tiefsten Ort des Dschungels

    Der Psalm endet mit diesen Worten:

    Erforsche mich, Gott, erkenne mein Herz,
    prüfe mich, erkenne mein Denken!
    Sieh, ob ich auf einem Weg bin, der dir Schmerzen bereitet,
    leite mich auf dem Weg, der ewig trägt!

    Nach zweiundzwanzig Versen Intimität mit Gott sagt der Beter:
    Schau noch mal hin. Ich durchschaue mich selbst nicht.

    Das ist keine Schwäche. Das ist Ehrlichkeit.

    Diese radikale Bitte:
    Sieh mich an. Ganz.
    Mit meiner Wut. Mit meiner Verwirrung. Mit meinen komplizierten Gefühlen.
    Mit allem, was in mir ist.

    Am tiefsten Ort des Dschungels meiner Seele ist noch einmal Gott.

    Aber hier ist auch er anders.

    Wir erkennen etwas an Gott, was wir oft ausblenden.
    Wilder. Leidenschaftlicher. Ungezähmt.

    Ein Gott, der Partei ergreift.

    Und gerade deshalb ganz zugewandt bleibt. Gerade hier.

    Gott sieht mich und verwirft mich nicht.
    Gott kennt mein Herz und meine Nieren und hält seine Hand über mir.
    Gott weiß um meine Wut, meine Zweifel, meine Dunkelheit und bleibt.

    Das bedeutet nicht, dass alles an mir gut ist.
    Es bedeutet nicht, dass ich keine Korrektur brauche.

    Der Psalm bittet ja ausdrücklich: Zeig mir, wo ich falsch abbiege. Leite mich.

    Aber diese Korrektur kommt nicht als Verdammung.
    Sie kommt als Führung.

    Gott sagt nicht: Du bist falsch.
    Gott sagt: Du gehst einen Weg, der dich zerstört. Lass mich dir einen anderen zeigen.

    Im Dschungel der Seele können wir uns verlaufen.
    Aber wir sind nicht allein.

    Gott geht mit. Und Gott kennt den Weg hinaus.


    Was bleibt

    Der Dschungel der Seele ist kein Ort, an dem wir dauerhaft leben sollten.

    Aber er ist der Ort, an dem das wilde, ungezähmte Leben wächst.

    Die Wut, die uns schützt.
    Die Gefühle, die uns leiten.

    Gott lädt uns ein, diesen Ort zu erkunden.
    Nicht allein. Sondern gemeinsam.

    Sie dürfen wütend sein auf das, was Ihnen schadet.
    Sie dürfen sich zeigen, wie Sie sind, mit all Ihren komplizierten Gefühlen.
    Sie dürfen sich Gott anvertrauen, auch dort, wo Sie Korrektur brauchen.

    Denn das Gesehen-Werden durch Gott ist keine Bedrohung.

    Es ist Befreiung.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    Psalm 139,19-24 nach BasisBibel.
    Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
    Online: www.die-bibel.de


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Welche Leitsätze Ihres Lebens schaden Ihnen –
    und wie könnten Sie sich davon abgrenzen?

    Hören Sie gerade mehr auf Ihr Denken oder auf Ihr Fühlen –
    und was würde die andere Seite Ihnen sagen?


    Im Dickicht

    Gott,

    du kennst die wilden Orte in mir.

    Die Wut, die ich nicht zeigen darf.
    Die Gefühle, die ich nicht verstehe.
    Die Leitsätze, die mich gefangen halten.

    Du hast mein Herz geschaffen.
    Du hast meine Nieren bereitet.

    Nichts an mir ist dir fremd.

    Hilf mir, auch die dunklen Orte zu erkunden.
    Nicht allein.
    Sondern mit dir.

    Zeig mir, wo ich mich selbst zerstöre.
    Und leite mich auf dem Weg, der mir dient.

    Amen.

    Weite Landschaft in Neuseeland – Symbol für Aufbruch und die Jahreslosung 2026

    Jahreslosung 2026: Was John Lennon und Johannes gemeinsam haben

    Bibeltext

    Offenbarung 21,5

    Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu“

    Die Jahreslosung 2026 ist ein Satz, der nach Zukunft schmeckt. Aber was meint er – und was nicht? Wer spricht hier? Und was heißt „neu“, wenn die Welt so alt aussieht?

    Auf der Schwelle zum neuen Jahr begleiten uns zwei Menschen. Beide heißen John. Beide sind Träumer. Und beide träumen am Ende dasselbe: Eine Welt ohne Tränen.


    Zwei Träumer und die Jahreslosung 2026

    Der eine ist John Lennon. Liverpool. Der Beatle mit der runden Brille. 1971 setzte er sich ans Klavier und sang von einer Welt ohne Himmel, ohne Besitz, ohne Grenzen, ohne Religion. Ein Traum in Moll. Radikal diesseitig. Kein Gott, der rettet – nur Menschen, die endlich aufhören, sich gegenseitig zu zerstören.

    1980 wurde er vor seinem Haus in New York erschossen.

    Der andere ist Johannes. Der Verbannte. Er saß auf Patmos, einer Felseninsel in der Ägäis. Seine Gemeinde war verfolgt, Freunde waren ermordet worden. Die Welt war voller Gewalt.

    Und dort, im Staub des Exils, sah er etwas: Den Himmel, der auf die Erde kommt. Und er hörte eine Stimme: „Siehe, ich mache alles neu.“

    Das ist die Jahreslosung für 2026.

    Was wäre, wenn die beiden sich begegnen würden? Hier, auf dieser Schwelle?


    „Imagine“ trifft „Siehe“ – ein Gespräch über Hoffnung

    Lennon lehnt am Klavier. Er dreht sich um und sagt:

    „Euer Problem ist, dass ihr wartet. Ihr starrt in den Himmel und wartet auf einen Gott, der irgendwann alles richtet. Und währenddessen? Verhungern Kinder. Werden Kriege geführt. Foltert einer den anderen. – Streich den Himmel. Dann fangen die Menschen vielleicht an, sich um die Erde zu kümmern.“

    Johannes schweigt einen Moment. Dann sagt er:

    „Ich habe nicht gesagt, wir sollen warten. Da steht: ‚Siehe.‘ Schau hin. Nicht: Warte ab.“

    „Schau wohin?“

    „Dahin, wo es schon geschieht. Wo jemand einem Fremden einen Teller hinstellt. Wo einer nachts aufsteht, weil der andere weint. Wo Menschen einander nicht loslassen, obwohl es einfacher wäre.“

    Lennon winkt ab.

    „Das ist nett. Aber nett reicht nicht gegen Panzer.“

    „Nein“, sagt Johannes. „Reicht es nicht.“

    Stille.

    „Aber es ist nicht nichts.“


    Warum Hoffnung nicht Vertröstung ist

    Es wird still zwischen den beiden.

    Dann fragt Lennon, leiser jetzt:

    „Wenn dein Gott alles neu macht – warum ist die Welt dann so? Warum die Tränen? Warum stirbt ein Kind an Hunger, während dein Gott auf dem Thron sitzt?“

    Johannes schließt die Augen. Er denkt an seine Insel. An die Nächte, in denen er nicht wusste, ob morgen noch jemand von seinen Leuten lebt.

    „Das habe ich mich auch gefragt“, sagt er. „Oft. Laut. Und es kam keine Antwort.“

    „Und dann?“

    „Dann kam nicht die Antwort. Dann kam ein Bild.“

    Er öffnet die Augen.

    „Ich sah: ‚Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.‘ – Hör genau hin, John. Da steht nicht: Es gibt keine Tränen. Da steht: Er wischt sie ab. Eine nach der anderen. Er berührt den Schmerz. Er macht ihn nicht ungeschehen. Er geht hindurch.“

    Lennon schüttelt den Kopf.

    „Die Tränen müssen aufhören. Nicht abgewischt werden. Aufhören.“

    Johannes nickt langsam.

    „Ja. Und genau das steht da auch: ‚Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.‘ (Offb 21,4) – Aber ich lüge dich nicht an: Ich weiß nicht, wann.“

    „Das ist ein ziemlich dünnes Versprechen.“

    Johannes lächelt nicht.

    „Ja. Manchmal ist es das. Und manchmal ist es alles, was mich hält.“


    Anfangen dürfen – ohne die Welt retten zu müssen

    Lennon schaut den alten Mann an.

    „Und wenn eure Zeichen zu klein sind? Wenn das Teller-Hinstellen und Tränen-Abwischen nicht reicht?“

    „Dann ist es gut, dass nicht ich es bin, der alles neu macht.“

    „Was meinst du?“

    „Ich meine: Ja – wir können teilen. Wir können Frieden stiften. Wir können einander halten. Und das ist nicht nichts. Das ist wirklich Gottes Handeln, durch uns.

    Aber Gottes Handeln ist größer. Er macht neu – auch dort, wo wir nicht mehr können. Wo die Kraft ausgeht. Wo die Zeichen verwehen.“

    Lennon schweigt lange.

    Dann sagt er, fast widerwillig:

    „Du glaubst, dass du anfangen kannst. Aber die Welt nicht retten musst.“

    „Genau. Das glaube ich. Das ist meine Hoffnung. Ich darf anfangen. Und Gott vollendet.“

    „Und wenn er es nicht tut?“

    Johannes antwortet nicht sofort. Er atmet. Dann sagt er:

    „Dann halte ich an dem fest, was ich gesehen habe. Mehr habe ich nicht.“


    Was „Stell dir vor“ und „Siehe“ verbindet

    Zwei Träumer. John und Johannes. Ich weiß nicht, ob eine Begegnung zwischen ihnen so verlaufen wäre.

    Aber ihre Träume verbindet viel.

    Wo der eine sagt: „Stell dir vor“ – sagt der andere: „Siehe.“

    Der eine träumt von unten nach oben: Was wäre, wenn wir den Himmel streichen und endlich hier anfangen? Der andere sieht von oben nach unten: Der Himmel kommt herab. Auf die Erde. Zu den Menschen.

    Und doch sehen beide dasselbe: Dass es so, wie es ist, nicht bleiben muss.

    Aber Johannes glaubt noch etwas: Dass Gottes Handeln größer ist als unsere Zeichen. Dass er neu macht – auch wo wir scheitern. Dass er trägt – auch wo wir loslassen müssen.

    Und das macht die kleinen Zeichen nicht kleiner. Das macht sie freier.


    Die Jahreslosung 2026 mitnehmen

    Wir stehen auf der Schwelle. Und uns begleitet diese Zusage:

    „Siehe, ich mache alles neu.“

    Gott macht neu. Er hat längst angefangen.

    Und weil er größer ist als unsere Zeichen, können wir anfangen.
    Amen.


