Klinikseelsorge im Evangelischen Dekanat Nassauer Land

Kategorie: Sonntagsweite

Predigt. Psalm 139,7-12


Predigt zu
Psalm
139:7-12

„Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“



David fragt: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist?“
Das klingt nach Flucht. Aber es ist Staunen. Es ist Neugier.
Wo könnte ich eigentlich hingehen, wo du nicht bist?
David will die Grenzen ausloten.
Er will wissen: Wie weit reicht diese Nähe?


Wo bist du nicht?

David macht eine Entdeckungsreise.
Er durchmisst die Welt.
Er durchmisst das Leben.
Und findet überall dasselbe:
Du bist da.
Das ist keine Bedrohung. Das ist Staunen.
Das ist seine Erfahrung: Es gibt keinen Ort, wo Gott die Menschen verlässt.

Und ich merke, wie mir das zu glatt wird.
Zu schöngefärbt und zu fromm:
Ich möchte David widersprechen.
Dazwischenrufen:
Es gibt doch auch diese Orte, die nicht sein sollten.
Orte der Gewalt.
Orte, wo das Leben zerbricht.
Ist Gott auch da?

Und– ich ahne gleichzeitig,
wenn ich die Bibel lese,
die Geschichte von Hiob,
die Geschichte von Jesus am Kreuz,

wenn ich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ singe,
geschrieben im Gefängnis:
Gottes Gegenwart dort ist Mitleiden.
Nicht Billigung. Sondern Solidarität.


„Auch Finsternis leuchtet“

Ich glaube, nur wenn man sich das eingesteht
wird deutlich, wie tief die Worte von David sind, wenn er schreibt:

„Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir.“

David tastet sich vor. Bis in die Dunkelheit hinein.
Und findet: Auch dort – Gegenwart.

Die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“

Du bist da.
Nicht als der, der alles rechtfertigt.
Sondern als der, der mitgeht.
Als der, der aushält.
Als der, der bei den Leidenden bleibt.
Das ist die Hoffnung des Psalms.

Die Flügel der Morgenröte

Und David nimmt uns weiter mit in diese Welterkundung,
die gleichzeitig eine Lebenserkundung ist:

Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Himmel – das ist nicht nur der religiöse Raum.
Das ist auch der Moment, wenn Ihnen das Herz aufgeht.
Wenn Sie merken: Das Leben ist schön.
Wenn Sie sich frei fühlen.
Du, Gott, bist dort.

Totenreich – das ist nicht nur das Jenseits.
Das ist auch die Zeit, wenn Sie sich wie begraben fühlen.
Wenn die Depression Sie nach unten zieht.
Wenn Sie erschöpft sind und nicht mehr können.
Und auch dort: Gegenwart.

Morgenröte – das ist der Aufbruch.
Der Neuanfang.
Wenn Sie spüren: Jetzt geht es weiter.
Wenn neue Hoffnung kommt.

Äußerstes Meer – das ist die Grenze.
Das Unbekannte.
Wenn Sie nicht wissen, was kommt.

Aber es lässt sich spüren:
Gottes Gegenwart ist nicht nur dort, wo wir ankommen.
Sondern schon unterwegs.
Schon in der Suche.“


Der große Sufi-Mystiker Rumi
hat es so ausgedrückt:
„Du warst da in meiner Suche nach dir.“


Die Hand, die hält

„So würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“

Die Hand Gottes. Ein menschliches Bild für etwas Größeres.
Gott hat keine Hand, wie wir sie haben. Gott ist mehr als jedes Bild.
Aber die Bibel wählt Bilder, die wir fühlen können. Weil wir Menschen sind. Weil wir Körper sind.

Und wir wissen, was Hände tun:
Eine Hand, die Ihre Stirn berührt, wenn Sie Fieber haben.
Eine Hand, die Ihre Hand hält, wenn Sie Angst haben.
Eine Hand, die Ihren Rücken stützt, wenn Sie schwanken.
Vielleicht kennen Sie solche Hände: Hände, die getröstet haben.
Hände, die ermutigt haben. Hände, die einfach da waren.

Gottes Hand ist wie diese Hände – und mehr.
Sie ist die Gegenwart, die Sie hält, auch wenn niemand sichtbar da ist.
Sie ist die Kraft, die Sie trägt, auch wenn Sie sich kraftlos fühlen.
Nicht Festklammern. Sondern Sicherheit.
Wie ein Geländer, das da ist, wenn Sie es brauchen. Wie ein Arm, der Sie stützt, wenn Sie schwanken.


Überall zuhause

Die große Entdeckung des Psalms: „Ich bin gehalten“
Das ist keine Bedrohung. Das ist Geborgenheit.
Rumi hatte recht: „Du warst da in meiner Suche nach dir.“

Sie müssen nicht woanders hin.
Sie sind schon da, wo Gott ist.
Der Alltag ist heiliger Raum.
Der Himmel, die Erde,
die Morgenröte und das äußerste Meer.
Heiliger Raum,
weil Gott da ist.



Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott, du Grund meines Gehens,
in dir bewege ich mich
und bin ich zuhause.

Wo ich auch bin – du bist da.
Was ich auch durchmache – du gehst mit.

Lass mich spüren:
Ich bin getragen.
Ich bin begleitet.
Ich bin zuhause in dir.

Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

54blog

„Kanfei-shachar“ – die Flügel der Morgenröte. Im Hebräischen klingt das nach Geschwindigkeit, nach Licht, nach dem schnellsten Moment des Tages.

David wählt bewusst das schnellste Bild seiner Zeit. Heute würden wir sagen: „Nähme ich die Geschwindigkeit des Lichts.“

Die Ironie: Selbst mit übermenschlicher Geschwindigkeit kann man Gott nicht „abhängen.“

Inspirierende Frage: Welche „Lichtgeschwindigkeit“ kennen Sie in Ihrem Leben – Momente, wo alles ganz schnell geht? Haben Sie schon erlebt, dass Gott auch in diesen rasanten Zeiten bei Ihnen war?

54blog

Predigt. Psalm 139,1-6


Predigt zu Psalm 139,1-6

Der Psalm 139 gehört zu den schönsten und poetischsten Texten der Bibel. Es ist wie das Gebet eines Dichters oder einer Dichterin.
Und ich lade Sie ein, in den kommenden vier Abendgebeten diesem Text nachzuspüren.
Die Texte dazu können Sie auf meiner Homepage „mitmenschpfarrer.de“ nachlesen, auch wenn Sie nicht mehr hier in der Klinik sind.

Heute beginnen wir mit den ersten Versen dieses Psalms, dieses Liedes:

📖 Psalm 139,1-6 (BasisBibel)

HERR, du hast mich erforscht und du kennst mich genau.
Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.
Du erkennst meine Gedanken schon von fern.
Du beobachtest mich, ob ich gehe oder liege, und bist vertraut mit all meinen Wegen.
Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge, da weißt du, HERR, schon genau, was ich sagen will.
Von allen Seiten hast du mich umschlossen.
Du hast deine Hand auf mich gelegt.
Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich, zu hoch – ich kann sie nicht fassen.


Gott gräbt nach Gold

„Du hast mich erforscht“ – das klingt erst mal bedrohlich, oder? Als würde jemand mit der Lupe über mich gehen. Als würde einer in meinen Wunden herumstochern.

Aber das hebräische Wort, das hier steht – chaqar – erzählt eine ganz andere Geschichte. Es bedeutet wörtlich: „tief graben“, „nach Bodenschätzen suchen“. Es ist das Wort für Goldgräber und Archäologen. Für Menschen, die mit unendlicher Geduld Schicht um Schicht abtragen, weil sie überzeugt sind: Da ist etwas Kostbares verborgen.

Gott ist kein Inspektor, der Fehler sucht.
Gott ist ein Goldgräber, der Schätze freilegt.

Das verändert alles.

Denn vielleicht sitzen wir hier und denken: Was gibt es da noch zu entdecken? Mein Körper ist müde. Meine Haut erzählt von Schmerzen. Meine Hände zittern. Was soll daran kostbar sein?

Aber Gott gräbt tiefer. Er sieht nicht nur die Oberfläche. Er sieht die Goldadern, die durch unser Leben laufen – auch wenn sie von Schmerz und Angst überlagert sind. Auch wenn wir sie selbst nicht mehr sehen.


Die Geschichten unserer Körper

„Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.“

Unsere Art zu sitzen erzählt Geschichten.

Ich lehne mich zurück und lache, weil jemand eine gute Geschichte erzählt.
Ich lasse mich fallen ins weiche Kissen, weil es einfach gut tut.
Ich setze mich vorsichtig hin, weil der Rücken schmerzt.
Ich richte mich auf, wenn Besuch kommt und ich noch mal Kraft finde.

All das ist mit Augen der Liebe gesehen.
Die Lebendigkeit und die Müdigkeit.
Das Genießen und der Schmerz.

Gott gräbt nach beidem: Nach den leuchtenden Momenten UND nach der Kraft, die sich im Schweren gebildet hat.

Die Falten um unsere Augen – Lachfalten und Sorgenfalten – sind beides Gold. Sie erzählen von einem Leben, das nicht nur ertragen, sondern auch genossen wurde. Von Momenten, in denen wir lebendig waren. Von Menschen, die uns zum Strahlen brachten.

Und ja: auch von der Last, die wir tragen. Von dem, was schwer war.

Aber dieser Psalm sagt: Du kannst aufhören, dich zu verstecken.
Denn der Goldgräber-Gott gräbt durch alle Schichten: durch die Freude UND durch die Erschöpfung. Und findet überall Kostbares: deine Lebendigkeit, die sich nicht unterkriegen lässt. Deine Fähigkeit zu lachen. Dein Durchhalten. Deine Würde.


Die Sprache des Körpers

„Du erkennst meine Gedanken schon von fern. Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge, da weißt du schon, was ich sagen will.“

Unsere Körper sprechen, auch wenn wir schweigen.

Die Freude, die mich überrascht – mein Körper weiß davon.
Das Lachen mit anderen, das mich leicht macht – es zeigt sich in meinen Augen.
Die Trauer, die ich in mir trage – sie liegt in meinen Schultern.
Die Angst, die ich nicht zeigen will – sie zeigt sich im flachen Atem.

All das ist bereits erkannt. Schon bevor wir es in Worte fassen.

Und Gott versteht diese Sprache. Besser als jeder Therapeut, besser als jede Pflegekraft, so gut sie auch sein mag.

Es gibt Momente, da kann ich nicht beten. Da sind die Fragen zu groß und die Antworten zu klein.
Aber mein Körper betet weiter. Mein Atem betet. Meine müden Hände beten. Das Lachen, das plötzlich durchbricht, ist auch Gebet.

Das Schweigen ist Sprache.
Die Freude ist Sprache.
Die Erschöpfung ist Sprache.

Und der Goldgräber-Gott?
Der gräbt nach dem Gold:
In der Stille.
Im Lachen.
Im Ringen.
Im erfüllten Moment.


Die Narben sind auch Schätze

„Von allen Seiten hast du mich umschlossen.“

Dieser Satz bedeutet: Vergangenheit und Zukunft sind umfangen.
Alles, was war – und alles, was kommt.

Die Narben, die ich trage. Die Verluste. Die Abschiede.
Aber auch: Das Lachen mit Freunden. Die warmen Erinnerungen. Die Momente, in denen ich lebendig war.

Ein Goldgräber weiß: Auch in altem, verwittertem Gestein liegt Gold.

Gott liest unsere Narben nicht als Makel,
sondern als Landkarte eines gelebten Lebens.

Ich möchte nicht romantisieren. Manche Narben tun weh, auch nach Jahren. Manche Erinnerungen bleiben schwer.
Aber dieser Psalm sagt nicht: „Alles war gut.“
Er sagt: „Alles ist umfangen. Auch das Schwere gehört zu deiner Geschichte – und es ist gesehen.“

Und manchmal, wenn wir Glück haben, entdecken wir: Gerade dort, wo es am dunkelsten war, hat sich auch Kraft gebildet. Mitgefühl. Tiefe.
Das ist das Gold in den Narben.


Wir müssen es nicht verstehen

„Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich, zu hoch – ich kann sie nicht fassen.“

Gott sei Dank steht dieser Satz hier!
Wir müssen nicht alles durchschauen.

Wir müssen nicht verstehen, warum der Körper so reagiert.
Wir müssen nicht erklären können, warum uns plötzlich etwas Kleines tief berührt.
Wir müssen nicht die Theodizee lösen – die Frage, warum Gott Leid zulässt.

Es reicht, dass es gesehen ist.
Es reicht, dass da einer gräbt – geduldig, liebevoll, überzeugt davon: In dir ist Gold.


Ankommen, wie wir sind

Gott liest unsere Geschichten wie heilige Texte.
Mit Respekt für das Leben, das wir gelebt haben.
Mit Freude an dem, was uns geglückt ist.
Mit Liebe für die Menschen, die wir sind – auch wenn wir selbst uns manchmal nicht mehr lieben können.

Wir dürfen müde sein und lebendig sein.
Wir dürfen Spuren zeigen und uns freuen.
Wir müssen uns nicht verstecken – nicht unsere Müdigkeit, nicht unsere Angst, nicht unsere Verletzlichkeit.

Denn wir sind gesehen.
Ganz und gar.
Von einem, der nach Gold gräbt.

Amen.

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott, der du mich siehst,

du liest in den Linien meiner Hände

wie in einem vertrauten Buch.


Du kennst die Geschichten meiner Haut,

die Müdigkeit meiner Schultern,

den Rhythmus meines Atems.


Lass mich heute spüren:

Ich darf gesehen werden – ganz und gar.

Mit allem, was mein Körper erzählt.

Mit den Narben und dem Lachen.

Mit der Müdigkeit und der Lebendigkeit.

Ich bin angekommen in deinem Blick.


Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

54blog


Das hebräische Wort חקר (chaqar) bedeutet wörtlich „tief graben“ oder „gründlich durchforschen“. Es wird auch für die Suche nach Bodenschätzen verwendet (Hiob 28,3). Gott gräbt nicht, um zu zerstören, sondern um Kostbares zu finden – wie ein Archäologe, der sanft Schicht um Schicht freilegt. Diese Erkenntnis ist therapeutisch bedeutsam: Gott sucht in uns nicht nach Fehlernem, sondern nach dem Wertvollen, das verborgen liegt.

Literatur: Kraus, Psalmen (BK XV/2), S. 1132

Inspirierende Fragen:

→ Welche verborgenen Schätze in dir warten darauf, entdeckt zu werden?

→ Was würde sich ändern, wenn du glauben könntest, dass jemand in dir nach dem Kostbaren sucht?

54blog

Predigt. Vaterunser 13. Nein und Amen

SONNTAGSWEITE
UND WOCHENMITTE

„Nein und Amen“.
Ein Abschlussgedanke zur Vaterunser-Reihe

Nein und Amen

Ein Abschlussgedanke zur Vaterunser-Reihe


I.

Sie sitzen im Gottesdienst. Das Vaterunser wird gesprochen.
Alle Stimmen um Sie herum. Ein vertrauter Rhythmus.

Und dann, am Ende: „Amen.“

Die Gemeinde spricht es wie aus einem Mund.
Aber Ihr Mund – bleibt stumm.

Nicht aus Trotz. Nicht aus Gleichgültigkeit.
Sondern weil dieses „Amen“ – dieses „So sei es“ –
in Ihnen auf etwas trifft,
das noch nicht bereit ist zu unterschreiben.

II.

„Amen“ – das ist Hebräisch. Es bedeutet: fest, zuverlässig, gewiss.
Eine Unterschrift unter ein Gebet.
Ein Ja-Wort zu allem, was vorher gesagt wurde.

Aber was, wenn Sie nicht zu allem Ja sagen können?

„Vater unser im Himmel“ –
was, wenn das Wort „Vater“ Wunden öffnet statt sie zu heilen?

„Dein Wille geschehe“ –
was, wenn dieser Wille Ihnen fremd erscheint?

Sollen Sie trotzdem „Amen“ sagen? Zu allem Ja und Amen –
auch wenn Ihr Herz Nein sagt?

III.

Hören Sie: Gott nimmt Sie nicht an, weil Sie fromm genug beten.
Er nimmt Sie an aus Gnade. Punkt.

Das befreit Sie von religiösem Zwang.
Sie müssen nicht mehr so tun, als wären Sie mit allem einverstanden.

Klage gehört zur Bibel. Die Psalmen sind voll davon.
Jesus selbst schreit am Kreuz:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Wer klagt, rechnet noch mit Gott.
Wer zweifelt, nimmt ihn ernst.
Wer sich auflehnt, ist noch im Gespräch.

Das Gegenteil von Glaube ist nicht Zweifel.
Es ist Gleichgültigkeit.

IV.

Deshalb dürfen Sie „Nein und Amen“ sagen.

Nein zu dem, wie die Welt ist –
und Amen zu dem, der sie verwandeln kann.

Nein zu falschen Gottesbildern –
und Amen zu dem wahren Gott, den Sie noch suchen.

Hören Sie, wie das klingen könnte:

„Geheiligt werde dein Name“ –
Nein zu dem Missbrauch deines Namens,
zu der Gewalt, die in deinem Namen geschehen ist.
Und Amen zu deiner Heiligkeit, die größer ist als alle Verzerrung.

„Dein Reich komme“ –
Nein zu dieser Welt voller Ungerechtigkeit.
Und Amen zu deiner Verheißung einer anderen Wirklichkeit.

„Vergib uns unsere Schuld“ –
Nein zu billiger Vergebung, die das Leid nicht ernst nimmt.
Und Amen zu einer Vergebung, die heilt und verwandelt.

V.

Merkwürdig: Manchmal ist das Nein treuer als das Ja.

Manchmal ist es treuer zu Gott, bestimmte Gottesbilder abzulehnen,
als sie zu übernehmen.

Das Nein kann Anbetung sein –
Anbetung eines Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungen von ihm.

VI.

Und dann – mitten in diesem Ringen –
geschieht etwas Seltsames:

Sie merken: Gott hält das aus.

Ihr Nein zerreißt ihn nicht. Ihre Zweifel verstummen ihn nicht.
Er hört auch das, was Sie nicht sagen können.

In diesem Moment öffnet sich ein Raum.
Ein Raum, wo Sie nicht unterschreiben müssen,
um angenommen zu sein.

Ein Raum, wo Ihr gebrochenes Gebet
mehr zählt als perfekte Frömmigkeit.

Dieser Raum – das ist Gott selbst.

VII.

Für alle, die sich schwer tun mit dem schnellen „Amen“.
Für alle, die zwischen Sehnsucht und Enttäuschung hängen.
Für Sie gibt es ein anderes Amen:

„Amen – auch wenn ich nicht alles verstehe.“
„Amen – auch wenn mein Herz noch nicht mitgeht.“
„Amen – auf meine Weise, in meinem Tempo.“

Das ist mehr als genug.

Denn Christus ist unser Ja zu Gott – nicht unser perfektes Gebet.
Deshalb dürfen wir getrost stammeln und zweifeln.

Gott hört das Ja seines Sohnes,
auch wenn wir nur ein gebrochenes Amen hervorbringen können.

VIII.

Sie müssen nicht zu allem Ja und Amen sagen.
Sie dürfen „Nein und Amen“ sagen.

Das ist die Sprache der spirituell Ringenden.
Das ist die Sprache derer, die Gott ernst nehmen.

Das Amen spreche ich so schnell noch nicht.
Aber ich spreche es.
Irgendwann.
Auf meine Weise.

Nein und Amen.

Das reicht.
Das ist genug.

Amen.

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott der ungezählten Namen,
Geheimnis jenseits aller Worte –
Du hörst mein Ja
Du hörst mein Nein
Du hörst mein Schweigen

In meinem Ringen erkennst Du meine Liebe
In meinen Fragen siehst Du meine Sehnsucht
In meinem Zweifel findest Du meinen Glauben

Ich bringe Dir mein gebrochenes Amen
mein wartende Herz
mein suchendes Wesen

Du machst aus meinem Nein ein Lied
aus meinem Ja eine Heimat
aus meinem Amen einen Weg

Noch bin ich unterwegs
Noch ringe ich
Noch suche ich
Und Du – Du gehst mit
Du wartest
Du liebst

Nein und Amen
Frage und Antwort
Zweifel und Vertrauen
In Dir ist Raum für alles was ich bin

Amen.

Noch nicht ganz.
Aber schon ein wenig.
Und das genügt Dir.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

54blog

Normalerweise denken wir: „Amen“ = „So sei es“ oder „Es ist wahr“ (statisch)
Aber grammatisch ist „Amen“ ein Partizip. Das bedeutet:

  • „im Prozess des Fest-Werdens“

Das macht einen riesigen Unterschied:

Statisches Amen (traditionell):

  • „Ja, das stimmt!“ ✓
  • Punkt. Ende. Abgehakt.

Dynamisches Amen (partizipial):

  • „Das erweist sich als zuverlässig!“
  • „Das wird beständig wahr!“
  • „Daran halte ich kontinuierlich fest!“

Theologische Befreiung

Diese Entdeckung verändert alles:
Statt: „Hiermit bestätige ich, dass das Vaterunser wahr ist.“
Sagt das Partizip: „Dieses Gebet erweist sich in meinem Leben kontinuierlich als tragfähig.“
Das „Amen“ wird von einem Schlusspunkt zu einem Lebensprogramm.
Es bedeutet nicht: „Ich habe verstanden und stimme zu.“ Sondern: „Ich erlebe, wie sich das in meinem Leben als zuverlässig erweist – immer wieder neu.“

Predigt. Vaterunser 12. Mein Glaube darf sich verändern

Mehr als mein Bitten

Eine Andacht zum Abschluss des Vaterunsers

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“

Seltsame Worte am Ende eines Gebets, das uns durch alle Tiefen geführt hat.
Wir haben um Brot gebeten, um Vergebung gerungen, um Schutz vor dem Bösen gefleht –
und nun das: Reich, Kraft, Herrlichkeit.

