Klinikseelsorge im Evangelischen Dekanat Nassauer Land

Kategorie: Songs

Songpredigt: Imagine. Zwei Träumer an der Schwelle zum neuen Jahr

Songpredigt: Imagine. Zwei Träumer an der Schwelle zum neuen Jahr

Altjahrsabend/Neujahr 2025/2026
Text: Offenbarung 21,5

Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu“


Wir stehen auf einer Schwelle.
Hinter uns ein Jahr.
Vor uns eine Zukunft.

Auf dieser Schwelle begleiten uns zwei Menschen.
Beide heißen John.
Beide sind Träumer.
Und beide träumen am Ende dasselbe:
Eine friedvolle, versöhnte Welt ohne Tränen.


I. Himmel oder Erde?

Der eine ist John Lennon. Liverpool. Der Beatle mit der runden Brille.
Er schrieb 1971 (vor genau 55 Jahren)ein Lied: „Imagine.“
Stell dir eine Welt ohne Himmel vor, träumte er.
Ohne Besitz. Ohne Gier. Ohne Grenzen.
Ohne Religion, die Menschen trennt.

1980 wurde er erschossen. Mitten in New York.


Der andere ist Johannes von Patmos. Der Verbannte.
Er saß auf einer Felseninsel im Exil.
Seine Freunde waren ermordet worden.
Die Welt war voller Gewalt.

Und dort, im Staub des Exils, sah er eine Vision:
Den Himmel auf der Erde.

Und er hörte eine Stimme:
„Siehe, ich mache alles neu.“

Das ist unsere Jahreslosung für 2026.


Was wäre, wenn die beiden sich begegnen würden?
Hier, auf der Schwelle zwischen Alt und Neu?


Ich stelle mir vor, John Lennon lehnt an seinem Klavier und sagt:
Es wäre doch ein wunderbarer Traum, wenn die Menschen nur den Himmel über sich sehen könnten. Aber nicht mehr den Himmel der Religionen brauchen“

Und Johannes, der alte Mann von der Insel, schüttelt den Kopf:
„Ich habe den Himmel gesehen. Er kommt auf die Erde herab.“

Lennon winkt ab:
„Das ist doch das Problem! Ihr Christen vertröstet die Leute. Wartet auf den Himmel!
Und während ihr wartet, verhungern die Kinder.
Während ihr zum Himmel starrt, führen die Menschen hier unten Krieg.“

Johannes antwortet leise:
„Ich habe nicht gesagt, wir sollen warten.
Ich habe gesagt: ‚Siehe!‘ – Schau hin! Es geschieht schon.

„Wo denn?“, fragt Lennon bitter.

„Überall, wo Menschen teilen. Wo sie Frieden stiften. Wo sie einander die Tränen abwischen.
Da bricht der Himmel auf die Erde.

Lennon schweigt einen Moment.
„Das ist zu wenig. Das reicht nicht.

„Nein“, sagt Johannes. „Es reicht nicht. Noch nicht.
Aber es ist der Anfang.


II. Die Tränen

Es wird still zwischen den beiden.
Dann fragt Lennon, die Stimme nun brüchiger:
„Wenn dein Gott alles neu macht – warum ist die Welt dann so?
Warum die Tränen? Warum der Tod?“

Johannes denkt an seine Insel. An das Exil.
„Das habe ich mich auch gefragt“, sagt er schließlich.
„Als meine Freunde starben.“

„Und dann?“

„Dann hörte ich eine Stimme:
‚Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.‘
Hör genau hin, John.
Da steht nicht: ‚Es gibt keine Tränen.‘
Da steht: Er wischt sie ab.
Eine nach der anderen.
Er berührt den Schmerz.“

Lennon schüttelt den Kopf.
„Das ist mir nicht genug.
Die Tränen müssen aufhören. Nicht abgewischt werden. Aufhören.

„Ja“, sagt Johannes fest.
„Und genau das verspricht die Stimme weiter:
‚Der Tod wird nicht mehr sein. Kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen.‘
Das Alte ist vergangen.“

„Aber wann?“

„Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß: Es ist schon unterwegs.

III. Was größer ist

Lennon schaut den Propheten an.
„Und wenn wir es nicht schaffen? Wenn unsere Zeichen zu klein sind?“

Johannes lächelt.
„Dann ist es gut, dass Gott größer ist als unsere Zeichen.“

„Was meinst du damit?“

„Ich meine: Ja, wir können Frieden stiften. Wir können teilen. Wir können einander die Tränen abwischen.
Und das ist auch Gottes Handeln. Wirklich.

Aber Gottes Handeln ist noch größer. Er macht neu – auch dort, wo wir nicht mehr können.
Wo unsere Kraft ausgeht.
Wo unsere Zeichen verwehen.
Wo wir scheitern.

Lennon schweigt lange.
Dann sagt er leise:
„Du glaubst, dass Du anfangen kannst.
Aber die Welt nicht retten musst.“

„Genau. Das glaube ich. Das ist meine Hoffnung“, sagt Johannes.
„Ich darf anfangen.
Und Gott vollendet.“


Zeichen der Hoffnung

Zwei Träumer.
John und Johannes.
Ich weiß nicht, ob eine Begegnung zwischen Ihnen so verlaufen wäre.
Und wie sie weiter gehen könnte.
Ob sie etwas miteinander anfangen können?
Aber ihre Träume…
Ihre Träume verbindet viel.