    Fragen zur persönlichen Reflexion
    für das eigene Nachdenken,
    das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch

    1. „Siehe, ich mache alles neu“ – wenn Sie diesem Satz einen kleinen Raum in Ihrem Alltag geben würden: Was wäre der erste, vielleicht kleinste Schritt?

    2. Was in Ihnen darf sein, ohne sich ändern zu müssen – gerade jetzt, auf dieser Schwelle?


    Auf der Schwelle

    Eine Schwelle. Hinter dir liegt etwas – Tage, Wochen, ein ganzes Jahr vielleicht. Vor dir liegt etwas ohne Namen.

    Du stehst dazwischen.

    Und auf dieser Schwelle hörst du eine Stimme. Nicht laut. Eher wie ein Atemzug.

    Siehe. Ich mache alles neu.

    Nicht du. Nicht deine Kraft.

    Ich.

    Das Neue kommt nicht von dir. Es kommt auf dich zu. Wie der Morgen kommt. Wie ein Atemzug, den du nicht erzwingen kannst.

    Vielleicht spürst du Widerstand. Lass ihn da sein. Hoffnung, die keine Fragen kennt, ist billig. Hoffnung, die durch Fragen hindurchgeht, trägt.

    Du stehst auf der Schwelle. Aber nicht allein.

    Da ist etwas, das dich hält. Größer als deine Zeichen. Älter als deine Zweifel.

    Es hat längst angefangen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten.

    Was bedeutet „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5)?

    Das griechische Wort für „neu“ ist kainós. Es meint nicht „neu“ im Sinne von „unbenutzt“ (néos), sondern „andersartig, verwandelt, qualitativ anders“. Gott restauriert nicht den alten Zustand – er schafft etwas grundlegend Neues, bei gleichzeitiger Kontinuität. Das Alte wird nicht ausgelöscht, sondern verwandelt. Diese Vorstellung ist zentral für die jüdisch-christliche Hoffnung: Nicht Flucht aus der Welt, sondern Erneuerung der Welt.


    Was ist der „neue Himmel und die neue Erde“?

    In Offenbarung 21,1 greift Johannes auf eine Tradition aus Jesaja 65,17 zurück. Die Vision beschreibt keine räumliche Trennung zwischen „oben“ (Himmel) und „unten“ (Erde), sondern eine Durchdringung: Gottes Wirklichkeit kommt zur Erde. Der „Tempel“ verschwindet, weil Gott selbst bei den Menschen wohnt (Offb 21,22). Diese Vorstellung ist radikal: nicht Weltflucht, sondern Weltverwandlung. Gott gibt die Schöpfung nicht auf – er macht sie heil.


    Warum sitzt Johannes auf Patmos im Exil?

    Johannes, der Seher der Offenbarung, befand sich auf der Insel Patmos in der Ägäis – vermutlich als Verbannter unter römischer Herrschaft. Patmos war in der Antike ein Ort der Verbannung für politische oder religiöse Dissidenten. Johannes war Teil einer verfolgten christlichen Minderheit. Seine Vision entstand also nicht in Sicherheit, sondern in existenzieller Bedrohung. Das verleiht dem Text eine besondere Kraft: Hoffnung nicht trotz, sondern mitten in der Krise.


    Wer war John Lennon und was meinte er mit „Imagine“?

    John Lennon (1940–1980), Mitglied der Beatles, schrieb 1971 den Song „Imagine“. Der Text entwirft eine Welt ohne Religion, Besitz und Nationalstaaten – ein humanistischer Traum von Frieden durch Verzicht auf Ideologien. Sein Ansatz war radikal diesseitig: Frieden nicht durch Transzendenz, sondern durch Abbau trennender Strukturen. Der Song wurde zur Hymne pazifistischer Bewegungen, bleibt aber theologisch umstritten, weil er Hoffnung ausschließlich im Menschen verortet.
    Damit bleibt er eine Herausforderung und eine Inspiration für Christen.

    Bibelzitate:
    Lutherbibel, revidiert 2017, © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
    BasisBibel, © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

    Imagine (John Lennon, 1971) – Text und Musik: John Lennon – © Lennon Music / Sony/ATV Music Publishing LLC (heute: Sony Music Publishing)

    Das heilige Unfertige.

    Eine Predigt zu Psalm 139,13-18

    📖 Psalm 139,13-18 (BasisBibel)

    Ja, du hast meine Nieren geschaffen,
    mich im Bauch meiner Mutter gebildet.
    Ich danke dir und staune,
    dass ich so wunderbar geschaffen bin.
    Ich weiß, wie wundervoll deine Werke sind.
    Nichts war dir unbekannt am Aufbau meines Körpers,
    als ich im Verborgenen geschaffen wurde –
    ein buntes Gewebe in den Tiefen der Erde.
    Ich hatte noch keine Gestalt gewonnen,
    da sahen deine Augen schon mein Wesen.
    Ja, alles steht in deinem Buch geschrieben:
    Die Tage meines Lebens sind vorgezeichnet,
    noch ehe ich zur Welt gekommen bin.
    Wie kostbar sind für mich deine Gedanken, Gott!
    Wie zahlreich sind sie doch in ihrer Summe!
    Wollte ich sie zählen: Es sind mehr als der Sand.
    Würde ich erwachen: Noch immer bin ich bei dir.


    „Ich kann das nicht sagen“

    Vor einigen Monaten erzählte mir eine Patientin
    im Anschluss an das Abendgebet,
    wie gut ihr das tut.

    Aber es gibt eine Stelle,
    die für sie schwer ist.

    Wenn beim Gebet gesagt wird:
    „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin“,
    dann kann sie einfach nicht mitsprechen.

    Wie soll man „wunderbar“ sagen,
    wenn der eigene Körper nicht mehr mitmacht?
    Wenn nichts mehr funktioniert, wie es soll?
    Wenn man sich selbst fremd geworden ist?


    Was sieht Gott, wenn er uns ansieht?

    Der Psalmsänger –
    denn ursprünglich war dieses Gebet ein Gesang –
    wagt in unserem Bibeltext eine ungewöhnliche Formulierung.

    Er schaut zurück an den Anfang, in die Zeit vor der Zeit.

    Und er entdeckt dort etwas Erstaunliches:

    „Noch unfertig erblickten mich deine Augen.“

    Das hebräische Wort, das hier steht, heißt golem.
    Es bedeutet wörtlich: das noch nicht Ausgeformte.
    Die ungeformte Masse. Der Embryo.

    Gott sieht uns, bevor wir fertig sind.
    Bevor wir Gestalt annehmen.
    Bevor wir irgendetwas leisten können.

    Und was tut Gott mit diesem unfertigen Wesen?

    Er webt es.
    Er stickt es kunstvoll.
    Er formt es mit der Sorgfalt eines Künstlers.

    „Du hast mich gewebt im Leib meiner Mutter“, sagt der Psalm.

    Nicht gehämmert, nicht gegossen, nicht konstruiert.
    Gewebt.

    Wie einen kostbaren Stoff.
    Mit unendlicher Geduld.


    Die Revolution des Unfertigen

    Hier liegt das Besondere dieses Textes:

    Gott wartet nicht, bis wir fertig sind, um uns zu lieben.

    Er liebt das Unfertige.
    Er sieht Schönheit im Prozess, nicht erst im Produkt.

    „Meine Knochen waren nicht vor dir verborgen“, heißt es weiter.

    Die Knochen – das Gerüst, die Struktur, das, was uns Halt gibt.

    Gott kennt unser Gerüst.
    Er weiß, wo es brüchig ist.
    Wo alte Brüche schlecht verheilt sind.
    Wo die Statik wackelt.

    Und wo wir stark sind.

    Und trotzdem – nein, gerade deswegen – sagt der Psalmsänger diese unglaublichen Worte:

    „Ich danke dir, dass ich auf erstaunliche Weise wunderbar geschaffen bin.“

    Nicht: Ich werde wunderbar sein, wenn…
    Nicht: Ich war mal wunderbar, bevor…

    Sondern: Ich BIN wunderbar geschaffen.

    Jetzt.
    So.
    Unfertig.


    Und wenn Sie das nicht sagen können?

    Wenn Sie das heute nicht sagen können?
    Wenn sich alles in Ihnen dagegen sträubt?

    Dann ist das auch heilig.

    Dann dürfen Sie schweigen, wo andere sprechen.
    Dann spricht Gott vielleicht gerade in Ihrem Schweigen.

    Denn „wunderbar“ heißt hier ja gerade nicht: perfekt.

    Das hebräische Wort bedeutet eigentlich: zum Staunen.
    Etwas, das einen innehalten lässt.
    Etwas, das man nicht gleich versteht.

    Sie sind zum Staunen.

    Nicht weil alles an Ihnen stimmt.
    Sondern weil Sie ein Geheimnis sind.
    Ein heiliges Rätsel.

    Manchmal auch für sich selbst.


    Wo wohnt das Heilige?

    Wir suchen das Heilige oft in der Perfektion.

    Im gesunden Körper.
    Im starken Glauben.
    Im geordneten Leben.

    Aber dieser Psalm erzählt eine andere Geschichte.

    Das Heilige wohnt im Verborgenen.

    „Als ich im Verborgenen gemacht wurde“, sagt der Text.

    Das Heilige braucht kein Scheinwerferlicht.
    Es braucht keine Bühne.

    Es entsteht im Verborgenen, im Unfertigen, im Verletzlichen.

    Ihre Nieren, sagt der Psalm, hat Gott gebildet.

    Warum betont er gerade die so sehr?

    Nun, in der Vorstellungswelt der Antike
    waren die Nieren – auf Hebräisch kilyot – der Ort der Gefühle.
    Wo Angst sitzt und Sehnsucht.
    Die Hoffnung und das Staunen.

    Auch das hat Gott geformt.
    Auch das ist Teil des Gewobenen.


    Sie müssen nicht fertig werden

    Gott wartet nicht auf Ihre Fertigstellung.
    Er ist jetzt schon da.

    Sie müssen sich nicht erst fertig machen.
    Sie müssen auch nicht „wunderbar“ sagen können.

    Sie sind geliebt im Werden.

    Nicht trotz Ihrer Unfertigkeit.
    Sondern in ihr.

    Sie sind kein Projekt, das repariert werden muss.
    Sie sind ein Mensch, der geliebt wird.

    Genau so.
    In Ihrer heiligen Unfertigkeit.

    Und Gott, der Weber, legt die Fäden nicht aus der Hand.

    Er webt weiter.
    Zärtlich.
    Geduldig.

    An seinem heiligen Unfertigen.

