Klinikseelsorge im Evangelischen Dekanat Nassauer Land

Kategorie: Hospiz

Für sich selbst sorgen

Auch Liebe braucht Pause

Sie sitzen am Bett eines Menschen, der Ihnen nahesteht. Die Zeit scheint stillzustehen – und gleichzeitig rast sie davon. Sie möchten jeden Moment nutzen, jedes Wort hören, jeden Atemzug teilen. Und doch spüren Sie, wie Ihre eigenen Kräfte schwinden.

Das ist kein Versagen. Das ist Menschsein.

Die Erlaubnis zum Gehen

Es ist nicht nur erlaubt, das Zimmer zu verlassen – es ist notwendig. Nach Hause gehen. Spazieren gehen. Duschen, essen, schlafen. Ihre Liebe misst sich nicht an der Anzahl der Stunden am Bett. Sie misst sich an der Qualität Ihrer Präsenz, wenn Sie da sind.

Der persische Mystiker Rumi schrieb einmal sinngemäß: Geh hinaus und lebe. Diese Erlaubnis gilt auch für Sie – gerade jetzt.

Was der Alltag trägt

Gehen Sie nach Hause. Öffnen Sie die Fenster. Machen Sie sich einen Tee. Setzen Sie sich in Ihren Lieblingssessel. Diese einfachen Handlungen sind keine Flucht. Sie sind Anker in einer Zeit, die alle Gewissheiten ins Wanken bringt.

Das Leben kennt seit jeher den Rhythmus von Nähe und Rückzug. Einatmen und Ausatmen. Hingabe und Stille. Auch Ihre Begleitung darf diesem Rhythmus folgen. Sie müssen nicht rund um die Uhr stark sein. Sie dürfen weinen. Sie dürfen müde sein. Sie dürfen überfordert sein.

Die Stille zwischen den Besuchen

Wenn Sie eine Pause machen, entsteht Raum. Raum für Gedanken, die im ständigen Wachen keinen Platz finden. Raum für Erinnerungen an schöne gemeinsame Zeiten. Raum für die Dankbarkeit, die neben der Trauer wohnt.

Diese Pausen sind keine Untreue. Sie sind ein Geschenk – an Sie beide.

Wir sind da, wenn Sie nicht da sind

Das Hospizteam wacht, wenn Sie schlafen. Begleitet, wenn Sie eine Pause brauchen. Ihr Mensch ist nicht allein, auch wenn Sie gerade nicht da sind. Vertrauen Sie darauf.

Und wenn die Schuldgefühle kommen – sprechen Sie mit uns. Mit der Seelsorge. Mit dem Team. Ihre Sorgen sind uns nicht fremd. Wir haben sie schon oft gehört. Sie sind alle berechtigt.

Ein Segen für den Weg

Mögen Sie die Erlaubnis spüren, gut für sich zu sorgen. Mögen Sie den Mut finden, um Hilfe zu bitten. Mögen Sie wissen: Ihre Fürsorge für sich selbst ist keine Gleichgültigkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Sie bis zum Ende liebevoll da sein können.

Weben an der Erinnerung

Seelsorge im Hospiz

Was kann Seelsorge im Hospiz leisten? Sie ist zunächst eine Präsenz. Ein Da-Sein ohne Tagesordnung. Ohne Ziel außer der Begegnung selbst. Seelsorgende im Hospiz verstehen sich als Ansprechpartner für alle. Für die Gäste, ihre Angehörigen und auch für die Mitarbeitenden.

Seelsorgende bieten einen Resonanzraum für alles, was im Menschen anklingen möchte. Fragen nach dem Warum. Erinnerungen. Unausgesprochene Schuld. Hoffnungen und Ängste vor dem, was kommen mag.
Sie halten aus, wenn es keine Antworten gibt. Sie schweigen mit, wenn Worte nicht reichen. Sie hören die leisen Töne zwischen den Worten. Manchmal finden sie gemeinsam Rituale oder Worte, die tragen. Ein Gebet, ein Segen, ein Abendmahl im Kreis der Familie.
Die Seelsorge im Hospiz ist konfessionell offen. Sie begegnet Menschen aller Glaubensrichtungen. Auch jenen, die keinen religiösen Bezug haben. Sie fragt nicht nach dem „richtigen Glauben“. Sie fragt nach dem, was den einzelnen Menschen trägt und nährt.

Eine besondere Aufgabe der Seelsorge im Hospiz ist die Gestaltung von Gedenkfeiern. Wenn ein Gast verstorben ist, braucht es Räume, um gemeinsam innezuhalten, zu erinnern und auch zu trauern. Diese Feiern sind wie ein gemeinsames Weben am Teppich der Erinnerung – jeder, der den verstorbenen Menschen kannte, bringt einen Faden ein.

