Klinikseelsorge im Evangelischen Dekanat Nassauer Land

Kategorie: Psalm 139

Wenn die Seelen-Landschaft wild wird

Eine Predigt zu Psalm 139,19-24

Die ersten achtzehn Verse dieses Psalms sind schön.
Fast kitschig schön.

Gott, du kennst mich. Du umgibst mich.

Eine sanfte Landschaft. Alles ist hell und freundlich.

Und dann, ab Vers 19, reißt etwas auf.

„Gott, bring doch die Frevler um!“

Die Stimme wird hart. Unversöhnlich.

Und plötzlich stehen wir vor einem Dschungel.
Wild. Undurchdringlich. Gefährlich.


📖 Psalm 139,19-24 (BasisBibel)

Ach Gott! Ich wünschte mir,
dass du die Frevler tötest!
Und ihr Mörder, lasst mich doch endlich in Ruhe!
Ja, sie widersetzen sich dir in böser Absicht,
voller Tücke erheben sie sich, deine Feinde!
Sie hassen dich, Herr.
Sollte ich sie nicht hassen?
Sollte ich deine Widersacher nicht verabscheuen?
Ja, ich hasse sie mit aller Leidenschaft.
Zu Feinden sind sie für mich geworden.
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz!
Verstehe mich und begreife, was ich denke!
Sieh doch, ob ich auf einem falschen Weg bin,
und führe mich auf dem Weg, der Zukunft hat!


Dürfen wir hineinschauen?

Viele von uns haben gelernt, diesen Teil der Seele zu meiden.

Die Wut. Die Aggression.

Gesellschaftlich werden wir dafür oft kritisiert.
Kirchlich manchmal auch.

„Ein Christ sollte nicht so reden.“
„Du musst vergeben, nicht wütend sein.“

Wir bleiben lieber in der gepflegten Landschaft.
Dort ist es sicher.

Aber der Psalm lädt uns ein, auch den Dschungel zu erkunden.

Nicht, um dort zu bleiben.
Nicht, um uns darin zu verlieren.
Aber auch nicht, um ihn um jeden Preis zu meiden.

Denn im Dschungel der Seele wächst etwas, das in der gepflegten Landschaft verkümmert:
das wilde, ungezähmte Leben.

Gott lädt uns ein, diesen Ort zu erkunden.
Nicht allein. Sondern gemeinsam.

Drei Orte gibt es zu erkunden.
Schritt für Schritt. Ohne Eile.


Was wächst im Unterholz der Seele?

Die erste Station ist die Wut.

„Gott, bring doch die Frevler um!“, schreit der Psalmist.
„Ich hasse sie mit unversöhnlichem Hass.“

Das ist nicht schön und nicht spirituell.
Das ist roh.

Aber es ist auch ehrlich.

Die Wut ist der Schutzreflex der Seele.
Sie sagt: Bis hierher und nicht weiter.

Ich muss nicht alles akzeptieren.
Ich muss nicht jeden Menschen in mein Leben lassen.
Ich darf mich selbst schützen.

Wer sind Ihre Feinde?

Vielleicht sind es nicht einmal andere Menschen.

Vielleicht sind es die Leitsätze Ihres Lebens, die Sie verinnerlicht haben.

Sätze wie:
Du bist nicht gut genug.
Du musst perfekt sein.
Du darfst nicht scheitern.

Diese Leitsätze sind Eindringlinge.
Sie gehören nicht zu Ihnen.

Und der Psalm gibt Ihnen die Erlaubnis, sie zu benennen.
Mit aller Härte.

Das ist keine Sünde. Das ist Selbstschutz.

Die Wut ist wie das dichte Unterholz im Dschungel.
Sie wirkt bedrohlich. Aber sie schützt auch.

Sie zeigt: Hier ist Leben. Hier ist Kraft.


Wo finden Denken und Fühlen wieder zusammen?

Die zweite Station führt tiefer hinein.

„Erforsche mich, Gott, erkenne mein Herz“, betet der Psalmist.
„Prüfe mich, erkenne mein Denken.“

Das Herz – auf Hebräisch lev – ist in der biblischen Sprache der Ort des Denkens.

Das andere hebräische Wort – kilyot, die Nieren – meint den Ort des Fühlens.