Worte, die nicht von Jesus stammen

Und dann diese Entdeckung:
Diese Zeilen stehen in keiner einzigen der wirklich alten Handschriften der Evangelien.
Jesus hat sie wahrscheinlich nie gesprochen in diesem Zusammenhang
Und die Evangelisten Matthäus und Lukas, die uns das Vaterunser überliefern, hatten sie nicht in Ihrem Text.
Erst in späteren Abschriften tauchen diese Worte auf.
Die frühen Christinnen und Christen haben sie dem Gebet hinzugefügt.
Und sie haben sie entlehnt aus einem uralten Lobgesang König Davids
aus dem ersten, dem sogenannten Alten Testament.

Warum das?
Wir können es nur vermuten, erahnen:
Nach allem Bitten braucht es einen Ort, wo die Seele zur Ruhe kommt.
Einen Ort jenseits unserer Wünsche und Ängste.
Etwas, das den Bitten dieses Gebetes eine Erinnerung anfügt,
wo unsere Sehnsucht ihren Ursprung hat.
Also fügten sie hinzu, was ihnen fehlte.
Aus der Tradition schöpfend, aber mutig gestaltend.

Das zeigt etwas Wunderbares:
Glaube entwickelt sich.
Spiritualität wächst.
Wie unser Leben.
Menschen aller Zeiten dürfen das, was sie empfangen haben,
weiterdenken, vertiefen, verwandeln.
Vielleicht gerade auch mit den Worten einer uralten Tradition,
die plötzlich neu passt.

Auch wir dürfen das.
Auch wir dürfen alte Worte mit neuem Leben füllen.
Auch wir dürfen neuen Erfahrungen neue Worte verleihen.
Oder auch alte Worte neu zusammenfügen.
Und unsere neue Erfahrungen mit der Weisheit der Mütter und Väter des Glaubens abgleichen.

Vielleicht kennen Sie das:
Was früher gepasst hat, trägt heute nicht mehr.
Was einmal Kraft gab, fühlt sich leer an.
Was andere als wahr verkünden, berührt Sie nicht mehr.
Aber es ist nicht fort.
Es hat sich weiterentwickelt.

Mein Glaube wächst mit meinem Leben.

Ist das Verlust – oder Wachstum?

Es darf sein. Glaube darf sich verändern.
Mehr noch: er wandelt sich.
Und bewahrt doch das Vertraute in sich.
Wie ein Baum, der neue Ringe ansetzt, ohne die alten zu verleugnen.

Die verwandelnde Kraft des Lobpreises

Diese Zeilen sind also kein frommes Anhängsel.
Sie geben dem, was wir vorher gesagt haben eine neue Kraft.
Sie sagen nicht: „Egal, was passiert – Hauptsache, Gott wird gepriesen.“
Sie sagen: „Alles, was wir durchleben
– die Freude und der Schmerz, das Gelingen und das Scheitern –,
steht in einem Licht, das größer ist als wir selbst.“

Unsere Bitten um Brot werden zu Dankbarkeit für das, was uns nährt.
Unsere Sehnsucht nach Vergebung wird zu Staunen über eine Liebe, die keine Grenzen kennt.
Unser Flehen um Schutz wird zu Vertrauen in eine Macht, die das letzte Wort behält.

Ein Gebet für die Zweifelnden

Wer diese Worte nicht glauben kann – verständlich.
Reich, Kraft und Herrlichkeit.
Diese Worte sind in unserer Welt oft missbraucht worden.
Gerade auch in den Kirchen.

Aber vielleicht ist gerade das der Punkt:
Diese Worte sagen uns, wem Reich, Kraft und Herrlichkeit wirklich gehören.
Nicht den Mächtigen dieser Welt.
Nicht den Systemen der Unterdrückung.
Nicht den Stimmen in unserem Kopf, die uns klein machen wollen.

Sondern dem Geheimnis, das wir Gott nennen.
Der Kraft der Liebe.
Der stillen Herrlichkeit des Lebens selbst.

Wenn wir diese Worte sprechen, werden wir zu Menschen,
die das letzte Wort nicht der Verzweiflung überlassen.
Die auch in der Dunkelheit ein Licht ahnen.
Die auch im Chaos eine Ordnung spüren,
die größer ist als alles Verstehen.

Mut zum Leben

Diese Worte sagen:
Das Geheimnis, das größer ist als alle unsere Worte dafür,
hält auch unser Ringen aus.
Unsere Entwicklung.
Unser Weitergehen.

Vielleicht ist es gerade das, was Glauben lebendig hält:
nicht das Festhalten an alten Formeln,
sondern das Vertrauen, dass wir neue Wege gehen dürfen.
Mit neuen und alten Worten,
in denen unsere Erfahrungen sich widerspiegeln.
In denen die Erfahrungen, das Ringen, die Tränen und die Weisheit
der Väter und Mütter des Glaubens auch ihren Platz haben.

Ein Vertrauen, das seine Kraft bezieht aus dem Wissen des Herzens:
Gott,
dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang


Du, dessen Namen wir nicht fassen,
dessen Reich wir nur erahnen,
dessen Kraft durch unsere Schwäche fließt
wie Wasser durch rissige Gefäße –

Dir gehört
was wir nicht halten können:
die Zeit, die uns zerrinnt,
die Kraft, die uns verlässt,
die Schönheit, die uns entgleitet.

Dir gehört
das Reich der stillen Momente:
wenn Atmen wieder leichter wird,
wenn Hoffnung aufkeimt
in der Müdigkeit des Alltags.

Dir gehört
die Kraft des Loslassens:
Nicht die Macht über andere,
sondern die Macht,
sich fallen zu lassen in das große Ja des Lebens.

Dir gehört
die Herrlichkeit des Alltäglichen:
die stärkende Hand auf der Schulter,
das Licht, das durch die Seele tanzt,
der Mut, noch einmal zu vertrauen.

In Ewigkeit – das heißt:
schon jetzt, schon hier,
schon in diesem Atemzug,
der uns geschenkt ist ohne Gegenleistung.

Amen – das heißt:
Ja zu dem, was größer ist als unsere Angst.
Ja zu dem, was tiefer reicht als unsere Wunden.
Ja zu dem, was länger währt als unsere Zeit.
So sei es. So ist es. So wird es sein.
Amen.

Schweigen.
Atmen.
Vertrauen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

54blog

Die Begriffe „Reich“ (basileia), „Kraft“ (dynamis) und „Herrlichkeit“ (doxa) werden in feministischen und befreiungstheologischen Kreisen kritisch hinterfragt, da sie historisch mit Herrschaftsstrukturen verbunden sind. Alternative Formulierungen wie „Zärtlichkeit“ statt „Herrlichkeit“ oder „Fülle“ statt „Reich“ zeigen kreative Umgangsweisen mit problematischen Machtbildern, ohne die Grundstruktur des Lobpreises aufzugeben. Welche neuen Worte sind mir/uns wichtig?

Predigt. Vaterunser 11. das Böse

20. August 2025: „Das Geschenk der Ehrlichkeit“.
Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe

Eine Predigt über die Versuchung, das Böse und die eigenen Grenzen


1. Die Bitte, die alles verändert

„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ (Matthäus 6,13)

Schauen wir zunächst auf diesen ersten Teil: Und führe uns nicht in Versuchung.

Es lohnt sich auch hier genau hinzuschauen.
Die Muttersprache Jesu war aramäisch. So lehrte er das Gebet.
Lukas und Matthäus, die uns von diesem Gebet in der Bibel erzählen, schrieben in Griechisch.
Und wir beten auf Deutsch.
Das heißt: in der Übersetzung der Übersetzung.

Das aramäische Wort, das Jesus ursprünglich verwendete, ist sanfter als unsere deutsche Übersetzung.
Es bedeutet weniger „führe uns nicht hinein“ als vielmehr „lass uns nicht hineinfallen“.
Wie jemand, der sagt: „Halte mich fest, damit ich nicht stürze.“

Damit wird auch deutlich, um was es geht: Versuchung ist nicht das, was wir oft darunter verstehen.
Nicht die Schokolade im Kühlschrank. Nicht die kleine Unwahrheit, die das Leben einfacher macht.

Versuchung, wie Jesus sie meint, ist existenzieller. Es ist die Bedrohung des Vertrauens selbst.
Der Moment, in dem das Leben so schwer wird, dass Glauben unmöglich scheint.
Die Stunde, in der Hoffnung stirbt und Bitterkeit geboren wird.

Es geht nicht um moralische Fehler.
Es geht um Lebenssituationen, die das Risiko des Unglaubens enthalten.
Um Krisen, die unser Fundament erschüttern.
Um Momente, in denen wir rufen: „Lass mich bitte nicht alleine, Gott!“
Da brauchen wir diese Bitte.

2. Gott als Bergungsort

Trotzdem bleibt ja diese Irritation:
„Führe uns nicht in Versuchung“ – das klingt, als könnte Gott ein Versucher sein.
Als wäre der Himmel unzuverlässig.
Als müssten wir Gott davon abhalten, uns zu schaden.

Aber das aramäische Verständnis ist anders.
Es ist weniger eine Warnung als eine Bitte um Schutz.
Weniger Misstrauen als Vertrauen.
Es ist wie die Bitte eines Kindes, das sagt: „Halt mich fest im Sturm.“
Oder wie die Worte eines Menschen, der ruft: „Lass mich nicht allein in der Dunkelheit.“

Diese Bitte erkennt in Gott den Bergungsort, der uns trägt.
Den liebenden Grund allen Seins. Das Gegenüber, das auch unser Scheitern aushält.

3. Die Weisheit der Schwäche

Und diese Bitte ist ein Geschenk an uns.
Ein Geschenk der Ehrlichkeit.
Sie erlaubt uns zu sagen: „Ich bin nicht allmächtig.“

Sie gibt uns die Erlaubnis zur Zerbrechlichkeit.
In einer Welt, die Stärke vergöttert und Schwäche verachtet, ist das etwas besonderes.
Hier müssen wir uns nicht als Heldinnen und Helden inszenieren.
Hier können wir Menschen sein.
Echte, verwundbare, hilfsbedürftige Menschen.

Die Mystikerin Teresa von Ávila schrieb:

„Die Seele findet ihre Stärke, wenn sie ihre Schwäche anerkennt.“

(Teresa von Ávila, Die innere Burg, 4. Wohnung)

In dieser Bitte liegt eine ähnliche Weisheit.
Sie macht uns nicht kleiner.
Sie macht uns wahrer.
Und schließlich auch stärker.

4. Das Böse und seine Macht

Schauen wir noch auf den zweiten Teil dieser Bitte: „Erlöse uns von dem Bösen.“

Das aramäische Verständnis kennt zwei Gesichter des Bösen.
Manchmal sind diese Kräfte außerhalb von uns. In den Strukturen, die Menschen zerbrechen.
In den Systemen, die Ungerechtigkeit schaffen. In den Umständen, die uns überfordern.

Manchmal sind diese Kräfte in uns.
Als Selbstzweifel, der uns lähmt.
Als Bitterkeit, die uns vergiftet.
Als Verzweiflung, die uns isoliert.

Die Bitte um Erlösung ist die Hoffnung, dass diese Mächte nicht das letzte Wort haben.
Die zerstörerischen Kräfte, die unsere Welt so oft prägen.
Und die Dunkelheit in uns selbst.

4. Die Gemeinschaft der Verletzlichen

Ein letzter Gedanke.

„Führe UNS nicht in Versuchung.“ „Erlöse UNS von dem Bösen.“

Auch hier steht das kleine Wort „uns“.
Wir bitten nicht nur für uns selbst.
Wir bitten für alle, die kämpfen.
Für alle, die verzweifeln.
Für alle, die am Ende ihrer Kraft sind.

Diese Bitte schafft eine Gemeinschaft der Ehrlichen.
Eine Solidarität der Verletzlichen.

Sie sagt: „Wir alle brauchen Hilfe.“

Sie flüstert: „Niemand ist allein mit seiner Not.“

Das macht demütig. Aber es macht auch frei.
Frei von der Last, perfekt sein zu müssen.
Frei von der Last, alles alleine tragen zu müssen.

Amen

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang
Ein Gebet zwischen Furcht und Vertrauen


Liebender Gott, du kennst die Räume unserer Angst.
Die Ecken, wo wir uns verstecken.
Die Schatten, die größer sind als wir.

Wir bitten dich nicht um ein Leben ohne Versuchung.
Wir bitten um ein Leben mit Begleitung.
Nicht um Stärke, die niemals bricht.
Sondern um Vertrauen, das immer wieder heilt.

In den Stunden, wo das Böse uns umzingelt, sei du unsere Zuflucht.
In den Momenten, wo wir straucheln, sei du unser Halt.

Lehre uns die Weisheit der Schwäche.
Die Kraft des Loslassens.
Die Schönheit des Angewiesenseins.

Erlöse uns nicht von allem Schweren.
Sondern erlöse das Schwere in uns.
Mache es fruchtbar.
Mache es heilig.
Mache es zu einem Weg zu dir.
Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

54blog

Die Bitte um Schutz vor Versuchung war bereits in der frühen Christenheit umstritten. Papst Franziskus hat 2017 vorgeschlagen, die Übersetzung zu ändern: „Überlasse uns nicht der Versuchung“ statt „Führe uns nicht in Versuchung“. Diese Diskussion spiegelt die theologische Herausforderung wider, Gottes Güte mit der Realität menschlicher Anfechtung zu versöhnen. Die französische Kirche hat diese Änderung bereits übernommen, während andere Traditionen bei der klassischen Formulierung bleiben – ein Zeichen dafür, wie lebendig diese alte Bitte auch heute diskutiert wird.

Predigt. Vaterunser 10. Muss ich vergeben?


17. August 2025: „Die Unabhängigkeitserklärung des Herzens“.
Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe

Eine Predigt über das Vergeben

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Einstieg

„Muss ich immer vergeben?“ Diese Frage, die mir vor einigen Jahren gestellt wurde, klingt mir noch im Ohr. Die Fragende hatte Schlimmes erlebt, war tief verletzt worden.

Und im Vaterunser heißt es, dass uns die Schuld vergeben wird, so wie wir anderen vergeben. Da kommt leicht der Gedanke: Ich müsste doch bereit sein zu vergeben.

Diese Frage zeigt den moralischen Druck, der an dieser Stelle oft entsteht.

Heute möchte ich mit Ihnen einen anderen Blick auf die Vergebung wagen – einen Blick, der nicht umsonst unter dem Titel steht: „Unabhängigkeitserklärung des Herzens“.

Ich weiß, dass dies gerade hier in der Klinik ein sensibles Thema ist.
Deshalb lade ich Sie ein: Lesen Sie die Predigt gern auf der Webseite noch einmal nach. Schreiben Sie mir Ihre Gedanken im Kontaktformular oder sprechen Sie mich persönlich darauf an.

Ob Sie sich über die Predigt ärgern, ihr zustimmen oder mehr Fragen als Antworten haben – ich höre Ihnen zu.
Das gilt zwar für jede Predigt, aber an dieser sensiblen Stelle ist es mir besonders wichtig.
Und wir können gerne darüber ins Gespräch kommen.

Erster Gedankengang: Wenn Groll zur Fessel wird

So schwer uns manchmal das Vergeben fällt – wir ahnen auch, wie sehr es uns selbst entlasten könnte. Manchmal spüren wir es deutlich: Dieser Groll gegen einen Menschen liegt wie ein schwerer Stein auf unserer Seele. Jemand sagte einmal: Groll zu haben ist wie einen glühenden Kohlebrocken in der Hand zu halten, in der Hoffnung, ihn später nach dem anderen werfen zu können – am Ende verbrennen wir uns nur selbst die Finger.

„Ich lasse los, damit es nicht länger mein Leben bestimmt.“

Vergebung wird dann nicht zur moralischen Pflicht, sondern zur Befreiung. Für uns selbst.

Zweiter Gedankengang: so wie wir…

Was bedeutet eigentlich diese Bitte „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“?

Das kleine Wort „wie“ kann im ursprünglichen Griechisch zweierlei bedeuten: als Vergleich („so wie wir“) oder als Maßstab („befähige uns dazu“).Aber Jesus geht es, wenn er über Gott redet, nie um den Deal:“Wenn ich anderen vergebe, dann wirst du mir auch vergeben“.

Es ist eine Bitte um Befähigung: „Lass mich so von deiner Vergebung geprägt sein, dass auch ich vergeben kann. Gib mir die Kraft dazu, weil du mir schon vergeben hast.“ Also im Sinn: Vergib mir meine Schuld, so dass ich dann in der Lage bin, auch anderen zu vergeben.

Gott vergibt unabhängig von menschlicher Leistung.
Die Versöhnung zwischen Menschen bleibt dann eine eigene, menschliche Aufgabe –
eine Möglichkeit, nicht eine Bedingung.

Gottes Vergebung ist das Geschenk, das vorausgeht. Sie ist nicht verdient und nicht erarbeitet. Sie ist da. Bedingungslos. Und aus dieser Erfahrung heraus kann – nicht muss! – Vergebung wachsen.

Dritter Gedankengang: Was Vergebung ist – und was nicht

Vergebung ist nicht dasselbe wie Versöhnung.

Vergebung ist ein innerer Schritt, der mich frei macht. Ich halte nicht mehr fest, was zwischen mir und dem anderen steht. Versöhnung dagegen ist ein gemeinsamer Weg – sie braucht zwei Menschen, braucht Vertrauen und oft auch Wiedergutmachung.

Manchmal bleibt Versöhnung trotz Vergebung unmöglich:
weil ich mich vor der Übergriffigkeit eines Menschen schützen muss,
oder weil der andere Mensch nicht mehr erreichbar ist.

Vergebung bedeutet nicht, dass Sie Nähe herstellen müssen. Vergebung bedeutet nicht, dass Sie Kontakt aufnehmen müssen. Sie dürfen Ihre Grenzen schützen.

Vergebung heißt auch nicht, die Tat zu verharmlosen. Die Verantwortung bleibt bestehen.
Vergebung streicht die Tat nicht aus der Welt – sie löst nur deren Griff um Ihr Herz.

Manchmal hofft man insgeheim: Wenn ich sage „Ich vergebe dir“, wird der andere sagen „Es tut mir leid“.
Aber oft geschieht das nicht. Vergebung kann den anderen nicht zu etwas zwingen.
Aber das ändert nichts am Sinn der Vergebung: Sie lassen los – unabhängig davon, wie der andere reagiert.

Vierter Gedankengang: Die Unabhängigkeitserklärung des Herzens

Der Kern dieser Befreiung ist: Ich lasse mich nicht davon bestimmen.

Vergebung bedeutet nicht, kleinzureden, was mich verletzt hat.
Sondern zurückzuholen, was mir gehört: die Deutungshoheit über mein Leben.

Fünfter Gedankengang: Ein Weg, der wächst wenn man ihn geht.

Diese Freiheit entwickelt sich oft schrittweise. Vergebung ist wie ein neuer Pfad durch hohes Gras: Am Anfang kaum erkennbar, erst nach vielen Schritten wird er gangbar. Manchmal gehen wir voran, manchmal zurück – aber jeder Schritt prägt die Spur ein wenig tiefer.

Heute vielleicht ein Millimeter. Morgen zwei. Und an manchen Tagen nur der Entschluss, sich selbst nicht zu verurteilen.

Es kann sein, dass Vergebung noch nicht möglich ist.
Es kann sein, dass sie nie möglich sein wird. Auch das ist in Ordnung.

Sie sind frei – frei zu vergeben oder frei, dort zu bleiben, wo Sie jetzt sind. Ich vertraue darauf, dass Gott das klären kann, was ich nicht verändern kann. Auch meinen tiefen Schmerz über das, was ich nicht vergeben kann vertraue ich Gott an.

Diese Freiheit ist das Geschenk, das in den Worten „wie auch wir vergeben“ verborgen liegt. Nicht als Zwang, sondern als Möglichkeit. Als Weg in ein Leben, das sich heute neu entscheiden kann – und nicht vom Gestern gefangen bleibt.

„Muss ich vergeben?“, fragte damals die Frau.

Nein, Sie müssen nicht.
Aber Sie haben die Freiheit, sich auf den Weg zu machen –
in kleinen, behutsamen Schritten.

Amen

SONNTAGSWEITE
UND WOCHENMITTE

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang
Mach meine Hände und mein Herz frei


Vergib mir – und lehre mich, zu vergeben.
Lass deine Großzügigkeit in mein Herz übergehen,
damit der Groll in mir keine Wurzeln schlägt.

Wie ich von deiner Barmherzigkeit lebe,
so lass auch in mir Barmherzigkeit wachsen.

Mach meine Hände und mein Herz frei,
damit sie nicht festhalten, was mich beschwert.

Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

54blog


Das Vaterunser findet sich bei Matthäus und Lukas, jedoch mit leicht unterschiedlichem Wortlaut, weil sie die Vorlage in der Muttersprache Jesu (Aramäisch) verschieden übersetzt haben. Matthäus benutzt das griechische Wort opheilēmata („Schulden“) – ein Begriff aus der Wirtschaftssprache, als ob Sünde eine Art Rechnung wäre, die beglichen werden muss.
Lukas schreibt dagegen hamartia („Sünde, Verfehlung“), was eher das Verfehlen eines Ziels meint. Diese unterschiedlichen Wortwahlen zeigen: Schon die ersten Christen haben um das beste Verständnis von Schuld und Vergebung gerungen.

