Klinikseelsorge im Evangelischen Dekanat Nassauer Land

Autor: matthias.schmidt

Predigt. Psalm 139,7-12


Predigt zu
Psalm
139:7-12

„Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“



David fragt: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist?“
Das klingt nach Flucht. Aber es ist Staunen. Es ist Neugier.
Wo könnte ich eigentlich hingehen, wo du nicht bist?
David will die Grenzen ausloten.
Er will wissen: Wie weit reicht diese Nähe?


Wo bist du nicht?

David macht eine Entdeckungsreise.
Er durchmisst die Welt.
Er durchmisst das Leben.
Und findet überall dasselbe:
Du bist da.
Das ist keine Bedrohung. Das ist Staunen.
Das ist seine Erfahrung: Es gibt keinen Ort, wo Gott die Menschen verlässt.

Und ich merke, wie mir das zu glatt wird.
Zu schöngefärbt und zu fromm:
Ich möchte David widersprechen.
Dazwischenrufen:
Es gibt doch auch diese Orte, die nicht sein sollten.
Orte der Gewalt.
Orte, wo das Leben zerbricht.
Ist Gott auch da?

Und– ich ahne gleichzeitig,
wenn ich die Bibel lese,
die Geschichte von Hiob,
die Geschichte von Jesus am Kreuz,

wenn ich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ singe,
geschrieben im Gefängnis:
Gottes Gegenwart dort ist Mitleiden.
Nicht Billigung. Sondern Solidarität.


„Auch Finsternis leuchtet“

Ich glaube, nur wenn man sich das eingesteht
wird deutlich, wie tief die Worte von David sind, wenn er schreibt:

„Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir.“

David tastet sich vor. Bis in die Dunkelheit hinein.
Und findet: Auch dort – Gegenwart.

Die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“

Du bist da.
Nicht als der, der alles rechtfertigt.
Sondern als der, der mitgeht.
Als der, der aushält.
Als der, der bei den Leidenden bleibt.
Das ist die Hoffnung des Psalms.

Die Flügel der Morgenröte

Und David nimmt uns weiter mit in diese Welterkundung,
die gleichzeitig eine Lebenserkundung ist:

Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Himmel – das ist nicht nur der religiöse Raum.
Das ist auch der Moment, wenn Ihnen das Herz aufgeht.
Wenn Sie merken: Das Leben ist schön.
Wenn Sie sich frei fühlen.
Du, Gott, bist dort.

Totenreich – das ist nicht nur das Jenseits.
Das ist auch die Zeit, wenn Sie sich wie begraben fühlen.
Wenn die Depression Sie nach unten zieht.
Wenn Sie erschöpft sind und nicht mehr können.
Und auch dort: Gegenwart.

Morgenröte – das ist der Aufbruch.
Der Neuanfang.
Wenn Sie spüren: Jetzt geht es weiter.
Wenn neue Hoffnung kommt.

Äußerstes Meer – das ist die Grenze.
Das Unbekannte.
Wenn Sie nicht wissen, was kommt.

Aber es lässt sich spüren:
Gottes Gegenwart ist nicht nur dort, wo wir ankommen.
Sondern schon unterwegs.
Schon in der Suche.“


Der große Sufi-Mystiker Rumi
hat es so ausgedrückt:
„Du warst da in meiner Suche nach dir.“


Die Hand, die hält

„So würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“

Die Hand Gottes. Ein menschliches Bild für etwas Größeres.
Gott hat keine Hand, wie wir sie haben. Gott ist mehr als jedes Bild.
Aber die Bibel wählt Bilder, die wir fühlen können. Weil wir Menschen sind. Weil wir Körper sind.

Und wir wissen, was Hände tun:
Eine Hand, die Ihre Stirn berührt, wenn Sie Fieber haben.
Eine Hand, die Ihre Hand hält, wenn Sie Angst haben.
Eine Hand, die Ihren Rücken stützt, wenn Sie schwanken.
Vielleicht kennen Sie solche Hände: Hände, die getröstet haben.
Hände, die ermutigt haben. Hände, die einfach da waren.

Gottes Hand ist wie diese Hände – und mehr.
Sie ist die Gegenwart, die Sie hält, auch wenn niemand sichtbar da ist.
Sie ist die Kraft, die Sie trägt, auch wenn Sie sich kraftlos fühlen.
Nicht Festklammern. Sondern Sicherheit.
Wie ein Geländer, das da ist, wenn Sie es brauchen. Wie ein Arm, der Sie stützt, wenn Sie schwanken.


Überall zuhause

Die große Entdeckung des Psalms: „Ich bin gehalten“
Das ist keine Bedrohung. Das ist Geborgenheit.
Rumi hatte recht: „Du warst da in meiner Suche nach dir.“

Sie müssen nicht woanders hin.
Sie sind schon da, wo Gott ist.
Der Alltag ist heiliger Raum.
Der Himmel, die Erde,
die Morgenröte und das äußerste Meer.
Heiliger Raum,
weil Gott da ist.



Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott, du Grund meines Gehens,
in dir bewege ich mich
und bin ich zuhause.

Wo ich auch bin – du bist da.
Was ich auch durchmache – du gehst mit.

Lass mich spüren:
Ich bin getragen.
Ich bin begleitet.
Ich bin zuhause in dir.

Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

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„Kanfei-shachar“ – die Flügel der Morgenröte. Im Hebräischen klingt das nach Geschwindigkeit, nach Licht, nach dem schnellsten Moment des Tages.

David wählt bewusst das schnellste Bild seiner Zeit. Heute würden wir sagen: „Nähme ich die Geschwindigkeit des Lichts.“

Die Ironie: Selbst mit übermenschlicher Geschwindigkeit kann man Gott nicht „abhängen.“

Inspirierende Frage: Welche „Lichtgeschwindigkeit“ kennen Sie in Ihrem Leben – Momente, wo alles ganz schnell geht? Haben Sie schon erlebt, dass Gott auch in diesen rasanten Zeiten bei Ihnen war?

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Predigt. Psalm 139,1-6


Predigt zu Psalm 139,1-6

Der Psalm 139 gehört zu den schönsten und poetischsten Texten der Bibel. Es ist wie das Gebet eines Dichters oder einer Dichterin.
Und ich lade Sie ein, in den kommenden vier Abendgebeten diesem Text nachzuspüren.
Die Texte dazu können Sie auf meiner Homepage „mitmenschpfarrer.de“ nachlesen, auch wenn Sie nicht mehr hier in der Klinik sind.

Heute beginnen wir mit den ersten Versen dieses Psalms, dieses Liedes:

📖 Psalm 139,1-6 (BasisBibel)

HERR, du hast mich erforscht und du kennst mich genau.
Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.
Du erkennst meine Gedanken schon von fern.
Du beobachtest mich, ob ich gehe oder liege, und bist vertraut mit all meinen Wegen.
Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge, da weißt du, HERR, schon genau, was ich sagen will.
Von allen Seiten hast du mich umschlossen.
Du hast deine Hand auf mich gelegt.
Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich, zu hoch – ich kann sie nicht fassen.


Gott gräbt nach Gold

„Du hast mich erforscht“ – das klingt erst mal bedrohlich, oder? Als würde jemand mit der Lupe über mich gehen. Als würde einer in meinen Wunden herumstochern.

Aber das hebräische Wort, das hier steht – chaqar – erzählt eine ganz andere Geschichte. Es bedeutet wörtlich: „tief graben“, „nach Bodenschätzen suchen“. Es ist das Wort für Goldgräber und Archäologen. Für Menschen, die mit unendlicher Geduld Schicht um Schicht abtragen, weil sie überzeugt sind: Da ist etwas Kostbares verborgen.

Gott ist kein Inspektor, der Fehler sucht.
Gott ist ein Goldgräber, der Schätze freilegt.

Das verändert alles.

Denn vielleicht sitzen wir hier und denken: Was gibt es da noch zu entdecken? Mein Körper ist müde. Meine Haut erzählt von Schmerzen. Meine Hände zittern. Was soll daran kostbar sein?

Aber Gott gräbt tiefer. Er sieht nicht nur die Oberfläche. Er sieht die Goldadern, die durch unser Leben laufen – auch wenn sie von Schmerz und Angst überlagert sind. Auch wenn wir sie selbst nicht mehr sehen.


Die Geschichten unserer Körper

„Du weißt, wann ich sitze und wann ich aufstehe.“

Unsere Art zu sitzen erzählt Geschichten.

Ich lehne mich zurück und lache, weil jemand eine gute Geschichte erzählt.
Ich lasse mich fallen ins weiche Kissen, weil es einfach gut tut.
Ich setze mich vorsichtig hin, weil der Rücken schmerzt.
Ich richte mich auf, wenn Besuch kommt und ich noch mal Kraft finde.

All das ist mit Augen der Liebe gesehen.
Die Lebendigkeit und die Müdigkeit.
Das Genießen und der Schmerz.

Gott gräbt nach beidem: Nach den leuchtenden Momenten UND nach der Kraft, die sich im Schweren gebildet hat.

Die Falten um unsere Augen – Lachfalten und Sorgenfalten – sind beides Gold. Sie erzählen von einem Leben, das nicht nur ertragen, sondern auch genossen wurde. Von Momenten, in denen wir lebendig waren. Von Menschen, die uns zum Strahlen brachten.

Und ja: auch von der Last, die wir tragen. Von dem, was schwer war.

Aber dieser Psalm sagt: Du kannst aufhören, dich zu verstecken.
Denn der Goldgräber-Gott gräbt durch alle Schichten: durch die Freude UND durch die Erschöpfung. Und findet überall Kostbares: deine Lebendigkeit, die sich nicht unterkriegen lässt. Deine Fähigkeit zu lachen. Dein Durchhalten. Deine Würde.


Die Sprache des Körpers

„Du erkennst meine Gedanken schon von fern. Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge, da weißt du schon, was ich sagen will.“

Unsere Körper sprechen, auch wenn wir schweigen.

Die Freude, die mich überrascht – mein Körper weiß davon.
Das Lachen mit anderen, das mich leicht macht – es zeigt sich in meinen Augen.
Die Trauer, die ich in mir trage – sie liegt in meinen Schultern.
Die Angst, die ich nicht zeigen will – sie zeigt sich im flachen Atem.

All das ist bereits erkannt. Schon bevor wir es in Worte fassen.

Und Gott versteht diese Sprache. Besser als jeder Therapeut, besser als jede Pflegekraft, so gut sie auch sein mag.

Es gibt Momente, da kann ich nicht beten. Da sind die Fragen zu groß und die Antworten zu klein.
Aber mein Körper betet weiter. Mein Atem betet. Meine müden Hände beten. Das Lachen, das plötzlich durchbricht, ist auch Gebet.

Das Schweigen ist Sprache.
Die Freude ist Sprache.
Die Erschöpfung ist Sprache.

Und der Goldgräber-Gott?
Der gräbt nach dem Gold:
In der Stille.
Im Lachen.
Im Ringen.
Im erfüllten Moment.


Die Narben sind auch Schätze

„Von allen Seiten hast du mich umschlossen.“

Dieser Satz bedeutet: Vergangenheit und Zukunft sind umfangen.
Alles, was war – und alles, was kommt.

Die Narben, die ich trage. Die Verluste. Die Abschiede.
Aber auch: Das Lachen mit Freunden. Die warmen Erinnerungen. Die Momente, in denen ich lebendig war.

Ein Goldgräber weiß: Auch in altem, verwittertem Gestein liegt Gold.

Gott liest unsere Narben nicht als Makel,
sondern als Landkarte eines gelebten Lebens.

Ich möchte nicht romantisieren. Manche Narben tun weh, auch nach Jahren. Manche Erinnerungen bleiben schwer.
Aber dieser Psalm sagt nicht: „Alles war gut.“
Er sagt: „Alles ist umfangen. Auch das Schwere gehört zu deiner Geschichte – und es ist gesehen.“

Und manchmal, wenn wir Glück haben, entdecken wir: Gerade dort, wo es am dunkelsten war, hat sich auch Kraft gebildet. Mitgefühl. Tiefe.
Das ist das Gold in den Narben.


Wir müssen es nicht verstehen

„Zu wunderbar ist diese Erkenntnis für mich, zu hoch – ich kann sie nicht fassen.“

Gott sei Dank steht dieser Satz hier!
Wir müssen nicht alles durchschauen.

Wir müssen nicht verstehen, warum der Körper so reagiert.
Wir müssen nicht erklären können, warum uns plötzlich etwas Kleines tief berührt.
Wir müssen nicht die Theodizee lösen – die Frage, warum Gott Leid zulässt.

Es reicht, dass es gesehen ist.
Es reicht, dass da einer gräbt – geduldig, liebevoll, überzeugt davon: In dir ist Gold.


Ankommen, wie wir sind

Gott liest unsere Geschichten wie heilige Texte.
Mit Respekt für das Leben, das wir gelebt haben.
Mit Freude an dem, was uns geglückt ist.
Mit Liebe für die Menschen, die wir sind – auch wenn wir selbst uns manchmal nicht mehr lieben können.

Wir dürfen müde sein und lebendig sein.
Wir dürfen Spuren zeigen und uns freuen.
Wir müssen uns nicht verstecken – nicht unsere Müdigkeit, nicht unsere Angst, nicht unsere Verletzlichkeit.

Denn wir sind gesehen.
Ganz und gar.
Von einem, der nach Gold gräbt.

Amen.

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott, der du mich siehst,

du liest in den Linien meiner Hände

wie in einem vertrauten Buch.


Du kennst die Geschichten meiner Haut,

die Müdigkeit meiner Schultern,

den Rhythmus meines Atems.


Lass mich heute spüren:

Ich darf gesehen werden – ganz und gar.

Mit allem, was mein Körper erzählt.

Mit den Narben und dem Lachen.

Mit der Müdigkeit und der Lebendigkeit.

Ich bin angekommen in deinem Blick.


Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

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Das hebräische Wort חקר (chaqar) bedeutet wörtlich „tief graben“ oder „gründlich durchforschen“. Es wird auch für die Suche nach Bodenschätzen verwendet (Hiob 28,3). Gott gräbt nicht, um zu zerstören, sondern um Kostbares zu finden – wie ein Archäologe, der sanft Schicht um Schicht freilegt. Diese Erkenntnis ist therapeutisch bedeutsam: Gott sucht in uns nicht nach Fehlernem, sondern nach dem Wertvollen, das verborgen liegt.

Literatur: Kraus, Psalmen (BK XV/2), S. 1132

Inspirierende Fragen:

→ Welche verborgenen Schätze in dir warten darauf, entdeckt zu werden?

→ Was würde sich ändern, wenn du glauben könntest, dass jemand in dir nach dem Kostbaren sucht?

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Predigt. Vaterunser 13. Nein und Amen

SONNTAGSWEITE
UND WOCHENMITTE

„Nein und Amen“.
Ein Abschlussgedanke zur Vaterunser-Reihe

Nein und Amen

Ein Abschlussgedanke zur Vaterunser-Reihe


I.

Sie sitzen im Gottesdienst. Das Vaterunser wird gesprochen.
Alle Stimmen um Sie herum. Ein vertrauter Rhythmus.

Und dann, am Ende: „Amen.“

Die Gemeinde spricht es wie aus einem Mund.
Aber Ihr Mund – bleibt stumm.

Nicht aus Trotz. Nicht aus Gleichgültigkeit.
Sondern weil dieses „Amen“ – dieses „So sei es“ –
in Ihnen auf etwas trifft,
das noch nicht bereit ist zu unterschreiben.

II.

„Amen“ – das ist Hebräisch. Es bedeutet: fest, zuverlässig, gewiss.
Eine Unterschrift unter ein Gebet.
Ein Ja-Wort zu allem, was vorher gesagt wurde.

Aber was, wenn Sie nicht zu allem Ja sagen können?

„Vater unser im Himmel“ –
was, wenn das Wort „Vater“ Wunden öffnet statt sie zu heilen?

„Dein Wille geschehe“ –
was, wenn dieser Wille Ihnen fremd erscheint?

Sollen Sie trotzdem „Amen“ sagen? Zu allem Ja und Amen –
auch wenn Ihr Herz Nein sagt?

III.

Hören Sie: Gott nimmt Sie nicht an, weil Sie fromm genug beten.
Er nimmt Sie an aus Gnade. Punkt.

Das befreit Sie von religiösem Zwang.
Sie müssen nicht mehr so tun, als wären Sie mit allem einverstanden.

Klage gehört zur Bibel. Die Psalmen sind voll davon.
Jesus selbst schreit am Kreuz:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Wer klagt, rechnet noch mit Gott.
Wer zweifelt, nimmt ihn ernst.
Wer sich auflehnt, ist noch im Gespräch.

Das Gegenteil von Glaube ist nicht Zweifel.
Es ist Gleichgültigkeit.

IV.

Deshalb dürfen Sie „Nein und Amen“ sagen.

Nein zu dem, wie die Welt ist –
und Amen zu dem, der sie verwandeln kann.

Nein zu falschen Gottesbildern –
und Amen zu dem wahren Gott, den Sie noch suchen.

Hören Sie, wie das klingen könnte:

„Geheiligt werde dein Name“ –
Nein zu dem Missbrauch deines Namens,
zu der Gewalt, die in deinem Namen geschehen ist.
Und Amen zu deiner Heiligkeit, die größer ist als alle Verzerrung.

„Dein Reich komme“ –
Nein zu dieser Welt voller Ungerechtigkeit.
Und Amen zu deiner Verheißung einer anderen Wirklichkeit.

„Vergib uns unsere Schuld“ –
Nein zu billiger Vergebung, die das Leid nicht ernst nimmt.
Und Amen zu einer Vergebung, die heilt und verwandelt.

V.

Merkwürdig: Manchmal ist das Nein treuer als das Ja.

Manchmal ist es treuer zu Gott, bestimmte Gottesbilder abzulehnen,
als sie zu übernehmen.

Das Nein kann Anbetung sein –
Anbetung eines Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungen von ihm.

VI.

Und dann – mitten in diesem Ringen –
geschieht etwas Seltsames:

Sie merken: Gott hält das aus.

Ihr Nein zerreißt ihn nicht. Ihre Zweifel verstummen ihn nicht.
Er hört auch das, was Sie nicht sagen können.

In diesem Moment öffnet sich ein Raum.
Ein Raum, wo Sie nicht unterschreiben müssen,
um angenommen zu sein.

Ein Raum, wo Ihr gebrochenes Gebet
mehr zählt als perfekte Frömmigkeit.

Dieser Raum – das ist Gott selbst.

VII.

Für alle, die sich schwer tun mit dem schnellen „Amen“.
Für alle, die zwischen Sehnsucht und Enttäuschung hängen.
Für Sie gibt es ein anderes Amen:

„Amen – auch wenn ich nicht alles verstehe.“
„Amen – auch wenn mein Herz noch nicht mitgeht.“
„Amen – auf meine Weise, in meinem Tempo.“

Das ist mehr als genug.

Denn Christus ist unser Ja zu Gott – nicht unser perfektes Gebet.
Deshalb dürfen wir getrost stammeln und zweifeln.

Gott hört das Ja seines Sohnes,
auch wenn wir nur ein gebrochenes Amen hervorbringen können.

VIII.

Sie müssen nicht zu allem Ja und Amen sagen.
Sie dürfen „Nein und Amen“ sagen.

Das ist die Sprache der spirituell Ringenden.
Das ist die Sprache derer, die Gott ernst nehmen.

Das Amen spreche ich so schnell noch nicht.
Aber ich spreche es.
Irgendwann.
Auf meine Weise.

Nein und Amen.

Das reicht.
Das ist genug.

Amen.

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für das eigene Nachdenken,
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oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott der ungezählten Namen,
Geheimnis jenseits aller Worte –
Du hörst mein Ja
Du hörst mein Nein
Du hörst mein Schweigen

In meinem Ringen erkennst Du meine Liebe
In meinen Fragen siehst Du meine Sehnsucht
In meinem Zweifel findest Du meinen Glauben

Ich bringe Dir mein gebrochenes Amen
mein wartende Herz
mein suchendes Wesen

Du machst aus meinem Nein ein Lied
aus meinem Ja eine Heimat
aus meinem Amen einen Weg

Noch bin ich unterwegs
Noch ringe ich
Noch suche ich
Und Du – Du gehst mit
Du wartest
Du liebst

Nein und Amen
Frage und Antwort
Zweifel und Vertrauen
In Dir ist Raum für alles was ich bin

Amen.

Noch nicht ganz.
Aber schon ein wenig.
Und das genügt Dir.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

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Normalerweise denken wir: „Amen“ = „So sei es“ oder „Es ist wahr“ (statisch)
Aber grammatisch ist „Amen“ ein Partizip. Das bedeutet:

  • „im Prozess des Fest-Werdens“

Das macht einen riesigen Unterschied:

Statisches Amen (traditionell):

  • „Ja, das stimmt!“ ✓
  • Punkt. Ende. Abgehakt.

Dynamisches Amen (partizipial):

  • „Das erweist sich als zuverlässig!“
  • „Das wird beständig wahr!“
  • „Daran halte ich kontinuierlich fest!“

Theologische Befreiung

Diese Entdeckung verändert alles:
Statt: „Hiermit bestätige ich, dass das Vaterunser wahr ist.“
Sagt das Partizip: „Dieses Gebet erweist sich in meinem Leben kontinuierlich als tragfähig.“
Das „Amen“ wird von einem Schlusspunkt zu einem Lebensprogramm.
Es bedeutet nicht: „Ich habe verstanden und stimme zu.“ Sondern: „Ich erlebe, wie sich das in meinem Leben als zuverlässig erweist – immer wieder neu.“

Predigt. Vaterunser 12. Mein Glaube darf sich verändern

Mehr als mein Bitten

Eine Andacht zum Abschluss des Vaterunsers

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“

Seltsame Worte am Ende eines Gebets, das uns durch alle Tiefen geführt hat.
Wir haben um Brot gebeten, um Vergebung gerungen, um Schutz vor dem Bösen gefleht –
und nun das: Reich, Kraft, Herrlichkeit.

Worte, die nicht von Jesus stammen

Und dann diese Entdeckung:
Diese Zeilen stehen in keiner einzigen der wirklich alten Handschriften der Evangelien.
Jesus hat sie wahrscheinlich nie gesprochen in diesem Zusammenhang
Und die Evangelisten Matthäus und Lukas, die uns das Vaterunser überliefern, hatten sie nicht in Ihrem Text.
Erst in späteren Abschriften tauchen diese Worte auf.
Die frühen Christinnen und Christen haben sie dem Gebet hinzugefügt.
Und sie haben sie entlehnt aus einem uralten Lobgesang König Davids
aus dem ersten, dem sogenannten Alten Testament.

Warum das?
Wir können es nur vermuten, erahnen:
Nach allem Bitten braucht es einen Ort, wo die Seele zur Ruhe kommt.
Einen Ort jenseits unserer Wünsche und Ängste.
Etwas, das den Bitten dieses Gebetes eine Erinnerung anfügt,
wo unsere Sehnsucht ihren Ursprung hat.
Also fügten sie hinzu, was ihnen fehlte.
Aus der Tradition schöpfend, aber mutig gestaltend.

Das zeigt etwas Wunderbares:
Glaube entwickelt sich.
Spiritualität wächst.
Wie unser Leben.
Menschen aller Zeiten dürfen das, was sie empfangen haben,
weiterdenken, vertiefen, verwandeln.
Vielleicht gerade auch mit den Worten einer uralten Tradition,
die plötzlich neu passt.

Auch wir dürfen das.
Auch wir dürfen alte Worte mit neuem Leben füllen.
Auch wir dürfen neuen Erfahrungen neue Worte verleihen.
Oder auch alte Worte neu zusammenfügen.
Und unsere neue Erfahrungen mit der Weisheit der Mütter und Väter des Glaubens abgleichen.

Vielleicht kennen Sie das:
Was früher gepasst hat, trägt heute nicht mehr.
Was einmal Kraft gab, fühlt sich leer an.
Was andere als wahr verkünden, berührt Sie nicht mehr.
Aber es ist nicht fort.
Es hat sich weiterentwickelt.

Mein Glaube wächst mit meinem Leben.

Ist das Verlust – oder Wachstum?

Es darf sein. Glaube darf sich verändern.
Mehr noch: er wandelt sich.
Und bewahrt doch das Vertraute in sich.
Wie ein Baum, der neue Ringe ansetzt, ohne die alten zu verleugnen.

Die verwandelnde Kraft des Lobpreises

Diese Zeilen sind also kein frommes Anhängsel.
Sie geben dem, was wir vorher gesagt haben eine neue Kraft.
Sie sagen nicht: „Egal, was passiert – Hauptsache, Gott wird gepriesen.“
Sie sagen: „Alles, was wir durchleben
– die Freude und der Schmerz, das Gelingen und das Scheitern –,
steht in einem Licht, das größer ist als wir selbst.“

Unsere Bitten um Brot werden zu Dankbarkeit für das, was uns nährt.
Unsere Sehnsucht nach Vergebung wird zu Staunen über eine Liebe, die keine Grenzen kennt.
Unser Flehen um Schutz wird zu Vertrauen in eine Macht, die das letzte Wort behält.

Ein Gebet für die Zweifelnden

Wer diese Worte nicht glauben kann – verständlich.
Reich, Kraft und Herrlichkeit.
Diese Worte sind in unserer Welt oft missbraucht worden.
Gerade auch in den Kirchen.

Aber vielleicht ist gerade das der Punkt:
Diese Worte sagen uns, wem Reich, Kraft und Herrlichkeit wirklich gehören.
Nicht den Mächtigen dieser Welt.
Nicht den Systemen der Unterdrückung.
Nicht den Stimmen in unserem Kopf, die uns klein machen wollen.

Sondern dem Geheimnis, das wir Gott nennen.
Der Kraft der Liebe.
Der stillen Herrlichkeit des Lebens selbst.

Wenn wir diese Worte sprechen, werden wir zu Menschen,
die das letzte Wort nicht der Verzweiflung überlassen.
Die auch in der Dunkelheit ein Licht ahnen.
Die auch im Chaos eine Ordnung spüren,
die größer ist als alles Verstehen.

Mut zum Leben

Diese Worte sagen:
Das Geheimnis, das größer ist als alle unsere Worte dafür,
hält auch unser Ringen aus.
Unsere Entwicklung.
Unser Weitergehen.

Vielleicht ist es gerade das, was Glauben lebendig hält:
nicht das Festhalten an alten Formeln,
sondern das Vertrauen, dass wir neue Wege gehen dürfen.
Mit neuen und alten Worten,
in denen unsere Erfahrungen sich widerspiegeln.
In denen die Erfahrungen, das Ringen, die Tränen und die Weisheit
der Väter und Mütter des Glaubens auch ihren Platz haben.

Ein Vertrauen, das seine Kraft bezieht aus dem Wissen des Herzens:
Gott,
dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang


Du, dessen Namen wir nicht fassen,
dessen Reich wir nur erahnen,
dessen Kraft durch unsere Schwäche fließt
wie Wasser durch rissige Gefäße –

Dir gehört
was wir nicht halten können:
die Zeit, die uns zerrinnt,
die Kraft, die uns verlässt,
die Schönheit, die uns entgleitet.

Dir gehört
das Reich der stillen Momente:
wenn Atmen wieder leichter wird,
wenn Hoffnung aufkeimt
in der Müdigkeit des Alltags.

Dir gehört
die Kraft des Loslassens:
Nicht die Macht über andere,
sondern die Macht,
sich fallen zu lassen in das große Ja des Lebens.

Dir gehört
die Herrlichkeit des Alltäglichen:
die stärkende Hand auf der Schulter,
das Licht, das durch die Seele tanzt,
der Mut, noch einmal zu vertrauen.

In Ewigkeit – das heißt:
schon jetzt, schon hier,
schon in diesem Atemzug,
der uns geschenkt ist ohne Gegenleistung.

Amen – das heißt:
Ja zu dem, was größer ist als unsere Angst.
Ja zu dem, was tiefer reicht als unsere Wunden.
Ja zu dem, was länger währt als unsere Zeit.
So sei es. So ist es. So wird es sein.
Amen.

Schweigen.
Atmen.
Vertrauen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
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Die Begriffe „Reich“ (basileia), „Kraft“ (dynamis) und „Herrlichkeit“ (doxa) werden in feministischen und befreiungstheologischen Kreisen kritisch hinterfragt, da sie historisch mit Herrschaftsstrukturen verbunden sind. Alternative Formulierungen wie „Zärtlichkeit“ statt „Herrlichkeit“ oder „Fülle“ statt „Reich“ zeigen kreative Umgangsweisen mit problematischen Machtbildern, ohne die Grundstruktur des Lobpreises aufzugeben. Welche neuen Worte sind mir/uns wichtig?

Predigt. Vaterunser 11. das Böse

20. August 2025: „Das Geschenk der Ehrlichkeit“.
Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe

Eine Predigt über die Versuchung, das Böse und die eigenen Grenzen


1. Die Bitte, die alles verändert

„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ (Matthäus 6,13)

Schauen wir zunächst auf diesen ersten Teil: Und führe uns nicht in Versuchung.

Es lohnt sich auch hier genau hinzuschauen.
Die Muttersprache Jesu war aramäisch. So lehrte er das Gebet.
Lukas und Matthäus, die uns von diesem Gebet in der Bibel erzählen, schrieben in Griechisch.
Und wir beten auf Deutsch.
Das heißt: in der Übersetzung der Übersetzung.

Das aramäische Wort, das Jesus ursprünglich verwendete, ist sanfter als unsere deutsche Übersetzung.
Es bedeutet weniger „führe uns nicht hinein“ als vielmehr „lass uns nicht hineinfallen“.
Wie jemand, der sagt: „Halte mich fest, damit ich nicht stürze.“

Damit wird auch deutlich, um was es geht: Versuchung ist nicht das, was wir oft darunter verstehen.
Nicht die Schokolade im Kühlschrank. Nicht die kleine Unwahrheit, die das Leben einfacher macht.

Versuchung, wie Jesus sie meint, ist existenzieller. Es ist die Bedrohung des Vertrauens selbst.
Der Moment, in dem das Leben so schwer wird, dass Glauben unmöglich scheint.
Die Stunde, in der Hoffnung stirbt und Bitterkeit geboren wird.

Es geht nicht um moralische Fehler.
Es geht um Lebenssituationen, die das Risiko des Unglaubens enthalten.
Um Krisen, die unser Fundament erschüttern.
Um Momente, in denen wir rufen: „Lass mich bitte nicht alleine, Gott!“
Da brauchen wir diese Bitte.

2. Gott als Bergungsort

Trotzdem bleibt ja diese Irritation:
„Führe uns nicht in Versuchung“ – das klingt, als könnte Gott ein Versucher sein.
Als wäre der Himmel unzuverlässig.
Als müssten wir Gott davon abhalten, uns zu schaden.

