Klinikseelsorge im Evangelischen Dekanat Nassauer Land

Kategorie: Weihnacht

Die Zeit zwischen den Jahren – Fragen für das, was war und was wird.

Zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar liegen die Zwölf Heiligen Nächte – eine uralte Tradition des Innehaltens und Betrachtens. In dieser besonderen Schwellenzeit zwischen Weihnachten und dem Fest der Heiligen Drei Könige lade ich Sie ein, jeden Tag eine Frage zu erkunden: im Tagebuch, im Gespräch mit vertrauten Menschen (deep talk) oder in einer Gruppe.

Die folgenden 12 Fragen helfen Ihnen dabei, das vergangene Jahr zu würdigen, dem kommenden Jahr zu begegnen und sich selbst neu zu entdecken – mal im Rückblick, mal im Ausblick, mal ganz im Hier und Jetzt.


Was war

  • Welche Kleinigkeit hat dich 2025 erstaunlich glücklich gemacht?
  • Welchen Satz hast du 2025 am häufigsten gesagt – und was sagt das über dich?
  • Was hast du dieses Jahr gelernt, das du eigentlich schon längst wusstest – aber erst jetzt wirklich verstanden hast?

 

Was ist

  • Was hast schon mal du aufgeschoben, das sich später als gute Entscheidung herausgestellt hat?
  • Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?
  • Welche deiner Eigenschaften nervt dich manchmal – und rettet dich an anderen Tagen?
  • Was brauchst du, um dich lebendig zu fühlen – nicht glücklich, nicht erfolgreich, sondern einfach: lebendig?
  • Welcher Ort auf der Welt fühlt sich für dich an wie nach Hause kommen – auch wenn du noch nie dort warst?
  • Welcher Mensch hat dich geprägt, ohne es zu wissen?

 

Was wird

  • Wenn 2026 ein Raum wäre, den du betrittst: Welche Tür lässt du bewusst zu? Und welches Fenster reißt du sperrangelweit auf?
  • Wenn dein Bauchgefühl und dein Kopf sich 2026 auf genau eine Sache einigen müssten – was wäre das?
  • Wenn du für 2026 eine völlig überflüssige, aber herrliche Tradition einführen könntest – welche?

Inspiriert hat mich zu dieser Sammlung ein Beitrag der großartigen KollegInnen von RefLab aus der Schweiz:
https://www.reflab.ch/eine-zwischenzeit-die-rauhnaechte/

Wer Spaß hat an weiteren Fragen:
https://www.reflab.ch/55-neue-fragen-zum-jahreswechsel-fuer-deep-talk-oder-journaling/
https://www.reflab.ch/100-fragen-zum-jahreswechsel/

 


Die Zwölf Heiligen Nächte. Zeit zwischen den Zeiten

Wenn zwei Kalender sich nicht einig sind

Die Zwölf Heiligen Nächte, auch Raunächte genannt, haben ihren Ursprung in einem praktischen Problem unserer Vorfahren: Wie bringt man Mond- und Sonnenjahr zusammen?

Ein Mondjahr ist elf Tage kürzer als ein Sonnenjahr – eine merkwürdige Lücke, die weder zum alten noch zum neuen Jahr gehört.

Diese Tage galten in germanischen
und keltischen Kulturen
als besondere Schwellenzeit:
Zwischen den Jahren.
Zwischen den Welten.

Die Zwölf Nächte vom 25. Dezember bis zum 6. Januar wurden so zu einer Zeit außerhalb der normalen Ordnung – jede Nacht einem Monat des kommenden Jahres zugeordnet, eine Ahnung dessen, was werden könnte.

Christliche Umdeutung: Aus gefährlichen Nächten werden heilige Nächte

Die frühe Kirche hat diese vorchristliche Tradition nicht einfach verboten, sondern verwandelt. Aus den „wilden“ Raunächten wurden die „heiligen“ Zwölf Weihnachtstage – die liturgische Zeit zwischen der Geburt Christi am 25. Dezember und dem Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanias) am 6. Januar.

Was vorher als gefährlich galt – die dünne Grenze zwischen den Welten, die Ungewissheit der Schwellenzeit –
wurde nun zum Raum für das Licht von Weihnachten.
Christus als Licht in der Finsternis, das durch die dunkelsten Nächte des Jahres hindurch bis zu seiner Erscheinung vor den Völkern leuchtet.