    An Ihnen,
    an Dir,
    an mir.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    Psalm 139,13-18 nach BasisBibel.
    Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
    Online: www.die-bibel.de


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Wo in Ihrem Leben spüren Sie gerade
    das „Unfertige“ – und wo könnte darin
    auch etwas Heiliges liegen?

    Gibt es einen Teil von Ihnen,
    den Sie als „nicht wunderbar“ empfinden?
    Was würde sich ändern, wenn Gott
    gerade diesen Teil mit Liebe ansieht?


    Meditativer Nachklang

    Gott, du Weber,

    du hast mich gewoben
    mit unendlicher Geduld.

    Du siehst mich unfertig
    und liebst mich trotzdem –
    nein: gerade so.

    Hilf mir, mich anzunehmen
    in meiner heiligen Unfertigkeit.

    Lass mich spüren:
    Ich muss nicht fertig sein,
    um geliebt zu werden.

    Ich bin dein Werk.
    Jetzt. So.

    Amen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr

    Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten.


    1. Das Wort golem (V. 16)

    Das hebräische Wort golem kommt in der ganzen Bibel nur ein einziges Mal vor – hier in Psalm 139,16.

    Es bedeutet „das noch nicht Ausgeformte“.

    Später wurde daraus in der jüdischen Mystik die Legende vom Golem – einer Figur aus Lehm, die durch göttliche Kraft zum Leben erweckt wird.

    Aber hier, in Psalm 139, ist golem kein Monster.
    Es ist ein Kosename Gottes für uns.

    „Mein Unfertiges“, sagt Gott.
    „Mein noch nicht Ausgeformtes.“

    Inspirierende Frage:
    Was wäre, wenn Gott Sie gerade in Ihrer Unfertigkeit am liebsten hat?


    2. Die Nieren als Sitz der Gefühle (V. 13)

    Im Hebräischen heißen die Nieren kilyot.

    In der antiken Vorstellungswelt waren sie der Sitz der innersten Gefühle – ähnlich wie wir heute vom „Herzen“ sprechen.

    Wenn Gott die Nieren „gebildet“ hat, dann hat er auch unsere Gefühlswelt geformt:
    die Angst, die Sehnsucht, die Hoffnung, das Staunen.

    Auch das ist „wunderbar geschaffen“.

    Inspirierende Frage:
    Welche Gefühle tragen Sie gerade in sich – und könnten auch sie Teil des „Gewobenen“ sein?

    Wohin soll ich gehen? – Eine Predigt zu Psalm 139,7-12

    📖 Psalm 139,7-12

    Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
    und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
    Führe ich gen Himmel, so bist du da;
    bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
    Nähme ich Flügel der Morgenröte
    und bliebe am äußersten Meer,
    so würde auch dort deine Hand mich führen
    und deine Rechte mich halten.
    Spräche ich: Finsternis möge mich decken
    und Nacht statt Licht um mich sein,
    so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
    und die Nacht leuchtete wie der Tag.
    Finsternis ist wie das Licht.


    David fragt

    „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist?“

    Das klingt nach Flucht.
    Aber es ist Staunen. Es ist Neugier.

    Wo könnte ich eigentlich hingehen, wo du nicht bist?

    David will die Grenzen ausloten.
    Er will wissen: Wie weit reicht diese Nähe?
    Wo bist du nicht?

    David macht eine Entdeckungsreise.

    Er durchmisst die Welt.
    Er durchmisst das Leben.

    Und findet überall dasselbe:
    Du bist da.

    Das ist keine Bedrohung. Das ist Staunen.

    Das ist seine Erfahrung: Es gibt keinen Ort, wo Gott die Menschen verlässt.


    Und ich merke, wie mir das zu glatt wird

    Zu schöngefärbt und zu fromm.

    Ich möchte David widersprechen.
    Dazwischenrufen:

    Es gibt doch auch diese Orte, die nicht sein sollten.

    Orte der Gewalt.
    Orte, wo das Leben zerbricht.

    Ist Gott auch da?

    Und – ich ahne gleichzeitig,
    wenn ich die Bibel lese,
    die Geschichte von Hiob,
    die Geschichte von Jesus am Kreuz,
    wenn ich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ singe,
    geschrieben im Gefängnis der Gestapo, Dezember 1944:

    Gottes Gegenwart dort ist Mitleiden.

    Nicht Billigung. Sondern Solidarität.


    „Auch Finsternis leuchtet“

    Ich glaube, nur wenn man sich das eingesteht,
    wird deutlich, wie tief die Worte von David sind, wenn er schreibt:

    „Spräche ich: Finsternis möge mich decken
    und Nacht statt Licht um mich sein,
    so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir.“

    David tastet sich vor. Bis in die Dunkelheit hinein.

    Und findet: Auch dort – Gegenwart.

    „Die Nacht leuchtete wie der Tag.
    Finsternis ist wie das Licht.“

    Du bist da.

    Nicht als der, der alles rechtfertigt.
    Sondern als der, der mitgeht.
    Als der, der aushält.
    Als der, der bei den Leidenden bleibt.

    Das ist die Hoffnung des Psalms.


    Die Flügel der Morgenröte

    Und David nimmt uns weiter mit in diese Welterkundung,
    die gleichzeitig eine Lebenserkundung ist:

    Führe ich gen Himmel, so bist du da;
    bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

    Nähme ich Flügel der Morgenröte
    und bliebe am äußersten Meer,
    so würde auch dort deine Hand mich führen
    und deine Rechte mich halten.

    Himmel – das ist nicht nur der religiöse Raum.
    Das ist auch der Moment, wenn Ihnen das Herz aufgeht.
    Wenn Sie merken: Das Leben ist schön.
    Wenn Sie sich frei fühlen.

    Du, Gott, bist dort.

    Totenreich – das ist nicht nur das Jenseits.
    Das ist auch die Zeit, wenn Sie sich wie begraben fühlen.
    Wenn die Depression Sie nach unten zieht.
    Wenn Sie erschöpft sind und nicht mehr können.

    Und auch dort: Gegenwart.

    Morgenröte – das ist der Aufbruch.
    Der Neuanfang.
    Wenn Sie spüren: Jetzt geht es weiter.
    Wenn neue Hoffnung kommt.

    Äußerstes Meer – das ist die Grenze.
    Das Unbekannte.
    Wenn Sie nicht wissen, was kommt.

    Aber es lässt sich spüren:

    Gottes Gegenwart ist nicht nur dort, wo wir ankommen.
    Sondern schon unterwegs.
    Schon in der Suche.

    In der Tradition der Sufis, zu denen der persische Mystiker Rumi gehörte, gibt es einen ähnlichen Gedanken (Oft Rumi zugeschrieben, eine gesicherte Originalquelle ist jedoch nicht nachweisbar.):

    „Ich suchte Gott und fand nur mich selbst.
    Ich suchte mich selbst und fand nur Gott.“

    Die Suche selbst ist schon Begegnung.


    Die Hand, die hält

    „So würde auch dort deine Hand mich führen
    und deine Rechte mich halten.“

    Die Hand Gottes.
    Ein menschliches Bild für etwas Größeres.

    Gott hat keine Hand, wie wir sie haben.
    Gott ist mehr als jedes Bild.

    Aber die Bibel wählt Bilder, die wir fühlen können.
    Weil wir Menschen sind. Weil wir Körper sind.

    Und wir wissen, was Hände tun:

    Eine Hand, die Ihre Stirn berührt, wenn Sie Fieber haben.
    Eine Hand, die Ihre Hand hält, wenn Sie Angst haben.
    Eine Hand, die Ihren Rücken stützt, wenn Sie schwanken.

    Vielleicht kennen Sie solche Hände:
    Hände, die getröstet haben.
    Hände, die ermutigt haben.
    Hände, die einfach da waren.

    Gottes Hand ist wie diese Hände – und mehr.

    Sie ist die Gegenwart, die Sie hält, auch wenn niemand sichtbar da ist.
    Sie ist die Kraft, die Sie trägt, auch wenn Sie sich kraftlos fühlen.

    Nicht Festklammern. Sondern Sicherheit.

    Wie ein Geländer, das da ist, wenn Sie es brauchen.
    Wie ein Arm, der Sie stützt, wenn Sie schwanken.


    Überall zuhause

    Die große Entdeckung des Psalms:

    „Ich bin gehalten.“

    Das ist keine Bedrohung. Das ist Geborgenheit.

    Sie müssen nicht woanders hin.
    Sie sind schon da, wo Gott ist.

    Der Alltag ist heiliger Raum.

    Der Himmel, die Erde,
    die Morgenröte und das äußerste Meer.

    Heiliger Raum,
    weil Gott da ist.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    Psalm 139,7-12 nach Luther 1984. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

    Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten treu und still umgeben“, in: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 8: Widerstand und Ergebung, hrsg. von Christian Gremmels u. a., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998.


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Wann haben Sie schon einmal gespürt,
    dass Sie in schwierigen Momenten nicht allein waren?
    Was hat Ihnen damals geholfen?

    Wie stark spüren Sie gerade jetzt,
    dass Sie „zuhause“ sind – auch wenn vieles unsicher ist?
    Was könnte Ihnen helfen, dieses Gefühl zu vertiefen?


    Meditativer Nachklang

    Gott, du Grund meines Gehens,

    in dir bewege ich mich
    und bin ich zuhause.

    Wo ich auch bin – du bist da.
    Was ich auch durchmache – du gehst mit.

    Lass mich spüren:

    Ich bin getragen.
    Ich bin begleitet.
    Ich bin zuhause in dir.

    Amen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr

    Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten.

    Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten
    oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
    Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein,
    aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.

    Hier finden Sie etwas davon.


    1. Die Flügel der Morgenröte (V. 9)

    Im Hebräischen steht hier ein Bild, das nach Geschwindigkeit klingt, nach Licht, nach dem schnellsten Moment des Tages.

    David wählt bewusst das schnellste Bild seiner Zeit.

    Heute würden wir sagen: „Nähme ich die Geschwindigkeit des Lichts.“

    Die Ironie: Selbst mit übermenschlicher Geschwindigkeit kann man Gott nicht „abhängen.“

    Inspirierende Frage:
    Welche „Lichtgeschwindigkeit“ kennen Sie in Ihrem Leben – Momente, wo alles ganz schnell geht?
    Haben Sie schon erlebt, dass Gott auch in diesen rasanten Zeiten bei Ihnen war?


    2. Das äußerste Meer (V. 9)

    In der hebräischen Kosmologie der Westrand der Welt.
    Wo das Meer das Chaos berührt.

    Der Ort maximaler Gottferne in der Vorstellungswelt Israels.

    Dass Gott auch dort präsent ist, sprengt konventionelle Theologie.