31blog


„Siebenmal siebzig“ (Mt 18,22) ist Jesu Antwort auf Petrus‘ Frage, ob siebenmaliges Vergeben nicht schon großzügig genug sei. Jesus steigert die Zahl ins Unendliche und kontert damit die Logik der Rache (Gen 4,24). Jesus dreht diese Spirale der Vergeltung um in eine Spirale der Vergebung. Er führt diese Logik ad absurdum. Es geht ihm eben nicht ums Zählen, sondern um eine grundsätzlich andere Haltung dem Leben gegenüber. Gott ist kein Buchhalter, der mit einer Strichliste unsere Vergebungsbereitschaft abzählt.

31blog

Augustinus, einer der einflussreichsten Kirchenväter, betont: Die Bitte im Vaterunser formt vor allem eine Haltung des Herzens. Vergebung muss nicht sofort vollzogen sein, sondern darf wachsen. Sie ist ein Seelenweg, der Zeit braucht – manchmal Jahre oder ein ganzes Leben. Augustinus kannte aus eigener Erfahrung, wie schwer hier Veränderung ist. Seine Einsicht: Gott hat Geduld mit unserem Wachstum, und wir dürfen sie auch mit uns selbst haben.

Predigt. Vaterunser 9. Die Kunst mir selbst zu vergeben.

Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe


13. August 2025: „Die Kunst der Selbst-Vergebung“. Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe

Die Kunst der Selbstvergebung

Es ist ein kurzer Satz, kaum länger als ein Atemzug: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben …“
Und doch steckt darin eine ganze Lebensschule. Vor allem, wenn es um etwas geht, das viele von uns hartnäckig mit sich herumtragen: Scham. Nicht nur das Gefühl, etwas falsch getan zu haben – sondern dieser tiefere Stich: Ich bin falsch.

Schuld und Scham unterscheiden

Die Bibel unterscheidet leise, aber klar: Schuld sagt „Ich habe etwas getan“. Scham flüstert: „Ich bin etwas – und zwar mangelhaft.“
Schuld lässt sich klären, wiedergutmachen, besprechen.
Scham zieht den Blick nach unten, macht stumm, isoliert.
Deshalb beginnt diese Bitte so befreiend mit dem uns. Nicht „meine“ Schuld – unsere. Das Gebet bricht die Einsamkeit der Scham. Wir stehen nicht als Einzelkämpfer vor Gott, sondern als Menschen, verwoben ineinander, alle bedürftig, alle geliebt.

Schuld braucht Vergebung –
Scham braucht Würde.

Genesis lesen: Gott kleidet, wo Scham entblößt

Die alte Geschichte aus dem Garten Eden erzählt es zart: Nachdem Adam und Eva die Grenze überschritten haben, schämen sie sich. Und Gott? Er beschämt sie nicht zusätzlich. Er macht ihnen Kleider und legt sie ihnen an. Kein Spott, kein „Wie konntet ihr nur“, sondern Schutz für die nackte Verwundbarkeit.
Diese Geste ist Evangelium pur: Gott kleidet, wo Scham entblößt.
Er stellt Würde wieder her, bevor er Worte macht.

Gott beschämt nicht;
er bekleidet die Beschämten.

Innere Stimmen und die Kunst der Selbstvergebung

Das hilft, den Unterschied zu spüren:

  • Schuld braucht Vergebung.
  • Scham braucht Würde – eine neue Stimme über meinem Leben.

Vielleicht kennen Sie die inneren Stimmen, die anspringen, wenn etwas misslingt: „Typisch du. Nie schaffst du das.“ Das sind nicht Gottes Sätze. Das sind alte Echos – von früheren Blicken, Lehrsätzen, Erwartungen.

„Das Erstaunliche an der Vergebung ist nicht, dass Gott uns vergibt,
sondern dass er uns lehrt, uns selbst zu vergeben.“

Paul Tillich zugeschrieben (Quelle unsicher)

Denn seien wir ehrlich: Wer ist schärfer mit uns als wir selbst? Wer kennt unsere Fehler besser? Wer hält uns länger gefangen in dem, was war?
Die Bitte des Vaterunsers lädt ein, diese Stimmen an die Hand zu nehmen und sie dorthin zu bringen, wo sie sich verwandeln dürfen.

Taulers Bild: Mist wird zu Dünger

Der Mystiker Johannes Tauler hat ein derbes, hilfreiches Bild dafür gefunden. Er spricht vom eigenen „Mist“ – allem, was wir an Mängeln und Unfertigem mit uns herumtragen.
Tauler sagt nicht: „Entsorge das endlich!“ Er sagt:

„Trag deinen Mist auf den Acker der Liebe Gottes.“

Johannes Tauler

Mist ist kein Müll. Er wird zu Dünger, wenn er ans Licht kommt und dem Boden anvertraut wird. Das ist kein billiges Schönreden, sondern die Kunst der Gelassenheit: ich muss mich nicht erst perfektionieren, um angenommen zu sein.

Paulus: Schwachheit als Ort der Kraft

Auch Paulus kannte Schamgründe – Schwächen, Missverständnisse, Angriffe. Und er kehrt das Unerwartete nach vorne: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (2 Kor 12,9–10)
Nicht die glänzende Selbstdarstellung, sondern die angenommene Verletzlichkeit wird zum Ort, an dem Gottes Kraft aufblüht. Selbstvergebung heißt dann nicht: „Es war doch gar nicht schlimm.“ Selbstvergebung heißt: „Es war schwer – und ich lasse mich nicht mehr von diesem einen Moment definieren.“

Ein biblischer Akzent als Übung

Ein kleiner biblischer Akzent hilft als Übung: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben.“

  1. Benennen: Nicht ausweichen. Was war mein Anteil? Was davon ist Schuld – was Scham?
  2. Bekleiden: Bilder helfen. Stellen Sie sich vor: Eine warme, schlichte Decke wird Ihnen umgelegt. Nicht um zu verstecken, sondern um zu schützen. „Gott kleidet mich in Würde.“
  3. Wandeln: Wo Scham sitzt: eine neue Stimme einüben. Kein Hochglanz-Mantra, sondern ein nüchterner Satz: „Ich bin mehr als mein Fehler.“
  4. Teilen: Das „uns“ ernst nehmen. Mit einem vertrauten Menschen beten, reden, schweigen. Scham verliert Macht, wenn sie nicht mehr allein sein muss.

Wahrheit und Würde in Balance

Und ja: Es gibt Grenzen. Selbstvergebung ohne Wahrheit verflacht. Aber Wahrheit ohne Würde zerbricht. Das Vaterunser hält beides zusammen: Es nimmt Schuld ernst – und stellt zugleich Würde wieder her.
Vielleicht ist das die Hauptarbeit: lernen, so über sich zu sprechen, wie die Liebe spricht.
Nicht kleinredend. Nicht großspurig. Wahr – und freundlich.

Selbstvergebung beginnt, wenn ich lerne,
so über mich zu sprechen, wie die Liebe spricht.

Schlussbild: Den Mist auf Gottes Feld kippen

Am Ende bleibt ein schlichtes Bild: Du trägst deinen „Mist“ nicht mehr heimlich im Rucksack. Du kippst ihn auf Gottes Feld. Vertraue es Gott an. Und irgendwann wächst dort etwas, das du nicht geplant hattest: ein leiser Mut. Ein wenig Gelassenheit. Und die Fähigkeit, auch anderen nicht die Scham zu vermehren.

Und vergib uns unsere Schuld … – damit wir anfangen können, uns selbst in deinem Licht zu sehen.

SONNTAGSWEITE
UND WOCHENMITTE

Fragen
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch,
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang
Vergib mir, vergib uns


Du, Lebensgrund, der uns kleidet,
ich lege mein verwundetes Herz in deine Hände.

Was sich an mir zusammenzieht – löse es.
Was mich beschämt – bedecke es mit Würde.

Lehre mich den Satz, der trägt:
Ich bin mehr als mein Fehler.

Zeig mir den Weg der kleinen Schritte,
vom harten Urteil zur freundlichen Wahrheit.
Nimm meinen „Mist“ – mach ihn zu Boden,
auf dem Neues wachsen darf.

Und wenn ich schwach bin,
wohne du in mir mit deiner Kraft.

Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

54blog

Das Pluralwort nimmt der Schuld und auch der Scham ihre Vereinzelung: Ich stehe nicht als Sonderfall da, sondern als Mensch unter Menschen. Es öffnet den Blick für verstrickte, auch strukturelle Dimensionen von Schuld – jenseits bloß privater Moral. Und es schafft einen Ton der Solidarität: Wir bitten miteinander und lernen, einander die Würde zu lassen

31blog

Gott sagt zu Paulus: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung“
Und Paulus ergänzt:
„Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2 Kor 12,9–10)

Paulus kehrt die Logik der Beschämung um: Schwachheit wird nicht versteckt, sondern zum Ort der erfahrbaren Kraft Gottes. Das entzieht toxischer Scham die Bühne, weil Wert nicht mehr an Leistung hängt, sondern an Beziehung. So wird das Bekenntnis der Begrenzung nicht Demütigung, sondern Eingang in Würde.

Predigt. Vaterunser 8. Das tägliche Brot

6. August 2025: „Das tägliche Brot“. Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe

Das geheimnisvolle Wort


Haben Sie schon mal den Ausdruck „hapax legomenon“ gehört? Vermutlich nur, wenn Sie sich mit alten Sprachen beschäftigt haben. Es bedeutet „einmaliges Wort“. Also ein Ausdruck, den es nur ein einziges Mal gibt in einer Sprache. Und so ein Wort gibt es hier, im Vaterunser, in der griechischen Fassung, die uns Matthäus und Lukas überliefert haben. Epiousion – ein Wort, das es nur einmal gibt in der gesamten antiken griechischen Literatur.

Der Evangelist Matthäus hat es für diese eine Bitte des Vaterunsers geprägt. Was mag er gemeint haben? „Für morgen“?, „Zum Leben notwendig“? Die Gelehrten rätseln bis heute.
Wir lesen es heute als „tägliches“ Brot. Und es spricht manches dafür, dass dies dem, was Jesus in seiner Muttersprache, Aramäisch, gesagt hat, wohl am nächsten kommt.

Vielleicht liegt gerade in dieser Ungewissheit eine Einladung – die Einladung zu entdecken, was unser persönliches epiousion ist, unser lebenswichtiges, tägliches Brot.

Was brauche ich wirklich?


Martin Luther wagte eine kühne Auslegung: „Tägliches Brot heißt alles, was zur Nahrung und Notdurft dieses Lebens gehört.“ Er zählte auf: Essen und Trinken, Haus und Kleidung, aber auch „fromme Eheleute, fromme Kinder, gute Freunde, treue Nachbarn, Frieden, Gesundheit.“

Eine wunderbare Liste des Lebens! Sie lädt ein zu fragen: Was steht wohl auf unserer Liste? Was ist unser tägliches Brot? Was nährt Sie wirklich?

Vielleicht ist Ihr tägliches Brot heute ein verstehender Blick, ein Gespräch, das trägt, die Stille in der Natur oder ein Lied, das Ihre Seele berührt. Vielleicht ist es die Gewissheit, dass Sie nicht allein sind – weder mit Ihren Fragen noch mit Ihren Wunden.

Die Weisheit des Heute


„Gib uns heute“ – nicht für morgen, nicht für die nächste Woche, nicht für immer. Jesus lädt uns ein in die Weisheit des Augenblicks. Wie das Volk Israel in der Wüste, das jeden Tag nur so viel Manna sammeln konnte, wie es für diesen einen Tag brauchte.
„Heute“ ist eine Anleitung zur Achtsamkeit. Eine Einladung, den gegenwärtigen Moment ernst zu nehmen. Was wäre, wenn wir am Ende eines Tages nicht fragten: „Was wird morgen sein?“, sondern: „Wofür kann ich heute dankbar sein?“
Das Leben geschieht im Heute. Hier und jetzt öffnet sich der Raum für Dankbarkeit, für Vertrauen, für die Erfahrung des Genug. Für die Entdeckung, dass wir bereits reich beschenkt sind – auch wenn nicht alle Wünsche erfüllt sind.

Vom „Mein“ zum „Unser“


Unser Brot“ – nicht „mein Brot“. das ist der entscheidende Unterschied. Die Bitte weitet den Blick: Wir beten nicht nur für uns selbst, sondern für alle, die Brot brauchen – nach Nahrung, nach Liebe, nach Anerkennung, nach Sinn.
Es ist ein merkwürdiges Paradox: Je mehr wir teilen, desto reicher werden wir. Je mehr wir für andere mitbitten, desto geborgener werden wir selbst. Das Brot vermehrt sich nicht durch Horten, sondern durch Teilen. Das hat Jesus nicht nur gelehrt, sondern gezeigt – bei der Speisung der Fünftausend, beim letzten Abendmahl, immer wieder.

Eine Einladung zum Vertrauen


Es gibt einen Hunger, den kein Brot stillen kann. Jesus nannte sich selbst das „Brot des Lebens“ – eine Nahrung, die uns von innen heraus satt macht. Nicht durch Besitz oder Leistung, sondern durch die Erfahrung: Ich bin gewollt, ich bin geliebt, ich gehöre dazu.
Diese Nahrung kommt oft unerwartet: in der Begegnung mit einem Menschen, in einem Moment der Stille, in der Schönheit eines Sonnenaufgangs. Sie kommt in dem Gefühl, verstanden zu werden, in der Gewissheit, dass unser Leben einen Sinn hat.
Die Bitte um das tägliche Brot ist eine Einladung zum Vertrauen – zum Vertrauen darauf, dass das Leben selbst eine Kraft hat, die uns trägt. Dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir berechnen können. Dass wir getragen sind von einer Liebe, die größer ist als wir selbst.

Amen

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang
Das tägliche Brot

Heute Morgen wachte ich auf
und da war schon so viel da:
Atem in meinen Lungen,
Licht vor meinen Augen,
ein Tag voller unentdeckter Möglichkeiten.

Wie leicht übersehe ich
das Brot, das bereits bereitsteht:
Das Lächeln der Nachbarin,
das Lied der Amsel vor dem Fenster,
die warme Tasse in meinen Händen.
Manchmal ist mein tägliches Brot
nur ein kleiner Moment der Stille,
manchmal ein mutiges Gespräch,
manchmal die Gewissheit:
Ich bin nicht allein mit meinen Fragen.

Du Quelle allen Lebens,
mache mich aufmerksam
für die tausend kleinen Wunder
dieses einen Tages.

Und lass mich nicht vergessen
die leeren Tische dieser Welt,
während ich am gedeckten sitze.
Mache mich wach
für mein Handeln
angesichts ihres Hungers.

Lass mich selbst zum Brot werden
für andere:
Ein Wort, das tröstet,
eine Hand, die hilft,
ein Herz, das versteht.

Denn im Teilen wird das Wenige zum Vielen
im Geben werden wir reich,
im Danken wird das Leben hell.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

54blog

Die frühen Christen verstanden diese Bitte als Verweis auf das gemeinsame Abendmahl, bei dem Brot geteilt wird. Nicht nur die tägliche Nahrung ist gemeint, sondern auch die geistliche Speise der Gemeinschaft – das Brot, das uns mit anderen und mit dem Göttlichen verbindet. Jede gemeinsame Mahlzeit wird so zu einem heiligen Moment.

31blog

Die Brotbitte steht genau in der Mitte des Vaterunsers – zwischen den ersten drei Bitten, die sich an Gott wenden („Dein Name“, „Dein Reich“, „Dein Wille“) und den letzten drei Bitten, die unsere menschlichen Bedürfnisse ausdrücken. Sie ist die Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Göttlichen und dem Alltäglichen.

Predigt. Vaterunser 7. Dein Wille?

Vaterunser: Dein Wille? – Zwischen Vertrauen, Protest und Gelassenheit

Dein Wille geschehe – Dies ist keine Bitte um Resignation. Es ist eine Bitte um die Kraft, uns dem anzuvertrauen, was trägt und uns durch schwere Zeiten führt.

Predigt. Vaterunser 6. Dein Reich komme – Gottes Herzensraum

Vierter Gedankengang
zur Vaterunser-Reihe:
„Dein Reich komme – Gottes Herzensraum“
Wochenmitte am 30. Juli 2025

Wochenmitte-Impuls: „Dein Reich komme“

Eine Andacht zur zweiten Bitte des Vaterunsers


Einstimmung

Mitten in der Woche halten wir inne. Zwischen Montag und Freitag, zwischen Aufbruch und Ankunft, zwischen dem, was war, und dem, was kommen wird. Hier, in diesem Zwischenraum, laden wir Sie ein zu einer Entdeckungsreise – zu einer der kühnsten Bitten, die Menschen je ausgesprochen haben: „Dein Reich komme.“

Was meinen wir, wenn wir diese Worte sprechen? Was erwarten wir? Was erhoffen wir uns? Und warum sollte uns das heute, hier, in unserer ganz konkreten Lebenssituation etwas bedeuten?


Gottes Herzensraum – Wo ich nichts leisten muss und kostbar bin

Jesus selbst erklärt an vielen Stellen, was er mit „Reich Gottes“meint. Indem er Geschichten aus dem Alttag der Menschen erzählt, mit denen er zusammen ist. Hier ist so eine Geschichte:

Bibeltext: Das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat

Markus 4,26-29 (Basisbibel)

Jesus sagte: »Mit dem Reich Gottes ist es so wie mit einem Menschen, der Samen auf seinen Acker sät. Er schläft ein und steht wieder auf, nacht- und tagelang. Der Same keimt und wächst – der Mensch weiß nicht, wie. Ganz von selbst bringt die Erde ihre Frucht hervor: zuerst die grünen Halme, dann die Ähren und schließlich das volle Korn in den Ähren. Sobald das Getreide reif ist, schickt er die Schnitter. Denn die Erntezeit ist da.«

Der Bauer, der schläft

Ein Bauer sät Samen und schläft. Am nächsten Tag: Der Same keimt. Der Bauer hat geschlafen. Am dritten Tag: Kleine grüne Halme sprießen. Der Bauer hat wieder geschlafen. Wochen später: Goldene Ähren wiegen im Wind. Der Bauer? Hat in der Zeit gegessen, getrunken, gelacht, geweint, gezweifelt – und geschlafen.

Was für eine befreiende Geschichte! Das Reich Gottes, sagt Jesus, ist wie dieser unsichtbare Wachstumsprozess. Es geschieht, während wir schlafen. Es wächst, während wir zweifeln. Es reift, während wir uns fragen, ob wir genug tun.
So redet Jesus vom Reich Gottes. Und so ist das Reich Gottes, von dem er im Vaterunser erzählt. Es ist wie der Herzensraum Gottes.

Gottes Herzensraum

Warum nennen wir das Reich Gottes „Herzensraum“? Weil ein Herz schlägt, ohne dass wir es befehlen. Es pumpt Leben, ohne dass wir es verdienen müssen. Es ist einfach da – treu, beständig, lebensspendend.

So ist Gottes Herzensraum: Er ist da, bevor wir ihn erarbeiten. Er schlägt für uns, bevor wir etwas leisten. Er nährt unser Leben, bevor wir uns das irgendwie verdienen müssten oder könnten.

Sie müssen nichts leisten, um hineinzugehören.
Sie dürfen einfach sein.
Sie sind kostbar – ohne Bedingung.

Das Wunder des Wachsens

Haben Sie schon einmal versucht, Gras beim Wachsen zu beobachten? Es ist unmöglich. Sie können stundenlang hinstarren – nichts passiert. Aber lassen Sie es einen Tag in Ruhe, und es ist gewachsen. Das Wunder geschieht in der Stille, im Unsichtbaren, ohne unser Zutun.

So wächst auch Heilung in unserem Leben. So wächst Vertrauen. So wächst Hoffnung. Nicht durch Anstrengung, sondern durch eine geheimnisvolle Kraft, die größer ist als wir. Gottes Geist übernimmt die unsichtbare Wachstumsarbeit – während wir schlafen, während wir kämpfen, während wir loslassen.

Sie dürfen aufhören, sich selbst zu reparieren. Sie dürfen vertrauen, dass etwas in Ihnen wächst, was Sie nicht kontrollieren müssen. In Gottes Herzensraum geschieht Heilung nicht durch Leistung, sondern durch Sein. Durch Da-Sein. Durch Angenommen-Sein.

Orientierung im Alltag

Wenn das Reich Gottes in uns wächst wie ein Samen, dann verändert das unseren Blick auf den Alltag. Wir fragen nicht mehr zuerst: „Was muss ich heute schaffen?“ sondern: „Was möchte durch mich wachsen?“ Wir orientieren uns nicht mehr an der Frage: „Bin ich gut genug?“ sondern: „Wie kann ich dem Leben dienen?“

Das Reich Gottes wird zu unserem inneren Kompass. Es flüstert uns zu: Liebe ist wichtiger als Leistung. Wahrheit ist wertvoller als Status. Verbindung ist kostbarer als Perfektion. Jedes Mal, wenn wir uns eine Welt ohne Einsamkeit wünschen, jedes Mal, wenn wir träumen von einer Gesellschaft ohne Missbrauch und Ungerechtigkeit – dann beten wir bereits: „Dein Reich komme.“

Die Erntezeit

Der Bauer in Jesu Geschichte wartet geduldig. Aber er wartet nicht untätig. Wenn die Zeit da ist, schickt er die Schnitter. Die Ernte ist da.

So ist es auch mit uns. Wir dürfen gelassen warten, dass Gottes Reich in uns wächst. Aber wir dürfen auch voller Freude entdecken, wo es bereits Frucht trägt: in einem versöhnenden Gespräch, in einem Moment der Dankbarkeit, in einer ausgestreckten Hand, in der Bereitschaft zu vergeben.