Die Bräuche blieben – verwandelt: Aus wildem Räuchern wurde Weihrauch, aus Schutzritualen der Haussegen. In manchen Häusern wird noch heute geräuchert, mit Gebeten statt Zaubersprüchen, die besondere Achtsamkeit auf Träume und innere Eindrücke nun als geistliche Übung der Gewissenserforschung.

Eine theologische Schwellenzeit

Die Zwölf Nächte lassen sich theologisch tiefer deuten: Wir leben „zwischen den Zeiten“ – das Heil ist in Christus schon gekommen und doch noch nicht vollendet.

Genau diese Spannung prägt die Zeit zwischen Weihnachten und Epiphanias. Das Kind in der Krippe ist geboren – aber was bedeutet das für die Welt, für mich, für das kommende Jahr? Die Nächte werden ein Raum, um dieser Frage nachzuspüren.

Was die Zwölf Nächte heute sein können

Heute entdecken viele Menschen diese alte Tradition neu – nicht als magisches Orakel oder Aberglauben, sondern als bewusste Auszeit.

Die Zwölf Nächte bieten einen Rhythmus für das, was im Alltag oft untergeht:
das stille Nachdenken,
das achtsame Sortieren,
das Gespräch ohne Zweck.

In manchen Gemeinden gibt es „Raunachts-Exerzitien“ – bewusste Auszeiten zwischen den Jahren. Jeden Abend eine Andacht, ein Wort, eine Frage. Andere nutzen die Zeit für Haussegnungen, für das bewusste Räuchern und Beten in den eigenen vier Wänden, für Rituale des Loslassens und Neuanfangens.

In Kliniken und palliativen Einrichtungen kann diese Zeit besonders wertvoll werden: Wenn die normale Geschäftigkeit pausiert, wenn die Welt draußen zwischen den Jahren innehält, entsteht Raum für das, was wirklich zählt. Für Trauer und Hoffnung. Für Rückschau und Vorausschau. Für das Licht, das auch in den dunkelsten Nächten nicht ausgeht.

Die Fragen als Begleiter

Die 12 Fragen sind keine Checkliste, sondern Wegbegleiter durch diese besondere Zeit. Sie helfen, in Kontakt zu kommen – mit sich selbst, mit anderen, mit dem Jahr, das hinter und vor Ihnen liegt, vielleicht auch mit Gott, der mitgeht. Vielleicht sind sie auch Inspiration für eigene Fragen.

Sie entscheiden, wie Sie die Fragen nutzen: allein oder mit anderen, als geistliche Übung oder achtsame Begegnung mit sich selbst.

Die Zwölf Nächte warten.
Für das, was Sie nicht aussprechen können.
Für das, was Sie loslassen wollen.
Für das, was werden darf.

Maria bewegte dies im Herzen

Eine weihnachtliche Andacht

Es gibt einen Satz in der Weihnachtsgeschichte, der leicht überlesen wird. Zwischen all den Engeln und Hirten steht er da, fast unscheinbar: „Maria aber bewahrte alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“
Während um sie herum alles in Bewegung ist, zieht Maria sich zurück. Nach innen. Ins Herz.

Was für ein merkwürdiges Wort: bewegen.
Als wäre das Herz ein Raum, in dem man Dinge hin- und herwenden kann. Als wäre Erinnern etwas Lebendiges.
Wenn Maria uns etwas zeigt, dann das: Es gibt eine Zeit, in der das Äußere still wird – und das Innere beginnt. Eine Zeit, in der man nicht mehr für andere funktionieren muss. In der man hören darf, was in einem selbst nachklingt.

Vielleicht sind es Erinnerungen – ein Gesicht, das immer wieder auftaucht. Ein Moment, zu dem Sie zurückkehren. Eine Szene, die hell leuchtet.
Vielleicht sind es Worte – ein Satz, der getragen hat. Eine Stimme, die nachhallt.
Oder vielleicht ist es das Tragende selbst – das, was Sie durch die Jahre getragen hat. Auch wenn Sie es nicht benennen können.