    Inspirierende Frage:
    Was ist für Sie das „äußerste Meer“ – der Ort, wo Sie sich am weitesten von allem Vertrauten entfernt fühlen?
    Könnten Sie sich vorstellen, dass auch dort Gottesgegenwart möglich ist?


    Gott gräbt nach Gold – eine Predigt zu Psalm 139,1-6

    Der Psalm 139 gehört zu den schönsten und poetischsten Texten der Bibel.
    Es ist wie das Gebet eines Dichters oder einer Dichterin.

    Und ich lade Sie ein, in den kommenden vier Abendgebeten diesem Text nachzuspüren.

    Die Texte dazu können Sie auf meiner Homepage „mitmenschpfarrer.de“ nachlesen, auch wenn Sie nicht mehr hier in der Klinik sind.

    Heute beginnen wir mit den ersten Versen dieses Psalms, dieses Liedes:


    📖 Psalm 139,1-6 (BasisBibel)

    HERR, du hast mich erforscht und du kennst mich genau.
    Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.
    Du erkennst meine Gedanken schon von fern.
    Du beobachtest mich, ob ich gehe oder liege,
    und bist vertraut mit all meinen Wegen.
    Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge,
    da weißt du, HERR, schon genau, was ich sagen will.
    Von allen Seiten hast du mich umschlossen.
    Du hast deine Hand auf mich gelegt.
    Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich,
    zu hoch – ich kann sie nicht fassen.


    Gott gräbt nach Gold

    „Du hast mich erforscht“ – das klingt erst mal bedrohlich, oder?

    Als würde jemand mit der Lupe über mich gehen.
    Als würde einer in meinen Wunden herumstochern.

    Aber das hebräische Wort, das hier steht – chaqar – erzählt eine ganz andere Geschichte.

    Es bedeutet wörtlich: „tief graben“, „nach Bodenschätzen suchen“.

    Es ist das Wort für Goldgräber und Archäologen.
    Für Menschen, die mit unendlicher Geduld Schicht um Schicht abtragen, weil sie überzeugt sind: Da ist etwas Kostbares verborgen.

    Gott ist kein Inspektor, der Fehler sucht.
    Gott ist ein Goldgräber, der Schätze freilegt.

    Das verändert alles.

    Denn vielleicht sitzen wir hier und denken: Was gibt es da noch zu entdecken?

    Mein Körper ist müde.
    Meine Haut erzählt von Schmerzen.
    Meine Hände zittern.

    Was soll daran kostbar sein?

    Aber Gott gräbt tiefer.

    Er sieht nicht nur die Oberfläche.
    Er sieht die Goldadern, die durch unser Leben laufen – auch wenn sie von Schmerz und Angst überlagert sind.

    Auch wenn wir sie selbst nicht mehr sehen.


    Die Geschichten unserer Körper

    „Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.“

    Unsere Art zu sitzen erzählt Geschichten.

    Ich lehne mich zurück und lache, weil jemand eine gute Geschichte erzählt.
    Ich lasse mich fallen ins weiche Kissen, weil es einfach gut tut.
    Ich setze mich vorsichtig hin, weil der Rücken schmerzt.
    Ich richte mich auf, wenn Besuch kommt und ich noch mal Kraft finde.

    All das ist mit Augen der Liebe gesehen.

    Die Lebendigkeit und die Müdigkeit.
    Das Genießen und der Schmerz.

    Gott gräbt nach beidem:
    Nach den leuchtenden Momenten UND nach der Kraft, die sich im Schweren gebildet hat.

    Die Falten um unsere Augen – Lachfalten und Sorgenfalten – sind beides Gold.

    Sie erzählen von einem Leben, das nicht nur ertragen, sondern auch genossen wurde.
    Von Momenten, in denen wir lebendig waren.
    Von Menschen, die uns zum Strahlen brachten.

    Und ja: auch von der Last, die wir tragen.
    Von dem, was schwer war.

    Aber dieser Psalm sagt: Du kannst aufhören, dich zu verstecken.

    Denn der Goldgräber-Gott gräbt durch alle Schichten:
    durch die Freude UND durch die Erschöpfung.

    Und findet überall Kostbares:
    deine Lebendigkeit, die sich nicht unterkriegen lässt.
    Deine Fähigkeit zu lachen.
    Dein Durchhalten.
    Deine Würde.


    Die Sprache des Körpers

    „Du erkennst meine Gedanken schon von fern.
    Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge,
    da weißt du schon, was ich sagen will.“

    Unsere Körper sprechen, auch wenn wir schweigen.

    Die Freude, die mich überrascht – mein Körper weiß davon.
    Das Lachen mit anderen, das mich leicht macht – es zeigt sich in meinen Augen.
    Die Trauer, die ich in mir trage – sie liegt in meinen Schultern.
    Die Angst, die ich nicht zeigen will – sie zeigt sich im flachen Atem.

    All das ist bereits erkannt.
    Schon bevor wir es in Worte fassen.

    Und Gott versteht diese Sprache.

    Besser als jeder Therapeut, besser als jede Pflegekraft, so gut sie auch sein mag.

    Es gibt Momente, da kann ich nicht beten.
    Da sind die Fragen zu groß und die Antworten zu klein.

    Aber mein Körper betet weiter.

    Mein Atem betet.
    Meine müden Hände beten.
    Das Lachen, das plötzlich durchbricht, ist auch Gebet.

    Das Schweigen ist Sprache.
    Die Freude ist Sprache.
    Die Erschöpfung ist Sprache.

    Und der Goldgräber-Gott?

    Der gräbt nach dem Gold:

    In der Stille.
    Im Lachen.
    Im Ringen.
    Im erfüllten Moment.


    Die Narben sind auch Schätze

    „Von allen Seiten hast du mich umschlossen.“

    Dieser Satz bedeutet: Vergangenheit und Zukunft sind umfangen.

    Alles, was war – und alles, was kommt.

    Die Narben, die ich trage. Die Verluste. Die Abschiede.

    Aber auch: Das Lachen mit Freunden. Die warmen Erinnerungen. Die Momente, in denen ich lebendig war.

    Ein Goldgräber weiß: Auch in altem, verwittertem Gestein liegt Gold.

    Gott liest unsere Narben nicht als Makel,
    sondern als Landkarte eines gelebten Lebens.

    Ich möchte nicht romantisieren.

    Manche Narben tun weh, auch nach Jahren.
    Manche Erinnerungen bleiben schwer.

    Aber dieser Psalm sagt nicht: „Alles war gut.“

    Er sagt: „Alles ist umfangen. Auch das Schwere gehört zu deiner Geschichte – und es ist gesehen.“

    Und manchmal, wenn wir Glück haben, entdecken wir:
    Gerade dort, wo es am dunkelsten war, hat sich auch Kraft gebildet.

    Mitgefühl. Tiefe.

    Das ist das Gold in den Narben.


    Wir müssen es nicht verstehen

    „Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich,
    zu hoch – ich kann sie nicht fassen.“

    Gott sei Dank steht dieser Satz hier!

    Wir müssen nicht alles durchschauen.

    Wir müssen nicht verstehen, warum der Körper so reagiert.
    Wir müssen nicht erklären können, warum uns plötzlich etwas Kleines tief berührt.
    Wir müssen nicht die Theodizee lösen – die Frage, warum Gott Leid zulässt.

    Es reicht, dass es gesehen ist.

    Es reicht, dass da einer gräbt – geduldig, liebevoll, überzeugt davon:
    In dir ist Gold.


    Ankommen, wie wir sind

    Gott liest unsere Geschichten wie heilige Texte.

    Mit Respekt für das Leben, das wir gelebt haben.
    Mit Freude an dem, was uns geglückt ist.
    Mit Liebe für die Menschen, die wir sind – auch wenn wir selbst uns manchmal nicht mehr lieben können.

    Wir dürfen müde sein und lebendig sein.
    Wir dürfen Spuren zeigen und uns freuen.

    Wir müssen uns nicht verstecken – nicht unsere Müdigkeit, nicht unsere Angst, nicht unsere Verletzlichkeit.

    Denn wir sind gesehen.
    Ganz und gar.

    Von einem, der nach Gold gräbt.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    Psalm 139,1-6 nach BasisBibel.
    Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
    Online: www.die-bibel.de


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Welche „Narbe“ in Ihrem Leben könnte auch Gold sein –
    eine Stelle, an der sich Kraft gebildet hat?

    Wann haben Sie zuletzt gespürt:
    Mein Körper spricht, auch wenn ich schweige?


    Meditativer Nachklang

    Gott,

    du gräbst nach Gold in mir.
    Auch dort, wo ich nur Müdigkeit sehe.
    Auch dort, wo ich nur Narben spüre.

    Hilf mir, mich nicht zu verstecken.
    Hilf mir, anzukommen – wie ich bin.

    Mit meiner Lebendigkeit und meiner Erschöpfung.
    Mit meinen Lachfalten und meinen Sorgenfalten.

    Du siehst mich.
    Ganz und gar.

    Und das ist genug.

    Amen.

    Der Vater, die Quelle, die göttliche Kraft? Vaterunser 2

    Impuls zur Vaterunser-Reihe: „Zwischen Himmel und Herz“


    „Vater unser im Himmel…“

    Diese ersten Worte des bekanntesten Gebets der Welt sind für viele nicht einfach fromme Routine. Sie berühren etwas tief in uns. Manchmal zärtlich, manchmal schmerzhaft. Denn das Wort „Vater“ trägt die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrung in sich: die Sehnsucht nach Geborgenheit ebenso wie die Erinnerung an Enttäuschung, an Abwesenheit, vielleicht sogar an Gewalt.
    Manche können dieses Gebet nicht sprechen. Wegen dieser beiden ersten Worte.

    Jesus wusste das. Als er seine Jünger lehrte, Gott mit „Abba“ anzureden – einem aramäischen Wort, das etwa unserem „Papa“ entspricht –, war das ungewöhnlich.
    Nicht weil niemand vor ihm Gott als Vater angesprochen hätte. Ungewöhnlich war die Selbstverständlichkeit, mit der Jesus diese Beziehung lebte und lehrte.

    Im Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt Jesus uns einen Vater, der alle Konventionen sprengt – der rennt. Ein orientalischer Patriarch läuft aber nicht. Er wartet würdevoll, bis man sich ihm nähert. Ich stelle mir vor, wie die Zuhörer Jesu schmunzelten über diesen alten Mann.
    Und nun sagt Jesus:

    „Schon von weitem sah der Vater ihn kommen. Er hatte Mitleid mit seinem Sohn. Er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“
    (Lukas 15,20, BasisBibel)

    Hier ist ein Vater, der nicht auf seine Würde pocht, sondern auf die Liebe setzt. Der nicht straft, sondern feiert. Der nicht Moral predigt, sondern sich freut über die Heimkehr.