Vielleicht kennen Sie die Redewendung: Etwas auf Herz und Nieren prüfen.
Sie hat hier ihren Ursprung. In diesem Psalm.

Alles anschauen. Gründlich. Nichts auslassen.

Denken und Fühlen.

Und hier kommt etwas Entscheidendes:

Gott hat die Nieren geschaffen.

Am Anfang des Psalms hieß es doch schon mal: „Du hast meine Nieren bereitet.“

Das bedeutet: Auch meine Gefühle, ja auch Wut und Zorn, sind Gottes Sache.
Sie sind nicht ein Betriebsunfall.
Sie sind gewollt. Sie gehören zu mir.

Denken und Fühlen gehören zusammen.
Aber oft sind sie getrennt.

Das Denken sagt: Ich schaffe das noch.
Das Fühlen schreit: Ich kann nicht mehr.

Der Psalm lädt zur Integration ein.

Gott soll beides prüfen.
Denn nur wenn beide gehört werden, finden Sie den Weg, der Ihnen dient.

Der Psalm sagt: Sie müssen diese Integration nicht allein schaffen.

Gott will Ihnen helfen, die beiden Stimmen wieder zusammenzubringen.
Denn Gott hat beide geschaffen. Und Gott kennt beide.


Am tiefsten Ort des Dschungels

Der Psalm endet mit diesen Worten:

Erforsche mich, Gott, erkenne mein Herz,
prüfe mich, erkenne mein Denken!
Sieh, ob ich auf einem Weg bin, der dir Schmerzen bereitet,
leite mich auf dem Weg, der ewig trägt!

Nach zweiundzwanzig Versen Intimität mit Gott sagt der Beter:
Schau noch mal hin. Ich durchschaue mich selbst nicht.

Das ist keine Schwäche. Das ist Ehrlichkeit.

Diese radikale Bitte:
Sieh mich an. Ganz.
Mit meiner Wut. Mit meiner Verwirrung. Mit meinen komplizierten Gefühlen.
Mit allem, was in mir ist.

Am tiefsten Ort des Dschungels meiner Seele ist noch einmal Gott.

Aber hier ist auch er anders.

Wir erkennen etwas an Gott, was wir oft ausblenden.
Wilder. Leidenschaftlicher. Ungezähmt.

Ein Gott, der Partei ergreift.

Und gerade deshalb ganz zugewandt bleibt. Gerade hier.

Gott sieht mich und verwirft mich nicht.
Gott kennt mein Herz und meine Nieren und hält seine Hand über mir.
Gott weiß um meine Wut, meine Zweifel, meine Dunkelheit und bleibt.

Das bedeutet nicht, dass alles an mir gut ist.
Es bedeutet nicht, dass ich keine Korrektur brauche.

Der Psalm bittet ja ausdrücklich: Zeig mir, wo ich falsch abbiege. Leite mich.

Aber diese Korrektur kommt nicht als Verdammung.
Sie kommt als Führung.

Gott sagt nicht: Du bist falsch.
Gott sagt: Du gehst einen Weg, der dich zerstört. Lass mich dir einen anderen zeigen.

Im Dschungel der Seele können wir uns verlaufen.
Aber wir sind nicht allein.

Gott geht mit. Und Gott kennt den Weg hinaus.


Was bleibt

Der Dschungel der Seele ist kein Ort, an dem wir dauerhaft leben sollten.

Aber er ist der Ort, an dem das wilde, ungezähmte Leben wächst.

Die Wut, die uns schützt.
Die Gefühle, die uns leiten.

Gott lädt uns ein, diesen Ort zu erkunden.
Nicht allein. Sondern gemeinsam.

Sie dürfen wütend sein auf das, was Ihnen schadet.
Sie dürfen sich zeigen, wie Sie sind, mit all Ihren komplizierten Gefühlen.
Sie dürfen sich Gott anvertrauen, auch dort, wo Sie Korrektur brauchen.

Denn das Gesehen-Werden durch Gott ist keine Bedrohung.

Es ist Befreiung.

Amen.


Quellenhinweis:
Psalm 139,19-24 nach BasisBibel.
Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Online: www.die-bibel.de


Fragen zum Nachdenken

Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch.

Welche Leitsätze Ihres Lebens schaden Ihnen –
und wie könnten Sie sich davon abgrenzen?

