Über sieben Brücken – und einer geht mit
Osterpredigt zu Lukas 24,13–35
Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn
Manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehen
Dieses Lied „Über sieben Brücken“ hat Helmut Richter geschrieben. Ein Leipziger Schriftsteller.
Später hat Karat, damals eine der angesagten DDR-Bands, daraus ein Lied gemacht.
Und Peter Maffay hat erzählt, wie er dieses Lied zum ersten Mal im Radio hörte und dachte: Was ist das für ein schönes Lied? Es hat ihn getroffen, noch bevor er wusste, von wem es war. Und viele kennen es heute von beiden Bands, von Karat und von Peter Maffay.
Doch eigentlich ist es ein seltsames, ja zumindest ungewöhnliches Lied, das wir hier im Ostergottesdienst singen.
Nichts von Gott darin.
Nichts von Jesus.
Nichts von Auferstehung.
Keine Engel, kein leeres Grab.
Nur: der lange Weg. Die Müdigkeit. Das Suchen. Das Vermissen. Das Leben, das sich manchmal schwer anfühlt.
Und doch ist da in diesem Lied eine Ahnung.
Siebenmal wirst du die Asche sein –
aber einmal auch der helle Schein.
Das ist eine existentielle Wahrheit. Es gibt Zeiten, in denen man sich wie Asche fühlt. Ausgebrannt. Grau. Müde. Ohne Glanz. Ohne Kraft. Und trotzdem bleibt irgendwo die Hoffnung, dass das nicht alles war.
Schauen wir mal auf die biblische Geschichte, die uns heute auch begleitet.
Wir haben sie vorhin in der Lesung gehört.
Auch da fühlt es sich zuerst nicht nach Ostern an.
Zwei Jünger, zwei Freunde von Jesus, sind auf dem Weg nach Emmaus, einem kleinen Dorf. Zwei Stunden Fußweg von Jerusalem entfernt.
Es ist wie eine Flucht. Weg von Jerusalem. Weg von dem Ort, an dem ihre Hoffnung zerbrochen ist. Weg von den schrecklichen Erinnerungen an den Tod Jesu. Weg auch von allem, was sie getragen hatte.
Sie gehen.
Und sie reden.
Sie reden über das, was geschehen ist. Über Jesus. Über die Hoffnung, die sie mit ihm verbunden hatten. Über den Tod. Über das Ende.
Und dann sagen sie diesen einen Satz, der alles in sich trägt:
Wir aber hatten gehofft.
Mehr Trauer passt kaum in einen Satz.
Wir hatten gehofft.
Dass es anders wird.
Dass er bleibt.
Dass Gott handelt.
Dass das Leben stärker ist.
Wir aber hatten gehofft.
Vielleicht kennen Sie diesen Satz auch.
Nicht genau mit diesen Worten. Aber als Lebensgefühl.
Ich hatte gehofft, dass es leichter wird.
Ich hatte gehofft, dass ich wieder zu Kräften komme.
Ich hatte gehofft, dass die Angst kleiner wird.
Ich hatte gehofft, dass das, was zerbrochen ist, heil wird.
Und nun gehen sie. Müde. Enttäuscht. Leer.
Asche.
Vielleicht liegt gerade darin die Nähe zu diesem Lied.
Das Lied spricht nicht von Helden. Nicht von Siegern. Sondern von Menschen, die ihre Straße manchmal ohne Blick gehen. Von Menschen, die müde sind schon am Morgen. Von Menschen, die Trost suchen.
So gehen auch diese beiden nach Emmaus.
Nicht strahlend.
Nicht sieghaft.
Nicht österlich.
Eher wie Menschen, die sich das Schöne zurückwünschen.
Manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück.
Die Sehnsucht nach einer Zeit, in der das Leben einfacher war. Heller. Geborgener. Nicht so zerrissen.
Die Emmausjünger wünschen sich den Jesus zurück, den sie kannten. Den Jesus vor Karfreitag. Den Jesus ihrer Hoffnung.
Und während sie so gehen, kommt einer dazu.
Wir als Leser wissen schon längst: Das ist der Auferstandene.
Jesus.