    Für viele Menschen ist das heilsam. Gerade für die, die schwierige Vatererfahrungen gemacht haben, kann die Begegnung mit diesem anderen Bild etwas in Bewegung bringen. Es geht nicht darum, Schmerz zu verdrängen oder zu verharmlosen. Es geht darum zu entdecken, dass es jenseits menschlicher Unzulänglichkeit eine Quelle der Liebe gibt, die nicht versiegt.

    Und doch weiß die Bibel um die Grenzen jedes Bildes. Die Bibel ist voller unterschiedlicher Metaphern für Gott: als Mutter, die tröstet („Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet“, Jesaja 66,13), als Fels, als Quelle, als Licht. Gott lässt sich nicht in einem einzigen Bild fassen. Obwohl manchmal bestimmte Bilder für uns wichtig werden.

    Aber das Bilderverbot des Alten Testaments mahnt uns:
    Gott ist größer als unsere Bilder.
    Das Vaterbild ist ein Fenster –
    nicht die ganze Wirklichkeit.

    Wir können und dürfen Gott nicht festlegen auf bestimmte Bilder.
    Das Vaterunser beginnt deshalb nicht mit einem Dogma, sondern mit einer Einladung. Wir dürfen „Vater“ sagen – oder „Mutter“, „Quelle“, „Kraft“. Wir dürfen uns bergen lassen in dem, was größer ist als unsere Angst, stärker als unsere Sorge, tragfähiger als unsere Zweifel.
    Ganz gleich, welches Bild von Gott uns gut tut.

    Es ist ein Gebet uns einlädt, zu entdecken, zu zweifeln, zu vertrauen – und die eigenen Bilder zu finden. Und sie wieder loszulassen, wenn sie zu eng geworden sind.


    Inspiriert haben mich zu diesen Gedanken der Beitrag von Evelyne Baumberger zum Beginn des Vaterunsers.


    ABENDGEBET

    Du, dessen Name größer ist als alle Worte,
    und der doch nah ist wie ein Atemzug
    wir legen diesen Tag in deine Hände.
    Das Schwere, das wir getragen haben.
    Das Gute, das wir fast übersehen hätten.
    Lass uns in der Stille dieser Nacht spüren:
    Wir müssen nicht festhalten. Wir sind gehalten.
    Schenk uns Ruhe. Und morgen: einen neuen Anfang.
    Amen.


    SEGEN

    Gott segne dich mit dem Vertrauen,
    dass du nicht fallen kannst aus dieser Liebe heraus –
    wie immer du sie auch nennst.

    Gott segne dich mit der Freiheit,
    deine eigenen Worte zu finden
    für das, was größer ist als deine Angst.

    Gott segne dich mit der Stille,
    in der du spürst: Du bist gemeint.
    Du bist willkommen. Du bist zuhause.

    So segne dich der lebendige Gott –
    Vater, Mutter, Quelle, Freund –
    heute und in den Tagen, die kommen.

    Amen.


    FRAGEN ZUM NACHDENKEN –

    fürs Tagebuch oder ein Gespräch

    1. Welches Bild für das Göttliche lässt Sie aufatmen – nicht das, das Sie gelernt haben, sondern das, das sich für Sie richtig anfühlt? Was ist es an diesem Bild, das Sie nährt?

    2. Wenn Sie das Vaterunser für sich persönlich neu beginnen dürften – mit welchen Worten würden Sie anfangen? „Mutter unser…“, „Du, der du mich hältst…“, „Quelle des Lebens…“ – was käme Ihnen in den Sinn?

    Weihnachten in der Klinik – In der Werft, nicht im Palast

    In der Werft, nicht im Palast

    Advent und Weihnachten in der Klinik

    Es kommt ein Schiff, geladen
    bis an sein‘ höchsten Bord,
    trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
    des Vaters ewigs Wort.

    Ich höre das alte Adventslied in diesen Tagen öfter – im Radio, irgendwo zwischen den Fluren.

    Ein Lied aus einer anderen Welt, von draußen, wo Advent stattfindet.

    Hier drinnen ist Advent anders.

    Weihnachten in der Klinik – das klingt nach Stillstand, nach Verzicht, nach einem Fest, das woanders stattfindet.

    Aber das Lied bleibt hängen.

    Besonders diese eine Zeile: „Es trägt ein‘ teure Last.“


    Mein Schiff

    Ich denke an mein eigenes Schiff.

    Das Lebensschiff, das mich hierhergebracht hat.

    Ramponiert, mit einem Riss im Rumpf, der jetzt sichtbar wird.

    Jetzt liegt es hier.
    In der Werft.
    Aus dem Wasser gehoben.

    Was trage ich eigentlich in meinem Schiff?


    Die teure Last

    Teure Last – das Wort ist altmodisch, aber treffend.

    Es meint: kostbar. Wertvoll.

    Die Erinnerungen.
    Die guten.
    Das Lachen, das ich liebe.
    Der Morgen, der mir guttat.
    Das Gespräch, das mich verstand.

    Das alles ist noch da.

    Die Menschen.
    Die, die mir schreiben.
    Die warten.
    Die mein Schiff kennen und trotzdem nicht aufgeben.

    Die Hoffnungen.
    Auch die unerfüllten.
    Die Träume von damals, als der Horizont noch weit war.

    Sie sind nicht verloren, nur tief vergraben.
    Aber sie können wieder ans Licht.

    Und ja, auch das Schwere.
    Die Narben, die Brüche.
    Sie gehören zu mir.
    Sie sind Teil der Geschichte.

    Und Geschichten können weitergehen.


    Im Hafen

    Advent in der Klinik.

    Das Schiff liegt im Hafen.
    Der Anker hält auf festem Grund.

    Ich bin nicht mehr im Sturm, nicht mehr allein zwischen Himmel und Wasser.

    Angekommen – hier, wo ich nicht sein wollte.

    Aber vielleicht ist das der Punkt:

    Ankommen heißt nicht, dass alles gut ist.
    Es heißt, dass ich nicht mehr treiben muss.

    Dass das Schiff gehalten wird.
    Dass jemand hinschaut.
    Und dass die Reparatur beginnen kann.

    Häfen sind keine Endstationen.
    Sie sind Durchgangsorte.

    Orte, an denen man verschnauft, repariert, neu ausrichtet.

    Und dann sticht man wieder in See.


    Weihnachten in der Werft

    Weihnachten in der Klinik ist anders.

    Es ist das Fest, an dem Gott klein wird.
    Verletzlich. Im Stroh, nicht im Palast.

    Vielleicht ist das der Trost:

    Dass Gott genau da geboren wird, wo es nicht perfekt ist.

    In der Werft.
    Im Provisorium.
    Bei mir.

    Dieses Weihnachten wird anders.
    Aber nicht das letzte.

    Es werden andere kommen.

    Solche, an denen ich wieder zu Hause bin.
    An denen mein Schiff wieder fährt.
    An denen die Ladung, die ich hier sortiert habe, mich trägt.


    Das Schiff wird fahren

    Mein Schiff liegt in der Werft, aber das Wasser ist in Sichtweite.

    Das Schiff wird wieder fahren.

    Mit seiner teuren Last.
    Mit allem, was ich bin – dem Schweren und dem Kostbaren.

    Nicht als das alte, unversehrte Schiff.
    Sondern als eines, das Stürme kennt.
    Das Reparatur erfahren hat.
    Und das mich trägt.

    Auch an Weihnachten in der Klinik.

    Für alle, deren Lebensschiff gerade in der Werft liegt – und für die Weihnachtstage, die noch kommen werden.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    „Es kommt ein Schiff, geladen“
    Text: Johannes Tauler (zugeschrieben, um 1300–1361) / Daniel Sudermann (1626)
    Eines der ältesten deutschen Adventslieder


    Fragen zum Nachdenken

    Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch.

    Was ist die „teure Last“ in Ihrem Lebensschiff –
    das Kostbare, das Sie tragen, auch wenn es schwer ist?

    Wenn Sie an Ihr Lebensschiff denken:
    Welche Reparatur braucht es gerade am dringendsten?


    Gebet für die Werft

    Gott,

    mein Schiff liegt in der Werft.
    Ramponiert. Aus dem Wasser gehoben.

    Ich wollte nicht hier sein.
    Aber hier bin ich.

    Du kennst meine teure Last.
    Das Kostbare und das Schwere.
    Die Erinnerungen und die Narben.
    Die Hoffnungen und die Brüche.

    Hilf mir zu glauben:
    Häfen sind keine Endstationen.
    Reparatur ist kein Scheitern.
    Und du wirst genau hier geboren –
    in der Werft, nicht im Palast.

    Lass mein Schiff wieder fahren.
    Wenn die Zeit reif ist.
    Mit allem, was ich bin.

    Amen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr

    Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten.


    1. Das Schiff als Symbol für Maria

    In der christlichen Tradition wurde Maria als „navis gaudiorum“ – „Schiff der Freuden“ – bezeichnet, weil sie Gottes Sohn in die Welt gebracht hat.

    Das Bild stammt aus dem Spätmittelalter: Die Menschen warteten sehnsüchtig auf Handelsschiffe, die aus fernen Ländern Lebensmittel und kostbare Güter brachten.

    Der Textdichter hat dieses Bild auf Maria übertragen: Sie ist das Schiff, das Jesus als „himmlischen Schatz“ zu den Menschen bringt.

    Inspirierende Frage:
    Was könnte es bedeuten, dass auch Sie ein „Schiff“ sind – das etwas Kostbares trägt und zu anderen bringt?


    2. „Teure Last“ – kostbar, nicht schwer

    Das mittelhochdeutsche Wort „tiure“ bedeutet nicht „schwer“, sondern „kostbar, wertvoll“.

    Die „teure Last“ ist also keine Bürde, sondern ein Schatz.

    Das Lied singt davon, dass Gottes Sohn selbst die kostbarste Fracht ist, die je ein Schiff getragen hat.

    Und vielleicht gilt das auch für uns: Was wir tragen – unser Leben, unsere Geschichten, unsere Menschen – ist kostbar, auch wenn es manchmal schwer ist.

    Inspirierende Frage:
    Welche Last in Ihrem Leben könnte auch ein Schatz sein?

    Lass es geschehen.

    Eine Andacht zum Ewigkeitssonntag mit „Let It Be“

    Heute ist Ewigkeitssonntag.

    Ein Tag, der uns daran erinnert: Nichts bleibt, wie es ist.

    Beziehungen zerbrechen. Projekte scheitern. Menschen gehen.
    Und wir selbst – auch wir sind vergänglich.