Wenn das Leben leiser wird, beginnt eine andere Bewegung. Im Herzen.
Das ist das Geschenk der Weihnachtsgeschichte:
Du darfst bewegen, was dich bewegt hat.
Und dabei wirst du nicht allein sein.
Gott ist dort, wo das Herz sich öffnet. Wo Erinnerungen lebendig werden. Wo Schmerz und Dankbarkeit nebeneinander sein dürfen.
Möge Ihnen diese Zeit gegeben sein – die Zeit, in der Sie nicht mehr tun müssen. Die Zeit, in der Sie einfach sein dürfen.

Und möge Gottes Friede Sie dabei umgeben und tragen.

Amen.

Die unerwartete Tischgemeinschaft – eine Weihnachtspredigt.

Eine Weihnachtspredigt zu Matthäus 2,11

„Sie öffneten ihre Schätze.“
(Aus der Geschichte mit den Weisen aus dem Morgenland)


I.

Stellen Sie sich vor: Weise aus dem Morgenland machen sich auf den Weg.

Die Tradition spricht von drei Weisen – aber im Bibeltext steht keine Zahl. Es könnten auch mehr gewesen sein. Oder weniger.
Aber sie waren Fremde.
Sie kannten sich nicht.
Sie hatten unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Geschichten.
Aber da war dieser Stern. Und der zog sie.

Und dieser Stern führte sie an einen Ort, an dem sie nicht erwartet hätten zu landen.
Kein Palast. Kein Thronsaal.
Sondern: ein einfaches Haus. Und dort: ein Kind.

Und jetzt stehen sie da, diese Fremden, und schauen sich an –
und dann erst mal verstohlen zu dem Kind –
und denken vielleicht: „Na gut. Dann sind wir wohl jetzt zusammen hier.“


II.

Heiligabend in der Klinik ist auch so eine unerwartete Tischgemeinschaft.
Beim Frühstück, in den Therapiegruppen.
Aber auch heute hier beim Gottesdienst.
Sie sitzen heute Morgen mit Menschen zusammen, die Sie vor ein paar Wochen nicht kannten.
Vielleicht hätten Sie sich nie getroffen, wenn nicht dieser eine Stern –nennen wir ihn mal: das Leben – Sie hierher geführt hätte.

Und wenn man das erste Mal an so einem Tisch sitzt, schaut man ja auch.
Ein bisschen verstohlen. Links, rechts. Wer sitzt da eigentlich?
Was haben die für Geschichten? Warum sind die hier?
Und während man noch schaut, merkt man: Die anderen schauen auch.

Manche von Ihnen sind froh, heute hier zu sein.
Froh, nicht an einem Tisch zu sitzen, wo alte Fragen lauern.
Andere vermissen etwas.
Einen Geruch, eine Stimme, eine Gewohnheit.
Aber Sie sind hier.
Und Sie sind nicht allein.


III.

Und jetzt kommt der Moment, der in der Weihnachtsgeschichte so leicht überlesen wird:
„Sie öffneten ihre Schätze.“
Die Weisen packen aus.
Gold, Weihrauch, Myrrhe.
Sie legen hin, was sie haben.

Und jetzt wird’s interessant: Was haben Sie eigentlich dabei?
Was liegt in Ihrer Truhe, wenn Sie heute an diesen Tisch kommen?
Gold.
Das Glänzende, das Wertvolle.
Vielleicht die Fähigkeit, andere zum Lachen zu bringen.
Vielleicht die Erinnerung an einen Moment, in dem man mutig war.
Vielleicht das Talent, zuzuhören.
Vielleicht einfach: die Tatsache, dass man heute hier sitzt.
Das ist Gold.

Weihrauch.
Das, was aufsteigt, was leicht macht.
Ein Seufzer, der Erleichterung bringt.
Die Hoffnung, dass es weitergeht – auch wenn man nicht weiß, wie.
Das Gebet, das man nicht aussprechen kann, aber das trotzdem da ist.
Das ist Weihrauch.

Und ja, auch die Myrrhe.
Das Bittere, das Leben, wie es ist.
Die Narben, die Brüche.
Die Frage, warum man ausgerechnet hier ist und nicht dort.
Aber Myrrhe war damals nicht nur bitter.
Sie war auch ein Heilmittel.
Ein Harz, das Wunden reinigte.
Das Entzündungen linderte.
Das half, wenn der Körper schmerzte.
Auch das Bittere kann heilen.
Nicht sofort. Nicht immer. Aber manchmal.
Auch das liegt auf dem Tisch.

