Bibeltext
Offenbarung 21,5
Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu“
Die Jahreslosung 2026 ist ein Satz, der nach Zukunft schmeckt. Aber was meint er – und was nicht? Wer spricht hier? Und was heißt „neu“, wenn die Welt so alt aussieht?
Auf der Schwelle zum neuen Jahr begleiten uns zwei Menschen. Beide heißen John. Beide sind Träumer. Und beide träumen am Ende dasselbe: Eine Welt ohne Tränen.
Zwei Träumer und die Jahreslosung 2026
Der eine ist John Lennon. Liverpool. Der Beatle mit der runden Brille. 1971 setzte er sich ans Klavier und sang von einer Welt ohne Himmel, ohne Besitz, ohne Grenzen, ohne Religion. Ein Traum in Moll. Radikal diesseitig. Kein Gott, der rettet – nur Menschen, die endlich aufhören, sich gegenseitig zu zerstören.
1980 wurde er vor seinem Haus in New York erschossen.
Der andere ist Johannes. Der Verbannte. Er saß auf Patmos, einer Felseninsel in der Ägäis. Seine Gemeinde war verfolgt, Freunde waren ermordet worden. Die Welt war voller Gewalt.
Und dort, im Staub des Exils, sah er etwas: Den Himmel, der auf die Erde kommt. Und er hörte eine Stimme: „Siehe, ich mache alles neu.“
Das ist die Jahreslosung für 2026.
Was wäre, wenn die beiden sich begegnen würden? Hier, auf dieser Schwelle?
„Imagine“ trifft „Siehe“ – ein Gespräch über Hoffnung
Lennon lehnt am Klavier. Er dreht sich um und sagt:
„Euer Problem ist, dass ihr wartet. Ihr starrt in den Himmel und wartet auf einen Gott, der irgendwann alles richtet. Und währenddessen? Verhungern Kinder. Werden Kriege geführt. Foltert einer den anderen. – Streich den Himmel. Dann fangen die Menschen vielleicht an, sich um die Erde zu kümmern.“
Johannes schweigt einen Moment. Dann sagt er:
„Ich habe nicht gesagt, wir sollen warten. Da steht: ‚Siehe.‘ Schau hin. Nicht: Warte ab.“
„Schau wohin?“
„Dahin, wo es schon geschieht. Wo jemand einem Fremden einen Teller hinstellt. Wo einer nachts aufsteht, weil der andere weint. Wo Menschen einander nicht loslassen, obwohl es einfacher wäre.“
Lennon winkt ab.
„Das ist nett. Aber nett reicht nicht gegen Panzer.“
„Nein“, sagt Johannes. „Reicht es nicht.“
Stille.
„Aber es ist nicht nichts.“
Warum Hoffnung nicht Vertröstung ist
Es wird still zwischen den beiden.
Dann fragt Lennon, leiser jetzt:
„Wenn dein Gott alles neu macht – warum ist die Welt dann so? Warum die Tränen? Warum stirbt ein Kind an Hunger, während dein Gott auf dem Thron sitzt?“
Johannes schließt die Augen. Er denkt an seine Insel. An die Nächte, in denen er nicht wusste, ob morgen noch jemand von seinen Leuten lebt.
„Das habe ich mich auch gefragt“, sagt er. „Oft. Laut. Und es kam keine Antwort.“
„Und dann?“
„Dann kam nicht die Antwort. Dann kam ein Bild.“
Er öffnet die Augen.
„Ich sah: ‚Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.‘ – Hör genau hin, John. Da steht nicht: Es gibt keine Tränen. Da steht: Er wischt sie ab. Eine nach der anderen. Er berührt den Schmerz. Er macht ihn nicht ungeschehen. Er geht hindurch.“
Lennon schüttelt den Kopf.
„Die Tränen müssen aufhören. Nicht abgewischt werden. Aufhören.“
Johannes nickt langsam.
„Ja. Und genau das steht da auch: ‚Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.‘ (Offb 21,4) – Aber ich lüge dich nicht an: Ich weiß nicht, wann.“
„Das ist ein ziemlich dünnes Versprechen.“
Johannes lächelt nicht.
„Ja. Manchmal ist es das. Und manchmal ist es alles, was mich hält.“
Anfangen dürfen – ohne die Welt retten zu müssen
Lennon schaut den alten Mann an.
„Und wenn eure Zeichen zu klein sind? Wenn das Teller-Hinstellen und Tränen-Abwischen nicht reicht?“
„Dann ist es gut, dass nicht ich es bin, der alles neu macht.“
„Was meinst du?“
„Ich meine: Ja – wir können teilen. Wir können Frieden stiften. Wir können einander halten. Und das ist nicht nichts. Das ist wirklich Gottes Handeln, durch uns.
Aber Gottes Handeln ist größer. Er macht neu – auch dort, wo wir nicht mehr können. Wo die Kraft ausgeht. Wo die Zeichen verwehen.“
Lennon schweigt lange.
Dann sagt er, fast widerwillig:
„Du glaubst, dass du anfangen kannst. Aber die Welt nicht retten musst.“
„Genau. Das glaube ich. Das ist meine Hoffnung. Ich darf anfangen. Und Gott vollendet.“
„Und wenn er es nicht tut?“
Johannes antwortet nicht sofort. Er atmet. Dann sagt er:
„Dann halte ich an dem fest, was ich gesehen habe. Mehr habe ich nicht.“
Was „Stell dir vor“ und „Siehe“ verbindet
Zwei Träumer. John und Johannes. Ich weiß nicht, ob eine Begegnung zwischen ihnen so verlaufen wäre.
Aber ihre Träume verbindet viel.
Wo der eine sagt: „Stell dir vor“ – sagt der andere: „Siehe.“
Der eine träumt von unten nach oben: Was wäre, wenn wir den Himmel streichen und endlich hier anfangen? Der andere sieht von oben nach unten: Der Himmel kommt herab. Auf die Erde. Zu den Menschen.
Und doch sehen beide dasselbe: Dass es so, wie es ist, nicht bleiben muss.
Aber Johannes glaubt noch etwas: Dass Gottes Handeln größer ist als unsere Zeichen. Dass er neu macht – auch wo wir scheitern. Dass er trägt – auch wo wir loslassen müssen.
Und das macht die kleinen Zeichen nicht kleiner. Das macht sie freier.
Die Jahreslosung 2026 mitnehmen
Wir stehen auf der Schwelle. Und uns begleitet diese Zusage:
„Siehe, ich mache alles neu.“
Gott macht neu. Er hat längst angefangen.
Und weil er größer ist als unsere Zeichen, können wir anfangen.
Amen.