    Das ist keine düstere Wahrheit. Es ist einfach das Leben.
    Aber es tut weh, das anzunehmen.

    Ich habe Ihnen angekündigt, dass wir heute über ein Lied sprechen – und es nachher auch gemeinsam singen werden.

    „Let It Be“ von den Beatles.

    Ein Lied, das viele von uns kennen. Ein Lied, das manchmal zur rechten Zeit kommt. Das uns berührt, ohne dass wir genau sagen können, warum.

    Es klingt wie ein Gebet – wie eine leise Ermutigung, die uns zuflüstert:
    Lass los. Vertraue.


    Die Erfahrung des Verlusts

    Paul McCartney schrieb „Let It Be“ im Jahr 1969, in einer Zeit voller Spannungen.

    Die Beatles standen kurz vor der Trennung. Vier Freunde, die gemeinsam die Welt verändert hatten, konnten nicht mehr zusammen sein. Es ging um Geld, um Macht, um unterschiedliche Lebenswege.

    Die Band, die für eine ganze Generation stand, zerbrach.

    McCartney war verzweifelt. Er hatte Schlafstörungen, fühlte sich deprimiert und überfordert. Die Welt um ihn herum wurde lauter, hektischer, konfliktreicher.

    Und er spürte: Alles, was ihm wichtig war, hatte keinen Bestand mehr.

    Mitten in dieser Unruhe hatte er einen Traum.

    Seine Mutter Mary – sie war gestorben, als er 14 war – erschien ihm im Traum.

    Und sie sprach zu ihm: Lass es geschehen. Es wird gut. Mach dir keine Sorgen.

    Paul erwachte mit einem tiefen Frieden.
    Und aus diesem Moment entstand das Lied.


    Eine alte Weisheit – in vielen Traditionen

    Was Paul McCartney in diesem Lied ausdrückt, ist keine neue Idee.
    Es ist eine uralte Weisheit, die in vielen Kulturen und Religionen zu finden ist.

    Im Buddhismus geht es darum, das Leben anzunehmen, wie es ist. Nicht gegen das Leiden anzukämpfen, sondern es als Teil des Lebens zu akzeptieren. Das befreit uns von unnötigem inneren Widerstand – und gibt uns Frieden.

    Auch die Stoiker, die alten griechischen Philosophen, kannten diese Weisheit. Sie sagten: Konzentriere dich auf das, was du ändern kannst. Und akzeptiere das, was du nicht ändern kannst. Das ist keine Resignation. Das ist Freiheit.

    Und dann – die Bibel.

    Maria sagt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

    Sie kämpft nicht gegen Gottes Plan. Sie vertraut. Sie lässt sich fallen.

    Das ist keine passive Unterwerfung. Das ist aktives Vertrauen.

    Das ist christliche Spiritualität: Loslassen und sich halten lassen. Von Gott.

    Christlicher Trost heißt nicht nur: Ich akzeptiere, dass alles vergeht.
    Sondern: Ich vertraue darauf, dass Gott neues Leben schafft – über den Tod hinaus.

    Paul McCartney singt diese uralte Weisheit. In einem Popsong. In drei Minuten. Mit einfachen Worten.

    Und erreicht damit Millionen.


    Die Weisheit des Loslassens

    Lass es geschehen – das ist keine billige Vertröstung.
    Es ist eine Weisheit, die schwer zu lernen ist.

    Denn wir wollen oft alles festhalten: Unsere Gesundheit, unsere Beziehungen, unser Glück.

    Wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist.

    Aber das Leben geht weiter.

    Und manchmal geht es darum, loszulassen.

    Nicht, weil es uns egal ist.
    Sondern weil wir spüren: Es gibt eine Kraft, die größer ist als unsere Angst.

    Vergänglichkeit anzunehmen bedeutet nicht, aufzugeben.

    Es bedeutet: Ich kämpfe nicht gegen das Unvermeidliche.
    Ich vertraue darauf, dass mein Leben gehalten ist – auch wenn ich nicht alles in der Hand habe.


    Hoffnung in dunklen Zeiten

    Vielleicht kennen Sie solche Momente.

    Nächte voller Sorgen, Tage voller Zweifel.
    Wo Sie sich fragen: „Wie soll es weitergehen?“

    Und dann kommt – vielleicht mitten in der Nacht – eine Stimme. Eine Eingebung. Ein Moment der Ruhe.

    Vielleicht ist es Gott.
    Vielleicht ist es eine Erinnerung an eine geliebte Person.
    Vielleicht ist es einfach ein leises Wissen: „Es wird gut. Nicht sofort. Aber irgendwann.“

    Das Lied spricht von Worten, die trösten. Von einem Licht, das auch in der dunkelsten Stunde scheint.

    Das ist keine naive Hoffnung.

    Das ist eine Hoffnung, die den Schmerz nicht leugnet.
    Aber sie gibt uns einen Anker. Einen festen Punkt. Mitten im Sturm.

    Es bedeutet nicht, dass der Schmerz verschwindet. Oder dass die Trauer leichter wird.

    Aber es bedeutet: Wir dürfen vertrauen.
    Wir dürfen darauf hoffen, dass unser Leben gehalten ist. Selbst in schwierigen Zeiten.


    Lass es geschehen

    Und vielleicht ist genau das Glaube:

    Nicht, dass immer alles gut läuft.
    Sondern dass wir wissen: Wir sind nicht allein.

    Also: Lass es geschehen. Lass dich halten.

    Gleich werden wir dieses Lied gemeinsam singen.

    Und vielleicht spüren Sie dann: Es ist mehr als ein Popsong.
    Es ist ein Gebet. Ein Trost. Eine Weisheit, die uns trägt.

    Lassen Sie uns einen Moment innehalten.

    Und spüren: Auch wenn vieles vergeht – wir sind geborgen.
    Bei Gott. In seiner Ewigkeit.

    Amen.


    Quellenhinweis:
    „Let It Be“ (The Beatles, 1970)
    Text und Musik: Paul McCartney
    © Sony/ATV Music Publishing LLC


    Fragen zur persönlichen Reflexion
    für das eigene Nachdenken,
    das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch

    1. „Was macht Ihnen mehr zu schaffen: Die schwierige Situation selbst – oder Ihre Gedanken darüber?“
    2. „Wer oder was ist Ihre ‚Mother Mary‘ – die Stimme, die Ihnen in schweren Zeiten sagt: ‚Es wird gut‘?

    Meditativer Nachklang

    Gott,

    manchmal ist es schwer, loszulassen.
    Ich will festhalten, verstehen, kontrollieren.

    Aber du lädst mich ein:
    Lass es geschehen.

    Hilf mir, den Kampf aufzugeben.
    Den Kampf gegen das, was ich nicht ändern kann.

    Und wenn die Nacht mich überwältigt,
    lass mich deine Stimme hören:

    Es wird gut.
    Ich halte dich.

    Amen. 🌱


    Für alle, die Lust haben auf mehr:
    Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten

    Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
    Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
    Hier finden Sie etwas davon.

    GEDANKENSPLITTER 1: Das Gelassenheitsgebet

    „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

    Dieses Gebet wird oft Reinhold Niebuhr zugeschrieben, einem amerikanischen Theologen, der es vermutlich in den 1930er-Jahren formulierte. Es wurde weltbekannt durch die Anonymen Alkoholiker, die es zu ihrem zentralen Gebet machten.

    Aber die Wurzeln sind älter. Bereits die antiken Stoiker – Philosophen wie Epiktet und Marc Aurel – lehrten diese Unterscheidung: Konzentriere dich auf das, was in deiner Macht liegt. Und akzeptiere, was außerhalb deiner Kontrolle ist.

    „Let it be“ singt genau diese Weisheit. Mit einfacheren Worten. Aber der Kern ist derselbe: Die Freiheit liegt nicht darin, alles zu kontrollieren. Sondern darin, loszulassen, was nicht zu ändern ist.

    Zum Weiterlesen:

    Epiktet: Handbüchlein der Moral (Stoische Philosophie)
    Reinhold Niebuhr (1892–1971): Gelassenheitsgebet („Serenity Prayer“), entstanden um 1942, überliefert aus einer Predigt in Heath, Massachusetts (1943) und einem Militärgebetbuch von 1944.

    Gedankensplitter 2: Die Kunst des Annehmens in der Bibel

    „Mir geschehe“ – ein Satz, der die Welt veränderte.

    Als der Engel Maria verkündet, dass sie schwanger werden soll, antwortet sie nicht mit Angst oder Widerstand. Sie sagt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

    Das ist kein passives Sich-Fügen. Das ist aktives Vertrauen.

    Maria steht am Anfang einer langen biblischen Tradition des Annehmens:

    • Hiob, der im tiefsten Leid sagt: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt.“ (Hiob 1,21)
    • Jesus in Gethsemane: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lukas 22,42)
    • Paulus, der mit seinem „Stachel im Fleisch“ leben muss und lernt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Korinther 12,9)

    „Let it be“ ist keine Erfindung der Beatles. Es ist eine uralte spirituelle Haltung: Gott, ich vertraue dir – auch wenn ich nicht verstehe.

    Zum Weiterlesen:

    Korinther 12,7-10: Paulus und die Gnade

    Lukas 1,26-38: Die Verkündigung an Maria

    Hiob 1-2: Annehmen im Leid

    Zwei Akkorde, eine Botschaft – Lady in Black als Friedenshymne

    Predigt zu „Lady in black“ und Engel als Hoffnungsboten


    I. Die Lady in Black erscheint

    Es ist das Jahr 1971.
    Die Rockband Uriah Heep landet mit „Lady in Black“ ihren größten Erfolg.

    Ken Hensley, der Keyboarder, erzählte später (so ist die „Bandlegende“):
    An einem stillen Sonntagmorgen sah er von seinem Hotelzimmer aus eine Frau.
    Ganz in schwarz gekleidet.
    Aufrecht, fast majestätisch schritt sie die Straße entlang.

    Ihre Erscheinung inspirierte ihn.
    Diese Frau in Schwarz, aufrecht und still.
    Sie schien aus einer anderen Welt zu kommen.

    Er setzte sich hin und schrieb die ersten Zeilen zu diesem Lied.

    In diesem Song begegnet ein Mensch in seiner Verzweiflung einer geheimnisvollen Frau.
    Sie gibt ihm Rat.
    Sie symbolisiert Hoffnung, Freundlichkeit und Weisheit – im Gegensatz zur Zerstörung, die ihn umgibt.

    Sie ist eine Hoffnungsgestalt in dunklen Zeiten.

    Und davon möchte ich heute sprechen.