Wo der eine sagt „Stell dir vor“
Sagt der andere „Siehe“.

Beide sehen die kleinen Zeichen:
Wo Menschen teilen.
Wo sie Frieden stiften.
Wo sie einander halten.

Darin sind sie sich einig.

Aber Johannes glaubt auch:
Dass Gottes Handeln größer ist als unsere Zeichen.
Dass er neu macht – auch wo wir scheitern.
Dass er trägt – auch wo wir loslassen müssen.

Und das macht die kleinen Zeichen nicht kleiner.
Das macht sie freier.


Wir stehen auf der Schwelle.
und uns begleitet diese Zusage
„Siehe, ich mache alles neu.“

Gott macht neu.
Er hat längst angefangen.

Und weil er größer ist als unsere Zeichen,
können wir anfangen.

Schritt für Schritt.
Zeichen um Zeichen.
Tag für Tag.

Amen.


Fragen
zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

1. „Siehe, ich mache alles neu“ – wenn Sie diesem Satz einen kleinen Raum in Ihrem Alltag geben würden: Was wäre der erste, vielleicht kleinste Schritt?

2. Was in Ihnen darf sein, ohne sich ändern zu müssen – gerade jetzt, auf dieser Schwelle?


Für alle,
die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben

beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

Was bedeutet „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5)?

Das griechische Wort für „neu“ ist kainós. Es meint nicht „neu“ im Sinne von „unbenutzt“ (néos), sondern „neu“ im Sinne von „andersartig, verwandelt, qualitativ anders“. Gott restauriert nicht den alten Zustand. Er schafft etwas grundlegend Neues – bei gleichzeitiger Kontinuität. Das Alte wird nicht ausgelöscht, sondern verwandelt. Diese Vorstellung ist zentral für die jüdisch-christliche Hoffnung: Nicht Flucht aus der Welt, sondern Erneuerung der Welt.


Warum sitzt Johannes auf Patmos im Exil?

Johannes, der Seher der Offenbarung, befand sich auf der Insel Patmos in der Ägäis – vermutlich als Verbannter unter römischer Herrschaft. Patmos war in der Antike ein Ort der Verbannung für politische oder religiöse Dissidenten. Johannes war Teil einer verfolgten christlichen Minderheit. Seine Vision entstand also nicht in Sicherheit, sondern in existenzieller Bedrohung. Das verleiht dem Text eine besondere Kraft: Hoffnung nicht trotz, sondern mitten in der Krise.


Was ist der „neue Himmel und die neue Erde“?

In Offenbarung 21,1 greift Johannes auf eine Tradition aus Jesaja 65,17 zurück. Die Vision beschreibt keine räumliche Trennung zwischen „oben“ (Himmel) und „unten“ (Erde), sondern eine Durchdringung: Gottes Wirklichkeit kommt zur Erde. Der „Tempel“ verschwindet, weil Gott selbst bei den Menschen wohnt (Offb 21,22). Diese Vorstellung ist radikal: nicht Weltflucht, sondern Weltverwandlung. Gott gibt die Schöpfung nicht auf – er macht sie heil.


Wer war John Lennon und was meinte er mit „Imagine“?

John Lennon (1940–1980), Mitglied der Beatles, schrieb 1971 den Song „Imagine“. Der Text entwirft eine Welt ohne Religion, Besitz und Nationalstaaten – ein humanistischer Traum von Frieden durch Verzicht auf Ideologien. Sein Ansatz war radikal diesseitig: Frieden nicht durch Transzendenz, sondern durch Abbau trennender Strukturen. Der Song wurde zur Hymne pazifistischer Bewegungen, bleibt aber theologisch umstritten, weil er Hoffnung ausschließlich im Menschen verortet.
Damit bleibt er eine Herausforderung und eine Inspiration für Christen.


Songpredigt. Let it be

Songpredigt. Let it be

Heute ist Ewigkeitssonntag. Ein Tag, der uns daran erinnert: Nichts bleibt, wie es ist. Beziehungen zerbrechen. Projekte scheitern. Menschen gehen. Und wir selbst – auch wir sind vergänglich.

Das ist keine düstere Wahrheit. Es ist einfach das Leben. Aber es tut weh, das anzunehmen.

Ich habe Ihnen angekündigt, dass wir heute über ein Lied sprechen – und es nachher auch gemeinsam singen werden. Let It Be von den Beatles. Ein Lied, das viele von uns kennen. Ein Lied, das manchmal zur rechten Zeit kommt. Das uns berührt, ohne dass wir genau sagen können, warum. Ein Lied, das Hoffnung schenkt, wenn alles um uns zerbricht.

Es klingt wie ein Gebet – wie eine leise Ermutigung, die uns zuflüstert: Lass los. Vertraue.