Hören Sie gerade mehr auf Ihr Denken oder auf Ihr Fühlen –
und was würde die andere Seite Ihnen sagen?


Im Dickicht

Gott,

du kennst die wilden Orte in mir.

Die Wut, die ich nicht zeigen darf.
Die Gefühle, die ich nicht verstehe.
Die Leitsätze, die mich gefangen halten.

Du hast mein Herz geschaffen.
Du hast meine Nieren bereitet.

Nichts an mir ist dir fremd.

Hilf mir, auch die dunklen Orte zu erkunden.
Nicht allein.
Sondern mit dir.

Zeig mir, wo ich mich selbst zerstöre.
Und leite mich auf dem Weg, der mir dient.

Amen.

Das heilige Unfertige.

Eine Predigt zu Psalm 139,13-18

📖 Psalm 139,13-18 (BasisBibel)

Ja, du hast meine Nieren geschaffen,
mich im Bauch meiner Mutter gebildet.
Ich danke dir und staune,
dass ich so wunderbar geschaffen bin.
Ich weiß, wie wundervoll deine Werke sind.
Nichts war dir unbekannt am Aufbau meines Körpers,
als ich im Verborgenen geschaffen wurde –
ein buntes Gewebe in den Tiefen der Erde.
Ich hatte noch keine Gestalt gewonnen,
da sahen deine Augen schon mein Wesen.
Ja, alles steht in deinem Buch geschrieben:
Die Tage meines Lebens sind vorgezeichnet,
noch ehe ich zur Welt gekommen bin.
Wie kostbar sind für mich deine Gedanken, Gott!
Wie zahlreich sind sie doch in ihrer Summe!
Wollte ich sie zählen: Es sind mehr als der Sand.
Würde ich erwachen: Noch immer bin ich bei dir.


„Ich kann das nicht sagen“

Vor einigen Monaten erzählte mir eine Patientin
im Anschluss an das Abendgebet,
wie gut ihr das tut.

Aber es gibt eine Stelle,
die für sie schwer ist.

Wenn beim Gebet gesagt wird:
„Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin“,
dann kann sie einfach nicht mitsprechen.

Wie soll man „wunderbar“ sagen,
wenn der eigene Körper nicht mehr mitmacht?
Wenn nichts mehr funktioniert, wie es soll?
Wenn man sich selbst fremd geworden ist?


Was sieht Gott, wenn er uns ansieht?

Der Psalmsänger –
denn ursprünglich war dieses Gebet ein Gesang –
wagt in unserem Bibeltext eine ungewöhnliche Formulierung.

Er schaut zurück an den Anfang, in die Zeit vor der Zeit.

Und er entdeckt dort etwas Erstaunliches:

„Noch unfertig erblickten mich deine Augen.“

Das hebräische Wort, das hier steht, heißt golem.
Es bedeutet wörtlich: das noch nicht Ausgeformte.
Die ungeformte Masse. Der Embryo.

Gott sieht uns, bevor wir fertig sind.
Bevor wir Gestalt annehmen.
Bevor wir irgendetwas leisten können.

Und was tut Gott mit diesem unfertigen Wesen?

Er webt es.
Er stickt es kunstvoll.
Er formt es mit der Sorgfalt eines Künstlers.

„Du hast mich gewebt im Leib meiner Mutter“, sagt der Psalm.

Nicht gehämmert, nicht gegossen, nicht konstruiert.
Gewebt.

Wie einen kostbaren Stoff.
Mit unendlicher Geduld.


Die Revolution des Unfertigen

Hier liegt das Besondere dieses Textes:

Gott wartet nicht, bis wir fertig sind, um uns zu lieben.

Er liebt das Unfertige.
Er sieht Schönheit im Prozess, nicht erst im Produkt.

„Meine Knochen waren nicht vor dir verborgen“, heißt es weiter.

Die Knochen – das Gerüst, die Struktur, das, was uns Halt gibt.

Gott kennt unser Gerüst.
Er weiß, wo es brüchig ist.
Wo alte Brüche schlecht verheilt sind.
Wo die Statik wackelt.

Und wo wir stark sind.