Gottes Herzensraum ist nicht nur Ruheort – er ist auch Kraftquelle. Aus der Gewissheit, geliebt und angenommen zu sein, erwächst die Kraft, diese Liebe weiterzugeben. Aus dem Wissen, kostbar zu sein, wächst die Bereitschaft, auch anderen ihre Kostbarkeit zu zeigen.

Das Geheimnis der Gelassenheit

Das Gleichnis vom wachsenden Samen schenkt uns etwas Kostbares: die Erlaubnis zur Gelassenheit. Wir müssen das Reich Gottes nicht machen – wir dürfen es empfangen. Wir müssen es nicht produzieren – wir dürfen es wahrnehmen. Wir müssen es nicht verdienen – wir dürfen uns beschenken lassen.

„Dein Reich komme“
das ist das Gebet aller,
die müde sind vom Müssen.

Das ist die Bitte aller, die sich sehnen nach einem Ort, wo sie einfach sein dürfen. Das ist der Ruf aller, die ahnen: Ich bin mehr wert als meine Leistung. Ich bin kostbarer als meine Erfolge. Ich bin geliebt – bedingungslos.


SONNTAGSWEITE
UND WOCHENMITTE

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken, das Tagebuch oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Wann haben Sie zuletzt einen Moment erlebt, in dem Sie sich vollkommen angenommen gefühlt haben – ohne etwas leisten zu müssen?
  2. Wo sehen Sie in Ihrem Leben Zeichen von Wachstum und Veränderung, die Sie sich nicht selbst zuschreiben können?
  3. Wenn Sie ehrlich sind – wonach sehnt sich Ihr Herz am meisten? Welche Art von Welt würden Sie sich wünschen?


Predigt. Vaterunser 5. Himmel und Hölle

Vierter Gedankengang
zur Vaterunser-Reihe:
„Im Himmel“
Wochenmitte am 23. Juli 2025

Einstieg: Himmel oder Hölle – eine Frage von Pink Floyd

„So you think you can tell heaven from hell“ –
Denkst du, du kannst Himmel und Hölle unterscheiden?

Diese Zeile aus dem Pink Floyd-Song „Wish You Were Here“ trifft einen wunden Punkt.
Was ist eigentlich Himmel, was ist Hölle?
Ist das so leicht zu unterscheiden: hier das Gute, dort das Böse – hier Gott, dort das Nichts?
Vielleicht liegt die Sache komplizierter.
Vielleicht sind Himmel und Hölle näher beieinander als wir denken.
Vielleicht tragen wir sogar beides in uns.

2. Was Jesus mit „Himmel“ meint

Diese Frage führt uns direkt zu Jesus und seinem Verständnis vom Himmel.
Wenn Jesus betet: „Vater unser im Himmel“, sagt er im Aramäischen, also seiner Muttersprache, „bishmayya“.
Das Besondere: Dieses Wort steht in der Mehrzahl – nicht der eine Himmel irgendwo da oben, sondern Himmel in vielen Dimensionen.
Wörtlich also: „Vater unser in den Himmeln“.
Im Englischen gibt es eine hilfreiche Unterscheidung: „sky“ meint den sichtbaren Himmel über uns, „heaven“ steht für die göttliche Wirklichkeit.
Im Deutschen sprechen wir für beides einfach vom „Himmel“ – und geraten leicht auf die falsche Fährte.

Denn Jesus meint nicht die Wolken über uns, sondern eine göttliche Realität,
die uns umgibt, in uns lebt
und durch uns hindurchwirkt.

3. Der Himmel in meiner Seele: Augustinus‘ Entdeckung

Schon vor fast 1700 Jahren erkannte der Kirchenvater Augustinus etwas Überraschendes:
Der Himmel – das sind die „Herzen der Gerechten“.
Damit meint er nicht die Herzen der Perfekten, sondern der Menschen, die sich nach Gott ausstrecken.
Paulus drückt es noch direkter aus: Gott legt seinen Schatz in „irdene Gefäße“ – in etwas Zerbrechliches, Unvollkommenes.

Himmel – das ist nicht ein Ort hinter den Sternen,
sondern ein Raum in uns, in dem Gott wohnt – gerade weil wir brüchig sind,
Lebens-Fragmente.
Weil, nicht obwohl.

Das ist keine romantische Idee, sondern eine spirituelle Erfahrung, die Menschen aller Zeiten gemacht haben.
Ein innerer Ort der tiefsten Verbindung mit dem Göttlichen – nicht „sky“, sondern „heaven“, ganz nah bei mir.

4. Wo spüre ich diesen Himmel?

Doch wie finde ich diesen Himmel in mir?
Wo merke ich: Gott wohnt in meiner Seele?

Vielleicht kennen Sie solche Momente aus Ihrem Leben:
Momente der Stille, in denen etwas in Ihnen aufatmet.
Wenn Sie spüren: Ich bin nicht allein.
Wenn Frieden in Ihr Herz kommt, ohne dass sich draußen etwas ändern muss.
In der Liebe, die stärker ist als Ihre Angst.
In der Vergebung, die Sie sich nie zugetraut hätten.
In der Hoffnung, die trotz allem bleibt.
Manchmal auch in dunklen Zeiten, wenn Sie erahnen: Da ist noch etwas Tieferes in mir als der Schmerz.

5. Raum schaffen für den Himmel

Wie können Sie solchen Momenten mehr Raum geben?
Wie können Sie Platz machen für den Himmel?

Der große Mystiker Johannes vom Kreuz sprach von der „Nacht der Seele“ –
der Einladung,
alte Bilder und Vorstellungen loszulassen,
damit Neues wachsen kann.
Manchmal heißt das: innerlich aufräumen.
Überholte Gottesbilder verabschieden.
Nicht alles kontrollieren müssen.

Vielleicht beginnt es mit einfachen Schritten: Stille aushalten, ohne sie gleich zu füllen. Dem eigenen Atem zuhören – dem Rhythmus des Lebens. Dankbar sein für kleine Schönheiten. Ehrlich werden gegenüber sich selbst. Das sind keine großen Taten, aber sie öffnen Türen nach innen.

6. Gott will wohnen, nicht beeindrucken

„Wie kann Gott in mir wohnen?“ – das ist keine Frage der Leistung.
Gott zieht nicht erst dann ein, wenn Sie perfekt sind.
Er ist längst da. Sie müssen ihn nur entdecken.

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Haus,
aber haben nie alle Räume betreten.
Sie kennen vielleicht das Erdgeschoss gut –
doch da gibt es noch mehr zu entdecken.
In diesen unbekannten Räumen Ihrer Seele
wartet Gott schon.

Still. Geduldig. Ohne Eile.
Wie ein guter Freund, der einfach da ist, bis Sie Zeit zum Reden haben.

7. Himmel und Hölle sind oft nah beieinander

Zurück zur Pink Floyd-Frage: Tatsächlich lassen sich Himmel und Hölle nicht sauber trennen.
In der dunkelsten Verzweiflung kann plötzlich Licht aufblitzen.
In großer Freude kann die Ahnung von Vergänglichkeit mitschwingen.
Der Himmel ist kein perfekter Ort für perfekte Menschen – er ist Gottes Gegenwart mitten im brüchigen Leben.

8. Einladung: Den Himmel in mir entdecken

„Vater unser im Himmel“ – das ist kein Blick nach oben, sondern eine Einladung, nach innen zu schauen.
Den Raum in Ihrer Seele zu entdecken, in dem Gott wohnt.
Ein Weg, kein einmaliges Ziel.
Ein Prozess, Tag für Tag.
Nicht, um etwas zu erreichen.
Sondern um zu spüren: Da ist mehr in mir, als ich geahnt habe.
Ein Raum, der größer ist als meine Sorgen.
Ein Himmel, der schon da ist – und nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

SONNTAGSWEITE
UND WOCHENMITTE


FRAGEN ZUR VERTIEFUNG


Hier ein paar weiterführende Fragen.
Für die persönliche Meditation,

das Tagebuch
oder ein gutes Gespräch:

  1. „Gibt es einen Ort – innen oder außen – wo Sie sich richtig ‚zuhause‘ fühlen? Einen Ort, wo Sie ganz Sie selbst sein können? Was macht diesen Ort zu einem ‚heiligen‘ Raum für Sie? Welche Eigenschaften dieses äußeren Ortes tragen Sie vielleicht bereits in sich?“
  2. „Wenn Sie sich vorstellen, Ihre Seele wäre ein Haus: Auf einer Skala von 1-10 – wie viele Räume haben Sie bisher erkundet? Welchen Raum in sich würden Sie gerne als nächstes betreten? Was glauben Sie, würde jemand, der Sie sehr gut kennt, über diesen ungenutzten Raum in Ihnen sagen?“
  3. „Angenommen, Sie wachen morgen auf und können plötzlich ganz selbstverständlich ‚Platz schaffen für den Himmel in sich‘ – woran würden Sie als erstes merken, dass sich etwas verändert hat? Wie würde sich Ihr Tag anfühlen? Was würden andere Menschen an Ihnen bemerken?“

GEBET

Gott, du Geheimnis in mir,
ich spüre dich manchmal wie einen warmen Atemzug
in der Tiefe meiner Seele.

Hilf mir, Platz zu schaffen für dich –
nicht durch Perfektion, sondern durch Offenheit.

Lass mich die Räume in mir entdecken,
die ich noch nie betreten habe.

Zeige mir den Himmel in meiner Seele,
der schon da ist, bevor ich ihn suche.

Amen.

MODERNE PSALMMEDITATION

Psalm vom Himmel in mir

Du bist näher als mein eigener Herzschlag,
und doch ferne wie die Sterne.
In der Stille meiner Seele
höre ich dich atmen.

Wenn die Welt zu laut wird,
führst du mich nach innen –
zu dem Ort, wo Frieden wohnt,
auch wenn außen Sturm ist.

Du bist nicht nur über mir,
du bist in mir.
Nicht nur im Licht,
auch in meiner Dunkelheit.

Lass mich heute spüren:
Der Himmel ist nicht weit.
Er ist so nah wie mein nächster Atemzug,
so real wie meine Sehnsucht nach dir.

SEGEN

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
wohne in den stillen Räumen deiner Seele.

Die Liebe Christi, die tiefer reicht als alle Verletzung,
erschließe dir den Himmel in deinem Herzen.

Die Kraft des Heiligen Geistes, die sanfter ist als alle Gewalt,
schaffe Platz in dir für das Göttliche.

So segne dich der dreieinige Gott –
nicht nur von oben herab,
sondern von innen heraus.
Amen.

Predigt. Vaterunser 4. Größer als meine Bilder

Vaterunser: Größer als meine Bilder – Geheiligt werde dein Name

Heilig ist das, was wir nicht benutzen können, sondern was uns verwandelt. Eine Predigt über Gottes Namen, der größer ist als unsere Bilder.

Predigt. Vaterunser 3. Der Vater, die Mutter, die göttliche Kraft?

Impuls zur Vaterunser-Reihe:
„Zwischen Himmel und Herz“
am 16. Juli 2025



„Vater unser im Himmel…“

Diese ersten Worte des bekanntesten Gebets der Welt sind für viele von uns nicht einfach nur fromme Routine. Sie berühren etwas tief in uns. Manchmal zärtlich, manchmal schmerzhaft. Denn das Wort „Vater“ trägt in sich die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrung: die Sehnsucht nach Geborgenheit ebenso wie die Erinnerung an Enttäuschung, an Abwesenheit, vielleicht sogar an Gewalt.

Jesus wusste das. Als er seine Jünger lehrte, Gott mit „Abba“ anzureden – einem aramäischen Wort, das etwa unserem „Papa“ entspricht –, war das ungewöhnlich. Nicht etwa, weil niemand vor ihm Gott als Vater angesprochen hätte. Ungewöhnlich war die Selbstverständlichkeit, mit der Jesus diese Beziehung lebte und lehrte.

Stellen Sie sich vor: Ein orientalischer Patriarch läuft nicht. Er wartet würdevoll, bis man sich ihm nähert. Aber im Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt Jesus uns einen Vater, der alle Konventionen sprengt. Er zerreißt das Korsett aller Erwartungen und rennt seinem Kind entgegen.

„Schon von weitem sah der Vater ihn kommen.
Er hatte Mitleid mit seinem Sohn.
Er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“

(Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Lukas 15,20, BasisBibel)

Hier ist ein Vater, der nicht auf seine Würde pocht, sondern auf die Liebe setzt. Ein Vater, der nicht straft, sondern feiert. Ein Vater, der nicht die Moral predigt, sondern die Freude über die Heimkehr.

Für viele ist das heilsam. Gerade für Menschen, die schwierige Vatererfahrungen gemacht haben, kann die Begegnung mit diesem anderen Vaterbild transformativ sein. Es geht nicht darum, schmerzhafte Erfahrungen zu verdrängen oder zu verharmlosen. Es geht darum, zu entdecken, dass es jenseits menschlicher Unzulänglichkeit eine Quelle der Liebe gibt, die nie versiegt.

Aber Jesus wusste auch um die Grenzen dieses Bildes. Die Bibel ist voller Metaphern für Gott: Gott als Mutter, die tröstet („Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet“, Jesaja 66,13, BasisBibel), als Fels, als Quelle, als Licht.

Das Bilderverbot des Alten Testaments mahnt uns:
Gott ist größer als unsere Bilder.
Das Vaterbild ist ein Fenster,
nicht die ganze Wirklichkeit.

Was bedeutet Ihnen das Vaterbild?
Es kann Heimat sein für die, die gute Vatererfahrungen gemacht haben.
Es kann Herausforderung sein für die, die mit diesem Bild kämpfen.
Es kann Verheißung sein für die, die es als Fenster zu einer größeren Wirklichkeit verstehen.

Das Vaterunser beginnt nicht mit einem Dogma, sondern mit einer Einladung. Wir dürfen „Vater“ sagen – oder „Mutter“, „Quelle“, „Kraft“. Wir dürfen uns bergen lassen in dem, was größer ist als unsere Angst, stärker als unsere Sorge, tragfähiger als unsere Zweifel.

Das Vaterunser ist ein Gebet der Fragen, nicht der Antworten. Es lädt uns ein, zu entdecken, zu zweifeln, zu vertrauen. Es lädt uns ein, unsere eigenen Bilder zu finden – und sie auch wieder loszulassen, wenn sie zu eng geworden sind.

Inspiriert hat mich zu meinen Gedanken der Beitrag von Evelyne Baumberger zum Beginn des Vaterunsers.

Wochenmitte

ABENDGEBET

Du, der du größer bist als alle unsere Bilder und Worte,
wir danken dir für diesen Tag mit seinen Höhen und Tiefen.
Wir legen in deine Hände, was uns bewegt und beschäftigt, unsere Sorgen und unsere Hoffnungen.
Lass uns in der Stille der Nacht spüren: Wir sind gehalten von einer Liebe, die nie aufhört.
Gib uns einen erholsamen Schlaf und lass uns morgen mit neuer Kraft erwachen.
Amen.

SEGEN

Gott segne dich mit dem Vertrauen, dass du gehalten bist – von einer Liebe, die größer ist als alle menschlichen Bilder.

Gott segne dich mit der Gewissheit, dass du angenommen bist – so wie du bist, mit deinen Fragen und deinen Zweifeln.

Gott segne dich mit der Hoffnung, dass du geborgen bist – in dem Namen, der für dich Heimat bedeutet.

So segne dich der lebendige Gott, der Vater und Mutter zugleich ist,
der Freund und Quelle des Lebens, heute und alle Tage.

Amen.

FRAGEN ZUM NACHDENKEN,
FÜRS TAGEBUCH
ODER EIN GESPRÄCH

1. „Wenn das Wort ‚Vater‘ für Sie schwierig ist – welches andere Bild oder welche andere Anrede für das Göttliche gibt Ihnen Kraft und lässt Sie aufatmen? Was ist es an diesem Bild, das Sie nährt und stärkt?“

2. „Angenommen, Sie würden das Vaterunser für sich persönlich umschreiben und mit einem Bild beginnen, das Ihnen entspricht – wie würde Ihr Gebet dann lauten? ‚Mutter unser…‘, ‚Quelle des Lebens…‘, ‚Du, der du mich hältst…‘ – welche Worte würden sich für Sie richtig anfühlen?“

3. „Wenn Sie an einen Moment denken, in dem Sie sich von Gott getragen und geborgen gefühlt haben – war da eher ein väterliches, ein mütterliches Bild spürbar, oder war es etwas ganz anderes? Und was macht für Sie den Unterschied zwischen einem Gottesbild, das Sie einengt, und einem, das Sie befreit?“

Predigt. Vaterunser 2.UNSER – nicht MEIN

Zweiter Gedankengang zur Vaterunser-Reihe:
„Zwischen Himmel und Herz“
Sonntagsweite am 13. Juli 2025

Das revolutionäre „Unser“ – Eine meditative Predigt über die Gemeinschaft im Gebet

Das revolutionäre „Unser“ – Eine meditative Predigt über die Gemeinschaft im Gebet

Ein unsichtbarer Chor umspannt die Erde

Stellen Sie sich vor: Gerade jetzt, während Sie diese Worte lesen, sprechen Menschen überall auf der Welt dieselben Worte – in hunderten Sprachen, in stillen Zimmern und lauten Kirchen, in Freude und Verzweiflung. „Vater unser…“ Ein unsichtbarer Chor umspannt die Erde, und Sie sind mittendrin.

Das erste Wort nach „Vater“ ist kein Zufall. Es ist eine Einladung in eine Gemeinschaft, die größer ist als alles, was wir uns vorstellen können.

Ein kleines Wort verändert alles

In der Sprache Jesu hieß es „Abun“ – unser Vater. Nicht „Abi“ – mein Vater. Jesus hätte sagen können: „Mein Vater im Himmel.“ So beteten viele Menschen damals. So beten viele Menschen heute. Doch er wählte bewusst „unser“. Dieses kleine Wort ist ein Donnerschlag. Es sprengt die Grenzen einzelner Frömmigkeit und schafft etwas Neues: eine Gebetsgemeinschaft, die alle Grenzen überschreitet.

Das „Unser“ steht am Anfang und prägt alle folgenden Bitten. Wir bitten um unser Brot, unsere Vergebung, unseren Schutz. Wir sind, ob wir wollen oder nicht, miteinander verbunden.

Medizin für die Seele

Das „Unser“ wirkt wie Medizin für die Seele. Es durchbricht dieses Gefühl, ganz allein mit allem dazustehen. Wenn Sie das nächste Mal beten, können Sie sich fragen: Wer in meinem Leben würde verstehen, was ich durchmache? Diese Art zu denken öffnet Türen zu Hilfe, die das einsame „Ich“ gar nicht sieht.

Das „Unser“ weckt etwas Uraltes in uns. Es verbindet uns mit uralten Erfahrungen von Geborgenheit und Zugehörigkeit. Körper und Seele entspannen sich, wenn wir spüren: Ich bin nicht allein.

Verbunden mit allem Leben

Das „Unser“ im Vaterunser öffnet unseren Blick für eine Wahrheit, die größer ist als wir selbst: Wir sind Teil eines lebendigen Netzes, das alle Geschöpfe umspannt. Wenn wir „unser tägliches Brot“ erbitten, sprechen wir nicht nur für uns Menschen. Wir bitten für alle Lebewesen, die Nahrung brauchen – für die Tiere, die Pflanzen, für die ganze Schöpfung, die nach Leben dürstet.

Diese Verbindung ist real und konkret. Das Brot, um das wir bitten, wächst aus der Erde. Die Luft, die wir atmen, schenken uns die Bäume. Das Wasser, das unseren Körper nährt, fließt durch alle Kreisläufe des Lebens. Wenn wir „Vater unser“ beten, erkennen wir an: Wir sind Geschwister nicht nur untereinander, sondern Geschwister aller Geschöpfe unter dem einen Himmel.

Das „Unser“ macht uns zu Anwälten des Lebens. Wer so betet, kann nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem Leiden der Schöpfung. Das Gebet verbindet uns mit der Verantwortung für die Welt, die uns anvertraut ist.

Eine zeitlose Weisheit

Das „Unser“ findet erstaunliche Entsprechungen in anderen Glaubensrichtungen. Buddhisten sprechen von der „Verbundenheit“ aller Lebewesen. Der hinduistische Gruß „Namaste“ bedeutet: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir.“ Im Islam verbindet die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, Menschen über alle Kontinente.

Auch die Natur lehrt uns diese Wahrheit: In einem Wald sind alle Bäume durch unterirdische Pilzgeflechte miteinander verbunden. Was einem schadet, spüren alle anderen. Was einem hilft, kommt allen zugute.

Eine Einladung zum Spüren

Wie fühlt es sich an, wenn Sie das nächste Mal „Vater unser“ sagen? Können Sie kurz innehalten und spüren, dass Sie nicht allein sprechen? Dass gerade jetzt Menschen in allen Zeitzonen diese Worte mit Ihnen teilen – und mit Ihnen alle Geschöpfe, die nach Leben und Heilung suchen?

Vielleicht wird Beten so zu etwas Neuem: Statt einer einsamen Bitte wird es zum Mitsingen in einem weltweiten Chor der Hoffnung. Ihre persönlichen Sorgen bleiben wichtig, aber sie werden eingebettet in die große Melodie menschlicher Sehnsucht und kosmischer Verbundenheit.

Hier in der Klinik wird das „Unser“ besonders greifbar. Die Frau im Zimmer nebenan, die nicht schlafen kann. Der Mann am Ende des Flurs, der auf eine schwere Diagnose wartet. Wenn Sie „Vater unser“ beten, schließen Sie alle ein. Ihr Gebet umfasst die ganze Schöpfung, auch wenn Sie sich dessen nicht bewusst sind.