Die Erfahrung des Verlusts

Paul McCartney schrieb Let It Be im Jahr 1969, in einer Zeit voller Spannungen. Die Beatles standen kurz vor der Trennung. Vier Freunde, die gemeinsam die Welt verändert hatten, konnten nicht mehr zusammen sein. Es ging um Geld, um Macht, um unterschiedliche Lebenswege. Die Band, die für eine ganze Generation stand, zerbrach.

McCartney war verzweifelt. Er hatte Schlafstörungen, fühlte sich deprimiert und überfordert. Die Welt um ihn herum wurde lauter, hektischer, konfliktreicher. Und er spürte: Alles, was ihm wichtig war, hatte keinen Bestand mehr.

Mitten in dieser Unruhe hatte er einen Traum.

Seine Mutter Mary – sie war gestorben, als er 14 war – erschien ihm im Traum. Und sie sprach zu ihm: Let it be. Lass es geschehen. Es wird gut. Mach dir keine Sorgen.

Paul erwachte mit einem tiefen Frieden. Und aus diesem Moment entstand das Lied.

Für ihn war seine Mutter Mary die Quelle des Trostes. Aber das Lied bekam schnell noch eine andere Bedeutung. Viele, besonders katholische Christen, hören in Mother Mary auch Maria, die Mutter Jesu. Diejenige, die in der Bibel selbst sagt:

„Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

Auch sie steht für das Vertrauen, dass Gott in allem gegenwärtig ist – selbst da, wo wir keinen Halt mehr finden.

McCartney selbst hat später gesagt: „Die Leute können das Lied interpretieren, wie sie wollen.“ Und genau das macht es so stark. Es trägt beide Bedeutungen. Die persönliche und die spirituelle. Die private Trauer und die universelle Hoffnung.


Eine alte Weisheit – in vielen Traditionen

Was Paul McCartney in diesem Lied ausdrückt, ist keine neue Idee. Es ist eine uralte Weisheit, die in vielen Kulturen und Religionen zu finden ist.

Im Buddhismus geht es darum, das Leben anzunehmen, wie es ist. Nicht gegen das Leiden anzukämpfen, sondern es als Teil des Lebens zu akzeptieren. Das befreit uns von unnötigem inneren Widerstand – und gibt uns Frieden.

Auch die Stoiker, die alten griechischen Philosophen, kannten diese Weisheit. Sie sagten: Konzentriere dich auf das, was du ändern kannst. Und akzeptiere das, was du nicht ändern kannst. Das ist keine Resignation. Das ist Freiheit.

Und dann – die Bibel. Maria sagt: „Mir geschehe.“ Lass es geschehen. Sie kämpft nicht gegen Gottes Plan. Sie vertraut. Sie lässt sich fallen. Das ist keine passive Unterwerfung. Das ist aktives Vertrauen. Das ist christliche Spiritualität: Loslassen und sich halten lassen. Von Gott.
Christlicher Trost heißt nicht nur: Ich akzeptiere, dass alles vergeht,
sondern: Ich vertraue darauf, dass Gott neues Leben schafft – über den Tod hinaus.

Paul McCartney singt diese uralte Weisheit. In einem Popsong. In drei Minuten. Mit einfachen Worten. Und erreicht damit Millionen.


Die Weisheit des Loslassens

Lass es geschehen – das ist keine billige Vertröstung. Es ist eine Weisheit, die schwer zu lernen ist.

Denn wir wollen oft alles festhalten: Unsere Gesundheit, unsere Beziehungen, unser Glück. Wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Aber das Leben geht weiter. Und manchmal geht es darum, loszulassen. Nicht, weil es uns egal ist. Sondern weil wir spüren: Es gibt eine Kraft, die größer ist als unsere Angst.

Vergänglichkeit anzunehmen bedeutet nicht, aufzugeben. Es bedeutet: Ich kämpfe nicht gegen das Unvermeidliche. Ich vertraue darauf, dass mein Leben gehalten ist – auch wenn ich nicht alles in der Hand habe.


Hoffnung in dunklen Zeiten

Vielleicht kennst du solche Momente. Nächte voller Sorgen, Tage voller Zweifel. Wo du dich fragst: „Wie soll es weitergehen?“

Und dann kommt – vielleicht mitten in der Nacht – eine Stimme. Eine Eingebung. Ein Moment der Ruhe. Vielleicht ist es Gott. Vielleicht ist es eine Erinnerung an eine geliebte Person. Vielleicht ist es einfach ein leises Wissen: „Es wird gut. Nicht sofort. Aber irgendwann.“

Das Lied spricht von weisen Worten, die uns trösten. Von einem Licht, das auch in der dunkelsten Stunde scheint. Das ist keine naive Hoffnung. Das ist eine Hoffnung, die den Schmerz nicht leugnet. Aber sie gibt uns einen Anker. Einen festen Punkt. Mitten im Sturm.

Es bedeutet nicht, dass der Schmerz verschwindet. Oder dass die Trauer leichter wird. Aber es bedeutet: Wir dürfen vertrauen. Wir dürfen darauf hoffen, dass unser Leben gehalten ist. Selbst in schwierigen Zeiten.


Lass es geschehen

Und vielleicht ist genau das Glaube: Nicht, dass immer alles gut läuft. Sondern dass wir wissen: Wir sind nicht allein.