Und trotzdem – nein, gerade deswegen – sagt der Psalmsänger diese unglaublichen Worte:

„Ich danke dir, dass ich auf erstaunliche Weise wunderbar geschaffen bin.“

Nicht: Ich werde wunderbar sein, wenn…
Nicht: Ich war mal wunderbar, bevor…

Sondern: Ich BIN wunderbar geschaffen.

Jetzt.
So.
Unfertig.


Und wenn Sie das nicht sagen können?

Wenn Sie das heute nicht sagen können?
Wenn sich alles in Ihnen dagegen sträubt?

Dann ist das auch heilig.

Dann dürfen Sie schweigen, wo andere sprechen.
Dann spricht Gott vielleicht gerade in Ihrem Schweigen.

Denn „wunderbar“ heißt hier ja gerade nicht: perfekt.

Das hebräische Wort bedeutet eigentlich: zum Staunen.
Etwas, das einen innehalten lässt.
Etwas, das man nicht gleich versteht.

Sie sind zum Staunen.

Nicht weil alles an Ihnen stimmt.
Sondern weil Sie ein Geheimnis sind.
Ein heiliges Rätsel.

Manchmal auch für sich selbst.


Wo wohnt das Heilige?

Wir suchen das Heilige oft in der Perfektion.

Im gesunden Körper.
Im starken Glauben.
Im geordneten Leben.

Aber dieser Psalm erzählt eine andere Geschichte.

Das Heilige wohnt im Verborgenen.

„Als ich im Verborgenen gemacht wurde“, sagt der Text.

Das Heilige braucht kein Scheinwerferlicht.
Es braucht keine Bühne.

Es entsteht im Verborgenen, im Unfertigen, im Verletzlichen.

Ihre Nieren, sagt der Psalm, hat Gott gebildet.

Warum betont er gerade die so sehr?

Nun, in der Vorstellungswelt der Antike
waren die Nieren – auf Hebräisch kilyot – der Ort der Gefühle.
Wo Angst sitzt und Sehnsucht.
Die Hoffnung und das Staunen.

Auch das hat Gott geformt.
Auch das ist Teil des Gewobenen.


Sie müssen nicht fertig werden

Gott wartet nicht auf Ihre Fertigstellung.
Er ist jetzt schon da.

Sie müssen sich nicht erst fertig machen.
Sie müssen auch nicht „wunderbar“ sagen können.

Sie sind geliebt im Werden.

Nicht trotz Ihrer Unfertigkeit.
Sondern in ihr.

Sie sind kein Projekt, das repariert werden muss.
Sie sind ein Mensch, der geliebt wird.

Genau so.
In Ihrer heiligen Unfertigkeit.

Und Gott, der Weber, legt die Fäden nicht aus der Hand.

Er webt weiter.
Zärtlich.
Geduldig.

An seinem heiligen Unfertigen.

An Ihnen,
an Dir,
an mir.

Amen.


Quellenhinweis:
Psalm 139,13-18 nach BasisBibel.
Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Online: www.die-bibel.de


Fragen zum Nachdenken

Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch.

Wo in Ihrem Leben spüren Sie gerade
das „Unfertige“ – und wo könnte darin
auch etwas Heiliges liegen?

Gibt es einen Teil von Ihnen,
den Sie als „nicht wunderbar“ empfinden?
Was würde sich ändern, wenn Gott
gerade diesen Teil mit Liebe ansieht?


Meditativer Nachklang

Gott, du Weber,

du hast mich gewoben
mit unendlicher Geduld.

Du siehst mich unfertig
und liebst mich trotzdem –
nein: gerade so.

Hilf mir, mich anzunehmen
in meiner heiligen Unfertigkeit.

Lass mich spüren:
Ich muss nicht fertig sein,
um geliebt zu werden.

Ich bin dein Werk.
Jetzt. So.

Amen.


Für alle, die Lust haben auf mehr

Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten.


1. Das Wort golem (V. 16)

Das hebräische Wort golem kommt in der ganzen Bibel nur ein einziges Mal vor – hier in Psalm 139,16.

Es bedeutet „das noch nicht Ausgeformte“.

Später wurde daraus in der jüdischen Mystik die Legende vom Golem – einer Figur aus Lehm, die durch göttliche Kraft zum Leben erweckt wird.

Aber hier, in Psalm 139, ist golem kein Monster.
Es ist ein Kosename Gottes für uns.