Leben Sie es bewusst

Das „Unser“ im Vaterunser ist weniger Antwort als Frage: Wie würde sich unser Leben ändern, wenn wir wirklich verstünden, dass wir alle verbunden sind – nicht nur mit anderen Menschen, sondern mit allem Leben? Wie würden wir handeln, lieben, verzeihen, wenn wir spürten, dass das Wohl des anderen – sei es Mensch, Tier oder Pflanze – mit unserem eigenen verknüpft ist?

Dieses Bewusstsein verändert unseren Blick auf die Welt. Plötzlich wird klar: Wenn wir die Erde verletzen, verletzen wir uns selbst. Wenn wir für die Schöpfung sorgen, sorgen wir für unsere eigene Zukunft. Das „Unser“ macht uns zu Hütern und Geschwistern zugleich.

Rund um den Globus, 24 Stunden am Tag, steigt dieses Gebet empor – aus menschlichen Herzen, aber auch aus dem stummen Sehnen aller Kreatur nach Heil und Vollendung. Sie sind Teil davon. Sie waren es schon immer. Die Frage ist nur: Werden Sie es bewusst leben?

In diesem Bewusstsein unserer Verbundenheit mit allem Leben beginnt jedes echte Gebet – und vielleicht auch jede echte Heilung.

SONNTAGSWEITE –

MORGENGEBET

Gott, während die Welt erwacht und der neue Tag beginnt, danke ich für diese stillen Momente der Verbundenheit.
Lass mich spüren, dass ich nicht allein bin in diesem Morgen – dass Menschen überall auf der Erde mit mir atmen, hoffen, beten. Öffne mein Herz für das große „Unser“, das uns alle trägt.
Hilf mir, diesen Tag bewusst als Teil der menschlichen Familie zu leben.
Amen.

PSALMTEXT

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Er macht mich wieder stark und führt mich auf rechten Wegen um seines Namens willen.
Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil.
Denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Halt.
Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt mit Öl, mein Becher fließt über.
Lauter Güte und Gnade werden mir folgen mein Leben lang,
und im Haus des HERRN werde ich wohnen für alle Zeit.

Psalm 23,1-6 (BasisBibel)

SEGEN

Es segne dich der Gott, der in jedem „Unser“ wohnt und dich mit Menschen verbindet, die du noch nie gesehen hast.
Es segne dich die Gewissheit, dass du Teil eines weltweiten Chores der Hoffnung bist, der niemals verstummt.
Es segne dich die Kraft, die entsteht, wenn du dich bewusst als Teil der menschlichen Familie verstehst.
So gehe gesegnet in diesen Tag – getragen von dem unsichtbaren Netz der Verbundenheit, das uns alle umspannt.

FRAGEN ZUR VERTIEFUNG

  1. Die Perspektive des unsichtbaren Chores: Wenn Sie sich vorstellen, dass gerade jetzt Menschen überall auf der Welt dieselben Worte beten wie Sie – was verändert sich in Ihrem Gefühl der Verbundenheit? Welche Person in Ihrem Leben würde am ehesten verstehen, was Sie gerade durchmachen?
  2. Das kleine Wort mit großer Wirkung: Jesus wählte bewusst „unser“ statt „mein“ Vater. Wo in Ihrem Leben könnten Sie ein „Ich“ durch ein „Wir“ ersetzen? Wie würde sich Ihr Blick auf eine aktuelle Herausforderung verändern, wenn Sie sie als Teil eines größeren „Unser“ betrachten?
  3. Verbundenheit als Heilkraft: Der Text beschreibt das „Unser“ als Medizin für die Seele. Wenn Sie an Momente denken, in denen Sie sich besonders verbunden gefühlt haben – was hat diese Verbundenheit in Ihnen bewirkt? Wie können Sie diese heilsame Erfahrung bewusst in Ihren Alltag integrieren?

Predigt. Vaterunser 1. Worte für die Sehnsucht

Wochenmitte

GEBET

Gott, du Quelle allen Lebens, ich komme zu dir mit offenen Händen. Manchmal weiß ich nicht, wie ich dich nennen soll. Manchmal kenne ich die richtigen Worte nicht. Aber mein Herz weiß: Da ist etwas Größeres als ich.

Du bist da – in den alten Worten, die Millionen gesprochen haben. Du bist da – in den neuen Worten, die aus meinem Herzen kommen. Du bist da – in der Sehnsucht, die mich nicht loslässt.

Lass mich einen Platz finden zwischen Himmel und Herz. Einen Ort, wo ich ganz sein darf. Wo ich mich bergen kann. Wo ich zu Hause bin.

Amen.

PSALM

Psalm der offenen Einladung

Du rufst mich bei meinem Namen, auch wenn ich ihn selbst nicht kenne. Du siehst mich, auch wenn ich mich verstecke.

In den alten Worten finde ich neue Hoffnung. In den vertrauten Bitten entdecke ich ungeahnte Weite.

Du bist größer als meine Vorstellungen von dir. Du bist näher als meine Zweifel an dir.

Zwischen Himmel und Herz machst du mir einen Platz. Hier gehöre ich hin. Hier bin ich zu Hause.

Deine Einladung gilt mir. Deine Liebe trägt mich. Dein Friede umhüllt mich.

Gepriesen seist du, Gott, der du alle Suchenden rufst. Der du alle Dürstenden tränkst. Der du alle Heimatlosen aufnimmst.

SEGEN

Segen der offenen Türen

Gott segne dich und behüte dich.

Gott öffne dir die Türen, die zu deinem Herzen führen. Gott schenke dir den Mut, hindurchzugehen.

Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Gott zeige dir den Platz zwischen Himmel und Herz, wo du zu Hause bist.

Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Den Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Der dich trägt auf allen deinen Wegen.

So segne dich der dreieinige Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

FRAGEN

1. Wenn Sie an einen Ort denken, wo Sie sich wirklich zugehörig fühlen – wer oder was ist dort anwesend? Welche Eigenschaften hat dieser Ort? Was müsste in Ihrem Leben vorhanden sein, damit Sie sich „zwischen Himmel und Herz“ zu Hause fühlen?

2. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen „spirituellen Werkzeugkasten“ – welche Worte, Rituale oder Praktiken würden Sie hineinlegen, die Ihnen helfen, mit dem „Geheimnis des Lebens“ in Berührung zu kommen? Was davon nutzen Sie bereits, ohne es vielleicht bewusst zu bemerken?

3. Wenn Ihre tiefste Sehnsucht eine Stimme hätte und zu Ihnen sprechen könnte – was würde sie Ihnen über Ihren Platz in der Welt erzählen? Wie würde sie den Satz „Du gehörst dazu“ für Sie persönlich vervollständigen?

Songpredigt: Imagine. Zwei Träumer an der Schwelle zum neuen Jahr

Songpredigt: Imagine. Zwei Träumer an der Schwelle zum neuen Jahr

Altjahrsabend/Neujahr 2025/2026
Text: Offenbarung 21,5

Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu“


Wir stehen auf einer Schwelle.
Hinter uns ein Jahr.
Vor uns eine Zukunft.

Auf dieser Schwelle begleiten uns zwei Menschen.
Beide heißen John.
Beide sind Träumer.
Und beide träumen am Ende dasselbe:
Eine friedvolle, versöhnte Welt ohne Tränen.


I. Himmel oder Erde?

Der eine ist John Lennon. Liverpool. Der Beatle mit der runden Brille.
Er schrieb 1971 (vor genau 55 Jahren)ein Lied: „Imagine.“
Stell dir eine Welt ohne Himmel vor, träumte er.
Ohne Besitz. Ohne Gier. Ohne Grenzen.
Ohne Religion, die Menschen trennt.

1980 wurde er erschossen. Mitten in New York.


Der andere ist Johannes von Patmos. Der Verbannte.
Er saß auf einer Felseninsel im Exil.
Seine Freunde waren ermordet worden.
Die Welt war voller Gewalt.

Und dort, im Staub des Exils, sah er eine Vision:
Den Himmel auf der Erde.

Und er hörte eine Stimme:
„Siehe, ich mache alles neu.“

Das ist unsere Jahreslosung für 2026.


Was wäre, wenn die beiden sich begegnen würden?
Hier, auf der Schwelle zwischen Alt und Neu?


Ich stelle mir vor, John Lennon lehnt an seinem Klavier und sagt:
Es wäre doch ein wunderbarer Traum, wenn die Menschen nur den Himmel über sich sehen könnten. Aber nicht mehr den Himmel der Religionen brauchen“

Und Johannes, der alte Mann von der Insel, schüttelt den Kopf:
„Ich habe den Himmel gesehen. Er kommt auf die Erde herab.“

Lennon winkt ab:
„Das ist doch das Problem! Ihr Christen vertröstet die Leute. Wartet auf den Himmel!
Und während ihr wartet, verhungern die Kinder.
Während ihr zum Himmel starrt, führen die Menschen hier unten Krieg.“

Johannes antwortet leise:
„Ich habe nicht gesagt, wir sollen warten.
Ich habe gesagt: ‚Siehe!‘ – Schau hin! Es geschieht schon.

„Wo denn?“, fragt Lennon bitter.

„Überall, wo Menschen teilen. Wo sie Frieden stiften. Wo sie einander die Tränen abwischen.
Da bricht der Himmel auf die Erde.

Lennon schweigt einen Moment.
„Das ist zu wenig. Das reicht nicht.

„Nein“, sagt Johannes. „Es reicht nicht. Noch nicht.
Aber es ist der Anfang.


II. Die Tränen

Es wird still zwischen den beiden.
Dann fragt Lennon, die Stimme nun brüchiger:
„Wenn dein Gott alles neu macht – warum ist die Welt dann so?
Warum die Tränen? Warum der Tod?“

Johannes denkt an seine Insel. An das Exil.
„Das habe ich mich auch gefragt“, sagt er schließlich.
„Als meine Freunde starben.“

„Und dann?“

„Dann hörte ich eine Stimme:
‚Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.‘
Hör genau hin, John.
Da steht nicht: ‚Es gibt keine Tränen.‘
Da steht: Er wischt sie ab.
Eine nach der anderen.
Er berührt den Schmerz.“

Lennon schüttelt den Kopf.
„Das ist mir nicht genug.
Die Tränen müssen aufhören. Nicht abgewischt werden. Aufhören.

„Ja“, sagt Johannes fest.
„Und genau das verspricht die Stimme weiter:
‚Der Tod wird nicht mehr sein. Kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen.‘
Das Alte ist vergangen.“

„Aber wann?“

„Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß: Es ist schon unterwegs.

III. Was größer ist

Lennon schaut den Propheten an.
„Und wenn wir es nicht schaffen? Wenn unsere Zeichen zu klein sind?“

Johannes lächelt.
„Dann ist es gut, dass Gott größer ist als unsere Zeichen.“

„Was meinst du damit?“

„Ich meine: Ja, wir können Frieden stiften. Wir können teilen. Wir können einander die Tränen abwischen.
Und das ist auch Gottes Handeln. Wirklich.

Aber Gottes Handeln ist noch größer. Er macht neu – auch dort, wo wir nicht mehr können.
Wo unsere Kraft ausgeht.
Wo unsere Zeichen verwehen.
Wo wir scheitern.

Lennon schweigt lange.
Dann sagt er leise:
„Du glaubst, dass Du anfangen kannst.
Aber die Welt nicht retten musst.“

„Genau. Das glaube ich. Das ist meine Hoffnung“, sagt Johannes.
„Ich darf anfangen.
Und Gott vollendet.“


Zeichen der Hoffnung

Zwei Träumer.
John und Johannes.
Ich weiß nicht, ob eine Begegnung zwischen Ihnen so verlaufen wäre.
Und wie sie weiter gehen könnte.
Ob sie etwas miteinander anfangen können?
Aber ihre Träume…
Ihre Träume verbindet viel.

Wo der eine sagt „Stell dir vor“
Sagt der andere „Siehe“.

Beide sehen die kleinen Zeichen:
Wo Menschen teilen.
Wo sie Frieden stiften.
Wo sie einander halten.

Darin sind sie sich einig.

Aber Johannes glaubt auch:
Dass Gottes Handeln größer ist als unsere Zeichen.
Dass er neu macht – auch wo wir scheitern.
Dass er trägt – auch wo wir loslassen müssen.

Und das macht die kleinen Zeichen nicht kleiner.
Das macht sie freier.


Wir stehen auf der Schwelle.
und uns begleitet diese Zusage
„Siehe, ich mache alles neu.“

Gott macht neu.
Er hat längst angefangen.

Und weil er größer ist als unsere Zeichen,
können wir anfangen.

Schritt für Schritt.
Zeichen um Zeichen.
Tag für Tag.

Amen.


Fragen
zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

1. „Siehe, ich mache alles neu“ – wenn Sie diesem Satz einen kleinen Raum in Ihrem Alltag geben würden: Was wäre der erste, vielleicht kleinste Schritt?

2. Was in Ihnen darf sein, ohne sich ändern zu müssen – gerade jetzt, auf dieser Schwelle?


Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

Was bedeutet „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5)?

Das griechische Wort für „neu“ ist kainós. Es meint nicht „neu“ im Sinne von „unbenutzt“ (néos), sondern „neu“ im Sinne von „andersartig, verwandelt, qualitativ anders“. Gott restauriert nicht den alten Zustand. Er schafft etwas grundlegend Neues – bei gleichzeitiger Kontinuität. Das Alte wird nicht ausgelöscht, sondern verwandelt. Diese Vorstellung ist zentral für die jüdisch-christliche Hoffnung: Nicht Flucht aus der Welt, sondern Erneuerung der Welt.


Warum sitzt Johannes auf Patmos im Exil?

Johannes, der Seher der Offenbarung, befand sich auf der Insel Patmos in der Ägäis – vermutlich als Verbannter unter römischer Herrschaft. Patmos war in der Antike ein Ort der Verbannung für politische oder religiöse Dissidenten. Johannes war Teil einer verfolgten christlichen Minderheit. Seine Vision entstand also nicht in Sicherheit, sondern in existenzieller Bedrohung. Das verleiht dem Text eine besondere Kraft: Hoffnung nicht trotz, sondern mitten in der Krise.


Was ist der „neue Himmel und die neue Erde“?

In Offenbarung 21,1 greift Johannes auf eine Tradition aus Jesaja 65,17 zurück. Die Vision beschreibt keine räumliche Trennung zwischen „oben“ (Himmel) und „unten“ (Erde), sondern eine Durchdringung: Gottes Wirklichkeit kommt zur Erde. Der „Tempel“ verschwindet, weil Gott selbst bei den Menschen wohnt (Offb 21,22). Diese Vorstellung ist radikal: nicht Weltflucht, sondern Weltverwandlung. Gott gibt die Schöpfung nicht auf – er macht sie heil.


Wer war John Lennon und was meinte er mit „Imagine“?

John Lennon (1940–1980), Mitglied der Beatles, schrieb 1971 den Song „Imagine“. Der Text entwirft eine Welt ohne Religion, Besitz und Nationalstaaten – ein humanistischer Traum von Frieden durch Verzicht auf Ideologien. Sein Ansatz war radikal diesseitig: Frieden nicht durch Transzendenz, sondern durch Abbau trennender Strukturen. Der Song wurde zur Hymne pazifistischer Bewegungen, bleibt aber theologisch umstritten, weil er Hoffnung ausschließlich im Menschen verortet.
Damit bleibt er eine Herausforderung und eine Inspiration für Christen.


Predigt. Weihnachten: Sie öffneten ihre Schätze.

Die unerwartete Tischgemeinschaft

Matthäus 2,11
„Sie öffneten ihre Schätze.“
(Aus der Geschichte mit den Weisen aus dem Morgenland)


I.

Stellen Sie sich vor: Drei Leute machen sich auf den Weg.
Sie kennen sich nicht.
Sie haben unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Geschichten.
Aber da ist dieser Stern. Und der zieht sie.

Und dieser Stern führt sie an einen Ort, an dem sie nicht erwartet hätten zu landen.
Kein Palast. Kein Thronsaal.
Sondern: ein Stall. Und dort: ein Baby.

Und jetzt stehen sie da, diese drei Fremden, und schauen sich an –
und dann erst mal verstohlen zu dem Baby –
und denken vielleicht: „Na gut. Dann sind wir wohl jetzt zusammen hier.“

II.

Heiligabend in der Klinik ist auch so eine unerwartete Tischgemeinschaft.
Beim Frühstück, in den Therapiegruppen.
Aber auch heute hier beim Gottesdienst.
Sie sitzen heute Morgen mit Menschen zusammen, die Sie vor ein paar Wochen nicht kannten.
Vielleicht hätten Sie sich nie getroffen, wenn nicht dieser eine Stern – nennen wir ihn mal: das Leben – Sie hierher geführt hätte.

Und wenn man das erste Mal an so einem Tisch sitzt, schaut man ja auch.
Ein bisschen verstohlen. Links, rechts. Wer sitzt da eigentlich?
Was haben die für Geschichten? Warum sind die hier?
Und während man noch schaut, merkt man: Die anderen schauen auch.

Manche von Ihnen sind froh, heute hier zu sein.
Froh, nicht an einem Tisch zu sitzen, wo alte Fragen lauern.

Andere vermissen etwas.
Einen Geruch, eine Stimme, eine Gewohnheit.

Aber Sie sind hier.
Und Sie sind nicht allein.

III.

Und jetzt kommt der Moment, der in der Weihnachtsgeschichte so leicht überlesen wird:
„Sie öffneten ihre Schätze.“
Die drei Weisen packen aus.
Gold, Weihrauch, Myrrhe.
Sie legen hin, was sie haben.

Und jetzt wird’s interessant: Was haben Sie eigentlich dabei?
Was liegt in Ihrer Truhe, wenn Sie heute an diesen Tisch kommen?

Gold.
Das Glänzende, das Wertvolle.
Vielleicht die Fähigkeit, andere zum Lachen zu bringen.
Vielleicht die Erinnerung an einen Moment, in dem man mutig war.
Vielleicht das Talent, zuzuhören.
Vielleicht einfach: die Tatsache, dass man heute hier sitzt.
Das ist Gold.

Weihrauch.
Das, was aufsteigt, was leicht macht.
Ein Seufzer, der Erleichterung bringt.
Die Hoffnung, dass es weitergeht – auch wenn man nicht weiß, wie.
Das Gebet, das man nicht aussprechen kann, aber das trotzdem da ist.
Das ist Weihrauch.

Und ja, auch die bittere Myrrhe.
Das Bittere, das Leben, wie es ist.
Die Narben, die Brüche.
Die Frage, warum man ausgerechnet hier ist und nicht dort.
Auch das liegt auf dem Tisch.
Und siehe da: Es passt.

Heute, an Heiligabend, darf das Gold glänzen.
Und der Weihrauch aufsteigen.

Und die Myrrhe?
Die darf auch da sein.
Aber sie muss heute nicht das letzte Wort haben.

IV.

Heiligabend in der Klinik ist kein perfekter Tisch.
Keine Hochglanz-Szene mit Kerzen und Tannenzweigen
und glücklichen Gesichtern.

Es ist ein Tisch, an dem Menschen sitzen,
die Gold, Weihrauch und Myrrhe dabei haben.
Und die nicht gefragt werden: „Warum bist du hier?“
Sondern: „Was hast du dabei?“

Und das ist das Geschenk dieser Tischgemeinschaft:
Keiner muss sich rechtfertigen.
Keiner muss erklären, warum er nicht woanders ist.
Es reicht, da zu sein.
Und hinzulegen, was man hat.

V.

Und das Kind in der Krippe?
Es nimmt alles an.
Es sagt nicht: „Gold ist mir zu schwer.“
Es sagt nicht: „Myrrhe ist mir zu bitter.“

Und – so sagt es ein altes Gebet – es lächelt, wenn es dich sieht.

Du musst nicht perfekt sein, um willkommen zu sein.
Du darfst kommen, wie du bist. Mit dem, was du hast.

Und das Kind?
Es liegt da – nicht, um etwas von dir zu fordern.
Es liegt da – um dir etwas zu geben: Sich selbst.

Du bist nicht allein an diesem Tisch.
Nicht nur, weil andere da sind.
Sondern weil einer da ist, der sagt:
„Ich bin für dich gekommen. Ich bleibe bei dir.“
Christus selbst. Er ist auch zu Gast an unseren Tischen.

VI.

Die drei Weisen gingen später auf einem anderen Weg zurück.
Sie waren nicht mehr dieselben.
Nicht, weil alles plötzlich gut war.
Sondern weil sie geteilt hatten, was sie hatten.
Und weil sie etwas bekommen hatten: Dieses Kind. Für sich.

Heute Morgen sitzen Sie hier.
Heute Abend sitzen Sie wieder zusammen.

Vielleicht nehmen Sie das mit: Sie sitzen an einem unerwarteten Tisch. Aber Sie sitzen nicht allein.
Und was Sie mitgebracht haben – Gold, Weihrauch, Myrrhe – es passt.

Und damit beschenken Sie sich gegenseitig.
Mit dem, was Sie sind.

Aber das größte Geschenk sitzt mit am Tisch:
Christus selbst.
Nicht nur heute.

Frohe Weihnachten.


Fragen
zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Wo haben Sie heute „Weihrauch“ gerochen? Einen Moment, der leicht war. Ein Lächeln. Eine Hoffnung.
  2. An welchem „unerwarteten Tisch“ sitzen Sie gerade? Und wer sitzt mit Ihnen dort?
  3. Was würde sich ändern, wenn Sie glauben könnten, dass Gott lächelt, wenn er Sie sieht?

Meditativer Nachklang

Drei Fremde. Ein Stern. Ein Tisch.
Sie packen aus, was sie haben.
Gold, Weihrauch, Myrrhe.