Also: Lass es geschehen. Lass dich halten.

Gleich werden wir dieses Lied gemeinsam singen. Und vielleicht spüren Sie dann: Es ist mehr als ein Popsong. Es ist ein Gebet. Ein Trost. Eine Weisheit, die uns trägt.

Lassen Sie uns einen Moment innehalten. Und spüren: Auch wenn vieles vergeht – wir sind geborgen. Bei Gott. In seiner Ewigkeit.

Amen.


Quellenhinweis: „Let It Be“ (The Beatles, 1970)


Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. „Was macht Ihnen mehr zu schaffen: Die schwierige Situation selbst – oder Ihre Gedanken darüber?“
  2. „Wer oder was ist Ihre ‚Mother Mary‘ – die Stimme, die Ihnen in schweren Zeiten sagt: ‚Es wird gut‘?

Meditativer Nachklang

Gott,

manchmal ist es schwer, loszulassen.
Ich will festhalten, verstehen, kontrollieren.

Aber du lädst mich ein:
Lass es geschehen.

Hilf mir, den Kampf aufzugeben.
Den Kampf gegen das, was ich nicht ändern kann.

Und wenn die Nacht mich überwältigt,
lass mich deine Stimme hören:

Es wird gut.
Ich halte dich.

Amen. 🌱


Für alle, die Lust haben auf mehr:
Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein, aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

GEDANKENSPLITTER 1: Das Gelassenheitsgebet

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Dieses Gebet wird oft Reinhold Niebuhr zugeschrieben, einem amerikanischen Theologen, der es vermutlich in den 1930er-Jahren formulierte. Es wurde weltbekannt durch die Anonymen Alkoholiker, die es zu ihrem zentralen Gebet machten.

Aber die Wurzeln sind älter. Bereits die antiken Stoiker – Philosophen wie Epiktet und Marc Aurel – lehrten diese Unterscheidung: Konzentriere dich auf das, was in deiner Macht liegt. Und akzeptiere, was außerhalb deiner Kontrolle ist.

„Let it be“ singt genau diese Weisheit. Mit einfacheren Worten. Aber der Kern ist derselbe: Die Freiheit liegt nicht darin, alles zu kontrollieren. Sondern darin, loszulassen, was nicht zu ändern ist.

Zum Weiterlesen:

Epiktet: Handbüchlein der Moral (Stoische Philosophie)
Reinhold Niebuhr: The Serenity Prayer (Text und Geschichte)

Gedankensplitter 2: Die Kunst des Annehmens in der Bibel

„Mir geschehe“ – ein Satz, der die Welt veränderte.

Als der Engel Maria verkündet, dass sie schwanger werden soll, antwortet sie nicht mit Angst oder Widerstand. Sie sagt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1,38)

Das ist kein passives Sich-Fügen. Das ist aktives Vertrauen.

Maria steht am Anfang einer langen biblischen Tradition des Annehmens:

  • Hiob, der im tiefsten Leid sagt: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt.“ (Hiob 1,21)
  • Jesus in Gethsemane: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lukas 22,42)
  • Paulus, der mit seinem „Stachel im Fleisch“ leben muss und lernt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Korinther 12,9)

„Let it be“ ist keine Erfindung der Beatles. Es ist eine uralte spirituelle Haltung: Gott, ich vertraue dir – auch wenn ich nicht verstehe.

Zum Weiterlesen:

Korinther 12,7-10: Paulus und die Gnade

Lukas 1,26-38: Die Verkündigung an Maria

Hiob 1-2: Annehmen im Leid

Songpredigt. Lady in Black

Predigt zu „Lady in black“ und Engel als Hoffnungsboten


I. Die Lady in Black erscheint

Es ist das Jahr 1971.
Die Rockband Uriah Heep landet mit „Lady in Black“ ihren größten Erfolg.

Ken Hensley, der Keyboarder, erzählte später (so ist die „Bandlegende“):
An einem stillen Sonntagmorgen sah er von seinem Hotelzimmer aus eine Frau.
Ganz in schwarz gekleidet.
Aufrecht, fast majestätisch schritt sie die Straße entlang.

Ihre Erscheinung inspirierte ihn.
Diese Frau in Schwarz, aufrecht und still.
Sie schien aus einer anderen Welt zu kommen.

Er setzte sich hin und schrieb die ersten Zeilen zu diesem Lied.

In diesem Song begegnet ein Mensch in seiner Verzweiflung einer geheimnisvollen Frau.
Sie gibt ihm Rat.
Sie symbolisiert Hoffnung, Freundlichkeit und Weisheit – im Gegensatz zur Zerstörung, die ihn umgibt.

Sie ist eine Hoffnungsgestalt in dunklen Zeiten.

Und davon möchte ich heute sprechen.



II. Die Botschaft: Gewalt sät Gewalt

In dieser Zeit des Jahres steht für viele von uns der Gedanke an Frieden im Vordergrund.
Volkstrauertag, Buß- und Bettag.
Die Erinnerung an die Pogromnacht.
Wichtige Gedenktage, die uns in den kommenden Wochen begleiten.
Aber: in diesen Wochen geht es in vielen biblischen Texten auch um Engel.