Aber das aramäische Verständnis ist anders.
Es ist weniger eine Warnung als eine Bitte um Schutz.
Weniger Misstrauen als Vertrauen.
Es ist wie die Bitte eines Kindes, das sagt: „Halt mich fest im Sturm.“
Oder wie die Worte eines Menschen, der ruft: „Lass mich nicht allein in der Dunkelheit.“

Diese Bitte erkennt in Gott den Bergungsort, der uns trägt.
Den liebenden Grund allen Seins. Das Gegenüber, das auch unser Scheitern aushält.

3. Die Weisheit der Schwäche

Und diese Bitte ist ein Geschenk an uns.
Ein Geschenk der Ehrlichkeit.
Sie erlaubt uns zu sagen: „Ich bin nicht allmächtig.“

Sie gibt uns die Erlaubnis zur Zerbrechlichkeit.
In einer Welt, die Stärke vergöttert und Schwäche verachtet, ist das etwas besonderes.
Hier müssen wir uns nicht als Heldinnen und Helden inszenieren.
Hier können wir Menschen sein.
Echte, verwundbare, hilfsbedürftige Menschen.

Die Mystikerin Teresa von Ávila schrieb:

„Die Seele findet ihre Stärke, wenn sie ihre Schwäche anerkennt.“

(Teresa von Ávila, Die innere Burg, 4. Wohnung)

In dieser Bitte liegt eine ähnliche Weisheit.
Sie macht uns nicht kleiner.
Sie macht uns wahrer.
Und schließlich auch stärker.

4. Das Böse und seine Macht

Schauen wir noch auf den zweiten Teil dieser Bitte: „Erlöse uns von dem Bösen.“

Das aramäische Verständnis kennt zwei Gesichter des Bösen.
Manchmal sind diese Kräfte außerhalb von uns. In den Strukturen, die Menschen zerbrechen.
In den Systemen, die Ungerechtigkeit schaffen. In den Umständen, die uns überfordern.

Manchmal sind diese Kräfte in uns.
Als Selbstzweifel, der uns lähmt.
Als Bitterkeit, die uns vergiftet.
Als Verzweiflung, die uns isoliert.

Die Bitte um Erlösung ist die Hoffnung, dass diese Mächte nicht das letzte Wort haben.
Die zerstörerischen Kräfte, die unsere Welt so oft prägen.
Und die Dunkelheit in uns selbst.

4. Die Gemeinschaft der Verletzlichen

Ein letzter Gedanke.

„Führe UNS nicht in Versuchung.“ „Erlöse UNS von dem Bösen.“

Auch hier steht das kleine Wort „uns“.
Wir bitten nicht nur für uns selbst.
Wir bitten für alle, die kämpfen.
Für alle, die verzweifeln.
Für alle, die am Ende ihrer Kraft sind.

Diese Bitte schafft eine Gemeinschaft der Ehrlichen.
Eine Solidarität der Verletzlichen.

Sie sagt: „Wir alle brauchen Hilfe.“

Sie flüstert: „Niemand ist allein mit seiner Not.“

Das macht demütig. Aber es macht auch frei.
Frei von der Last, perfekt sein zu müssen.
Frei von der Last, alles alleine tragen zu müssen.

Amen

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang
Ein Gebet zwischen Furcht und Vertrauen


Liebender Gott, du kennst die Räume unserer Angst.
Die Ecken, wo wir uns verstecken.
Die Schatten, die größer sind als wir.

Wir bitten dich nicht um ein Leben ohne Versuchung.
Wir bitten um ein Leben mit Begleitung.
Nicht um Stärke, die niemals bricht.
Sondern um Vertrauen, das immer wieder heilt.

In den Stunden, wo das Böse uns umzingelt, sei du unsere Zuflucht.
In den Momenten, wo wir straucheln, sei du unser Halt.

Lehre uns die Weisheit der Schwäche.
Die Kraft des Loslassens.
Die Schönheit des Angewiesenseins.

Erlöse uns nicht von allem Schweren.
Sondern erlöse das Schwere in uns.
Mache es fruchtbar.
Mache es heilig.
Mache es zu einem Weg zu dir.
Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

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Die Bitte um Schutz vor Versuchung war bereits in der frühen Christenheit umstritten. Papst Franziskus hat 2017 vorgeschlagen, die Übersetzung zu ändern: „Überlasse uns nicht der Versuchung“ statt „Führe uns nicht in Versuchung“. Diese Diskussion spiegelt die theologische Herausforderung wider, Gottes Güte mit der Realität menschlicher Anfechtung zu versöhnen. Die französische Kirche hat diese Änderung bereits übernommen, während andere Traditionen bei der klassischen Formulierung bleiben – ein Zeichen dafür, wie lebendig diese alte Bitte auch heute diskutiert wird.

Predigt. Vaterunser 10. Muss ich vergeben?


17. August 2025: „Die Unabhängigkeitserklärung des Herzens“.
Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe

Eine Predigt über das Vergeben

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Einstieg

„Muss ich immer vergeben?“ Diese Frage, die mir vor einigen Jahren gestellt wurde, klingt mir noch im Ohr. Die Fragende hatte Schlimmes erlebt, war tief verletzt worden.

Und im Vaterunser heißt es, dass uns die Schuld vergeben wird, so wie wir anderen vergeben. Da kommt leicht der Gedanke: Ich müsste doch bereit sein zu vergeben.

Diese Frage zeigt den moralischen Druck, der an dieser Stelle oft entsteht.

Heute möchte ich mit Ihnen einen anderen Blick auf die Vergebung wagen – einen Blick, der nicht umsonst unter dem Titel steht: „Unabhängigkeitserklärung des Herzens“.

Ich weiß, dass dies gerade hier in der Klinik ein sensibles Thema ist.
Deshalb lade ich Sie ein: Lesen Sie die Predigt gern auf der Webseite noch einmal nach. Schreiben Sie mir Ihre Gedanken im Kontaktformular oder sprechen Sie mich persönlich darauf an.

Ob Sie sich über die Predigt ärgern, ihr zustimmen oder mehr Fragen als Antworten haben – ich höre Ihnen zu.
Das gilt zwar für jede Predigt, aber an dieser sensiblen Stelle ist es mir besonders wichtig.
Und wir können gerne darüber ins Gespräch kommen.

Erster Gedankengang: Wenn Groll zur Fessel wird

So schwer uns manchmal das Vergeben fällt – wir ahnen auch, wie sehr es uns selbst entlasten könnte. Manchmal spüren wir es deutlich: Dieser Groll gegen einen Menschen liegt wie ein schwerer Stein auf unserer Seele. Jemand sagte einmal: Groll zu haben ist wie einen glühenden Kohlebrocken in der Hand zu halten, in der Hoffnung, ihn später nach dem anderen werfen zu können – am Ende verbrennen wir uns nur selbst die Finger.

„Ich lasse los, damit es nicht länger mein Leben bestimmt.“

Vergebung wird dann nicht zur moralischen Pflicht, sondern zur Befreiung. Für uns selbst.

Zweiter Gedankengang: so wie wir…

Was bedeutet eigentlich diese Bitte „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“?

Das kleine Wort „wie“ kann im ursprünglichen Griechisch zweierlei bedeuten: als Vergleich („so wie wir“) oder als Maßstab („befähige uns dazu“).Aber Jesus geht es, wenn er über Gott redet, nie um den Deal:“Wenn ich anderen vergebe, dann wirst du mir auch vergeben“.

Es ist eine Bitte um Befähigung: „Lass mich so von deiner Vergebung geprägt sein, dass auch ich vergeben kann. Gib mir die Kraft dazu, weil du mir schon vergeben hast.“ Also im Sinn: Vergib mir meine Schuld, so dass ich dann in der Lage bin, auch anderen zu vergeben.

Gott vergibt unabhängig von menschlicher Leistung.
Die Versöhnung zwischen Menschen bleibt dann eine eigene, menschliche Aufgabe –
eine Möglichkeit, nicht eine Bedingung.

Gottes Vergebung ist das Geschenk, das vorausgeht. Sie ist nicht verdient und nicht erarbeitet. Sie ist da. Bedingungslos. Und aus dieser Erfahrung heraus kann – nicht muss! – Vergebung wachsen.

Dritter Gedankengang: Was Vergebung ist – und was nicht

Vergebung ist nicht dasselbe wie Versöhnung.

Vergebung ist ein innerer Schritt, der mich frei macht. Ich halte nicht mehr fest, was zwischen mir und dem anderen steht. Versöhnung dagegen ist ein gemeinsamer Weg – sie braucht zwei Menschen, braucht Vertrauen und oft auch Wiedergutmachung.

Manchmal bleibt Versöhnung trotz Vergebung unmöglich:
weil ich mich vor der Übergriffigkeit eines Menschen schützen muss,
oder weil der andere Mensch nicht mehr erreichbar ist.

Vergebung bedeutet nicht, dass Sie Nähe herstellen müssen. Vergebung bedeutet nicht, dass Sie Kontakt aufnehmen müssen. Sie dürfen Ihre Grenzen schützen.

Vergebung heißt auch nicht, die Tat zu verharmlosen. Die Verantwortung bleibt bestehen.
Vergebung streicht die Tat nicht aus der Welt – sie löst nur deren Griff um Ihr Herz.

Manchmal hofft man insgeheim: Wenn ich sage „Ich vergebe dir“, wird der andere sagen „Es tut mir leid“.
Aber oft geschieht das nicht. Vergebung kann den anderen nicht zu etwas zwingen.
Aber das ändert nichts am Sinn der Vergebung: Sie lassen los – unabhängig davon, wie der andere reagiert.

Vierter Gedankengang: Die Unabhängigkeitserklärung des Herzens

Der Kern dieser Befreiung ist: Ich lasse mich nicht davon bestimmen.

Vergebung bedeutet nicht, kleinzureden, was mich verletzt hat.
Sondern zurückzuholen, was mir gehört: die Deutungshoheit über mein Leben.

Fünfter Gedankengang: Ein Weg, der wächst wenn man ihn geht.

Diese Freiheit entwickelt sich oft schrittweise. Vergebung ist wie ein neuer Pfad durch hohes Gras: Am Anfang kaum erkennbar, erst nach vielen Schritten wird er gangbar. Manchmal gehen wir voran, manchmal zurück – aber jeder Schritt prägt die Spur ein wenig tiefer.

Heute vielleicht ein Millimeter. Morgen zwei. Und an manchen Tagen nur der Entschluss, sich selbst nicht zu verurteilen.

Es kann sein, dass Vergebung noch nicht möglich ist.
Es kann sein, dass sie nie möglich sein wird. Auch das ist in Ordnung.

Sie sind frei – frei zu vergeben oder frei, dort zu bleiben, wo Sie jetzt sind. Ich vertraue darauf, dass Gott das klären kann, was ich nicht verändern kann. Auch meinen tiefen Schmerz über das, was ich nicht vergeben kann vertraue ich Gott an.

Diese Freiheit ist das Geschenk, das in den Worten „wie auch wir vergeben“ verborgen liegt. Nicht als Zwang, sondern als Möglichkeit. Als Weg in ein Leben, das sich heute neu entscheiden kann – und nicht vom Gestern gefangen bleibt.

„Muss ich vergeben?“, fragte damals die Frau.

Nein, Sie müssen nicht.
Aber Sie haben die Freiheit, sich auf den Weg zu machen –
in kleinen, behutsamen Schritten.

Amen

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Mach meine Hände und mein Herz frei


Vergib mir – und lehre mich, zu vergeben.
Lass deine Großzügigkeit in mein Herz übergehen,
damit der Groll in mir keine Wurzeln schlägt.

Wie ich von deiner Barmherzigkeit lebe,
so lass auch in mir Barmherzigkeit wachsen.

Mach meine Hände und mein Herz frei,
damit sie nicht festhalten, was mich beschwert.

Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
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Das Vaterunser findet sich bei Matthäus und Lukas, jedoch mit leicht unterschiedlichem Wortlaut, weil sie die Vorlage in der Muttersprache Jesu (Aramäisch) verschieden übersetzt haben. Matthäus benutzt das griechische Wort opheilēmata („Schulden“) – ein Begriff aus der Wirtschaftssprache, als ob Sünde eine Art Rechnung wäre, die beglichen werden muss.
Lukas schreibt dagegen hamartia („Sünde, Verfehlung“), was eher das Verfehlen eines Ziels meint. Diese unterschiedlichen Wortwahlen zeigen: Schon die ersten Christen haben um das beste Verständnis von Schuld und Vergebung gerungen.

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„Siebenmal siebzig“ (Mt 18,22) ist Jesu Antwort auf Petrus‘ Frage, ob siebenmaliges Vergeben nicht schon großzügig genug sei. Jesus steigert die Zahl ins Unendliche und kontert damit die Logik der Rache (Gen 4,24). Jesus dreht diese Spirale der Vergeltung um in eine Spirale der Vergebung. Er führt diese Logik ad absurdum. Es geht ihm eben nicht ums Zählen, sondern um eine grundsätzlich andere Haltung dem Leben gegenüber. Gott ist kein Buchhalter, der mit einer Strichliste unsere Vergebungsbereitschaft abzählt.

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Augustinus, einer der einflussreichsten Kirchenväter, betont: Die Bitte im Vaterunser formt vor allem eine Haltung des Herzens. Vergebung muss nicht sofort vollzogen sein, sondern darf wachsen. Sie ist ein Seelenweg, der Zeit braucht – manchmal Jahre oder ein ganzes Leben. Augustinus kannte aus eigener Erfahrung, wie schwer hier Veränderung ist. Seine Einsicht: Gott hat Geduld mit unserem Wachstum, und wir dürfen sie auch mit uns selbst haben.

Spiritualität. Resilienz und Glaube

Wie Glaube die Seele stärken kann –
praktisch und konkret

Spiritualität und Resilienz

Das Leben fordert uns heraus. Manchmal sanft, manchmal brutal. Manchmal täglich.
Die Frage ist nicht, ob wir unter Druck geraten. Sondern: Können wir uns biegen, ohne zu zerbrechen?
Kann der Glaube, kann Spiritualität dabei helfen? Ja. Aber nicht als Flucht vor der Realität.
Sondern als Kraft, die mitten im Alltag trägt.

Also: Resilienz.

Aber was meinen wir eigentlich mit Resilienz?

In der Materialforschung beschreibt Resilienz die Fähigkeit eines Werkstoffs, sich unter Druck zu verformen
und danach in seine ursprüngliche Form zurückzukehren.
Nicht starr sein. Nicht brechen. Sondern nachgeben. Und wieder aufrichten.
Was für Metalle gilt, gilt auch für die Seele. Auch sie braucht diese Flexibilität. Diese Fähigkeit, sich zu biegen und zurückzufinden.

Glaube kann dabei helfen. Nicht als Schonraum. Sondern als Trainingsraum.
Glaube ist ein Weg zur Resilienz. Nicht der einzige, aber ein möglicher.
Spiritualität kann Kraft geben, wo andere Ressourcen erschöpft sind. Und sie kann Sinn stiften, wo vieles sinnlos erscheint.

1. Glaube gibt einen Anker – nicht als Flucht, sondern als Halt

Resiliente Menschen wissen: Nicht alles lässt sich kontrollieren. Aber es hilft zu wissen, woran man sich halten kann.
Glaube bedeutet nicht, dass alles leicht wird. Er bedeutet: Du bist nicht allein. Auch nicht in den Momenten, in denen du dich so fühlst.
Dieser Halt ist keine Illusion. Er ist eine Erfahrung. Ein Raum, in den du zurückkehren kannst.
Aber was, wenn dieser Halt sich gerade nicht anfühlt?
Wenn das Vertrauen brüchig ist und die Gebete wie Worte ins Leere wirken?
Auch das gehört zur Wahrheit. Glaube ist nicht immer tragfähig.
Manchmal muss er selbst erst wieder gefunden werden.

„Gott ist meine Stärke und mein Schild. Auf ihn hat mein Herz vertraut.“
Psalm 28,7

2. Rituale schaffen Rhythmus – kleine Anker im Alltag

Resilienz braucht keine großen Gesten. Oft reichen die kleinen.
Ein Morgengebet. Ein Moment der Stille. Eine Kerze anzünden, bevor der Tag beginnt.
Rituale sind keine leeren Gewohnheiten. Sie sind Erinnerungen an das, was trägt.
Sie schaffen Rhythmus in einer chaotischen Welt.
Du musst sie nicht kompliziert machen. Du musst sie nur tun.

3. Spiritualität hilft, Sinn zu sehen – auch im Schweren

Einer der wichtigsten Resilienzfaktoren ist die Überzeugung, dass das Leben verstehbar, bewältigbar und sinnhaft ist.
Glaube gibt keine einfachen Antworten. Aber er hilft, die richtigen Fragen zu stellen.
Warum passiert mir das? Vielleicht wirst du das nie wissen.
Aber: Was kann ich daraus lernen? Wo bin ich gewachsen? Was ist mir wichtig geworden?
Das sind Fragen, die Sinn stiften. Und Sinn stärkt die Seele.

„Denn ich weiß ja, welche Pläne ich für euch habe: Pläne, die euer Glück im Sinn haben und nicht euer Unglück.“
Jeremia 29,11

4. Gemeinschaft trägt – du musst nicht alles allein schaffen

Resilienz ist kein Solo-Projekt.
Menschen, die spirituell verbunden sind, haben oft ein Netzwerk, das trägt.
Eine Gemeinde, eine Gruppe, Freunde, die beten.
Das ist keine Schwäche. Das ist Stärke.
Du kannst getragen werden. Du kannst bitten. Du kannst sagen: Ich schaffe das gerade nicht allein.
Aber nicht jede Gemeinschaft trägt. Manche fordern mehr, als sie geben. Manche bewerten, statt zu halten. Manche erdrücken, statt zu stützen. Gemeinschaft ist dann heilsam, wenn sie Raum lässt für das, was ist – auch für Zweifel, auch für Erschöpfung.

„Einer soll die Last des anderen tragen. Auf diese Weise erfüllt ihr das Gesetz, das Christus uns gegeben hat.“
Galater 6,2

5. Vertrauen öffnet Handlungsräume – auch wenn du nicht alles verstehst

Glaube bedeutet: Du darfst loslassen, was du nicht ändern kannst.
Das ist keine Resignation. Das ist Akzeptanz.
Du kannst nicht alles kontrollieren. Aber du kannst entscheiden, wie du damit umgehst.
Vertrauen macht dich nicht passiv. Es macht dich frei für das, was du tun kannst.
Aber Loslassen ist nicht einfach. Manchmal fühlt es sich an wie Aufgeben.
Manchmal ist die Grenze zwischen Akzeptanz und Resignation schwer zu erkennen. Das Ringen darum gehört dazu.
Es gibt kein einfaches „Lass los und vertrau“ –
der Weg dorthin ist meist mühsam.

Vorsicht: Wenn Glaube zur Last wird

Aber Achtung: Nicht jede Form von Religiosität stärkt.
Glaube, der nur Forderungen stellt, schwächt.
Glaube, der Schuldgefühle verstärkt, verletzt.
Glaube, der keinen Raum lässt für Zweifel, erdrückt.
Wenn Spiritualität dich starr macht, statt biegsam, dann ist sie nicht mehr heilsam.
Resilienz braucht Flexibilität. Sie braucht Raum zum Atmen.
Sie braucht einen Gott, der mitgeht, nicht einen, der nur bewertet.

Du darfst wachsen – in deinem Tempo

Resilienz ist kein Zustand, den du einmal erreichst. Sie ist ein Weg.
Manchmal gehst du ihn leichtfüßig. Manchmal stolperst du. Aber du gehst.
Glaube ist keine Versicherung gegen das Leben. Er ist eine Kraft, die dich trägt – mitten hindurch.
Nicht über den Schmerz hinweg. Sondern durch ihn hindurch.
Und auf der anderen Seite bist du immer noch du. Nur ein bisschen resilienter. Ein bisschen weiter.

„Meine Kraft erweist sich gerade in der Schwachheit als mächtig.“
2. Korinther 12,9


Predigt. Vaterunser 9. Die Kunst mir selbst zu vergeben.

Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe


13. August 2025: „Die Kunst der Selbst-Vergebung“. Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe

Die Kunst der Selbstvergebung

Es ist ein kurzer Satz, kaum länger als ein Atemzug: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben …“
Und doch steckt darin eine ganze Lebensschule. Vor allem, wenn es um etwas geht, das viele von uns hartnäckig mit sich herumtragen: Scham. Nicht nur das Gefühl, etwas falsch getan zu haben – sondern dieser tiefere Stich: Ich bin falsch.

Schuld und Scham unterscheiden

Die Bibel unterscheidet leise, aber klar: Schuld sagt „Ich habe etwas getan“. Scham flüstert: „Ich bin etwas – und zwar mangelhaft.“
Schuld lässt sich klären, wiedergutmachen, besprechen.
Scham zieht den Blick nach unten, macht stumm, isoliert.
Deshalb beginnt diese Bitte so befreiend mit dem uns. Nicht „meine“ Schuld – unsere. Das Gebet bricht die Einsamkeit der Scham. Wir stehen nicht als Einzelkämpfer vor Gott, sondern als Menschen, verwoben ineinander, alle bedürftig, alle geliebt.

Schuld braucht Vergebung –
Scham braucht Würde.

Genesis lesen: Gott kleidet, wo Scham entblößt

Die alte Geschichte aus dem Garten Eden erzählt es zart: Nachdem Adam und Eva die Grenze überschritten haben, schämen sie sich. Und Gott? Er beschämt sie nicht zusätzlich. Er macht ihnen Kleider und legt sie ihnen an. Kein Spott, kein „Wie konntet ihr nur“, sondern Schutz für die nackte Verwundbarkeit.
Diese Geste ist Evangelium pur: Gott kleidet, wo Scham entblößt.
Er stellt Würde wieder her, bevor er Worte macht.

Gott beschämt nicht;
er bekleidet die Beschämten.

Innere Stimmen und die Kunst der Selbstvergebung

Das hilft, den Unterschied zu spüren:

  • Schuld braucht Vergebung.
  • Scham braucht Würde – eine neue Stimme über meinem Leben.

Vielleicht kennen Sie die inneren Stimmen, die anspringen, wenn etwas misslingt: „Typisch du. Nie schaffst du das.“ Das sind nicht Gottes Sätze. Das sind alte Echos – von früheren Blicken, Lehrsätzen, Erwartungen.

„Das Erstaunliche an der Vergebung ist nicht, dass Gott uns vergibt,
sondern dass er uns lehrt, uns selbst zu vergeben.“

Paul Tillich zugeschrieben (Quelle unsicher)

Denn seien wir ehrlich: Wer ist schärfer mit uns als wir selbst? Wer kennt unsere Fehler besser? Wer hält uns länger gefangen in dem, was war?
Die Bitte des Vaterunsers lädt ein, diese Stimmen an die Hand zu nehmen und sie dorthin zu bringen, wo sie sich verwandeln dürfen.

Taulers Bild: Mist wird zu Dünger

Der Mystiker Johannes Tauler hat ein derbes, hilfreiches Bild dafür gefunden. Er spricht vom eigenen „Mist“ – allem, was wir an Mängeln und Unfertigem mit uns herumtragen.
Tauler sagt nicht: „Entsorge das endlich!“ Er sagt:

„Trag deinen Mist auf den Acker der Liebe Gottes.“

Johannes Tauler

Mist ist kein Müll. Er wird zu Dünger, wenn er ans Licht kommt und dem Boden anvertraut wird. Das ist kein billiges Schönreden, sondern die Kunst der Gelassenheit: ich muss mich nicht erst perfektionieren, um angenommen zu sein.

Paulus: Schwachheit als Ort der Kraft

Auch Paulus kannte Schamgründe – Schwächen, Missverständnisse, Angriffe. Und er kehrt das Unerwartete nach vorne: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (2 Kor 12,9–10)
Nicht die glänzende Selbstdarstellung, sondern die angenommene Verletzlichkeit wird zum Ort, an dem Gottes Kraft aufblüht. Selbstvergebung heißt dann nicht: „Es war doch gar nicht schlimm.“ Selbstvergebung heißt: „Es war schwer – und ich lasse mich nicht mehr von diesem einen Moment definieren.“

Ein biblischer Akzent als Übung

Ein kleiner biblischer Akzent hilft als Übung: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben.“

  1. Benennen: Nicht ausweichen. Was war mein Anteil? Was davon ist Schuld – was Scham?
  2. Bekleiden: Bilder helfen. Stellen Sie sich vor: Eine warme, schlichte Decke wird Ihnen umgelegt. Nicht um zu verstecken, sondern um zu schützen. „Gott kleidet mich in Würde.“
  3. Wandeln: Wo Scham sitzt: eine neue Stimme einüben. Kein Hochglanz-Mantra, sondern ein nüchterner Satz: „Ich bin mehr als mein Fehler.“
  4. Teilen: Das „uns“ ernst nehmen. Mit einem vertrauten Menschen beten, reden, schweigen. Scham verliert Macht, wenn sie nicht mehr allein sein muss.

Wahrheit und Würde in Balance

Und ja: Es gibt Grenzen. Selbstvergebung ohne Wahrheit verflacht. Aber Wahrheit ohne Würde zerbricht. Das Vaterunser hält beides zusammen: Es nimmt Schuld ernst – und stellt zugleich Würde wieder her.
Vielleicht ist das die Hauptarbeit: lernen, so über sich zu sprechen, wie die Liebe spricht.
Nicht kleinredend. Nicht großspurig. Wahr – und freundlich.

Selbstvergebung beginnt, wenn ich lerne,
so über mich zu sprechen, wie die Liebe spricht.

Schlussbild: Den Mist auf Gottes Feld kippen

Am Ende bleibt ein schlichtes Bild: Du trägst deinen „Mist“ nicht mehr heimlich im Rucksack. Du kippst ihn auf Gottes Feld. Vertraue es Gott an. Und irgendwann wächst dort etwas, das du nicht geplant hattest: ein leiser Mut. Ein wenig Gelassenheit. Und die Fähigkeit, auch anderen nicht die Scham zu vermehren.

Und vergib uns unsere Schuld … – damit wir anfangen können, uns selbst in deinem Licht zu sehen.

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Vergib mir, vergib uns


Du, Lebensgrund, der uns kleidet,
ich lege mein verwundetes Herz in deine Hände.

Was sich an mir zusammenzieht – löse es.
Was mich beschämt – bedecke es mit Würde.

Lehre mich den Satz, der trägt:
Ich bin mehr als mein Fehler.

Zeig mir den Weg der kleinen Schritte,
vom harten Urteil zur freundlichen Wahrheit.
Nimm meinen „Mist“ – mach ihn zu Boden,
auf dem Neues wachsen darf.

Und wenn ich schwach bin,
wohne du in mir mit deiner Kraft.

Amen.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
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Das Pluralwort nimmt der Schuld und auch der Scham ihre Vereinzelung: Ich stehe nicht als Sonderfall da, sondern als Mensch unter Menschen. Es öffnet den Blick für verstrickte, auch strukturelle Dimensionen von Schuld – jenseits bloß privater Moral. Und es schafft einen Ton der Solidarität: Wir bitten miteinander und lernen, einander die Würde zu lassen

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Gott sagt zu Paulus: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung“
Und Paulus ergänzt:
„Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2 Kor 12,9–10)

Paulus kehrt die Logik der Beschämung um: Schwachheit wird nicht versteckt, sondern zum Ort der erfahrbaren Kraft Gottes. Das entzieht toxischer Scham die Bühne, weil Wert nicht mehr an Leistung hängt, sondern an Beziehung. So wird das Bekenntnis der Begrenzung nicht Demütigung, sondern Eingang in Würde.

Predigt. Vaterunser 8. Das tägliche Brot

6. August 2025: „Das tägliche Brot“. Ein Gedanke zur Vaterunser-Reihe

Das geheimnisvolle Wort


Haben Sie schon mal den Ausdruck „hapax legomenon“ gehört? Vermutlich nur, wenn Sie sich mit alten Sprachen beschäftigt haben. Es bedeutet „einmaliges Wort“. Also ein Ausdruck, den es nur ein einziges Mal gibt in einer Sprache. Und so ein Wort gibt es hier, im Vaterunser, in der griechischen Fassung, die uns Matthäus und Lukas überliefert haben. Epiousion – ein Wort, das es nur einmal gibt in der gesamten antiken griechischen Literatur.

Der Evangelist Matthäus hat es für diese eine Bitte des Vaterunsers geprägt. Was mag er gemeint haben? „Für morgen“?, „Zum Leben notwendig“? Die Gelehrten rätseln bis heute.
Wir lesen es heute als „tägliches“ Brot. Und es spricht manches dafür, dass dies dem, was Jesus in seiner Muttersprache, Aramäisch, gesagt hat, wohl am nächsten kommt.

Vielleicht liegt gerade in dieser Ungewissheit eine Einladung – die Einladung zu entdecken, was unser persönliches epiousion ist, unser lebenswichtiges, tägliches Brot.

Was brauche ich wirklich?


Martin Luther wagte eine kühne Auslegung: „Tägliches Brot heißt alles, was zur Nahrung und Notdurft dieses Lebens gehört.“ Er zählte auf: Essen und Trinken, Haus und Kleidung, aber auch „fromme Eheleute, fromme Kinder, gute Freunde, treue Nachbarn, Frieden, Gesundheit.“

Eine wunderbare Liste des Lebens! Sie lädt ein zu fragen: Was steht wohl auf unserer Liste? Was ist unser tägliches Brot? Was nährt Sie wirklich?

Vielleicht ist Ihr tägliches Brot heute ein verstehender Blick, ein Gespräch, das trägt, die Stille in der Natur oder ein Lied, das Ihre Seele berührt. Vielleicht ist es die Gewissheit, dass Sie nicht allein sind – weder mit Ihren Fragen noch mit Ihren Wunden.

Die Weisheit des Heute


„Gib uns heute“ – nicht für morgen, nicht für die nächste Woche, nicht für immer. Jesus lädt uns ein in die Weisheit des Augenblicks. Wie das Volk Israel in der Wüste, das jeden Tag nur so viel Manna sammeln konnte, wie es für diesen einen Tag brauchte.
„Heute“ ist eine Anleitung zur Achtsamkeit. Eine Einladung, den gegenwärtigen Moment ernst zu nehmen. Was wäre, wenn wir am Ende eines Tages nicht fragten: „Was wird morgen sein?“, sondern: „Wofür kann ich heute dankbar sein?“
Das Leben geschieht im Heute. Hier und jetzt öffnet sich der Raum für Dankbarkeit, für Vertrauen, für die Erfahrung des Genug. Für die Entdeckung, dass wir bereits reich beschenkt sind – auch wenn nicht alle Wünsche erfüllt sind.