Heute sitze ich an einem unerwarteten Tisch.
Ich habe nicht alles dabei, was ich mir wünsche.
Aber ich habe etwas.

Vielleicht Gold – das, was in mir noch glänzt.
Vielleicht Weihrauch – die Hoffnung, die noch duftet.
Vielleicht Myrrhe – das Schwere, das ich trage.

Heute bin ich nicht allein.
Andere sitzen mit mir am Tisch.
Andere haben auch etwas dabei.

Und Gott?
Er lächelt.
Und gibt sich selbst.




Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Kurze Antwort: Die drei Gaben der Weisen haben symbolische Bedeutung:

  • Gold = Königswürde (Jesus als König)
  • Weihrauch = Göttlichkeit (Jesus als Gott)
  • Myrrhe = Sterblichkeit (Jesus wird leiden und sterben)

Vertiefung: In der antiken Welt waren dies königliche Geschenke. Gold war wertvoll und beständig. Weihrauch wurde im Tempel als Opfergabe verbrannt (vgl. Psalm 141,2). Myrrhe war ein bitteres Harz, das zur Einbalsamierung verwendet wurde (vgl. Johannes 19,39 – Myrrhe bei Jesu Begräbnis).


Wer waren die „Weisen aus dem Morgenland“?

Kurze Antwort: Die „Weisen“ (griechisch: μάγοι, magoi) waren keine Könige, sondern Sterndeuter, Gelehrte oder Weise aus dem persischen Raum. Sie repräsentieren die Völkerwelt (Nicht-Juden), die Jesus als König anerkennen.

Predigt. Advent bedeutet auf dem Weg zu sein

Der Weg ist zu weit – und hier ist Stärkung

Teil 3 der dreiteiligen Andachtsreihe zu Elia in der Wüste

Bibelstelle: 1. Könige 19,7-8

Der Bibeltext (BasisBibel):

Doch der Engel des HERRN kam noch einmal und berührte ihn. Er sagte: »Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich.« Da stand Elia auf, aß und trank. Durch diese Speise gestärkt, wanderte er vierzig Tage und vierzig Nächte lang bis zum Gottesberg Horeb.


I.

„Der Weg ist dir zu weit.“ Das sagt der Engel zu Elia.
Nicht: „Stell dich nicht so an.“ Nicht: „Du schaffst das schon.“
Sondern: „Ja. Ich weiß.“

Und vielleicht brauchen Sie das heute auch zu hören:
Dass jemand weiß, wie weit der Weg ist.
Der Weg bis Weihnachten.
Der Weg zurück nach Hause.
Der Weg durch diese Krankheit.
Advent heißt: unterwegs sein. Und manchmal ist der Weg – zu weit.

II.

Der Engel kommt zurück. Berührt Elia.
Wieder. „Steh auf und iss.“
Und dann sagt er etwas Merkwürdiges: „Denn der Weg ist dir zu weit.“

Das ist keine Aufmunterung.
Das ist Wahrheit.
Der Engel sagt nicht: „Ach, so schlimm ist es doch gar nicht.“
Er sagt: „Ich weiß, es ist zu viel.“
Und dann gibt er nicht weniger Weg. Er gibt mehr Kraft.

„Steh auf und iss. Sonst ist der Weg zu weit für dich.“
Das heißt: Mit diesem Brot – ist er nicht zu weit.

III.

Wer ist dieser Engel?
Im Hebräischen steht hier: mal’ach JHWH. Bote Gottes.
Aber nicht irgendein himmlisches Wesen.
Sondern: Gott selbst, in Gestalt.

Wenn der Engel Brot gibt – gibt Gott selbst.
Wenn der Engel berührt – berührt Gott.

Der Engel kommt. Das ist Advent.
Advent heißt Ankunft.
Nicht nur: Ich mache mich auf den Weg.
Sondern: Gott macht sich auf den Weg. Zu mir.

Die Stärkung ist nicht nur Nahrung.
Die Stärkung ist: Du bist nicht allein.

IV.

„Wer ist mein Engel?“
Vielleicht die Pflegekraft, die nachts noch mal kommt und fragt: „Brauchen Sie noch was?“
Vielleicht der Anruf von zu Hause.
Die Stimme, die sagt: „Wir denken an dich.“
Vielleicht das Gespräch mit der Ärztin, das Klarheit bringt.
Oder die halbe Stunde Schlaf, die wirklich Erholung war.

Engel sind nicht immer unsichtbar. Manchmal haben sie Hände.
Manchmal eine Stimme. Und in ihnen – ist Gott selbst.

V.

„Was ist mein Brot?“ Nicht nur: was ich esse.
Sondern: was mich stärkt.

Für Elia war es Brot. Echtes Brot.
Für Sie heute vielleicht auch.
Das Essen am Mittag.
Der Tee am Nachmittag.

Aber manchmal ist Brot auch:
Der Blick aus dem Fenster.
Das Tageslicht.
Die Musik, die Sie hören.
Das Gebet, das Sie sprechen.

Manchmal ist Brot: Dass jemand da ist.
Einfach nur da. Dass Sie nichts müssen.

Brot ist, was Sie heute am Leben hält.
Was Ihnen Kraft gibt – für den nächsten Schritt.
Und Gott sagt: „Nimm es. Es ist für dich.“

VI.

Elia isst. Trinkt. Und geht.
Nicht, weil er stark ist. Nicht, weil er einen Plan hat.
Sondern – in der Kraft dieser Speise.

Vierzig Tage. Vierzig Nächte.
Schritt für Schritt.
Nicht das große Ziel im Blick. Nur: den nächsten Schritt.

Und am Ende – steht er am Gottesberg.

VII.

Aber vielleicht ist das Geheimnis dieses Weges nicht, dass Elia durchgehalten hat.
Sondern dass Gott ihm entgegengekommen ist.

Advent heißt Ankunft.
Nicht nur: Ich bin unterwegs.
Sondern: Gott ist unterwegs. Zu mir.

Ich muss nicht ankommen.
Ich muss nur gehen.
Denn irgendwo auf diesem Weg –
begegne ich dem, der mir entgegenkommt.

Der Weg ist nicht zu weit –
wenn einer mitgeht, der weiß, wie weit er ist.
Und wenn einer kommt, der sagt: „Hier. Stärke dich erst mal.“
Und dann gehen wir – zusammen.

Amen.

Fragen
zur persönlichen Reflexion,
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch,
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Welcher Weg liegt gerade vor Ihnen – und fühlt sich zu weit an?
    (Der Weg bis Weihnachten? Der Weg durch die Behandlung? Der Weg zurück ins Leben?)
  2. Wer war in letzter Zeit ein „Engel“ für Sie?
    (Wer hat Sie gestärkt? Wer war einfach da? Wer hat Ihnen Brot gegeben – im wörtlichen oder übertragenen Sinn?)
  3. „Der Weg ist nicht zu weit – wenn Gott selbst mitgeht.“ Was bedeutet das für Sie?
    (Wo haben Sie das schon erlebt? Oder: Wo sehnen Sie sich danach?)


Meditativer Nachklang

Was ist heute mein Brot?
Was gibt mir Kraft für den nächsten Schritt?

Vielleicht das Essen am Mittag.
Vielleicht der Schlaf, der wirklich Erholung war.
Vielleicht das Licht, das durchs Fenster fällt.
Vielleicht die Stimme am Telefon.
Vielleicht die Hand, die mich berührt.
Vielleicht die Stille, in der ich atmen darf.

Du sagst: „Hier. Nimm.“
Nicht für morgen.
Nicht für den ganzen Weg.
Nur: für jetzt.

Und das reicht.

Amen.

Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.


Was bedeutet „vierzig Tage und vierzig Nächte“?

Die Zahl 40 ist in der Bibel keine mathematische Angabe, sondern eine symbolische. Mose war vierzig Tage auf dem Berg Sinai (2. Mose 24,18)
Israel wanderte vierzig Jahre durch die Wüste (5. Mose 8,2)
Jesus fastete vierzig Tage in der Wüste (Matthäus 4,2)
Die Zahl 40 steht für: Zeit der Prüfung. Zeit der Vorbereitung. Zeit der Verwandlung.
Elia geht vierzig Tage zum Gottesberg Horeb (der andere Name für den Sinai). Und dieser Weg ist schon ein Teil des Wandlungsprozesses in ihm. Der Weg ist nicht notwendige Vorbereitung. Er ist Teil des Heilungsweges.


Was ist der „Gottesberg Horeb“?

Horeb ist der andere Name für den Berg Sinai. Der Anfangspunkt der Geschichte Gottes mit Israel.
Elia geht dorthin. Zurück zu den Anfängen. Zurück zum Ursprung.
Warum?
Weil er nicht mehr weiß, wer er ist. Weil er nicht mehr weiß, was sein Auftrag ist. Weil er erschöpft ist und verzweifelt.
Und Gott sagt nicht: „Mach weiter wie bisher.“
Er sagt: „Komm. Zurück an den Anfang. Zurück zu mir.“
Die Botschaft: Manchmal ist der Weg nach vorn – ein Weg zurück. Zurück zu den Wurzeln. Zurück zu Gott.

Predigt. Gott spricht nicht, er backt Brot


Andacht 2: Gott spricht nicht, er backt Brot

Teil 2 der dreiteiligen Andachtsreihe zu Elia in der Wüste

Bibelstelle: 1. Könige 19,5–6

Der Bibeltext (BasisBibel):

Dann legte Elia sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch plötzlich berührte ihn ein Engel und sagte zu ihm: »Steh auf und iss!« Elia schaute auf. Zu seinen Häupten stand ein Krug mit Wasser und lag ein Brot, das auf heißen Steinen gebacken war. Er aß und trank und legte sich wieder hin.


I.

Advent in der Klinik sieht anders aus.
Kein Plätzchenduft, keine Kerzen am Küchentisch.
Stattdessen Klinkalltag.

Und doch ist Advent da.
Nicht draußen, nicht laut, nicht festlich.
Sondern mittendrin: im Warten, im Ausruhen-Müssen, im Aus-der-Hand-Geben.

II.

Elia liegt unter dem Ginsterstrauch.
Eine lebensbedrohliche Situation hatte ihn aus der Bahn geworfen.
Er war in die Wüste geflüchtet.
Ausgebrannt. Leer.
Er hat Gott gesagt:
„Es reicht. Ich kann nicht mehr.“
Dann schläft er ein. Er tut nichts mehr. Er kann nichts mehr.
Das ist kein Glaubensheldenmoment.
Das ist Klinikmodus: liegen, warten, schlafen.

III.

Während Elia schläft, kommt ein Engel.
Kein Lichtstrahl vom Himmel. Keine Stimme aus den Wolken.
Der Engel hält keine Rede.
Der Engel backt Brot.
Frisches Brot auf heißen Steinen. Ein Krug Wasser daneben.
Ganz elementar. Ganz bodenständig.
So, als wüsste Gott: Mehr geht gerade nicht.

IV.

Der Engel berührt Elia. Sanft.
„Steh auf und iss.“
Keine Erklärung, warum alles so gekommen ist.
Keine Vertröstung auf später.
Nur: Essen. Trinken. Kraft sammeln.

So kann Advent in der Klinik aussehen:
Nicht als Antwort auf alle Fragen,
sondern als kleine Stärkung für den
nächsten Schritt.
Oder nur für den nächsten Atemzug.

V.

Manchmal helfen keine Worte mehr.
Keine Predigt. Keine frommen Sätze.
Manchmal braucht es etwas Konkretes:
eine warme Mahlzeit, ein Glas Wasser, eine Hand auf der Schulter,
jemanden, der kurz bleibt.

Das Brot hat die Botschaft: Du musst jetzt nichts leisten.
Du darfst versorgt werden.

VI.

Vielleicht ist Advent hier genau das:
Dass Gott nicht laut wird, sondern nahe.
Dass er nicht erklärt, sondern aushält.
Dass er nicht fordert, sondern nährt.
Gott redet nicht immer.
Manchmal backt er.

Manchmal spüren wir ihn darin, das wir gut versorgt werden.

VII.

Vielleicht spricht Gott heute nicht.
Aber vielleicht – vielleicht steht das Brot schon da.
Unauffällig. Still.
Und wartet.
Amen.



Fragen
zur persönlichen Reflexion,
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch,
oder ein vertrauensvolles Gespräch



Meditativer Nachklang

Hoffnung
riecht nach frischem Brot.
Sie schmeckt nach Wasser.
Sie fühlt sich an wie eine Hand, die dich sanft berührt.

Du musst sie nicht erklären.
Du musst sie nicht verstehen.
Du darfst essen, trinken, schlafen.
Und das ist genug.



Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Das hebräische Wort rav bedeutet wörtlich „viel“ oder „zu viel“. Elia sagt „Es ist zu viel.“ Eine Kapitulation vor der Last.
Dieser Satz ist ein Erschöpfungsschrei. Elia hat gerade den größten Triumph seiner Karriere erlebt (Feuer vom Himmel am Karmel, 1. Kön 18), und dann – Todesdrohung von Königin Isebel. Der Kontrast zwischen Sieg und Zusammenbruch ist brutal.
Theologisch bemerkenswert: Gott wertet diesen Satz nicht ab. Er sagt nicht „Reiß dich zusammen“ oder „Du bist stärker, als du denkst“. Er lässt Elia schlafen. Das ist radikale Akzeptanz: Gott nimmt die Überforderung ernst.
Für Menschen in Erschöpfung heute: „Es ist zu viel“ ist keine Schwäche. Es ist die ehrlichste Sprache, die wir manchmal haben.

Predigt. Elia unter dem Ginsterstrauch. Der heilsame Schlaf

Unter dem Ginsterstrauch – Der heilsame Schlaf
Teil 1 der dreiteiligen Andachtsreihe zu Elia in der Wüste
Bibelstelle: 1. Könige 19,3-4

Der Bibeltext (BasisBibel):

Elia bekam Angst. Er machte sich auf und lief um sein Leben. So kam er nach Beerscheba, das zu Juda gehört. Dort ließ er seinen Diener zurück. Er selbst ging eine Tagesreise weit in die Wüste hinein. Dann setzte er sich unter einen Ginsterstrauch. Er wünschte sich zu sterben und sagte: »Es ist genug! Nimm nun mein Leben, HERR! Denn ich bin nicht besser als meine Väter.«

I.

Sie sind jetzt hier.
Nicht zu Hause, nicht auf dem Weihnachtsmarkt.
Hier.
Manche von Ihnen wollten das – ein Rückzugsort, wenn draußen alles zu laut wird.
Manche würden lieber woanders sein.
Beides ist okay. Und beides kann schwer sein.

II.

Da ist dieser Prophet Elia.
Gerade noch Feuer vom Himmel geholt.
Gerade noch Sieger über die Baalpriester.
Szenen wie in einem Actionfilm.
Mit Tom Cruise oder Daniel Craig als Elia.

Und dann – eine Todesdrohung von der Königin.
Und Elia? Er rennt.
Nicht joggen.
Nicht Nordic Walking.
Sondern: weg hier.
Elia, der Prophet – auf der Flucht.
Wie schnell das gehen kann.
Er rennt, bis er nicht mehr kann.

Dann setzt er sich unter einen Ginsterstrauch.
Einen kargen Busch in der Wüste.
Kein richtiger Baum, kein richtiger Schatten.
Nur: irgendwo.

Vielleicht kennen Sie das – manchmal reicht es, einfach irgendwo zu sein, wo man nicht funktionieren muss.

III.

Und dann sagt Elia:
„Es ist genug. Nimm mein Leben, Gott.
Ich bin nicht besser als die anderen.“

Keine Durchhalteparolen.
Kein „Ich schaffe das noch“.
Nur: „Es reicht.“

Und wissen Sie, was passiert?
Gott sagt nicht: „Reiß dich zusammen.“
Gott sagt nicht: „Du bist stärker, als du denkst.“
Gott lässt ihn schlafen.

IV.

Hier in der Klinik darf sein, was ist.
Die Erschöpfung.
Das „Ich kann nicht mehr“.
Das ist okay.

Advent draußen ist oft laut.
Viel Programm, viele Erwartungen.
Vielleicht ist es hier ruhiger.
Oder vielleicht fühlt sich gerade das schwer an – diese Stille.
Beides darf sein.

V.

Sie müssen jetzt nicht stark sein.
Sie müssen jetzt nicht hoffen.
Sie dürfen müde sein.

Und vielleicht ist das schon der erste Schritt:
Dass Sie es sagen dürfen.
„Es ist zu viel.“

Gott lässt Elia schlafen.
Kein Vorwurf.
Keine Aufgabe.
Nur: Schlaf.
Und das ist ein guter Anfang.
Amen.



Fragen
zur persönlichen Reflexion,
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch,
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Gibt es einen inneren Ort, an dem Sie sich hinlegen dürfen – ohne etwas leisten zu müssen?
  2. Was würde sich verändern, wenn Sie sich erlauben, müde zu sein?


Meditativer Nachklang

„Unter dem Ginsterstrauch“

In der Dunkelheit darf sein, was ist.
Die Müdigkeit.
Die Überforderung.
Das „Ich kann nicht mehr“.

Du musst jetzt nichts tun.
Du darfst dich hinlegen.
Und schlafen.

Und vielleicht –
vielleicht
wacht morgen
etwas in dir auf,
das heute noch schläft.



Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Predigt. Goldene Narben: Hoffnung in Römer 5,3-5 | Kintsugi

„Die goldenen Narben der Hoffnung“

Römer 5,3-5

Mehr noch: Wir sind sogar stolz auf unsere Bedrängnisse. Denn wir wissen: Bedrängnis führt zu Geduld, Geduld führt zu Bewährung und Bewährung führt zu Hoffnung. Aber diese Hoffnung wird nicht enttäuscht. Denn Gott hat uns den Heiligen Geist geschenkt und damit seine Liebe in unser Herz eingegossen.


I.

Stellen Sie sich eine Teeschale vor. Japanische Keramik, dünnwandig, kostbar. Jahrhunderte alt. Und dann fällt sie. Ein Moment der Unachtsamkeit. Ein Riss, ein Sprung, tausend Scherben.
Was macht man mit einer zerbrochenen Schale? Man wirft sie weg. Man entsorgt sie. Man ersetzt sie durch eine neue, heile, makellose.
So denken wir. So leben wir oft.

Und wenn der Körper bricht? Wenn die Seele Risse bekommt? Wenn wir nicht mehr funktionieren wie gewohnt? Dann schämen wir uns. Dann denken wir: Ich bin nicht mehr die, die ich war. Ich bin beschädigt. Ich bin weniger wert.


II.

Aber es gibt eine alte japanische Kunst, die etwas anderes lehrt. Sie heißt Kintsugi – „goldenes Flicken“. Wenn eine Schale zerbricht, wird sie nicht weggeworfen. Die Scherben werden gesammelt, sorgfältig, jede einzelne. Dann werden sie wieder zusammengefügt. Nicht mit unsichtbarem Klebstoff. Sondern mit einem Lack, in den Gold oder Silber gemischt wird.

Das Ergebnis? Eine Schale mit goldenen Narben. Die Bruchstellen sind nicht versteckt – sie leuchten. Die Risse sind nicht kaschiert – sie erzählen eine Geschichte. Und die Schale? Sie ist nicht weniger wert als vorher. Sie ist kostbarer. Einzigartig. Schön gerade durch ihre Narben.


III.

Der Apostel Paulus kannte diese Kunst nicht. Er lebte in einer anderen Welt, einem anderen Jahrhundert. Aber was er schreibt, trifft genau diese Idee.

„Bedrängnis führt zu Geduld, Geduld führt zu Bewährung und Bewährung führt zu Hoffnung.“

Paulus war kein Motivationstrainer. Er schrieb diese Zeilen nicht vom sicheren Schreibtisch aus. Er kannte das Zerbrechen. Geschlagen, verfolgt, ausgegrenzt. Und er kannte chronisches Leiden. Er sprach von einem „Stachel im Fleisch“, einer körperlichen Qual, die nicht wegging.

Dieser Mann hätte allen Grund gehabt zu sagen: „Ich bin zerbrochen. Ich bin erledigt.“ Aber er sagt etwas anderes. Er beschreibt eine Bewegung. Einen Weg. Nicht um das Leid herum. Sondern hindurch.

Das Wort für Bedrängnis, das er nutzt, heißt thlipsis. Druck. Enge. Zusammengepresst werden. Wenn die Luft knapp wird. Wenn die Wände näher kommen. Wenn der Körper zum Gefängnis wird.

Viele von Ihnen kennen diesen Druck. Den Schmerz, der bleibt. Die Erschöpfung, die nicht weicht. Die Angst, die sich festsetzt

Und genau da, sagt Paulus, beginnt etwas.


IV.

„Bedrängnis führt zu Geduld.“

Das deutsche Wort „Geduld“ klingt so passiv. Nach Warten. Nach Ausharren. Nach Resignation. Aber im Griechischen steht hypomoné. Wörtlich: „Darunter-bleiben“. Standhaftigkeit.

Es ist das erste, was der Kintsugi-Meister tut: Er sammelt die Scherben. Jede einzelne. Er rennt nicht weg. Er leugnet nicht, dass die Schale zerbrochen ist. Er bleibt. Er schaut hin. Er nimmt auf, was ist.

Das ist Geduld im tiefsten Sinne. Nicht: „Es ist alles okay.“ Sondern: „Ich halte es aus, hinzuschauen.“

Viele von uns haben gelernt zu fliehen. Vor dem Schmerz, vor der Angst, vor den schwierigen Gefühlen. Ablenkung. Betäubung. Vermeidung. Das ist menschlich. Das ist verständlich.
Aber Geduld bedeutet: Ich bleibe stehen. Ich atme. Ich spüre, was ist. Ich sammle die Scherben meiner Geschichte. Auch die, die wehtun.
Das ist keine Schwäche. Das ist der Anfang von etwas Neuem.