Und genau davon handelt dieser Song.

Die Lady in Black will nicht an Kampf denken.
An etwas, das Menschen ihre Menschlichkeit nimmt.
Das so leicht beginnt – und kaum mehr zu beenden ist.

Ken Hensley singt davon, wie Gewalt Menschen verändert.
Wie schnell Hass gesät ist.
Und wie schwer es ist, wieder Frieden zu finden.

Das kennen wir auch aus unserem persönlichen Umfeld:
Wie leicht ist ein Streit entflammt.
Wie schwer ist es, ihn zu beenden.
Wie schnell sind Gewalt und Hass gesät.
Wie schwer ist es, Versöhnung zu stiften.

In diesem Song will jemand seine Feinde vernichten.
Soviel Gewalt ist in seinem Herzen.
Aber er spürt: Eigentlich geht er in der Dunkelheit.

Und dann begegnet ihm diese Frau in Schwarz.
Sie rät ihm davon ab.
Gewalt sät neue Gewalt.
So einfach zu beginnen, schier unmöglich zu beenden.

Sie ermutigt ihn, ihr zu vertrauen.
Ihre Worte geben ihm die Kraft, einen anderen Weg zu suchen.

In unseren Tagen wünsche ich mir diese Besonnenheit.
Die nicht dem Ruf der Rache folgt, sondern andere Wege sucht.



III. Wer inspiriert uns?

Dieser Song lässt mich darüber nachdenken:
Wer inspiriert uns in unserem Leben?

Vielleicht nicht unbedingt eine Lady in Black.
Aber gab es Menschen, die uns daran erinnern, was wichtig ist?
Und was unwichtig?

Menschen, die uns liebevoll, aber konsequent hinterfragen?
Die uns auf einen Weg bringen, der neue Kraft gibt?

Manchmal sind es Weggefährten auf Zeit.
Manchmal müssen es auch keine Menschen sein.

Es sind Lieder.
Worte, die uns jemand sagt.
Ein Buch, das uns begleitet.

Für ein Stück Weg leuchtet ein Licht auf, das einen Weg zeigt – heraus aus unserer Dunkelheit.

Am Ende des Songs bleibt eine Hoffnung:
Vielleicht begegnet auch uns so eine Gestalt.
Ein Mensch, ein Wort, ein Moment – der uns auf einen anderen Weg bringt.

Weg von der Gewalt.
Hin zur Versöhnung.



IV. Die biblische Tiefe: Engel als Lebensboten

Die Bibel erzählt von solchen Begegnungen.
Von Menschen, die plötzlich auf einen anderen Weg kommen.

Oft spricht sie dabei von Engeln.

Nein, nicht die Männer mit Flügeln aus dem Barockgemälde.
Sondern Boten der Gotteskraft.
Menschen, Worte, Begegnungen – die unser Leben auf eine neue Spur setzen.

Da ist Abraham, der drei Männer bewirtet.
Fremde, die ihm eine Botschaft bringen.
Erst später ahnt er: Das war mehr als ein Besuch.

Da ist Jakob, der nachts am Fluss um sein Leben ringt.
Mit einem, den er nicht sehen kann.
Bis der Morgen kommt – und er verwandelt ist.

Da ist Maria, die einen Gruß hört.
„Fürchte dich nicht.“
Und ihr Leben ändert sich für immer.

So verstehe ich die Engel der Bibel:
Boten des Lebens.
Die uns inspirieren.
Die uns manchmal – zum Glück – im Weg stehen.
Aber immer als Hoffnungsträger.

Keine Lichtgestalten aus einem anderen Universum.
Sondern Menschen, die uns stärken.
Tröstende Worte.
Ermutigende Begegnungen.
Inspirierende Lieder.

Engel können vieles sein:

Der Satz, der wieder Mut macht.
Der Mensch, der uns nicht von sich stößt.
Die Zeilen im Buch, die Wunden heilen.

Manchmal ein Hindernis, das uns zum Umdenken zwingt.
Manchmal ein Halt, an dem wir uns festhalten können.
Das Wunder, das wir nicht erwartet haben.

So verstehe ich auch diese Lady in Black.
Als eine Engelsgestalt.
Eine Hoffnungsbotin in dunklen Zeiten.

Ein katholischer Freund, selbst Priester, sagte einmal zu diesem Lied:
Für ihn sei es ein Song über Maria.
Sie ist diese Lady in black,
die einen Menschen begleitet und zum Frieden anstiftet.
Eine Inspiration, die sie Menschen geben kann.

Ich weiß nicht, ob der Papst diese Auffassung teilt.
Und als Protestant frage ich da auch mal nach.
Aber ich kann das gut stehen lassen.

Denn im Grunde geht es genau darum:
Um Begegnungen, die uns verwandeln.
Die uns neue Wege zeigen.
Die uns Mut machen.

Und ich wünsche den Kriegstreibern, den Hasserfüllten,
den Mutlosen und Verwirrten,
den Suchenden und Neugierigen –
ich wünsche ihnen einen solchen Engel.

Der sie erkennen lässt, wie kostbar Frieden ist.
Wie kostbar Hoffnung und Leben sind.