Und siehe da: Es passt.
Heute, an Heiligabend, darf das Gold glänzen.
Und der Weihrauch aufsteigen.
Und die Myrrhe?
Die darf auch da sein.
Aber sie muss heute nicht das letzte Wort haben.


IV.

Heiligabend in der Klinik ist kein perfekter Tisch.
Kein Hochglanz-Fest mit Kerzen und Tannenzweigen.
Es ist ein Tisch, an dem Menschen sitzen,
die Gold, Weihrauch und Myrrhe dabei haben.
Und die nicht gefragt werden: „Warum bist du hier?“
Sondern: „Was hast du dabei?“
Und das ist das Geschenk dieser Tischgemeinschaft:
Keiner muss sich rechtfertigen.
Keiner muss erklären, warum er nicht woanders ist.
Es reicht, da zu sein.
Und hinzulegen, was man hat.


V.

Und das Kind in der Krippe?
Es nimmt alles an.
Es sagt nicht: „Gold ist mir zu schwer.“
Es sagt nicht: „Myrrhe ist mir zu bitter.“
Und – so sagt es ein altes Gebet – es lächelt, wenn es dich sieht.

Du musst nicht perfekt sein, um willkommen zu sein.
Du darfst kommen, wie du bist. Mit dem, was du hast.
Und das Kind?
Es liegt da – nicht, um etwas von dir zu fordern.
Es liegt da – um dir etwas zu geben: Sich selbst.

Du bist nicht allein an diesem Tisch.
Nicht nur, weil andere da sind.
Sondern weil einer da ist, der sagt:
„Ich bin für dich gekommen. Ich bleibe bei dir.“
Christus selbst. Er ist auch zu Gast an unseren Tischen.


VI.

Die Weisen gingen später auf einem anderen Weg zurück.
Sie waren nicht mehr dieselben.
Nicht, weil alles plötzlich gut war.
Sondern weil sie geteilt hatten, was sie hatten.
Und weil sie etwas bekommen hatten: Dieses Kind. Für sich.

Heute Morgen sitzen Sie hier.
Heute Abend sitzen Sie wieder zusammen.
Vielleicht nehmen Sie das mit:

Sie sitzen an einem unerwarteten Tisch.
Aber Sie sitzen nicht allein.
Und was Sie mitgebracht haben – Gold, Weihrauch, Myrrhe – es passt.
Und damit beschenken Sie sich gegenseitig.
Mit dem, was Sie sind.

Aber das größte Geschenk sitzt mit am Tisch:
Christus selbst.
Nicht nur heute.

Frohe Weihnachten.


Fragen zum Nachdenken

Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch.


Welches „Gold“ haben Sie heute dabei?
Was in Ihnen glänzt – auch wenn es klein ist?

Wo haben Sie heute „Weihrauch“ gerochen?
Einen Moment, der leicht war. Ein Lächeln. Eine Hoffnung.

An welchem „unerwarteten Tisch“ sitzen Sie gerade?
Und wer sitzt mit Ihnen dort?

Was würde sich ändern,
wenn Sie glauben könnten,
dass Gott lächelt, wenn er Sie sieht?


Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

„Ja, ist schon wieder Weihnachten?“ Plötzlich ist es da. Nicht angekündigt. Nicht vorbereitet. Es schiebt sich hinein zwischen Termine und Müdigkeit, zwischen das, was noch zu erledigen wäre, und das, wofür die Kraft fehlt. Zwischen Nachrichten, die uns verfolgen, und Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen.

Und dann diese alte, vertraute Geschichte. Unscheinbar erzählt.

Ein Kind wird geboren. Nachts. In einem Stall. Abseits von allem, was glänzt. Weit entfernt von jeder Hochglanz-Idylle.

Hirten kommen. Menschen vom Rand. Übernächtigt, erschöpft, mit staubigen Kleidern. Sie bringen nichts mit. Keine Geschenke. Keine besonderen Worte. Nur sich selbst. Leere Hände.

Vielleicht ist genau das der Kern dieser Nacht: Nicht die Inszenierung. Sondern die Gegenwart. Ankommen, wo man gerade steht. Mit dem, was ist – nicht mit dem, was fehlen könnte.