Vom „Mein“ zum „Unser“


Unser Brot“ – nicht „mein Brot“. das ist der entscheidende Unterschied. Die Bitte weitet den Blick: Wir beten nicht nur für uns selbst, sondern für alle, die Brot brauchen – nach Nahrung, nach Liebe, nach Anerkennung, nach Sinn.
Es ist ein merkwürdiges Paradox: Je mehr wir teilen, desto reicher werden wir. Je mehr wir für andere mitbitten, desto geborgener werden wir selbst. Das Brot vermehrt sich nicht durch Horten, sondern durch Teilen. Das hat Jesus nicht nur gelehrt, sondern gezeigt – bei der Speisung der Fünftausend, beim letzten Abendmahl, immer wieder.

Eine Einladung zum Vertrauen


Es gibt einen Hunger, den kein Brot stillen kann. Jesus nannte sich selbst das „Brot des Lebens“ – eine Nahrung, die uns von innen heraus satt macht. Nicht durch Besitz oder Leistung, sondern durch die Erfahrung: Ich bin gewollt, ich bin geliebt, ich gehöre dazu.
Diese Nahrung kommt oft unerwartet: in der Begegnung mit einem Menschen, in einem Moment der Stille, in der Schönheit eines Sonnenaufgangs. Sie kommt in dem Gefühl, verstanden zu werden, in der Gewissheit, dass unser Leben einen Sinn hat.
Die Bitte um das tägliche Brot ist eine Einladung zum Vertrauen – zum Vertrauen darauf, dass das Leben selbst eine Kraft hat, die uns trägt. Dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir berechnen können. Dass wir getragen sind von einer Liebe, die größer ist als wir selbst.

Amen

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Das tägliche Brot

Heute Morgen wachte ich auf
und da war schon so viel da:
Atem in meinen Lungen,
Licht vor meinen Augen,
ein Tag voller unentdeckter Möglichkeiten.

Wie leicht übersehe ich
das Brot, das bereits bereitsteht:
Das Lächeln der Nachbarin,
das Lied der Amsel vor dem Fenster,
die warme Tasse in meinen Händen.
Manchmal ist mein tägliches Brot
nur ein kleiner Moment der Stille,
manchmal ein mutiges Gespräch,
manchmal die Gewissheit:
Ich bin nicht allein mit meinen Fragen.

Du Quelle allen Lebens,
mache mich aufmerksam
für die tausend kleinen Wunder
dieses einen Tages.

Und lass mich nicht vergessen
die leeren Tische dieser Welt,
während ich am gedeckten sitze.
Mache mich wach
für mein Handeln
angesichts ihres Hungers.

Lass mich selbst zum Brot werden
für andere:
Ein Wort, das tröstet,
eine Hand, die hilft,
ein Herz, das versteht.

Denn im Teilen wird das Wenige zum Vielen
im Geben werden wir reich,
im Danken wird das Leben hell.

Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine, die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankenspltter übrig. Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

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Die frühen Christen verstanden diese Bitte als Verweis auf das gemeinsame Abendmahl, bei dem Brot geteilt wird. Nicht nur die tägliche Nahrung ist gemeint, sondern auch die geistliche Speise der Gemeinschaft – das Brot, das uns mit anderen und mit dem Göttlichen verbindet. Jede gemeinsame Mahlzeit wird so zu einem heiligen Moment.

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Die Brotbitte steht genau in der Mitte des Vaterunsers – zwischen den ersten drei Bitten, die sich an Gott wenden („Dein Name“, „Dein Reich“, „Dein Wille“) und den letzten drei Bitten, die unsere menschlichen Bedürfnisse ausdrücken. Sie ist die Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Göttlichen und dem Alltäglichen.

Predigt. Vaterunser 6. Dein Reich komme – Gottes Herzensraum

Vierter Gedankengang
zur Vaterunser-Reihe:
„Dein Reich komme – Gottes Herzensraum“
Wochenmitte am 30. Juli 2025

Wochenmitte-Impuls: „Dein Reich komme“

Eine Andacht zur zweiten Bitte des Vaterunsers


Einstimmung

Mitten in der Woche halten wir inne. Zwischen Montag und Freitag, zwischen Aufbruch und Ankunft, zwischen dem, was war, und dem, was kommen wird. Hier, in diesem Zwischenraum, laden wir Sie ein zu einer Entdeckungsreise – zu einer der kühnsten Bitten, die Menschen je ausgesprochen haben: „Dein Reich komme.“

Was meinen wir, wenn wir diese Worte sprechen? Was erwarten wir? Was erhoffen wir uns? Und warum sollte uns das heute, hier, in unserer ganz konkreten Lebenssituation etwas bedeuten?


Gottes Herzensraum – Wo ich nichts leisten muss und kostbar bin

Jesus selbst erklärt an vielen Stellen, was er mit „Reich Gottes“meint. Indem er Geschichten aus dem Alttag der Menschen erzählt, mit denen er zusammen ist. Hier ist so eine Geschichte:

Bibeltext: Das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat

Markus 4,26-29 (Basisbibel)

Jesus sagte: »Mit dem Reich Gottes ist es so wie mit einem Menschen, der Samen auf seinen Acker sät. Er schläft ein und steht wieder auf, nacht- und tagelang. Der Same keimt und wächst – der Mensch weiß nicht, wie. Ganz von selbst bringt die Erde ihre Frucht hervor: zuerst die grünen Halme, dann die Ähren und schließlich das volle Korn in den Ähren. Sobald das Getreide reif ist, schickt er die Schnitter. Denn die Erntezeit ist da.«

Der Bauer, der schläft

Ein Bauer sät Samen und schläft. Am nächsten Tag: Der Same keimt. Der Bauer hat geschlafen. Am dritten Tag: Kleine grüne Halme sprießen. Der Bauer hat wieder geschlafen. Wochen später: Goldene Ähren wiegen im Wind. Der Bauer? Hat in der Zeit gegessen, getrunken, gelacht, geweint, gezweifelt – und geschlafen.

Was für eine befreiende Geschichte! Das Reich Gottes, sagt Jesus, ist wie dieser unsichtbare Wachstumsprozess. Es geschieht, während wir schlafen. Es wächst, während wir zweifeln. Es reift, während wir uns fragen, ob wir genug tun.
So redet Jesus vom Reich Gottes. Und so ist das Reich Gottes, von dem er im Vaterunser erzählt. Es ist wie der Herzensraum Gottes.

Gottes Herzensraum

Warum nennen wir das Reich Gottes „Herzensraum“? Weil ein Herz schlägt, ohne dass wir es befehlen. Es pumpt Leben, ohne dass wir es verdienen müssen. Es ist einfach da – treu, beständig, lebensspendend.

So ist Gottes Herzensraum: Er ist da, bevor wir ihn erarbeiten. Er schlägt für uns, bevor wir etwas leisten. Er nährt unser Leben, bevor wir uns das irgendwie verdienen müssten oder könnten.

Sie müssen nichts leisten, um hineinzugehören.
Sie dürfen einfach sein.
Sie sind kostbar – ohne Bedingung.

Das Wunder des Wachsens

Haben Sie schon einmal versucht, Gras beim Wachsen zu beobachten? Es ist unmöglich. Sie können stundenlang hinstarren – nichts passiert. Aber lassen Sie es einen Tag in Ruhe, und es ist gewachsen. Das Wunder geschieht in der Stille, im Unsichtbaren, ohne unser Zutun.

So wächst auch Heilung in unserem Leben. So wächst Vertrauen. So wächst Hoffnung. Nicht durch Anstrengung, sondern durch eine geheimnisvolle Kraft, die größer ist als wir. Gottes Geist übernimmt die unsichtbare Wachstumsarbeit – während wir schlafen, während wir kämpfen, während wir loslassen.

Sie dürfen aufhören, sich selbst zu reparieren. Sie dürfen vertrauen, dass etwas in Ihnen wächst, was Sie nicht kontrollieren müssen. In Gottes Herzensraum geschieht Heilung nicht durch Leistung, sondern durch Sein. Durch Da-Sein. Durch Angenommen-Sein.

Orientierung im Alltag

Wenn das Reich Gottes in uns wächst wie ein Samen, dann verändert das unseren Blick auf den Alltag. Wir fragen nicht mehr zuerst: „Was muss ich heute schaffen?“ sondern: „Was möchte durch mich wachsen?“ Wir orientieren uns nicht mehr an der Frage: „Bin ich gut genug?“ sondern: „Wie kann ich dem Leben dienen?“

Das Reich Gottes wird zu unserem inneren Kompass. Es flüstert uns zu: Liebe ist wichtiger als Leistung. Wahrheit ist wertvoller als Status. Verbindung ist kostbarer als Perfektion. Jedes Mal, wenn wir uns eine Welt ohne Einsamkeit wünschen, jedes Mal, wenn wir träumen von einer Gesellschaft ohne Missbrauch und Ungerechtigkeit – dann beten wir bereits: „Dein Reich komme.“

Die Erntezeit

Der Bauer in Jesu Geschichte wartet geduldig. Aber er wartet nicht untätig. Wenn die Zeit da ist, schickt er die Schnitter. Die Ernte ist da.

So ist es auch mit uns. Wir dürfen gelassen warten, dass Gottes Reich in uns wächst. Aber wir dürfen auch voller Freude entdecken, wo es bereits Frucht trägt: in einem versöhnenden Gespräch, in einem Moment der Dankbarkeit, in einer ausgestreckten Hand, in der Bereitschaft zu vergeben.

Gottes Herzensraum ist nicht nur Ruheort – er ist auch Kraftquelle. Aus der Gewissheit, geliebt und angenommen zu sein, erwächst die Kraft, diese Liebe weiterzugeben. Aus dem Wissen, kostbar zu sein, wächst die Bereitschaft, auch anderen ihre Kostbarkeit zu zeigen.

Das Geheimnis der Gelassenheit

Das Gleichnis vom wachsenden Samen schenkt uns etwas Kostbares: die Erlaubnis zur Gelassenheit. Wir müssen das Reich Gottes nicht machen – wir dürfen es empfangen. Wir müssen es nicht produzieren – wir dürfen es wahrnehmen. Wir müssen es nicht verdienen – wir dürfen uns beschenken lassen.

„Dein Reich komme“
das ist das Gebet aller,
die müde sind vom Müssen.

Das ist die Bitte aller, die sich sehnen nach einem Ort, wo sie einfach sein dürfen. Das ist der Ruf aller, die ahnen: Ich bin mehr wert als meine Leistung. Ich bin kostbarer als meine Erfolge. Ich bin geliebt – bedingungslos.


SONNTAGSWEITE
UND WOCHENMITTE

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken, das Tagebuch oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Wann haben Sie zuletzt einen Moment erlebt, in dem Sie sich vollkommen angenommen gefühlt haben – ohne etwas leisten zu müssen?
  2. Wo sehen Sie in Ihrem Leben Zeichen von Wachstum und Veränderung, die Sie sich nicht selbst zuschreiben können?
  3. Wenn Sie ehrlich sind – wonach sehnt sich Ihr Herz am meisten? Welche Art von Welt würden Sie sich wünschen?


Predigt. Vaterunser 5. Himmel und Hölle

Vierter Gedankengang
zur Vaterunser-Reihe:
„Im Himmel“
Wochenmitte am 23. Juli 2025

Einstieg: Himmel oder Hölle – eine Frage von Pink Floyd

„So you think you can tell heaven from hell“ –
Denkst du, du kannst Himmel und Hölle unterscheiden?

Diese Zeile aus dem Pink Floyd-Song „Wish You Were Here“ trifft einen wunden Punkt.
Was ist eigentlich Himmel, was ist Hölle?
Ist das so leicht zu unterscheiden: hier das Gute, dort das Böse – hier Gott, dort das Nichts?
Vielleicht liegt die Sache komplizierter.
Vielleicht sind Himmel und Hölle näher beieinander als wir denken.
Vielleicht tragen wir sogar beides in uns.

2. Was Jesus mit „Himmel“ meint

Diese Frage führt uns direkt zu Jesus und seinem Verständnis vom Himmel.
Wenn Jesus betet: „Vater unser im Himmel“, sagt er im Aramäischen, also seiner Muttersprache, „bishmayya“.
Das Besondere: Dieses Wort steht in der Mehrzahl – nicht der eine Himmel irgendwo da oben, sondern Himmel in vielen Dimensionen.
Wörtlich also: „Vater unser in den Himmeln“.
Im Englischen gibt es eine hilfreiche Unterscheidung: „sky“ meint den sichtbaren Himmel über uns, „heaven“ steht für die göttliche Wirklichkeit.
Im Deutschen sprechen wir für beides einfach vom „Himmel“ – und geraten leicht auf die falsche Fährte.

Denn Jesus meint nicht die Wolken über uns, sondern eine göttliche Realität,
die uns umgibt, in uns lebt
und durch uns hindurchwirkt.

3. Der Himmel in meiner Seele: Augustinus‘ Entdeckung

Schon vor fast 1700 Jahren erkannte der Kirchenvater Augustinus etwas Überraschendes:
Der Himmel – das sind die „Herzen der Gerechten“.
Damit meint er nicht die Herzen der Perfekten, sondern der Menschen, die sich nach Gott ausstrecken.
Paulus drückt es noch direkter aus: Gott legt seinen Schatz in „irdene Gefäße“ – in etwas Zerbrechliches, Unvollkommenes.

Himmel – das ist nicht ein Ort hinter den Sternen,
sondern ein Raum in uns, in dem Gott wohnt – gerade weil wir brüchig sind,
Lebens-Fragmente.
Weil, nicht obwohl.

Das ist keine romantische Idee, sondern eine spirituelle Erfahrung, die Menschen aller Zeiten gemacht haben.
Ein innerer Ort der tiefsten Verbindung mit dem Göttlichen – nicht „sky“, sondern „heaven“, ganz nah bei mir.

4. Wo spüre ich diesen Himmel?

Doch wie finde ich diesen Himmel in mir?
Wo merke ich: Gott wohnt in meiner Seele?

Vielleicht kennen Sie solche Momente aus Ihrem Leben:
Momente der Stille, in denen etwas in Ihnen aufatmet.
Wenn Sie spüren: Ich bin nicht allein.
Wenn Frieden in Ihr Herz kommt, ohne dass sich draußen etwas ändern muss.
In der Liebe, die stärker ist als Ihre Angst.
In der Vergebung, die Sie sich nie zugetraut hätten.
In der Hoffnung, die trotz allem bleibt.
Manchmal auch in dunklen Zeiten, wenn Sie erahnen: Da ist noch etwas Tieferes in mir als der Schmerz.

5. Raum schaffen für den Himmel

Wie können Sie solchen Momenten mehr Raum geben?
Wie können Sie Platz machen für den Himmel?

Der große Mystiker Johannes vom Kreuz sprach von der „Nacht der Seele“ –
der Einladung,
alte Bilder und Vorstellungen loszulassen,
damit Neues wachsen kann.
Manchmal heißt das: innerlich aufräumen.
Überholte Gottesbilder verabschieden.
Nicht alles kontrollieren müssen.

Vielleicht beginnt es mit einfachen Schritten: Stille aushalten, ohne sie gleich zu füllen. Dem eigenen Atem zuhören – dem Rhythmus des Lebens. Dankbar sein für kleine Schönheiten. Ehrlich werden gegenüber sich selbst. Das sind keine großen Taten, aber sie öffnen Türen nach innen.

6. Gott will wohnen, nicht beeindrucken

„Wie kann Gott in mir wohnen?“ – das ist keine Frage der Leistung.
Gott zieht nicht erst dann ein, wenn Sie perfekt sind.
Er ist längst da. Sie müssen ihn nur entdecken.

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Haus,
aber haben nie alle Räume betreten.
Sie kennen vielleicht das Erdgeschoss gut –
doch da gibt es noch mehr zu entdecken.
In diesen unbekannten Räumen Ihrer Seele
wartet Gott schon.

Still. Geduldig. Ohne Eile.
Wie ein guter Freund, der einfach da ist, bis Sie Zeit zum Reden haben.

7. Himmel und Hölle sind oft nah beieinander

Zurück zur Pink Floyd-Frage: Tatsächlich lassen sich Himmel und Hölle nicht sauber trennen.
In der dunkelsten Verzweiflung kann plötzlich Licht aufblitzen.
In großer Freude kann die Ahnung von Vergänglichkeit mitschwingen.
Der Himmel ist kein perfekter Ort für perfekte Menschen – er ist Gottes Gegenwart mitten im brüchigen Leben.

8. Einladung: Den Himmel in mir entdecken

„Vater unser im Himmel“ – das ist kein Blick nach oben, sondern eine Einladung, nach innen zu schauen.
Den Raum in Ihrer Seele zu entdecken, in dem Gott wohnt.
Ein Weg, kein einmaliges Ziel.
Ein Prozess, Tag für Tag.
Nicht, um etwas zu erreichen.
Sondern um zu spüren: Da ist mehr in mir, als ich geahnt habe.
Ein Raum, der größer ist als meine Sorgen.
Ein Himmel, der schon da ist – und nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

SONNTAGSWEITE
UND WOCHENMITTE


FRAGEN ZUR VERTIEFUNG


Hier ein paar weiterführende Fragen.
Für die persönliche Meditation,

das Tagebuch
oder ein gutes Gespräch:

  1. „Gibt es einen Ort – innen oder außen – wo Sie sich richtig ‚zuhause‘ fühlen? Einen Ort, wo Sie ganz Sie selbst sein können? Was macht diesen Ort zu einem ‚heiligen‘ Raum für Sie? Welche Eigenschaften dieses äußeren Ortes tragen Sie vielleicht bereits in sich?“
  2. „Wenn Sie sich vorstellen, Ihre Seele wäre ein Haus: Auf einer Skala von 1-10 – wie viele Räume haben Sie bisher erkundet? Welchen Raum in sich würden Sie gerne als nächstes betreten? Was glauben Sie, würde jemand, der Sie sehr gut kennt, über diesen ungenutzten Raum in Ihnen sagen?“
  3. „Angenommen, Sie wachen morgen auf und können plötzlich ganz selbstverständlich ‚Platz schaffen für den Himmel in sich‘ – woran würden Sie als erstes merken, dass sich etwas verändert hat? Wie würde sich Ihr Tag anfühlen? Was würden andere Menschen an Ihnen bemerken?“

GEBET

Gott, du Geheimnis in mir,
ich spüre dich manchmal wie einen warmen Atemzug
in der Tiefe meiner Seele.

Hilf mir, Platz zu schaffen für dich –
nicht durch Perfektion, sondern durch Offenheit.

Lass mich die Räume in mir entdecken,
die ich noch nie betreten habe.

Zeige mir den Himmel in meiner Seele,
der schon da ist, bevor ich ihn suche.

Amen.

MODERNE PSALMMEDITATION

Psalm vom Himmel in mir

Du bist näher als mein eigener Herzschlag,
und doch ferne wie die Sterne.
In der Stille meiner Seele
höre ich dich atmen.

Wenn die Welt zu laut wird,
führst du mich nach innen –
zu dem Ort, wo Frieden wohnt,
auch wenn außen Sturm ist.

Du bist nicht nur über mir,
du bist in mir.
Nicht nur im Licht,
auch in meiner Dunkelheit.

Lass mich heute spüren:
Der Himmel ist nicht weit.
Er ist so nah wie mein nächster Atemzug,
so real wie meine Sehnsucht nach dir.

SEGEN

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
wohne in den stillen Räumen deiner Seele.

Die Liebe Christi, die tiefer reicht als alle Verletzung,
erschließe dir den Himmel in deinem Herzen.

Die Kraft des Heiligen Geistes, die sanfter ist als alle Gewalt,
schaffe Platz in dir für das Göttliche.

So segne dich der dreieinige Gott –
nicht nur von oben herab,
sondern von innen heraus.
Amen.

Predigt. Vaterunser 3. Der Vater, die Mutter, die göttliche Kraft?

Impuls zur Vaterunser-Reihe:
„Zwischen Himmel und Herz“
am 16. Juli 2025



„Vater unser im Himmel…“

Diese ersten Worte des bekanntesten Gebets der Welt sind für viele von uns nicht einfach nur fromme Routine. Sie berühren etwas tief in uns. Manchmal zärtlich, manchmal schmerzhaft. Denn das Wort „Vater“ trägt in sich die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrung: die Sehnsucht nach Geborgenheit ebenso wie die Erinnerung an Enttäuschung, an Abwesenheit, vielleicht sogar an Gewalt.

Jesus wusste das. Als er seine Jünger lehrte, Gott mit „Abba“ anzureden – einem aramäischen Wort, das etwa unserem „Papa“ entspricht –, war das ungewöhnlich. Nicht etwa, weil niemand vor ihm Gott als Vater angesprochen hätte. Ungewöhnlich war die Selbstverständlichkeit, mit der Jesus diese Beziehung lebte und lehrte.

Stellen Sie sich vor: Ein orientalischer Patriarch läuft nicht. Er wartet würdevoll, bis man sich ihm nähert. Aber im Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt Jesus uns einen Vater, der alle Konventionen sprengt. Er zerreißt das Korsett aller Erwartungen und rennt seinem Kind entgegen.

„Schon von weitem sah der Vater ihn kommen.
Er hatte Mitleid mit seinem Sohn.
Er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“

(Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Lukas 15,20, BasisBibel)

Hier ist ein Vater, der nicht auf seine Würde pocht, sondern auf die Liebe setzt. Ein Vater, der nicht straft, sondern feiert. Ein Vater, der nicht die Moral predigt, sondern die Freude über die Heimkehr.

Für viele ist das heilsam. Gerade für Menschen, die schwierige Vatererfahrungen gemacht haben, kann die Begegnung mit diesem anderen Vaterbild transformativ sein. Es geht nicht darum, schmerzhafte Erfahrungen zu verdrängen oder zu verharmlosen. Es geht darum, zu entdecken, dass es jenseits menschlicher Unzulänglichkeit eine Quelle der Liebe gibt, die nie versiegt.

Aber Jesus wusste auch um die Grenzen dieses Bildes. Die Bibel ist voller Metaphern für Gott: Gott als Mutter, die tröstet („Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet“, Jesaja 66,13, BasisBibel), als Fels, als Quelle, als Licht.

Das Bilderverbot des Alten Testaments mahnt uns:
Gott ist größer als unsere Bilder.
Das Vaterbild ist ein Fenster,
nicht die ganze Wirklichkeit.

Was bedeutet Ihnen das Vaterbild?
Es kann Heimat sein für die, die gute Vatererfahrungen gemacht haben.
Es kann Herausforderung sein für die, die mit diesem Bild kämpfen.
Es kann Verheißung sein für die, die es als Fenster zu einer größeren Wirklichkeit verstehen.

Das Vaterunser beginnt nicht mit einem Dogma, sondern mit einer Einladung. Wir dürfen „Vater“ sagen – oder „Mutter“, „Quelle“, „Kraft“. Wir dürfen uns bergen lassen in dem, was größer ist als unsere Angst, stärker als unsere Sorge, tragfähiger als unsere Zweifel.

Das Vaterunser ist ein Gebet der Fragen, nicht der Antworten. Es lädt uns ein, zu entdecken, zu zweifeln, zu vertrauen. Es lädt uns ein, unsere eigenen Bilder zu finden – und sie auch wieder loszulassen, wenn sie zu eng geworden sind.

Inspiriert hat mich zu meinen Gedanken der Beitrag von Evelyne Baumberger zum Beginn des Vaterunsers.

Wochenmitte

ABENDGEBET

Du, der du größer bist als alle unsere Bilder und Worte,
wir danken dir für diesen Tag mit seinen Höhen und Tiefen.
Wir legen in deine Hände, was uns bewegt und beschäftigt, unsere Sorgen und unsere Hoffnungen.
Lass uns in der Stille der Nacht spüren: Wir sind gehalten von einer Liebe, die nie aufhört.
Gib uns einen erholsamen Schlaf und lass uns morgen mit neuer Kraft erwachen.
Amen.

SEGEN

Gott segne dich mit dem Vertrauen, dass du gehalten bist – von einer Liebe, die größer ist als alle menschlichen Bilder.

Gott segne dich mit der Gewissheit, dass du angenommen bist – so wie du bist, mit deinen Fragen und deinen Zweifeln.

Gott segne dich mit der Hoffnung, dass du geborgen bist – in dem Namen, der für dich Heimat bedeutet.

So segne dich der lebendige Gott, der Vater und Mutter zugleich ist,
der Freund und Quelle des Lebens, heute und alle Tage.

Amen.

FRAGEN ZUM NACHDENKEN,
FÜRS TAGEBUCH
ODER EIN GESPRÄCH

1. „Wenn das Wort ‚Vater‘ für Sie schwierig ist – welches andere Bild oder welche andere Anrede für das Göttliche gibt Ihnen Kraft und lässt Sie aufatmen? Was ist es an diesem Bild, das Sie nährt und stärkt?“

2. „Angenommen, Sie würden das Vaterunser für sich persönlich umschreiben und mit einem Bild beginnen, das Ihnen entspricht – wie würde Ihr Gebet dann lauten? ‚Mutter unser…‘, ‚Quelle des Lebens…‘, ‚Du, der du mich hältst…‘ – welche Worte würden sich für Sie richtig anfühlen?“

3. „Wenn Sie an einen Moment denken, in dem Sie sich von Gott getragen und geborgen gefühlt haben – war da eher ein väterliches, ein mütterliches Bild spürbar, oder war es etwas ganz anderes? Und was macht für Sie den Unterschied zwischen einem Gottesbild, das Sie einengt, und einem, das Sie befreit?“

Predigt. Vaterunser 2.UNSER – nicht MEIN

Zweiter Gedankengang zur Vaterunser-Reihe:
„Zwischen Himmel und Herz“
Sonntagsweite am 13. Juli 2025

Das revolutionäre „Unser“ – Eine meditative Predigt über die Gemeinschaft im Gebet

Das revolutionäre „Unser“ – Eine meditative Predigt über die Gemeinschaft im Gebet

Ein unsichtbarer Chor umspannt die Erde

Stellen Sie sich vor: Gerade jetzt, während Sie diese Worte lesen, sprechen Menschen überall auf der Welt dieselben Worte – in hunderten Sprachen, in stillen Zimmern und lauten Kirchen, in Freude und Verzweiflung. „Vater unser…“ Ein unsichtbarer Chor umspannt die Erde, und Sie sind mittendrin.

Das erste Wort nach „Vater“ ist kein Zufall. Es ist eine Einladung in eine Gemeinschaft, die größer ist als alles, was wir uns vorstellen können.

Ein kleines Wort verändert alles

In der Sprache Jesu hieß es „Abun“ – unser Vater. Nicht „Abi“ – mein Vater. Jesus hätte sagen können: „Mein Vater im Himmel.“ So beteten viele Menschen damals. So beten viele Menschen heute. Doch er wählte bewusst „unser“. Dieses kleine Wort ist ein Donnerschlag. Es sprengt die Grenzen einzelner Frömmigkeit und schafft etwas Neues: eine Gebetsgemeinschaft, die alle Grenzen überschreitet.

Das „Unser“ steht am Anfang und prägt alle folgenden Bitten. Wir bitten um unser Brot, unsere Vergebung, unseren Schutz. Wir sind, ob wir wollen oder nicht, miteinander verbunden.

Medizin für die Seele

Das „Unser“ wirkt wie Medizin für die Seele. Es durchbricht dieses Gefühl, ganz allein mit allem dazustehen. Wenn Sie das nächste Mal beten, können Sie sich fragen: Wer in meinem Leben würde verstehen, was ich durchmache? Diese Art zu denken öffnet Türen zu Hilfe, die das einsame „Ich“ gar nicht sieht.

Das „Unser“ weckt etwas Uraltes in uns. Es verbindet uns mit uralten Erfahrungen von Geborgenheit und Zugehörigkeit. Körper und Seele entspannen sich, wenn wir spüren: Ich bin nicht allein.

Verbunden mit allem Leben

Das „Unser“ im Vaterunser öffnet unseren Blick für eine Wahrheit, die größer ist als wir selbst: Wir sind Teil eines lebendigen Netzes, das alle Geschöpfe umspannt. Wenn wir „unser tägliches Brot“ erbitten, sprechen wir nicht nur für uns Menschen. Wir bitten für alle Lebewesen, die Nahrung brauchen – für die Tiere, die Pflanzen, für die ganze Schöpfung, die nach Leben dürstet.

Diese Verbindung ist real und konkret. Das Brot, um das wir bitten, wächst aus der Erde. Die Luft, die wir atmen, schenken uns die Bäume. Das Wasser, das unseren Körper nährt, fließt durch alle Kreisläufe des Lebens. Wenn wir „Vater unser“ beten, erkennen wir an: Wir sind Geschwister nicht nur untereinander, sondern Geschwister aller Geschöpfe unter dem einen Himmel.

Das „Unser“ macht uns zu Anwälten des Lebens. Wer so betet, kann nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem Leiden der Schöpfung. Das Gebet verbindet uns mit der Verantwortung für die Welt, die uns anvertraut ist.

Eine zeitlose Weisheit

Das „Unser“ findet erstaunliche Entsprechungen in anderen Glaubensrichtungen. Buddhisten sprechen von der „Verbundenheit“ aller Lebewesen. Der hinduistische Gruß „Namaste“ bedeutet: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir.“ Im Islam verbindet die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, Menschen über alle Kontinente.

Auch die Natur lehrt uns diese Wahrheit: In einem Wald sind alle Bäume durch unterirdische Pilzgeflechte miteinander verbunden. Was einem schadet, spüren alle anderen. Was einem hilft, kommt allen zugute.

Eine Einladung zum Spüren

Wie fühlt es sich an, wenn Sie das nächste Mal „Vater unser“ sagen? Können Sie kurz innehalten und spüren, dass Sie nicht allein sprechen? Dass gerade jetzt Menschen in allen Zeitzonen diese Worte mit Ihnen teilen – und mit Ihnen alle Geschöpfe, die nach Leben und Heilung suchen?

Vielleicht wird Beten so zu etwas Neuem: Statt einer einsamen Bitte wird es zum Mitsingen in einem weltweiten Chor der Hoffnung. Ihre persönlichen Sorgen bleiben wichtig, aber sie werden eingebettet in die große Melodie menschlicher Sehnsucht und kosmischer Verbundenheit.

Hier in der Klinik wird das „Unser“ besonders greifbar. Die Frau im Zimmer nebenan, die nicht schlafen kann. Der Mann am Ende des Flurs, der auf eine schwere Diagnose wartet. Wenn Sie „Vater unser“ beten, schließen Sie alle ein. Ihr Gebet umfasst die ganze Schöpfung, auch wenn Sie sich dessen nicht bewusst sind.