Nur die beiden mit ihren Augen voller Trauer, sie erkennen ihn nicht.
Jesus selbst kam hinzu und ging mit ihnen.
Einfach so.
Nicht mit Glanz.
Nicht mit Posaunen.
Nicht mit Osterfanfare.
Er geht einfach mit.
Das ist vielleicht das Erste, was wir an Ostern lernen können: Der Auferstandene kommt nicht immer so, wie wir ihn erwarten.
Die Jünger erwarten vielleicht das Große.
Das Eindeutige. Den Beweis. Den Durchbruch.
Aber er kommt als Weggefährte.
Als einer, der fragt.
Als einer, der zuhört.
„Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?"
So fragt er.
Und dann erzählen sie. Alles. Ihre Enttäuschung. Ihre Trauer. Ihre ratlose Hoffnungslosigkeit. Sogar von den Frauen erzählen sie, die am Morgen am Grab gewesen waren. Als hätten sie selbst noch kein Verhältnis dazu.
Und der Begleiter hört zu.
Sie kommen nach Emmaus. Der Abend senkt sich. Und Jesus tut so, als wolle er weitergehen.
Da sagen sie:
Bleib bei uns. Denn es will Abend werden.
Sie setzen sich zu Tisch. Er nimmt das Brot. Er spricht das Dankgebet. Er teilt es. Er gibt es ihnen.
Und in diesem Augenblick gehen ihnen die Augen auf.
Sie erkennen ihn.
Nicht unterwegs schon.
Nicht in der Erklärung.
Nicht im richtigen Gedanken.
Sondern in dieser vertrauten Geste.
Und dann ist er verschwunden.
Aber jetzt kommt der eigentliche Ostersatz dieser Geschichte.
Die beiden sagen:
Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege?
Da ist sie wieder, die Sprache des Liedes.
Siebenmal wirst du die Asche sein –
aber einmal auch der helle Schein.
Und die Jünger entdecken plötzlich:
Unter der Asche war die ganze Zeit Glut.
Brannte nicht unser Herz?
Nicht: Wurde unser Leben sofort leicht.
Nicht: Waren alle Fragen geklärt.
Nicht: War der Schmerz einfach weg.
Sondern: Unter der Asche war noch Glut.
Das Leben war nicht fort.
Die Hoffnung war nicht tot.
Sie war verschüttet. Verdeckt. Fast erloschen.
Aber nicht aus.
Das ist für mich ein tiefes Osterbild.
Ostern ist manchmal nicht das große Feuerwerk.
Manchmal ist Ostern die entdeckte Glut unter der Asche.
Vielleicht ist das auch näher an unserem Leben.
Vielleicht erleben die wenigsten von uns Auferstehung als großen Durchbruch. Als plötzliche Klarheit. Als hellen Ostermorgen.
Aber vielleicht kennen wir diese anderen Momente.
Ein Gespräch, nach dem etwas in uns wärmer ist.
Eine Begegnung, nach der wir aufatmen.
Eine vertraute Geste.\
Ein Satz, der uns trifft.
Ein Lied, das uns findet.
So ist es manchmal mit Gott.
Er trifft uns, bevor wir ihn einordnen können.
Er geht mit, bevor wir ihn erkennen.
Er ist da, bevor wir den richtigen Namen für ihn haben.
Und erst im Rückblick sagen wir vielleicht:
Ja.
Da war etwas.
Da war mehr.
Da war Leben.
Da war Gott.
Und dann geschieht noch etwas.
Die beiden bleiben nicht sitzen.
Sie brechen noch in derselben Stunde wieder auf.
Zurück nach Jerusalem.
Zurück in die Nacht.
Zurück zu den anderen.
Das ist auch Ostern:
Dass Menschen wieder aufstehen.
Nicht weil alles gelöst wäre.
Sondern weil etwas in ihnen wieder lebendig geworden ist.
Nicht dass alles schon hell ist.
Sondern dass das Licht schon da ist.
Unter der Asche.
Mitten in uns.
Weil er an unserer Seite geht.
Amen.