„Mein Unfertiges“, sagt Gott.
„Mein noch nicht Ausgeformtes.“

Inspirierende Frage:
Was wäre, wenn Gott Sie gerade in Ihrer Unfertigkeit am liebsten hat?


2. Die Nieren als Sitz der Gefühle (V. 13)

Im Hebräischen heißen die Nieren kilyot.

In der antiken Vorstellungswelt waren sie der Sitz der innersten Gefühle – ähnlich wie wir heute vom „Herzen“ sprechen.

Wenn Gott die Nieren „gebildet“ hat, dann hat er auch unsere Gefühlswelt geformt:
die Angst, die Sehnsucht, die Hoffnung, das Staunen.

Auch das ist „wunderbar geschaffen“.

Inspirierende Frage:
Welche Gefühle tragen Sie gerade in sich – und könnten auch sie Teil des „Gewobenen“ sein?

Wohin soll ich gehen? – Eine Predigt zu Psalm 139,7-12

📖 Psalm 139,7-12

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.


David fragt

„Wohin soll ich gehen vor deinem Geist?“

Das klingt nach Flucht.
Aber es ist Staunen. Es ist Neugier.

Wo könnte ich eigentlich hingehen, wo du nicht bist?

David will die Grenzen ausloten.
Er will wissen: Wie weit reicht diese Nähe?
Wo bist du nicht?

David macht eine Entdeckungsreise.

Er durchmisst die Welt.
Er durchmisst das Leben.

Und findet überall dasselbe:
Du bist da.

Das ist keine Bedrohung. Das ist Staunen.

Das ist seine Erfahrung: Es gibt keinen Ort, wo Gott die Menschen verlässt.


Und ich merke, wie mir das zu glatt wird

Zu schöngefärbt und zu fromm.

Ich möchte David widersprechen.
Dazwischenrufen:

Es gibt doch auch diese Orte, die nicht sein sollten.

Orte der Gewalt.
Orte, wo das Leben zerbricht.

Ist Gott auch da?

Und – ich ahne gleichzeitig,
wenn ich die Bibel lese,
die Geschichte von Hiob,
die Geschichte von Jesus am Kreuz,
wenn ich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ singe,
geschrieben im Gefängnis der Gestapo, Dezember 1944:

Gottes Gegenwart dort ist Mitleiden.

Nicht Billigung. Sondern Solidarität.


„Auch Finsternis leuchtet“

Ich glaube, nur wenn man sich das eingesteht,
wird deutlich, wie tief die Worte von David sind, wenn er schreibt:

„Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir.“

David tastet sich vor. Bis in die Dunkelheit hinein.

Und findet: Auch dort – Gegenwart.

„Die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.“

Du bist da.

Nicht als der, der alles rechtfertigt.
Sondern als der, der mitgeht.
Als der, der aushält.
Als der, der bei den Leidenden bleibt.

Das ist die Hoffnung des Psalms.


Die Flügel der Morgenröte

Und David nimmt uns weiter mit in diese Welterkundung,
die gleichzeitig eine Lebenserkundung ist:

Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.

Himmel – das ist nicht nur der religiöse Raum.
Das ist auch der Moment, wenn Ihnen das Herz aufgeht.
Wenn Sie merken: Das Leben ist schön.
Wenn Sie sich frei fühlen.

Du, Gott, bist dort.

Totenreich – das ist nicht nur das Jenseits.
Das ist auch die Zeit, wenn Sie sich wie begraben fühlen.
Wenn die Depression Sie nach unten zieht.
Wenn Sie erschöpft sind und nicht mehr können.

Und auch dort: Gegenwart.

Morgenröte – das ist der Aufbruch.
Der Neuanfang.
Wenn Sie spüren: Jetzt geht es weiter.
Wenn neue Hoffnung kommt.

Äußerstes Meer – das ist die Grenze.
Das Unbekannte.
Wenn Sie nicht wissen, was kommt.

Aber es lässt sich spüren:

Gottes Gegenwart ist nicht nur dort, wo wir ankommen.
Sondern schon unterwegs.
Schon in der Suche.

In der Tradition der Sufis, zu denen der persische Mystiker Rumi gehörte, gibt es einen ähnlichen Gedanken (Oft Rumi zugeschrieben, eine gesicherte Originalquelle ist jedoch nicht nachweisbar.):

„Ich suchte Gott und fand nur mich selbst.
Ich suchte mich selbst und fand nur Gott.“

Die Suche selbst ist schon Begegnung.