Leben Sie es bewusst

Das „Unser“ im Vaterunser ist weniger Antwort als Frage: Wie würde sich unser Leben ändern, wenn wir wirklich verstünden, dass wir alle verbunden sind – nicht nur mit anderen Menschen, sondern mit allem Leben? Wie würden wir handeln, lieben, verzeihen, wenn wir spürten, dass das Wohl des anderen – sei es Mensch, Tier oder Pflanze – mit unserem eigenen verknüpft ist?

Dieses Bewusstsein verändert unseren Blick auf die Welt. Plötzlich wird klar: Wenn wir die Erde verletzen, verletzen wir uns selbst. Wenn wir für die Schöpfung sorgen, sorgen wir für unsere eigene Zukunft. Das „Unser“ macht uns zu Hütern und Geschwistern zugleich.

Rund um den Globus, 24 Stunden am Tag, steigt dieses Gebet empor – aus menschlichen Herzen, aber auch aus dem stummen Sehnen aller Kreatur nach Heil und Vollendung. Sie sind Teil davon. Sie waren es schon immer. Die Frage ist nur: Werden Sie es bewusst leben?

In diesem Bewusstsein unserer Verbundenheit mit allem Leben beginnt jedes echte Gebet – und vielleicht auch jede echte Heilung.

SONNTAGSWEITE –

MORGENGEBET

Gott, während die Welt erwacht und der neue Tag beginnt, danke ich für diese stillen Momente der Verbundenheit.
Lass mich spüren, dass ich nicht allein bin in diesem Morgen – dass Menschen überall auf der Erde mit mir atmen, hoffen, beten. Öffne mein Herz für das große „Unser“, das uns alle trägt.
Hilf mir, diesen Tag bewusst als Teil der menschlichen Familie zu leben.
Amen.

PSALMTEXT

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Er macht mich wieder stark und führt mich auf rechten Wegen um seines Namens willen.
Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil.
Denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Halt.
Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt mit Öl, mein Becher fließt über.
Lauter Güte und Gnade werden mir folgen mein Leben lang,
und im Haus des HERRN werde ich wohnen für alle Zeit.

Psalm 23,1-6 (BasisBibel)

SEGEN

Es segne dich der Gott, der in jedem „Unser“ wohnt und dich mit Menschen verbindet, die du noch nie gesehen hast.
Es segne dich die Gewissheit, dass du Teil eines weltweiten Chores der Hoffnung bist, der niemals verstummt.
Es segne dich die Kraft, die entsteht, wenn du dich bewusst als Teil der menschlichen Familie verstehst.
So gehe gesegnet in diesen Tag – getragen von dem unsichtbaren Netz der Verbundenheit, das uns alle umspannt.

FRAGEN ZUR VERTIEFUNG

  1. Die Perspektive des unsichtbaren Chores: Wenn Sie sich vorstellen, dass gerade jetzt Menschen überall auf der Welt dieselben Worte beten wie Sie – was verändert sich in Ihrem Gefühl der Verbundenheit? Welche Person in Ihrem Leben würde am ehesten verstehen, was Sie gerade durchmachen?
  2. Das kleine Wort mit großer Wirkung: Jesus wählte bewusst „unser“ statt „mein“ Vater. Wo in Ihrem Leben könnten Sie ein „Ich“ durch ein „Wir“ ersetzen? Wie würde sich Ihr Blick auf eine aktuelle Herausforderung verändern, wenn Sie sie als Teil eines größeren „Unser“ betrachten?
  3. Verbundenheit als Heilkraft: Der Text beschreibt das „Unser“ als Medizin für die Seele. Wenn Sie an Momente denken, in denen Sie sich besonders verbunden gefühlt haben – was hat diese Verbundenheit in Ihnen bewirkt? Wie können Sie diese heilsame Erfahrung bewusst in Ihren Alltag integrieren?

Predigt. Vaterunser 1. Worte für die Sehnsucht

Wochenmitte

GEBET

Gott, du Quelle allen Lebens, ich komme zu dir mit offenen Händen. Manchmal weiß ich nicht, wie ich dich nennen soll. Manchmal kenne ich die richtigen Worte nicht. Aber mein Herz weiß: Da ist etwas Größeres als ich.

Du bist da – in den alten Worten, die Millionen gesprochen haben. Du bist da – in den neuen Worten, die aus meinem Herzen kommen. Du bist da – in der Sehnsucht, die mich nicht loslässt.

Lass mich einen Platz finden zwischen Himmel und Herz. Einen Ort, wo ich ganz sein darf. Wo ich mich bergen kann. Wo ich zu Hause bin.

Amen.

PSALM

Psalm der offenen Einladung

Du rufst mich bei meinem Namen, auch wenn ich ihn selbst nicht kenne. Du siehst mich, auch wenn ich mich verstecke.

In den alten Worten finde ich neue Hoffnung. In den vertrauten Bitten entdecke ich ungeahnte Weite.

Du bist größer als meine Vorstellungen von dir. Du bist näher als meine Zweifel an dir.

Zwischen Himmel und Herz machst du mir einen Platz. Hier gehöre ich hin. Hier bin ich zu Hause.

Deine Einladung gilt mir. Deine Liebe trägt mich. Dein Friede umhüllt mich.

Gepriesen seist du, Gott, der du alle Suchenden rufst. Der du alle Dürstenden tränkst. Der du alle Heimatlosen aufnimmst.

SEGEN

Segen der offenen Türen

Gott segne dich und behüte dich.

Gott öffne dir die Türen, die zu deinem Herzen führen. Gott schenke dir den Mut, hindurchzugehen.

Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Gott zeige dir den Platz zwischen Himmel und Herz, wo du zu Hause bist.

Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Den Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Der dich trägt auf allen deinen Wegen.

So segne dich der dreieinige Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

FRAGEN

1. Wenn Sie an einen Ort denken, wo Sie sich wirklich zugehörig fühlen – wer oder was ist dort anwesend? Welche Eigenschaften hat dieser Ort? Was müsste in Ihrem Leben vorhanden sein, damit Sie sich „zwischen Himmel und Herz“ zu Hause fühlen?

2. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen „spirituellen Werkzeugkasten“ – welche Worte, Rituale oder Praktiken würden Sie hineinlegen, die Ihnen helfen, mit dem „Geheimnis des Lebens“ in Berührung zu kommen? Was davon nutzen Sie bereits, ohne es vielleicht bewusst zu bemerken?

3. Wenn Ihre tiefste Sehnsucht eine Stimme hätte und zu Ihnen sprechen könnte – was würde sie Ihnen über Ihren Platz in der Welt erzählen? Wie würde sie den Satz „Du gehörst dazu“ für Sie persönlich vervollständigen?

Seelsorge. Verwundbarkeit

Zerbrechliches Leben – Verwundbarkeit und Heilung

Eine alte japanische Kunst:
Ein zerbrochenes Gefäß wird mit Gold gekittet.
Die Bruchstellen leuchten –
nicht trotz,
sondern wegen der Risse.

Ich stelle mir vor,
wie jemand mit den Fingern darüberstreicht.
Fast zärtlich.
Wie tröstlich wäre es,
wenn auch unsere eigenen Risse
so sichtbar sein dürften –
und so wertgeschätzt.

Zerbrochen
und doch ganz.

Diese Kunst heißt Kintsugi.
Goldverbindung.
Die Scherben, die Risse bleiben nicht unsichtbar,
sie werden Teil der Geschichte.
Teil des Wertes.
Teil der Schönheit.



Was für ein anderer Blick
auf das Zerbrochene!

In unserer Welt
sind Brüche oft Makel.
Wir sollen funktionieren,
unsere Narben verbergen,
weitergehen –
als wäre nichts gewesen.

Doch wie erschöpfend
ist dieses Versteckspiel.
Wie einsam das ständige „Alles gut“.

Was wäre,
wenn wir Verletzlichkeit
nicht als Schwäche sehen,
sondern als Raum?
Ein Raum für Tiefe,
für Weite,
für echte Begegnung?



Die Bibel erzählt
von einem Gott,
der sich selbst verwundbar macht.
Der mit uns geht –
nicht als Unversehrte –
sondern als einer,
der Wunden trägt.

Und der auferstandene Jesus sagt, als er seine Wunden zeigt:

Die Wunde
wird zum Erkennungszeichen.



Könnte es sein,
dass auch unsere Narben
Zeichen sind?
Nicht nur von Schmerz,
sondern von Leben?
Von Tiefe.
Von Reife.

Nicht nur Jesus –
auch die Menschen in der Bibel
sind selten makellos:
Mose stottert.
Hanna trauert.
Petrus versagt.
Ruth geht durch die Fremde.
Paulus trägt einen „Stachel im Fleisch“.

Verletzt.
Verletzlich.
Und doch gesegnet.



Manchmal denke ich:

Heilung bedeutet nicht,
dass keine Narbe bleibt.
Heilung bedeutet,
dass die Narbe
nicht mehr wehtut,
wenn man sie berührt.

Dass die Erinnerung
nicht mehr gefährlich ist.
Dass man wieder
atmen kann.
Sich aufrichten.
Weitergehen.

Vielleicht mit einer neuen Achtsamkeit.
Einer tieferen Empfänglichkeit
für das Zerbrechliche.



Wir alle kennen sie –
die Menschen mit gekitteten Herzen.
Behutsam.
Klar.
Ehrlich.
Weise geworden
durch das,
was sie überlebt haben.



Was wäre,
wenn auch Du
Deine Brüche
mit anderen Augen sehen könntest?

Wenn Du ihnen begegnest
wie ein Kunsthandwerker
der Scherbe für Scherbe
mit Gold verbindet –
in Geduld,
in Liebe,
in Würde?



Vielleicht liegt darin die Kraft:
Im Annehmen
der eigenen Verwundbarkeit.
Im Mut,
nicht perfekt sein zu müssen.
In der Hoffnung,
dass das Zerbrochene
nicht das Ende der Geschichte ist.

Sondern der Anfang.

Mit goldener Naht.

Songpredigt: Imagine. Zwei Träumer an der Schwelle zum neuen Jahr

Songpredigt: Imagine. Zwei Träumer an der Schwelle zum neuen Jahr

Altjahrsabend/Neujahr 2025/2026
Text: Offenbarung 21,5

Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu“


Wir stehen auf einer Schwelle.
Hinter uns ein Jahr.
Vor uns eine Zukunft.

Auf dieser Schwelle begleiten uns zwei Menschen.
Beide heißen John.
Beide sind Träumer.
Und beide träumen am Ende dasselbe:
Eine friedvolle, versöhnte Welt ohne Tränen.


I. Himmel oder Erde?

Der eine ist John Lennon. Liverpool. Der Beatle mit der runden Brille.
Er schrieb 1971 (vor genau 55 Jahren)ein Lied: „Imagine.“
Stell dir eine Welt ohne Himmel vor, träumte er.
Ohne Besitz. Ohne Gier. Ohne Grenzen.
Ohne Religion, die Menschen trennt.

1980 wurde er erschossen. Mitten in New York.


Der andere ist Johannes von Patmos. Der Verbannte.
Er saß auf einer Felseninsel im Exil.
Seine Freunde waren ermordet worden.
Die Welt war voller Gewalt.

Und dort, im Staub des Exils, sah er eine Vision:
Den Himmel auf der Erde.

Und er hörte eine Stimme:
„Siehe, ich mache alles neu.“

Das ist unsere Jahreslosung für 2026.


Was wäre, wenn die beiden sich begegnen würden?
Hier, auf der Schwelle zwischen Alt und Neu?


Ich stelle mir vor, John Lennon lehnt an seinem Klavier und sagt:
Es wäre doch ein wunderbarer Traum, wenn die Menschen nur den Himmel über sich sehen könnten. Aber nicht mehr den Himmel der Religionen brauchen“

Und Johannes, der alte Mann von der Insel, schüttelt den Kopf:
„Ich habe den Himmel gesehen. Er kommt auf die Erde herab.“

Lennon winkt ab:
„Das ist doch das Problem! Ihr Christen vertröstet die Leute. Wartet auf den Himmel!
Und während ihr wartet, verhungern die Kinder.
Während ihr zum Himmel starrt, führen die Menschen hier unten Krieg.“

Johannes antwortet leise:
„Ich habe nicht gesagt, wir sollen warten.
Ich habe gesagt: ‚Siehe!‘ – Schau hin! Es geschieht schon.

„Wo denn?“, fragt Lennon bitter.

„Überall, wo Menschen teilen. Wo sie Frieden stiften. Wo sie einander die Tränen abwischen.
Da bricht der Himmel auf die Erde.

Lennon schweigt einen Moment.
„Das ist zu wenig. Das reicht nicht.

„Nein“, sagt Johannes. „Es reicht nicht. Noch nicht.
Aber es ist der Anfang.


II. Die Tränen

Es wird still zwischen den beiden.
Dann fragt Lennon, die Stimme nun brüchiger:
„Wenn dein Gott alles neu macht – warum ist die Welt dann so?
Warum die Tränen? Warum der Tod?“

Johannes denkt an seine Insel. An das Exil.
„Das habe ich mich auch gefragt“, sagt er schließlich.
„Als meine Freunde starben.“

„Und dann?“

„Dann hörte ich eine Stimme:
‚Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.‘
Hör genau hin, John.
Da steht nicht: ‚Es gibt keine Tränen.‘
Da steht: Er wischt sie ab.
Eine nach der anderen.
Er berührt den Schmerz.“

Lennon schüttelt den Kopf.
„Das ist mir nicht genug.
Die Tränen müssen aufhören. Nicht abgewischt werden. Aufhören.

„Ja“, sagt Johannes fest.
„Und genau das verspricht die Stimme weiter:
‚Der Tod wird nicht mehr sein. Kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen.‘
Das Alte ist vergangen.“

„Aber wann?“

„Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß: Es ist schon unterwegs.

III. Was größer ist

Lennon schaut den Propheten an.
„Und wenn wir es nicht schaffen? Wenn unsere Zeichen zu klein sind?“

Johannes lächelt.
„Dann ist es gut, dass Gott größer ist als unsere Zeichen.“

„Was meinst du damit?“

„Ich meine: Ja, wir können Frieden stiften. Wir können teilen. Wir können einander die Tränen abwischen.
Und das ist auch Gottes Handeln. Wirklich.

Aber Gottes Handeln ist noch größer. Er macht neu – auch dort, wo wir nicht mehr können.
Wo unsere Kraft ausgeht.
Wo unsere Zeichen verwehen.
Wo wir scheitern.

Lennon schweigt lange.
Dann sagt er leise:
„Du glaubst, dass Du anfangen kannst.
Aber die Welt nicht retten musst.“

„Genau. Das glaube ich. Das ist meine Hoffnung“, sagt Johannes.
„Ich darf anfangen.
Und Gott vollendet.“


Zeichen der Hoffnung

Zwei Träumer.
John und Johannes.
Ich weiß nicht, ob eine Begegnung zwischen Ihnen so verlaufen wäre.
Und wie sie weiter gehen könnte.
Ob sie etwas miteinander anfangen können?
Aber ihre Träume…
Ihre Träume verbindet viel.

Wo der eine sagt „Stell dir vor“
Sagt der andere „Siehe“.

Beide sehen die kleinen Zeichen:
Wo Menschen teilen.
Wo sie Frieden stiften.
Wo sie einander halten.

Darin sind sie sich einig.

Aber Johannes glaubt auch:
Dass Gottes Handeln größer ist als unsere Zeichen.
Dass er neu macht – auch wo wir scheitern.
Dass er trägt – auch wo wir loslassen müssen.

Und das macht die kleinen Zeichen nicht kleiner.
Das macht sie freier.


Wir stehen auf der Schwelle.
und uns begleitet diese Zusage
„Siehe, ich mache alles neu.“

Gott macht neu.
Er hat längst angefangen.

Und weil er größer ist als unsere Zeichen,
können wir anfangen.

Schritt für Schritt.
Zeichen um Zeichen.
Tag für Tag.

Amen.


Fragen
zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

1. „Siehe, ich mache alles neu“ – wenn Sie diesem Satz einen kleinen Raum in Ihrem Alltag geben würden: Was wäre der erste, vielleicht kleinste Schritt?

2. Was in Ihnen darf sein, ohne sich ändern zu müssen – gerade jetzt, auf dieser Schwelle?


Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

Was bedeutet „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5)?

Das griechische Wort für „neu“ ist kainós. Es meint nicht „neu“ im Sinne von „unbenutzt“ (néos), sondern „neu“ im Sinne von „andersartig, verwandelt, qualitativ anders“. Gott restauriert nicht den alten Zustand. Er schafft etwas grundlegend Neues – bei gleichzeitiger Kontinuität. Das Alte wird nicht ausgelöscht, sondern verwandelt. Diese Vorstellung ist zentral für die jüdisch-christliche Hoffnung: Nicht Flucht aus der Welt, sondern Erneuerung der Welt.


Warum sitzt Johannes auf Patmos im Exil?

Johannes, der Seher der Offenbarung, befand sich auf der Insel Patmos in der Ägäis – vermutlich als Verbannter unter römischer Herrschaft. Patmos war in der Antike ein Ort der Verbannung für politische oder religiöse Dissidenten. Johannes war Teil einer verfolgten christlichen Minderheit. Seine Vision entstand also nicht in Sicherheit, sondern in existenzieller Bedrohung. Das verleiht dem Text eine besondere Kraft: Hoffnung nicht trotz, sondern mitten in der Krise.


Was ist der „neue Himmel und die neue Erde“?

In Offenbarung 21,1 greift Johannes auf eine Tradition aus Jesaja 65,17 zurück. Die Vision beschreibt keine räumliche Trennung zwischen „oben“ (Himmel) und „unten“ (Erde), sondern eine Durchdringung: Gottes Wirklichkeit kommt zur Erde. Der „Tempel“ verschwindet, weil Gott selbst bei den Menschen wohnt (Offb 21,22). Diese Vorstellung ist radikal: nicht Weltflucht, sondern Weltverwandlung. Gott gibt die Schöpfung nicht auf – er macht sie heil.


Wer war John Lennon und was meinte er mit „Imagine“?

John Lennon (1940–1980), Mitglied der Beatles, schrieb 1971 den Song „Imagine“. Der Text entwirft eine Welt ohne Religion, Besitz und Nationalstaaten – ein humanistischer Traum von Frieden durch Verzicht auf Ideologien. Sein Ansatz war radikal diesseitig: Frieden nicht durch Transzendenz, sondern durch Abbau trennender Strukturen. Der Song wurde zur Hymne pazifistischer Bewegungen, bleibt aber theologisch umstritten, weil er Hoffnung ausschließlich im Menschen verortet.
Damit bleibt er eine Herausforderung und eine Inspiration für Christen.


Die Zwölf Heiligen Nächte. Zwölf Fragen für das Innehalten

Zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar liegen die Zwölf Heiligen Nächte – eine uralte Tradition des Innehaltens und Betrachtens. In dieser besonderen Schwellenzeit zwischen Weihnachten und dem Fest der Heiligen Drei Könige lade ich Sie ein, jeden Tag eine Frage zu erkunden: im Tagebuch, im Gespräch mit vertrauten Menschen (deep talk) oder in einer Gruppe.

Die folgenden 12 Fragen helfen Ihnen dabei, das vergangene Jahr zu würdigen, dem kommenden Jahr zu begegnen und sich selbst neu zu entdecken – mal im Rückblick, mal im Ausblick, mal ganz im Hier und Jetzt.


RÜCKBLICK AUF das vergangene Jahr

  • Welche Kleinigkeit hat dich 2025 erstaunlich glücklich gemacht?
  • Welchen Satz hast du 2025 am häufigsten gesagt – und was sagt das über dich?
  • Was hast du dieses Jahr gelernt, das du eigentlich schon längst wusstest – aber erst jetzt wirklich verstanden hast?

 

SELBSTERKENNTNIS / GEGENWART

  • Was hast schon mal du aufgeschoben, das sich später als gute Entscheidung herausgestellt hat?
  • Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?
  • Welche deiner Eigenschaften nervt dich manchmal – und rettet dich an anderen Tagen?
  • Was brauchst du, um dich lebendig zu fühlen – nicht glücklich, nicht erfolgreich, sondern einfach: lebendig?
  • Welcher Ort auf der Welt fühlt sich für dich an wie nach Hause kommen – auch wenn du noch nie dort warst?
  • Welcher Mensch hat dich geprägt, ohne es zu wissen?

 

AUSBLICK AUF das nächste Jahr

  • Wenn 2026 ein Raum wäre, den du betrittst: Welche Tür lässt du bewusst zu? Und welches Fenster reißt du sperrangelweit auf?
  • Wenn dein Bauchgefühl und dein Kopf sich 2026 auf genau eine Sache einigen müssten – was wäre das?
  • Wenn du für 2026 eine völlig überflüssige, aber herrliche Tradition einführen könntest – welche?

Inspiriert hat mich zu dieser Sammlung ein Beitrag der großartigen KollegInnen von RefLab aus der Schweiz:
https://www.reflab.ch/eine-zwischenzeit-die-rauhnaechte/

Wer Spaß hat an weiteren Fragen:
https://www.reflab.ch/55-neue-fragen-zum-jahreswechsel-fuer-deep-talk-oder-journaling/
https://www.reflab.ch/100-fragen-zum-jahreswechsel/

 


Die Zwölf Heiligen Nächte. Zeit zwischen den Zeiten

Wenn zwei Kalender sich nicht einig sind

Die Zwölf Heiligen Nächte, auch Raunächte genannt, haben ihren Ursprung in einem praktischen Problem unserer Vorfahren: Wie bringt man Mond- und Sonnenjahr zusammen?

Ein Mondjahr ist elf Tage kürzer als ein Sonnenjahr – eine merkwürdige Lücke, die weder zum alten noch zum neuen Jahr gehört.

Diese Tage galten in germanischen
und keltischen Kulturen
als besondere Schwellenzeit:
Zwischen den Jahren.
Zwischen den Welten.

Die Zwölf Nächte vom 25. Dezember bis zum 6. Januar wurden so zu einer Zeit außerhalb der normalen Ordnung – jede Nacht einem Monat des kommenden Jahres zugeordnet, eine Ahnung dessen, was werden könnte.

Christliche Umdeutung: Aus gefährlichen Nächten werden heilige Nächte

Die frühe Kirche hat diese vorchristliche Tradition nicht einfach verboten, sondern verwandelt. Aus den „wilden“ Raunächten wurden die „heiligen“ Zwölf Weihnachtstage – die liturgische Zeit zwischen der Geburt Christi am 25. Dezember und dem Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanias) am 6. Januar.

Was vorher als gefährlich galt – die dünne Grenze zwischen den Welten, die Ungewissheit der Schwellenzeit –
wurde nun zum Raum für das Licht von Weihnachten.
Christus als Licht in der Finsternis, das durch die dunkelsten Nächte des Jahres hindurch bis zu seiner Erscheinung vor den Völkern leuchtet.

Die Bräuche blieben – verwandelt: Aus wildem Räuchern wurde Weihrauch, aus Schutzritualen der Haussegen. In manchen Häusern wird noch heute geräuchert, mit Gebeten statt Zaubersprüchen, die besondere Achtsamkeit auf Träume und innere Eindrücke nun als geistliche Übung der Gewissenserforschung.

Eine theologische Schwellenzeit

Die Zwölf Nächte lassen sich theologisch tiefer deuten: Wir leben „zwischen den Zeiten“ – das Heil ist in Christus schon gekommen und doch noch nicht vollendet.

Genau diese Spannung prägt die Zeit zwischen Weihnachten und Epiphanias. Das Kind in der Krippe ist geboren – aber was bedeutet das für die Welt, für mich, für das kommende Jahr? Die Nächte werden ein Raum, um dieser Frage nachzuspüren.

Was die Zwölf Nächte heute sein können

Heute entdecken viele Menschen diese alte Tradition neu – nicht als magisches Orakel oder Aberglauben, sondern als bewusste Auszeit.

Die Zwölf Nächte bieten einen Rhythmus für das, was im Alltag oft untergeht:
das stille Nachdenken,
das achtsame Sortieren,
das Gespräch ohne Zweck.

In manchen Gemeinden gibt es „Raunachts-Exerzitien“ – bewusste Auszeiten zwischen den Jahren. Jeden Abend eine Andacht, ein Wort, eine Frage. Andere nutzen die Zeit für Haussegnungen, für das bewusste Räuchern und Beten in den eigenen vier Wänden, für Rituale des Loslassens und Neuanfangens.

In Kliniken und palliativen Einrichtungen kann diese Zeit besonders wertvoll werden: Wenn die normale Geschäftigkeit pausiert, wenn die Welt draußen zwischen den Jahren innehält, entsteht Raum für das, was wirklich zählt. Für Trauer und Hoffnung. Für Rückschau und Vorausschau. Für das Licht, das auch in den dunkelsten Nächten nicht ausgeht.

Die Fragen als Begleiter

Die 12 Fragen sind keine Checkliste, sondern Wegbegleiter durch diese besondere Zeit. Sie helfen, in Kontakt zu kommen – mit sich selbst, mit anderen, mit dem Jahr, das hinter und vor Ihnen liegt, vielleicht auch mit Gott, der mitgeht. Vielleicht sind sie auch Inspiration für eigene Fragen.

Sie entscheiden, wie Sie die Fragen nutzen: allein oder mit anderen, als geistliche Übung oder achtsame Begegnung mit sich selbst.

Die Zwölf Nächte warten.
Für das, was Sie nicht aussprechen können.
Für das, was Sie loslassen wollen.
Für das, was werden darf.

Maria bewegte dies im Herzen

Eine weihnachtliche Andacht im Hospiz: Maria bewegte dies im Herzen

Es gibt einen Satz in der Weihnachtsgeschichte, der leicht überlesen wird. Zwischen all den Engeln und Hirten steht er da, fast unscheinbar: „Maria aber bewahrte alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“
Während um sie herum alles in Bewegung ist – Menschen kommen und gehen, erzählen und staunen – zieht Maria sich zurück.
Nach innen.
Ins Herz.

Was für ein merkwürdiges Wort: bewegen.
Als wäre das Herz ein Raum, in dem man Dinge hin- und herwenden kann. Als wäre Erinnern etwas Lebendiges.
Wenn Maria uns etwas zeigt, dann das: Es gibt eine Zeit, in der das Äußere still wird – und das Innere beginnt. Eine Zeit, in der man nicht mehr für andere funktionieren muss. In der man hören darf, was in einem selbst nachklingt.

Vielleicht sind es Erinnerungen – ein Gesicht, das immer wieder auftaucht. Ein Moment, zu dem Sie zurückkehren. Eine Szene, die hell leuchtet.
Vielleicht sind es Worte – ein Satz, der getragen hat. Eine Stimme, die nachhallt.
Oder vielleicht ist es das Tragende selbst – das, was Sie durch die Jahre getragen hat. Auch wenn Sie es nicht benennen können.

Wenn das Leben leiser wird, beginnt eine andere Bewegung. Im Herzen.
Das ist das Geschenk der Weihnachtsgeschichte:
Du darfst bewegen, was dich bewegt hat.
Und dabei wirst du nicht allein sein.
Gott ist dort, wo das Herz sich öffnet. Wo Erinnerungen lebendig werden. Wo Schmerz und Dankbarkeit nebeneinander sein dürfen.
Möge Ihnen diese Zeit gegeben sein – die Zeit, in der Sie nicht mehr tun müssen. Die Zeit, in der Sie einfach sein dürfen.

Und möge Gottes Friede Sie dabei umgeben und tragen.

Amen.

Predigt. Weihnachten: Sie öffneten ihre Schätze.

Die unerwartete Tischgemeinschaft

Matthäus 2,11
„Sie öffneten ihre Schätze.“
(Aus der Geschichte mit den Weisen aus dem Morgenland)


I.

Stellen Sie sich vor: Drei Leute machen sich auf den Weg.
Sie kennen sich nicht.
Sie haben unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Geschichten.
Aber da ist dieser Stern. Und der zieht sie.

Und dieser Stern führt sie an einen Ort, an dem sie nicht erwartet hätten zu landen.
Kein Palast. Kein Thronsaal.
Sondern: ein Stall. Und dort: ein Baby.

Und jetzt stehen sie da, diese drei Fremden, und schauen sich an –
und dann erst mal verstohlen zu dem Baby –
und denken vielleicht: „Na gut. Dann sind wir wohl jetzt zusammen hier.“

II.

Heiligabend in der Klinik ist auch so eine unerwartete Tischgemeinschaft.
Beim Frühstück, in den Therapiegruppen.
Aber auch heute hier beim Gottesdienst.
Sie sitzen heute Morgen mit Menschen zusammen, die Sie vor ein paar Wochen nicht kannten.
Vielleicht hätten Sie sich nie getroffen, wenn nicht dieser eine Stern – nennen wir ihn mal: das Leben – Sie hierher geführt hätte.

Und wenn man das erste Mal an so einem Tisch sitzt, schaut man ja auch.
Ein bisschen verstohlen. Links, rechts. Wer sitzt da eigentlich?
Was haben die für Geschichten? Warum sind die hier?
Und während man noch schaut, merkt man: Die anderen schauen auch.

Manche von Ihnen sind froh, heute hier zu sein.
Froh, nicht an einem Tisch zu sitzen, wo alte Fragen lauern.

Andere vermissen etwas.
Einen Geruch, eine Stimme, eine Gewohnheit.

Aber Sie sind hier.
Und Sie sind nicht allein.

III.

Und jetzt kommt der Moment, der in der Weihnachtsgeschichte so leicht überlesen wird:
„Sie öffneten ihre Schätze.“
Die drei Weisen packen aus.
Gold, Weihrauch, Myrrhe.
Sie legen hin, was sie haben.

Und jetzt wird’s interessant: Was haben Sie eigentlich dabei?
Was liegt in Ihrer Truhe, wenn Sie heute an diesen Tisch kommen?

Gold.
Das Glänzende, das Wertvolle.
Vielleicht die Fähigkeit, andere zum Lachen zu bringen.
Vielleicht die Erinnerung an einen Moment, in dem man mutig war.
Vielleicht das Talent, zuzuhören.
Vielleicht einfach: die Tatsache, dass man heute hier sitzt.
Das ist Gold.

Weihrauch.
Das, was aufsteigt, was leicht macht.
Ein Seufzer, der Erleichterung bringt.
Die Hoffnung, dass es weitergeht – auch wenn man nicht weiß, wie.
Das Gebet, das man nicht aussprechen kann, aber das trotzdem da ist.
Das ist Weihrauch.

Und ja, auch die bittere Myrrhe.
Das Bittere, das Leben, wie es ist.
Die Narben, die Brüche.
Die Frage, warum man ausgerechnet hier ist und nicht dort.
Auch das liegt auf dem Tisch.
Und siehe da: Es passt.