Weihnachten muss nichts beweisen. Es darf eng sein. Rau. Unfertig.

Dieses Fest gelingt nicht durch Programme. Sondern durch das, was bleibt: Menschen, die einander aushalten. Nähe ohne Anspruch. Zeit ohne Eile.

Einfach da sein.

Das ist das Geschenk, das niemand kaufen kann: Deine Präsenz. Dein Bleiben.

Du darfst ankommen. Bei dir selbst. Bei den Menschen, die dir wichtig sind. Und – wenn man diesem alten Text traut – auch bei Gott.

„Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?“ Ja. Endlich.


Advent und die Gezeiten der Seele

Ebbe. Ein Adventsimpuls vom Wattenmeer

Wenn die Nordsee sich zurückzieht, verändert sich nicht nur die Landschaft – es verändert sich der Klang der Welt.

Das laute, beruhigende Rauschen der Wellen weicht dem Flüstern des Windes über nassem Schlick. Die Luft wird schärfer, salziger, nüchterner. Keine Duftkerzen hier, nur die klare, kalte Wahrheit der freiliegenden Küste. Der Horizont rückt nicht näher – im Gegenteil: Wo eben noch Wasser war, dehnt sich jetzt eine weite, ungeschönte Fläche aus.

Und plötzlich siehst du, was die Flut verborgen hatte.

Wenn das Leben Ebbe hat

Der Advent lädt uns ein zu dieser Ebbezeit der Seele. Zur Erlaubnis, innezuhalten und hinzuschauen: Was wird sichtbar, wenn der Lärm des Alltags sich zurückzieht? Wenn die ständige Betriebsamkeit – wie das Rauschen der Flut – für einen Moment verstummt?

Fasten: Den Wohlstandsspeck der Seele abbauen

Wenn wir von „Fasten im Advent“ sprechen, geht es nicht um Kalorien oder Verzicht auf Schokolade.

Es geht um den Wohlstandsspeck der Seele.

Unsere Seele hat sich im Laufe der Zeit Polster zugelegt – Schutzschichten aus Ablenkung, Betäubung und ständiger Beschäftigung. Netflix-Marathons. Endloses Scrollen. Der immer volle Terminkalender. Die Musik, die jede Stille übertönt. Die Geschäftigkeit, die uns davon abhält, bei uns selbst anzukommen.

Sie können zu einer Isolierschicht werden, die uns von unserem eigenen Innenleben trennt. Die zwar wärmt, aber auch taub macht.

Fasten im Advent bedeutet: Diese Schicht bewusst dünner werden lassen. Nicht aus Selbstkasteiung. Sondern aus Neugier. Aus Sehnsucht nach dem, was darunter liegt.

Was passiert, wenn ich das Handy für eine Stunde weglege? Was höre ich, wenn ich die Kopfhörer abnehme? Was spüre ich, wenn ich nicht sofort zum nächsten Event eile?

Die Wracks und die Muscheln

Wenn das Watt freiliegt, kommt beides zum Vorschein: die Schätze und die Wracks.

Da liegt der rostige Anker alter Enttäuschungen. Die ungesagten Worte. Die zerbrochenen Vorsätze. Man kann jetzt nicht mehr so tun, als wären sie unsichtbar. Aber – und das ist wichtig – es geht nicht darum, sie sofort zu bergen oder zu reparieren. Es geht darum, sie als das zu sehen, was sie sind: Markierungen. Orte, an denen etwas gescheitert ist.

Und dann sind da die Muscheln. Klein, unscheinbar, aber vom Wasser blankgespült und von allem Überflüssigen befreit. Sie sind nicht prunkvoll. Aber sie sind klar. Sie sind echt. Du kannst sie in der Hand halten.

Das sind die wahren Schätze der Ebbezeit: Die drei Sekunden Stille im Auto. Die Melodie eines Songs, die dich unerwartet berührt. Die ehrliche Zeile im Tagebuch. Das Lächeln eines Menschen. Beweise der Schönheit, die keine Lautstärke brauchen.

Das Tagebuch als Muschelsammlung

Hier kommt eine Einladung: Sammle diese Muscheln.

Nicht als Pflichtübung. Sondern weil deine Seele einen Ort braucht, an dem diese Momente aufbewahrt werden. Ein Tagebuch. Eine Notiz-App. Irgendwo, wo du ehrlich sein kannst.