V.

„Geduld führt zu Bewährung.“

Das Wort für Bewährung ist dokimé. Geprüftes Metall. Echte Münze. Das, was durchs Feuer ging und für echt befunden wurde.

Der Kintsugi-Meister fügt die Scherben zusammen. Mit goldlackiertem Harz. Die Bruchstellen werden nicht versteckt. Sie werden markiert. Sie leuchten.
Das ist Bewährung. Es ist die Erfahrung: Ich war dort. Ich habe das durchgestanden. Ich kenne jetzt den Weg.

Wenn Sie eine Panikattacke durchstehen, ohne den Notarzt zu rufen. Wenn Sie trotz des Schmerzes diesen kleinen Spaziergang machen. Wenn Sie in der Angst bleiben, ohne zu fliehen. Dann sammeln Sie Beweise. An sich selbst
„Ich dachte, ich sterbe vor Angst – aber ich lebe noch.“ „Ich dachte, ich bin zu schwach – aber ich habe Kraft gefunden, die ich nicht kannte.“ „Ich dachte, ich bin allein – aber es gab Menschen, die mich gehalten haben.“

Das ist dokimé. Das ist die goldene Linie, die durch Ihr Leben läuft. Nicht unsichtbar. Sondern leuchtend. Sie erzählt Ihre Geschichte.
Und plötzlich merken Sie: Diese Narben sind keine Schande. Sie sind Ihre Landkarte. Sie zeigen, wo Sie gewesen sind. Sie zeigen, dass Sie überlebt haben.


VI.

„Bewährung führt zu Hoffnung.“

Das Wort für Hoffnung ist elpis. Aber Vorsicht: Es ist nicht Optimismus. Nicht: „Es wird schon irgendwie gut gehen.“ Nicht: „Denk positiv, dann klappt’s.“

Hoffnung ist etwas Tieferes. Der Dichter Václav Havel hat es gesagt:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Die Kintsugi-Schale ist nicht „wie neu“. Die Risse sind da. Die Brüche sind sichtbar. Aber sie ist schön. Kostbar. Einzigartig.
Das ist Hoffnung. Nicht: „Ich werde wieder wie früher.“ Sondern: „Ich bin heil, auch wenn ich nicht geheilt bin.“
Vielleicht bleiben die Narben. Vielleicht bleibt eine Empfindlichkeit. Vielleicht werden Sie nie wieder „funktionieren“ wie vor der Krise.
Aber Sie sind mehr als eine Funktion. Sie sind ein Mensch mit einer Geschichte. Und diese Geschichte hat Würde.

Albert Camus hat geschrieben: „Mitten im Winter habe ich in mir einen unbesiegbaren Sommer entdeckt.“

Das ist die Hoffnung, die Paulus meint. Nicht die Abwesenheit von Winter. Sondern die Entdeckung des Sommers – mitten im Frost. Eine innere Kraft, die kein Schmerz auslöschen kann.


VII.

Und dann kommt der Satz, der alles trägt:

„Diese Hoffnung wird nicht enttäuscht.“

Wörtlich steht da: Sie lässt nicht zuschanden werden. Sie blamiert nicht. Sie beschämt nicht.
So viele Menschen mit chronischen Beschwerden tragen Scham. „Ich bilde mir das nur ein.“ „Ich bin schwach.“ „Ich falle anderen zur Last.“
Dieser Text sagt Ihnen heute: Nein. Ihr Weg durch das Leid ist keine Schande. Ihre goldenen Narben sind keine Schwäche. Sie sind Zeichen Ihrer Würde.
Amen.

Fragen
zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Ich halte die Schale in meinen Händen.
Die goldenen Linien leuchten im Licht.

Vor Monaten noch lag sie in Scherben.
Ich dachte: Das wird nie wieder ganz.

Aber jetzt – jetzt ist sie schöner als vorher.
Nicht trotz der Risse.
Sondern durch sie.

Ich fahre mit dem Finger über die Narben.
Sanft. Ehrfürchtig. Sie erzählen eine Geschichte.
Meine Geschichte.

Und ich spüre: Ich bin nicht weniger geworden.
Ich bin anders.
Tiefer.
Kostbarer.

Die goldenen Linien leuchten.


Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Songpredigt. Let it be

Songpredigt. Let it be

Heute ist Ewigkeitssonntag. Ein Tag, der uns daran erinnert: Nichts bleibt, wie es ist. Beziehungen zerbrechen. Projekte scheitern. Menschen gehen. Und wir selbst – auch wir sind vergänglich.

Das ist keine düstere Wahrheit. Es ist einfach das Leben. Aber es tut weh, das anzunehmen.

Ich habe Ihnen angekündigt, dass wir heute über ein Lied sprechen – und es nachher auch gemeinsam singen werden. Let It Be von den Beatles. Ein Lied, das viele von uns kennen. Ein Lied, das manchmal zur rechten Zeit kommt. Das uns berührt, ohne dass wir genau sagen können, warum. Ein Lied, das Hoffnung schenkt, wenn alles um uns zerbricht.

Es klingt wie ein Gebet – wie eine leise Ermutigung, die uns zuflüstert: Lass los. Vertraue.


Die Erfahrung des Verlusts

Paul McCartney schrieb Let It Be im Jahr 1969, in einer Zeit voller Spannungen. Die Beatles standen kurz vor der Trennung. Vier Freunde, die gemeinsam die Welt verändert hatten, konnten nicht mehr zusammen sein. Es ging um Geld, um Macht, um unterschiedliche Lebenswege. Die Band, die für eine ganze Generation stand, zerbrach.

McCartney war verzweifelt. Er hatte Schlafstörungen, fühlte sich deprimiert und überfordert. Die Welt um ihn herum wurde lauter, hektischer, konfliktreicher. Und er spürte: Alles, was ihm wichtig war, hatte keinen Bestand mehr.

Mitten in dieser Unruhe hatte er einen Traum.

Seine Mutter Mary – sie war gestorben, als er 14 war – erschien ihm im Traum. Und sie sprach zu ihm: Let it be. Lass es geschehen. Es wird gut. Mach dir keine Sorgen.

Paul erwachte mit einem tiefen Frieden. Und aus diesem Moment entstand das Lied.

Für ihn war seine Mutter Mary die Quelle des Trostes. Aber das Lied bekam schnell noch eine andere Bedeutung. Viele, besonders katholische Christen, hören in Mother Mary auch Maria, die Mutter Jesu. Diejenige, die in der Bibel selbst sagt:

„Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

Auch sie steht für das Vertrauen, dass Gott in allem gegenwärtig ist – selbst da, wo wir keinen Halt mehr finden.

McCartney selbst hat später gesagt: „Die Leute können das Lied interpretieren, wie sie wollen.“ Und genau das macht es so stark. Es trägt beide Bedeutungen. Die persönliche und die spirituelle. Die private Trauer und die universelle Hoffnung.


Eine alte Weisheit – in vielen Traditionen

Was Paul McCartney in diesem Lied ausdrückt, ist keine neue Idee. Es ist eine uralte Weisheit, die in vielen Kulturen und Religionen zu finden ist.

Im Buddhismus geht es darum, das Leben anzunehmen, wie es ist. Nicht gegen das Leiden anzukämpfen, sondern es als Teil des Lebens zu akzeptieren. Das befreit uns von unnötigem inneren Widerstand – und gibt uns Frieden.

Auch die Stoiker, die alten griechischen Philosophen, kannten diese Weisheit. Sie sagten: Konzentriere dich auf das, was du ändern kannst. Und akzeptiere das, was du nicht ändern kannst. Das ist keine Resignation. Das ist Freiheit.

Und dann – die Bibel. Maria sagt: „Mir geschehe.“ Lass es geschehen. Sie kämpft nicht gegen Gottes Plan. Sie vertraut. Sie lässt sich fallen. Das ist keine passive Unterwerfung. Das ist aktives Vertrauen. Das ist christliche Spiritualität: Loslassen und sich halten lassen. Von Gott.
Christlicher Trost heißt nicht nur: Ich akzeptiere, dass alles vergeht,
sondern: Ich vertraue darauf, dass Gott neues Leben schafft – über den Tod hinaus.

Paul McCartney singt diese uralte Weisheit. In einem Popsong. In drei Minuten. Mit einfachen Worten. Und erreicht damit Millionen.


Die Weisheit des Loslassens

Lass es geschehen – das ist keine billige Vertröstung. Es ist eine Weisheit, die schwer zu lernen ist.

Denn wir wollen oft alles festhalten: Unsere Gesundheit, unsere Beziehungen, unser Glück. Wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Aber das Leben geht weiter. Und manchmal geht es darum, loszulassen. Nicht, weil es uns egal ist. Sondern weil wir spüren: Es gibt eine Kraft, die größer ist als unsere Angst.

Vergänglichkeit anzunehmen bedeutet nicht, aufzugeben. Es bedeutet: Ich kämpfe nicht gegen das Unvermeidliche. Ich vertraue darauf, dass mein Leben gehalten ist – auch wenn ich nicht alles in der Hand habe.


Hoffnung in dunklen Zeiten

Vielleicht kennst du solche Momente. Nächte voller Sorgen, Tage voller Zweifel. Wo du dich fragst: „Wie soll es weitergehen?“

Und dann kommt – vielleicht mitten in der Nacht – eine Stimme. Eine Eingebung. Ein Moment der Ruhe. Vielleicht ist es Gott. Vielleicht ist es eine Erinnerung an eine geliebte Person. Vielleicht ist es einfach ein leises Wissen: „Es wird gut. Nicht sofort. Aber irgendwann.“

Das Lied spricht von weisen Worten, die uns trösten. Von einem Licht, das auch in der dunkelsten Stunde scheint. Das ist keine naive Hoffnung. Das ist eine Hoffnung, die den Schmerz nicht leugnet. Aber sie gibt uns einen Anker. Einen festen Punkt. Mitten im Sturm.

Es bedeutet nicht, dass der Schmerz verschwindet. Oder dass die Trauer leichter wird. Aber es bedeutet: Wir dürfen vertrauen. Wir dürfen darauf hoffen, dass unser Leben gehalten ist. Selbst in schwierigen Zeiten.


Lass es geschehen

Und vielleicht ist genau das Glaube: Nicht, dass immer alles gut läuft. Sondern dass wir wissen: Wir sind nicht allein.

Also: Lass es geschehen. Lass dich halten.

Gleich werden wir dieses Lied gemeinsam singen. Und vielleicht spüren Sie dann: Es ist mehr als ein Popsong. Es ist ein Gebet. Ein Trost. Eine Weisheit, die uns trägt.

Lassen Sie uns einen Moment innehalten. Und spüren: Auch wenn vieles vergeht – wir sind geborgen. Bei Gott. In seiner Ewigkeit.

Amen.


Quellenhinweis: „Let It Be“ (The Beatles, 1970)


Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. „Was macht Ihnen mehr zu schaffen: Die schwierige Situation selbst – oder Ihre Gedanken darüber?“
  2. „Wer oder was ist Ihre ‚Mother Mary‘ – die Stimme, die Ihnen in schweren Zeiten sagt: ‚Es wird gut‘?

Meditativer Nachklang

Gott,

manchmal ist es schwer, loszulassen.
Ich will festhalten, verstehen, kontrollieren.

Aber du lädst mich ein:
Lass es geschehen.

Hilf mir, den Kampf aufzugeben.
Den Kampf gegen das, was ich nicht ändern kann.

Und wenn die Nacht mich überwältigt,
lass mich deine Stimme hören:

Es wird gut.
Ich halte dich.

Amen. 🌱


Für alle, die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

GEDANKENSPLITTER 1: Das Gelassenheitsgebet

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Dieses Gebet wird oft Reinhold Niebuhr zugeschrieben, einem amerikanischen Theologen, der es vermutlich in den 1930er-Jahren formulierte. Es wurde weltbekannt durch die Anonymen Alkoholiker, die es zu ihrem zentralen Gebet machten.

Aber die Wurzeln sind älter. Bereits die antiken Stoiker – Philosophen wie Epiktet und Marc Aurel – lehrten diese Unterscheidung: Konzentriere dich auf das, was in deiner Macht liegt. Und akzeptiere, was außerhalb deiner Kontrolle ist.

„Let it be“ singt genau diese Weisheit. Mit einfacheren Worten. Aber der Kern ist derselbe: Die Freiheit liegt nicht darin, alles zu kontrollieren. Sondern darin, loszulassen, was nicht zu ändern ist.

Zum Weiterlesen:

Epiktet: Handbüchlein der Moral (Stoische Philosophie)
Reinhold Niebuhr: The Serenity Prayer (Text und Geschichte)

Gedankensplitter 2: Die Kunst des Annehmens in der Bibel

„Mir geschehe“ – ein Satz, der die Welt veränderte.

Als der Engel Maria verkündet, dass sie schwanger werden soll, antwortet sie nicht mit Angst oder Widerstand. Sie sagt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

Das ist kein passives Sich-Fügen. Das ist aktives Vertrauen.

Maria steht am Anfang einer langen biblischen Tradition des Annehmens:

  • Hiob, der im tiefsten Leid sagt: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt.“ (Hiob 1,21)
  • Jesus in Gethsemane: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lukas 22,42)
  • Paulus, der mit seinem „Stachel im Fleisch“ leben muss und lernt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Korinther 12,9)

„Let it be“ ist keine Erfindung der Beatles. Es ist eine uralte spirituelle Haltung: Gott, ich vertraue dir – auch wenn ich nicht verstehe.

Zum Weiterlesen:

Korinther 12,7-10: Paulus und die Gnade

Lukas 1,26-38: Die Verkündigung an Maria

Hiob 1-2: Annehmen im Leid

Predigt. Buß- und Bettag / Hoffnung beginnt

Abendandacht – Buß- und Bettag / Hoffnung

Guten Abend, schön, wieder bei Ihnen zu sein.
Und schön, dass Sie heute Abend hier sind.

Hoffnung – dieses Thema wird uns in den kommenden Wochen begleiten,
bis in die Adventszeit hinein.
Und wir beginnen heute damit.
Am Buß- und Bettag.

Ausgerechnet…

Buß- und Bettag… klingt nach einem Tag aus einer anderen Zeit.
Ein bisschen nach Kirchenbank, schlechtem Gewissen und grauem November.
Buße, das klingt nach Moralin und Staub.
Nach Strafe und Verurteilung.

Und ich weiß: Viele von uns haben genug schlechtes Gewissen für ein ganzes Leben.
Wir brauchen keinen Tag, der uns noch mehr davon auflädt.
Aber vielleicht brauchen wir einen Tag, der uns hilft, anders hinzuschauen.



Denn dort, wo wir bei Buße an Bestrafung denken – an Bußgeld und Büßergewand –
da meint das biblische Wort metanoia (so heißt das griechische Wort, das wir oft mit Buße übersetzen)
etwas völlig anderes:
Umkehr. Perspektivwechsel. Richtungswechsel.
Also: Anhalten.
Schauen, wo ich stehe.
Nicht immer schneller rennen im Leben,
sondern fragen: In welche Richtung laufe ich eigentlich?



Buße heißt nicht: „Ich bin furchtbar.“
Buße heißt: Ich höre auf, mir etwas vorzumachen.

Wo spüre ich: So wollte ich eigentlich nicht leben?
Wo habe ich mich eingerichtet – im Zynismus, im Dauerstress, in Bequemlichkeit?
In ungesunden Beziehungen? Auch zu mir selbst?

Diese Fragen sind unbequem.
Manchmal schmerzhaft.
Aber immer auch befreiend.



Und hier – genau hier – passt die Hoffnung rein.

Denn biblische Spiritualität meint nicht:
„Du musst brav sein, Gott gefallen, lieb sein.“
Als müsste ich erst umkehren, um Gottes Kind zu sein.

Nein.
Gerade weil Gott mich trägt, kann ich einen realistischen Blick auf mein Leben wagen.
Ich muss nicht an den schwierigen Strukturen meines Lebens festhalten.



Hoffnung ist keine Vertröstung.
Hoffnung ist der Leitstern, der schon jetzt leuchtet.
Sie gibt mir Mut, altes loszulassen und neues zu wagen.
Sie sagt: Du darfst hinschauen – ohne Angst, zerbrochen zu werden.
Du darfst ehrlich sein – ohne verloren zu gehen.

Und so ist es gut, dass wir heute am Buß- und Bettag anfangen, über Hoffnung zu reden.
Weil Hoffnung mit dem ehrlichen Blick beginnt.



Zwei Gedanken möchte ich Ihnen mitgeben:

Erstens:
Wo ist es wichtig, dass Sie mal anhalten und sich fragen:
Wo will ich hin? Wo renne ich immer schneller – und habe eigentlich mein Ziel aus dem Blick verloren?

Zweitens:
Was gibt mir Mut, diesen ehrlichen Blick zu wagen?
Welche Hoffnung gibt mir Kraft, mich damit zu beschäftigen?



In den kommenden Wochen lade ich Sie ein, diesen Blick zu wagen.
Diese Gedanken finden Sie auch auf meiner Website: mitmenschpfarrer.de 🌱

(mehr Infos und Impulse zum Buß- und Bettag gibt es hier)

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott
Danke, dass ich nicht perfekt sein muss, um vor dir zu stehen.
Danke, dass du mich hältst – jetzt. Genau so, wie ich bin.

Gott, ich höre dein Wort: „Siehe, ich mache Neues.“
Ich sehe es noch nicht.
Aber ich vertraue dir einen Schritt.

Hilf mir, einen neuen Weg zu gehen – mit dir.
Ich muss nicht alles auf einmal ändern.
Aber ich darf anfangen.
Heute.

Amen. 🌱


Für alle, die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten

Songpredigt. Lady in Black

Predigt zu „Lady in black“ und Engel als Hoffnungsboten


I. Die Lady in Black erscheint

Es ist das Jahr 1971.
Die Rockband Uriah Heep landet mit „Lady in Black“ ihren größten Erfolg.

Ken Hensley, der Keyboarder, erzählte später (so ist die „Bandlegende“):
An einem stillen Sonntagmorgen sah er von seinem Hotelzimmer aus eine Frau.
Ganz in schwarz gekleidet.
Aufrecht, fast majestätisch schritt sie die Straße entlang.

Ihre Erscheinung inspirierte ihn.
Diese Frau in Schwarz, aufrecht und still.
Sie schien aus einer anderen Welt zu kommen.

Er setzte sich hin und schrieb die ersten Zeilen zu diesem Lied.

In diesem Song begegnet ein Mensch in seiner Verzweiflung einer geheimnisvollen Frau.
Sie gibt ihm Rat.
Sie symbolisiert Hoffnung, Freundlichkeit und Weisheit – im Gegensatz zur Zerstörung, die ihn umgibt.

Sie ist eine Hoffnungsgestalt in dunklen Zeiten.

Und davon möchte ich heute sprechen.



II. Die Botschaft: Gewalt sät Gewalt

In dieser Zeit des Jahres steht für viele von uns der Gedanke an Frieden im Vordergrund.
Volkstrauertag, Buß- und Bettag.
Die Erinnerung an die Pogromnacht.
Wichtige Gedenktage, die uns in den kommenden Wochen begleiten.
Aber: in diesen Wochen geht es in vielen biblischen Texten auch um Engel.

Und genau davon handelt dieser Song.

Die Lady in Black will nicht an Kampf denken.
An etwas, das Menschen ihre Menschlichkeit nimmt.
Das so leicht beginnt – und kaum mehr zu beenden ist.

Ken Hensley singt davon, wie Gewalt Menschen verändert.
Wie schnell Hass gesät ist.
Und wie schwer es ist, wieder Frieden zu finden.

Das kennen wir auch aus unserem persönlichen Umfeld:
Wie leicht ist ein Streit entflammt.
Wie schwer ist es, ihn zu beenden.
Wie schnell sind Gewalt und Hass gesät.
Wie schwer ist es, Versöhnung zu stiften.

In diesem Song will jemand seine Feinde vernichten.
Soviel Gewalt ist in seinem Herzen.
Aber er spürt: Eigentlich geht er in der Dunkelheit.

Und dann begegnet ihm diese Frau in Schwarz.
Sie rät ihm davon ab.
Gewalt sät neue Gewalt.
So einfach zu beginnen, schier unmöglich zu beenden.

Sie ermutigt ihn, ihr zu vertrauen.
Ihre Worte geben ihm die Kraft, einen anderen Weg zu suchen.

In unseren Tagen wünsche ich mir diese Besonnenheit.
Die nicht dem Ruf der Rache folgt, sondern andere Wege sucht.



III. Wer inspiriert uns?

Dieser Song lässt mich darüber nachdenken:
Wer inspiriert uns in unserem Leben?

Vielleicht nicht unbedingt eine Lady in Black.
Aber gab es Menschen, die uns daran erinnern, was wichtig ist?
Und was unwichtig?

Menschen, die uns liebevoll, aber konsequent hinterfragen?
Die uns auf einen Weg bringen, der neue Kraft gibt?

Manchmal sind es Weggefährten auf Zeit.
Manchmal müssen es auch keine Menschen sein.

Es sind Lieder.
Worte, die uns jemand sagt.
Ein Buch, das uns begleitet.

Für ein Stück Weg leuchtet ein Licht auf, das einen Weg zeigt – heraus aus unserer Dunkelheit.

Am Ende des Songs bleibt eine Hoffnung:
Vielleicht begegnet auch uns so eine Gestalt.
Ein Mensch, ein Wort, ein Moment – der uns auf einen anderen Weg bringt.

Weg von der Gewalt.
Hin zur Versöhnung.