Heute, an Heiligabend, darf das Gold glänzen.
Und der Weihrauch aufsteigen.

Und die Myrrhe?
Die darf auch da sein.
Aber sie muss heute nicht das letzte Wort haben.

IV.

Heiligabend in der Klinik ist kein perfekter Tisch.
Keine Hochglanz-Szene mit Kerzen und Tannenzweigen
und glücklichen Gesichtern.

Es ist ein Tisch, an dem Menschen sitzen,
die Gold, Weihrauch und Myrrhe dabei haben.
Und die nicht gefragt werden: „Warum bist du hier?“
Sondern: „Was hast du dabei?“

Und das ist das Geschenk dieser Tischgemeinschaft:
Keiner muss sich rechtfertigen.
Keiner muss erklären, warum er nicht woanders ist.
Es reicht, da zu sein.
Und hinzulegen, was man hat.

V.

Und das Kind in der Krippe?
Es nimmt alles an.
Es sagt nicht: „Gold ist mir zu schwer.“
Es sagt nicht: „Myrrhe ist mir zu bitter.“

Und – so sagt es ein altes Gebet – es lächelt, wenn es dich sieht.

Du musst nicht perfekt sein, um willkommen zu sein.
Du darfst kommen, wie du bist. Mit dem, was du hast.

Und das Kind?
Es liegt da – nicht, um etwas von dir zu fordern.
Es liegt da – um dir etwas zu geben: Sich selbst.

Du bist nicht allein an diesem Tisch.
Nicht nur, weil andere da sind.
Sondern weil einer da ist, der sagt:
„Ich bin für dich gekommen. Ich bleibe bei dir.“
Christus selbst. Er ist auch zu Gast an unseren Tischen.

VI.

Die drei Weisen gingen später auf einem anderen Weg zurück.
Sie waren nicht mehr dieselben.
Nicht, weil alles plötzlich gut war.
Sondern weil sie geteilt hatten, was sie hatten.
Und weil sie etwas bekommen hatten: Dieses Kind. Für sich.

Heute Morgen sitzen Sie hier.
Heute Abend sitzen Sie wieder zusammen.

Vielleicht nehmen Sie das mit: Sie sitzen an einem unerwarteten Tisch. Aber Sie sitzen nicht allein.
Und was Sie mitgebracht haben – Gold, Weihrauch, Myrrhe – es passt.

Und damit beschenken Sie sich gegenseitig.
Mit dem, was Sie sind.

Aber das größte Geschenk sitzt mit am Tisch:
Christus selbst.
Nicht nur heute.

Frohe Weihnachten.


Fragen
zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Wo haben Sie heute „Weihrauch“ gerochen? Einen Moment, der leicht war. Ein Lächeln. Eine Hoffnung.
  2. An welchem „unerwarteten Tisch“ sitzen Sie gerade? Und wer sitzt mit Ihnen dort?
  3. Was würde sich ändern, wenn Sie glauben könnten, dass Gott lächelt, wenn er Sie sieht?

Meditativer Nachklang

Drei Fremde. Ein Stern. Ein Tisch.
Sie packen aus, was sie haben.
Gold, Weihrauch, Myrrhe.

Heute sitze ich an einem unerwarteten Tisch.
Ich habe nicht alles dabei, was ich mir wünsche.
Aber ich habe etwas.

Vielleicht Gold – das, was in mir noch glänzt.
Vielleicht Weihrauch – die Hoffnung, die noch duftet.
Vielleicht Myrrhe – das Schwere, das ich trage.

Heute bin ich nicht allein.
Andere sitzen mit mir am Tisch.
Andere haben auch etwas dabei.

Und Gott?
Er lächelt.
Und gibt sich selbst.




Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Kurze Antwort: Die drei Gaben der Weisen haben symbolische Bedeutung:

  • Gold = Königswürde (Jesus als König)
  • Weihrauch = Göttlichkeit (Jesus als Gott)
  • Myrrhe = Sterblichkeit (Jesus wird leiden und sterben)

Vertiefung: In der antiken Welt waren dies königliche Geschenke. Gold war wertvoll und beständig. Weihrauch wurde im Tempel als Opfergabe verbrannt (vgl. Psalm 141,2). Myrrhe war ein bitteres Harz, das zur Einbalsamierung verwendet wurde (vgl. Johannes 19,39 – Myrrhe bei Jesu Begräbnis).


Wer waren die „Weisen aus dem Morgenland“?

Kurze Antwort: Die „Weisen“ (griechisch: μάγοι, magoi) waren keine Könige, sondern Sterndeuter, Gelehrte oder Weise aus dem persischen Raum. Sie repräsentieren die Völkerwelt (Nicht-Juden), die Jesus als König anerkennen.

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

„Ja, ist schon wieder Weihnachten?“ Plötzlich ist es da. Nicht angekündigt. Nicht vorbereitet. Es schiebt sich hinein zwischen Termine und Müdigkeit, zwischen das, was noch zu erledigen wäre, und das, wofür die Kraft fehlt. Zwischen Nachrichten, die uns verfolgen, und Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen.

Und dann diese alte, vertraute Geschichte. Unscheinbar erzählt.

Ein Kind wird geboren. Nachts. In einem Stall. Abseits von allem, was glänzt. Weit entfernt von jeder Hochglanz-Idylle.

Hirten kommen. Menschen vom Rand. Übernächtigt, erschöpft, mit staubigen Kleidern. Sie bringen nichts mit. Keine Geschenke. Keine besonderen Worte. Nur sich selbst. Leere Hände.

Vielleicht ist genau das der Kern dieser Nacht: Nicht die Inszenierung. Sondern die Gegenwart. Ankommen, wo man gerade steht. Mit dem, was ist – nicht mit dem, was fehlen könnte.

Weihnachten muss nichts beweisen. Es darf eng sein. Rau. Unfertig.

Dieses Fest gelingt nicht durch Programme. Sondern durch das, was bleibt: Menschen, die einander aushalten. Nähe ohne Anspruch. Zeit ohne Eile.

Einfach da sein.

Das ist das Geschenk, das niemand kaufen kann: Deine Präsenz. Dein Bleiben.

Du darfst ankommen. Bei dir selbst. Bei den Menschen, die dir wichtig sind. Und – wenn man diesem alten Text traut – auch bei Gott.

„Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?“ Ja. Endlich.


Predigt. Advent bedeutet auf dem Weg zu sein

Der Weg ist zu weit – und hier ist Stärkung

Teil 3 der dreiteiligen Andachtsreihe zu Elia in der Wüste

Bibelstelle: 1. Könige 19,7-8

Der Bibeltext (BasisBibel):

Doch der Engel des HERRN kam noch einmal und berührte ihn. Er sagte: »Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich.« Da stand Elia auf, aß und trank. Durch diese Speise gestärkt, wanderte er vierzig Tage und vierzig Nächte lang bis zum Gottesberg Horeb.


I.

„Der Weg ist dir zu weit.“ Das sagt der Engel zu Elia.
Nicht: „Stell dich nicht so an.“ Nicht: „Du schaffst das schon.“
Sondern: „Ja. Ich weiß.“

Und vielleicht brauchen Sie das heute auch zu hören:
Dass jemand weiß, wie weit der Weg ist.
Der Weg bis Weihnachten.
Der Weg zurück nach Hause.
Der Weg durch diese Krankheit.
Advent heißt: unterwegs sein. Und manchmal ist der Weg – zu weit.

II.

Der Engel kommt zurück. Berührt Elia.
Wieder. „Steh auf und iss.“
Und dann sagt er etwas Merkwürdiges: „Denn der Weg ist dir zu weit.“

Das ist keine Aufmunterung.
Das ist Wahrheit.
Der Engel sagt nicht: „Ach, so schlimm ist es doch gar nicht.“
Er sagt: „Ich weiß, es ist zu viel.“
Und dann gibt er nicht weniger Weg. Er gibt mehr Kraft.

„Steh auf und iss. Sonst ist der Weg zu weit für dich.“
Das heißt: Mit diesem Brot – ist er nicht zu weit.

III.

Wer ist dieser Engel?
Im Hebräischen steht hier: mal’ach JHWH. Bote Gottes.
Aber nicht irgendein himmlisches Wesen.
Sondern: Gott selbst, in Gestalt.

Wenn der Engel Brot gibt – gibt Gott selbst.
Wenn der Engel berührt – berührt Gott.

Der Engel kommt. Das ist Advent.
Advent heißt Ankunft.
Nicht nur: Ich mache mich auf den Weg.
Sondern: Gott macht sich auf den Weg. Zu mir.

Die Stärkung ist nicht nur Nahrung.
Die Stärkung ist: Du bist nicht allein.

IV.

„Wer ist mein Engel?“
Vielleicht die Pflegekraft, die nachts noch mal kommt und fragt: „Brauchen Sie noch was?“
Vielleicht der Anruf von zu Hause.
Die Stimme, die sagt: „Wir denken an dich.“
Vielleicht das Gespräch mit der Ärztin, das Klarheit bringt.
Oder die halbe Stunde Schlaf, die wirklich Erholung war.

Engel sind nicht immer unsichtbar. Manchmal haben sie Hände.
Manchmal eine Stimme. Und in ihnen – ist Gott selbst.

V.

„Was ist mein Brot?“ Nicht nur: was ich esse.
Sondern: was mich stärkt.

Für Elia war es Brot. Echtes Brot.
Für Sie heute vielleicht auch.
Das Essen am Mittag.
Der Tee am Nachmittag.

Aber manchmal ist Brot auch:
Der Blick aus dem Fenster.
Das Tageslicht.
Die Musik, die Sie hören.
Das Gebet, das Sie sprechen.

Manchmal ist Brot: Dass jemand da ist.
Einfach nur da. Dass Sie nichts müssen.

Brot ist, was Sie heute am Leben hält.
Was Ihnen Kraft gibt – für den nächsten Schritt.
Und Gott sagt: „Nimm es. Es ist für dich.“

VI.

Elia isst. Trinkt. Und geht.
Nicht, weil er stark ist. Nicht, weil er einen Plan hat.
Sondern – in der Kraft dieser Speise.

Vierzig Tage. Vierzig Nächte.
Schritt für Schritt.
Nicht das große Ziel im Blick. Nur: den nächsten Schritt.

Und am Ende – steht er am Gottesberg.

VII.

Aber vielleicht ist das Geheimnis dieses Weges nicht, dass Elia durchgehalten hat.
Sondern dass Gott ihm entgegengekommen ist.

Advent heißt Ankunft.
Nicht nur: Ich bin unterwegs.
Sondern: Gott ist unterwegs. Zu mir.

Ich muss nicht ankommen.
Ich muss nur gehen.
Denn irgendwo auf diesem Weg –
begegne ich dem, der mir entgegenkommt.

Der Weg ist nicht zu weit –
wenn einer mitgeht, der weiß, wie weit er ist.
Und wenn einer kommt, der sagt: „Hier. Stärke dich erst mal.“
Und dann gehen wir – zusammen.

Amen.

Fragen
zur persönlichen Reflexion,
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch,
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Welcher Weg liegt gerade vor Ihnen – und fühlt sich zu weit an?
    (Der Weg bis Weihnachten? Der Weg durch die Behandlung? Der Weg zurück ins Leben?)
  2. Wer war in letzter Zeit ein „Engel“ für Sie?
    (Wer hat Sie gestärkt? Wer war einfach da? Wer hat Ihnen Brot gegeben – im wörtlichen oder übertragenen Sinn?)
  3. „Der Weg ist nicht zu weit – wenn Gott selbst mitgeht.“ Was bedeutet das für Sie?
    (Wo haben Sie das schon erlebt? Oder: Wo sehnen Sie sich danach?)


Meditativer Nachklang

Was ist heute mein Brot?
Was gibt mir Kraft für den nächsten Schritt?

Vielleicht das Essen am Mittag.
Vielleicht der Schlaf, der wirklich Erholung war.
Vielleicht das Licht, das durchs Fenster fällt.
Vielleicht die Stimme am Telefon.
Vielleicht die Hand, die mich berührt.
Vielleicht die Stille, in der ich atmen darf.

Du sagst: „Hier. Nimm.“
Nicht für morgen.
Nicht für den ganzen Weg.
Nur: für jetzt.

Und das reicht.

Amen.

Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.


Was bedeutet „vierzig Tage und vierzig Nächte“?

Die Zahl 40 ist in der Bibel keine mathematische Angabe, sondern eine symbolische. Mose war vierzig Tage auf dem Berg Sinai (2. Mose 24,18)
Israel wanderte vierzig Jahre durch die Wüste (5. Mose 8,2)
Jesus fastete vierzig Tage in der Wüste (Matthäus 4,2)
Die Zahl 40 steht für: Zeit der Prüfung. Zeit der Vorbereitung. Zeit der Verwandlung.
Elia geht vierzig Tage zum Gottesberg Horeb (der andere Name für den Sinai). Und dieser Weg ist schon ein Teil des Wandlungsprozesses in ihm. Der Weg ist nicht notwendige Vorbereitung. Er ist Teil des Heilungsweges.


Was ist der „Gottesberg Horeb“?

Horeb ist der andere Name für den Berg Sinai. Der Anfangspunkt der Geschichte Gottes mit Israel.
Elia geht dorthin. Zurück zu den Anfängen. Zurück zum Ursprung.
Warum?
Weil er nicht mehr weiß, wer er ist. Weil er nicht mehr weiß, was sein Auftrag ist. Weil er erschöpft ist und verzweifelt.
Und Gott sagt nicht: „Mach weiter wie bisher.“
Er sagt: „Komm. Zurück an den Anfang. Zurück zu mir.“
Die Botschaft: Manchmal ist der Weg nach vorn – ein Weg zurück. Zurück zu den Wurzeln. Zurück zu Gott.

Predigt. Gott spricht nicht, er backt Brot


Andacht 2: Gott spricht nicht, er backt Brot

Teil 2 der dreiteiligen Andachtsreihe zu Elia in der Wüste

Bibelstelle: 1. Könige 19,5–6

Der Bibeltext (BasisBibel):

Dann legte Elia sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch plötzlich berührte ihn ein Engel und sagte zu ihm: »Steh auf und iss!« Elia schaute auf. Zu seinen Häupten stand ein Krug mit Wasser und lag ein Brot, das auf heißen Steinen gebacken war. Er aß und trank und legte sich wieder hin.


I.

Advent in der Klinik sieht anders aus.
Kein Plätzchenduft, keine Kerzen am Küchentisch.
Stattdessen Klinkalltag.

Und doch ist Advent da.
Nicht draußen, nicht laut, nicht festlich.
Sondern mittendrin: im Warten, im Ausruhen-Müssen, im Aus-der-Hand-Geben.

II.

Elia liegt unter dem Ginsterstrauch.
Eine lebensbedrohliche Situation hatte ihn aus der Bahn geworfen.
Er war in die Wüste geflüchtet.
Ausgebrannt. Leer.
Er hat Gott gesagt:
„Es reicht. Ich kann nicht mehr.“
Dann schläft er ein. Er tut nichts mehr. Er kann nichts mehr.
Das ist kein Glaubensheldenmoment.
Das ist Klinikmodus: liegen, warten, schlafen.

III.

Während Elia schläft, kommt ein Engel.
Kein Lichtstrahl vom Himmel. Keine Stimme aus den Wolken.
Der Engel hält keine Rede.
Der Engel backt Brot.
Frisches Brot auf heißen Steinen. Ein Krug Wasser daneben.
Ganz elementar. Ganz bodenständig.
So, als wüsste Gott: Mehr geht gerade nicht.

IV.

Der Engel berührt Elia. Sanft.
„Steh auf und iss.“
Keine Erklärung, warum alles so gekommen ist.
Keine Vertröstung auf später.
Nur: Essen. Trinken. Kraft sammeln.

So kann Advent in der Klinik aussehen:
Nicht als Antwort auf alle Fragen,
sondern als kleine Stärkung für den
nächsten Schritt.
Oder nur für den nächsten Atemzug.

V.

Manchmal helfen keine Worte mehr.
Keine Predigt. Keine frommen Sätze.
Manchmal braucht es etwas Konkretes:
eine warme Mahlzeit, ein Glas Wasser, eine Hand auf der Schulter,
jemanden, der kurz bleibt.

Das Brot hat die Botschaft: Du musst jetzt nichts leisten.
Du darfst versorgt werden.

VI.

Vielleicht ist Advent hier genau das:
Dass Gott nicht laut wird, sondern nahe.
Dass er nicht erklärt, sondern aushält.
Dass er nicht fordert, sondern nährt.
Gott redet nicht immer.
Manchmal backt er.

Manchmal spüren wir ihn darin, das wir gut versorgt werden.

VII.

Vielleicht spricht Gott heute nicht.
Aber vielleicht – vielleicht steht das Brot schon da.
Unauffällig. Still.
Und wartet.
Amen.



Fragen
zur persönlichen Reflexion,
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch,
oder ein vertrauensvolles Gespräch



Meditativer Nachklang

Hoffnung
riecht nach frischem Brot.
Sie schmeckt nach Wasser.
Sie fühlt sich an wie eine Hand, die dich sanft berührt.

Du musst sie nicht erklären.
Du musst sie nicht verstehen.
Du darfst essen, trinken, schlafen.
Und das ist genug.



Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Das hebräische Wort rav bedeutet wörtlich „viel“ oder „zu viel“. Elia sagt „Es ist zu viel.“ Eine Kapitulation vor der Last.
Dieser Satz ist ein Erschöpfungsschrei. Elia hat gerade den größten Triumph seiner Karriere erlebt (Feuer vom Himmel am Karmel, 1. Kön 18), und dann – Todesdrohung von Königin Isebel. Der Kontrast zwischen Sieg und Zusammenbruch ist brutal.
Theologisch bemerkenswert: Gott wertet diesen Satz nicht ab. Er sagt nicht „Reiß dich zusammen“ oder „Du bist stärker, als du denkst“. Er lässt Elia schlafen. Das ist radikale Akzeptanz: Gott nimmt die Überforderung ernst.
Für Menschen in Erschöpfung heute: „Es ist zu viel“ ist keine Schwäche. Es ist die ehrlichste Sprache, die wir manchmal haben.

Advent und die Gezeiten der Seele

Ebbe. Ein Adventsimpuls vom Wattenmeer

Wenn die Nordsee sich zurückzieht, verändert sich nicht nur die Landschaft – es verändert sich der Klang der Welt.

Das laute, beruhigende Rauschen der Wellen weicht dem Flüstern des Windes über nassem Schlick. Die Luft wird schärfer, salziger, nüchterner. Keine Duftkerzen hier, nur die klare, kalte Wahrheit der freiliegenden Küste. Der Horizont rückt nicht näher – im Gegenteil: Wo eben noch Wasser war, dehnt sich jetzt eine weite, ungeschönte Fläche aus.

Und plötzlich siehst du, was die Flut verborgen hatte.

Wenn das Leben Ebbe hat

Der Advent lädt uns ein zu dieser Ebbezeit der Seele. Zur Erlaubnis, innezuhalten und hinzuschauen: Was wird sichtbar, wenn der Lärm des Alltags sich zurückzieht? Wenn die ständige Betriebsamkeit – wie das Rauschen der Flut – für einen Moment verstummt?

Fasten: Den Wohlstandsspeck der Seele abbauen

Wenn wir von „Fasten im Advent“ sprechen, geht es nicht um Kalorien oder Verzicht auf Schokolade.

Es geht um den Wohlstandsspeck der Seele.

Unsere Seele hat sich im Laufe der Zeit Polster zugelegt – Schutzschichten aus Ablenkung, Betäubung und ständiger Beschäftigung. Netflix-Marathons. Endloses Scrollen. Der immer volle Terminkalender. Die Musik, die jede Stille übertönt. Die Geschäftigkeit, die uns davon abhält, bei uns selbst anzukommen.

Sie können zu einer Isolierschicht werden, die uns von unserem eigenen Innenleben trennt. Die zwar wärmt, aber auch taub macht.

Fasten im Advent bedeutet: Diese Schicht bewusst dünner werden lassen. Nicht aus Selbstkasteiung. Sondern aus Neugier. Aus Sehnsucht nach dem, was darunter liegt.

Was passiert, wenn ich das Handy für eine Stunde weglege? Was höre ich, wenn ich die Kopfhörer abnehme? Was spüre ich, wenn ich nicht sofort zum nächsten Event eile?

Die Wracks und die Muscheln

Wenn das Watt freiliegt, kommt beides zum Vorschein: die Schätze und die Wracks.

Da liegt der rostige Anker alter Enttäuschungen. Die ungesagten Worte. Die zerbrochenen Vorsätze. Man kann jetzt nicht mehr so tun, als wären sie unsichtbar. Aber – und das ist wichtig – es geht nicht darum, sie sofort zu bergen oder zu reparieren. Es geht darum, sie als das zu sehen, was sie sind: Markierungen. Orte, an denen etwas gescheitert ist.

Und dann sind da die Muscheln. Klein, unscheinbar, aber vom Wasser blankgespült und von allem Überflüssigen befreit. Sie sind nicht prunkvoll. Aber sie sind klar. Sie sind echt. Du kannst sie in der Hand halten.

Das sind die wahren Schätze der Ebbezeit: Die drei Sekunden Stille im Auto. Die Melodie eines Songs, die dich unerwartet berührt. Die ehrliche Zeile im Tagebuch. Das Lächeln eines Menschen. Beweise der Schönheit, die keine Lautstärke brauchen.

Das Tagebuch als Muschelsammlung

Hier kommt eine Einladung: Sammle diese Muscheln.

Nicht als Pflichtübung. Sondern weil deine Seele einen Ort braucht, an dem diese Momente aufbewahrt werden. Ein Tagebuch. Eine Notiz-App. Irgendwo, wo du ehrlich sein kannst.

Schreib auf, was dich berührt hat. Was schön war. Was schwer war. Was du entdeckt hast, als die Flut sich zurückzog. Es müssen keine poetischen Meisterwerke sein. Es reichen Stichworte. Fragmente. Ehrliche Worte.

Diese kleinen Notizen werden zu Nahrung für etwas Wichtiges: für die Sehnsucht.

Die Sehnsucht nähren

Die Sehnsucht ist nicht das Ziel. Sie ist der Beweis, dass die Flut wiederkommen wird.

Die Ebbe ist real. Sie ist manchmal kalt und unbarmherzig ehrlich. Aber sie ist nicht für immer. Das Wattenmeer kennt keinen Zweifel. Der Rhythmus der Gezeiten ist verlässlich. Die Flut kehrt zurück.

Und bis dahin darfst du sammeln. Die Schätze. Die ehrlichen Momente. Die Muscheln des Lebens.

Das ist die Kunst der Adventszeit: Nicht die Sehnsucht zu verdrängen oder mit Ablenkung zu übertönen. Sondern sie zu nähren. Mit dem, was wirklich trägt. Mit dem, was echt ist.

Eine Einladung

Der Advent ist nicht die Zeit für noch mehr Leistung oder noch mehr Selbstoptimierung.

Der Advent ist die Erlaubnis, innezuhalten. Die Ebbezeit der Seele zuzulassen. Den Wohlstandsspeck abzulegen. Hinzuschauen, was da liegt. Die Sehnsucht nicht zu verdrängen, sondern zu nähren.

Und vielleicht – nur vielleicht – wirst du dabei entdecken, dass die Ebbe nicht das Ende ist. Sondern der Raum, in dem du den Klang deiner eigenen Seele wieder hören kannst.

Die Flut kommt zurück. Aber bis dahin: Sammle deine Muscheln.


Was liegt bei dir gerade frei, wenn die Flut sich zurückzieht? Welche Muschel hast du heute gefunden?

Predigt. Elia unter dem Ginsterstrauch. Der heilsame Schlaf

Unter dem Ginsterstrauch – Der heilsame Schlaf
Teil 1 der dreiteiligen Andachtsreihe zu Elia in der Wüste
Bibelstelle: 1. Könige 19,3-4

Der Bibeltext (BasisBibel):

Elia bekam Angst. Er machte sich auf und lief um sein Leben. So kam er nach Beerscheba, das zu Juda gehört. Dort ließ er seinen Diener zurück. Er selbst ging eine Tagesreise weit in die Wüste hinein. Dann setzte er sich unter einen Ginsterstrauch. Er wünschte sich zu sterben und sagte: »Es ist genug! Nimm nun mein Leben, HERR! Denn ich bin nicht besser als meine Väter.«

I.

Sie sind jetzt hier.
Nicht zu Hause, nicht auf dem Weihnachtsmarkt.
Hier.
Manche von Ihnen wollten das – ein Rückzugsort, wenn draußen alles zu laut wird.
Manche würden lieber woanders sein.
Beides ist okay. Und beides kann schwer sein.

II.

Da ist dieser Prophet Elia.
Gerade noch Feuer vom Himmel geholt.
Gerade noch Sieger über die Baalpriester.
Szenen wie in einem Actionfilm.
Mit Tom Cruise oder Daniel Craig als Elia.

Und dann – eine Todesdrohung von der Königin.
Und Elia? Er rennt.
Nicht joggen.
Nicht Nordic Walking.
Sondern: weg hier.
Elia, der Prophet – auf der Flucht.
Wie schnell das gehen kann.
Er rennt, bis er nicht mehr kann.

Dann setzt er sich unter einen Ginsterstrauch.
Einen kargen Busch in der Wüste.
Kein richtiger Baum, kein richtiger Schatten.
Nur: irgendwo.

Vielleicht kennen Sie das – manchmal reicht es, einfach irgendwo zu sein, wo man nicht funktionieren muss.

III.

Und dann sagt Elia:
„Es ist genug. Nimm mein Leben, Gott.
Ich bin nicht besser als die anderen.“

Keine Durchhalteparolen.
Kein „Ich schaffe das noch“.
Nur: „Es reicht.“

Und wissen Sie, was passiert?
Gott sagt nicht: „Reiß dich zusammen.“
Gott sagt nicht: „Du bist stärker, als du denkst.“
Gott lässt ihn schlafen.

IV.

Hier in der Klinik darf sein, was ist.
Die Erschöpfung.
Das „Ich kann nicht mehr“.
Das ist okay.

Advent draußen ist oft laut.
Viel Programm, viele Erwartungen.
Vielleicht ist es hier ruhiger.
Oder vielleicht fühlt sich gerade das schwer an – diese Stille.
Beides darf sein.

V.

Sie müssen jetzt nicht stark sein.
Sie müssen jetzt nicht hoffen.
Sie dürfen müde sein.

Und vielleicht ist das schon der erste Schritt:
Dass Sie es sagen dürfen.
„Es ist zu viel.“

Gott lässt Elia schlafen.
Kein Vorwurf.
Keine Aufgabe.
Nur: Schlaf.
Und das ist ein guter Anfang.
Amen.



Fragen
zur persönlichen Reflexion,
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch,
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Gibt es einen inneren Ort, an dem Sie sich hinlegen dürfen – ohne etwas leisten zu müssen?
  2. Was würde sich verändern, wenn Sie sich erlauben, müde zu sein?


Meditativer Nachklang

„Unter dem Ginsterstrauch“

In der Dunkelheit darf sein, was ist.
Die Müdigkeit.
Die Überforderung.
Das „Ich kann nicht mehr“.

Du musst jetzt nichts tun.
Du darfst dich hinlegen.
Und schlafen.

Und vielleicht –
vielleicht
wacht morgen
etwas in dir auf,
das heute noch schläft.



Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Impuls: Weihnachten in der Klinik – In der Werft, nicht im Palast

⚓ In der Werft, nicht im Palast

Advent und Weihnachten in der Klinik


Es kommt ein Schiff

Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein‘ höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.

Ich höre das alte Adventslied in diesen Tagen öfter – im Radio, irgendwo zwischen den Fluren.
Ein Lied aus einer anderen Welt, von draußen, wo Advent stattfindet.
Hier drinnen ist Advent anders.
Weihnachten in der Klinik – das klingt nach Stillstand, nach Verzicht, nach einem Fest, das woanders stattfindet.
Aber das Lied bleibt hängen.
Besonders diese eine Zeile: „Es trägt ein‘ teure Last.“


Mein Schiff

Ich denke an mein eigenes Schiff.
Das Lebensschiff, das mich hierhergebracht hat.
Ramponiert, mit einem Riss im Rumpf, der jetzt sichtbar wird.

Jetzt liegt es hier.
In der Werft.
Aus dem Wasser gehoben.
Was trage ich eigentlich in meinem Schiff?


Die teure Last

Teure Last – das Wort ist altmodisch, aber treffend.
Es meint: kostbar. Wertvoll.

Die Erinnerungen.
Die guten.
Das Lachen, das ich liebe.
Der Morgen, der mir guttat.
Das Gespräch, das mich verstand.
Das alles ist noch da.

Die Menschen.
Die, die mir schreiben.
Die warten.
Die mein Schiff kennen und trotzdem nicht aufgeben.

Die Hoffnungen.
Auch die unerfüllten.
Die Träume von damals, als der Horizont noch weit war.
Sie sind nicht verloren, nur tief vergraben.
Aber sie können wieder ans Licht.

Und ja, auch das Schwere.
Die Narben, die Brüche.
Sie gehören zu mir.
Sie sind Teil der Geschichte. ‚
Und Geschichten können weitergehen.


Im Hafen

Advent in der Klinik.
Das Schiff liegt im Hafen.
Der Anker hält auf festem Grund.
Ich bin nicht mehr im Sturm, nicht mehr allein zwischen Himmel und Wasser.

Angekommen – hier, wo ich nicht sein wollte.
Aber vielleicht ist das der Punkt:
Ankommen heißt nicht, dass alles gut ist.
Es heißt, dass ich nicht mehr treiben muss.
Dass das Schiff gehalten wird.
Dass jemand hinschaut.
Und dass die Reparatur beginnen kann.

Häfen sind keine Endstationen.
Sie sind Durchgangsorte.
Orte, an denen man verschnauft, repariert, neu ausrichtet.

Und dann sticht man wieder in See.


Weihnachten in der Werft

Weihnachten in der Klinik ist anders.
Es ist das Fest, an dem Gott klein wird.
Verletzlich. Im Stroh, nicht im Palast.
Vielleicht ist das der Trost:
Dass Gott genau da geboren wird, wo es nicht perfekt ist.
In der Werft.
Im Provisorium.
Bei mir.

Dieses Weihnachten wird anders.
Aber nicht das letzte.
Es werden andere kommen.
Solche, an denen ich wieder zu Hause bin.
An denen mein Schiff wieder fährt.
An denen die Ladung, die ich hier sortiert habe, mich trägt.


Das Schiff wird fahren

Mein Schiff liegt in der Werft, aber das Wasser ist in Sichtweite.
Das Schiff wird wieder fahren.
Mit seiner teuren Last.
Mit allem, was ich bin – dem Schweren und dem Kostbaren.

Nicht als das alte, unversehrte Schiff.
Sondern als eines, das Stürme kennt.
Das Reparatur erfahren hat.
Und das mich trägt.
Auch an Weihnachten in der Klinik.


Für alle, deren Lebensschiff gerade in der Werft liegt – und für die Weihnachtstage, die noch kommen werden.

Impuls. Gott, KI, Chatbot und all das… Eine Zwischenbilanz im Dezember 2025


KI, Transparenz, Seelsorge, Chatbots, Gott und all das…
Was uns wirklich verbindet

Prolog

Ich nutze KI. Fast täglich. Als Assistent beim Schreiben, als Sparringspartner für Gedanken, manchmal als Spiegel für das, was ich noch nicht klar formulieren kann.

Und immer wieder höre ich die Frage: Kann KI auch Seelsorge? Ist sie ein guter Berater in existenziellen Krisen? Kann sie trösten, begleiten, Hoffnung geben?

Die Frage dahinter ist tiefer: Wo ist Gott in dem Ganzen? Kann Gottes Geist durch einen Algorithmus wirken? Oder täuschen wir uns, wenn wir in generierten Worten nach Gegenwart suchen?

Ich habe darüber nachgedacht. Und möchte Sie einladen, mit mir innezuhalten. Nicht mit schnellen Antworten, sondern mit einer Meditation über Begegnung – und über das, was uns trägt, wenn Worte allein nicht reichen.

Meditation.
Über Begegnung in technischen Zeiten

Seelsorge braucht…

Noch ein paar Gedanken dazu:
Künstliche Intelligenz kann vieles. Sie kann Informationen geben. Texte schreiben. Fragen beantworten. Sie ist schnell. Sie ist verfügbar. Sie urteilt nicht.
Aber genau darin liegt auch ihre Grenze.

Ein Computer kann Ihnen Informationen geben. Aber er kann nicht mit Ihnen schweigen, wenn Worte fehlen.
Er kann Ihnen Ratschläge anbieten. Aber er kann nicht spüren, was Sie gerade brauchen.
Er kann Ihnen antworten. Aber er kann nicht mitfühlen.
Das ist für mich der Unterschied.


Gott ist größer – und unverfügbar

Ich glaube, dass Gott uns auch durch „Dinge“ begegnen kann. Durch ein Musikstück, das uns tröstet. Durch den Blick aus dem Fenster auf die Felder. Durch ein Gespräch, das uns weiterhilft – auch wenn es am Telefon stattfindet oder über einen Bildschirm.

Schon in der Bibel zeigt sich: Gott begegnet Menschen im Geschaffenen. Elia steht vor seiner Höhle und hört Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer – sondern im sanften Säuseln des Windes.
Gott ist nicht auf bestimmte Orte oder Formen beschränkt. Er ist größer.

Aber – und das ist entscheidend – Gott ist nie verfügbar. Wir können ihn nicht herbeizwingen. Nicht durch Technik. Nicht durch die perfekte Umgebung. Nicht durch die richtigen Worte.
Er schenkt sich. Oder er schweigt. Gott ist unverfügbar.

Eine Maschine täuscht vor, immer verfügbar zu sein. Ein Mensch nicht. Er hat Grenzen. Er wird müde. Er ist nicht perfekt.

Und vielleicht ist genau das der Raum, in dem Begegnung möglich wird – zwischen Menschen, und manchmal auch mit Gott.


Was Sie wissen sollten: Das Beichtgeheimnis

Ich nutze künstliche Intelligenz, um Texte zu überarbeiten oder Gedanken zu ordnen. Sie ist ein Werkzeug, das mir hilft, besser zu formulieren, was ich sagen will.
Aber wenn Sie hier im Zimmer sitzen und mir etwas erzählen – dann begegnen Sie mir. Nicht einer Maschine.
Wenn wir durch den Klinikpark gehen und Sie mir von Ihren Sorgen erzählen – dann gehe ich neben Ihnen. Nicht ein Programm.

Und hier ist etwas, das Sie wissen sollten: Was Sie mir im persönlichen Gespräch anvertrauen, bleibt zwischen uns.
Das ist nicht nur eine Frage des Vertrauens – es ist rechtlich geschützt. Seelsorgliche Verschwiegenheit. Beichtgeheimnis. Ich darf nichts weitergeben.
Eine Maschine aber vergisst nichts. Was Sie ihr erzählen, wird gespeichert. Auf Servern, irgendwo. Wer hat Zugriff darauf? Was geschieht damit?

Das sind offene Fragen, die diskutiert werden. Deshalb lade ich Sie ein: Wenn es wichtig wird – suchen Sie das Gespräch. Mit jemandem, dem Sie vertrauen. Mit einem Menschen.
Denn das, was uns verbindet, lässt sich nicht digitalisieren.
Es ist das Menschsein.


Was uns menschlich macht

Vielleicht ist gerade das die Botschaft in einer Welt voller Technik: Dass wir neu lernen dürfen, was uns menschlich macht.
Nicht Perfektion. Nicht Effizienz. Nicht Verfügbarkeit rund um die Uhr.
Sondern das Gegenteil: Das Unverfügbare. Das Geschenkte. Das, was sich ereignet zwischen zwei Menschen, wenn beide wirklich da sind.

Mögen Sie den Mut finden, diesem Menschlichen zu vertrauen – auch wenn es nicht messbar ist.
Mögen Sie spüren: Sie sind mehr als die Summe Ihrer Funktionen. Sie sind einzigartig. Und Sie sind gewollt.



KI im geistlichen Raum.
Eine theologische Zwischenbilanz

Ich nutze künstliche Intelligenz. Jeden Tag. Auch für diese Webseite.
Das ist kein Geheimnis. Und es sollte keins sein.
Aber es braucht Transparenz – warum ich KI nutze, wie ich sie nutze, und wo meine Grenzen liegen.


Die Realität: KI ist längst da

Während die Kirche noch diskutiert, ist die Sache längst weitergegangen. Zehn Millionen Menschen weltweit nutzen „Replika“ – einen digitalen Begleiter, der zuhört, nicht urteilt und immer da ist.
Klingt verlockend, oder?
Bis man merkt: Sie vergisst nichts – und versteht trotzdem nichts.
Andere nutzen „Woebot“ für kognitive Verhaltenstherapie per Chat. Millionen meditieren mit Apps wie Calm oder Headspace. Auf TikTok erreichen spirituelle Influencer ein Publikum, das Kirche nie betreten würde.

Die Frage ist also nicht mehr: Soll KI im geistlichen Raum eine Rolle spielen?
Sondern: Wie gestalten wir ihren Einsatz verantwortungsvoll?


Wo KI funktioniert: Das RefLab Zürich

Das RefLab der Reformierten Kirche Zürich erforscht, wo Spiritualität im Netz entsteht. Ihre Tagung „Holy Spaces“ im Oktober 2024 kartierte digitale Glaubenspraxis.
Was sie entdecken: Menschen meditieren gemeinsam über Zoom – und erleben echte Tiefe.
Im „Netzkloster“ treffen sich 50 Menschen aus drei Ländern zum gemeinsamen Schweigen.
Der Zoom-Gottesdienst „Brot & Liebe“ verbindet Menschen, die sonst nie eine Kirche betreten würden.
Das RefLab fasst zusammen: „Was zwischen den Servern entsteht, ist mehr als ein Zoom-Call mit religiösem Inhalt. Es ist ein heiliger Moment im digitalen Raum.“

Der Unterschied? Am anderen Ende sitzen echte Menschen. Die bewusst Präsenz schenken. Die verletzlich sind. Die müde werden.
Nicht die Technik heiligt den Raum. Sondern die Menschen, die ihn mit Leben füllen.


Meine theologische Position: Gott ist größer – und unverfügbar

Ich traue Gottes Geist zu, durch vieles zu wirken. Durch ein Musikstück, das tröstet. Durch den Sonnenaufgang, der Hoffnung weckt.
Schon in der Bibel zeigt sich: Gott begegnet Menschen im Geschaffenen. Elia hört Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben – sondern im sanften Säuseln des Windes.
Kann Gott auch durch digitale Räume wirken? Durch ein Zoom-Gespräch? Durch einen Text, an dem KI mitgewirkt hat?

Ja.

Aber – und das ist entscheidend – Geschaffenes kann nie Gott sein. Das Bilderverbot der Bibel erinnert daran: Gott ist unverfügbar. Wir können ihn nicht einfangen. Nicht in Gegenständen. Nicht in Algorithmen.

Deshalb: KI kann ein Raum sein, in dem Begegnung geschieht – wenn am anderen Ende ein Mensch ist, der wirklich da ist. Aber KI selbst kann keine Seelsorge leisten.

Denn Seelsorge lebt davon, dass beide Seiten verletzlich sind.


Was KI kann – und wo meine Grenze liegt

Ich nutze KI täglich. Für Textglättung. Strukturierung. Recherche.
Sie hilft mir, besser zu formulieren, was ich sagen will.
Aber sie ersetzt nichts.
Sie kann mir helfen, einen Blogpost zu überarbeiten – aber nicht das Gespräch mit jemandem im Klinikpark führen.
Sie kann Quellen finden – aber nicht mit jemandem beten, der Angst hat.
Sie kann Gedanken ordnen – aber nicht die Stille aushalten, wenn jemand weint.


Die drei roten Linien

Erste rote Linie: Transparenz
Menschen müssen wissen, wann sie mit einer Maschine kommunizieren. Kirchenpräsidentin Christiane Tietz von der EKHN fordert eine Kennzeichnungspflicht: „Wir wollen doch keine Kirche, in der KI uns Menschen nur vorgaukelt.“

Zweite rote Linie: Wahlfreiheit
Menschen brauchen die Möglichkeit zu entscheiden: Will ich mit einer KI sprechen – oder mit einem Menschen? Besonders in Krisen darf diese Entscheidung nicht für sie getroffen werden.

Dritte rote Linie: Das Beichtgeheimnis
Seelsorge lebt von der seelsorglichen Verschwiegenheit. Was mir anvertraut wird, bleibt zwischen uns. Das ist rechtlich geschützt. Ich darf nichts weitergeben. Auch nicht unter Zwang.
Eine Maschine aber vergisst nichts.
Was Menschen einer KI erzählen, wird gespeichert. Auf Servern. Irgendwo. Wer hat Zugriff? Wird es für Training genutzt? Kann es gehackt werden?
Das, was Menschen von ihrer Seele zeigen, gehört ihnen. Nicht einem Algorithmus. Nicht einem Konzern.
Deshalb: KI kann Erstkontakte ermöglichen. Informationen geben. Erste Fragen beantworten.
Aber sobald es tiefer geht – gehört das Gespräch zu einem Menschen.
Der schweigen kann. Der vergessen darf. Der unter dem Schutz des Beichtgeheimnisses steht.

Das ist nicht verhandelbar.


Die unbequeme Wahrheit

Kirche kann sich nicht außen vor halten. Während wir diskutieren, bietet der Markt längst Antworten. Kommerzielle Apps. Spirituelle Influencer. Digitale Begleiter ohne jede theologische Reflexion.
Die Frage ist: Wollen wir, dass Menschen in Krisen nur das finden? Oder bringen wir unsere 2000 Jahre Erfahrung in Seelsorge auch digital ein?
Ich glaube: Kirche sollte präsent sein – aber anders.
Nicht optimieren, sondern begleiten.
Nicht verfügbar machen, sondern Raum lassen.
Nicht verkaufen, sondern verschenken.
Das RefLab zeigt: Es geht. Digitale Räume können heilig werden – wenn Menschen sie mit echter Präsenz füllen.
Wenn Begegnung mehr zählt als Reichweite.
Wenn Stille wichtiger ist als Content.


Was bleibt

Die Diskussion wird weitergehen. Neue Technologien werden neue Fragen aufwerfen.
Aber eines wird bleiben: Die Sehnsucht nach echtem Gegenüber. Nach jemandem, der wirklich zuhört. Der mitfühlt, weil er selbst Verletzlichkeit kennt.

Und deshalb gilt für mich:
Ich nutze KI offensiv. Aber ich lasse mich von ihr nicht ersetzen.
Ich glaube, dass Gott größer ist als unsere Technik. Dass er auch durch digitale Räume wirken kann.
Und ich glaube, dass Kirche in dieser Diskussion eine Stimme haben muss.
Nicht technikfeindlich.
Aber klar in der Haltung:
Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten. Begegnung ist mehr als Kommunikation. Seelsorge ist mehr als Information.


Weiterführende Gedanken

Zwei Stimmen haben mich besonders geprägt:
Das RefLab der Reformierten Kirche Zürich – theologisch fundiert, praktisch erprobt, ehrlich fragend
Dieses Interview mit Kirchenpräsidentin Christiane Tietz – warum Seelsorge nie zu einem „maschinellen Dienst verkommen“ darf
Beide teilen eine Haltung, die auch meine ist: Offenheit für Neues – bei gleichzeitiger Klarheit über das Unverzichtbare.


(Stand: Dezember 2025)

Predigt. Goldene Narben: Hoffnung in Römer 5,3-5 | Kintsugi

„Die goldenen Narben der Hoffnung“

Römer 5,3-5

Mehr noch: Wir sind sogar stolz auf unsere Bedrängnisse. Denn wir wissen: Bedrängnis führt zu Geduld, Geduld führt zu Bewährung und Bewährung führt zu Hoffnung. Aber diese Hoffnung wird nicht enttäuscht. Denn Gott hat uns den Heiligen Geist geschenkt und damit seine Liebe in unser Herz eingegossen.


I.

Stellen Sie sich eine Teeschale vor. Japanische Keramik, dünnwandig, kostbar. Jahrhunderte alt. Und dann fällt sie. Ein Moment der Unachtsamkeit. Ein Riss, ein Sprung, tausend Scherben.
Was macht man mit einer zerbrochenen Schale? Man wirft sie weg. Man entsorgt sie. Man ersetzt sie durch eine neue, heile, makellose.
So denken wir. So leben wir oft.

Und wenn der Körper bricht? Wenn die Seele Risse bekommt? Wenn wir nicht mehr funktionieren wie gewohnt? Dann schämen wir uns. Dann denken wir: Ich bin nicht mehr die, die ich war. Ich bin beschädigt. Ich bin weniger wert.


II.

Aber es gibt eine alte japanische Kunst, die etwas anderes lehrt. Sie heißt Kintsugi – „goldenes Flicken“. Wenn eine Schale zerbricht, wird sie nicht weggeworfen. Die Scherben werden gesammelt, sorgfältig, jede einzelne. Dann werden sie wieder zusammengefügt. Nicht mit unsichtbarem Klebstoff. Sondern mit einem Lack, in den Gold oder Silber gemischt wird.

Das Ergebnis? Eine Schale mit goldenen Narben. Die Bruchstellen sind nicht versteckt – sie leuchten. Die Risse sind nicht kaschiert – sie erzählen eine Geschichte. Und die Schale? Sie ist nicht weniger wert als vorher. Sie ist kostbarer. Einzigartig. Schön gerade durch ihre Narben.


III.

Der Apostel Paulus kannte diese Kunst nicht. Er lebte in einer anderen Welt, einem anderen Jahrhundert. Aber was er schreibt, trifft genau diese Idee.

„Bedrängnis führt zu Geduld, Geduld führt zu Bewährung und Bewährung führt zu Hoffnung.“

Paulus war kein Motivationstrainer. Er schrieb diese Zeilen nicht vom sicheren Schreibtisch aus. Er kannte das Zerbrechen. Geschlagen, verfolgt, ausgegrenzt. Und er kannte chronisches Leiden. Er sprach von einem „Stachel im Fleisch“, einer körperlichen Qual, die nicht wegging.

Dieser Mann hätte allen Grund gehabt zu sagen: „Ich bin zerbrochen. Ich bin erledigt.“ Aber er sagt etwas anderes. Er beschreibt eine Bewegung. Einen Weg. Nicht um das Leid herum. Sondern hindurch.

Das Wort für Bedrängnis, das er nutzt, heißt thlipsis. Druck. Enge. Zusammengepresst werden. Wenn die Luft knapp wird. Wenn die Wände näher kommen. Wenn der Körper zum Gefängnis wird.

Viele von Ihnen kennen diesen Druck. Den Schmerz, der bleibt. Die Erschöpfung, die nicht weicht. Die Angst, die sich festsetzt

Und genau da, sagt Paulus, beginnt etwas.


IV.

„Bedrängnis führt zu Geduld.“

Das deutsche Wort „Geduld“ klingt so passiv. Nach Warten. Nach Ausharren. Nach Resignation. Aber im Griechischen steht hypomoné. Wörtlich: „Darunter-bleiben“. Standhaftigkeit.

Es ist das erste, was der Kintsugi-Meister tut: Er sammelt die Scherben. Jede einzelne. Er rennt nicht weg. Er leugnet nicht, dass die Schale zerbrochen ist. Er bleibt. Er schaut hin. Er nimmt auf, was ist.

Das ist Geduld im tiefsten Sinne. Nicht: „Es ist alles okay.“ Sondern: „Ich halte es aus, hinzuschauen.“

Viele von uns haben gelernt zu fliehen. Vor dem Schmerz, vor der Angst, vor den schwierigen Gefühlen. Ablenkung. Betäubung. Vermeidung. Das ist menschlich. Das ist verständlich.
Aber Geduld bedeutet: Ich bleibe stehen. Ich atme. Ich spüre, was ist. Ich sammle die Scherben meiner Geschichte. Auch die, die wehtun.
Das ist keine Schwäche. Das ist der Anfang von etwas Neuem.


V.

„Geduld führt zu Bewährung.“

Das Wort für Bewährung ist dokimé. Geprüftes Metall. Echte Münze. Das, was durchs Feuer ging und für echt befunden wurde.

Der Kintsugi-Meister fügt die Scherben zusammen. Mit goldlackiertem Harz. Die Bruchstellen werden nicht versteckt. Sie werden markiert. Sie leuchten.
Das ist Bewährung. Es ist die Erfahrung: Ich war dort. Ich habe das durchgestanden. Ich kenne jetzt den Weg.

Wenn Sie eine Panikattacke durchstehen, ohne den Notarzt zu rufen. Wenn Sie trotz des Schmerzes diesen kleinen Spaziergang machen. Wenn Sie in der Angst bleiben, ohne zu fliehen. Dann sammeln Sie Beweise. An sich selbst
„Ich dachte, ich sterbe vor Angst – aber ich lebe noch.“ „Ich dachte, ich bin zu schwach – aber ich habe Kraft gefunden, die ich nicht kannte.“ „Ich dachte, ich bin allein – aber es gab Menschen, die mich gehalten haben.“

Das ist dokimé. Das ist die goldene Linie, die durch Ihr Leben läuft. Nicht unsichtbar. Sondern leuchtend. Sie erzählt Ihre Geschichte.
Und plötzlich merken Sie: Diese Narben sind keine Schande. Sie sind Ihre Landkarte. Sie zeigen, wo Sie gewesen sind. Sie zeigen, dass Sie überlebt haben.


VI.

„Bewährung führt zu Hoffnung.“

Das Wort für Hoffnung ist elpis. Aber Vorsicht: Es ist nicht Optimismus. Nicht: „Es wird schon irgendwie gut gehen.“ Nicht: „Denk positiv, dann klappt’s.“

Hoffnung ist etwas Tieferes. Der Dichter Václav Havel hat es gesagt:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Die Kintsugi-Schale ist nicht „wie neu“. Die Risse sind da. Die Brüche sind sichtbar. Aber sie ist schön. Kostbar. Einzigartig.
Das ist Hoffnung. Nicht: „Ich werde wieder wie früher.“ Sondern: „Ich bin heil, auch wenn ich nicht geheilt bin.“
Vielleicht bleiben die Narben. Vielleicht bleibt eine Empfindlichkeit. Vielleicht werden Sie nie wieder „funktionieren“ wie vor der Krise.
Aber Sie sind mehr als eine Funktion. Sie sind ein Mensch mit einer Geschichte. Und diese Geschichte hat Würde.

Albert Camus hat geschrieben: „Mitten im Winter habe ich in mir einen unbesiegbaren Sommer entdeckt.“

Das ist die Hoffnung, die Paulus meint. Nicht die Abwesenheit von Winter. Sondern die Entdeckung des Sommers – mitten im Frost. Eine innere Kraft, die kein Schmerz auslöschen kann.


VII.

Und dann kommt der Satz, der alles trägt:

„Diese Hoffnung wird nicht enttäuscht.“

Wörtlich steht da: Sie lässt nicht zuschanden werden. Sie blamiert nicht. Sie beschämt nicht.
So viele Menschen mit chronischen Beschwerden tragen Scham. „Ich bilde mir das nur ein.“ „Ich bin schwach.“ „Ich falle anderen zur Last.“
Dieser Text sagt Ihnen heute: Nein. Ihr Weg durch das Leid ist keine Schande. Ihre goldenen Narben sind keine Schwäche. Sie sind Zeichen Ihrer Würde.
Amen.

Fragen
zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Ich halte die Schale in meinen Händen.
Die goldenen Linien leuchten im Licht.

Vor Monaten noch lag sie in Scherben.
Ich dachte: Das wird nie wieder ganz.

Aber jetzt – jetzt ist sie schöner als vorher.
Nicht trotz der Risse.
Sondern durch sie.

Ich fahre mit dem Finger über die Narben.
Sanft. Ehrfürchtig. Sie erzählen eine Geschichte.
Meine Geschichte.

Und ich spüre: Ich bin nicht weniger geworden.
Ich bin anders.
Tiefer.
Kostbarer.

Die goldenen Linien leuchten.


Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Songpredigt. Let it be

Songpredigt. Let it be

Heute ist Ewigkeitssonntag. Ein Tag, der uns daran erinnert: Nichts bleibt, wie es ist. Beziehungen zerbrechen. Projekte scheitern. Menschen gehen. Und wir selbst – auch wir sind vergänglich.

Das ist keine düstere Wahrheit. Es ist einfach das Leben. Aber es tut weh, das anzunehmen.

Ich habe Ihnen angekündigt, dass wir heute über ein Lied sprechen – und es nachher auch gemeinsam singen werden. Let It Be von den Beatles. Ein Lied, das viele von uns kennen. Ein Lied, das manchmal zur rechten Zeit kommt. Das uns berührt, ohne dass wir genau sagen können, warum. Ein Lied, das Hoffnung schenkt, wenn alles um uns zerbricht.

Es klingt wie ein Gebet – wie eine leise Ermutigung, die uns zuflüstert: Lass los. Vertraue.


Die Erfahrung des Verlusts

Paul McCartney schrieb Let It Be im Jahr 1969, in einer Zeit voller Spannungen. Die Beatles standen kurz vor der Trennung. Vier Freunde, die gemeinsam die Welt verändert hatten, konnten nicht mehr zusammen sein. Es ging um Geld, um Macht, um unterschiedliche Lebenswege. Die Band, die für eine ganze Generation stand, zerbrach.

McCartney war verzweifelt. Er hatte Schlafstörungen, fühlte sich deprimiert und überfordert. Die Welt um ihn herum wurde lauter, hektischer, konfliktreicher. Und er spürte: Alles, was ihm wichtig war, hatte keinen Bestand mehr.

Mitten in dieser Unruhe hatte er einen Traum.

Seine Mutter Mary – sie war gestorben, als er 14 war – erschien ihm im Traum. Und sie sprach zu ihm: Let it be. Lass es geschehen. Es wird gut. Mach dir keine Sorgen.

Paul erwachte mit einem tiefen Frieden. Und aus diesem Moment entstand das Lied.

Für ihn war seine Mutter Mary die Quelle des Trostes. Aber das Lied bekam schnell noch eine andere Bedeutung. Viele, besonders katholische Christen, hören in Mother Mary auch Maria, die Mutter Jesu. Diejenige, die in der Bibel selbst sagt:

„Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

Auch sie steht für das Vertrauen, dass Gott in allem gegenwärtig ist – selbst da, wo wir keinen Halt mehr finden.

McCartney selbst hat später gesagt: „Die Leute können das Lied interpretieren, wie sie wollen.“ Und genau das macht es so stark. Es trägt beide Bedeutungen. Die persönliche und die spirituelle. Die private Trauer und die universelle Hoffnung.


Eine alte Weisheit – in vielen Traditionen

Was Paul McCartney in diesem Lied ausdrückt, ist keine neue Idee. Es ist eine uralte Weisheit, die in vielen Kulturen und Religionen zu finden ist.

Im Buddhismus geht es darum, das Leben anzunehmen, wie es ist. Nicht gegen das Leiden anzukämpfen, sondern es als Teil des Lebens zu akzeptieren. Das befreit uns von unnötigem inneren Widerstand – und gibt uns Frieden.

Auch die Stoiker, die alten griechischen Philosophen, kannten diese Weisheit. Sie sagten: Konzentriere dich auf das, was du ändern kannst. Und akzeptiere das, was du nicht ändern kannst. Das ist keine Resignation. Das ist Freiheit.

Und dann – die Bibel. Maria sagt: „Mir geschehe.“ Lass es geschehen. Sie kämpft nicht gegen Gottes Plan. Sie vertraut. Sie lässt sich fallen. Das ist keine passive Unterwerfung. Das ist aktives Vertrauen. Das ist christliche Spiritualität: Loslassen und sich halten lassen. Von Gott.
Christlicher Trost heißt nicht nur: Ich akzeptiere, dass alles vergeht,
sondern: Ich vertraue darauf, dass Gott neues Leben schafft – über den Tod hinaus.

Paul McCartney singt diese uralte Weisheit. In einem Popsong. In drei Minuten. Mit einfachen Worten. Und erreicht damit Millionen.


Die Weisheit des Loslassens

Lass es geschehen – das ist keine billige Vertröstung. Es ist eine Weisheit, die schwer zu lernen ist.

Denn wir wollen oft alles festhalten: Unsere Gesundheit, unsere Beziehungen, unser Glück. Wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Aber das Leben geht weiter. Und manchmal geht es darum, loszulassen. Nicht, weil es uns egal ist. Sondern weil wir spüren: Es gibt eine Kraft, die größer ist als unsere Angst.

Vergänglichkeit anzunehmen bedeutet nicht, aufzugeben. Es bedeutet: Ich kämpfe nicht gegen das Unvermeidliche. Ich vertraue darauf, dass mein Leben gehalten ist – auch wenn ich nicht alles in der Hand habe.


Hoffnung in dunklen Zeiten

Vielleicht kennst du solche Momente. Nächte voller Sorgen, Tage voller Zweifel. Wo du dich fragst: „Wie soll es weitergehen?“

Und dann kommt – vielleicht mitten in der Nacht – eine Stimme. Eine Eingebung. Ein Moment der Ruhe. Vielleicht ist es Gott. Vielleicht ist es eine Erinnerung an eine geliebte Person. Vielleicht ist es einfach ein leises Wissen: „Es wird gut. Nicht sofort. Aber irgendwann.“

Das Lied spricht von weisen Worten, die uns trösten. Von einem Licht, das auch in der dunkelsten Stunde scheint. Das ist keine naive Hoffnung. Das ist eine Hoffnung, die den Schmerz nicht leugnet. Aber sie gibt uns einen Anker. Einen festen Punkt. Mitten im Sturm.

Es bedeutet nicht, dass der Schmerz verschwindet. Oder dass die Trauer leichter wird. Aber es bedeutet: Wir dürfen vertrauen. Wir dürfen darauf hoffen, dass unser Leben gehalten ist. Selbst in schwierigen Zeiten.


Lass es geschehen

Und vielleicht ist genau das Glaube: Nicht, dass immer alles gut läuft. Sondern dass wir wissen: Wir sind nicht allein.

Also: Lass es geschehen. Lass dich halten.

Gleich werden wir dieses Lied gemeinsam singen. Und vielleicht spüren Sie dann: Es ist mehr als ein Popsong. Es ist ein Gebet. Ein Trost. Eine Weisheit, die uns trägt.

Lassen Sie uns einen Moment innehalten. Und spüren: Auch wenn vieles vergeht – wir sind geborgen. Bei Gott. In seiner Ewigkeit.

Amen.


Quellenhinweis: „Let It Be“ (The Beatles, 1970)


Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. „Was macht Ihnen mehr zu schaffen: Die schwierige Situation selbst – oder Ihre Gedanken darüber?“
  2. „Wer oder was ist Ihre ‚Mother Mary‘ – die Stimme, die Ihnen in schweren Zeiten sagt: ‚Es wird gut‘?

Meditativer Nachklang

Gott,

manchmal ist es schwer, loszulassen.
Ich will festhalten, verstehen, kontrollieren.

Aber du lädst mich ein:
Lass es geschehen.

Hilf mir, den Kampf aufzugeben.
Den Kampf gegen das, was ich nicht ändern kann.

Und wenn die Nacht mich überwältigt,
lass mich deine Stimme hören:

Es wird gut.
Ich halte dich.

Amen. 🌱


Für alle, die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

GEDANKENSPLITTER 1: Das Gelassenheitsgebet

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Dieses Gebet wird oft Reinhold Niebuhr zugeschrieben, einem amerikanischen Theologen, der es vermutlich in den 1930er-Jahren formulierte. Es wurde weltbekannt durch die Anonymen Alkoholiker, die es zu ihrem zentralen Gebet machten.

Aber die Wurzeln sind älter. Bereits die antiken Stoiker – Philosophen wie Epiktet und Marc Aurel – lehrten diese Unterscheidung: Konzentriere dich auf das, was in deiner Macht liegt. Und akzeptiere, was außerhalb deiner Kontrolle ist.

„Let it be“ singt genau diese Weisheit. Mit einfacheren Worten. Aber der Kern ist derselbe: Die Freiheit liegt nicht darin, alles zu kontrollieren. Sondern darin, loszulassen, was nicht zu ändern ist.

Zum Weiterlesen:

Epiktet: Handbüchlein der Moral (Stoische Philosophie)
Reinhold Niebuhr: The Serenity Prayer (Text und Geschichte)

Gedankensplitter 2: Die Kunst des Annehmens in der Bibel

„Mir geschehe“ – ein Satz, der die Welt veränderte.

Als der Engel Maria verkündet, dass sie schwanger werden soll, antwortet sie nicht mit Angst oder Widerstand. Sie sagt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

Das ist kein passives Sich-Fügen. Das ist aktives Vertrauen.

Maria steht am Anfang einer langen biblischen Tradition des Annehmens:

  • Hiob, der im tiefsten Leid sagt: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt.“ (Hiob 1,21)
  • Jesus in Gethsemane: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lukas 22,42)
  • Paulus, der mit seinem „Stachel im Fleisch“ leben muss und lernt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Korinther 12,9)

„Let it be“ ist keine Erfindung der Beatles. Es ist eine uralte spirituelle Haltung: Gott, ich vertraue dir – auch wenn ich nicht verstehe.

Zum Weiterlesen:

Korinther 12,7-10: Paulus und die Gnade

Lukas 1,26-38: Die Verkündigung an Maria

Hiob 1-2: Annehmen im Leid

Nordic-Zen: Eine digitale Atempause

Nordic-Zen. Eine digitale Atempause
Oder: Warum diese Webseite so aussieht, wie sie aussieht

„Nordic-Zen“. Zugegeben, das klingt erst einmal nach einem teuren Möbelkatalog, einer neuen Yoga-Matte oder einer Duftkerze mit der Geschmacksrichtung „Fjord und Freiheit“. Dabei muss man sich fragen: Gibt es diese „nordische Kultur“ überhaupt? Jenseits von Möbelhäusern mit unaussprechlichen Namen und Fernsehkrimis, in denen es immer regnet?

Für mich ist dieser Fantasiebegriff – der übrigens in nächtlichen Diskussionen zwischen mir und meinen KI-Sparringspartnern Claude und Gemini entstand – weniger eine geografische Verortung als eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einer Umgebung, die nicht schreit. Eine Haltung, die sagt: „Komm erst mal an.“

Es ist die Verbindung aus hessischer Bodenständigkeit und einer nordischen Klarheit. Weniger Chichi, mehr Substanz. Deshalb habe ich mich für das Theme „Chaplin“ entschieden, also ein Grunddesign, das der schwedische Webdesigner Anders Noren entwickelt hat. Ein europäisches Modell.

Hier ist die Geschichte hinter dem Konzept – und warum hier vieles fehlt, was anderswo blinkt.

Vom Zettel zum Bildschirm. Ein Ort, der bleibt

Die Idee zu dieser Seite entstand nicht am Schreibtisch, sondern „draußen“. In der Klinik, bei Gesprächen im Park, nach dem Gottesdienst. Immer wieder merkte ich: Menschen wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wie der andere denkt. Was ihn trägt. Ob man ihm vertrauen kann im Gespräch.
Oder es wurde gefragt nach den Meditationstexten oder einer Andacht.

Früher habe ich Zettel verteilt – mit Texten, Gebeten, Gedanken. Das war nett, aber oft waren die Zettel weg, sobald man sie brauchte. Heute gehören Smartphones auch in der Klinik zum Alltag. Also warum nicht dort weitermachen, wo das Gespräch endet?

Mitmenschpfarrer.de ist gedacht als ein Ort, der bleibt. Als Brücke zwischen Klinik und Zuhause. Als Möglichkeit, den Faden weiterzuspinnen, wenn Sie wieder in Ihrem Leben sind – mit all seinen Fragen, Momenten der Stille und dem Bedürfnis nach einem Gedanken, der trägt. Sie ist niedrigschwellig, gut lesbar, ohne Kampf durch verschachtelte Menüs. Und sie lädt ein: Komm vorbei, wann immer du magst.

Mut zur Lücke. Klarheit ohne Kälte

Wer nach Trost, einem Gebet oder spirituellen Impulsen sucht, braucht keine Ablenkung. Deshalb gilt hier: Nordic-Zen bedeutet, dass die Seite einen Schritt zurücktritt.

Keine blinkenden Banner, keine Pop-ups, kein animiertes Feuerwerk. Der Raum ist da, um dir Platz zu machen – nicht um sich selbst darzustellen. Es ist wie eine leere Bank an einem ruhigen Ort: Sie drängt sich nicht auf, aber sie ist da, wenn Sie sich setzen wollen. Spiritualität ohne Kitsch. Kirche ohne fromme Fachsprache (soweit das einem Pfarrer möglich ist).

Datenschutz ist wichtig für Seelsorge

Ein digitaler Raum für Spiritualität und Seelsorge muss ein geschützter Raum sein. Datenschutz ist für mich kein bürokratisches Übel, sondern Teil meiner seelsorgerlichen Haltung. Vertrauen ist in der Seelsorge kein Extra, sondern das Fundament.

  • Keine Tracker: Ich verfolge Sie nicht.
  • Keine externen Datenkraken: Was hier passiert, bleibt hier.
  • Keine Cookies: Zumindest keine digitalen. Echte Kekse dürfen Sie beim Lesen natürlich gerne essen.

Ich finanziere diese Arbeit transparent selbst, damit Sie nicht mit Ihren Daten bezahlen.

Warum „Mitmenschpfarrer“?

Weil genau das mein Ansatz ist:
Ich bin Pfarrer – ja.
Aber vor allem bin ich Mitmensch.
Ich bin da für Menschen, die glauben oder zweifeln, hoffen oder kämpfen, lachen oder weinen.
Diese Seite ist kein theologisches Lehrbuch, sondern ein Platz fürs gemeinsame Nachdenken über das, was uns bewegt.

Work in Progress. bewusst so

Diese Seite wächst. Sie ist nicht perfekt, aber lebendig.

Was als digitale Visitenkarte begann, entwickelt sich weiter – mit Podcast-Ideen, Gedanken-Impulsen, Alltags-Meditationen. Alles darf sich verändern. Muss sogar.

Nordic-Zen ist kein System. Es ist ein Angebot.

Nehmen Sie mit, was Ihnen guttut – und kommen Sie wieder, wenn Sie mögen.


Für die Neugierigen: Drei kleine Hinweise

Gebrauchsanweisung (nicht ganz ernst gemeint). Wie man diese Seite nutzt:

  • Nach einem Gespräch in der Klinik zum Runterkommen.
  • Mit einer Tasse Tee auf dem Sofa zum Stöbern.
  • Als Spickzettel, wenn man selbst nach Worten sucht.
  • Warnhinweis: Kann Spuren von Hoffnung enthalten.

Disclaimer (sehr ernst gemeint): 

Was diese Seite nicht ist: Kein Hochglanz-Marketing, keine therapeutische Online-Beratung und kein Ersatz für ein echtes Gespräch unter vier Augen. Sie ist eher eine Tasse Tee für zwischendurch.

Ein Wort zur KI: 

Ja, ich nutze KI als Sparringspartner für Struktur und Code. Aber das Herz, die Theologie und das „Warum“ – das bin ich, Matthias Schmidt. Die KI hilft mir, die Tür zu bauen; hindurchgehen und Sie begrüßen tue ich selbst.

Predigt. Buß- und Bettag / Hoffnung beginnt

Abendandacht – Buß- und Bettag / Hoffnung

Guten Abend, schön, wieder bei Ihnen zu sein.
Und schön, dass Sie heute Abend hier sind.

Hoffnung – dieses Thema wird uns in den kommenden Wochen begleiten,
bis in die Adventszeit hinein.
Und wir beginnen heute damit.
Am Buß- und Bettag.

Ausgerechnet…

Buß- und Bettag… klingt nach einem Tag aus einer anderen Zeit.
Ein bisschen nach Kirchenbank, schlechtem Gewissen und grauem November.
Buße, das klingt nach Moralin und Staub.
Nach Strafe und Verurteilung.

Und ich weiß: Viele von uns haben genug schlechtes Gewissen für ein ganzes Leben.
Wir brauchen keinen Tag, der uns noch mehr davon auflädt.
Aber vielleicht brauchen wir einen Tag, der uns hilft, anders hinzuschauen.



Denn dort, wo wir bei Buße an Bestrafung denken – an Bußgeld und Büßergewand –
da meint das biblische Wort metanoia (so heißt das griechische Wort, das wir oft mit Buße übersetzen)
etwas völlig anderes:
Umkehr. Perspektivwechsel. Richtungswechsel.
Also: Anhalten.
Schauen, wo ich stehe.
Nicht immer schneller rennen im Leben,
sondern fragen: In welche Richtung laufe ich eigentlich?



Buße heißt nicht: „Ich bin furchtbar.“
Buße heißt: Ich höre auf, mir etwas vorzumachen.

Wo spüre ich: So wollte ich eigentlich nicht leben?
Wo habe ich mich eingerichtet – im Zynismus, im Dauerstress, in Bequemlichkeit?
In ungesunden Beziehungen? Auch zu mir selbst?

Diese Fragen sind unbequem.
Manchmal schmerzhaft.
Aber immer auch befreiend.



Und hier – genau hier – passt die Hoffnung rein.

Denn biblische Spiritualität meint nicht:
„Du musst brav sein, Gott gefallen, lieb sein.“
Als müsste ich erst umkehren, um Gottes Kind zu sein.

Nein.
Gerade weil Gott mich trägt, kann ich einen realistischen Blick auf mein Leben wagen.
Ich muss nicht an den schwierigen Strukturen meines Lebens festhalten.



Hoffnung ist keine Vertröstung.
Hoffnung ist der Leitstern, der schon jetzt leuchtet.
Sie gibt mir Mut, altes loszulassen und neues zu wagen.
Sie sagt: Du darfst hinschauen – ohne Angst, zerbrochen zu werden.
Du darfst ehrlich sein – ohne verloren zu gehen.

Und so ist es gut, dass wir heute am Buß- und Bettag anfangen, über Hoffnung zu reden.
Weil Hoffnung mit dem ehrlichen Blick beginnt.



Zwei Gedanken möchte ich Ihnen mitgeben:

Erstens:
Wo ist es wichtig, dass Sie mal anhalten und sich fragen:
Wo will ich hin? Wo renne ich immer schneller – und habe eigentlich mein Ziel aus dem Blick verloren?

Zweitens:
Was gibt mir Mut, diesen ehrlichen Blick zu wagen?
Welche Hoffnung gibt mir Kraft, mich damit zu beschäftigen?



In den kommenden Wochen lade ich Sie ein, diesen Blick zu wagen.
Diese Gedanken finden Sie auch auf meiner Website: mitmenschpfarrer.de 🌱

(mehr Infos und Impulse zum Buß- und Bettag gibt es hier)

Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

Meditativer Nachklang

Gott
Danke, dass ich nicht perfekt sein muss, um vor dir zu stehen.
Danke, dass du mich hältst – jetzt. Genau so, wie ich bin.

Gott, ich höre dein Wort: „Siehe, ich mache Neues.“
Ich sehe es noch nicht.
Aber ich vertraue dir einen Schritt.

Hilf mir, einen neuen Weg zu gehen – mit dir.
Ich muss nicht alles auf einmal ändern.
Aber ich darf anfangen.
Heute.

Amen. 🌱


Für alle, die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten

Seelsorge. Was sie kann

Was kann Seelsorge?
Und für wen ist sie da?

Seelsorge und Therapie – zwei Wege, die sich ergänzen

Wo Seelsorge hinführt – und wo Therapie hingehört

Für wen ist Seelsorge da?

Was bleibt

Ein Segen. mehr als Worte. Was es bedeutet, gesegnet zu werden. und eine Einladung, ihn zu empfangen.


Ein Segen – mehr als Worte.
Was es bedeutet, gesegnet zu werden.
Und eine Einladung, ihn zu empfangen.


Was ist ein Segen?

Ein Segen ist keine Zauberformel. Keine Garantie für ein leichtes Leben. Aber er ist ein leises, kraftvolles Versprechen: Gott ist da.
Segen bedeutet im Lateinischen benedicere – „gutes sagen“, „Gutes zusagen“. So gesehen ist jeder Segen eine Liebeserklärung ans Leben.

Du wirst gesehen

„Der Herr wendet dir sein Angesicht freundlich zu und gibt dir Frieden.“
Numeri 6,26 (Basis-Bibel)

Diese uralten Worte aus dem vierten Buch Mose tragen eine tiefe Botschaft: Gott sieht dich. Er schaut dich an – liebevoll, freundlich, mit Frieden.
In der Alltagshektik vergessen wir oft, dass wir wahrgenommen werden. Doch ein Segen erinnert uns: Du bist wichtig. Du wirst gesehen. Du bist geliebt – so wie du bist.

Segen in schwierigen Zeiten

Ein Segen löst nicht automatisch unsere Probleme. Aber er verändert, wie wir durch sie hindurchgehen. Er ist wie ein Lichtstrahl in der Dämmerung, ein Wanderstab auf rauem Gelände.

Eine Einladung zum Empfangen

Vielleicht fragen Sie sich: „Darf ich mir überhaupt einen Segen wünschen?“ Es braucht Mut, sich segnen zu lassen. Ein Segen ist ein Geschenk, das empfangen werden möchte.

Falls Sie möchten, spreche ich Ihnen gerne einen Segen zu. Nach einem Gespräch, nach einer Andacht, oder einfach so – wann immer Sie es brauchen.

Songpredigt. Lady in Black

Predigt zu „Lady in black“ und Engel als Hoffnungsboten


I. Die Lady in Black erscheint

Es ist das Jahr 1971.
Die Rockband Uriah Heep landet mit „Lady in Black“ ihren größten Erfolg.

Ken Hensley, der Keyboarder, erzählte später (so ist die „Bandlegende“):
An einem stillen Sonntagmorgen sah er von seinem Hotelzimmer aus eine Frau.
Ganz in schwarz gekleidet.
Aufrecht, fast majestätisch schritt sie die Straße entlang.

Ihre Erscheinung inspirierte ihn.
Diese Frau in Schwarz, aufrecht und still.
Sie schien aus einer anderen Welt zu kommen.

Er setzte sich hin und schrieb die ersten Zeilen zu diesem Lied.

In diesem Song begegnet ein Mensch in seiner Verzweiflung einer geheimnisvollen Frau.
Sie gibt ihm Rat.
Sie symbolisiert Hoffnung, Freundlichkeit und Weisheit – im Gegensatz zur Zerstörung, die ihn umgibt.

Sie ist eine Hoffnungsgestalt in dunklen Zeiten.

Und davon möchte ich heute sprechen.



II. Die Botschaft: Gewalt sät Gewalt

In dieser Zeit des Jahres steht für viele von uns der Gedanke an Frieden im Vordergrund.
Volkstrauertag, Buß- und Bettag.
Die Erinnerung an die Pogromnacht.
Wichtige Gedenktage, die uns in den kommenden Wochen begleiten.
Aber: in diesen Wochen geht es in vielen biblischen Texten auch um Engel.

Und genau davon handelt dieser Song.

Die Lady in Black will nicht an Kampf denken.
An etwas, das Menschen ihre Menschlichkeit nimmt.
Das so leicht beginnt – und kaum mehr zu beenden ist.

Ken Hensley singt davon, wie Gewalt Menschen verändert.
Wie schnell Hass gesät ist.
Und wie schwer es ist, wieder Frieden zu finden.

Das kennen wir auch aus unserem persönlichen Umfeld:
Wie leicht ist ein Streit entflammt.
Wie schwer ist es, ihn zu beenden.
Wie schnell sind Gewalt und Hass gesät.
Wie schwer ist es, Versöhnung zu stiften.

In diesem Song will jemand seine Feinde vernichten.
Soviel Gewalt ist in seinem Herzen.
Aber er spürt: Eigentlich geht er in der Dunkelheit.

Und dann begegnet ihm diese Frau in Schwarz.
Sie rät ihm davon ab.
Gewalt sät neue Gewalt.
So einfach zu beginnen, schier unmöglich zu beenden.

Sie ermutigt ihn, ihr zu vertrauen.
Ihre Worte geben ihm die Kraft, einen anderen Weg zu suchen.

In unseren Tagen wünsche ich mir diese Besonnenheit.
Die nicht dem Ruf der Rache folgt, sondern andere Wege sucht.



III. Wer inspiriert uns?

Dieser Song lässt mich darüber nachdenken:
Wer inspiriert uns in unserem Leben?

Vielleicht nicht unbedingt eine Lady in Black.
Aber gab es Menschen, die uns daran erinnern, was wichtig ist?
Und was unwichtig?

Menschen, die uns liebevoll, aber konsequent hinterfragen?
Die uns auf einen Weg bringen, der neue Kraft gibt?

Manchmal sind es Weggefährten auf Zeit.
Manchmal müssen es auch keine Menschen sein.

Es sind Lieder.
Worte, die uns jemand sagt.
Ein Buch, das uns begleitet.

Für ein Stück Weg leuchtet ein Licht auf, das einen Weg zeigt – heraus aus unserer Dunkelheit.

Am Ende des Songs bleibt eine Hoffnung:
Vielleicht begegnet auch uns so eine Gestalt.
Ein Mensch, ein Wort, ein Moment – der uns auf einen anderen Weg bringt.

Weg von der Gewalt.
Hin zur Versöhnung.



IV. Die biblische Tiefe: Engel als Lebensboten

Die Bibel erzählt von solchen Begegnungen.
Von Menschen, die plötzlich auf einen anderen Weg kommen.

Oft spricht sie dabei von Engeln.

Nein, nicht die Männer mit Flügeln aus dem Barockgemälde.
Sondern Boten der Gotteskraft.
Menschen, Worte, Begegnungen – die unser Leben auf eine neue Spur setzen.

Da ist Abraham, der drei Männer bewirtet.
Fremde, die ihm eine Botschaft bringen.
Erst später ahnt er: Das war mehr als ein Besuch.

Da ist Jakob, der nachts am Fluss um sein Leben ringt.
Mit einem, den er nicht sehen kann.
Bis der Morgen kommt – und er verwandelt ist.

Da ist Maria, die einen Gruß hört.
„Fürchte dich nicht.“
Und ihr Leben ändert sich für immer.

So verstehe ich die Engel der Bibel:
Boten des Lebens.
Die uns inspirieren.
Die uns manchmal – zum Glück – im Weg stehen.
Aber immer als Hoffnungsträger.

Keine Lichtgestalten aus einem anderen Universum.
Sondern Menschen, die uns stärken.
Tröstende Worte.
Ermutigende Begegnungen.
Inspirierende Lieder.

Engel können vieles sein:

Der Satz, der wieder Mut macht.
Der Mensch, der uns nicht von sich stößt.
Die Zeilen im Buch, die Wunden heilen.

Manchmal ein Hindernis, das uns zum Umdenken zwingt.
Manchmal ein Halt, an dem wir uns festhalten können.
Das Wunder, das wir nicht erwartet haben.

So verstehe ich auch diese Lady in Black.
Als eine Engelsgestalt.
Eine Hoffnungsbotin in dunklen Zeiten.

Ein katholischer Freund, selbst Priester, sagte einmal zu diesem Lied:
Für ihn sei es ein Song über Maria.
Sie ist diese Lady in black,
die einen Menschen begleitet und zum Frieden anstiftet.
Eine Inspiration, die sie Menschen geben kann.

Ich weiß nicht, ob der Papst diese Auffassung teilt.
Und als Protestant frage ich da auch mal nach.
Aber ich kann das gut stehen lassen.

Denn im Grunde geht es genau darum:
Um Begegnungen, die uns verwandeln.
Die uns neue Wege zeigen.
Die uns Mut machen.

Und ich wünsche den Kriegstreibern, den Hasserfüllten,
den Mutlosen und Verwirrten,
den Suchenden und Neugierigen –
ich wünsche ihnen einen solchen Engel.

Der sie erkennen lässt, wie kostbar Frieden ist.
Wie kostbar Hoffnung und Leben sind.

Und ich wünsche das auch mir.
Und Ihnen.



V. Das Einfache und das Besondere


Ein paar Gedanken zu einem Rocksong, die ich gerne mit Ihnen teilen wollte.

Übrigens: es wird ja immer behauptet,
dass Rockmuiker nur drei Akkorde spielen können.
Dieses Lied beweist, dass dies eine haltlose Unterstellung ist.
„Lady in Black“ kann man nur mit zwei Akkorden spielen.
Damit gehört dieses Lied zu den simpelsten Hits der Rockgeschichte.

Aber auch zu den besonderen.

Manchmal braucht es nicht viel.
Nur das Richtige zur richtigen Zeit.

Eine Begegnung.
Ein Wort.
Ein Lied.

Amen.


Hintergrundinfos zum Song aus
Wikipedia: Die freie Enzyklopädie. Lady in Black (Deutschland).
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Lady_in_Black_(Deutschland).
Revision vom 23. September 2025, 15:47 Uhr. Zuletzt geprüft/Abgerufen am: 22. Oktober 2025.


Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Stellen Sie sich vor, eine „Lady in Black“ träte in Ihr Leben. Was würde sie Ihnen raten?
  2. Welche Begegnung, welches Wort oder welches Lied hat Sie in letzter Zeit berührt oder inspiriert?

Meditativer Nachklang

Gott,

manchmal gehen wir in Dunkelheit.
Manchmal tragen wir Wut und Schmerz in uns.

Schick uns eine Begegnung,
die uns inne halten lässt.
Ein Wort, das uns Mut macht.
Einen Menschen, der uns zeigt:
Es gibt einen anderen Weg.

Lass uns Engel sein für die, die sie brauchen.

Und lass uns selbst welche finden,
wenn wir sie am nötigsten haben.

Amen.

Songpredigt. Vom Rockstar, der morgens um Zehn die Sehnsucht fand: Sailing und Psalm 42.“

Bibeltext: Psalm 42,2-6 (BasisBibel)
„Wie ein Hirsch nach Wasser lechzt, so sehnt sich meine Seele nach dir, Gott.
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott…“
Mit Bezug zu Rod Stewarts „Sailing“



Ich hatte es schon angekündigt. Wir singen es heute gemeinsam. Und es wird Teil der Predigt sein:
Sailing. Rod Stewarts Song über das Segeln, über Heimkehr und Weite.

Vielleicht geht es Ihnen wie mir. Irgendwie berührt Sie etwas bei diesem Lied.
Eine Sehnsucht, die Sie nicht genau benennen können.
Die Melodie, die von Aufbruch erzählt und gleichzeitig von Ankunft.

Gavin Sutherland, der dieses Lied ursprünglich schrieb, sagte etwas Erstaunliches darüber:
„Die meisten Leute denken, es geht um einen Mann, der übers Meer zu seiner Geliebten segelt. Aber das stimmt nicht.
Es ist die Geschichte der spirituellen Odyssee des Menschen auf seinem Weg zur Freiheit und Erfüllung.“

Genau diese Odyssee beschreibt auch der Psalmdichter vor dreitausend Jahren.
Psalm 42 beschreibt die spirituelle Sehnsucht als eine Kraft, die uns trägt und uns lebendig macht.
Genau wie Rod Stewarts „Sailing“ erzählt der Psalm von einer Odyssee, die uns verwandelt, auch wenn wir noch unterwegs sind.

Die Sehnsucht

Stellen Sie sich diesen Hirsch vor.
Ein Geschöpf in der Weite einer Steppenlandschaft, das die Quelle sucht.
Sein ganzer Körper ist ausgerichtet auf dieses eine: frisches Wasser finden.

So beschreibt der Psalm unsere Seele.
Diese ganze Person, die Sie sind.
Mit unseren Sehnsüchten und Träumen, unseren Hoffnungen und unseren Fragen.

Kennen Sie dieses Sich-Ausstrecken?
Dieses Suchen?

Nach einem Moment der Ruhe.
Nach einem guten Wort.
Nach einem Tag, an dem alles sich leichter anfühlt.
Nach Leben, das sich anfühlt wie Leben.
Nach etwas, das größer ist als wir selbst.
Diese Sehnsucht ist nicht das Problem.
Sie ist das Zeichen, dass wir lebendig sind.

Aber dann kommt auch der Bruch:
„Meine Tränen sind mein Brot bei Tag und bei Nacht. Denn man sagt ständig zu mir: Wo ist er denn nun, dein Gott?“
Die Sehnsucht wird manchmal nicht gestillt.
Die Sehnsucht scheint auf Leere zu treffen.

Aber manchmal entstehen die echtesten Momente gerade dann,
wenn wir uns am verletzlichsten fühlen.
Wenn wir nicht mehr versuchen, perfekt zu sein,
sondern einfach nur echt.

So war es auch bei der Entstehung dieses Songs.
Rod Stewart. Rockstar. Nachtmensch durch und durch.
Steht morgens um halb elf im Studio in den Muscle Shoals Studios.
Früh. Für ihn sehr früh.

Der Produzent Tom Dowd hatte ihn aus dem Bett geklingelt.
„Komm sofort ins Studio“, hatte er gesagt.
Keine Zeit für Aufwärmen, keine Zeit für Rockstar-Allüren.
Vor ihm saßen die Muscle Shoals Rhythm Section.
Seine Band für diese Nummer.
Allesamt Legenden.
Musiker, die mit Aretha Franklin und Wilson Pickett gearbeitet hatten.
Stewart sagte später: Er war eingeschüchtert. Nervös.
Und genau da, in dieser Verletzlichkeit, in dieser ungeschützten Morgenstunde, sang er „Sailing“ in wenigen Takes ein.
Nicht perfekt. Aber Authentisch.

Die Schwellenzeit

Das Lied singt vom Fliegen wie ein Vogel über das Meer. Von einer Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
Von Freiheit und Weite.
Die Sutherland Brothers, die „Sailing“ komponierten, wollten dem Lied einen „keltischen Klang“ geben.
Etwas von dieser alten Weisheit, die um die Übergänge weiß. Um das Dazwischen.

Es ist ein Lied für die Schwellenzeiten im Leben. Momente zwischen Tag und Nacht.
Zeiten zwischen dem Alten und dem Neuen.
Unterwegs sein ist der Ort, wo das Leben sich ereignet.

„Sailing“ wurde zum Soundtrack für genau solche Momente.
Abschiede. Neuanfänge. Aufbrüche ins Ungewisse.
Menschen haben es gespielt, wenn sie Heimat verlassen mussten.
Wenn sie einen neuen Lebensabschnitt begannen.
Das Lied weiß: Unterwegs sein gehört zum Menschsein dazu. Immer schon. Seit Jahrtausenden.

Der Song erzählt vom Segeln und Fliegen – beides Bilder für eine Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
Wann haben Sie diese Sehnsucht gespürt? Vielleicht beim Blick aus dem Fenster heute Morgen.
Die Weite des Himmels, die plötzlich größer war als alles, was Sie beschäftigt.
Ein Moment, in dem das Fenster zum Rahmen wurde für etwas, das Sie nicht greifen können, aber spüren.
Der Psalm spricht vom „lebendigen Gott“. Nicht von einer Idee oder einem Prinzip, sondern von einer Kraft, die lebendig macht.
Leben, das sprudelt wie eine Quelle. Leben, das trägt wie der Wind unter den Segeln.

Diese Kraft ist da.
Sie ist der Grund, auf dem Sie stehen, auch wenn der Boden manchmal wackelt.
Sie ist der Horizont, der bleibt, auch wenn Sie den Blick senken.

Spiritualität ist keine Flucht aus dem Leben, sondern eine Vertiefung hinein.

Eine Odyssee zu sich selbst durch etwas, das größer ist als wir selbst. Der Weg übers Meer zurück nach Hause.

Die Hoffnung

Woher kommt eigentlich diese Sehnsucht?
Diese Unruhe in uns, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt? Diese Suche nach dem Mehr, nach dem Größeren, nach dem, was trägt?
Augustinus, der große Kirchenvater, hat es vor 1600 Jahren so gesagt:
„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“
Unruhig ist unser Herz.
Das ist keine Krankheit. Das ist keine Schwäche. Das ist Gottes Spur in uns.

Gott hat diese Sehnsucht in unser Herz gelegt.
Wie eine Kompassnadel, die nach Norden zeigt.
Wie ein innerer Kompass, der uns ausrichtet auf das Lebendige.

Die Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass uns etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass wir für mehr geschaffen sind.
Dass da eine Kraft in uns wirkt, die größer ist als wir selbst.
Und dennoch sagt der Psalmbeter zu sich selbst:
„Warte nur auf Gott! Ja, ich werde ihm noch danken. Er ist die Rettung für mich, er ist mein Gott.“

Hören Sie, was er nicht sagt?
Nicht: Ich bin angekommen.
Nicht: Ich habe die Antwort gefunden.
Nicht: Ich habe keine Fragen mehr.

Sondern: Ich werde noch. Ich warte. Ich bleibe dran.

Das ist der Mut unserer spirituellen Odyssee. Die Sehnsucht nicht wegzudrücken, sondern als Gottes Ruf zu verstehen.
Zu segeln, ohne genau zu wissen, wo das Ufer ist – aber zu vertrauen, dass die Sehnsucht selbst schon Gottes Antwort ist.
Das ist schon segeln. Das ist schon unterwegs sein. Das ist schon vertrauen, dass die Sehnsucht selbst der Weg ist.
Wie der Hirsch, der dem Duft des Wassers folgt, lange bevor er die Quelle sieht.
Wie das Lied, das die Weite des Meeres besingt und dabei von Heimkehr träumt.

Nach Hause

Rod Stewart singt davon, nach Hause zu segeln, über das Meer. Zu jemandem hin.
Zu wem? Der Liedtext bleibt offen.
Der Psalmbeter ist konkreter: „Ich strecke mich aus nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“

Was bedeutet „nach Hause“?
Nicht ein Ort, sondern eine Gegenwart. Nicht ein Ankommen, sondern ein Getragenwerden.
Der lebendige Gott ist nicht das Ziel am Ende der Reise. Er ist die Kraft, die uns trägt, während wir noch unterwegs sind.
Sie sind unterwegs. Das ist nicht das Problem. Das ist nicht der Mangel. Das ist das Leben selbst.
Ihre Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass Sie lebendig sind.
Dass da eine Kraft in Ihnen wirkt, die größer ist als alle Begrenzung.

Am Ende des Liedes heißt es nicht „I am sailing“, sondern „We are sailing“.
Wir.
Nicht: Ich segele einsam übers Meer.
Sondern: Wir sind unterwegs. Gemeinsam.
Gleich werden wir dieses Lied zusammen singen. Und vielleicht spüren Sie dann: Diese Odyssee machen wir nicht allein.
Hier, in diesem Raum. Auf diesem Wasser des Lebens.
Mit dieser Sehnsucht nach dem Lebendigen, die uns trägt, auch wenn wir noch nicht angekommen sind.
Heute. Hier. Gemeinsam.

Amen.


Quellenverzeichnis:

Bibeltext:
Psalm 42,2-6 nach BasisBibel. Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Online: www.die-bibel.de

Lied „Sailing“:
Text und Musik: Gavin Sutherland (1972), bekannt durch Rod Stewart (1975)

Hintergrundinformationen
Gavin Sutherland zur Bedeutung des Songs:
Scottish Daily Express (1975), zitiert in: Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)
Zitat: „The song’s got nothing to do with romance or ships; it’s an account of mankind’s spiritual odyssey through life on his way to freedom and fulfillment with the Supreme Being.“

Rod Stewarts Aufnahmesession in Muscle Shoals:
Mail on Sunday’s Live Magazine (2010), zitiert in: Songfacts – „Sailing by Rod Stewart“
URL: https://www.songfacts.com/facts/rod-stewart/sailing
Details: Aufnahme 10:30 Uhr morgens, Tom Dowd als Produzent, 6-7 Takes

Muscle Shoals Rhythm Section:
Wikipedia: „Muscle Shoals Rhythm Section“
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Muscle_Shoals_Rhythm_Section
Musiker: Roger Hawkins, Barry Beckett, Jimmy Johnson, David Hood
Zusammenarbeit mit Aretha Franklin, Wilson Pickett, Percy Sledge

„Celtic feel“ des Songs:
Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)


Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Welcher Moment der letzten Woche fühlte sich an wie „Wind unter den Segeln“?
  2. Wann in Ihrem Leben war die Sehnsucht nach Transzendenz am stärksten spürbar?

Meditativer Nachklang

Du Kraft, die trägt wie Wind und Wasser,
Du Sehnsucht, die in uns wohnt,
Du Horizont, der uns ruft –
lass uns spüren:

Wir sind unterwegs zu Dir,
und Du bist unterwegs zu uns.

In der Weite des Meeres
und in der Stille unseres Herzens
finden wir Dich –

und werden gefunden.

Amen.


Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten
oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein,
aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

Psalm 42 als Pilgerlied

Dieser Psalm gehört zu den sogenannten Korachpsalmen, möglicherweise Lieder für den Tempelbesuch.
Die Sehnsucht ist konkret: nach Jerusalem, nach dem Tempel, nach der Gemeinschaft der Feiernden. Universal gesehen: nach dem Ort, wo Himmel und Erde sich berühren.

Inspirierende Fragen:
– Was macht einen Raum zu einem spirituellen Raum?
– Welche Orte in Ihrem Leben sind „heilige Orte“, wo Sie sich Gott nahe fühlen?

Quelle: Vgl. Seybold, Klaus: Die Psalmen, HAT I/15, Tübingen 1996, S. 177-180

Exil und Sehnsucht

Der historische Kontext: Menschen im babylonischen Exil haben wahrscheinlich diesen Psalm geschrieben. Sie sehnen sich nach Jerusalem. Fern vom Tempel, fern von Heimat. Die Sehnsucht ist geografisch – und zugleich existentiell. Heimweh als Seelensprache.

Inspirierende Fragen:
– Was wäre Ihre „Heimkehr“ – wohin sehnen Sie sich zurück?
– Wo in Ihrem Leben fühlen Sie sich „im Exil“ – fern von sich selbst?

Quelle: Kraus, Hans-Joachim: Psalmen 1-59, BK XV/1, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 468-474

Trauer. Für sich selbst sorgen

Das Geschenk der Unterbrechung.

Wie Angehörige liebevoll da sein
und trotzdem für sich selbst sorgen können

1. Der schwere Balanceakt
Sie sitzen hier am Bett eines Menschen, der Ihnen nahesteht. Die Zeit scheint stillzustehen, und gleichzeitig rast sie davon. In diesen Tagen und Wochen erleben Sie eine der schwierigsten Aufgaben des Lebens: da zu sein und gleichzeitig für sich selbst zu sorgen.
Es ist ein Paradox, das viele von Ihnen kennen. Sie möchten jeden Moment nutzen, jedes Wort hören, jeden Atemzug teilen.
Und doch spüren Sie, wie Ihre eigenen Kräfte schwinden


2. Die Erlaubnis zum Gehen
„Geh hinaus und lebe“, sagte einst der persische Mystiker Rumi.
Diese Worte gelten auch für Sie in dieser Zeit. Es ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig, dass Sie das Zimmer verlassen.
Dass Sie nach Hause gehen.
Dass Sie spazieren gehen, duschen, ein warmes Essen zu sich nehmen.
Ihre Liebe misst sich nicht an der Anzahl der Stunden am Krankenbett. Sie misst sich an der Qualität Ihrer Präsenz, wenn Sie da sind.
Ein ausgeruhter, genährter Mensch kann viel mehr Liebe und Aufmerksamkeit schenken als jemand, der sich selbst vergisst.


3. Der Sauerstoff des Lebens
Denken Sie an die Sicherheitshinweise im Flugzeug: Setzen Sie zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske auf, dann helfen Sie anderen.
Dieser Rat gilt auch hier im Hospiz. Sie können nur geben, was Sie haben. Sie können nur Kraft spenden, wenn Sie selbst Kraft tanken.


4. Die heilsame Routine des Alltags
Gehen Sie nach Hause. Öffnen Sie die Fenster. Machen Sie sich einen Kaffee oder Tee. Setzen Sie sich in Ihren Lieblingssessel.
Diese einfachen Handlungen sind keine Flucht vor der Realität. Sie sind Anker in einer Zeit, die alle Gewissheiten ins Wanken bringt.
Der Alltag trägt Sie, wenn alles andere zu schwer wird.


5. Das Gespräch als Geschenk
Sprechen Sie mit uns, dem Hospizteam. Sprechen Sie mit der Seelsorge. Ihre Sorgen, Ihre Ängste, Ihre Schuldgefühle sind uns nicht fremd. Wir haben sie schon oft gehört, und sie sind alle berechtigt.
Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe zu suchen. Es ist ein Zeichen von Weisheit.


6. Die Stille zwischen den Besuchen
Wenn Sie eine Pause machen, entsteht Raum. Raum für Gedanken, die im ständigen Wachen keinen Platz finden.
Raum für Erinnerungen an schöne gemeinsame Zeiten.
Raum für die Dankbarkeit, die neben der Trauer wohnt.
Diese Pausen sind nicht Untreue gegenüber dem sterbenden Menschen.
Sie sind Geschenke an Sie beide: Zeit zur Besinnung für Sie, Zeit ohne Ihre Sorge um ihn oder sie


7. Der Rhythmus von Nähe und Distanz
Das Leben kennt seit jeher den Rhythmus von Anspannung und Entspannung. Tag und Nacht. Einatmen und Ausatmen. Hingabe und Rückzug.
Auch Ihre Begleitung darf diesem natürlichen Rhythmus folgen.
Sie müssen nicht rund um die Uhr stark sein. Sie dürfen auch weinen, auch müde sein, auch überfordert.


8. Das Vertrauen in das Team
Wir sind da, wenn Sie nicht da sind. Wir wachen, wenn Sie schlafen. Wir begleiten, wenn Sie eine Pause brauchen.
Das ist unser Auftrag, unsere Berufung, unser Geschenk an Sie beide.
Vertrauen Sie darauf, dass Ihr Mensch gut aufgehoben ist.
Dass er oder sie spürt: Ich bin nicht allein, auch wenn meine Liebsten gerade nicht da sind.


9. Die Kraft der kleinen Auszeiten
Manchmal reicht schon ein Gang in den Garten. Fünf Minuten frische Luft. Ein kurzes Telefonat mit einem Freund. Eine Tasse Tee in der Cafeteria.
Diese kleinen Unterbrechungen sind wie Atemzüge für die Seele. Sie bringen Sie zurück zu sich selbst.
Sie erinnern Sie daran, dass Sie mehr sind als nur der Angehörige eines sterbenden Menschen.


10. Ein Segen für den Weg

Mögen Sie die Erlaubnis spüren, gut für sich zu sorgen.
Mögen Sie den Mut finden, um Hilfe zu bitten.
Mögen Sie das Vertrauen entwickeln, dass Liebe auch in der Pause wirkt.


Und mögen Sie wissen:
Ihre Fürsorge für sich selbst ist keine Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen.
Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Sie bis zum Ende liebevoll da sein können.



Trauer. Wenn das Leben aus den Fugen gerät

Trauer –
Wenn das Leben aus den Fugen gerät


Manche Verluste werfen uns aus der Bahn. Sei es der Tod eines geliebten Menschen, ein belastendes Ende, der Verlust der eigenen Gesundheit oder eine zerbrochene Beziehung – plötzlich ist alles anders.

Doch was ist Trauer eigentlich?


Die stille Begleiterin: Trauer


Es gibt Momente, in denen das Leben stillzustehen scheint. Ein Verlust hat alles verändert, und Sie fragen sich, wie es weitergehen soll.
Die Trauer ist bei Ihnen eingezogen und will nicht mehr gehen.
Das ist schwer auszuhalten.
Und doch möchte ich Ihnen etwas sagen: Trauer ist nicht Ihr Feind.

Ich darf trauern

Trauer zeigt uns, was uns wichtig war. Sie ist das Echo einer tiefen Verbindung, der Nachhall von Liebe. Ohne Bindung gibt es keine Trauer.
Sie dürfen trauern.
Sie müssen nicht stark sein, nicht funktionieren, nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Trauer braucht Raum und Zeit. Manchmal viel Zeit.
In unserer beschleunigten Welt vergessen wir das oft.

Die Gezeiten der Trauer

Trauer kommt in Wellen. Manchmal sanft wie ein ruhiger See, manchmal mit der Wucht eines Sturms. Beide gehören dazu.
Es gibt Tage, an denen Sie denken: „Es wird besser.“ Und dann gibt es andere, an denen der Schmerz so frisch ist wie am ersten Tag. Das ist normal. Das ist menschlich.
Trauer folgt keinem Zeitplan.
Lassen Sie sich nicht drängen – weder von anderen noch von sich selbst.
Ihre Trauer ist so einzigartig wie Ihre Liebe war.

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Ich will meine Trauer verstehen…

Trauer ist kein geradliniger oder starrer Prozess. Heute weiß man: Trauer verläuft nicht in festen Phasen oder Schrittfolgen, wie früher oft angenommen wurde, sondern sie ist viel beweglicher und individueller.

• Trauer kommt und geht: Sie erleben wahrscheinlich, dass Ihre Trauer in Wellen auftritt. Es gibt Momente, in denen Sie sehr traurig sind, und andere, in denen Sie sich ablenken, arbeiten oder sogar Freude empfindenden können. Auch Zeiten, in denen Sie kaum an den Verlust denken, und dann wieder plötzlicher Schmerz – all das ist ganz normal. Viele Trauernde sind erstaunt: „Heute geht es besser – und plötzlich ist die Trauer wieder ganz nah.“ Das ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Lebendigkeit und Anpassung.

• Zwischen Erinnern und Neuanfang: Manchmal brauchen Sie das Erinnern, das Zulassen von Gefühlen, das Weinen oder das Sprechen über den Verstorbenen. An anderen Tagen steht der Alltag im Vordergrund: Sie kümmern sich um Ihre Aufgaben, genießen kleine Dinge oder sind nach außen gerichtet. Dieses Wechselspiel erleichtert die Verarbeitung des Verlusts. Ablenkung ist dafür genauso wichtig wie Traurigsein.

„Es ist völlig in Ordnung, wenn Sie zeitweise das Gefühl haben, die Trauer sei verschwunden –
und sie dann wieder spüren.
Sie machen dabei nichts falsch.
Es gehört zu Ihrem Trauerweg.“

Eine neue Art, das Leben zu sehen

Trauer verändert uns. Das ist unausweichlich. Aber Veränderung bedeutet nicht nur Verlust. Sie kann auch zu einer tieferen Dankbarkeit führen, zu mehr Mitgefühl für andere, zu einer neuen Wertschätzung des Lebens.
Vielleicht spüren Sie das noch nicht. Das ist in Ordnung.
Es braucht Zeit, bis wir erkennen, wie Trauer uns geformt hat. Bis wir verstehen, dass sie uns nicht nur genommen, sondern auch gegeben hat: Tiefe. Mitgefühl. Eine neue Art, das Leben zu sehen.
Sie werden wieder lachen können, ohne Ihren Verlust zu verraten. Sie werden wieder Freude empfinden können, ohne schuldig zu sein.
Das Herz ist groß genug für beides: für Trauer und für Hoffnung.

Brauche ich Hilfe?

Es ist gut, wenn Menschen uns zur Seite stehen – nicht nur in den ersten Tagen, sondern auch dann, wenn die Trauer länger dauert.
Es tut gut, wenn jemand zuhört, fragt, was wir brauchen, uns erzählen lässt, einfach „da ist“ und uns mit unseren Gefühlen aushält.

Ärztliche oder therapeutische Hilfe von außen ist dann wichtig, wenn Sie merken: Die körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Schmerzen werden zu belastend.
Auch dann, wenn sich Ihr Zustand über viele Monate nicht verändert, Sie sich wie gelähmt fühlen, keinen Zugang mehr zum Leben finden, immer weiter zurückziehen oder gar keinen Sinn mehr sehen.

Scheuen Sie sich nicht, Unterstützung anzunehmen – das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein kluger Schritt zu mehr Lebensqualität. Manchmal braucht es professionelle Hilfe, um wieder Hoffnung, Kraft und Perspektive zu finden.



„Trauer ist wichtig,
um einen Verlust zu verarbeiten –
doch wenn sie das Leben dauerhaft belastet, jemand körperlich oder seelisch darunter leidet
und keinen Weg
zurück ins Leben findet,
dann ist es Zeit, Hilfe zu suchen.“

Trauer ist kein Problem,
das gelöst werden muss.
Sie ist ein Teil des Lebens.

Es gibt keinen Weg um die Trauer herum. Es gibt nur den Weg hindurch.
Das bedeutet nicht, dass Sie allein gehen müssen. Hier in der Klinik sind Menschen, die Sie verstehen. Die Ihnen zuhören. Die Sie begleiten, ohne Ihnen die Trauer nehmen zu wollen.
Trauer ist kein Problem, das gelöst werden muss. Sie ist ein Teil des Lebens, der gewürdigt werden will.
Lassen Sie zu, dass andere Ihnen nahe sind. Auch in der Trauer – gerade in der Trauer – sind Sie nicht allein.

Irgendwann werden Sie merken,
dass neben der Trauer wieder andere Gefühle Platz finden.

Nicht weil die Trauer verschwindet,
sondern weil das Herz lernt, beides zu tragen:
die Liebe zu dem, was war,
und die Hoffnung auf das, was noch kommen kann.

Bis dahin: Seien Sie geduldig mit sich.
Seien Sie gütig zu sich.

Hospiz. Weben an der Erinnerung

Weben am Teppich der Erinnerung – Seelsorge im Hospiz

Was kann Seelsorge in einem solchen Raum leisten? Sie ist zunächst eine Präsenz. Ein Da-Sein ohne Tagesordnung. Ohne Ziel außer der Begegnung selbst. Seelsorgende im Hospiz verstehen sich als Ansprechpartner für alle. Für die Gäste, ihre Angehörigen und auch für die Mitarbeitenden.

Seelsorgende bieten einen Resonanzraum für alles, was im Menschen anklingen möchte. Fragen nach dem Warum. Erinnerungen. Unausgesprochene Schuld. Hoffnungen und Ängste vor dem, was kommen mag.
Sie halten aus, wenn es keine Antworten gibt. Sie schweigen mit, wenn Worte nicht reichen. Sie hören die leisen Töne zwischen den Worten. Manchmal finden sie gemeinsam Rituale oder Worte, die tragen.
Die Seelsorge im Hospiz ist konfessionell offen. Sie begegnet Menschen aller Glaubensrichtungen. Auch jenen, die keinen religiösen Bezug haben. Sie fragt nicht nach dem „richtigen Glauben“. Sie fragt nach dem, was den einzelnen Menschen trägt und nährt.

Eine besondere Aufgabe der Seelsorge im Hospiz ist die Gestaltung von Gedenkfeiern. Wenn ein Gast verstorben ist, braucht es Räume, um gemeinsam innezuhalten, zu erinnern und auch zu trauern. Diese Feiern sind wie ein gemeinsames Weben am Teppich der Erinnerung – jeder, der den verstorbenen Menschen kannte, bringt einen Faden ein.

In der Gestaltung solcher Gedenkfeiern zeigt sich die Kunst der Seelsorge besonders deutlich. Es geht darum, Worte und Symbole zu finden, die dem Leben des Verstorbenen gerecht werden und zugleich den Hinterbliebenen Trost spenden können. Manchmal sind es Kerzen, die entzündet werden, manchmal Steine, die abgelegt werden, manchmal Musik, die den Raum füllt.

Die Gedenkfeiern knüpfen oft an Elemente aus verschiedenen spirituellen Traditionen an, bleiben dabei aber immer respektvoll gegenüber der Weltanschauung des Verstorbenen und seiner Angehörigen. Sie bieten einen geschützten Raum, in dem die Trauer ihren Platz haben darf, ohne dass sie die Menschen überwältigt.

So können auch Gedenkfeiern mehr sein als ein Rückblick – sie können zu einem Samenkorn werden für das, was im Leben der Trauernden noch wachsen will.

Predigt. Weiter Raum

Impuls

„Ich will jubeln und mich freuen über deine Güte!
Du hast mein Elend gesehen und die Not meiner Seele erkannt.
Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
(Psalm 31,9 Basis-Bibel )

Kennst du das Gefühl, wenn du nach langen Stunden in geschlossenen Räumen endlich ins Freie trittst? Wenn sich der Blick weitet über Felder oder Wasser? Wenn die Lungen sich füllen mit frischer Luft?

Genau diese Erfahrung meint der Psalm – nur für die Seele.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ – so betet der Psalmsänger.
Mitten in seiner Bedrängnis.

Weiter Raum. Das ist mehr als nur physischer Platz. Das ist Atem für die Seele. Das ist die Gewissheit: Es gibt mehr als das, was mich gerade umklammert. Es gibt eine Dimension jenseits meiner Sorgen.

Manchmal fühlt sich das Leben an wie ein zu enger Schuh. Die Wände rücken näher. Der Atem wird flacher. Alles drückt und zwängt und lässt kaum noch Bewegung zu.

Der Psalmbeter weiß: Ich bin nicht gefangen in dem, was mich bedrängt. Da ist ein Gott, der größer ist als meine Ängste. Da ist eine Liebe, die weiter reicht als meine Sorgen.

„In deine Hand lege ich mein Leben“ – so vertraut er. Das ist kein passives Ergeben. Das ist aktives Vertrauen. Das ist die bewusste Entscheidung: Ich lasse mich nicht von der Enge meiner Umstände definieren.

Weiter Raum bedeutet Perspektive. Wenn wir zu nah dran sind an unseren Problemen, versperren sie uns die Sicht. Erst der Abstand zeigt: Da ist mehr als nur dieses eine Problem.

Manchmal schenkt Gott uns diesen Abstand durch einen Freund, der zuhört. Manchmal durch einen Spaziergang in der Natur. Manchmal durch ein Gebet, das uns aus dem Hamsterrad der Gedanken befreit. Manchmal einfach durch die Erfahrung: Ich bin nicht allein.

Weiter Raum bedeutet auch Bewegungsfreiheit. In der Enge verfallen wir leicht in starre Muster. Wir sehen nur noch eine Möglichkeit, nur noch einen Weg. Aber Gott eröffnet Alternativen. Er zeigt neue Wege, die wir vorher nicht gesehen haben.

Der Psalm erzählt von einem Gott, der befreit. Nicht aus der Ferne. Nicht theoretisch. Sondern ganz konkret: „Du hast mein Elend gesehen und die Not meiner Seele erkannt.“ Ein Gott, der sieht.

Vielleicht erlebst du gerade eine Zeit der Enge. Vielleicht drücken die Sorgen von allen Seiten. Der Psalm lädt dich ein: Hebe den Blick. Da ist mehr Raum, als du ahnst.

Gott stellt deine Füße auf weiten Raum. Das ist sein Versprechen. Nicht als billige Vertröstung auf ein Leben nach dem Tod. Sondern als Zusage für heute: Du bist nicht gefangen. Du bist geliebt. Du bist hineingestellt in Gottes weite Welt.

Atme auf. Spüre den Raum, der dir geschenkt ist.

Fragen und Impulse – fürs Nachdenken, für das Tagebuch oder ein Gespräch

  • Wer in deinem Umfeld würde als erstes merken, wenn Du beginnst, mehr im „weiten Raum“ zu leben – und woran würde diese Person das erkennen?
  • Wenn Du Dir vorstellst, dass Gott Deine Füße auf weiten Raum stellt: Welcher erste kleine Schritt in diese Weite würde sich für Dich heute stimmig anfühlen? dir vorstellst, dass ein guter Freund genau dein Leben mit all seinen Herausforderungen leben müsste – welchen Rat würdest du ihm geben, wie er mit sich umgehen sollte?

Gott des neuen Tages,
Du öffnest vor mir Türen,
von denen ich noch nicht weiß.
Du bereitest Wege,
die ich noch nicht sehe.
Lass mich vertrauen, wenn sich noch alles eng anfühlt.
Lass mich spüren: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Heute. Hier. Jetzt.
Amen.

PSALMTEXT

Herr, ich suche Schutz bei dir!
Lass mich niemals scheitern!
Rette mich, denn du bist gerecht!
Neige dein Ohr mir zu, rette mich schnell!
Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet!
Du bist ja mein Fels und meine Burg.
Um deines Namens willen führe und leite mich!

Befreie mich aus dem Netz, das sie heimlich für mich aufgestellt haben.
Du bist ja meine Zuflucht.
In deine Hand lege ich mein Leben.
Du wirst mich befreien, Herr, du treuer Gott!

Ich will jubeln und mich freuen über deine Güte!
Du hast mein Elend gesehen und die Not meiner Seele erkannt. Du hast mich nicht preisgegeben an die Hand des Feindes.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Psalm 31,2-9 (BasisBibel)

Gottesdienst. Heilsames Feiern

Mehr als nur Tradition: Wie Gottesdienste zur inneren Stärkung beitragen können

Viele Menschen suchen heute nach Wegen, innere Ruhe zu finden, mit Belastungen umzugehen und einen tieferen Sinn im Leben zu entdecken.
Gottesdienste werden oft nur mit religiöser Praxis und leerer Tradition verbunden. Dabei können sie eine wertvolle innere Kraftquelle sein – für alle Menschen, die sich darauf einlassen möchten.
Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle persönlich angesprochen fühlen können. Unabhängig von Vorkenntnissen oder Glaubenshintergrund.


Ein Anker in unsicheren Zeiten


Liturgie – also der innere Rhythmus des Gottesdienstes – schafft durch Musik, Gebet, Stille, Segen einen Raum der Vertrautheit.
Besonders in Phasen der Unsicherheit wirkt das wohltuend. Es ist ein Moment, in dem Menschen sich zurückziehen, entspannen und neue Kraft schöpfen können. Wie es schon in der Bibel heißt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)


Zwei besondere Elemente in unseren Gottesdiensten

Die Morgenmeditation


Sie ist weit mehr als nur eine stille Übung im Sonntagsgottesdienst in der Klinik Lahnhöhe.
Die Meditation lädt dazu ein, innezuhalten und sich selbst mit allen Facetten anzunehmen – den Stärken und den Herausforderungen. Menschen können sich fragen: Wie sieht Gott mich heute an? Wie kann ich sowohl die kostbaren Momente als auch die schwierigen Erfahrungen meines Lebens gleichermaßen annehmen?
Das kann Selbstakzeptanz fördern und dabei helfen, ein inneres Gleichgewicht zu finden.

Der persönliche Segen


Ein besonders berührendes Element am Ende unserer Gottesdienste ist der direkte, persönliche Zuspruch des Segens.
In Momenten des Leidens oder der Unsicherheit kann die Zusage von Segen eine tiefe Quelle des Trostes sein. Es geht nicht darum, dass Segen vor allem Leid bewahrt, sondern darum, dass er im Leid tragen und stärken kann.
Diese persönliche Geste vermittelt das Gefühl, gesehen und gehalten zu werden. Eine greifbare Erfahrung von Unterstützung, die über Worte hinausgeht.


Offene Türen schaffen


Viele Menschen sind mit Gottesdiensten nicht vertraut. Sie befürchten, die „ungeschriebenen Gesetze“ nicht zu kennen oder nicht zurechtzukommen. Gottesdienst sollte solchen Ängsten in freundlicher und zugewandter Weise entgegenkommen.

Durch einfache Sprache:
Predigten und Gebete werden in klaren, kurzen Sätzen formuliert. Sie beziehen sich auf die Lebenswirklichkeit der Menschen. Theologische Inhalte werden so vermittelt, dass sie berühren und zum Nachdenken anregen – ohne Vorkenntnisse vorauszusetzen.

Durch Einladung zur Freiheit:
Die Begrüßung macht deutlich, dass niemand Erwartungen erfüllen muss. Alle können einfach da sein, zuhören, mitsingen oder schweigen – so, wie sie möchten und wie es für sie gut ist.
Ein Raum, in dem Menschen sich sicher fühlen können. Ohne Druck, etwas Bestimmtes tun oder empfinden zu müssen. Und auch mit der Freiheit, zwischendurch hinauszugehen, wenn es zu viel wird.


Ein offener Raum

Dies ermöglicht es allen, sich an der Stelle „einzuklinken“, die für sie stimmig ist.
Ob es die beruhigende Musik ist, die zum Ankommen einlädt, die Worte einer Meditation, die zur Selbstreflexion anregen, oder der persönliche Segen, der Trost spenden kann – der Gottesdienst wird zu einem Angebot, das Menschen nach ihren eigenen Bedürfnissen nutzen können.

Gottesdienste, die bewusst auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen, können eine wertvolle Ressource sein. Sie bieten Struktur, Gemeinschaft und die Möglichkeit zur persönlichen Reflexion.

Indem sie Barrieren abbauen und eine Atmosphäre der Offenheit schaffen, laden solche Gottesdienste alle ein, die diesen besonderen Raum betreten möchten. Um für sich selbst zu entdecken, wie Gottesdienst im besten Sinne stärken und unterstützen kann – ganz gleich, wo Menschen in ihrem Leben gerade stehen.

Hospiz. Segen für die Gedenkfeier

Segen für die Gedenkfeier

(Die Hände formen eine Schale vor dem Körper)
Gott, du hältst unsere Erinnerungen,
die kostbaren Momente, die uns verbinden,
die Worte, die gesagt – und die, die unausgesprochen blieben.
Nimm sie in deine Hände und bewahre sie in Liebe.

(Die Hände auf das Herz legen)
Gott, du bewahrst uns in unserer Trauer,
in der Sehnsucht, in der Dankbarkeit,
in der Liebe, die niemals aufhört.
Lass uns spüren, dass wir gehalten sind,
dass wir verbunden bleiben – über Zeit und Raum hinaus.

(Die Hände sanft öffnen und nach vorne strecken, als Zeichen des Loslassens)
Gott, du gibst uns Kraft,
zu lassen, was wir nicht festhalten können,
zu vertrauen, dass Liebe bleibt,
zu hoffen, dass das Leben mehr ist als das Sichtbare.

Segne uns mit Trost und Frieden,
mit Mut zum Weitergehen
und mit der Gewissheit:
Die Liebe hört niemals auf.
Amen.

Hospiz. Unsere Gedenkfeier

Unsere Gedenkfeier im Mai 2025

Sich erinnern an die Menschen, die für eine Zeit Gäste waren in unserem Hospiz.
Noch einmal die Menschen treffen, die als Angehörige und Freunde ganz selbstverständlich Teil dieser besonderen Zeit waren.
Sich als Team erinnern an Begegnungen, Geschichten und Gespräche.
Dankbar sein für eine Zeit der Weggemeinschaft.
All das gehört zu unserer Gedenkfeier.

TRAUER. DAS FENSTER DER ERINNERUNG

Trauer Erinnerung: Wenn der Tag sich neigt, öffne ich das Fenster der Erinnerung. Ein poetischer Text über die Kraft der Erinnerung in Zeiten der Trauer.

Manchmal, wenn der Tag sich neigt,
öffne ich das Fenster der Erinnerung.
Leise schiebt sich das Licht hindurch,
golden wie die letzten Strahlen eines Sommers.

Ich sehe dich –
in einem Lächeln, das aufblitzt,
in einem Wort, das mir zufliegt,
in einer Melodie, die mich berührt.

Manchmal scheint das Fenster beschlagen,
vom Hauch der Trauer, von der Zeit, die vergeht.
Doch dann, mit einem sanften Atemzug,
wird es wieder klar –
und du bist da.

Nicht so, wie du warst,
aber immer noch nah.
Nicht mehr greifbar,
aber doch unendlich gegenwärtig.

Und so bewahre ich dich,
zwischen Licht und Erinnerung,
zwischen Sehnsucht und Dankbarkeit,
in jenem Fenster, das ich immer wieder mal öffne.

Trauer. Die Liebe bleibt

Die Liebe hört niemals auf – Ein Gedanke für Trauernde

A) Die Liebe hört niemals auf

B) Manche Dinge vergehen.
Die Zeit.
Die Stimmen, die einst klangen.
Die Hände, die uns hielten.
Das Leben selbst.

A) Und doch gibt es etwas, das bleibt.
Etwas, das den Tod überdauert.
Etwas, das stärker ist als die Endlichkeit.

B) Die Liebe hört niemals auf.

A) Sie lebt weiter in den Spuren, die wir hinterlassen.
In den Geschichten, die erzählt werden.
Im Licht, das in unseren Herzen brennt.

B) Vielleicht fühlt sie sich manchmal fern an,
wie ein Echo in der Stille,
wie ein leiser Hauch in dunkler Nacht.
Aber sie ist da.

A) Die Liebe hört niemals auf.

B) Sie ist in der Erinnerung,
im Lächeln, das bleibt,
in der Kraft, die uns trägt,
im Vertrauen, dass wir verbunden sind –
über alle Grenzen hinaus.

A) Die Liebe hört niemals auf

B) Die Liebe bleibt.
Heute. Morgen. Für immer.

Gottesdienst. Lahnhöhe

Unser Gottesdienst in der Klinik Lahnhöhe

Unser Gottesdienst folgt einer schlichten, klaren Struktur, die den Kern aller christlichen Gottesdienste widerspiegelt:

  • Ankommen – mit allem, was Dich heute bewegt und beschäftigt
  • Impulse entdecken – neue Gedanken und Perspektiven mitnehmen
  • Den Blick weiten – gemeinsam für die Welt beten
  • Gestärkt weitergehen – Segen für Deinen Weg empfangen

Abendmahl

Regelmäßig feiern wir das Abendmahl miteinander. Herzlich eingeladen sind alle, die sich von Christus angesprochen fühlen und sich nach dieser besonderen Gemeinschaft sehnen – unabhängig von Ihrer Kirchenzugehörigkeit. Wir teilen Brot und Traubensaft als Zeichen der Verbundenheit.

Persönlicher Segen

Jeden Gottesdienst beschließen wir mit Gottes Segen für den weiteren Weg. Wenn Du in den kommenden Tagen nach Hause zurückkehrst, kannst Du auf Wunsch einen persönlichen Reisesegen empfangen – als Begleitung für Deinen Aufbruch in den Alltag.
Wenn Du mehr über Segen erfahren möchtest – einfach den Link anklicken

Hier entdeckst du ein paar Gedanken, warum Gottesdienst einladend sein soll und einladend sein kann. Und heilsam.
Übrigens: zu den Gottesdiensten sind Gäste, die nicht zur Klinik gehören herzlich eingeladen!

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