In der Gestaltung solcher Gedenkfeiern zeigt sich die Kunst der Seelsorge besonders deutlich. Es geht darum, Worte und Symbole zu finden, die dem Leben des Verstorbenen gerecht werden und zugleich den Hinterbliebenen Trost spenden können. Manchmal sind es Kerzen, die entzündet werden, manchmal Steine, die abgelegt werden, manchmal Musik, die den Raum füllt.

Die Gedenkfeiern knüpfen oft an Elemente aus verschiedenen spirituellen Traditionen an, bleiben dabei aber immer respektvoll gegenüber der Weltanschauung des Verstorbenen und seiner Angehörigen. Sie bieten einen geschützten Raum, in dem die Trauer ihren Platz haben darf, ohne dass sie die Menschen überwältigt.

So können auch Gedenkfeiern mehr sein als ein Rückblick – sie können zu einem Samenkorn werden für das, was im Leben der Trauernden noch wachsen will.

Segen für die Gedenkfeier

(Die Hände formen eine Schale vor dem Körper)
Gott, du hältst unsere Erinnerungen,
die kostbaren Momente, die uns verbinden,
die Worte, die gesagt – und die, die unausgesprochen blieben.
Nimm sie in deine Hände und bewahre sie in Liebe.

(Die Hände auf das Herz legen)
Gott, du bewahrst uns in unserer Trauer,
in der Sehnsucht, in der Dankbarkeit,
in der Liebe, die niemals aufhört.
Lass uns spüren, dass wir gehalten sind,
dass wir verbunden bleiben – über Zeit und Raum hinaus.

(Die Hände sanft öffnen und nach vorne strecken, als Zeichen des Loslassens)
Gott, du gibst uns Kraft,
zu lassen, was wir nicht festhalten können,
zu vertrauen, dass Liebe bleibt,
zu hoffen, dass das Leben mehr ist als das Sichtbare.

Segne uns mit Trost und Frieden,
mit Mut zum Weitergehen
und mit der Gewissheit:
Die Liebe hört niemals auf.
Amen.

Gemeinsam erinnern. Ein Modell für Gedenkfeiern im Hospiz.

Unsere Gedenkfeier im Mai 2025

Sich erinnern an die Menschen, die für eine Zeit Gäste waren in unserem Hospiz.
Noch einmal die Menschen treffen, die als Angehörige und Freunde ganz selbstverständlich Teil dieser besonderen Zeit waren.
Sich als Team erinnern an Begegnungen, Geschichten und Gespräche.
Dankbar sein für eine Zeit der Weggemeinschaft.
All das gehört zu unserer Gedenkfeier.

Das Fenster der Erinnerung

Manchmal, wenn der Tag sich neigt,
öffne ich das Fenster der Erinnerung.
Leise schiebt sich das Licht hindurch,
golden wie die letzten Strahlen eines Sommers.

Ich sehe dich –
in einem Lächeln, das aufblitzt,
in einem Wort, das mir zufliegt,
in einer Melodie, die mich berührt.

Manchmal scheint das Fenster beschlagen,
vom Hauch der Trauer, von der Zeit, die vergeht.
Doch dann, mit einem sanften Atemzug,
wird es wieder klar –
und du bist da.

Nicht so, wie du warst,
aber immer noch nah.
Nicht mehr greifbar,
aber doch unendlich gegenwärtig.

Und so bewahre ich dich,
zwischen Licht und Erinnerung,
zwischen Sehnsucht und Dankbarkeit,
in jenem Fenster, das ich immer wieder mal öffne.

Abschied. Die Liebe bleibt

Die Liebe hört niemals auf – Ein Gedanke für Trauernde

A) Die Liebe hört niemals auf

B) Manche Dinge vergehen.
Die Zeit.
Die Stimmen, die einst klangen.
Die Hände, die uns hielten.
Das Leben selbst.

A) Und doch gibt es etwas, das bleibt.
Etwas, das den Tod überdauert.
Etwas, das stärker ist als die Endlichkeit.

B) Die Liebe hört niemals auf.

A) Sie lebt weiter in den Spuren, die wir hinterlassen.
In den Geschichten, die erzählt werden.
Im Licht, das in unseren Herzen brennt.

B) Vielleicht fühlt sie sich manchmal fern an,
wie ein Echo in der Stille,
wie ein leiser Hauch in dunkler Nacht.
Aber sie ist da.

A) Die Liebe hört niemals auf.

B) Sie ist in der Erinnerung,
im Lächeln, das bleibt,
in der Kraft, die uns trägt,
im Vertrauen, dass wir verbunden sind –
über alle Grenzen hinaus.

A) Die Liebe hört niemals auf

B) Die Liebe bleibt.
Heute. Morgen. Für immer.

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