IV. Die biblische Tiefe: Engel als Lebensboten

Die Bibel erzählt von solchen Begegnungen.
Von Menschen, die plötzlich auf einen anderen Weg kommen.

Oft spricht sie dabei von Engeln.

Nein, nicht die Männer mit Flügeln aus dem Barockgemälde.
Sondern Boten der Gotteskraft.
Menschen, Worte, Begegnungen – die unser Leben auf eine neue Spur setzen.

Da ist Abraham, der drei Männer bewirtet.
Fremde, die ihm eine Botschaft bringen.
Erst später ahnt er: Das war mehr als ein Besuch.

Da ist Jakob, der nachts am Fluss um sein Leben ringt.
Mit einem, den er nicht sehen kann.
Bis der Morgen kommt – und er verwandelt ist.

Da ist Maria, die einen Gruß hört.
„Fürchte dich nicht.“
Und ihr Leben ändert sich für immer.

So verstehe ich die Engel der Bibel:
Boten des Lebens.
Die uns inspirieren.
Die uns manchmal – zum Glück – im Weg stehen.
Aber immer als Hoffnungsträger.

Keine Lichtgestalten aus einem anderen Universum.
Sondern Menschen, die uns stärken.
Tröstende Worte.
Ermutigende Begegnungen.
Inspirierende Lieder.

Engel können vieles sein:

Der Satz, der wieder Mut macht.
Der Mensch, der uns nicht von sich stößt.
Die Zeilen im Buch, die Wunden heilen.

Manchmal ein Hindernis, das uns zum Umdenken zwingt.
Manchmal ein Halt, an dem wir uns festhalten können.
Das Wunder, das wir nicht erwartet haben.

So verstehe ich auch diese Lady in Black.
Als eine Engelsgestalt.
Eine Hoffnungsbotin in dunklen Zeiten.

Ein katholischer Freund, selbst Priester, sagte einmal zu diesem Lied:
Für ihn sei es ein Song über Maria.
Sie ist diese Lady in black,
die einen Menschen begleitet und zum Frieden anstiftet.
Eine Inspiration, die sie Menschen geben kann.

Ich weiß nicht, ob der Papst diese Auffassung teilt.
Und als Protestant frage ich da auch mal nach.
Aber ich kann das gut stehen lassen.

Denn im Grunde geht es genau darum:
Um Begegnungen, die uns verwandeln.
Die uns neue Wege zeigen.
Die uns Mut machen.

Und ich wünsche den Kriegstreibern, den Hasserfüllten,
den Mutlosen und Verwirrten,
den Suchenden und Neugierigen –
ich wünsche ihnen einen solchen Engel.

Der sie erkennen lässt, wie kostbar Frieden ist.
Wie kostbar Hoffnung und Leben sind.

Und ich wünsche das auch mir.
Und Ihnen.



V. Das Einfache und das Besondere


Ein paar Gedanken zu einem Rocksong, die ich gerne mit Ihnen teilen wollte.

Übrigens: es wird ja immer behauptet,
dass Rockmuiker nur drei Akkorde spielen können.
Dieses Lied beweist, dass dies eine haltlose Unterstellung ist.
„Lady in Black“ kann man nur mit zwei Akkorden spielen.
Damit gehört dieses Lied zu den simpelsten Hits der Rockgeschichte.

Aber auch zu den besonderen.

Manchmal braucht es nicht viel.
Nur das Richtige zur richtigen Zeit.

Eine Begegnung.
Ein Wort.
Ein Lied.

Amen.


Hintergrundinfos zum Song aus
Wikipedia: Die freie Enzyklopädie. Lady in Black (Deutschland).
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Lady_in_Black_(Deutschland).
Revision vom 23. September 2025, 15:47 Uhr. Zuletzt geprüft/Abgerufen am: 22. Oktober 2025.


Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Stellen Sie sich vor, eine „Lady in Black“ träte in Ihr Leben. Was würde sie Ihnen raten?
  2. Welche Begegnung, welches Wort oder welches Lied hat Sie in letzter Zeit berührt oder inspiriert?

Meditativer Nachklang

Gott,

manchmal gehen wir in Dunkelheit.
Manchmal tragen wir Wut und Schmerz in uns.

Schick uns eine Begegnung,
die uns inne halten lässt.
Ein Wort, das uns Mut macht.
Einen Menschen, der uns zeigt:
Es gibt einen anderen Weg.

Lass uns Engel sein für die, die sie brauchen.

Und lass uns selbst welche finden,
wenn wir sie am nötigsten haben.

Amen.

Songpredigt. Vom Rockstar, der morgens um Zehn die Sehnsucht fand: Sailing und Psalm 42.“

Bibeltext: Psalm 42,2-6 (BasisBibel)
„Wie ein Hirsch nach Wasser lechzt, so sehnt sich meine Seele nach dir, Gott.
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott…“
Mit Bezug zu Rod Stewarts „Sailing“



Ich hatte es schon angekündigt. Wir singen es heute gemeinsam. Und es wird Teil der Predigt sein:
Sailing. Rod Stewarts Song über das Segeln, über Heimkehr und Weite.

Vielleicht geht es Ihnen wie mir. Irgendwie berührt Sie etwas bei diesem Lied.
Eine Sehnsucht, die Sie nicht genau benennen können.
Die Melodie, die von Aufbruch erzählt und gleichzeitig von Ankunft.

Gavin Sutherland, der dieses Lied ursprünglich schrieb, sagte etwas Erstaunliches darüber:
„Die meisten Leute denken, es geht um einen Mann, der übers Meer zu seiner Geliebten segelt. Aber das stimmt nicht.
Es ist die Geschichte der spirituellen Odyssee des Menschen auf seinem Weg zur Freiheit und Erfüllung.“

Genau diese Odyssee beschreibt auch der Psalmdichter vor dreitausend Jahren.
Psalm 42 beschreibt die spirituelle Sehnsucht als eine Kraft, die uns trägt und uns lebendig macht.
Genau wie Rod Stewarts „Sailing“ erzählt der Psalm von einer Odyssee, die uns verwandelt, auch wenn wir noch unterwegs sind.

Die Sehnsucht

Stellen Sie sich diesen Hirsch vor.
Ein Geschöpf in der Weite einer Steppenlandschaft, das die Quelle sucht.
Sein ganzer Körper ist ausgerichtet auf dieses eine: frisches Wasser finden.

So beschreibt der Psalm unsere Seele.
Diese ganze Person, die Sie sind.
Mit unseren Sehnsüchten und Träumen, unseren Hoffnungen und unseren Fragen.

Kennen Sie dieses Sich-Ausstrecken?
Dieses Suchen?

Nach einem Moment der Ruhe.
Nach einem guten Wort.
Nach einem Tag, an dem alles sich leichter anfühlt.
Nach Leben, das sich anfühlt wie Leben.
Nach etwas, das größer ist als wir selbst.
Diese Sehnsucht ist nicht das Problem.
Sie ist das Zeichen, dass wir lebendig sind.

Aber dann kommt auch der Bruch:
„Meine Tränen sind mein Brot bei Tag und bei Nacht. Denn man sagt ständig zu mir: Wo ist er denn nun, dein Gott?“
Die Sehnsucht wird manchmal nicht gestillt.
Die Sehnsucht scheint auf Leere zu treffen.

Aber manchmal entstehen die echtesten Momente gerade dann,
wenn wir uns am verletzlichsten fühlen.
Wenn wir nicht mehr versuchen, perfekt zu sein,
sondern einfach nur echt.

So war es auch bei der Entstehung dieses Songs.
Rod Stewart. Rockstar. Nachtmensch durch und durch.
Steht morgens um halb elf im Studio in den Muscle Shoals Studios.
Früh. Für ihn sehr früh.

Der Produzent Tom Dowd hatte ihn aus dem Bett geklingelt.
„Komm sofort ins Studio“, hatte er gesagt.
Keine Zeit für Aufwärmen, keine Zeit für Rockstar-Allüren.
Vor ihm saßen die Muscle Shoals Rhythm Section.
Seine Band für diese Nummer.
Allesamt Legenden.
Musiker, die mit Aretha Franklin und Wilson Pickett gearbeitet hatten.
Stewart sagte später: Er war eingeschüchtert. Nervös.
Und genau da, in dieser Verletzlichkeit, in dieser ungeschützten Morgenstunde, sang er „Sailing“ in wenigen Takes ein.
Nicht perfekt. Aber Authentisch.

Die Schwellenzeit

Das Lied singt vom Fliegen wie ein Vogel über das Meer. Von einer Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
Von Freiheit und Weite.
Die Sutherland Brothers, die „Sailing“ komponierten, wollten dem Lied einen „keltischen Klang“ geben.
Etwas von dieser alten Weisheit, die um die Übergänge weiß. Um das Dazwischen.

Es ist ein Lied für die Schwellenzeiten im Leben. Momente zwischen Tag und Nacht.
Zeiten zwischen dem Alten und dem Neuen.
Unterwegs sein ist der Ort, wo das Leben sich ereignet.

„Sailing“ wurde zum Soundtrack für genau solche Momente.
Abschiede. Neuanfänge. Aufbrüche ins Ungewisse.
Menschen haben es gespielt, wenn sie Heimat verlassen mussten.
Wenn sie einen neuen Lebensabschnitt begannen.
Das Lied weiß: Unterwegs sein gehört zum Menschsein dazu. Immer schon. Seit Jahrtausenden.

Der Song erzählt vom Segeln und Fliegen – beides Bilder für eine Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
Wann haben Sie diese Sehnsucht gespürt? Vielleicht beim Blick aus dem Fenster heute Morgen.
Die Weite des Himmels, die plötzlich größer war als alles, was Sie beschäftigt.
Ein Moment, in dem das Fenster zum Rahmen wurde für etwas, das Sie nicht greifen können, aber spüren.
Der Psalm spricht vom „lebendigen Gott“. Nicht von einer Idee oder einem Prinzip, sondern von einer Kraft, die lebendig macht.
Leben, das sprudelt wie eine Quelle. Leben, das trägt wie der Wind unter den Segeln.

Diese Kraft ist da.
Sie ist der Grund, auf dem Sie stehen, auch wenn der Boden manchmal wackelt.
Sie ist der Horizont, der bleibt, auch wenn Sie den Blick senken.

Spiritualität ist keine Flucht aus dem Leben, sondern eine Vertiefung hinein.

Eine Odyssee zu sich selbst durch etwas, das größer ist als wir selbst. Der Weg übers Meer zurück nach Hause.

Die Hoffnung

Woher kommt eigentlich diese Sehnsucht?
Diese Unruhe in uns, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt? Diese Suche nach dem Mehr, nach dem Größeren, nach dem, was trägt?
Augustinus, der große Kirchenvater, hat es vor 1600 Jahren so gesagt:
„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“
Unruhig ist unser Herz.
Das ist keine Krankheit. Das ist keine Schwäche. Das ist Gottes Spur in uns.

Gott hat diese Sehnsucht in unser Herz gelegt.
Wie eine Kompassnadel, die nach Norden zeigt.
Wie ein innerer Kompass, der uns ausrichtet auf das Lebendige.

Die Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass uns etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass wir für mehr geschaffen sind.
Dass da eine Kraft in uns wirkt, die größer ist als wir selbst.
Und dennoch sagt der Psalmbeter zu sich selbst:
„Warte nur auf Gott! Ja, ich werde ihm noch danken. Er ist die Rettung für mich, er ist mein Gott.“

Hören Sie, was er nicht sagt?
Nicht: Ich bin angekommen.
Nicht: Ich habe die Antwort gefunden.
Nicht: Ich habe keine Fragen mehr.

Sondern: Ich werde noch. Ich warte. Ich bleibe dran.

Das ist der Mut unserer spirituellen Odyssee. Die Sehnsucht nicht wegzudrücken, sondern als Gottes Ruf zu verstehen.
Zu segeln, ohne genau zu wissen, wo das Ufer ist – aber zu vertrauen, dass die Sehnsucht selbst schon Gottes Antwort ist.
Das ist schon segeln. Das ist schon unterwegs sein. Das ist schon vertrauen, dass die Sehnsucht selbst der Weg ist.
Wie der Hirsch, der dem Duft des Wassers folgt, lange bevor er die Quelle sieht.
Wie das Lied, das die Weite des Meeres besingt und dabei von Heimkehr träumt.

Nach Hause

Rod Stewart singt davon, nach Hause zu segeln, über das Meer. Zu jemandem hin.
Zu wem? Der Liedtext bleibt offen.
Der Psalmbeter ist konkreter: „Ich strecke mich aus nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“

Was bedeutet „nach Hause“?
Nicht ein Ort, sondern eine Gegenwart. Nicht ein Ankommen, sondern ein Getragenwerden.
Der lebendige Gott ist nicht das Ziel am Ende der Reise. Er ist die Kraft, die uns trägt, während wir noch unterwegs sind.
Sie sind unterwegs. Das ist nicht das Problem. Das ist nicht der Mangel. Das ist das Leben selbst.
Ihre Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass Sie lebendig sind.
Dass da eine Kraft in Ihnen wirkt, die größer ist als alle Begrenzung.

Am Ende des Liedes heißt es nicht „I am sailing“, sondern „We are sailing“.
Wir.
Nicht: Ich segele einsam übers Meer.
Sondern: Wir sind unterwegs. Gemeinsam.
Gleich werden wir dieses Lied zusammen singen. Und vielleicht spüren Sie dann: Diese Odyssee machen wir nicht allein.
Hier, in diesem Raum. Auf diesem Wasser des Lebens.
Mit dieser Sehnsucht nach dem Lebendigen, die uns trägt, auch wenn wir noch nicht angekommen sind.
Heute. Hier. Gemeinsam.

Amen.


Quellenverzeichnis:

Bibeltext:
Psalm 42,2-6 nach BasisBibel. Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Online: www.die-bibel.de

Lied „Sailing“:
Text und Musik: Gavin Sutherland (1972), bekannt durch Rod Stewart (1975)

Hintergrundinformationen
Gavin Sutherland zur Bedeutung des Songs:
Scottish Daily Express (1975), zitiert in: Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)
Zitat: „The song’s got nothing to do with romance or ships; it’s an account of mankind’s spiritual odyssey through life on his way to freedom and fulfillment with the Supreme Being.“

Rod Stewarts Aufnahmesession in Muscle Shoals:
Mail on Sunday’s Live Magazine (2010), zitiert in: Songfacts – „Sailing by Rod Stewart“
URL: https://www.songfacts.com/facts/rod-stewart/sailing
Details: Aufnahme 10:30 Uhr morgens, Tom Dowd als Produzent, 6-7 Takes

Muscle Shoals Rhythm Section:
Wikipedia: „Muscle Shoals Rhythm Section“
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Muscle_Shoals_Rhythm_Section
Musiker: Roger Hawkins, Barry Beckett, Jimmy Johnson, David Hood
Zusammenarbeit mit Aretha Franklin, Wilson Pickett, Percy Sledge

„Celtic feel“ des Songs:
Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)


Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Welcher Moment der letzten Woche fühlte sich an wie „Wind unter den Segeln“?
  2. Wann in Ihrem Leben war die Sehnsucht nach Transzendenz am stärksten spürbar?

Meditativer Nachklang

Du Kraft, die trägt wie Wind und Wasser,
Du Sehnsucht, die in uns wohnt,
Du Horizont, der uns ruft –
lass uns spüren:

Wir sind unterwegs zu Dir,
und Du bist unterwegs zu uns.

In der Weite des Meeres
und in der Stille unseres Herzens
finden wir Dich –

und werden gefunden.

Amen.


Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten
oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein,
aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

Psalm 42 als Pilgerlied

Dieser Psalm gehört zu den sogenannten Korachpsalmen, möglicherweise Lieder für den Tempelbesuch.
Die Sehnsucht ist konkret: nach Jerusalem, nach dem Tempel, nach der Gemeinschaft der Feiernden. Universal gesehen: nach dem Ort, wo Himmel und Erde sich berühren.

Inspirierende Fragen:
– Was macht einen Raum zu einem spirituellen Raum?
– Welche Orte in Ihrem Leben sind „heilige Orte“, wo Sie sich Gott nahe fühlen?

Quelle: Vgl. Seybold, Klaus: Die Psalmen, HAT I/15, Tübingen 1996, S. 177-180

Exil und Sehnsucht

Der historische Kontext: Menschen im babylonischen Exil haben wahrscheinlich diesen Psalm geschrieben. Sie sehnen sich nach Jerusalem. Fern vom Tempel, fern von Heimat. Die Sehnsucht ist geografisch – und zugleich existentiell. Heimweh als Seelensprache.

Inspirierende Fragen:
– Was wäre Ihre „Heimkehr“ – wohin sehnen Sie sich zurück?
– Wo in Ihrem Leben fühlen Sie sich „im Exil“ – fern von sich selbst?

Quelle: Kraus, Hans-Joachim: Psalmen 1-59, BK XV/1, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 468-474

Predigt. Weiter Raum

Impuls

„Ich will jubeln und mich freuen über deine Güte!
Du hast mein Elend gesehen und die Not meiner Seele erkannt.
Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
(Psalm 31,9 Basis-Bibel )

Kennst du das Gefühl, wenn du nach langen Stunden in geschlossenen Räumen endlich ins Freie trittst? Wenn sich der Blick weitet über Felder oder Wasser? Wenn die Lungen sich füllen mit frischer Luft?

Genau diese Erfahrung meint der Psalm – nur für die Seele.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ – so betet der Psalmsänger.
Mitten in seiner Bedrängnis.

Weiter Raum. Das ist mehr als nur physischer Platz. Das ist Atem für die Seele. Das ist die Gewissheit: Es gibt mehr als das, was mich gerade umklammert. Es gibt eine Dimension jenseits meiner Sorgen.

Manchmal fühlt sich das Leben an wie ein zu enger Schuh. Die Wände rücken näher. Der Atem wird flacher. Alles drückt und zwängt und lässt kaum noch Bewegung zu.

Der Psalmbeter weiß: Ich bin nicht gefangen in dem, was mich bedrängt. Da ist ein Gott, der größer ist als meine Ängste. Da ist eine Liebe, die weiter reicht als meine Sorgen.

„In deine Hand lege ich mein Leben“ – so vertraut er. Das ist kein passives Ergeben. Das ist aktives Vertrauen. Das ist die bewusste Entscheidung: Ich lasse mich nicht von der Enge meiner Umstände definieren.

Weiter Raum bedeutet Perspektive. Wenn wir zu nah dran sind an unseren Problemen, versperren sie uns die Sicht. Erst der Abstand zeigt: Da ist mehr als nur dieses eine Problem.

Manchmal schenkt Gott uns diesen Abstand durch einen Freund, der zuhört. Manchmal durch einen Spaziergang in der Natur. Manchmal durch ein Gebet, das uns aus dem Hamsterrad der Gedanken befreit. Manchmal einfach durch die Erfahrung: Ich bin nicht allein.

Weiter Raum bedeutet auch Bewegungsfreiheit. In der Enge verfallen wir leicht in starre Muster. Wir sehen nur noch eine Möglichkeit, nur noch einen Weg. Aber Gott eröffnet Alternativen. Er zeigt neue Wege, die wir vorher nicht gesehen haben.

Der Psalm erzählt von einem Gott, der befreit. Nicht aus der Ferne. Nicht theoretisch. Sondern ganz konkret: „Du hast mein Elend gesehen und die Not meiner Seele erkannt.“ Ein Gott, der sieht.

Vielleicht erlebst du gerade eine Zeit der Enge. Vielleicht drücken die Sorgen von allen Seiten. Der Psalm lädt dich ein: Hebe den Blick. Da ist mehr Raum, als du ahnst.

Gott stellt deine Füße auf weiten Raum. Das ist sein Versprechen. Nicht als billige Vertröstung auf ein Leben nach dem Tod. Sondern als Zusage für heute: Du bist nicht gefangen. Du bist geliebt. Du bist hineingestellt in Gottes weite Welt.

Atme auf. Spüre den Raum, der dir geschenkt ist.

Fragen und Impulse – fürs Nachdenken, für das Tagebuch oder ein Gespräch

  • Wer in deinem Umfeld würde als erstes merken, wenn Du beginnst, mehr im „weiten Raum“ zu leben – und woran würde diese Person das erkennen?
  • Wenn Du Dir vorstellst, dass Gott Deine Füße auf weiten Raum stellt: Welcher erste kleine Schritt in diese Weite würde sich für Dich heute stimmig anfühlen? dir vorstellst, dass ein guter Freund genau dein Leben mit all seinen Herausforderungen leben müsste – welchen Rat würdest du ihm geben, wie er mit sich umgehen sollte?

Gott des neuen Tages,
Du öffnest vor mir Türen,
von denen ich noch nicht weiß.
Du bereitest Wege,
die ich noch nicht sehe.
Lass mich vertrauen, wenn sich noch alles eng anfühlt.
Lass mich spüren: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Heute. Hier. Jetzt.
Amen.

PSALMTEXT

Herr, ich suche Schutz bei dir!
Lass mich niemals scheitern!
Rette mich, denn du bist gerecht!
Neige dein Ohr mir zu, rette mich schnell!
Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet!
Du bist ja mein Fels und meine Burg.
Um deines Namens willen führe und leite mich!

Befreie mich aus dem Netz, das sie heimlich für mich aufgestellt haben.
Du bist ja meine Zuflucht.
In deine Hand lege ich mein Leben.
Du wirst mich befreien, Herr, du treuer Gott!

Ich will jubeln und mich freuen über deine Güte!
Du hast mein Elend gesehen und die Not meiner Seele erkannt. Du hast mich nicht preisgegeben an die Hand des Feindes.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Psalm 31,2-9 (BasisBibel)

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén