Impuls zur Vaterunser-Reihe: „Zwischen Himmel und Herz“
„Vater unser im Himmel…“
Diese ersten Worte des bekanntesten Gebets der Welt sind für viele nicht einfach fromme Routine. Sie berühren etwas tief in uns. Manchmal zärtlich, manchmal schmerzhaft. Denn das Wort „Vater“ trägt die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrung in sich: die Sehnsucht nach Geborgenheit ebenso wie die Erinnerung an Enttäuschung, an Abwesenheit, vielleicht sogar an Gewalt.
Manche können dieses Gebet nicht sprechen. Wegen dieser beiden ersten Worte.
Jesus wusste das. Als er seine Jünger lehrte, Gott mit „Abba“ anzureden – einem aramäischen Wort, das etwa unserem „Papa“ entspricht –, war das ungewöhnlich.
Nicht weil niemand vor ihm Gott als Vater angesprochen hätte. Ungewöhnlich war die Selbstverständlichkeit, mit der Jesus diese Beziehung lebte und lehrte.
Im Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt Jesus uns einen Vater, der alle Konventionen sprengt – der rennt. Ein orientalischer Patriarch läuft aber nicht. Er wartet würdevoll, bis man sich ihm nähert. Ich stelle mir vor, wie die Zuhörer Jesu schmunzelten über diesen alten Mann.
Und nun sagt Jesus:
„Schon von weitem sah der Vater ihn kommen. Er hatte Mitleid mit seinem Sohn. Er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“
(Lukas 15,20, BasisBibel)
Hier ist ein Vater, der nicht auf seine Würde pocht, sondern auf die Liebe setzt. Der nicht straft, sondern feiert. Der nicht Moral predigt, sondern sich freut über die Heimkehr.
Für viele Menschen ist das heilsam. Gerade für die, die schwierige Vatererfahrungen gemacht haben, kann die Begegnung mit diesem anderen Bild etwas in Bewegung bringen. Es geht nicht darum, Schmerz zu verdrängen oder zu verharmlosen. Es geht darum zu entdecken, dass es jenseits menschlicher Unzulänglichkeit eine Quelle der Liebe gibt, die nicht versiegt.
Und doch weiß die Bibel um die Grenzen jedes Bildes. Die Bibel ist voller unterschiedlicher Metaphern für Gott: als Mutter, die tröstet („Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet“, Jesaja 66,13), als Fels, als Quelle, als Licht. Gott lässt sich nicht in einem einzigen Bild fassen. Obwohl manchmal bestimmte Bilder für uns wichtig werden.
Aber das Bilderverbot des Alten Testaments mahnt uns:
Gott ist größer als unsere Bilder.
Das Vaterbild ist ein Fenster –
nicht die ganze Wirklichkeit.
Wir können und dürfen Gott nicht festlegen auf bestimmte Bilder.
Das Vaterunser beginnt deshalb nicht mit einem Dogma, sondern mit einer Einladung. Wir dürfen „Vater“ sagen – oder „Mutter“, „Quelle“, „Kraft“. Wir dürfen uns bergen lassen in dem, was größer ist als unsere Angst, stärker als unsere Sorge, tragfähiger als unsere Zweifel.
Ganz gleich, welches Bild von Gott uns gut tut.
Es ist ein Gebet uns einlädt, zu entdecken, zu zweifeln, zu vertrauen – und die eigenen Bilder zu finden. Und sie wieder loszulassen, wenn sie zu eng geworden sind.
Inspiriert haben mich zu diesen Gedanken der Beitrag von Evelyne Baumberger zum Beginn des Vaterunsers.
ABENDGEBET
Du, dessen Name größer ist als alle Worte,
und der doch nah ist wie ein Atemzug –
wir legen diesen Tag in deine Hände.
Das Schwere, das wir getragen haben.
Das Gute, das wir fast übersehen hätten.
Lass uns in der Stille dieser Nacht spüren:
Wir müssen nicht festhalten. Wir sind gehalten.
Schenk uns Ruhe. Und morgen: einen neuen Anfang.
Amen.
SEGEN
Gott segne dich mit dem Vertrauen,
dass du nicht fallen kannst aus dieser Liebe heraus –
wie immer du sie auch nennst.
Gott segne dich mit der Freiheit,
deine eigenen Worte zu finden
für das, was größer ist als deine Angst.
Gott segne dich mit der Stille,
in der du spürst: Du bist gemeint.
Du bist willkommen. Du bist zuhause.
So segne dich der lebendige Gott –
Vater, Mutter, Quelle, Freund –
heute und in den Tagen, die kommen.
Amen.
FRAGEN ZUM NACHDENKEN –
fürs Tagebuch oder ein Gespräch
1. Welches Bild für das Göttliche lässt Sie aufatmen – nicht das, das Sie gelernt haben, sondern das, das sich für Sie richtig anfühlt? Was ist es an diesem Bild, das Sie nährt?
2. Wenn Sie das Vaterunser für sich persönlich neu beginnen dürften – mit welchen Worten würden Sie anfangen? „Mutter unser…“, „Du, der du mich hältst…“, „Quelle des Lebens…“ – was käme Ihnen in den Sinn?