Und ich wünsche das auch mir.
Und Ihnen.



V. Das Einfache und das Besondere


Ein paar Gedanken zu einem Rocksong, die ich gerne mit Ihnen teilen wollte.

Übrigens: es wird ja immer behauptet,
dass Rockmuiker nur drei Akkorde spielen können.
Dieses Lied beweist, dass dies eine haltlose Unterstellung ist.
„Lady in Black“ kann man nur mit zwei Akkorden spielen.
Damit gehört dieses Lied zu den simpelsten Hits der Rockgeschichte.

Aber auch zu den besonderen.

Manchmal braucht es nicht viel.
Nur das Richtige zur richtigen Zeit.

Eine Begegnung.
Ein Wort.
Ein Lied.

Amen.


Hintergrundinfos zum Song aus
Wikipedia: Die freie Enzyklopädie. Lady in Black (Deutschland).
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Lady_in_Black_(Deutschland).
Revision vom 23. September 2025, 15:47 Uhr. Zuletzt geprüft/Abgerufen am: 22. Oktober 2025.


Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Stellen Sie sich vor, eine „Lady in Black“ träte in Ihr Leben. Was würde sie Ihnen raten?
  2. Welche Begegnung, welches Wort oder welches Lied hat Sie in letzter Zeit berührt oder inspiriert?

Meditativer Nachklang

Gott,

manchmal gehen wir in Dunkelheit.
Manchmal tragen wir Wut und Schmerz in uns.

Schick uns eine Begegnung,
die uns inne halten lässt.
Ein Wort, das uns Mut macht.
Einen Menschen, der uns zeigt:
Es gibt einen anderen Weg.

Lass uns Engel sein für die, die sie brauchen.

Und lass uns selbst welche finden,
wenn wir sie am nötigsten haben.

Amen.

Songpredigt. Vom Rockstar, der morgens um Zehn die Sehnsucht fand: Sailing und Psalm 42.“

Bibeltext: Psalm 42,2-6 (BasisBibel)
„Wie ein Hirsch nach Wasser lechzt, so sehnt sich meine Seele nach dir, Gott.
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott…“
Mit Bezug zu Rod Stewarts „Sailing“



Ich hatte es schon angekündigt. Wir singen es heute gemeinsam. Und es wird Teil der Predigt sein:
Sailing. Rod Stewarts Song über das Segeln, über Heimkehr und Weite.

Vielleicht geht es Ihnen wie mir. Irgendwie berührt Sie etwas bei diesem Lied.
Eine Sehnsucht, die Sie nicht genau benennen können.
Die Melodie, die von Aufbruch erzählt und gleichzeitig von Ankunft.

Gavin Sutherland, der dieses Lied ursprünglich schrieb, sagte etwas Erstaunliches darüber:
„Die meisten Leute denken, es geht um einen Mann, der übers Meer zu seiner Geliebten segelt. Aber das stimmt nicht.
Es ist die Geschichte der spirituellen Odyssee des Menschen auf seinem Weg zur Freiheit und Erfüllung.“

Genau diese Odyssee beschreibt auch der Psalmdichter vor dreitausend Jahren.
Psalm 42 beschreibt die spirituelle Sehnsucht als eine Kraft, die uns trägt und uns lebendig macht.
Genau wie Rod Stewarts „Sailing“ erzählt der Psalm von einer Odyssee, die uns verwandelt, auch wenn wir noch unterwegs sind.

Die Sehnsucht

Stellen Sie sich diesen Hirsch vor.
Ein Geschöpf in der Weite einer Steppenlandschaft, das die Quelle sucht.
Sein ganzer Körper ist ausgerichtet auf dieses eine: frisches Wasser finden.

So beschreibt der Psalm unsere Seele.
Diese ganze Person, die Sie sind.
Mit unseren Sehnsüchten und Träumen, unseren Hoffnungen und unseren Fragen.

Kennen Sie dieses Sich-Ausstrecken?
Dieses Suchen?

Nach einem Moment der Ruhe.
Nach einem guten Wort.
Nach einem Tag, an dem alles sich leichter anfühlt.
Nach Leben, das sich anfühlt wie Leben.
Nach etwas, das größer ist als wir selbst.
Diese Sehnsucht ist nicht das Problem.
Sie ist das Zeichen, dass wir lebendig sind.

Aber dann kommt auch der Bruch:
„Meine Tränen sind mein Brot bei Tag und bei Nacht. Denn man sagt ständig zu mir: Wo ist er denn nun, dein Gott?“
Die Sehnsucht wird manchmal nicht gestillt.
Die Sehnsucht scheint auf Leere zu treffen.

Aber manchmal entstehen die echtesten Momente gerade dann,
wenn wir uns am verletzlichsten fühlen.
Wenn wir nicht mehr versuchen, perfekt zu sein,
sondern einfach nur echt.

So war es auch bei der Entstehung dieses Songs.
Rod Stewart. Rockstar. Nachtmensch durch und durch.
Steht morgens um halb elf im Studio in den Muscle Shoals Studios.
Früh. Für ihn sehr früh.