Quellenangaben
Liedtext:
„Über sieben Brücken musst du geh’n"
Text: Helmut Richter (1933–2019)
Musik: Ulrich „Ed" Swillms
© 1978 Karat / Edition Peters
Interpretiert von Karat (1978) und Peter Maffay (1980)
Bibeltext:
Lukas 24,13–35 (Lutherbibel 2017 / BasisBibel)
Zwei Fragen zur persönlichen Meditation
-
Wo in meinem Leben fühle ich mich gerade wie Asche – ausgebrannt, grau, ohne Glanz?
Und: Gibt es vielleicht unter dieser Asche noch eine verborgene Glut, die ich noch nicht bemerkt habe?
-
Wann habe ich zuletzt gespürt: „Brannte nicht mein Herz?" – einen Moment, in dem ich erst im Rückblick gemerkt habe, dass Gott da war?
Was war das für ein Moment? Und was hat ihn mir geöffnet?
Meditation: Unter der Asche
Stille. Atem. Ankommen.
Ich sitze hier.
Mit allem, was ich mitbringe.
Mit der Müdigkeit.
Mit der Sehnsucht.
Mit dem, was ich mir zurückwünsche.
Manchmal fühle ich mich wie Asche.
Grau. Ohne Glanz. Ohne Kraft.
Als wäre das Feuer erloschen.
Aber vielleicht ist das nicht die ganze Wahrheit.
Vielleicht ist unter der Asche noch Glut.
Verdeckt. Verschüttet. Fast erloschen.
Aber nicht aus.
Vielleicht war Gott die ganze Zeit da.
Nicht laut. Nicht eindeutig.
Sondern leise. Als Weggefährte.
Als einer, der mitgeht.
Vielleicht brannte mein Herz.
Und ich habe es erst jetzt bemerkt.
Stille.
Gott,
du bist das Feuer unter meiner Asche.
Du bist das Licht, das noch da ist.
Unter der Oberfläche.
Mitten in mir.
Lass mich das spüren.
Nicht als großes Feuerwerk.
Sondern als kleine, warme Glut.
Die reicht.
Amen.
Zwei exegetische Gedanken (die in der Predigt keine große Rolle spielen)
1. Nur einer der beiden Jünger hat einen Namen
In Lukas 24,18 wird nur Kleopas namentlich genannt. Der zweite Jünger bleibt anonym.
Warum?
Die Exegese diskutiert mehrere Möglichkeiten:
- Literarisch: Der namenlose Jünger ist eine Identifikationsfigur – jede Leserin, jeder Leser kann sich selbst in ihn hineindenken. Vielleicht setzen Sie Ihren Namen für ihn ein!
- Historisch: Möglicherweise war der zweite Jünger eine Frau – vielleicht die Frau des Kleopas (vgl. Johannes 19,25: „Maria, die Frau des Kleopas"). Das würde erklären, warum sie nicht namentlich genannt wird (patriarchale Erzählkonvention).
- Theologisch: Die Anonymität unterstreicht: Diese Geschichte ist nicht nur für die Apostel, sondern für alle, die unterwegs sind.
Für die Predigt:
Dieser Gedanke stärkt die Einladung: Du bist gemeint. Du gehst diesen Weg. Du bist der zweite Jünger.
2. Die Emmaus-Erzählung ist lukanisches Sondergut
Die Geschichte steht nur bei Lukas – weder Matthäus noch Markus noch Johannes erzählen sie.
Warum ist das wichtig?
- Lukas hat ein besonderes Interesse an Weggeschichten (vgl. Lk 9,51: „Jesus machte sich auf den Weg nach Jerusalem"; Apg 9: Paulus auf dem Weg nach Damaskus).
- Lukas betont: Christusbegegnung geschieht unterwegs – nicht im Tempel, nicht in der Synagoge, sondern auf der Straße, im Alltag, im Gehen.
- Die Emmaus-Erzählung ist eine Schule des Erkennens: Wie erkenne ich den Auferstandenen? Nicht durch Beweise, sondern durch Präsenz, Schrift und Brotbrechen.
Für die Predigt:
Dieser Gedanke stärkt die Aussage: Gott begegnet uns nicht nur in heiligen Räumen, sondern mitten im Leben – auf dem Weg, im Gespräch, im Alltag.