Die Hand, die hält

„So würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.“

Die Hand Gottes.
Ein menschliches Bild für etwas Größeres.

Gott hat keine Hand, wie wir sie haben.
Gott ist mehr als jedes Bild.

Aber die Bibel wählt Bilder, die wir fühlen können.
Weil wir Menschen sind. Weil wir Körper sind.

Und wir wissen, was Hände tun:

Eine Hand, die Ihre Stirn berührt, wenn Sie Fieber haben.
Eine Hand, die Ihre Hand hält, wenn Sie Angst haben.
Eine Hand, die Ihren Rücken stützt, wenn Sie schwanken.

Vielleicht kennen Sie solche Hände:
Hände, die getröstet haben.
Hände, die ermutigt haben.
Hände, die einfach da waren.

Gottes Hand ist wie diese Hände – und mehr.

Sie ist die Gegenwart, die Sie hält, auch wenn niemand sichtbar da ist.
Sie ist die Kraft, die Sie trägt, auch wenn Sie sich kraftlos fühlen.

Nicht Festklammern. Sondern Sicherheit.

Wie ein Geländer, das da ist, wenn Sie es brauchen.
Wie ein Arm, der Sie stützt, wenn Sie schwanken.


Überall zuhause

Die große Entdeckung des Psalms:

„Ich bin gehalten.“

Das ist keine Bedrohung. Das ist Geborgenheit.

Sie müssen nicht woanders hin.
Sie sind schon da, wo Gott ist.

Der Alltag ist heiliger Raum.

Der Himmel, die Erde,
die Morgenröte und das äußerste Meer.

Heiliger Raum,
weil Gott da ist.

Amen.


Quellenhinweis:
Psalm 139,7-12 nach Luther 1984. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten treu und still umgeben“, in: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 8: Widerstand und Ergebung, hrsg. von Christian Gremmels u. a., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998.


Fragen zum Nachdenken

Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch.

Wann haben Sie schon einmal gespürt,
dass Sie in schwierigen Momenten nicht allein waren?
Was hat Ihnen damals geholfen?

Wie stark spüren Sie gerade jetzt,
dass Sie „zuhause“ sind – auch wenn vieles unsicher ist?
Was könnte Ihnen helfen, dieses Gefühl zu vertiefen?


Meditativer Nachklang

Gott, du Grund meines Gehens,

in dir bewege ich mich
und bin ich zuhause.

Wo ich auch bin – du bist da.
Was ich auch durchmache – du gehst mit.

Lass mich spüren:

Ich bin getragen.
Ich bin begleitet.
Ich bin zuhause in dir.

Amen.


Für alle, die Lust haben auf mehr

Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten.

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten
oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein,
aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.

Hier finden Sie etwas davon.


1. Die Flügel der Morgenröte (V. 9)

Im Hebräischen steht hier ein Bild, das nach Geschwindigkeit klingt, nach Licht, nach dem schnellsten Moment des Tages.

David wählt bewusst das schnellste Bild seiner Zeit.

Heute würden wir sagen: „Nähme ich die Geschwindigkeit des Lichts.“

Die Ironie: Selbst mit übermenschlicher Geschwindigkeit kann man Gott nicht „abhängen.“

Inspirierende Frage:
Welche „Lichtgeschwindigkeit“ kennen Sie in Ihrem Leben – Momente, wo alles ganz schnell geht?
Haben Sie schon erlebt, dass Gott auch in diesen rasanten Zeiten bei Ihnen war?


2. Das äußerste Meer (V. 9)

In der hebräischen Kosmologie der Westrand der Welt.
Wo das Meer das Chaos berührt.

Der Ort maximaler Gottferne in der Vorstellungswelt Israels.

Dass Gott auch dort präsent ist, sprengt konventionelle Theologie.

Inspirierende Frage:
Was ist für Sie das „äußerste Meer“ – der Ort, wo Sie sich am weitesten von allem Vertrauten entfernt fühlen?
Könnten Sie sich vorstellen, dass auch dort Gottesgegenwart möglich ist?