Der Produzent Tom Dowd hatte ihn aus dem Bett geklingelt.
„Komm sofort ins Studio“, hatte er gesagt.
Keine Zeit für Aufwärmen, keine Zeit für Rockstar-Allüren.
Vor ihm saßen die Muscle Shoals Rhythm Section.
Seine Band für diese Nummer.
Allesamt Legenden.
Musiker, die mit Aretha Franklin und Wilson Pickett gearbeitet hatten.
Stewart sagte später: Er war eingeschüchtert. Nervös.
Und genau da, in dieser Verletzlichkeit, in dieser ungeschützten Morgenstunde, sang er „Sailing“ in wenigen Takes ein.
Nicht perfekt. Aber Authentisch.

Die Schwellenzeit

Das Lied singt vom Fliegen wie ein Vogel über das Meer. Von einer Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
Von Freiheit und Weite.
Die Sutherland Brothers, die „Sailing“ komponierten, wollten dem Lied einen „keltischen Klang“ geben.
Etwas von dieser alten Weisheit, die um die Übergänge weiß. Um das Dazwischen.

Es ist ein Lied für die Schwellenzeiten im Leben. Momente zwischen Tag und Nacht.
Zeiten zwischen dem Alten und dem Neuen.
Unterwegs sein ist der Ort, wo das Leben sich ereignet.

„Sailing“ wurde zum Soundtrack für genau solche Momente.
Abschiede. Neuanfänge. Aufbrüche ins Ungewisse.
Menschen haben es gespielt, wenn sie Heimat verlassen mussten.
Wenn sie einen neuen Lebensabschnitt begannen.
Das Lied weiß: Unterwegs sein gehört zum Menschsein dazu. Immer schon. Seit Jahrtausenden.

Der Song erzählt vom Segeln und Fliegen – beides Bilder für eine Bewegung, die uns über das Gewöhnliche hinausträgt.
Wann haben Sie diese Sehnsucht gespürt? Vielleicht beim Blick aus dem Fenster heute Morgen.
Die Weite des Himmels, die plötzlich größer war als alles, was Sie beschäftigt.
Ein Moment, in dem das Fenster zum Rahmen wurde für etwas, das Sie nicht greifen können, aber spüren.
Der Psalm spricht vom „lebendigen Gott“. Nicht von einer Idee oder einem Prinzip, sondern von einer Kraft, die lebendig macht.
Leben, das sprudelt wie eine Quelle. Leben, das trägt wie der Wind unter den Segeln.

Diese Kraft ist da.
Sie ist der Grund, auf dem Sie stehen, auch wenn der Boden manchmal wackelt.
Sie ist der Horizont, der bleibt, auch wenn Sie den Blick senken.

Spiritualität ist keine Flucht aus dem Leben, sondern eine Vertiefung hinein.

Eine Odyssee zu sich selbst durch etwas, das größer ist als wir selbst. Der Weg übers Meer zurück nach Hause.

Die Hoffnung

Woher kommt eigentlich diese Sehnsucht?
Diese Unruhe in uns, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt? Diese Suche nach dem Mehr, nach dem Größeren, nach dem, was trägt?
Augustinus, der große Kirchenvater, hat es vor 1600 Jahren so gesagt:
„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“
Unruhig ist unser Herz.
Das ist keine Krankheit. Das ist keine Schwäche. Das ist Gottes Spur in uns.

Gott hat diese Sehnsucht in unser Herz gelegt.
Wie eine Kompassnadel, die nach Norden zeigt.
Wie ein innerer Kompass, der uns ausrichtet auf das Lebendige.

Die Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass uns etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass wir für mehr geschaffen sind.
Dass da eine Kraft in uns wirkt, die größer ist als wir selbst.
Und dennoch sagt der Psalmbeter zu sich selbst:
„Warte nur auf Gott! Ja, ich werde ihm noch danken. Er ist die Rettung für mich, er ist mein Gott.“

Hören Sie, was er nicht sagt?
Nicht: Ich bin angekommen.
Nicht: Ich habe die Antwort gefunden.
Nicht: Ich habe keine Fragen mehr.

Sondern: Ich werde noch. Ich warte. Ich bleibe dran.

Das ist der Mut unserer spirituellen Odyssee. Die Sehnsucht nicht wegzudrücken, sondern als Gottes Ruf zu verstehen.
Zu segeln, ohne genau zu wissen, wo das Ufer ist – aber zu vertrauen, dass die Sehnsucht selbst schon Gottes Antwort ist.
Das ist schon segeln. Das ist schon unterwegs sein. Das ist schon vertrauen, dass die Sehnsucht selbst der Weg ist.
Wie der Hirsch, der dem Duft des Wassers folgt, lange bevor er die Quelle sieht.
Wie das Lied, das die Weite des Meeres besingt und dabei von Heimkehr träumt.