Schreib auf, was dich berührt hat. Was schön war. Was schwer war. Was du entdeckt hast, als die Flut sich zurückzog. Es müssen keine poetischen Meisterwerke sein. Es reichen Stichworte. Fragmente. Ehrliche Worte.

Diese kleinen Notizen werden zu Nahrung für etwas Wichtiges: für die Sehnsucht.

Die Sehnsucht nähren

Die Sehnsucht ist nicht das Ziel. Sie ist der Beweis, dass die Flut wiederkommen wird.

Die Ebbe ist real. Sie ist manchmal kalt und unbarmherzig ehrlich. Aber sie ist nicht für immer. Das Wattenmeer kennt keinen Zweifel. Der Rhythmus der Gezeiten ist verlässlich. Die Flut kehrt zurück.

Und bis dahin darfst du sammeln. Die Schätze. Die ehrlichen Momente. Die Muscheln des Lebens.

Das ist die Kunst der Adventszeit: Nicht die Sehnsucht zu verdrängen oder mit Ablenkung zu übertönen. Sondern sie zu nähren. Mit dem, was wirklich trägt. Mit dem, was echt ist.

Eine Einladung

Der Advent ist nicht die Zeit für noch mehr Leistung oder noch mehr Selbstoptimierung.

Der Advent ist die Erlaubnis, innezuhalten. Die Ebbezeit der Seele zuzulassen. Den Wohlstandsspeck abzulegen. Hinzuschauen, was da liegt. Die Sehnsucht nicht zu verdrängen, sondern zu nähren.

Und vielleicht – nur vielleicht – wirst du dabei entdecken, dass die Ebbe nicht das Ende ist. Sondern der Raum, in dem du den Klang deiner eigenen Seele wieder hören kannst.

Die Flut kommt zurück. Aber bis dahin: Sammle deine Muscheln.


Was liegt bei dir gerade frei, wenn die Flut sich zurückzieht? Welche Muschel hast du heute gefunden?

Weihnachten in der Klinik – In der Werft, nicht im Palast

In der Werft, nicht im Palast

Advent und Weihnachten in der Klinik

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein‘ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Ich höre das alte Adventslied in diesen Tagen öfter – im Radio, irgendwo zwischen den Fluren.

Ein Lied aus einer anderen Welt, von draußen, wo Advent stattfindet.

Hier drinnen ist Advent anders.

Weihnachten in der Klinik – das klingt nach Stillstand, nach Verzicht, nach einem Fest, das woanders stattfindet.

Aber das Lied bleibt hängen.

Besonders diese eine Zeile: „Es trägt ein‘ teure Last.“


Mein Schiff

Ich denke an mein eigenes Schiff.

Das Lebensschiff, das mich hierhergebracht hat.

Ramponiert, mit einem Riss im Rumpf, der jetzt sichtbar wird.

Jetzt liegt es hier.
In der Werft.
Aus dem Wasser gehoben.

Was trage ich eigentlich in meinem Schiff?


Die teure Last

Teure Last – das Wort ist altmodisch, aber treffend.

Es meint: kostbar. Wertvoll.

Die Erinnerungen.
Die guten.
Das Lachen, das ich liebe.
Der Morgen, der mir guttat.
Das Gespräch, das mich verstand.

Das alles ist noch da.

Die Menschen.
Die, die mir schreiben.
Die warten.
Die mein Schiff kennen und trotzdem nicht aufgeben.

Die Hoffnungen.
Auch die unerfüllten.
Die Träume von damals, als der Horizont noch weit war.

Sie sind nicht verloren, nur tief vergraben.
Aber sie können wieder ans Licht.

Und ja, auch das Schwere.
Die Narben, die Brüche.
Sie gehören zu mir.
Sie sind Teil der Geschichte.

Und Geschichten können weitergehen.


Im Hafen

Advent in der Klinik.

Das Schiff liegt im Hafen.
Der Anker hält auf festem Grund.

Ich bin nicht mehr im Sturm, nicht mehr allein zwischen Himmel und Wasser.

Angekommen – hier, wo ich nicht sein wollte.

Aber vielleicht ist das der Punkt:

Ankommen heißt nicht, dass alles gut ist.
Es heißt, dass ich nicht mehr treiben muss.