Gott gräbt nach Gold – eine Predigt zu Psalm 139,1-6

Der Psalm 139 gehört zu den schönsten und poetischsten Texten der Bibel.
Es ist wie das Gebet eines Dichters oder einer Dichterin.

Und ich lade Sie ein, in den kommenden vier Abendgebeten diesem Text nachzuspüren.

Die Texte dazu können Sie auf meiner Homepage „mitmenschpfarrer.de“ nachlesen, auch wenn Sie nicht mehr hier in der Klinik sind.

Heute beginnen wir mit den ersten Versen dieses Psalms, dieses Liedes:


📖 Psalm 139,1-6 (BasisBibel)

HERR, du hast mich erforscht und du kennst mich genau.
Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.
Du erkennst meine Gedanken schon von fern.
Du beobachtest mich, ob ich gehe oder liege,
und bist vertraut mit all meinen Wegen.
Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge,
da weißt du, HERR, schon genau, was ich sagen will.
Von allen Seiten hast du mich umschlossen.
Du hast deine Hand auf mich gelegt.
Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich,
zu hoch – ich kann sie nicht fassen.


Gott gräbt nach Gold

„Du hast mich erforscht“ – das klingt erst mal bedrohlich, oder?

Als würde jemand mit der Lupe über mich gehen.
Als würde einer in meinen Wunden herumstochern.

Aber das hebräische Wort, das hier steht – chaqar – erzählt eine ganz andere Geschichte.

Es bedeutet wörtlich: „tief graben“, „nach Bodenschätzen suchen“.

Es ist das Wort für Goldgräber und Archäologen.
Für Menschen, die mit unendlicher Geduld Schicht um Schicht abtragen, weil sie überzeugt sind: Da ist etwas Kostbares verborgen.

Gott ist kein Inspektor, der Fehler sucht.
Gott ist ein Goldgräber, der Schätze freilegt.

Das verändert alles.

Denn vielleicht sitzen wir hier und denken: Was gibt es da noch zu entdecken?

Mein Körper ist müde.
Meine Haut erzählt von Schmerzen.
Meine Hände zittern.

Was soll daran kostbar sein?

Aber Gott gräbt tiefer.

Er sieht nicht nur die Oberfläche.
Er sieht die Goldadern, die durch unser Leben laufen – auch wenn sie von Schmerz und Angst überlagert sind.

Auch wenn wir sie selbst nicht mehr sehen.


Die Geschichten unserer Körper

„Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.“

Unsere Art zu sitzen erzählt Geschichten.

Ich lehne mich zurück und lache, weil jemand eine gute Geschichte erzählt.
Ich lasse mich fallen ins weiche Kissen, weil es einfach gut tut.
Ich setze mich vorsichtig hin, weil der Rücken schmerzt.
Ich richte mich auf, wenn Besuch kommt und ich noch mal Kraft finde.

All das ist mit Augen der Liebe gesehen.

Die Lebendigkeit und die Müdigkeit.
Das Genießen und der Schmerz.

Gott gräbt nach beidem:
Nach den leuchtenden Momenten UND nach der Kraft, die sich im Schweren gebildet hat.

Die Falten um unsere Augen – Lachfalten und Sorgenfalten – sind beides Gold.

Sie erzählen von einem Leben, das nicht nur ertragen, sondern auch genossen wurde.
Von Momenten, in denen wir lebendig waren.
Von Menschen, die uns zum Strahlen brachten.

Und ja: auch von der Last, die wir tragen.
Von dem, was schwer war.

Aber dieser Psalm sagt: Du kannst aufhören, dich zu verstecken.

Denn der Goldgräber-Gott gräbt durch alle Schichten:
durch die Freude UND durch die Erschöpfung.

Und findet überall Kostbares:
deine Lebendigkeit, die sich nicht unterkriegen lässt.
Deine Fähigkeit zu lachen.
Dein Durchhalten.
Deine Würde.


Die Sprache des Körpers

„Du erkennst meine Gedanken schon von fern.
Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge,
da weißt du schon, was ich sagen will.“

Unsere Körper sprechen, auch wenn wir schweigen.

Die Freude, die mich überrascht – mein Körper weiß davon.
Das Lachen mit anderen, das mich leicht macht – es zeigt sich in meinen Augen.
Die Trauer, die ich in mir trage – sie liegt in meinen Schultern.
Die Angst, die ich nicht zeigen will – sie zeigt sich im flachen Atem.