    II. Die Botschaft: Gewalt sät Gewalt

    In dieser Zeit des Jahres steht für viele von uns der Gedanke an Frieden im Vordergrund.
    Volkstrauertag, Buß- und Bettag.
    Die Erinnerung an die Pogromnacht.
    Wichtige Gedenktage, die uns in den kommenden Wochen begleiten.
    Aber: in diesen Wochen geht es in vielen biblischen Texten auch um Engel.

    Und genau davon handelt dieser Song.

    Die Lady in Black will nicht an Kampf denken.
    An etwas, das Menschen ihre Menschlichkeit nimmt.
    Das so leicht beginnt – und kaum mehr zu beenden ist.

    Ken Hensley singt davon, wie Gewalt Menschen verändert.
    Wie schnell Hass gesät ist.
    Und wie schwer es ist, wieder Frieden zu finden.

    Das kennen wir auch aus unserem persönlichen Umfeld:
    Wie leicht ist ein Streit entflammt.
    Wie schwer ist es, ihn zu beenden.
    Wie schnell sind Gewalt und Hass gesät.
    Wie schwer ist es, Versöhnung zu stiften.

    In diesem Song will jemand seine Feinde vernichten.
    Soviel Gewalt ist in seinem Herzen.
    Aber er spürt: Eigentlich geht er in der Dunkelheit.

    Und dann begegnet ihm diese Frau in Schwarz.
    Sie rät ihm davon ab.
    Gewalt sät neue Gewalt.
    So einfach zu beginnen, schier unmöglich zu beenden.

    Sie ermutigt ihn, ihr zu vertrauen.
    Ihre Worte geben ihm die Kraft, einen anderen Weg zu suchen.

    In unseren Tagen wünsche ich mir diese Besonnenheit.
    Die nicht dem Ruf der Rache folgt, sondern andere Wege sucht.



    III. Wer inspiriert uns?

    Dieser Song lässt mich darüber nachdenken:
    Wer inspiriert uns in unserem Leben?

    Vielleicht nicht unbedingt eine Lady in Black.
    Aber gab es Menschen, die uns daran erinnern, was wichtig ist?
    Und was unwichtig?

    Menschen, die uns liebevoll, aber konsequent hinterfragen?
    Die uns auf einen Weg bringen, der neue Kraft gibt?

    Manchmal sind es Weggefährten auf Zeit.
    Manchmal müssen es auch keine Menschen sein.

    Es sind Lieder.
    Worte, die uns jemand sagt.
    Ein Buch, das uns begleitet.

    Für ein Stück Weg leuchtet ein Licht auf, das einen Weg zeigt – heraus aus unserer Dunkelheit.

    Am Ende des Songs bleibt eine Hoffnung:
    Vielleicht begegnet auch uns so eine Gestalt.
    Ein Mensch, ein Wort, ein Moment – der uns auf einen anderen Weg bringt.

    Weg von der Gewalt.
    Hin zur Versöhnung.



    IV. Die biblische Tiefe: Engel als Lebensboten

    Die Bibel erzählt von solchen Begegnungen.
    Von Menschen, die plötzlich auf einen anderen Weg kommen.

    Oft spricht sie dabei von Engeln.

    Nein, nicht die Männer mit Flügeln aus dem Barockgemälde.
    Sondern Boten der Gotteskraft.
    Menschen, Worte, Begegnungen – die unser Leben auf eine neue Spur setzen.

    Da ist Abraham, der drei Männer bewirtet.
    Fremde, die ihm eine Botschaft bringen.
    Erst später ahnt er: Das war mehr als ein Besuch.

    Da ist Jakob, der nachts am Fluss um sein Leben ringt.
    Mit einem, den er nicht sehen kann.
    Bis der Morgen kommt – und er verwandelt ist.

    Da ist Maria, die einen Gruß hört.
    „Fürchte dich nicht.“
    Und ihr Leben ändert sich für immer.

    So verstehe ich die Engel der Bibel:
    Boten des Lebens.
    Die uns inspirieren.
    Die uns manchmal – zum Glück – im Weg stehen.
    Aber immer als Hoffnungsträger.

    Keine Lichtgestalten aus einem anderen Universum.
    Sondern Menschen, die uns stärken.
    Tröstende Worte.
    Ermutigende Begegnungen.
    Inspirierende Lieder.

    Engel können vieles sein:

    Der Satz, der wieder Mut macht.
    Der Mensch, der uns nicht von sich stößt.
    Die Zeilen im Buch, die Wunden heilen.

    Manchmal ein Hindernis, das uns zum Umdenken zwingt.
    Manchmal ein Halt, an dem wir uns festhalten können.
    Das Wunder, das wir nicht erwartet haben.

    So verstehe ich auch diese Lady in Black.
    Als eine Engelsgestalt.
    Eine Hoffnungsbotin in dunklen Zeiten.

    Ein katholischer Freund, selbst Priester, sagte einmal zu diesem Lied:
    Für ihn sei es ein Song über Maria.
    Sie ist diese Lady in black,
    die einen Menschen begleitet und zum Frieden anstiftet.
    Eine Inspiration, die sie Menschen geben kann.

    Ich weiß nicht, ob der Papst diese Auffassung teilt.
    Und als Protestant frage ich da auch mal nach.
    Aber ich kann das gut stehen lassen.

    Denn im Grunde geht es genau darum:
    Um Begegnungen, die uns verwandeln.
    Die uns neue Wege zeigen.
    Die uns Mut machen.

    Und ich wünsche den Kriegstreibern, den Hasserfüllten,
    den Mutlosen und Verwirrten,
    den Suchenden und Neugierigen –
    ich wünsche ihnen einen solchen Engel.

    Der sie erkennen lässt, wie kostbar Frieden ist.
    Wie kostbar Hoffnung und Leben sind.

    Und ich wünsche das auch mir.
    Und Ihnen.



    V. Das Einfache und das Besondere


    Ein paar Gedanken zu einem Rocksong, die ich gerne mit Ihnen teilen wollte.

    Übrigens: es wird ja immer behauptet,
    dass Rockmuiker nur drei Akkorde spielen können.
    Dieses Lied beweist, dass dies eine haltlose Unterstellung ist.
    „Lady in Black“ kann man nur mit zwei Akkorden spielen.
    Damit gehört dieses Lied zu den simpelsten Hits der Rockgeschichte.

    Aber auch zu den besonderen.

    Manchmal braucht es nicht viel.
    Nur das Richtige zur richtigen Zeit.

    Eine Begegnung.
    Ein Wort.
    Ein Lied.

    Amen.


    Hintergrundinfos zum Song aus
    Wikipedia: Die freie Enzyklopädie. Lady in Black (Deutschland).
    URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Lady_in_Black_(Deutschland).
    Revision vom 23. September 2025, 15:47 Uhr. Zuletzt geprüft/Abgerufen am: 22. Oktober 2025.

    Quellenhinweis:
    „Lady in Black“ (Uriah Heep, 1971) – Text und Musik: Ken Hensley – © Dick James Music Ltd. / EMI Music Publishing (heute: Universal Music Publishing Group)


    Fragen zur persönlichen Reflexion
    für das eigene Nachdenken,
    das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch

    1. Stellen Sie sich vor, eine „Lady in Black“ träte in Ihr Leben. Was würde sie Ihnen raten?
    2. Welche Begegnung, welches Wort oder welches Lied hat Sie in letzter Zeit berührt oder inspiriert?

    Meditativer Nachklang

    Gott,

    manchmal gehen wir in Dunkelheit.
    Manchmal tragen wir Wut und Schmerz in uns.

    Schick uns eine Begegnung,
    die uns inne halten lässt.
    Ein Wort, das uns Mut macht.
    Einen Menschen, der uns zeigt:
    Es gibt einen anderen Weg.

    Lass uns Engel sein für die, die sie brauchen.

    Und lass uns selbst welche finden,
    wenn wir sie am nötigsten haben.

    Amen.

    Vom Rockstar, der morgens um Zehn die Sehnsucht fand: Sailing und Psalm 42.“

    Bibeltext: Psalm 42,2-6 (BasisBibel)
    „Wie ein Hirsch nach Wasser lechzt, so sehnt sich meine Seele nach dir, Gott.
    Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott…“
    Mit Bezug zu Rod Stewarts „Sailing“



    Ich hatte es schon angekündigt. Wir singen es heute gemeinsam. Und es wird Teil der Predigt sein:
    Sailing. Rod Stewarts Song über das Segeln, über Heimkehr und Weite.

    Vielleicht geht es Ihnen wie mir. Irgendwie berührt Sie etwas bei diesem Lied.
    Eine Sehnsucht, die Sie nicht genau benennen können.
    Die Melodie, die von Aufbruch erzählt und gleichzeitig von Ankunft.

    Gavin Sutherland, der dieses Lied ursprünglich schrieb, sagte etwas Erstaunliches darüber:
    „Die meisten Leute denken, es geht um einen Mann, der übers Meer zu seiner Geliebten segelt. Aber das stimmt nicht.
    Es ist die Geschichte der spirituellen Odyssee des Menschen auf seinem Weg zur Freiheit und Erfüllung.“

    Genau diese Odyssee beschreibt auch der Psalmdichter vor dreitausend Jahren.
    Psalm 42 beschreibt die spirituelle Sehnsucht als eine Kraft, die uns trägt und uns lebendig macht.
    Genau wie Rod Stewarts „Sailing“ erzählt der Psalm von einer Odyssee, die uns verwandelt, auch wenn wir noch unterwegs sind.

    Die Sehnsucht

    Stellen Sie sich diesen Hirsch vor.
    Ein Geschöpf in der Weite einer Steppenlandschaft, das die Quelle sucht.
    Sein ganzer Körper ist ausgerichtet auf dieses eine: frisches Wasser finden.

    So beschreibt der Psalm unsere Seele.
    Diese ganze Person, die Sie sind.
    Mit unseren Sehnsüchten und Träumen, unseren Hoffnungen und unseren Fragen.

    Kennen Sie dieses Sich-Ausstrecken?
    Dieses Suchen?

    Nach einem Moment der Ruhe.
    Nach einem guten Wort.
    Nach einem Tag, an dem alles sich leichter anfühlt.
    Nach Leben, das sich anfühlt wie Leben.
    Nach etwas, das größer ist als wir selbst.
    Diese Sehnsucht ist nicht das Problem.
    Sie ist das Zeichen, dass wir lebendig sind.

    Aber dann kommt auch der Bruch:
    „Meine Tränen sind mein Brot bei Tag und bei Nacht. Denn man sagt ständig zu mir: Wo ist er denn nun, dein Gott?“
    Die Sehnsucht wird manchmal nicht gestillt.
    Die Sehnsucht scheint auf Leere zu treffen.