Dass das Schiff gehalten wird.
Dass jemand hinschaut.
Und dass die Reparatur beginnen kann.

Häfen sind keine Endstationen.
Sie sind Durchgangsorte.

Orte, an denen man verschnauft, repariert, neu ausrichtet.

Und dann sticht man wieder in See.


Weihnachten in der Werft

Weihnachten in der Klinik ist anders.

Es ist das Fest, an dem Gott klein wird.
Verletzlich. Im Stroh, nicht im Palast.

Vielleicht ist das der Trost:

Dass Gott genau da geboren wird, wo es nicht perfekt ist.

In der Werft.
Im Provisorium.
Bei mir.

Dieses Weihnachten wird anders.
Aber nicht das letzte.

Es werden andere kommen.

Solche, an denen ich wieder zu Hause bin.
An denen mein Schiff wieder fährt.
An denen die Ladung, die ich hier sortiert habe, mich trägt.


Das Schiff wird fahren

Mein Schiff liegt in der Werft, aber das Wasser ist in Sichtweite.

Das Schiff wird wieder fahren.

Mit seiner teuren Last.
Mit allem, was ich bin – dem Schweren und dem Kostbaren.

Nicht als das alte, unversehrte Schiff.
Sondern als eines, das Stürme kennt.
Das Reparatur erfahren hat.
Und das mich trägt.

Auch an Weihnachten in der Klinik.

Für alle, deren Lebensschiff gerade in der Werft liegt – und für die Weihnachtstage, die noch kommen werden.

Amen.


Quellenhinweis:
„Es kommt ein Schiff, geladen“
Text: Johannes Tauler (zugeschrieben, um 1300–1361) / Daniel Sudermann (1626)
Eines der ältesten deutschen Adventslieder


Fragen zum Nachdenken

Für das eigene Nachdenken, das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch.

Was ist die „teure Last“ in Ihrem Lebensschiff –
das Kostbare, das Sie tragen, auch wenn es schwer ist?

Wenn Sie an Ihr Lebensschiff denken:
Welche Reparatur braucht es gerade am dringendsten?


Gebet für die Werft

Gott,

mein Schiff liegt in der Werft.
Ramponiert. Aus dem Wasser gehoben.

Ich wollte nicht hier sein.
Aber hier bin ich.

Du kennst meine teure Last.
Das Kostbare und das Schwere.
Die Erinnerungen und die Narben.
Die Hoffnungen und die Brüche.

Hilf mir zu glauben:
Häfen sind keine Endstationen.
Reparatur ist kein Scheitern.
Und du wirst genau hier geboren –
in der Werft, nicht im Palast.

Lass mein Schiff wieder fahren.
Wenn die Zeit reif ist.
Mit allem, was ich bin.

Amen.


Für alle, die Lust haben auf mehr

Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten.


1. Das Schiff als Symbol für Maria

In der christlichen Tradition wurde Maria als „navis gaudiorum“ – „Schiff der Freuden“ – bezeichnet, weil sie Gottes Sohn in die Welt gebracht hat.

Das Bild stammt aus dem Spätmittelalter: Die Menschen warteten sehnsüchtig auf Handelsschiffe, die aus fernen Ländern Lebensmittel und kostbare Güter brachten.

Der Textdichter hat dieses Bild auf Maria übertragen: Sie ist das Schiff, das Jesus als „himmlischen Schatz“ zu den Menschen bringt.

Inspirierende Frage:
Was könnte es bedeuten, dass auch Sie ein „Schiff“ sind – das etwas Kostbares trägt und zu anderen bringt?


2. „Teure Last“ – kostbar, nicht schwer

Das mittelhochdeutsche Wort „tiure“ bedeutet nicht „schwer“, sondern „kostbar, wertvoll“.

Die „teure Last“ ist also keine Bürde, sondern ein Schatz.

Das Lied singt davon, dass Gottes Sohn selbst die kostbarste Fracht ist, die je ein Schiff getragen hat.

Und vielleicht gilt das auch für uns: Was wir tragen – unser Leben, unsere Geschichten, unsere Menschen – ist kostbar, auch wenn es manchmal schwer ist.

Inspirierende Frage:
Welche Last in Ihrem Leben könnte auch ein Schatz sein?

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