All das ist bereits erkannt.
Schon bevor wir es in Worte fassen.

Und Gott versteht diese Sprache.

Besser als jeder Therapeut, besser als jede Pflegekraft, so gut sie auch sein mag.

Es gibt Momente, da kann ich nicht beten.
Da sind die Fragen zu groß und die Antworten zu klein.

Aber mein Körper betet weiter.

Mein Atem betet.
Meine müden Hände beten.
Das Lachen, das plötzlich durchbricht, ist auch Gebet.

Das Schweigen ist Sprache.
Die Freude ist Sprache.
Die Erschöpfung ist Sprache.

Und der Goldgräber-Gott?

Der gräbt nach dem Gold:

In der Stille.
Im Lachen.
Im Ringen.
Im erfüllten Moment.


Die Narben sind auch Schätze

„Von allen Seiten hast du mich umschlossen.“

Dieser Satz bedeutet: Vergangenheit und Zukunft sind umfangen.

Alles, was war – und alles, was kommt.

Die Narben, die ich trage. Die Verluste. Die Abschiede.

Aber auch: Das Lachen mit Freunden. Die warmen Erinnerungen. Die Momente, in denen ich lebendig war.

Ein Goldgräber weiß: Auch in altem, verwittertem Gestein liegt Gold.

Gott liest unsere Narben nicht als Makel,
sondern als Landkarte eines gelebten Lebens.

Ich möchte nicht romantisieren.

Manche Narben tun weh, auch nach Jahren.
Manche Erinnerungen bleiben schwer.

Aber dieser Psalm sagt nicht: „Alles war gut.“

Er sagt: „Alles ist umfangen. Auch das Schwere gehört zu deiner Geschichte – und es ist gesehen.“

Und manchmal, wenn wir Glück haben, entdecken wir:
Gerade dort, wo es am dunkelsten war, hat sich auch Kraft gebildet.

Mitgefühl. Tiefe.

Das ist das Gold in den Narben.


Wir müssen es nicht verstehen

„Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich,
zu hoch – ich kann sie nicht fassen.“

Gott sei Dank steht dieser Satz hier!

Wir müssen nicht alles durchschauen.

Wir müssen nicht verstehen, warum der Körper so reagiert.
Wir müssen nicht erklären können, warum uns plötzlich etwas Kleines tief berührt.
Wir müssen nicht die Theodizee lösen – die Frage, warum Gott Leid zulässt.

Es reicht, dass es gesehen ist.

Es reicht, dass da einer gräbt – geduldig, liebevoll, überzeugt davon:
In dir ist Gold.


Ankommen, wie wir sind

Gott liest unsere Geschichten wie heilige Texte.

Mit Respekt für das Leben, das wir gelebt haben.
Mit Freude an dem, was uns geglückt ist.
Mit Liebe für die Menschen, die wir sind – auch wenn wir selbst uns manchmal nicht mehr lieben können.

Wir dürfen müde sein und lebendig sein.
Wir dürfen Spuren zeigen und uns freuen.

Wir müssen uns nicht verstecken – nicht unsere Müdigkeit, nicht unsere Angst, nicht unsere Verletzlichkeit.

Denn wir sind gesehen.
Ganz und gar.

Von einem, der nach Gold gräbt.

Amen.


Quellenhinweis:
Psalm 139,1-6 nach BasisBibel.
Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Online: www.die-bibel.de


Fragen zum Nachdenken

Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch.

Welche „Narbe“ in Ihrem Leben könnte auch Gold sein –
eine Stelle, an der sich Kraft gebildet hat?

Wann haben Sie zuletzt gespürt:
Mein Körper spricht, auch wenn ich schweige?


Meditativer Nachklang

Gott,

du gräbst nach Gold in mir.
Auch dort, wo ich nur Müdigkeit sehe.
Auch dort, wo ich nur Narben spüre.

Hilf mir, mich nicht zu verstecken.
Hilf mir, anzukommen – wie ich bin.

Mit meiner Lebendigkeit und meiner Erschöpfung.
Mit meinen Lachfalten und meinen Sorgenfalten.

Du siehst mich.
Ganz und gar.

Und das ist genug.

Amen.

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