    Aber manchmal entstehen die echtesten Momente gerade dann,
    wenn wir uns am verletzlichsten fühlen.
    Wenn wir nicht mehr versuchen, perfekt zu sein,
    sondern einfach nur echt.

    So war es auch bei der Entstehung dieses Songs.
    Rod Stewart. Rockstar. Nachtmensch durch und durch.
    Steht morgens um halb elf im Studio in den Muscle Shoals Studios.
    Früh. Für ihn sehr früh.

    Der Produzent Tom Dowd hatte ihn aus dem Bett geklingelt.
    „Komm sofort ins Studio“, hatte er gesagt.
    Keine Zeit für Aufwärmen, keine Zeit für Rockstar-Allüren.
    Vor ihm saßen die Muscle Shoals Rhythm Section.
    Seine Band für diese Nummer.
    Allesamt Legenden.
    Musiker, die mit Aretha Franklin und Wilson Pickett gearbeitet hatten.
    Stewart sagte später: Er war eingeschüchtert. Nervös.
    Und genau da, in dieser Verletzlichkeit, in dieser ungeschützten Morgenstunde, sang er „Sailing“ in wenigen Takes ein.
    Nicht perfekt. Aber Authentisch.

    Die Schwellenzeit

    Das Lied singt vom Fliegen wie ein Vogel über das Meer. Von einer Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
    Von Freiheit und Weite.
    Die Sutherland Brothers, die „Sailing“ komponierten, wollten dem Lied einen „keltischen Klang“ geben.
    Etwas von dieser alten Weisheit, die um die Übergänge weiß. Um das Dazwischen.

    Es ist ein Lied für die Schwellenzeiten im Leben. Momente zwischen Tag und Nacht.
    Zeiten zwischen dem Alten und dem Neuen.
    Unterwegs sein ist der Ort, wo das Leben sich ereignet.

    „Sailing“ wurde zum Soundtrack für genau solche Momente.
    Abschiede. Neuanfänge. Aufbrüche ins Ungewisse.
    Menschen haben es gespielt, wenn sie Heimat verlassen mussten.
    Wenn sie einen neuen Lebensabschnitt begannen.
    Das Lied weiß: Unterwegs sein gehört zum Menschsein dazu. Immer schon. Seit Jahrtausenden.

    Der Song erzählt vom Segeln und Fliegen – beides Bilder für eine Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
    Wann haben Sie diese Sehnsucht gespürt? Vielleicht beim Blick aus dem Fenster heute Morgen.
    Die Weite des Himmels, die plötzlich größer war als alles, was Sie beschäftigt.
    Ein Moment, in dem das Fenster zum Rahmen wurde für etwas, das Sie nicht greifen können, aber spüren.
    Der Psalm spricht vom „lebendigen Gott“. Nicht von einer Idee oder einem Prinzip, sondern von einer Kraft, die lebendig macht.
    Leben, das sprudelt wie eine Quelle. Leben, das trägt wie der Wind unter den Segeln.

    Diese Kraft ist da.
    Sie ist der Grund, auf dem Sie stehen, auch wenn der Boden manchmal wackelt.
    Sie ist der Horizont, der bleibt, auch wenn Sie den Blick senken.

    Spiritualität ist keine Flucht aus dem Leben, sondern eine Vertiefung hinein.

    Eine Odyssee zu sich selbst durch etwas, das größer ist als wir selbst. Der Weg übers Meer zurück nach Hause.

    Die Hoffnung

    Woher kommt eigentlich diese Sehnsucht?
    Diese Unruhe in uns, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt? Diese Suche nach dem Mehr, nach dem Größeren, nach dem, was trägt?
    Augustinus, der große Kirchenvater, hat es vor 1600 Jahren so gesagt:
    „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“
    Unruhig ist unser Herz.
    Das ist keine Krankheit. Das ist keine Schwäche. Das ist Gottes Spur in uns.

    Gott hat diese Sehnsucht in unser Herz gelegt.
    Wie eine Kompassnadel, die nach Norden zeigt.
    Wie ein innerer Kompass, der uns ausrichtet auf das Lebendige.

    Die Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass uns etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass wir für mehr geschaffen sind.
    Dass da eine Kraft in uns wirkt, die größer ist als wir selbst.
    Und dennoch sagt der Psalmbeter zu sich selbst:
    „Warte nur auf Gott! Ja, ich werde ihm noch danken. Er ist die Rettung für mich, er ist mein Gott.“

    Hören Sie, was er nicht sagt?
    Nicht: Ich bin angekommen.
    Nicht: Ich habe die Antwort gefunden.
    Nicht: Ich habe keine Fragen mehr.

    Sondern: Ich werde noch. Ich warte. Ich bleibe dran.

    Das ist der Mut unserer spirituellen Odyssee. Die Sehnsucht nicht wegzudrücken, sondern als Gottes Ruf zu verstehen.
    Zu segeln, ohne genau zu wissen, wo das Ufer ist – aber zu vertrauen, dass die Sehnsucht selbst schon Gottes Antwort ist.
    Das ist schon segeln. Das ist schon unterwegs sein. Das ist schon vertrauen, dass die Sehnsucht selbst der Weg ist.
    Wie der Hirsch, der dem Duft des Wassers folgt, lange bevor er die Quelle sieht.
    Wie das Lied, das die Weite des Meeres besingt und dabei von Heimkehr träumt.

    Nach Hause

    Rod Stewart singt davon, nach Hause zu segeln, über das Meer. Zu jemandem hin.
    Zu wem? Der Liedtext bleibt offen.
    Der Psalmbeter ist konkreter: „Ich strecke mich aus nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“

    Was bedeutet „nach Hause“?
    Nicht ein Ort, sondern eine Gegenwart. Nicht ein Ankommen, sondern ein Getragenwerden.
    Der lebendige Gott ist nicht das Ziel am Ende der Reise. Er ist die Kraft, die uns trägt, während wir noch unterwegs sind.
    Sie sind unterwegs. Das ist nicht das Problem. Das ist nicht der Mangel. Das ist das Leben selbst.
    Ihre Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass Sie lebendig sind.
    Dass da eine Kraft in Ihnen wirkt, die größer ist als alle Begrenzung.

    Am Ende des Liedes heißt es nicht „I am sailing“, sondern „We are sailing“.
    Wir.
    Nicht: Ich segele einsam übers Meer.
    Sondern: Wir sind unterwegs. Gemeinsam.
    Gleich werden wir dieses Lied zusammen singen. Und vielleicht spüren Sie dann: Diese Odyssee machen wir nicht allein.
    Hier, in diesem Raum. Auf diesem Wasser des Lebens.
    Mit dieser Sehnsucht nach dem Lebendigen, die uns trägt, auch wenn wir noch nicht angekommen sind.
    Heute. Hier. Gemeinsam.

    Amen.


    Quellenverzeichnis:

    Bibeltext:
    Psalm 42,2-6 nach BasisBibel. Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Online: www.die-bibel.de

    Lied „Sailing“:
    Quellenhinweis:
    „Sailing“ (1972)
    Text und Musik: Gavin Sutherland
    © Universal Music Publishing Group / Warner Chappell Music, Inc.
    bekannt durch Rod Stewart (1975)

    Hintergrundinformationen
    Gavin Sutherland zur Bedeutung des Songs:
    Scottish Daily Express (1975), zitiert in: Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
    URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)
    Zitat: „The song’s got nothing to do with romance or ships; it’s an account of mankind’s spiritual odyssey through life on his way to freedom and fulfillment with the Supreme Being.“ (sinngemäß übersetzt)“

    Rod Stewarts Aufnahmesession in Muscle Shoals:
    Mail on Sunday’s Live Magazine (2010), zitiert in: Songfacts – „Sailing by Rod Stewart“
    URL: https://www.songfacts.com/facts/rod-stewart/sailing
    Details: Aufnahme 10:30 Uhr morgens, Tom Dowd als Produzent, 6-7 Takes

    Muscle Shoals Rhythm Section:
    Wikipedia: „Muscle Shoals Rhythm Section“
    URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Muscle_Shoals_Rhythm_Section
    Musiker: Roger Hawkins, Barry Beckett, Jimmy Johnson, David Hood
    Zusammenarbeit mit Aretha Franklin, Wilson Pickett, Percy Sledge

    „Celtic feel“ des Songs:
    Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
    URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)

    Augustinus: Confessiones (Bekenntnisse), I,1.


    Fragen zur persönlichen Reflexion
    für das eigene Nachdenken,
    das Tagebuch
    oder ein vertrauensvolles Gespräch

    1. Welcher Moment der letzten Woche fühlte sich an wie „Wind unter den Segeln“?
    2. Wann in Ihrem Leben war die Sehnsucht nach Transzendenz am stärksten spürbar?

    Meditativer Nachklang

    Du Kraft, die trägt wie Wind und Wasser,
    Du Sehnsucht, die in uns wohnt,
    Du Horizont, der uns ruft –
    lass uns spüren:

    Wir sind unterwegs zu Dir,
    und Du bist unterwegs zu uns.

    In der Weite des Meeres
    und in der Stille unseres Herzens
    finden wir Dich –

    und werden gefunden.

    Amen.


    Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine,
    die übrig blieben beim Vorbereiten

    Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten
    oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
    Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein,
    aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
    Hier finden Sie etwas davon.

    Psalm 42 als Pilgerlied

    Dieser Psalm gehört zu den sogenannten Korachpsalmen, möglicherweise Lieder für den Tempelbesuch.
    Die Sehnsucht ist konkret: nach Jerusalem, nach dem Tempel, nach der Gemeinschaft der Feiernden. Universal gesehen: nach dem Ort, wo Himmel und Erde sich berühren.

    Inspirierende Fragen:
    – Was macht einen Raum zu einem spirituellen Raum?
    – Welche Orte in Ihrem Leben sind „heilige Orte“, wo Sie sich Gott nahe fühlen?

    Quelle: Vgl. Seybold, Klaus: Die Psalmen, HAT I/15, Tübingen 1996, S. 177-180

    Exil und Sehnsucht

    Der historische Kontext: Menschen im babylonischen Exil haben wahrscheinlich diesen Psalm geschrieben. Sie sehnen sich nach Jerusalem. Fern vom Tempel, fern von Heimat. Die Sehnsucht ist geografisch – und zugleich existentiell. Heimweh als Seelensprache.

    Inspirierende Fragen:
    – Was wäre Ihre „Heimkehr“ – wohin sehnen Sie sich zurück?
    – Wo in Ihrem Leben fühlen Sie sich „im Exil“ – fern von sich selbst?

    Quelle: Kraus, Hans-Joachim: Psalmen 1-59, BK XV/1, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 468-474

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