Nach Hause

Rod Stewart singt davon, nach Hause zu segeln, über das Meer. Zu jemandem hin.
Zu wem? Der Liedtext bleibt offen.
Der Psalmbeter ist konkreter: „Ich strecke mich aus nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“

Was bedeutet „nach Hause“?
Nicht ein Ort, sondern eine Gegenwart. Nicht ein Ankommen, sondern ein Getragenwerden.
Der lebendige Gott ist nicht das Ziel am Ende der Reise. Er ist die Kraft, die uns trägt, während wir noch unterwegs sind.
Sie sind unterwegs. Das ist nicht das Problem. Das ist nicht der Mangel. Das ist das Leben selbst.
Ihre Sehnsucht ist nicht das Zeichen, dass etwas fehlt. Sie ist das Zeichen, dass Sie lebendig sind.
Dass da eine Kraft in Ihnen wirkt, die größer ist als alle Begrenzung.

Am Ende des Liedes heißt es nicht „I am sailing“, sondern „We are sailing“.
Wir.
Nicht: Ich segele einsam übers Meer.
Sondern: Wir sind unterwegs. Gemeinsam.
Gleich werden wir dieses Lied zusammen singen. Und vielleicht spüren Sie dann: Diese Odyssee machen wir nicht allein.
Hier, in diesem Raum. Auf diesem Wasser des Lebens.
Mit dieser Sehnsucht nach dem Lebendigen, die uns trägt, auch wenn wir noch nicht angekommen sind.
Heute. Hier. Gemeinsam.

Amen.


Quellenverzeichnis:

Bibeltext:
Psalm 42,2-6 nach BasisBibel. Die Bibel. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Online: www.die-bibel.de

Lied „Sailing“:
Text und Musik: Gavin Sutherland (1972), bekannt durch Rod Stewart (1975)

Hintergrundinformationen
Gavin Sutherland zur Bedeutung des Songs:
Scottish Daily Express (1975), zitiert in: Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)
Zitat: „The song’s got nothing to do with romance or ships; it’s an account of mankind’s spiritual odyssey through life on his way to freedom and fulfillment with the Supreme Being.“

Rod Stewarts Aufnahmesession in Muscle Shoals:
Mail on Sunday’s Live Magazine (2010), zitiert in: Songfacts – „Sailing by Rod Stewart“
URL: https://www.songfacts.com/facts/rod-stewart/sailing
Details: Aufnahme 10:30 Uhr morgens, Tom Dowd als Produzent, 6-7 Takes

Muscle Shoals Rhythm Section:
Wikipedia: „Muscle Shoals Rhythm Section“
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Muscle_Shoals_Rhythm_Section
Musiker: Roger Hawkins, Barry Beckett, Jimmy Johnson, David Hood
Zusammenarbeit mit Aretha Franklin, Wilson Pickett, Percy Sledge

„Celtic feel“ des Songs:
Wikipedia: „Sailing (Sutherland Brothers song)“
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Sailing_(Sutherland_Brothers_song)


Fragen zur persönlichen Reflexion
für das eigene Nachdenken,
das Tagebuch
oder ein vertrauensvolles Gespräch

  1. Welcher Moment der letzten Woche fühlte sich an wie „Wind unter den Segeln“?
  2. Wann in Ihrem Leben war die Sehnsucht nach Transzendenz am stärksten spürbar?

Meditativer Nachklang

Du Kraft, die trägt wie Wind und Wasser,
Du Sehnsucht, die in uns wohnt,
Du Horizont, der uns ruft –
lass uns spüren:

Wir sind unterwegs zu Dir,
und Du bist unterwegs zu uns.

In der Weite des Meeres
und in der Stille unseres Herzens
finden wir Dich –

und werden gefunden.

Amen.


Für alle, die Lust haben auf mehr: Gedanken und Bausteine,
die übrig blieben beim Vorbereiten

Manchmal bleiben beim Vorbereiten der Andachten
oder Predigten ein paar Gedankensplitter übrig.
Sie passen irgendwie nicht so richtig hinein,
aber sie sind zu schade, sie zu vergessen.
Hier finden Sie etwas davon.

Psalm 42 als Pilgerlied

Dieser Psalm gehört zu den sogenannten Korachpsalmen, möglicherweise Lieder für den Tempelbesuch.
Die Sehnsucht ist konkret: nach Jerusalem, nach dem Tempel, nach der Gemeinschaft der Feiernden. Universal gesehen: nach dem Ort, wo Himmel und Erde sich berühren.

Inspirierende Fragen:
– Was macht einen Raum zu einem spirituellen Raum?
– Welche Orte in Ihrem Leben sind „heilige Orte“, wo Sie sich Gott nahe fühlen?

Quelle: Vgl. Seybold, Klaus: Die Psalmen, HAT I/15, Tübingen 1996, S. 177-180

Exil und Sehnsucht

Der historische Kontext: Menschen im babylonischen Exil haben wahrscheinlich diesen Psalm geschrieben. Sie sehnen sich nach Jerusalem. Fern vom Tempel, fern von Heimat. Die Sehnsucht ist geografisch – und zugleich existentiell. Heimweh als Seelensprache.

Inspirierende Fragen:
– Was wäre Ihre „Heimkehr“ – wohin sehnen Sie sich zurück?
– Wo in Ihrem Leben fühlen Sie sich „im Exil“ – fern von sich selbst?

Quelle: Kraus, Hans-Joachim: Psalmen 1-59, BK XV/1, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 468-474

© 2026 mitmenschpfarrer

Theme von Anders NorénHoch ↑

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner