Pfingsten – Griechischer Wein und der Geist des Lebens

Bibeltexte

„Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,26, Basis-Bibel)

„Genauso kommt auch der Geist unserer Schwachheit zu Hilfe. Denn wir wissen nicht, worum wir in der richtigen Weise bitten sollen. Aber der Geist selbst tritt für uns ein mit Seufzern, die sich nicht in Worte fassen lassen.“ (Röm 8,26, Basis-Bibel)


Einleitung: Eine Kneipe im Ruhrgebiet

Es ist 1974. Irgendwo im Ruhrgebiet. Eine Kneipe, spät am Abend. Licht fällt aus der Tür. Drinnen sitzen Männer mit schwarzem Haar und braunen Augen. Einer hält ein Glas Wein in der Hand und singt. Griechischer Wein. Und es ist kein fröhliches Lied.

Udo Jürgens hat diesen Moment nicht erfunden. Er hat ihn entdeckt. Sein Texter Michael Kunze hat ihm die Szene beschrieben, und Jürgens soll gesagt haben, es sei so selbstverständlich und einleuchtend gewesen, als hätte er es längst wissen müssen. Der Song wurde die einzige Nummer-eins-Single von Udo Jürgens. Und er ist mehr als ein Schlager.

Da saßen Männer. Gastarbeiter, die Deutschland in den 1960er Jahren angeworben hatte, um die boomende Wirtschaft am Laufen zu halten. 260.000 Griechen allein. Angeworben wie eine Ware, nicht wie Menschen. Die Aufenthaltsgenehmigungen: immer nur ein Jahr. Kein Wurzeln schlagen. Und doch: Sie blieben. Sie eröffneten Läden, Tavernen, Wirtshäuser. Sie bauten sich eine Welt im Fremden.

Was das Lied dabei nur am Rand erwähnt, aber die Geschichte nicht verschweigt: Auch Frauen kamen. Gastarbeiterinnen, die in Fabriken und Küchen, in Wäschereien und Krankenhäusern arbeiteten. Die Kinder zurückließen oder mitbrachten. Die für sich ebenfalls eine Welt im Fremden aufbauten, oft ohne dass jemand ein Lied für sie schrieb.

Dieses Lied hilft mir zu verstehen, was Pfingsten eigentlich bedeutet. Was Udo Jürgens und Michael Kunze in drei Strophen entfalten, ist eine Erfahrung des Gottesgeistes: Erinnerung, Gemeinschaft, Hoffnung. Ich kenne das. Wir kennen das. Und es kommt von Gott.


I. Erinnerung – der Geist, der uns zurückfindet

Der Mann im Lied träumt. Er erinnert sich. An die kleinen Häuser oben am Berg. An seine Frau, die ohne ihn älter wird. An seinen Sohn, der den Vater noch nie gesehen hat. Die Erinnerung schmerzt, und sie trägt zugleich. Sie hält ihn aufrecht in der Fremde. Sie sagt ihm: Du bist mehr als dieser Abend, mehr als diese Kneipe, mehr als die Erschöpfung der Arbeitswoche. Du hast eine Geschichte. Du gehörst irgendwo hin.

Jesus sagt im Johannesevangelium, kurz bevor er von seinen Jüngern Abschied nimmt:

„Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,26, Basis-Bibel)

Der Geist als Erinnerungskraft. Das ist keine sentimentale Nostalgie. Es ist etwas Lebenswichtiges. Wer vergisst, wer er ist und woher er kommt, verliert den Boden unter den Füßen. Die Jünger stehen nach Jesu Tod vor dem Nichts. Der Geist wird sie erinnern. Er gibt ihnen zurück, was sie zu verlieren drohen: die Stimme Jesu, seine Worte, die Erfahrung seiner Nähe.

Ich erlebe das in der Klinik. Menschen, die wir durch Krankheit, durch Erschöpfung, durch Schmerz den Faden zu sich selbst verloren haben – die nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind, jenseits der Diagnose, jenseits des Bettes, jenseits der Angst. Und dann kommt ein Moment: ein Bild, ein Lied, ein Geruch – und plötzlich ist da wieder etwas.

Eine Erinnerung an ein Leben, das lebenswert war. An Kraft, die schon einmal da war. An einen Gott, der schon einmal getragen hat. Das ist Geist Gottes, der Menschen aufrichtet. Der sie sich selbst zurückgibt.


II. Gemeinschaft – Kraft, die trägt

Erinnerung ist nie nur privat. Sie sucht jemanden, dem sie erzählt werden kann.

Der Gastarbeiter sitzt nicht allein. Sie sitzen zusammen. Sie teilen den Wein. Sie teilen die Sehnsucht. Und in diese Runde tritt der Erzähler des Liedes, ein Fremder, und setzt sich dazu. Nicht aus Mitleid. Aus Offenheit. Und plötzlich entsteht etwas: eine Gemeinschaft über Grenzen hinweg. Zwei Welten, die sich für einen Abend berühren.

Der Geist stiftet so etwas. Nicht durch Gleichmacherei, sondern dadurch, dass er Menschen füreinander öffnet. Jeder bleibt, wer er ist. Aber keiner muss allein bleiben damit.

In der Klinik sehe ich das manchmal in einem einzigen Satz. Zwei Menschen, die sich nicht kennen, sitzen nebeneinander. Einer sagt etwas, das der andere schon lange gedacht, aber nicht ausgesprochen hat. Und in diesem Moment öffnet sich etwas – nicht weil die Krankheit verschwunden ist, sondern weil jemand sagt: Ich kenne das. Ich bin noch da.


III. Hoffnung – die Kraft, die weitermacht

Der dunkelste Satz des Liedes ist ehrlich: In dieser Stadt werde ich immer nur ein Fremder sein und allein. Die Sehnsucht wird bleiben. Die Fremdheit wird bleiben. Und trotzdem: Sie sitzen zusammen. Sie singen. Sie schenken ein. Dieses „nochmal“ ist Hoffnung. Nicht als Illusion. Nicht als Willensakt. Als Gabe.

Paulus schreibt im Römerbrief:

„Genauso kommt auch der Geist unserer Schwachheit zu Hilfe. Denn wir wissen nicht, worum wir in der richtigen Weise bitten sollen. Aber der Geist selbst tritt für uns ein mit Seufzern, die sich nicht in Worte fassen lassen.“ (Röm 8,26, Basis-Bibel)

Der Geist seufzt mit. Er macht aus dem Seufzen der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, aus dem Seufzen der Kranken, aus dem Seufzen aller, die fremd sind in dieser Welt, ein Gebet. Er nimmt das auf, was sprachlos ist, und trägt es weiter.

Hoffnung ist keine Leistung. Sie ist eine Bitte, die der Geist in uns wachhält – auch wenn wir selbst nicht mehr wissen, wie wir sie formulieren sollen. Das bedeutet: Es muss nicht fertig sein, um gehört zu werden.


Schluss: Wenn Menschen zusammen singen

Wir erleben es beim offenen Singen in der Klinik. Menschen, die sich kaum kennen, die mit ganz verschiedenen Geschichten gekommen sind. Und plötzlich singen sie dieselbe Melodie. In diesem Moment gehören sie zusammen.

Sie tragen ihr Schicksal nicht mehr allein. Sie sind eine Gemeinschaft – eine Gemeinschaft derer, die sich erinnern, wer sie sind, und die füreinander da sind, auch wenn die Worte fehlen. Das ist, was Pfingsten meint. Der Geist, der uns zusammenhält.

Amen.


Raum für Dich

Fragen zur persönlichen Reflexion – für das eigene Nachdenken, das Tagebuch oder ein vertrauensvolles Gespräch

1. Erinnerung: Welche Erinnerung trägt dich – eine, die du vielleicht lange nicht mehr bewusst angeschaut hast? Was war das für ein Moment, und was sagt er dir heute darüber, wer du bist?

2. Gemeinschaft: Wann hast du zuletzt erlebt, dass jemand neben dir saß und du gespürt hast: Ich muss das nicht alleine tragen? Was hat das mit dir gemacht?


Nachklang

Für alle, die sich erinnern: Dank sei dir. Für alle, die beieinander sitzen: Dank sei dir. Für alle, die noch einmal anfangen, noch einmal hoffen: Dank sei dir. Du bist der Geist, der uns zusammenhält. Der für uns bittet, wenn wir keine Worte mehr haben. Dafür: Dank sei dir.

Amen.


Fundstücke für Neugierige

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten.

1. Der Geist als Erinnerungskraft – Joh 14,26 Im Johannesevangelium trägt der Heilige Geist einen besonderen Namen: Parakletos, auf Deutsch oft übersetzt mit „Beistand“ oder „Tröster“. Das griechische Wort bedeutet wörtlich: einer, der dazu gerufen wird, neben jemandem zu stehen. Der Geist ist also nicht eine abstrakte Kraft, die von oben herabkommt, sondern eine Gegenwart, die sich neben den Menschen stellt.

Dass dieser Beistand vor allem als Erinnerungskraft beschrieben wird, ist theologisch bedeutsam. Erinnerung ist im biblischen Denken kein rückwärtsgewandter Vorgang. Das hebräische zakar, erinnern, meint immer auch: vergegenwärtigen, lebendig machen, wirksam werden lassen. Wenn der Geist die Jünger an Jesu Worte erinnert, dann macht er Jesus gegenwärtig. Er überbrückt die Abwesenheit. Er hält das Vergangene als lebendige Kraft im Jetzt.

Das ist eine tiefe Erfahrung, die viele Menschen kennen: dass eine Erinnerung sie trägt, aufrichtet, weitermacht. Der Geist Gottes wirkt oft genau dort.

2. Das Seufzen jenseits der Worte – Röm 8,26 Paulus schreibt, der Geist vertrete uns mit Seufzern, „die sich nicht in Worte fassen lassen“. Das griechische Wort dafür ist alalētos, wörtlich: „was nicht ausgesprochen werden kann“. Es ist kein Versagen der Sprache. Es ist eine Form der Tiefe, die über Sprache hinausgeht.

Das ist für den seelsorgerlichen Kontext bedeutsam: Menschen, die nicht mehr beten können, die keine Worte finden, die schweigen oder schreien, beten trotzdem. Der Geist nimmt auf, was sie nicht ausdrücken können, und trägt es weiter. Das Gebet beginnt nicht beim Menschen. Es beginnt beim Geist, der im Menschen wohnt.


Quellen und Nachweise

Bibel: Joh 14,26; Röm 8,26: Die Bibel in der Basis-Bibel-Übersetzung, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2021. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Lied: Udo Jürgens / Michael Kunze: Griechischer Wein, 1974. © Michael Kunze / Udo Jürgens-Musikverlag. Alle Rechte vorbehalten. In dieser Veröffentlichung werden keine vollständigen Liedtexte wiedergegeben; Textzeilen werden inhaltlich paraphrasiert.

Podcast:Geschichte wird gemacht: Folge „Griechischer Wein“ (ORF / ARD). Ausgestrahlt am 3. Dezember 2025. https://oe1.orf.at/artikel/724968/Udo-Juergens-Griechischer-Wein Empfohlen als Hintergrund zur Geschichte der Gastarbeiterbewegung und zur Entstehung des Liedes.